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Premierenkritik

Denkfaule

Inszenierung



Der gute Mensch von Sezuan am BE | Foto (C) Lucie Jansch

Bewertung:    



Leander Haußmann ist nicht der Mensch für den wohldosierten, feinsinnigen Humor. Die Ironie des Film- und Theaterregisseurs darf in seinen Inszenierungen immer auch etwas derber ausfallen. Zudem hat Haußmann keine Angst vor Kitsch, Pathos und Überlänge. Mit seinen Inszenierungen von Klassikern wie Shakespeares Hamlet und Büchners Woyzeck hat er das vor sich hin dümpelnde Berliner Ensemble ordentlich durchgerüttelt. Dass er das auch mit dem Hausheiligen Bertolt Brecht tun könnte, wäre also durchaus erwartbar und auch äußerst wünschenswert. Allerdings übertreibt es Leander Haußmann in seiner dritten Inszenierung für die Peymann-Bühne am Schiffbauerdamm mal wieder mit all dem etwas zu sehr.

Der gute Mensch von Sezuan fehlte dem Hausherrn noch in seiner Sammlung von Brechtstücken. Nun also musste der auf einer Erfolgswelle schwimmente Leander Haußmann an Brechts dialektisches Parabelstück ran. Leider eignet es sich nur bedingt für moderne Regietheatermätzchen, was 2010 bereits Friederike Heller an der Schaubühne erfahren musste. Dass sich Brecht allerdings für assoziative, weiterführende Denk-Modelle eignet, bewies z.B. Frank Castorf mit seiner Münchner Baal-Inszenierung. Nach dem Denk- bzw. Aufführungsverbot durch die Brechterben und den sie vertretenden Suhrkamp-Verlag hatte Leander Haußmann unter dem Motto „Lass uns in Ruhe, Brecht!“ in der Tageszeitung Die Welt noch getönt: „Warum darf der Autor nicht tot sein, da auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, und warum darf er auf der Bühne nicht leben, indem er sich ständig erneuern und befragen lässt?“ Bei Haußmann ist der Brecht aber so tot und der Dorotheenstädtische Friedhof so weit weg, dass der Autor nicht mal mehr für einen Gag auf der Bühne taugt.

Das einzige, was bleibt, ist der Text, und den inszeniert Haußmann in seiner knapp 4stündigen Inszenierung fast ungekürzt. Und wo er Brecht gestrichen hat, ersetzt ihn der Regisseur durch albernen Slapstick und altbackene, langatmige Szenenauspinselungen. So etwa das Kennenlernen der Hauptprotagonistin Shen Te (Antonia Bill) mit ihrem Geliebten Yang Sun (Matthias Mosbach), das kurz vor der Pause so einige im Parkett auf die Uhr schauen lässt. Im mit fahrbaren Peitschenlaternen ausstaffierten Bühnenbild des bildenden Künstlers Via Lewandowsky will sich zunächst der arbeitslose Flieger Sun erhängen und landet schließlich nach mehreren vergeblichen Versuchen und etlichen Schlucken aus dem Flachmann mit der gutmütigen Hure Shen Te unter einem Berg von Plastikgartenstühlen.

Via Lewandowskys Ausflug ins Bühnenbildfach kann man ansonsten als durchaus akzeptabel bezeichnen. Mit seinen meist recht ironisch provokanten Installationen, wie etwa einer Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Muezzingesang namens Brutkasten, wäre er eine gute Ergänzung zu Haußmanns wildem Regiestil gewesen. Hier lässt er nur den Tabakladen als Geschenk der Götter an Shen Te als kleinen gläsernen Kiosk am Kranhaken vom Bühnenhimmel schweben. Ein schöner V-Effekt, der sich allerdings nur in den angehängten langen Fusselbärten der Götter/innen (Traute Hoess, Swetlana Schönfeld und Ursula Höpfner-Tabori) und einer nicht fehlen dürfenden asiatischen Glückswinkekatze fortsetzt. Die Kostüme von Janina Brinkmann sind ansonsten im recht einfallslosen Prekariatsschick gestaltet.

Bei Haußmann kommen die Götter dann, nicht gerade neu, aber immer wieder aktuell, zunächst als Flüchtlinge daher, an denen die Bewohner der chinesischen Stadt Sezuan abwinkend vorbeieilen. Der abgerissene Wasserverkäufer Wang (Norbert Stöß) sucht in einem Papierkorb nach Plastikflaschen und bleibt ansonsten auch eher blass und unterwürfig. Hinter einem hohen Wellblechzaun findet er dann aber doch noch den einzig würdigen und uneingeschränkt gütigen Menschen, der den vom Himmel Heruntergestiegenen ein Obdach gibt. Die Hure Shen Tei ist ein „Engel der Vorstädte“ in roter Strumpfhose und kann niemanden etwas abschlagen. Selbst als sich die gesamte krumme Verwandtschaft in ihr kleines Lädchen zwängt, bleibt sie weiter zuversichtlich. Antonia Bill gibt sie als gänzlich Naive mit jeder Menge Sympathiepotential. Gegen den dauerklampfenden Überflieger Sun kann sie sich nur schwer erwehren. Ein auch ansonsten eher unkritisches Frauenbild mit Bart.

Als verkleideter Vetter Shui Ta in Hemd, Hosen und besagtem angeklebtem Bart ist Antonia Bill nur die Karikatur eines harten Mannes und Kleinkapitalisten, der sich albern in den Schritt greifen muss und auch mal vom bigotten Barbier Shu Fu (Boris Jacoby) eingeseift wird. Altbackene Stilmittel und Karikaturen, die sich auch in den anderen Figurenzeichnungen fortsetzten. Stark ist die Figur der Shen Te nur in den Szenen mit klarer Ansprache („Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu!“) und den gesungenen Zwischenspielen. Paul Dessaus Musik wird dabei vom Ensemble wie nebenbei auf Gitarre, Klavier und Trompete mitperformt. Chinesische Schlager und rote Lampions lassen dafür aber das Kitschpotential wieder enorm steigen. Die Liebe als Ware in Zeiten des Kapitalismus ist auch Haußmanns großes Thema, was mit viel Gefühl gespielt wird, aber zuweilen auch mächtig auf die Tränendrüsen und Brechts Appelle an den Geist eher beiseite drückt.

Haußmann lässt nur von Szene zu Szene spielen, und schließlich erklingt auch das Lied vom achten Elefanten wie ein weiterer Hit einer Best-Off-LP von Brecht-Songs. „Etwas muß falsch sein in eurer Welt“ stellt die zwischen Gut und Böse zerrissene Shen Te vor den als Kleiderpuppen über die Bühne fahrenden Göttern fest. Brecht spielt in seiner 1938 bis 1940 entstandenen Parabel alle möglichen Verhaltensmerkmale von Menschen in prekären und ausbeuterischen Verhältnissen durch. Diese zu ändern bedarf es natürlich mehr als einen guten Menschen. Gut zu sein und sich gleichzeitig in einer falschen, kalten Welt zu behaupten, bleibt auch hier die offene Frage. Dafür darf Märchenonkel Gerd Kunath zum Vergnügen des Publikums noch den entschuldigend fragenden Epilog Brechts an der Rampe sprechen. Zum guten Schluss muss man sich da nicht nur auf der Bühne am Kopf kratzen.



Der gute Mensch von Sezuan am BE | Foto (C) Lucie Jansch

Stefan Bock - 13. September 2015
ID 8863
DER GUTE MENSCH VON SEZUAN (Berliner Ensemble, 12.09.2015)
Inszenierung: Leander Haußmann
Bühnenbild: Via Lewandowsky
Kostüme: Janina Brinkmann
Musikalische Leitung: Tobias Schwencke
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Antonia Bill (Shen Te / Shui Ta), Norbert Stöß (Wang, ein Wasserverkäufer), Traute Hoess (Erster Gott, Die Witwe Shin), Swetlana Schönfeld (Zweiter Gott, Frau Yang Mutter des Fliegers), Ursula Höpfner-Tabori (Dritter Gott, Die Hausbesitzerin Mi Tzü), Matthias Mosbach (Yang Sun, ein stellungsloser Flieger), Anke Engelsmann (Die Frau), Detlef Lutz (Der Mann), Luca Schaub (Der Neffe), Marko Schmidt (Der Bruder), Karla Sengteller (Die Schwägerin), Roman Kaminski (Der Großvater), Peter Luppa (Der Junge), Felix Tittel (Der Schreiner Lin To), Michael Kinkel (Der Polizist), Axel Werner (Der Teppichhändler), Claudia Burckhardt (Die Teppichhändlerin), Boris Jacoby (Der Barbier Shu Fu), Gerd Kunath (Der Bonze) und Marvin Schulze (Der Arbeitslose)
Premiere war am 12. September 2015
Weitere Termine: 14., 29. 9. / 10., 11. 10. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


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