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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Was ist

pseudo,

was real?



(C) Thalia Theater

Bewertung:    



Eine Glocke läutet, Handyklingeln erinnert daran, sich vom Netz zu schalten.

Dann ein märchenhaftes Anfangsbild, roter klassischer Vorhang, fünf Frauen in weißen Biedermeier-Kleidern schieben ein Klavier auf hohen Stelzen über die Bühne. Prinzessinnengleich stehen sie in üppig bauschenden Ärmeln, aufwändigen Frisuren mit seitlichen Korkenzieherlocken, strecken sich dem fast unerreichbaren Klavier entgegen. Sie erreichen es nie wirklich gut zu spielen, sie werden gezogen, sie werden erzogen und stecken bis zum Hals im gnadenlosen Scheitern. Wie ewige Kinder, schöne Mädchen jeden Alters. Sie rezitieren, sie singen, sie klagen, sie wiederholen sich - das Leben, eine einzige Wiederholung. Es sind die ersten Takte aus Schuberts/Müllers Liederzyklus, ein „Gute Nacht“- Lied. Ihr Spiel klingt ungehalten. Bürgerliche Hausmusik kann man das nicht nennen.

Eher klingt es wie ein Drama. „Ich genüge nicht!“ Man probiert sich immer wieder, wiederholt sich im Scheitern, verläuft sich selbst im entscheidenen Moment. Gibt es keine Wegweiser?

Alles fängt an mit der „Zeit“, mit Gedanken über die Zeit, immer ungreifbar. Sagt man aber doch, wir sollen im Moment leben?! Was ist der Moment? Wo ist er, wenn er doch immer einem entweicht. Es sind Gedanken über das Leben - so direkt und alltäglich, bedeutsam, wie sie nur einer aufmerksamen Dichterin einfallen können.

Der Mädchenreigen löst sich auf, um der Einzelnen Platz zu machen, für Ruhm, Applaus, für Lebenszeit. „Gefrorene Tränen“ - ein wunderbares Solo (Britta Hammelstein), es ist eine eigenwillige Improvisation zum Liederzyklus von Schubert/Müller. Sie singt „Ich bin ein Nichts“ - bis hin zur Selbstüberhöhung. „Und was ich alles erträumt hab, warum sieht mich keiner? Ich bin doch da!“ - „Aber es ist gut, dass ich überhaupt noch weinen kann.“ - Dabei beschenkt sie uns mit einer wunderbaren Mimik!

„Wie viel Zeit mir noch bleibt? - Wie viel bleibt mir noch, wo ich wieder nichts tun werde? - Wie viel Zeit habe ich schon verbraucht? - Aber die Zeit bin ich doch selber?! - Ich komme nie an. - Ich möchte im „Jetzt“ verweilen. - Die Zeit ist absurd. - Die Zeit ist ein Nichts!“

Manchmal wird es zum Lachen komisch. In diesem „Trübsal blasen“ hat eine plötzlich Hunger. Erst ganz klein und dann übermächtig, je mehr sie daran denkt. Das Drama wird zur Satire. Doch nicht jeder kann lachen.

Dann ein Song voller Stolz. Manchmal kommen wiederum Menschen aus dem Keller an die Oberfläche. Es wird der Ruhm von A bis Z geplant. Dann schwimmen wir oben wie Fettaugen.

Was ist nun pseudo, was real? Wo spielt das wirkliche Leben, in der Öffentlichkeit oder zuhause in den vier Wänden? Das häusliche Glück als Rückzugsort, wo die Welt so unmenschlich geworden ist. Statt Belehrung will man Unterhaltung, eine Zeit der Abkehr von Aufklärung und von „überall dabei sein?“ Will man wieder Biedermeier?

Ist dies vielleicht ein Lustspiel?

Komisch auch, wenn Alicia Aumüller vor dem Dia-Vortrag Rainhard Fendrichs „I Am From Austria“ singt.

Weiter gehts.

Kümmern wir uns um unsere Zukunft, lassen wir die Vergangenheit. Die Liebe lebt!

Das Thema „Liebe“ - auch im Alter möchte frau Aufmerksamkeit, real, nicht im Netz. Wie komisch, bildhaft steht die Frau (Karin Neuhäuser) vor uns mit einem Einkaufsnetz voller Herzen aus Luftballons. Eines fliegt empor, ein anderes wird später in ihren Händen zerplatzen, voll Wasser - Gefühle sind Wasser. E. Jelinek übergießt uns mit Wasser, mit Worten voller Inhalt, voll Gefühl, voller Assoziationen. „Ich will Zärtlichkeit! Man kann mich überall berühren.“ Im Alter frei sein, wie wünscht sie sich das, nicht Einsamkeit in alten Tagen. Und bietet das Internet genug Kontakte und vor allem auch Nähe? Sie stellt fest: „Mama, du erste große Liebe. Alle müssen sich an dir messen.“ Es soll einfach alles wie früher sein. Jeder ist nun zwar erreichbar, ist er aber auch genug? Heute sucht man wie selbstverständlich den Liebespartner über das Internet.

Bald wird man auch den Tod anrufen können.

Es wird anstrengend, weil der Fluss einen immer in die umgekehrte Richtung treibt. Der Fluss des Lebens lässt einen immer alt erscheinen. Hab' ich Alzheimer? In welchem Alter bin ich jetzt? Wir sind zu viele und doch Einzelne. Auf offener Bühne ertappt einen der Winter jedes Jahr von neuem. Doch wir erinnern uns nicht, können nicht mehr vergleichen, wir erkennen uns selbst nicht mehr. Ich bin ein Fremdling überall. Sind wir verrückt oder weise? Und um welches „Ich“ handelt es sich hier? Alles wiederholt sich, weil wir vergessen.

Patrycia Ziolkowska singt dazu in der Vaterszene (der Vater hat Demenz) Teile aus Das Wirtshaus (21. Lied, Schuberts Winterreise) als Kakophonie über Der Lindenbaum“. Herrlich!

Und dann sie schon wieder:

„Bin ich noch jung? Ich könnte doch alles gewinnen, jede Sportart. Nun, alles ist an mir vorbei gegangen. Dieser Körper hat sich ein Bein gestellt. Hier ist Endstation!“

Wunderbar diese Schauspielerin Oda Thormeyer.

Sterben? Nur nicht gerade jetzt!

„Da ist doch noch das junge wilde Herz. Wer möchte denn schon tot sein? Immer dieselbe Leier. Soll ich, soll ich nicht? Ich kann mich selbst nicht mehr hören?“

An das Publikum gerichtet „Wie halten Sie das denn nur aus? Ihre Ausdauer bewundern wir.“

Und sagt sich das nicht auch jeder zu sich selbst?

Dann denken wir an den Leierkastenmann, und der Chor singt sein Lied…

Vielleicht noch eine letzte Zigarette?

Ende.

* * *

Selten habe ich ein so wortgewaltiges Theaterstück gesehen, gehört, gefühlt…

Die Stärke von fünf Frauen haben die überaus klug komponierten Worte in Elfriede Jelineks Winterreise weiter getragen, zu ihren gemacht. Jelineks intensive Auseinandersetzung mit Franz Schubert lässt das Stück wie eine Komposition erscheinen (sie hat eine musikalische Ausbildung am Wiener Konservatorium). Es ist auch ein sehr persönliche Auseinandersetzung mit den Themen Zeit, Vergänglichkeit, Liebe und Tod.

Mein Fazit nach diesem Theaterstück: Sind wir nicht alle ständig wechselnden Gefühlen ausgeliefert? Nehmen wir das Leben nicht alle als eine Selbstverständlichkeit, verschieben es nicht ständig? Und - wir denken alle immer logisch, wiederholen uns darin und nennen es Geistigkeit. Es ist Zeitverschwendung. Man ist besetzt von Ideen über das Leben, wie es sein sollte, und dann hat man keine Gegenwart. Klingt kitschig, nach Biedermeier-Romantik, aber bleiben wir doch einfach lebendig und authentisch im Fluss der Liebe. Liegt da nicht unsere Sehnsucht begraben? Wie sagte eine Schauspielerin im Stück? „Mama, du erste große Liebe. Alle müssen sich an dir messen.“ Wahrscheinlich sind wir alle ganz simpel gestrickt.

Grundsätzlich sind alle musikalischen Beiträge Bearbeitungen (Frieder Hepting) aus dem Schubertschen Liederzyklus Winterreise, der nach Texten von Wilhelm Müller komponiert wurde.



Kalt ist es in der Welt - Foto (C) Krafft Angerer

Liane Kampeter - 20. Januar 2015
ID 8376
WINTERREISE (Thalia in der Gaußstraße, 18.01.2015)
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Frieder Hepting
Dramaturgie: Natalie Lazar
Mit: Alicia Aumüller, Britta Hammelstein, Karin Neuhäuser, Oda Thormeyer und Patrycia Ziolkowska
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen war am 4. Februar 2011
Premiere war am 18. Januar 2015
Weitere Termine: 23. 1. / 22. 2. / 5. 3. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de

Jelineks Winterreise
am 15.01.2015 | im A.TONAL Theater, Köln
am 20.06.2011 | im Deutschen Theater Berlin



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