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Premierenkritik

Woyzeck am BE

Regie: Leander Haußmann


Peter Miklusz als Woyzeck am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Bewertung:    



Man kann Büchners getriebenen Soldaten und irren Mörder Franz Woyzeck als Titelheld einer Mörderballade oder eines wirren Mörderreigens darstellen, ihn mit den Zuschauern in einen Käfig auf der Bühne sperren (alles Inszenierungsversuche der letzten Jahre in Berlin), oder man kann ihm auch ein paar Leidensgenossen in wüstenfarbenen Camouflageuniformen an die Seite stellen. So nun Leander Haußmann am Berliner Ensemble. Ein ganzer Trupp Bewaffneter stampft hier unter strengem Kommandoton mit den Stiefeln über die Bühne. Erste zarte Worte Woyzecks (Peter Miklusz) mit seiner Marie (Johanna Griebel) werden dadurch jäh unterbrochen, und der Wehrmann, Füsilier im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie rückt wieder ein zum Dienst.

Den hirnlosen militärischen Drill mit seinem Gleichschritt und den gegenseitigen Demütigungen hatte Leander Haußmann schon in seinem mit eigenen Erlebnissen angereicherten Spielfilm NVA (2005) karikierend vorgeführt. Mit dem Woyzeck von Georg Büchner macht er ihn auch zum Thema seiner neuen Inszenierung am BE und stellt nach seinem fulminanten Hamlet aus dem letzten Jahr eine weitere unruhige, von Gedanken gebeutelte Männerfigur der Dramengeschichte auf die Bühne.

Zeigte Katie Mitchell in The Forbidden Zone an der Berliner Schaubühne noch den Krieg aus der Perspektive der ohnmächtigen Frau, so fügt Leander Haußmann die des zum Töten gedrillten Soldaten hinzu. Er macht aus Büchners Woyzeck nicht einfach nur das Drama eines armen, irren Menschen, der im Eifersuchtswahn seine Geliebte Marie ersticht, Haußmann sieht im Woyzeck auch das Drama einer Zurichtung des menschlichen Individuums zur willenlosen Kampf- und Tötungsmaschine. Und er zeigt das mit echten Theaterbildern von Menschen, um mit Büchner zu sprechen, aus „Fleisch und Blut“ bestehend.

Erst durch die Zurichtung mit der vom Doktor (Traute Hoess) verordneten Erbsensuppe, die der Proband hier löffelweise eingetrichtert bekommt, und dem Drill in der Truppe wird Woyzeck zum willenlosen Objekt degradiert. Liegestütze, Exerzieren, Feudeln. Hier steht einer in der Hierarchie auf der untersten Stufe, was er auch immer wieder zu spüren bekommt. Den Irrsinn der Dressur vervollkommnet eine Slapsticknummer mit Affe, Klappstuhl, Bier und Banane. Traute Höss als stotternder Jahrmarktsausrufer, dem das Wort Potentat nicht über die Lippen kommen will und Peter Luppa, der vom Affen auf dem Stuhl direkt zum Soldaten mutiert. Die Truppe kreist dabei zum Peitschenknall als astronomische Zirkuspferdchen.

Die Eliten halten Woyzeck für moralisch verkommen und dumm. Selbst versinken sie in lähmende Agonie und Melancholie vor dem alternativlosen Gang der Welt. Diese Welt, wie sie ist, dreht sich, und dem Hauptmann (Boris Jacoby) schwindelt nur beim Gedanken daran. Es ist gut philosophieren, wenn andere die Suppe im wahrsten Sinne des Wortes auslöffeln müssen. Haußmann bricht die Lanze für den armen Landser Woyzeck und lässt ihn seinen Hauptmann chaplinesk einseifen. In einem Anflug von eigenem Größenwahn schneidet er ihm zur Figaro-Arie Rossinis den Hals durch.

Leander Haußmanns Inszenierung ist genauso wundersam getrieben und hirnwütig wie der großartige Woyzeck des Peter Miklusz, der direkt von seiner Rolle als Brechts Hans im Glück auf der Probenbühne auf die großen Bretter des BE gewechselt zu haben scheint. Es schwingen hier Albernheit, Spielwut und die Musik aus so manchem Vietnamkriegsfilm wie etwa Full Metall Jacket mit. Von My Wild Love Went Ridin bis This Boots Are Made For Walking, Haußmanns GIs marschieren zur Flower-Power-Musik von Joan Baez, Canned Heat, The Doors oder Nancy Sinatra.

Es bleibt aber auch das Drama der Marie. Im roten Kleid steht Johanna Griebel auf die Bühne immer zwischen dem großen Schatten des Kinderwagens am Bühnenhintergrund und der großen Lust zum Leben. Und dazu fehlt es nicht nur am nötigen Kleingeld. Melanie singt vom Nickel und Dollar, Dollie Parton „Love Is Like a Butterfly“. Und so fliegt Marie in die Hände des Tambourmajors (Luca Schaub) ein langer schöner Schlacks mit Federhut und wüster Schläger.

Die Truppe ist ein Branndewein saufender, lallender Haufen, der das „Bedürfnis totzuschlagen“ als von Gott gegeben bezeichnet. Der zur Eifersucht getriebene Woyzeck hetzt über die Bühne, den Tod im Schlepptau, der ihm als irr kichernder Waffenhändler sein Arsenal vorführt. Das letzte Liebes- und Totenbett der Marie wird ein Moosgeflecht aus getarnten Soldaten. Dem Publikum ruft der zum wahnsinnigen Vergewaltiger und Mörder gewordene Woyzeck wütend zu: „Was gafft ihr. Guckt Euch selbst an.“

Haußmann mixt Büchners lose Szenenfragmente neu zusammen und stellt sie in logische Folge. Damit, dass er die Parabel des traurigen Mädchens nach dem Grimm'schen Sterntalermärchen an den Schluss stellt, gelingt ihm ein weiterer wundersamer Coup. Auf einem ausgerollten blauen Teppich mit lauter glitzernden Sternen versammeln sich noch einmal alle wie in einem schönen melancholischen Traum. Die Welt ist ein umgestürzter Hafen oder Nachttopp, und das BE wieder ein Theater. Man kann das sehen wie man will.

Großer Beifall für Leander Haußmann und sein Ensemble.



Woyzeck am BE - Foto (C) Lucie Jansch


Stefan Bock - 8. September 2014
ID 8070
WOYZECK (Berliner Ensemble, 06.09.2014)
Regie und Bühne: Leander Haußmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Ausbilder der Soldaten: Rainer Clemens
Mit: Peter Miklusz (Woyzeck), Johanna Griebel (Marie), Luca Schaub (Tambourmajor), Raphael Dwinger (Andres), Antonia Bill (Margreth), Traute Hoess (Narr), Peter Luppa (Kind), Boris Jacoby (Hauptmann), Marko Schmidt (Unteroffizier), Matthias Mosbach (Unteroffizier), Marvin Schulze (Unteroffizier), Felix Lüke (Unteroffizier), Hannes Lindenblatt (Unteroffizier) sowie Sharon Joy Liedke, Carmen Romero Velasco, Heidrun Schug; Rainer Clemens, Riccardo Drews, Mario Erbherr, Oliver Gabbert, Thomas Göhing, Marcus Hahn, Raik Hampel, Bjoern Jarkowski, Franz Jarkowski, Carsten Kaltner, Robert Landschek, Marc Lippert, Paul Marwitz, Detlef Matthes, Haiko Neumann, Valentin Olbrich, David Pino Moraga, Alexander Petau, Michel Podwojski, Nils Rech, Benjamin Schwarweit, Thomas Schenk, Mathias Schlicht, Ralf Tempel, Christian Tiedge, Dietmar Lukas Treiber und Jan Wirdeier
Premiere war am 6. September 2014
Weitere Termine: 19., 23., 27. 9. / 20., 26., 27. 10. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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