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Castorfopern (9)

Rimbaud & Verlaine

im Baal von, vor,

nach Brecht



(C) Bayerisches Staatsschauspiel

Bewertung:    



Das deutsch-serbische Kreativ-Team Castorf/Denić [s. Wagners Ring in Bayreuth] hatte sich, ganz aktuell, Brechts Baal im Residenztheater München vorgenommen. [Dort plagte es sich, im Vorjahr, mit Célines Reise ab - die fünfstündige Produktion wurde um Christi Himmelfahrt anno 2014 prompt und auch erwartbar fürs THEATERTREFFEN in der Hauptstadt hochqualifiziert.]

Jetzt also Baal!

Brechts glutvoll-schönes Jugendstück von 1918 ff. (und B.B. war nie so recht zufrieden hiermit; daher schob er eine Fassung nach der andern hinterher - die glutvoll-schöne Urfassung konnte er freilich nie, mit keiner noch so "besseren" Baal-Fassung in den Folgejahren toppen; und so war das wie mit diesen ersten Lieben, die nun mal die besten, weil so glutvoll-schönen ersten Lieben sind, und basta) ist mit Liedern und Gedichten des damals kaum Zwanzigjährigen gespickt. Kurz vor der Uraufführung kriegte er den Kleist-Preis (die zu dieser Zeit bedeutendste und wichtigste Literatur-Auszeichnung in der Weimarer Republik) verliehen; Brecht der Lyriker war literarisch "angekommen". Und sein nicht nur schreiberisches Selbstbewusstsein ließ - und lässt sich heute noch - vor allem dann in seinem glutvoll-schönen Baal ablesen resp. nachvollziehen...

Angela Obst, die diesen Baal betreut habende und aufs Münchner Resi-Publikum geschickt zugehende Stückdramaturgin - und ich staunte überhaupt nicht schlecht über die lockere obgleich fundierte Werkeinführung, die sie eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung vor Hunderten Besucherinnen und Besuchern gab - , wollte sich nicht im Mindesten auf eine abklopfbare Lesart (unsers deutsch-serbischen Kreativ-Teams) eingelassen haben und holte ganz weit und noch viel weiter aus, um zu "erklären", worum es den Machern um Frank Castorf in dem Resi-Baal gegangen wäre - - wenn der ungestüm sich ausufernde Maestro aus Berlin das Alles selbst nur immer wissen täte; unsereiner [= Publikumspartikel] muss dann meistens immer "für ihn" mitdenken und/oder mitfühlen, um aus dem Super-Plot bzw. den ihn überdies umkreisenden, tangierenden Teil-Unter-Plots so was wie eine Handlung und/oder Struktur des Ganzen zu entdecken oder so:

Lt. O-Text (Erst- bzw. Frühfassung) verschwindet Baal mit Ekart, ungefähr im dritten Stückdrittel, und zieht mit ihm dann "durch die Lande" (Wikipedia) - - ja und hier knüpft Castorf, sehr ideenreich und schlüssig obendrein, an jene biografischen Stationen des Skandal- und Liebespaars Arthur Rimbaud & Paul Verlaine an und lässt Beide (Ekart/Baal) in Coppolas Apocalypse Now-Kulisse (Denić baute ihm den Helikopter auf die Drehbühne!) herumvagabundieren. Die durch die zwei Kameramänner Marius Winterstein und Jaromir Zezula eingefangenen Live-Nahaufnahmen von Franz Pätzold (als Ekart/Rimbaud) und Aurel Mathei (als Baal/Verlaine), deren paarhafte Tierkörperlichkeit als ein gefräßig-unstillbares Tafelfest der Hocherotik zelebriert wird, lassen ungefähr erahnen, wie sich physische Autonomie in exzessiven Rauschzuständen darzustellen in der Lage ist - allein für diese unvergesslichen Bewegtbilder sollten die beiden abgefilmten fulminanten Mimen (mindestens) zwei Bühnen-Grammy's, jeweils jeder einen autonomen Bühnen-Grammy dann für sich, verlieh'n bekommen, ja!!



Franz Pätzlod (u.) und Aurel Manthei (o.) als Ekart & Baal oder Rimbaud & Verlaine in Castorfs Baal am Residenztheater München - Foto (C) Thomas Aurin


Auch Frauen spielen selbstverständlich in dem Castorf-Resi-Baal in leidenschaftlichen Vervollkommnungen mit - Andrea Wenzl (als Sophie), Katharina Pichler (als die ältere Schwester), Hong Mei (als die jüngere Schwester) und Bibiana Beglau (als Isabelle, die Höllengemahlin)!!! Deren tolle Kostüme und Schuhwerk kreierte [wie bereits beim Ring in Bayreuth] Adriana Braga Peretzki.

Außer den so glutvoll-schönen Textpassagen aus dem Brecht'schen (Früh-)Baal sind noch weitere und ihn "ergänzende" Zitate rein akustisch und in loser Folge auszumachen - von Ernst Jünger, Jean-Paul Sartre, Michael Herr und halt von Arthur Rimbaud (wie schon angedeutet).

Und auch ellenlange Film-Zitate aus dem Coppola-Streifen ("Zwei Seelen wohnen in deiner Brust, weißt du, die eine, die tötet, und die andere, die liebt" o.s.ä.) ziehen den langen Abend künstlich in die Länge.

Das Opernartige der Chose wird dann diesmal ganz besonders durch die Opernsängerin Hong Mei (die Arien aus der Madame Butterfly oder aus Gianni Schicchi singt) herausgestellt.

Bibiana Beglau will zum Schluss hin mehrmals angesagt haben, wie spät es ist.

Um halb zwölf Uhr nachts ist Sense, dann lief Castorfs Baal viereinhalb Stunden lang.

Sehr aufschlussreich und sexy-sehenswert, o doch.




Nachtrag der Redaktion:

Der Suhrkamp Verlag (als Rechteinhaber für alle Brecht-Stücke) will - lt. dpa - alle weiteren Aufführungen am Münchner Residenztheater verbieten lassen, weil es sich dabei "um eine nicht-autorisierte Bearbeitung des Stücks von Bertolt Brecht" handele.

Wie bitte?

Ein Hoch auf alle praktizierte künstlerische Freiheit in der BRD!

a. so. | 03.02.2015



Andre Sokolowski - 27. Januar 2015
ID 8394
BAAL (Residenztheater München, 24.01.2015)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denic
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Gerrit Jurda
Live-Kamera: Marius Winterstein + Jaromir Zezula
Video: Stefan Muhle
Dramaturgie: Angela Obst
Besetzung:
Baal ... Aurel Manthei
Ekart ... Franz Pätzold
Sophie ... Andrea Wenzl
Die ältere Schwester ... Katharina Pichler
Die jüngere Schwester ... Hong Mei
Gourgou ... Jürgen Stössinger
Watzmann ... Götz Argus
Isabelle, die Höllengemahlin ... Bibiana Beglau
Premiere war am 15. Januar 2015
Weitere Termine: 6., 13., 28. 2. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.residenztheater.de


Post an Andre Sokolowski

http://www.andre-sokolowski.de

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