Putins Koch
Die Münchner Kammerspiele zeigten WALLENSTEIN als "Schlachtfest in sieben Gängen"
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Bewertung:
Ich hab' den Schiller'schen Wallenstein vor Jahrzehnten zuletzt gelesen, und heute weiß ich nicht mehr, worum es da eigentlich ging - ich fragte daher ChatCBT, und der/die/das erinnerte mich an das Folgende:
"Wallenstein spielt im Dreißigjähriger Krieg und erzählt den Aufstieg und Fall des Feldherrn Albrecht von Wallenstein.
Wallenstein ist der mächtigste Heerführer des Kaisers, gerät aber in Verdacht, eigene politische Ziele zu verfolgen. Während seine Soldaten ihn verehren, misstrauen ihm der Kaiserhof und viele Adlige. Wallenstein plant heimlich ein Bündnis mit den Schweden, um unabhängiger vom Kaiser zu werden und möglicherweise Frieden zu schaffen.
Der junge Offizier Max Piccolomini bewundert Wallenstein, gerät jedoch in einen Loyalitätskonflikt zwischen ihm und seinem Vater Octavio Piccolomini, der dem Kaiser treu bleibt. Gleichzeitig liebt Max Wallensteins Tochter Thekla.
Als der Kaiser Wallenstein entmachten will, verlassen ihn immer mehr Verbündete. Max fällt im Krieg, Thekla verzweifelt, und Wallenstein wird schließlich von eigenen Offizieren ermordet."
Aha, jetzt weiß ich's wieder, ja, so ungefähr lief's ab.
Zudem hatte ich ihn bisher, also in Gänze, noch nie auf der Bühne gesehen - jedenfalls nicht in so zeitlich ausgedehnten Super-Produktionen wie der 10-stündigen von Peter Stein (in der Kindl-Halle in Berlin-Neukölln, 2007), der 6-stündigen von Michael Thalheimer (an der Schaubühne Berlin, 2016) oder der 7-stündigen von Frank Castorf (am Staatsschauspiel Dresden, 2022).
Jetzt wollte Regisseur Jan-Christoph Gockel diese Marathons mit seinem Siebenstünder an den MÜNCHNER KAMMERSPIELEN ehrgeizig und wohl auch gleichgesinnt ergänzen oder komplettieren, und die Jury des THEATERTREFFENs tat ihn prompt für teilnahmswert befinden, und so kam es zu der offiziellen Einladung ins Haus der Berliner Festspiele, damit die Münchner ihn uns zweimal zeigen sollten. Gockel nennt seine Inszenierung Ein Schlachtfest in sieben Gängen, lässt sie 15 Uhr beginnen, und es gab und gibt drei unterschiedlich lange Pausen - ich für meinen Teil suchte dann allerdings noch vor dem 5., 6. und 7. Gang (als Schlussblock von 20:40 bis 22:00) das Weite; es dauerte mir einfach viel zu lang, aber ich schaue mir den Rest dann später in der Mediathek von 3.sat an, versprochen.
Also:
"Im Jahr 2023 bricht Yevgeny Prigozhin, 'Putins Koch' und Kopf der Söldnergruppe Wagner, mit seiner Truppe zu einem Marsch nach Moskau auf. Der Aufstand scheitert, ein Flugzeug mit Prigozhin an Bord stürzt kurz darauf ab. Jan-Christoph Gockel verknüpft mit einer überbordenden Fülle an kreativen Ideen, Anspielungen und Stilen Friedrich Schillers monumentale Wallenstein-Trilogie mit einer zweijährigen Recherche des Produktionsteams über Ex-Söldner in der Gegenwart. Im Zentrum der einfallsreichen Inszenierung stehen die Menschen in Wallensteins Lager: Soldaten, Händler*innen, Kinder und Bauern aus dem Tross – mit ihren heutigen Entsprechungen. Wie sich annähern an den Krieg als Lebensform? Gockel und sein Ensemble entwerfen mit einem Festmahl auf der Bühne, Party, Live-Video, Marionetten, Schauspiel und Lecture Performance ein Spektakel für alle Sinne." (Quelle: berlinerfestspiele.de)
Das [s.o.] konstruierten nun die Münchner Macher (Dramaturgie von Viola Hasselberg & Claus Philipp, dramaturgische Mitarbeit und Recherche von Sergei Okunev), um den Schiller'schen Mega-Schinken einem heutigen Publikum, nicht ohne jede Menge Fremdtexte herzubemühen (wie das heutzutage allgemein so üblich ist), verständlicher denn je zu machen resp. ihn, und wie auch immer, plausibel zu vermitteln. Das gelang im Großen und Ganzen recht gut, jedenfalls wurde es nie langweilig, und das gut gelaunte Publikum schien sich vorzüglich informiert und unterhalten zu haben.
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Samuel Koch (in der Titelrolle) und Katharina Bach (als Illo, dahinter) in Wallenstein an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Armin Smailovic
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Der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch (vor 13 Jahren bei einem tollkühnen Sprung über fahrende Autos in der ZDF-Show Wetten, dass... verunfallt) muss als Hauptattraktion dieses überambitionierten Wallensteins, dessen Titelrolle er verkörpert, benannt sein! Wie er quasi (im nicht ausschließlich übertragenen Sinne:) in den Seilen hängt und marionettengleich agiert, verleiht dieser Figur mit einem Mal ganz andere, geradezu unheroische, v.a. aber tragisch zu nennende Züge; grandios gespielt.
Nicht minder auffällig die in einer Testosteronhaut steckende Katharina Bach in der Männerrolle des Illo - aus dieser Haut wird sie sich am Schluss der Aufführung befreien, um splitternackt das Ganze endlich zum Ende zu bringen; und nicht nur dafür bekam sie den diesjährigen 3.sat-Preis verliehen.
Mein persönlicher Favorit war dann allerdings Annika Neugart als Max Piccolomini (als wohl einziger echter Humanist in Schillers altzopfenen Reimen, deren Sprach- und Sprechduktus eigentlich völlig aus der Zeit gefallen ist); und was die Neugart da an maskulinisierter Performance, stets als Karikatur des "Mannes an sich" (ähnlich oder noch schlimmer gibt die Bach ihrem Affen Zucker), abliefert, treibt einem dann schon vor entfesselter Begeisterung den Schweiß auf die Stirn.
Alle anderen: selbstredend ebenso berauschend gut.
Was für ein Schauspielerinnen- und Schauspielerensemble!!
Vieles über Prigoschin erfahren, vieles lecker und live Gekochte gerochen und Riesenappetit hierauf gekriegt, tolldreiste Schwanz-ab-und-an-Szene mit der Hintergrundmusik aus Wagners Parsifal usw. usf.
Untoppbar.
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Andre Sokolowski - 9. Mai 2026 ID 15845
WALLENSTEIN (Haus der Berliner Festspiele, 09.05.2026)
Ein Schlachtfest in sieben Gängen - nach Friedrich Schiller
Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Janina Brinkmann
Videodesign: Lion Bischof
Lichtdesign: Christian Schweig und Stephan Mariani
Puppenbau: Michael Pietsch
Piccolomini-Menü: Annette Paulmann
Dramaturgie: Viola Hasselberg und Claus Philipp
Dramaturgische Mitarbeit und Recherche: Sergei Okunev
Besetzung:
Illo ... Katharina Bach
Questenberg ... André Benndorff
Isolan / Zhenya ... Johanna Eiworth
Thekla, Wallensteins Tochter ... Nadège Meta Kanku
Wallenstein ... Samuel Koch
Max Piccolomini, Octavios Sohn ... Annika Neugart
Octavio Piccolomini ... Annette Paulmann
Graf Terzky ... Michael Pietsch
Gräfin Terzky ... Leoni Schulz / Eva Bay
Seni und Live-Musik ... Maria Moling
Serge – ein Typ aus Russland im Mantel und mit einem Zauberstab ... Sergei Okunev
Buttler ... Pari Garvanos
Premiere an den Münchner Kammerspielen: 4. Oktober 2025
Gastspiel beim THEATERTREFFEN 2026
https://www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen
https://www.andre-sokolowski.de
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