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Premierenkritik

Leander Haußmann inszeniert der Deutschen liebstes Kind am Berliner Ensemble – und lässt Hamlet wie einen anderen Lenz auf dem Kopf gehen



Hamlet am BE - Foto © Lucie Jansch



Prinz Zappelphilipp von Dänemark

Der Himmel scheint sich gegen die Erde verschworen zu haben. Ein toter König gebiert seinen Geist in Gestalt eines vormodernen Menschen (und in Gestalt von Joachim „Neandertaler“ Nimtz). „Death is not the end.“ Engel begleiten die Metamorphose mit Gitarre und Gesang. Die Engel sind als „Apples In Space“ zur Welt gekommen. Viel mehr ungenau als metaphorisch gesprochen: fischt ihre Musik Licht im Trüben. In vollem Harnisch tritt des Königs Geist nun ganz wie ein Homunculus zu den Wachen Dänemarks. Die Kettenhemden nehmen sich den Aberglauben ihres Erschreckens übel. Ihre Fackeln erlöschen im Sturm. Sie alarmieren den Prinzen, einen Zappelphilipp namens Junior Hamlet. Er ist schwer in Trauer und empört von der Oberflächlichkeit des Hofes. Expressionistisch zuckt sein Schatten über Burgmauern. Die Wehr dreht sich in ihrer Anlage wie ein Karussell. Ein Staat sucht seinen Mörder, und ein Sohn vernimmt in Zwiesprache mit dem Geist des Vaters, dass der Onkel mit Mord zu Macht und zu Hamlets Mutter als hochwohlgeborenem „Fickfrosch“ gekommen sei.

Doch soll Hamlet das glauben? Das ist hier die Frage. Sind es nicht eben die Schwächsten unter uns, deren Einbildungskraft so stark ist, dass sie Gespenster sehen und von Erscheinungen verfolgt werden? Mit mehr Effekt als Verstand liegen Hamlets Verhältnisse auf der Drehbühne im Argen. Leander Haußmann schafft einem Hamlet Platz im Berliner Ensemble, der aussieht wie übriggeblieben von der letzten Peter Pan-Party. Sein schlimmer Oheim Claudius trägt väterlich auf. Roman Kaminski spricht Shakespeare lustig beiseite. Kunstvoll leiert er Verse. Mich wundert, dass keiner Shakespeare rappt und dass aus dem Off nicht noch ein paar Klamotten zum anheizenden Einsatz kommen.

Claudius weint Befehle. Er erklärt dem Neffen die Staatsräson und wie ein Prinz zu sein hat. Doch Hamlet, ein Hipster von kurzer Entschlusskraft und als studentische Hilfskraft aus Wittenberg bloß angereist zur Beerdigung des Vaters, der Rest vom Leichenschmaus wird höchst wirtschaftlich auf die Hochzeitstafel der Witwe gebracht, könnte die Erwartungen an einen Monarchen in der Warteschleife auch mit besseren Verwandten nicht erfüllen.

Er ist in Fahrt und Form auf seine Art und hat mit dem Paternalismus der Altvorderen einfach nichts am Helm. Haußmann zeigt Hamlet als Brausekopf der elisabethanischen Renaissance, der Regisseur treibt nicht soviel Gegenwart ins Gepräge, dass Rang und Epoche egal wären. Es geht schon noch um Ehre und Mannesmut und um das richtige Maß in allen Dingen. Kurz, um Hoffnungen und Erwartungen, die inzwischen außer Kurs gesetzt wurden.

Bei Haußmann sind alle Bilder riesig und scheinen doch nichts zu wiegen. Man sieht ein Tonnengewölbe der Weltgeschichte im Lärm von Materialschlachten und weiß, ist alles Papp und Masche – und nur die lange Nase, die einem dazu gedreht wird, bietet Gewähr. Haußmann begreift das Territorium der zentralen Theater nahe des Schiffbauerdamms als persönlichen Spielplatz, ererbt zur ungebremsten Entfaltung vom Vater und Großvater so wie von Heiner Müller und Claus Peymann. Er spielt alles aus, er schmiert und schmirgelt den Bühnenstoff von Shakespeare in sämtliche Ritzen. Haußmann lässt wimmern, heulen, wehklagen und Amok laufen. Sprüche werden geklopft. Sogar der Prinz von Dänemark muss sich ein „Halt’s Maul“ gefallen lassen. Doch gleich spielen alle darüber hinweg wie in der Commedia dell’arte. Ich hatte mit viel mehr Zinnober, Budenzauber und pyrotechnischem Impressionismus gerechnet und bin angenehm berührt vom heiteren Klassizismus der Darstellung. Peymann ist auch wohl, er sitzt neben mir als man in black. Ich weise daraufhin: „Es wird viel zu wenig Johnny Cash an deutschen Theatern gespielt.“
Das sei ihm auch schon aufgefallen, wispert der Hausherr. Haußmanns hampelnder Hamlet heißt Christopher Nell. Alle anderen sind größer als dieser Tenor. Mutter Traute Hoess überragt ihn allein mit dem Gewicht ihres Busens. Als Ophelia legt sich Anna Graenzer zu ihm. Sie lächelt sich in höchsten Tönen durch das Drama. Zum Glück kriegt sie nicht mit, wie Hamlet im leichtem Blutrausch Polonius (Norbert Stöß) abschlachtet und ausweidet. Dazu sagt er bekannte Worte auf: „Zu kämpfen gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden.“




Hamlet am BE - Foto © Lucie Jansch



Bewertung:    


Jamal Tuschick - 24. November 2013
ID 7395
HAMLET (Berliner Ensemble, 23.11.2013)
Regie: Leander Haußmann
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Komposition: Apples In Space
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Kämpfe: Rainer Werner
Mit: Roman Kaminski (Claudius, König von Dänemark), Traute Hoess (Gertrude, Königin von Dänemark und Hamlets Mutter), Christopher Nell (Hamlet, Sohn des vorigen, Neffe des gegenwärtigen Königs), Norbert Stöß (Polonius, Oberkämmerer), Anna Graenzer (Ophelia, Tochter des Polonius), Felix Tittel (Laertes, Sohn des Polonius), Luca Schaub (Horatio, Hamlets Freund), Peter Miklusz (Rosenkranz/Marcellus), Georgios Tsivanoglou (Güldenstern/Bernardo), Boris Jacoby (Francisco/Voltimandcornelius/Fortinbras/Dritter Totengräber), Joachim Nimtz (Geist von Hamlets Vater/Erster Schauspieler/Zweiter Totengräber), Peter Luppa (Yorick, Narr von Hamlets Vater/Zweiter Schauspieler) und Martin Seifert (Erster Totengräber)
Premiere war am 23. November 2013
Weitere Termine: 24., 26. 11.; 4., 5., 26. 12. 2013 / 5. 1. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de/


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