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Castorfopern (35)

Wallenstein

mit viel

Klamauk und

historischem

Fremdtext



Götz Schubert als Wallenstein in der gleichnamigen Castorf-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Bewertung:    



Wie die Weimarer ihren Goethe lieben die Dresdner ihren Schiller, und das nicht nur wegen der Gustel von Blasewitz, einer Wirtstochter aus Schillers Dresdner Jahren, die der Dichter in seinem dreiteiligen Geschichtsdrama Wallenstein als Marketenderin verewigte. Der Dresdner mag seinen Schiller am liebsten, wie er geschrieben steht. Das ist aber nun die Sache von Regisseur Frank Castorf nicht. In seiner Inszenierung, die am Gründonnerstag im STAATSSCHAUSPIEL DRESDEN Premiere feierte, kommt zwar die Gustel und so einiges von Schiller vor, aber auch vieles, was die Dresdner oder die Dresdnerinnen (mit dem Gendern treibt Frank Castorf am Rande auch ein paar Späßchen) nicht unbedingt mit dem Wallenstein verbinden würden. Relativ assoziativ zieht Castorf eine Spur vom Dreißigjährigen Krieg in Böhmen über den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine (wie passend) bis zu den Zapatistas in Mexico. Die „Wunde Europa“ ist Castorfs Thema seit jeher. Und dazu geht es auch immer wieder in andere Regionen der Welt, wo die Europäer ihre Spuren hinterlassen haben.

Wer ein Stück über den Krieg inszeniert, kommt im Moment nicht am Krieg in der Ukraine vorbei. „Zur Konzeptionsprobe ahnte noch niemand, wie sehr die Auseinandersetzung um historische Kriege in Europa von der Wirklichkeit eingeholt wurde.“ schreibt der Dramaturg Jörg Bochow im Programmheft. Auf direkte Aktualisierungen verzichtet Frank Castorf aber bis auf kleinere Anspielungen, die er in lustigem Papppanzer-Klamauk versteckt. „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt.“ - eines der vielen, zu geflügelten Worten geworden, Schillerzitate wird hier zur aktuell-politischen Kabaretteinlage. Nicht allzu viel ernster, aber vom Bild her martialischer fällt der Prolog aus, bei dem das Ensemble nackt und von oben bis unten mit Theaterblut beschmiert Schillers Verse hinter Gesichtsmasken mehr nuschelt als pathetisch deklamiert. „Hier stirbt der Zauber mit dem Künstler ab, … Dem Mimen flicht die Nachwelt keine“, wird zum ausgestellten Hänger. „Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles“, scheint das Motto dieser Tage, dem man sich schwer entziehen kann.

Wallensteins Lager, eher eine Matratzengruft, befindet sich auf der Rückseite von Aleksandar Denić‘ Bühnenbild, das unbedingt erwähnenswert ist. Zu Beginn zeigt es einen güldenen Vorhang mit einem deutschen Bundes-Doppeladler. Auch das kann man als versteckte Anspielung werten. Die Habsburger Kaiser und das russische Zarenreich (auch heute wieder) schmückten sich mit diesem Wappentier. Über dem Vorhang wölbt sich ein Feldherrenhügel mit Spießen und Standarten. Ein Zelt ist seitlich angebaut. Die Szenen im Saal beim Herzog von Friedland werden per Live-Kamera von der Hinterbühne übertragen. Im Lager ist viel die Rede vom König von Polen, dem Papst, Hitler und Mussolini. Woher das kommt, weiß keiner. Egal, passt immer. Bei Hans Frank, dem „Schlächter von Polen“ wird es klarer. Aber auch der Dreißigjährige Krieg bleibt im Fokus. „Oh Magdeburg, … der Tilly zieht davor“ wird gesungen, aber auch deutsche Landserlieder erklingen. Der langjährige Castorf-Mitstreiter Frank Büttner knarzt unnachahmlich den Kapuziner, der den feiernden Soldaten die Leviten liest und dann in einen Monolog über die merkwürdig wehrlosen, nackten deutschen Männer mit ihrem zarten Fleisch und kleinen Bällchen übergeht.

Wallenstein tritt an diesem Abend erst recht spät auf. Götz Schubert als Gast im Kettenhemd und Harnisch spielt ihn ähnlich schluffig wie seinen Görlitzer TV-Kommissar. An seiner Seite steht Nadja Stübiger wechselnd als Herzogin von Friedland und Astrologe Seni, der unter einem Sternenzelt seine Schicksalsdeutungen macht. Bemerkenswert noch Henriette Hölz als Graf Terzky und minutenlang in den Wehen liegende Marketenderin, die eine blutige Babie-Puppe gebiert. Da steckt die Inszenierung fest, wie der deutsche Blitzkrieg im „Schlamm der Ukraine“. Bis zur Pause nach gut drei Stunden ist Die Piccolomini noch nicht geschafft, obwohl sich Torsten Ranft als Vater Octavio (O Sole mio) und Marin Blülle als treuer Sohn Max redlich mühen. Erwähnenswert sind noch Fanny Staffa als Gräfin Terzky und Jannik Hinsch als im wahrsten Sinne des Wortes ein Intrigennetz spannender Illo (auch mal als Super Illo betitelt), der nach der Pause noch zu Laibachs Geburt einer Nation performen darf und auch beim Gelage der Offiziere, denen ein Treuedokument zu Wallenstein am Ende ohne den Treuezusatz zum Kaiser untergeschoben werden soll, einen trinkfeste Auftritt hat.

Sieben Stunden wird der vorher auf sechs ausgelegte Abend dann schließlich dauern. Dabei muss noch viel originaler Schillertext die Rampe runter geschoben werden, was auf Dauer etwas ermüdend ist. Doch sogar noch ein Goethe-Gedicht gibt es oben drauf. Maskenzug in Weimar, bei dem Adriana Braga Peretzkis wie immer tollen Kostüme so richtig zur Geltung kommen. Die eigentliche Intension, „die sittliche Autonomie in Kriegszeiten“ (laut Dramaturg), die Schiller als Utopie im Liebespaar Max und Thekla (hier gespielt von Kriemhild Hamann) angelegt hat, geht irgendwo zwischen Bier und „Wurzelpeter“ verloren. Für die Figur des Kriegsgewinnlers Wallenstein scheint Castorf sich auch nicht wirklich zu interessieren. Doch auch hier gilt: „Wo viel verloren wird, ist manches zu gewinnen.“



Frank Castorfs Wallenstein am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Stefan Bock - 15. April 2022
ID 13575
WALLENSTEN (Staatsschauspiel Dresden, 14.04.2022)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: William Minke
Videodesign: Andreas Deinert
Schnittdesign: Jens Crull
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Jörg Bochow
Licht: Andreas Barkleit und Konrad Dietze
Live-Kamera: Andreas Deinert, Julius Günze und Eckart Reichl
Live-Schnitt: Kathrin Krottenthaler
Live-Ton: Hendrik Gundlach und Moritz Lippisch
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Mit: Marin Blülle, Frank Büttner, Kriemhild Hamann, Jannik Hinsch, Henriette Hölzel, Moritz Kienemann, Torsten Ranft, Götz Schubert, Daniel Séjourné, Oliver Simon, Fanny Staffa und Nadja Stübiger
Premiere war am 14. April 2022.
Weitere Termine: 23.04. / 14., 26.05.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsschauspiel-dresden.de/


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