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(Die letzten 100 Kolumnen, in absteigender Reihenfolge...)



Damerikanisch

Nein, ich bin kein Sprachpurist, ich weiß, dass sich Sprache verändert wie ein lebendiger Organismus und dass unser gegenwärtiges Deutsch vollgestopft ist mit Lehnwörtern aus anderen Sprachen, schon gar nicht fürchte ich um die nationale Identität durch die zunehmenden Anleihen aus dem Englischen – nein: aus dem Amerikanischen, die ein Reflex sind unserer freiwilligen Auslieferung an die US-amerikanische Film- und Fernsehindustrie. Es erscheint mir bloß einfach affig, wenn in synchronisierten Filmen Wörter und Redewendungen benutzt werden, die unverkennbar so fehl am Platz wirken wie ein Ostseehering im Schokoladenladen. Das Kriterium für die Sinnhaftigkeit von Anglizismen oder Amerikanismen scheint mir zu sein, ob sie etwas leisten, was ein vorhandenes deutsches Wort oder eine eingebürgerte deutsche Phrase nicht (besser) leisten kann.

Hier eine Auswahl von Beispielen:

- Hilf mir Gott
- gottverdammt
- Es ist hart (im Sinne von: es ist schwierig)
- Wie geht es Ihnen heute?
- Hat sie das? (als Reaktion auf: sie hat das oder das getan)
- Ich bin bestimmt nicht gut genug. – Du bist.
- Bist du in Ordnung?
- woke
- toxische Männlichkeit
- am Ende des Tages

Am Ende des Tages bleibt die Frage, was das verdeutschte „at the end of the day“ - ästhetisch, grammatisch, präzisierend - auszeichnet gegenüber, beispielsweise: letztlich, zu guter Letzt, letzten Endes. Es ist, verzeihen oder meinetwegen sorry, nur affig. Okay?

Thomas Rothschild - 20. November 2021 (2)
2742

Martin Pollack

Das PEN-Zentrum Deutschland vergibt ein Mal im Jahr den Hermann Kesten-Preis. Er zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich im Sinne der internationalen PEN-Charta in besonderer Weise für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller und Journalisten einsetzen. Als ich noch Mitglied des PEN-Präsidiums war, habe ich den österreichischen Journalisten und Schriftsteller Martin Pollack für diesen Preis nominiert. Mein Vorschlag hat im Präsidium keine Mehrheit gefunden. Inzwischen bin ich aus dem PEN ausgetreten, nachdem ich mit der pharisäerhaften Haltung der ehemaligen Präsidenten Josef Haslinger und Regula Venske und des heutigen Generalsekretärs Heinrich Peuckmann konfrontiert worden war. (Wer sich von der Berechtigung dieser Beschuldigung überzeugen möchte, kann über die oben [in der Grafik] stehende Mailadresse Beweisdokumente anfordern.)

Martin Pollack ist im deutschsprachigen Raum der wahrscheinlich beste Kenner der politischen Lage in Polen. 1944 in Bad Hall geboren, hat er in Wien und Warschau Slavistik und osteuropäische Geschichte studiert. Neben seiner eigenen schriftstellerischen Tätigkeit hat er sich über Jahrzehnte hinweg durch Übersetzungen, Essays, Rezensionen und kulturpolitische Initiativen konsequent und kämpferisch für Verfolgte und gegen Unrecht, vorwiegend in Osteuropa, eingesetzt und entscheidend dazu beigetragen, dass polnische und andere osteuropäische Schriftsteller im Westen bekannt wurden. Sein Engagement galt insbesondere solchen Autoren, die in ihrer Heimat nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen publizieren konnten und schikaniert wurden. Es gibt keinen würdigeren Kandidaten für einen Preis, der den Namen Hermann Kestens trägt.

Jetzt hat Martin Pollack, dessen aufklärerischer Impetus und dessen politisches Verantwortungsgefühl nach Jahren einer schweren Krankheit dem geschwächten Körper standhalten, in der österreichischen Tageszeitung Der Standard einen Essay [Zur sadistischen Radikalisierung Polens ] veröffentlicht, der es nicht verdient, im Trubel der Vielschreiberei, zumal diesseits der Grenzen, unterzugehen. Deshalb hier der Link zu einer unverzichtbaren Information. Sage keine und keiner, sie oder er habe nicht gewusst, was sich, wenige Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt, abspielt.

Thomas Rothschild - 19. November 2021
2741

Fristenlösung

Mit großer Eloquenz verdammen Politiker und Ärzte in Talkshows und anderswo die Impfverweigerer, die mit ihrem Verhalten nicht nur sich, sondern die Gemeinschaft gefährden. Mit dem gleichen rhetorischen Eifer werben sie für Boosterimpfungen. Ihr Wort in Gottes Ohr.

Eine schwedische Studie hat dieser Tage ergeben: „­Bei zwei Dosen Biontech war nach sieben Monaten kein Effekt mehr nachweisbar, bei Astrazeneca schon nach vier Monaten. Hier wurde aus dem erhofften Schutz sogar ein erhöhtes Risiko.“ Heißt: wer im Juli seine zweite Impfung mit Astrazeneca erhalten hat, ist gegenüber dem Corona-Virus genau so ungeschützt wie jemand, der sich gar nicht erst hat impfen lassen.

Die meisten Ärzte aber wissen nichts davon. Wenn man um einen Termin für eine Auffrischungsimpfung bittet, wird einem schulterzuckend mitgeteilt, dass die frühestens im Januar in Frage kommt. Mit anderen Worten: die für die Verteilung von Impfstoff Verantwortlichen setzen Impfwillige, die so genannten „vulnerablen“ Personen eingeschlossen, am ausgestreckten Arm der Infektion, der schweren Erkrankung und möglicherweise dem Tod aus. Sie predigen Impfung und trinken Wein.

Wer wird jene zur Verantwortung ziehen, die ihre Bürger für ein halbes Jahr in Sicherheit wiegen und in Wahrheit zwei Monate lang jenem Schicksal aussetzen, das die Impfgegner freiwillig auf sich (und andere) nehmen? Man dürfe in einer Demokratie niemanden zwingen, sagen diese, sich gegen Krankheiten zu schützen. Offenbar aber darf man jenen Gefährdeten, die Schutz erheischen, diesen verweigern. Ist es Dummheit, Zynismus oder Mordlust? So oder so: Wer die Impfung propagiert und nicht dafür sorgt, dass sie rechtzeitig verabreicht wird, ist um kein Jota vernünftiger als die Verschwörungstheoretiker und Medizinesoteriker. Von den charakterlichen Qualifikationen wollen wir gar nicht erst reden.

Thomas Rothschild - 18. November 2021
2740

Sagen und tun

Schon in jungen Jahren, als ich noch Schüler war, lernte ich, den Worten zu misstrauen, weil die Taten, die ihnen folgten, so häufig zu ihnen in Widerspruch standen. Nicht was jemand sagt, sondern was er tut, galt und gilt mir bis heute als maßgeblich. Später konnte ich feststellen, dass Sartre und lange vor ihm schon Descartes diesen Gedanken formuliert hatten.

Der Verdacht, der sich hinter dieser Unterscheidung verbirgt, ist deshalb so ungemütlich und entzieht sich einer moralischen Bewertung, weil die Unzuverlässigkeit dessen, was jemand sagt, nicht unbedingt auf einer Lüge beruht. In vielen, wahrscheinlich in den meisten Fällen glaubt er selbst an seine Rede. Wenn jemand einem Partner versichert, dass er oder sie ihn liebe, muss das nicht geheuchelt sein. Wenn er oder sie jedoch kneift, sobald es die geringste Schwierigkeit beim Liebesbeweis zu überwinden gilt, darf man daran zweifeln, dass es mit der Liebe weit her sei. Wenn jemand beteuert, er sei kein Rassist, aber die Straßenseite wechselt, wenn ihm in der Nacht ein Farbiger begegnet, sind an seiner Beteuerung Bedenken angebracht. Nicht, was ein Intendant oder ein Regisseur bei der Spielplanpressekonferenz oder im Programmheft verkündet, sondern was am Ende auf der Bühne zu sehen und zu hören ist, zählt. Wenn jemand erklärt, was er oder sie alles könnte, wollte, täte, es aber unterlässt, sobald es um die Realisierung geht, hat er andere und meist auch sich selbst getäuscht.

Man muss also niemandem eine böse Absicht unterstellen, wenn er sagt, was er nicht durch sein Handeln bestätigt. Man hat aber Gründe und jede Berechtigung zur Skepsis. Nicht die bewusste Lüge ist das Problem – sie kann mit etwas Findigkeit aufgedeckt und widerlegt werden –, sondern die Selbsttäuschung. Ihre Macht ist beinahe grenzenlos und allgegenwärtig. Sie bewirkt, dass Menschen die Unwahrheit sagen und die Wahrheit erst durch das offenbaren, was sie tun. Die Tat ist ehrlicher als das Wort. Damit muss man rechnen. Oder aber man setzt sich Enttäuschungen aus. Man sollte andere nicht für seine Leichtgläubigkeit verantwortlich machen, nicht in der Politik und nicht im alltäglichen und auch nicht im intimen Leben. Das mag die Kommunikation erschweren. Aber was nützt die flüssigste Kommunikation, wenn sie in die Irre führt?

Irgendwie muss ich das schon als Schüler, lange vor der Lektüre von Sartre und Descartes, geahnt haben. Dass es nicht dazu beigetragen hat, mir Sympathie zu gewinnen, ist mir klar. Wer will schon, zumal wenn er sich keiner Verfehlung bewusst ist, verdächtigt werden? So ist es halt, das Leben.

Thomas Rothschild - 8. November 2021
2739

Loblied auf die Dramaturg*innen

Dieser Tage erlebte Die Verurteilung des Lukullus von Paul Dessau und Bertolt Brecht mit 70 Jahren Verspätung ihre Stuttgarter Erstaufführung. Ein Ereignis, das sich mit dem aufwendig in Szene gesetzten und vom Publikum bejubelten Abend im wieder voll besetzten Haus nicht erschöpft.

Wer sich im Theaterbetrieb ein wenig auskennt, weiß, dass man Mitarbeiter*innen, die man, oft blindlings, als Dramaturg*in eingestellt hat, alsbald damit betraut, irgendwelche archivarischen Angelegenheiten zu regeln, weil sich herausgestellt hat, dass sie für originär dramaturgische Arbeit zu unbegabt, zu ungebildet, zu träge oder einfach zu dumm sind. Daneben aber gibt es Dramaturg*innen von außergewöhnlicher Intelligenz und Produktivität. Ihre Aufgaben haben sich seit der Nachkriegszeit fundamental geändert. Sie erfüllen eher den Status von Wissenschaftlern als von Kaffee zubereitenden Spielplananregern mit beschränkten Kenntnissen.

Zu ihren Verpflichtungen gehört in der Regel neben der Erstellung einer spielbaren Textfassung und Vorschlägen zur Konzeption mit Hilfe von Materialien die Redaktion des Programmhefts, das längst mehr ist als ein Werbeträger mit ein paar kümmerlichen Angaben neben den Fotos von Hüten und Damenwäsche und das sich an vielen führenden Theatern in den vergangenen 50 Jahren mehr und mehr zu einem Programmbuch ausgewachsen hat. So auch an der Stuttgarter Oper. Wer sich für die Vorgeschichte und die Aufführungsgeschichte der Verurteilung des Lukullus, für die komplexen künstlerischen, zeitgeschichtlichen und politischen Überlegungen des inszenierenden Teams, für die Besonderheiten von Paul Dessaus Komposition, aber auch für den historischen Lukullus interessiert, wird in dem umfangreichen und vorbildlich edierten Programmbuch fündig. Es hat den Charakter einer Monographie, die auch jenseits eines Opernbesuchs lesenswert ist. Dass das Libretto fehlt, dürfte an Problemen mit den Rechten liegen, die bekanntlich bei Brecht besonders vertrackt sind.

Es ist also an der Zeit, ein Loblied zu singen auf die (gescheiten) Dramaturg*innen, die für einen gelungenen Theaterabend nicht weniger wichtig sind als Schauspieler*innen und Sänger*innen, als Regisseur*innen und Bühnenbildner*innen, als Musiker*innen und – neuerdings – Videokünstler*innen. Sie sind auf der Bühne nicht sichtbar, das Ergebnis ihrer Arbeit ist es dort nur mittelbar, und so werden sie in Kritiken so gut wie nie auch nur erwähnt. Wenn sich Schauspieler*innen beklagen, dass die Analyse und Einordnung einer Inszenierung der Nennung ihrer Namen vorgezogen wird – was sollen dann die Dramaturg*innen sagen? Nicht selten geht auf ihr Konto, was Regisseur*innen zugeschrieben wird, aber wer weiß das schon? Und ihre Programmbücher kommen unter den Buchbesprechungen in den Medien nicht vor. Dabei sind sie oft nicht nur lesbarer, jargonfreier, sondern auch weitaus erhellender als die Veröffentlichungen vom Universitätspersonal oder gar als Dissertationen, die nicht wirklich dem Erkenntnisgewinn, sondern allein dem Erwerb eines akademischen Grads dienen.

Ein Problem allerdings besteht darin, dass kaum jemand Zeit und Gelegenheit hat, ein Programmbuch vor der Vorstellung zu studieren. Das aber wäre nötig, wenn es seine Aufgabe optimal erfüllen soll. Wie die Dinge liegen, müsste man nach der Lektüre des Programmbuchs eine zweite Aufführung besuchen, um von dem Wissen zu profitieren, das man nun erworben hat. Dann hätte man mehr von der Leistung der Dramaturg*innen und könnte sie gebührend würdigen. Sie hätten es verdient.

Thomas Rothschild - 2. November 2021 (2)
2738

Angebot und Nachfrage

Zu den Topoi der westlichen Berichterstattung über die Sowjetunion gehörten die Schlangen vor den Läden. Nicht die Nachfrage bestimmte das Angebot, sondern eine (schlechte) Planung. Was man benötigte, war oft nicht zu bekommen.

Hier und heute, in der Konsumgesellschaft, ist es umgekehrt. Man bekommt mehr, als man braucht. Wenn man früher seine Unterhosen, seine Socken, seine Hemden kaufte, wenn die alten verschlissen oder auch nur aus der Mode waren, erwirbt man sie heute ohne Sinn und Verstand, weil sie zu einem günstigen Preis angeboten werden. Nicht das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage bestimmt den Preis, sondern der Preis bestimmt die Nachfrage. Der neue Irrsinn heißt Schnäppchen. So häufen sich daheim die unbenötigten Waren, die sich Kunden und nicht zuletzt Kundinnen in einem irrationalen Kaufrausch haben aufschwätzen lassen. Der Kaufakt wird zum Selbstzweck. Er schafft jenes Glücksgefühl, das in einer menschlicheren Gesellschaft durch würdigere Angebote – Kunst, Wissen, Beiträge zu besseren Lebensverhältnissen – vermittel werden könnte.

Um 1968 gab es ein Bewusstsein für diese Problematik. Es ist verschwunden. Der Kapitalismus hat auch hier, wie auf allen Fronten, gesiegt. Jenen, die von diesen Umständen profitieren, ist es gelungen, den Massen einzureden, dass Kaufen einen Lebensinhalt bedeuten kann.

Es geht auch anders, aber so geht es auch. Ob wir damit den Idealen näher kommen, die Christen und Sozialisten einst geteilt haben, ist die Frage. Wenn in der Zukunft nach dem Menschenbild unserer Gegenwart gefragt werden will, wird es wohl heißen: angestrebt wurde der Mensch, der nicht in der Schlange stehen muss, weil er immer irgendwo Schmarren kaufen konnte, der billig, aber halt unnütz war.

Thomas Rothschild - 6. September 2021
2737

Kommunikation

In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts räsonierte der amerikanische Mathematikprofessor und geniale Liedermacher Tom Lehrer in der Abmoderation zu einem Song über Alma Mahler-Gropius-Werfel:

„Wenn wir gerade von Liebe sprechen, ein Problem, das dieser Tage immer häufiger wiederkehrt, in Büchern und Theaterstücken und Filmen, ist die Unfähigkeit von Menschen, mit Menschen, die sie lieben, zu kommunizieren: Ehemänner und Ehefrauen, die nicht kommunizieren können, Kinder, die nicht mit ihren Eltern kommunizieren können, und so weiter. Und die Figuren in diesen Büchern und Theaterstücken und so weiter, und im wirklichen Leben, möchte ich hinzufügen, verbringen Stunden damit, die Tatsache, dass sie nicht kommunizieren können, zu beklagen. Ich finde, das Geringste, was eine Person tun kann, wenn sie nicht kommunizieren kann, ist den Mund zu halten.“

Heute, ein halbes Jahrhundert später, aber innerhalb der Lebenszeit vieler Menschen, haben sich die Probleme geändert. Die Kommunikation scheitert nicht an der Unfähigkeit der Beteiligten, sondern an den Bedingungen. Wer heute einen Anruf betätigt oder eine Mail schreibt (Briefe dürften nur noch als Relikt der Vergangenheit in Erinnerung sein), wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf einen lebenden Adressaten treffen, sondern auf einen Automaten. Die Kommunikation ist Fiktion. Der Automat reagiert nicht, wie ein Mensch, auf die Ansprache, weil er nur für bestimmte Signale programmiert ist, er versendet vorgefertigte Partikel. Mit Kommunikation hat das so viel zu tun wie der Gebrauch einer Sexpuppe mit Liebe.

Das Telefon verweigert mir ungerührt die Vereinbarung eines Termins. Stattdessen verrät es mir, dass im Moment alle Leitungen besetzt sind, ich aber nicht auflegen soll, weil sich ein Mitarbeiter bei mir melden wird, sobald eine Leitung frei ist. Ich warte, beschallt mit Musik, die nicht unbedingt nach meinem Geschmack ist. Nach zehn Minuten erfahre ich, dass doch keine Leitung frei werde, ich solle es zu einem späteren Zeitpunkt erneut versuchen. So vergeht der Tag. Der Automat mutet bereits wie ein enger Verwandter an. Einen Termin freilich habe ich immer noch nicht.

Da will man sich in ein Konto einloggen und erhält, so gewissenhaft man die Vorschriften auch befolgt, vom Computer die herzlose Antwort: „falscher Benutzername oder falsches Passwort“. Widerspruch wird nicht geduldet. Da kann man den korrekten Namen und das richtige Passwort so oft eingeben, wie man will: der Automat kennt nur eine Reaktion. Konnte man seine Anfrage endlich doch deponieren, bekommt man die tröstende Auskunft: „Ein Mitarbeiter wird sich innerhalb von zwei Werktagen bei Ihnen melden.“ Zwei, drei, vier Werktage vergehen, aber kein Mitarbeiter meldet sich, kein Mensch mit Hirn und Herz mischt sich in die Diktatur der Automaten. Die Kommunikation funktioniert noch um Klassen schlechter als zwischen Tom Lehrers liebenden Menschen. Genauer: sie funktioniert gar nicht. Nie werden wir erfahren, ob der Automat die Nachricht überhaupt registriert, ober er sie an einen „Mitarbeiter“ weitergegeben hat.

Orwells 1984 war ein Idyll. Die menschenfreie Automatenwelt, die wir betreten haben und in der aufzugehen wir im Begriff sind, ist im Vergleich dazu die Hölle. Sollen wir sie beklagen wie Lehrers Figuren im Theater und im wirklichen Leben ihre Kommunikationsschwierigkeiten? Wird nichts nützen. „Falscher Benutzername oder falsches Passwort.“

Thomas Rothschild - 30. August 2021
2736

Der Unterschied zwischen Müller und Müller

Ich bin beeindruckt. Gerd Müller, der am Sonntag gestorben ist, hat in der Bundesliga 365 Treffer gelandet, so viele, wie das Jahr Tage hat. Für die DFB-Auswahl erzielte er in 62 Spielen 68 Tore. Wuschi!

Übertroffen wird er allerdings von Werner Müller, der am gleichen Tag das Zeitliche gesegnet hat, wie man den Tod so schön umschreibt. Er hat als Müllmann in seinen 51 Arbeitsjahren etwas mehr als 6 Millionen Mülltonnen geleert. Irgendwie wurde vergessen, das in den Schlagzeilen der Zeitungen und den Meldungen der Rundfunkanstalten zu erwähnen. Sein Rekord ist unkommentiert geblieben, jedenfalls jenseits der Stammkneipe, in der er und seine Kollegen sich zum abendlichen Bier trafen. Dabei könnte man ja zur Not ohne Gerd Müllers Tore leben. Ungeleerte Mülltonnen vor dem Haus hingegen würden einem sehr schnell stinken, im wörtlichen Sinne.

Unsere Welt ist ungerecht. Es gibt so viele Müllers, aber nur wenige werden beachtet. Weil sie Tore schießen, beispielsweise, statt Mülltonnen zu leeren, Kanäle zu reinigen oder Lebensmittel über den Scanner im Supermarkt zu ziehen – wie oft, wer zählt schon mit?

Fußball ist, je nach Quelle, die schönste oder die wichtigste Nebensache der Welt. Der Satz wird viel zitiert. Für eine Nebensache freilich, ob schön oder wichtig, wird ihm erstaunlich viel Aufmerksamkeit zuteil. Deutlich mehr als den Mülleimern von Werner Müller.

Es gibt außer dem Spruch von der Nebensache unzählige Aphorismen über den Fußball, zumindest ebenso viele, wie Gerd Müller Tore geschossen hat. Einer lautet: „Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist heute das wirkliche Opium des Volkes.“ Er stammt von Umberto Eco. Und Dieter Hildebrandt, dieses Schandmaul, lästerte gar: „Der Fußballfanatismus ist eine europäische und sogar weltumspannende Geisteskrankheit.“ Da freilich verbietet sich jeder Vergleich. Einen Mülltonnenfanatismus gibt es nicht.


Thomas Rothschild - 17. August 2021
2735

Pirandello und die Experten der Wirklichkeit

Er ist noch nicht ganz von den deutschen Spielplänen verschwunden, aber Inszenierungen seiner Stücke sind rar geworden: einer der bühnenwirksamsten und geistreichsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, Luigi Pirandello. An seinem Flirt mit Mussolini kann das nicht liegen. Anderen, auf und hinter der Bühne, hat man ihre mehr oder weniger ausgeprägte Neigung zu den Faschismen unterschiedlicher nationaler Färbung längst verziehen, wenn man sie überhaupt je als Makel empfand. Die Ursache für das Abhandenkommen Pirandellos dürfte anderswo liegen, im Bereich der Theatergeschichte eher als dem der politischen Geschichte: Er steht im diametralen Gegensatz zu den meist freien Gruppen, die heute den Ton angeben. Sie beschwören das Tatsächliche, die Expertise der Wirklichkeit, und misstrauen der Fiktion, dem Artifiziellen, all dem, was Kunst von der Tagesschau unterscheidet.

Weil diese Gegenwartsapologeten so nah wie nur möglich am Alltag sein wollen, geben sie vor, genau zu wissen, was der Fall ist. Ihre Sprache ist beherrscht vom Indikativ, von der apodiktischen Behauptung, von der Klugscheißerei. Zweifel sind ihnen zuwider. Von Brechts Dialektik des Lobs sowohl des Lernens wie des Zweifels ist bei ihnen, den Engstirnigen, nur die eine Seite hängen geblieben, das „Fang an! Du mußt alles wissen!/ Du mußt die Führung übernehmen“. Pirandello aber ist, genau anders rum, ein Experte der Ungewissheit. Seine Domäne ist die Mehrdeutigkeit. Nichts ist sicher in seinen Dramen, nicht die Identität der Figuren, nicht die Wahrheit ihrer Aussagen, nicht die Zuverlässigkeit der Wahrnehmung, weder auf der Bühne noch davor. Nichts ist, was es scheint. Così è (se vi pare).

Pirandello steht zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht allein da mit seiner Skepsis. Man findet sie auch, wenngleich in anderer dramatischer Form und mit anderen ideologischen Implikationen, etwa bei Arthur Schnitzler. In welcher literarischer Gestalt aber auch immer: ist die Skepsis nicht die modernere, die den heutigen Gegebenheiten angemessenere Haltung im Vergleich zum selbstbewussten, irritationsfreien Dogma? Haben wir nicht mehr denn je Grund zu der Vermutung, dass die Dinge und die Menschen nicht sind, was sie zu sein vorgeben? „Fake“ ist das Wort der Stunde. Wer wäre sein Dramatiker, wenn nicht Pirandello?

Thomas Rothschild - 16. August 2021
2734

Was gar nicht geht

Es wird zwar in Deutschland noch nicht per Gesetz gefordert, aber immer mehr Stellenausschreibungen geben bei der Spezifizierung der gesuchten Bewerber m/w/d an. Wer „Diverse“ gegenüber Männern und Frauen, wie früher die Frauen gegenüber den Männern, diskriminiert, setzt sich der Gefahr eines Shitstorms oder noch empfindlicherer Sanktionen aus. Das kann man als Fortschritt im Kampf für mehr Gleichberechtigung ansehen. Aber. Aber?

Alexandra Dörrie, Geschäftsführerin der PR-Agentur Another Dimension, gibt auf Anfrage folgende Bewerbungstipps:

„Wir bevorzugen klassische Bewerbungen: ein richtiges Anschreiben, ein gut sortierter Lebenslauf und ein Passfoto, das sich sehen lassen kann. Natürlich hilft eine persönliche Empfehlung auch weiter.
Umgangssprache im Anschreiben oder Privatfotos in den Bewerbungen haben bei uns keine Chance. Wir hatten schon des Öfteren den Fall, dass Leute uns per E-Mail kontaktieren und dann kein richtiges Anschreiben oder ein Foto mitliefern. So etwas geht gar nicht.“


Was sagt ein Foto aus, das für die Besetzung einer Stelle von Belang wäre? Wenn es keine Relevanz besitzt – wofür wird es erwartet? Mit welcher Begründung will man rechtfertigen, dass der Verzicht auf einen Kontakt ohne Foto „gar nicht geht“? Wenn aus dem Foto keine für die Bewerbung maßgebliche Information abgeleitet wird, ist es überflüssig. Wenn es aber für die Entscheidung Bedeutung hat, kommt das einer Diskriminierung derer, m, w oder d, gleich, deren Aussehen nicht den Schönheitsvorstellungen des Personalchefs oder der Personalchefin entspricht. Was, wenn nicht dies, wäre Diskriminierung?

Artikel 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland besagt: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Der Begriff „Rasse“ wird wohl demnächst aus dem Grundgesetz gestrichen. Ansonsten haben die Experten offenbar an der Formulierung nichts auszusetzen. Wahrscheinlich sind sie der Ansicht, dass es, da sich im Alltag kaum jemand um den Artikel schert und seine Verletzung eh nicht geahndet wird, nicht darauf ankommt. Oder will jemand allen Ernstes behaupten, dass in Deutschland niemand wegen seiner politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt wird?

Der Versuchung, den Artikel 3 beim Wort zu nehmen, beugt unter anderem schon der so genannte Tendenzschutz vor. Er erlaubt es den Medien, Journalisten, deren politische Anschauungen nicht mit der Blattlinie übereinstimmen, zu benachteiligen, genauer: sie zu entlassen oder gar nicht erst zu beschäftigen. Man muss schon sehr naiv sein, wenn man dieser Alltagswirklichkeit mit dem Scheinargument begegnet, die Betroffenen könnten ja nach einer Alternative suchen, und daran glaubt, dass die Möglichkeiten für die öffentliche Verbreitung von politischen Anschauungen gerecht verteilt sei. Wie bemerkte doch Paul Sethe? „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“

Nun erfahren wir, dass nicht nur die Weltanschauung, sondern auch die im Foto dokumentierte Physiognomie darüber entscheidet, ob jemand eine Stelle bekommt oder nicht. Denn ohne Foto geht es gar nicht.


Thomas Rothschild - 8. August 2021
2733

Kannitverstan

Hotelportale sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Da beklagt sich ein Tourist aus Freiburg über „Seminargäste (das Haus bezeichnet sich ausdrücklich auch als Tagungshotel), die auch im Muscle-Shirt, kurzen Cargo-Hosen und Birkenstocksandalen die Scene beim Abendessen zusätzlich bereichern.“ Ein Leipziger beschwert sich, dass sich das Personal in einem tschechischen Hotel nicht in englisch verständlich machen kann. Ein Gast ist verstimmt, weil er nicht gefragt wurde, ob das Essen geschmeckt hat, ein anderer empört sich darüber, dass ihm der Wein nicht nachgeschenkt wurde, einem dritten wurde der Aufenthalt vermiest, weil der Kellner zu wenig devot war.

Was mich betrifft, möchte ich nicht in einer Unterkunft bleiben, in der „bessere Leut'“ oder solche, die wenigstens im Urlaub als solche gelten wollen, logieren, die sich an Birkenstocksandalen, der Zumutung, dass sie ihr Weinglas selber füllen oder einem Kellner, der auch einmal schlechte Laune haben darf, stören. Das Nörgeln scheint zum Ausweis von Vornehmheit geworden zu sein. Die selben Leute, die immer, aber wirklich immer etwas auszusetzen haben und ihre Distinktion durch Sonderwünsche dokumentieren, mit denen sie das Personal quälen, sind außerstande, Gespräche in einer Lautstärke zu führen, die den Nebentisch von der Teilhabe befreit, oder die Liegen am Swimmingpool als Angebot nicht für sie allein zu betrachten. Der Urlaub dient als Freiraum, in dem man Verhaltensweisen an den Tag legt, für die man daheim mit sozialer Ächtung rechnen müsste. Und weil der Urlaub zu ende geht, verlängert man sein Selbstgefühl der Überlegenheit, das ausschließlich auf Selbstüberschätzung beruht, in den Bewertungen der Hotelportale. Gewiss: es gäbe einiges zu kritisieren an der Geschäftspraxis der Tourismusindustrie. Das fehlende Amuse Gueule ist es nicht. Johann Peter Hebels Kannitverstan gelangt durch Missverständnisse zu einer richtigen Erkenntnis. Die Mäkeleien in den Hotelportalen sind ebenso wenig Gründe für die richtige Erkenntnis, dass Hotels verbesserungsbedürftig sind, wie das dämliche Lachen eines Armin Laschet ein Beleg ist für die zutreffende Erkenntnis, dass dieser Mann ungeeignet ist für den Job des Bundeskanzlers.

Thomas Rothschild - 21. Juli 2021
2732

Wohin ist der Klassenkampf verschwunden?

Heute lese ich in den Stuttgarter Nachrichten: „Darum brauchen wir eine neue Nomenklatur, wenn wir unsere sexuelle Orientierung treffend beschreiben wollen. Das ist kein Selbstzweck, sondern kann dabei helfen, Missverständnisse zu vermeiden und einen besseren Umgang miteinander zu pflegen.“

Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Artikel erscheint, eine Talkshow stattfindet, in der über Sprachregelungen zur sexuellen Orientierung, über Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern, die Plausibilität der Unterscheidung von Geschlecht und Gender reflektiert wird. Wann haben Sie zuletzt etwas über den verschleiernden Begriff „Arbeitnehmer“ gelesen? Wo findet sich ein Hashtag mit dem Outing von Menschen, die in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden, weil ihre „Arbeitgeber“ Misswirtschaft betrieben haben? Wo ist die Liste derer, die Werte produzieren, aber im Jahr dramatisch weniger verdienen als ihre vorgesetzten Manager im Monat? Wo stehen die Klagen von Sekretärinnen, die weitaus weniger Gehalt bekommen als Professoren und Professorinnen, die ohne sie aufgeschmissen wären, deren Abwesenheit beträchtlich drastischere Folgen hat als eine „Dienstreise“ ihrer Chef*innen und die nicht selten deutlich intelligenter sind als diese? Wo ist die Rede davon, dass die einen sich die bessere Krankenversorgung und die gediegenere Ausbildung leisten können als die anderen? Wer spricht noch von überhöhten Mieten, die ein Großteil der Bevölkerung nicht bezahlen kann? Wer zählt nach, wie viele Abgeordnete in den Parlamenten, von der CDU, von der FDP, von den Grünen und von einem maßgeblichen Teil der SPD, die Interessen der Unternehmer und wie viele die Interessen ihrer Angestellten verteten? Warum sind Begriffe wie „Ausbeuter“ und „Ausgebeutete“ aus dem Vokabular der veröffentlichten Meinung verschwunden, jedenfalls wenn es um Klassenzugehörigkeit geht?

Es ist nicht abwegig, wenn man zwischen der florierenden Geschlechterdebatte und der Eskamotierung des Klassenkampfes einen Zusammenhang sieht. Die Beliebtheit des Gender-Themas selbst bei jenen, die von ihm wenig zu gewinnen scheinen, verdankt sich genau dieser Tatsache: Es sollte die Wahrnehmung des Unterschieds von Arm und Reich, von Privilegiert und Benachteiligt, von Mächtig und Machtlos zum Verschwinden bringen, und es war und ist damit erfolgreich.

In der Sowjetunion gab es den Witz von dem amerikanischen Besucher, der sich über mangelnde Pünktlichkeit bei der Moskauer Metro beschwerte, worauf ihm sein sowjetischer Begleiter entgegnete: „Und bei euch werden die Neger verfolgt.“

Der Konflikt zwischen der herrschenden Klasse, die die Produktionsmittel kontrolliert, und der Arbeitsklasse, die durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft diese Produktionsmittel bedient, hat sich seit Marx nicht verändert. Die Expropriation der Expropriateure ist eine gerechte, aber bis heute unerfüllte Forderung geblieben. Sie wird im öffentlichen Diskurs nicht mehr erhoben. Warum? Weil es Wichtigeres gibt. Weil wir eine neue Nomenklatur brauchen, wenn wir unsere sexuelle Orientierung treffend beschreiben wollen.

Thomas Rothschild - 18. Juli 2021
2731

Der schlechte Ton

Vor ein paar Wochen titelte der Wiener Standard: „Wie wichtig ist uns Theater?“ Sie erraten es: die Frage ist rhetorisch. Dem Verfasser der Antwort ist Theater sehr wichtig. Kein Wunder. Er ist dem Theater nicht nur als Zuschauer, sondern auch als gut honorierter Mitarbeiter verbunden. Er sagt „uns“ und meint „mir“. Er meint sich selbst, aber er versteckt sich hinter einem Plural.

Zufällig gehöre ich zu dem Kollektiv, für das zu sprechen er vorgibt. Mir ist Theater wichtig. Deshalb lese ich Publikationen und Websites, die sich mit Theater beschäftigen, und weder Sportzeitschriften noch Klatschblätter. Und so stoße ich naturgemäß auf unzählige Klagen darüber, wie sehr das dem Coronavirus zum Opfer gefallene Theater fehlt. Was mich allerdings von dem Autor unterscheidet, der verkündet, was „uns“ wichtig ist, ist das Bewusstsein, dass ich mit meinen Vorlieben zu einer unmaßgeblichen Minderheit gehöre. Mir ist klar, dass es sehr viel mehr Menschen gibt, denen Fußball, Gummibärchen, Stundenhotels und vielleicht sogar Gottesdienste wichtig sind, und ich weiß, dass uns der Standard beredt von dieser Wichtigkeit überzeugen könnte, wenn ein Pfarrer oder ein Zuhälter anstelle eines Theaterliebhabers den Artikel geschrieben hätte.

Mehr noch: Es ist ein Vielfaches an Menschen, denen eine warme Mahlzeit am Tag, der Schutz vor Kriegen und Terror, genügend Medikamente gegen Seuchen und Krankheiten wichtiger sind als das Theater. Wir, die wir zu den Privilegierten gehören, die jammern dürfen, wenn die Bühnen ein paar Monate zusperren müssen, sollten uns in der realistischen Einschätzung der Dimensionen von Unglück und in Bescheidenheit üben. Wir werden Sympathie und Unterstützung von der Mehrheit der Bevölkerung, die sich unter anderem in den Kommentaren zum erwähnten Standard-Lamento Luft machte, nur gewinnen können, wenn wir uns selbst weniger wichtig nehmen und unsere partikulären Interessen nicht als allgemeine ausgeben.

Heute habe ich den Medien entnommen, was den Menschen über das Theaterpublikum hinaus tatsächlich wichtig ist und sie zu massenhaften Reaktionen provoziert: der Ton bei der Fernsehübertragung eines EM-Spiels. Es soll uns eine Lehre sein. Jedenfalls mir.

Thomas Rothschild - 12. Juni 2021 (2)
2730

Treppenwitz der Geschichte

Aus der Tschechischen Republik erreicht uns eine aktuelle Meldung:

„In Tschechien bahnt sich eine historische Wende bei der Namensgebung an. Das Abgeordnetenhaus in Prag stimmte am Mittwoch einer Gesetzesnovelle zu, welche Frauen die freie Wahl der männlichen oder weiblichen Form des Nachnamens ermöglicht. Bisher müssen Frauen – wie auch in anderen slawischen Sprachen – einen Familiennamen mit der weiblichen Endung ‚-ova‘ tragen. Wenn der Mann Novak heißt, dann tragen seine Frau und Töchter den Namen Novakova. Doch das könnte sich bald ändern: Für die Änderung stimmten 91 Abgeordnete; dagegen waren 33. Die zweite Kammer des Parlaments, der Senat, muss dem noch zustimmen.“

Sehen wir einmal davon ab, dass die dpa oder die Zeitungsredaktion entweder über keine diakritischen Zeichen verfügen oder zu unbedarft sind, sie anzuwenden. Die weibliche Endung mit dem langen a schreibt sich á, und Frau Novak war in Tschechien bisher eine Nováková. Der Treppenwitz dieser Meldung besteht darin, dass nun Frauen in Tschechien jenes sprachliche und schriftliche Signal abgeben können sollen, das sie als Frauen „sichtbar“ macht. Früher trugen in vielen Kulturen Frauen sogar den Vornamen ihres Ehemanns. So weit geht man in Tschechien nicht. Aber nach Jahren der verbissenen und anhaltenden Kämpfe um ein unterscheidendes I, * oder / im deutschsprachigen Raum sollen unsere Nachbarinnen auf jenes Differenzierungsmerkmal verzichten dürfen, das ihnen seit je zustand.

Zugegeben: sie werden nicht dazu gezwungen. Sie haben die freie Wahl. Dann aber kommen wir alle in Verlegenheit. Was wollen uns die Frauen von Petr und Pavel Novák mitteilen, wenn die eine Novák und die andere Nováková heißt? Dass sie ihren Gatten inniger oder weniger innig lieben? Dass sie eher dem Feminismus oder der Wahlfreiheit vertrauen? Oder wollen sie sich einfach über jene Deutsch*innen lustig machen, die unterstellen, die Sichtbarkeit und die Emanzipation der Frauen ließe sich durch ein I, ein * oder ein / garantieren. Vielleicht konzentrieren sich Frau Novák und Frau Nováková ja darauf, endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu erkämpfen. Es wäre an der Zeit. Das wäre tatsächlich eine historische Wende, in Tschechien und in Deutschland. Mit und ohne Akzent über dem a.

Thomas Rothschild - 3. Juni 2021
2729

Citizen Kretschmann

In dem Film Citizen Kane kauft der Eigentümer des Inquirer die gesamte Redaktionsmannschaft des konkurrierenden Chronicle ein. Sein Freund Jedediah Leland stellt dem Kollegen Bernstein eine rhetorische Frage: „Do we stand for the same things the ‚Chronicle‘ stands for, Bernstein?“ Bernstein antwortet: „Certainly not. Listen, Mr. Kane, he'll have them changed to his kind of newspapermen in a week!“ Darauf Leland: „There's always a chance, of course, that they'll change Mr. Kane, without his knowing it.“

In Baden-Württemberg hat man vor Jahren – es scheint wie eine Ewigkeit – die Grünen zur stärksten politischen Kraft und mit ihr Winfried Kretschmann zum Ministerpräsidenten gewählt. Den Wahlsieg verdankten sie damals dem Widerstand gegen Stuttgart 21. Das ist längst vergessen. Der Slogan von einst – Wir bleiben oben – ist ein leeres Versprechen geblieben. Vom Stuttgarter Bahnhof steht nur noch ein Fragment, drum herum haben sich die Spekulanten breit gemacht, und eine Tunnellandschaft bahnt der Bahn einen Weg: unten. Der Popularität von Kretschmann hat es nicht geschadet. Er kann tun und lassen, was er will, das Wahlvolk zuckt nur mit der Schulter, wenn er dem bekannten Ausspruch Konrad Adenauers folgt: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!“

Wie ein Jungverliebter gab Kretschmann flugs dem Werben einer CDU nach, der man manches nachsagen kann, aber gewiss keine grünen Neigungen oder eine Abwehr von Stuttgart 21, das sie schließlich eingefädelt hat. Jetzt hat ausgerechnet Hans-Ulrich Rülke, der Vorsitzende der FDP-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, die bislang nicht durch eine besondere Nähe zu den Grünen aufgefallen ist, Kretschmann für das Amt des Bundespräsidenten ins Gespräch gebracht. Wer ist da weiser geworden? Die FDP oder Winfried Kretschmann?

„Stehen wir für die selben Dinge, für die die FDP steht, Trittin, Ströbele, Baerbock?“ „Gewiss nicht. Hören Sie zu, Herr Kretschmann, er wird sie innerhalb einer Woche zu Politikern seiner Art verändert haben.“ „Es gibt freilich immer eine Möglichkeit, dass sie Herrn Kretschmann verändern werden, ohne dass er es merkt.“

Thomas Rothschild - 1. Juni 2021
2728

Wie es sich fügt

„Der österreichische Nobelpreisträger Peter Handke ist in diesem Frühjahr von seiner Wahlheimat Paris nach Serbien gefahren und hat dort in Freundschaft und Ehrungen geschwelgt. Dreierlei nahm der 79-jährige Autor entgegen, einmal den Ivo-Andrić-Preis (benannt nach dem jugoslawischen Diplomaten und ebenfalls mit dem Nobelpreis gekrönten Schriftsteller), den ‚Orden des Karadjordje-Sterns der ersten Stufe‘ und dann noch den höchsten Orden der Republika Srpska. Das ist jener Teil Bosnien-Herzegowinas, der nach dem Jugoslawien-Krieg durch ethnische ‚Säuberungen‘ nahezu ‚rein‘ serbisch wurde und es, durch völkisch-nationalistische Politik, in weiten Teilen auch geblieben ist.
Handke teilt diesen Preis mit den schriftstellernden Kriegsverbrechern Ratko Mladić und Radovan Karadžić, beide zu lebenslanger Haft verurteilt, sowie dem serbischen Rechtsradikalen Vojislav Šešelj. Auch mit einem Denkmal zu seinen Ehren ließ der Dichter sich würdigen, eine traditionelle Darstellung des Dichters mit allerdings übergroßem Kopf.“
(Elke Schmitter auf Spiegel Online vom 21.05.2021)

Träger des Verdienstordens der Italienischen Republik (Auswahl): Willy Brandt, Ralf Dahrendorf, Hans Filbinger, Hans-Dietrich Genscher, Hans Globke, Kurt Georg Kiesinger, Henry Kissinger, Helmut Kohl, Norbert Lammert, Angela Merkel, Richard Nixon, Franz Josef Strauß, Wolfgang Thierse, Franjo Tuđman, Lech Wałęsa.

Elke Schmitter nennt ihre Kritik an Handke eine "Einordnung". Zur Einordnung der Träger des Verdienstordens der Italienischen Republik empfiehlt sich ein exemplarischer Besuch bei den Einträgen zu Franjo Tuđman oder Hans Globke, um sich zu vergewissern, mit wem Willy Brandt, Ralf Dahrendorf oder Angela Merkel ihn teilen. Manchmal hat man Pech mit seinen Nachbarn. Wenn es sich so fügt.

Thomas Rothschild – 26. Mai 2021
2727

Wofür man Verständnis zeigt

Der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici hat kürzlich erklärt: „Ohne Burgtheater wäre es finster um uns.“ Ob sich der Mitarbeiter der derart gepriesenen Institution nicht als befangen betrachten müsste, ist wohl Geschmackssache. In Österreich ist man da nicht zimperlich. In der Sache allerdings wäre eine Gedächtnisauffrischung hilfreich. Denn das Burgtheater hat eine längere Geschichte. In den Nachkriegsjahren vor Peymann und Benning war das Burgtheater ein Ort standesbewusster Dünkel, einer antiaufklärerischen Klassikerpflege und eines drögen Deklamationstheaters, das allenfalls von der Pariser Comédie-Française an Verstaubtheit übertroffen wurde. Es war über Jahrzehnte hinweg ein Ort der Sinnlichkeitsverweigerung und der Intellektfeindlichkeit, das sich zum Theater etwa eines Jan Grossman im benachbarten Prag verhielt wie Eugen Roth zu Allen Ginsberg. Wenn es irgendwo in Wien finster war, dann in dem nach den Beschädigungen durch den Krieg wiedereröffneten Kulturpalast am Ring. Es war in jenen Jahren vor allem Conny Hannes Meyer, der den durch maßgebliche Kritiker von den Bühnen ferngehaltenen Brecht studiert und mit seinen „Komödianten“ auf diese Hochburg des Bildungshochmuts reagiert hat.

Die Heroen der Stunde waren damals neben dem omnipräsenten Ewald Balser Werner Krauß, Rosa Albach-Retty, Paula Wessely, Paul und Attila Hörbiger, Fred Hennings, Viktor de Kowa. Für deren von Hitler und Goebbels gelobte und dekorierte Beiträge zur nationalsozialistischen Propaganda hat man nach 1945 auffallend mehr Nachsicht gezeigt hat als heute für die angeblichen oder tatsächlichen sexuellen Entgleisungen eines Klaus Dörr.

Es ist schon bemerkenswert, mit welchem Verständnis man Theaterleuten und anderen Künstlern begegnet, die sich dem Nationalsozialismus, nicht nur in Österreich, bereitwillig zur Verfügung gestellt haben, die ohne Widerspruch zusahen, als ihre jüdischen Kolleginnen und Kollegen entlassen, ins Exil gejagt oder ermordet wurden, und wie streng geurteilt wird, wenn jemand eines Vergehens verdächtigt wird, das mit Sexualität zu tun hat. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht etwa Gewalt, sondern „sexuelle Gewalt“ verteufelt wird. Wer sein Kind halb zu Tode prügelt, kann sich auf erzieherische Maßnahmen berufen. „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ Wer ihm aufs Geschlecht greift, muss mit der Hölle rechnen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: jede und jeder ist vor Gewalt, also auch vor sexueller Gewalt zu schützen. Kurios ist bloß, wie effizient die Gewalt verdrängt wurde, denen jene ausgesetzt waren, zu deren Ausgrenzung und Vernichtung Filme und Theaterstücke aufriefen, an denen Schauspielerinnen und Schauspieler beteiligt waren, darunter auch viele aus dem Burgtheater, ohne das es angeblich drumherum finster wäre.

Ein Klaus Dörr aber ist über Nacht zur Unperson geworden. Kann jemand sagen, wo er abgeblieben ist? Es gibt ihn nicht, und es darf ihn nie gegeben haben. So gnädig wie mit Werner Krauß oder Paula Wessely, die auf Hitlers Gottbegnadeten-Liste standen, wird mit ihm nicht umgegangen. Damit die Maßstäbe gewahrt bleiben. Innerhalb des Burgtheaters und in der umgebenden Finsternis.

Thomas Rothschild - 19. Mai 2021
2726

Mal andersrum

Die Häufung von alarmierenden Vorgängen haben das Thema der Willkür an den Theatern aufs Tapet gebracht. Schaupieler*innen, Regisseur*innen, Dramaturg*innen beklagen sich, spät aber doch, weil sich niemand für sie einsetzt, wenn ihre Verträge nicht verlängert werden und sie sich über Nacht ohne Engagements finden. Sie fühlen sich im Stich gelassen, mit gutem Grund, vom Publikum, von der Politik und insbesondere von jenen, die für die Herstellung von Öffentlichkeit zuständig sind: von den Medien.

Machtmissbrauch ist, wie der Fall Shermin Langhoff jüngst exemplarisch belegt hat, kein Privileg alter weißer Männer, und er ist nicht auf die Institution Theater beschränkt. Er ist überall dort anzutreffen, wo Abhängigkeiten bestehen: an den Schulen und Hochschulen, in den Redaktionen, an den Arbeitsplätzen. Wo Macht in den Händen Einzelner geballt ist, wird sie auch – nicht immer, aber gelegentlich – missbraucht. Und das beginnt nicht erst mit sexueller Belästigung.

Im Zuge der ökonomischen Probleme haben die Zeitungen und Rundfunkanstalten ihre so genannten „freien Mitarbeiter“ abgebaut. Da sie nie fest angestellt waren, braucht man ihnen nicht zu kündigen. Es gibt da nichts zu verlängern. Sie bekommen einfach keine Aufträge mehr. Und niemand fragt danach, wo sie abgeblieben sind, jene Kritiker und Berichterstatter, deren Beiträge man gestern noch regelmäßig lesen oder hören konnte, deren Namen man kannte. Alle gestorben? Oder von sich aus gegangen?

Nach und nach sind sie verschwunden, spurlos und unkommentiert. Ein Fall von vielen: Als die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten, später auch noch die traditionsreiche Esslinger Zeitung de facto fusioniert wurden, um seither nur noch zum Schein als eigenständige Printmedien zu überdauern, wurden sukzessive die Mitarbeiter eingespart, die zuvor aus Theater, Oper und Pop berichtet hatten. Früher haben, beispielsweise, sechs bis acht Mitarbeiter der Tageszeitungen im Stuttgarter Raum über Tanz und Ballett geschrieben. Heute hat sich die Redakteurin das Monopol gesichert und muss nur noch mit ihren Redaktionskolleg*innen, von denen einige so ehrgeizig wie sie und andere zu ihrem Glück faul sind, um den knappen Platz wetteifern. Ermutigt wird sie von einer Chefredaktion, die die fest Angestellten auffordert, selbst mehr zu schreiben und keine (zu honorierenden) Aufträge zu erteilen. Schon zuvor war die Zeitschrift der Kulturgemeinschaft, der Stuttgarter Besucherorganisation in der Tradition der Volksbühnen, mit ihren ausführlichen Besprechungen und Essays zu einem Ankündigungsorgan reduziert worden.

Und die Theater? Sie schweigen vernehmlich. Ein Protest, auch nur eine Nachfrage nach den verschwundenen Kritikern bleibt aus. Nicht zuletzt, weil man es sich, Machtmissbrauch hin oder her, nicht mit jenen verderben will, die geblieben sind. Sie haben schließlich eine, wenn auch begrenzte, Macht über jene, die sie kritisieren oder auch ignorieren. Die Mächtigen machen es unter sich aus.

Solidarität ist keine Einbahnstraße. Wenn die Theaterleute hinnehmen, dass die freien Mitarbeiter in die Wüste geschickt werden, wenn sie gegenüber dem Machtmissbrauch in den Medien keinen unüberhörbaren Widerstand leisten, werden ihnen jene abhanden kommen, die sich für ihre Agenda stark machen und nicht nur für populistische Bestätigung des ohnehin Gängigen und gedankenlose Homestorys. Wir sitzen im gleichen Boot.

Thomas Rothschild - 9. Mai 2021
2725

Coach

Alle paar Jahre kommt ein Begriff in Umlauf und mit ihm ein Beruf. Seit ein paar Jahren gehören der Begriff des „Coaching“ dazu und mit ihm der Beruf des „Coaches“. Er hat den Platz des Psychotherapeuten eingenommen, mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Jeder Scharlatan, jeder Hochstapler, jeder Betrüger kann sich Coach nennen. Trotzdem haben die Coaches in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens rasanten Zulauf. Vor einem Jahrhundert hat man sich über die Amerikaner mokiert, die wegen jedes Wehwehchens zum Psychiater oder zum Psychoanalytiker liefen wie einst brave Katholiken zur Beichte, die in Panik verfielen, wenn „ihr“ Analytiker mal indisponiert war. Heute erhoffen sich mitten in Europa immer mehr physisch und psychisch Überforderte von einem Coach jene Hilfe, die man in früheren Zeiten von der Oma oder einem guten Freund bekam, kostenlos. Die Coaches lachen sich ins Fäustchen. Ohne eine nennenswerte Ausbildung, für die Erteilung von meist lächerlichen Ratschlägen, die hinter jenen der lange Zeit aufgesuchten und verfolgten Kräuterhexen weit zurückbleiben, kassieren sie bis zu 1.000 Euro für die Stunde. Auch das im Grunde triviale englische Wort „Coach“ soll dem Pseudoberuf eine Aura verleihen, den das deutsche Wort „Begleiter“ nicht besitzt.

Man könnte darüber lachen. Ganz so unbedenklich freilich ist diese Entwicklung nicht. Da ist zunächst der ökonomische Faktor. Die Kosten für das Coaching werden weitergegeben, mit den Preisen für die Produkte und die Leistungen, die die gecoachten Frauen und Männer feilbieten. Wir alle bezahlen den Bluff. Schlimmer aber noch ist die Auswirkung auf die öffentliche Wahrnehmung. Da Coaching und Coaches existieren, glauben viele, es müsse etwas dran sein an diesem Voodoo, wie sie einst (und zum Teil heute noch) an Teufelsaustreiber glaubten, an Wünschelrutengänger, an Schuldnerberater und an Kulturmanager.

Wir leben in einer Zeit der abnehmenden Vernunft, des zunehmenden Aberglaubens, von dem die Hochstapler auf Kosten der Leichtgläubigen profitieren. Man könnte das Coaching ja unter der Kategorie harmloser Eulenspiegeleien abbuchen. Aber so harmlos ist es nicht. So lange irgendwer das Coaching als willkommene Leistung akzeptiert und direkt oder indirekt dafür bezahlt – indem er selbst einen Coach in Anspruch nimmt oder jemandem Kredit gewährt, weil er einen Coach vorweisen kann –, gehört das Coaching in die gleiche Kategorie wie eine medizinische Behandlung ohne medizinische Ausbildung oder das Eheversprechen einer verheirateten Person. Im letzten Fall spricht man von einem Heiratsschwindler. Vielleicht wäre die angemessene Bezeichnung für einen Coach: Beratungsschwindler. Und seine Opfer? Es drängt sich der Verdacht auf, dass die zunehmende Inanspruchnahme des Coaching beweist, was es angeblich bekämpfen will: dass unsere Gesellschaft immer meschuggener wird.

Treffen sich zwei Psychoanalytiker. Klagt der eine auf die Frage, wie es ihm gehe: „Ach, unser Beruf ist so deprimierend. Ständig hört man traurige Geschichten. Der eine Klient hat Minderwertigkeitskomplexe, der andere kommt mit seiner Familie nicht zurecht, der dritte will sich umbringen.“ Darauf der andere: „Wer hört schon zu, wer hört schon zu…“

Und was sagt ein Coach zum anderen?

Thomas Rothschild - 28. April 2021
2724

Dichterische Fantasie

Wenn Ihrem Club ein Mitglied durch Tod abhanden gekommen ist und Sie nicht recht wissen, wie Sie das an die Öffentlichkeit vermitteln sollen, können Sie sich dieses Textbausteins bedienen:

„Es erreicht uns die traurige Nachricht, dass unser langjähriges Mitglied (xxx) am (xxx) verstorben ist.
Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.“


Er ist eine Spende des PEN Zentrums Deutschland. Da die Altersstruktur des Vereins derart beschaffen ist, dass sich die Nachrufe häufen, findet niemand die Zeit, geschweige denn die Kompetenz und die Empathie, Worte zu entdecken, die dem jeweils Betrauerten angemessen und halbwegs glaubwürdig sind. Über Phrasen kommt man da nicht hinaus. Die schöpferische Beziehung des Dichtervereinsvorstands zur Sprache beschränkt sich darauf, gegebenenfalls die männlichen Pronomina durch weibliche zu ersetzen.

Seien wir ehrlich: Nirgends wird so sehr geheuchelt wie in Nachrufen. Das „de mortuis nilnisi bene“ ist eine unverblümte Aufforderung zur Lüge. Würde man diese Auswüchse rühmender Rhetorik wenigstens zu einem Zeitpunkt formulieren, zu dem sich der derart Gepriesene noch darüber freuen kann. So aber sind sie nicht mehr als ein Akt der Pietät, an den zu glauben einige Überwindung kostet. Besonders krass wird das Misstrauen gegenüber der institutionalisierten Heuchelei, wenn man weiß, wie der Tote, der sich nicht mehr wehren kann, über jene gedacht hat, die jetzt damit drohen, ihm „ein ehrendes Andenken bewahren“ zu wollen.

Die Glaubwürdigkeit wird durch eine versteinerte Sprache der Formeln endgültig torpediert. Da wird ein Pflichtprogramm absolviert. Die Phrasen entlarven die Pharisäer. Dass die Nachricht, die sie erreicht hat, „traurig“ sei, wird man ihnen abnehmen können, wenn sie wenigstens ab und zu zugäben, dass sie eine Todesnachricht gleichgültig belassen oder gar mit Freude erfüllt habe. Und dass sie jemandem „ein ehrendes Andenken bewahren“, soll als überprüfbare Aussage gelten, wenn sie benennen können, worin die Ehrung besteht, und beschwören, dass sie nach drei Monaten noch wissen, wie der Vorname dessen lautete, dessen Andenken sie bewahren wollten.

Ach, diese Scheinheiligern. Ach, diese armselige Sprache, die sie verrät.

Thomas Rothschild - 21. April 2021
2723

Sprachlich ausgeschlossen

Die Stuttgarter Nachrichten titeln mit einer Behauptung, die eine Antwort auf eine nie gestellte Frage suggeriert: Warum wir das Stuttgarter Frühlingsfest vermissen.

„Eigentlich würde an diesem Samstag das Stuttgarter Frühlingsfest beginnen. Wegen der Coronapandemie fällt es zum zweiten Mal aus. Warum wir es vermissen.
Tausende Menschen aus aller Herren Länder tanzen eng nebeneinander auf Bierbänken, das viel zu teure Bier fließt in Strömen und auf der Bühne wird der neuste Partyschlager gespielt, von dem man auch noch nach drei Maß Bier den Text im Kopf hat – das alles sind Szenen, die wir uns heute nur noch schwer vorstellen können. Zum zweiten Mal in Folge musste das Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen abgesagt werden und wir müssen zugeben: Es fehlt uns.

Wir vermissen den Geruch von frischen Crêpes und Zuckerwatte, die Fahrt mit dem Riesenrad und auch ein bisschen die leidige Diskussion über Trachten, die so gar nichts mit der Tradition des Wasens zu tun haben. In unserer Bildergalerie haben wir ein paar Dinge zusammengefasst, die uns in den kommenden Wochen fehlen werden.“


Spricht hier das majestätische Wir des Autors Johannes Volz? Wohl nicht. Er meint uns alle, sich selbst an erster Stelle und dann alle Leser. Ich komme ins Grübeln. Weder vermisse ich das Stuttgarter Frühlingsfest, noch muss ich irgendetwas, geschweige denn, dass mir das Frühlingsfest fehle, zugeben. Weder vermisse ich den neusten Partyschlager, von dem man auch noch nach drei Maß Bier den Text im Kopf hat, noch den Geruch von frischen Crêpes und Zuckerwatte.

Einmal mehr fühle ich mich sprachlich ausgeschlossen wie bei dem Titel Deutschland trauert, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft ein WM-Spiel verliert, und ich kann beschwören, dass ich jede Menge Menschen kenne, die sich weder mit einem Wir identifizieren, das das Stuttgarter Frühlingsfest vermisst, noch mit einem Deutschland, das trauert, wenn Italiener besser Fußball spielen als Deutsche. Sie werden von den Stuttgarter Nachrichten in Geiselhaft genommen. Es ereilt uns allen, denen das Stuttgarter Frühlingsfest mitsamt dem Geruch von Zuckerwatte nicht mehr bedeutet als ein zugesperrtes Gasthaus an der nächsten Ecke, das Schicksal, das Feministinnen den Opfern des generischen Maskulinums zuschreibt: dass es all jene „unsichtbar macht“, die nicht zu der prädestinierten Gruppe – den Männern, den Frühlingsfestimmunen – gehören. Nur: warum ist das so? Warum wird diese Tatsache nicht kommentiert und skandalisiert wie ein „man“, bei dem auch Frauen „mitgemeint“ sind?

Weil das „Wir“ der Stuttgarter Nachrichten kein Versehen ist, sondern ein Ausdruck eines zunehmenden Populismus. Die Zeitung und ihr Autor rechnen mit einer Mehrheit, die tatsächlich das Frühlingsfest vermisst, wie sie ein verlorenes Fußballspiel betrauert. Sie biedern sich an und beschwören eine geschlossene Volks-, Frühlingsfest-und-Zuckerwatte-Begeisterten- oder Fußballfangemeinschaft. Wer nicht dazu gehört, existiert nicht, weder grammatisch, noch in der Berichterstattung. Oder dürfen wir demnächst mit dem Titel rechnen: "Warum wir weder den Lärm, noch das Verkehrschaos am Cannstatter Wasen vermissen“?

Thomas Rothschild – 17. April 2021
2722

Der Surrealist

Der Surrealismus gilt als „schwer verständlich“ und erfreut sich doch, zumindest in seiner Ausprägung als Malerei oder Grafik, großer Beliebtheit, auch beim kunstgeschichtlich ungebildeten Publikum. Ob Magritte oder Dali, Man Ray oder Max Ernst: Ausstellungen, die ihnen gewidmet sind, haben massenhaft Zulauf, und Reproduktionen ihrer Bilder finden als Kalender, Poster oder Postkarten reißenden Absatz. Gerade was die Interpretation erschwert – die Nicht-Übereinstimmung mit der Alltagsrealität, das Nebeneinander von nicht Zusammengehörigem, die Störung logischer Konventionen – wirkt zugleich komisch, amüsiert und regt die Vorstellungskraft an.

Max Ernst zählt mit Gewissheit zu den vielfältigsten und originellsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die Spuren, die er hinterlassen hat, sind unübersehbar – bei Raoul Tranchirer alias Ror Wolf ebenso wie etwa bei der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, bei Edward Gorey oder in Kostümen Achim Freyers.

Der Versuchung, das Surreale mit der Logik des Traums in Verbindung zu bringen, hat Max Ernst selbst Vorschub geleistet, etwa wenn er seinen zweiten Collageromane von 1930 Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel, zu deutsch Das Karmelienmädchen - Ein Traum nennt. Und es ist historisch auch wahr, dass die Surrealisten von der Psychoanalyse und deren Interesse für Träume beeinflusst waren. Aber in ihrer Häufung machen Max Ernsts Arbeiten doch deutlich, dass es sich nicht um eine mimetische Abbildung wirklicher oder denkbarer Träume handelt, sondern um die Umsetzung eines ästhetischen Prinzips, das, allein der Kunst verantwortlich, zum Traum lediglich Analogien aufweist, wie es die realistische Kunst zur Erfahrungswelt des Wachzustands oder die ungegenständliche Kunst zu Strukturen des mikroskopischen Bereichs tut. Fast wirkt der Hinweis auf den Traum wie ein Tröstungsversuch für jene, die sich mit der Autonomie der Kunst nicht abfinden mögen. Es bedarf keiner Bezugnahme zum Unbewussten, um die groteske Schönheit von Max Ernsts Vogelmenschen zu goutieren, die ja längst ebenso zum Fundus malerischer Figuren zählen wie mittelalterliche Dämonen oder barocke Engel. Im System der Kunst sind sie nicht weniger real als eine Obstschüssel oder eine Vase.

So ist es auch kein „Verrat“ an den surrealistischen Grundsätzen, wenn Max Ernst sich in manchen Arbeiten vom Gegenständlichen verabschiedet und ganz der minimalistischen Konstellation von Formen und Farben widmet – etwa in seinen Radierungen zu Gedichten Hölderlins aus dem Jahr 1961.

Ob der habituelle Verweis auf angebliche Verwandtschaften bei Filmregisseuren wie David Lynch und Alfred Hitchcock besonders zielführend ist, sei dahingestellt. Irgendwie verkommen solche Anbiederungen zum modischen Ritual. Wenn David Lynch mehr und mehr zum Allerweltsmaßstab und auch zum Vergleich herangezogen wird, wo von Edward Hopper die Rede ist, fragt man sich doch, was Hopper und Max Ernst eigentlich gemeinsam haben.

Heute vor 45 Jahren ist Max Ernst gestorben, morgen jährt sich sein Geburtstag zum 130. Mal.


Thomas Rothschild – 1. April 2021
2721

Das Ende des Genres

Der Film hat von seiner Geburt Ende des 19. Jahrhunderts an, schon in seinen mehr als 30 stummen Jahren, Genres herausgebildet. Zu den frühesten gehörte der Western, aber auch der Gangsterfilm konnte sich sehr schnell als Genre etablieren. Nicht auf Innovation kam es in erster Linie an, sondern auf die Virtuosität bei der Durchführung eines vorgegebenen Schemas, wie das in den anderen Künsten bis weit ins 18. Jahrhundert gang und gäbe war.

Der Genrefilm konnte sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts behaupten. Stets aufs Neue stellte er eine Herausforderung für Regisseure dar. Als sich das Ende des Westerns bereits ankündigte, sprach man vom Spätwestern. Manche Genres kamen hinzu, manche, wie etwa der Kriegsfilm oder der Katastrophenfilm, auch das Filmmusical standen nur für kurze Zeit im Vordergrund, andere, wie der Porno, überlebten im Verborgenen.

Heute existieren die Filmgenres, kaum als solche erkennbar, allenfalls in Überresten. Die Logik der Konsumgesellschaft verlangt immerfort Neues, Originelles. So wie der früher fast obligatorische Establishing Shot durch die eröffnende Detailaufnahme ersetzt wurde, die Ort und Art der Handlung offen lässt und eine Überraschung verspricht, so ist das Genre mehr oder weniger verschwunden. Mit dem Western ist auch der Western-Fan verschütt gegangen, der den Gang von John Wayne nachahmen konnte oder den Slang des typischen Bösewichts.

Mit den Genres freilich, und das ist fast noch bedauerlicher, ist auch ihr humoristisches Gegenstück verloren gegangen: die Parodie. Sie verlangt, um verstanden zu werden, ein vertrautes, allgemein bekanntes Muster. Wo es keinen Western mehr gibt, kann es auch keine Parodien geben wie Destry Rides Again, 4 for Texas oder Cat Ballou, wo der Gangsterfilm nicht geläufig ist, können auch Parodien wie The Ladykillers, Ocean's Eleven, Charade oder Robin and the 7 Hoods nicht funktionieren – allesamt Highlights des komischen Films.

Wer derlei bedauert, wird als rückwärtsgewandt und vergreist bespöttelt. Meinetwegen. Aber man nenne mir den Ersatz für die Verluste. Die Digitalisierung? Die Tricks aus dem Computer? Wie hätte man im Western gesagt? Scheiß drauf.

Thomas Rothschild - 17. März 2021
2719

Jenseits des Genderns

Was Angela Merkel und Olaf Scholz zum Weltfrauentag zu sagen vergessen haben:

„Soll die Frau volle gesellschaftliche Gleichberechtigung mit dem Manne erhalten - in Wahrheit und in der Tat und nicht bloß mit toten Gesetzestexten auf geduldigem Papier -, soll sie wie der Manne freie Entwicklungs- und Auswirkungsmöglichkeit für ganzes Menschentum gewinnen, so müssen zwei Hauptbedingungen erfüllt werden: Das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist aufzuheben und durch das Gesellschaftseigentum zu ersetzen; die Tätigkeit der Frau ist der gesellschaftlichen Gütererzeugung in einer ausbeutungs- und knechtschaftslosen Ordnung einzugliedern. Nur die Verwirklichung dieser beiden Bedingungen schließt es aus, dass die Frau entweder als Weib und Mutter in der Familie in wirtschaftliche Abhängigkeit vom Manne gerät oder aber infolge des Klassengegensatzes zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten als Proletarierin und Berufstätige im Betrieb unter die wirtschaftliche Knechtschaft und Ausbeutung durch den Kapitalisten fällt, dass durch einseitige, übersteigerte Anforderungen, sei es der Hauswirtschaft und Mutterschaft, sei es der Berufstätigkeit, wertvollste Kräfte und Gaben verkümmern und eine harmonische Vereinigung beider Pflichtkreise unmöglich gemacht wird. Nur die Verwirklichung dieser beiden Bedingungen verbürgt es, dass die Frau mit allseitig entwickelten Fähigkeiten und Kräften als gleichverpflichtet und gleichberechtigt Arbeitende, Schaffende in einer Gemeinschaft gleichverpflichtet und gleichberechtigt Arbeitender und Schaffender wirkt und dass Berufstätigkeit und Mutterschaft sich zum Ringe vollen Auslebens zusammenschließen.

Die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung erweisen sich als ohnmächtig, der Gesamtheit der Frauen volles Recht und volles Menschentum zu gewährleisten. Gewiss kommt ihrer Durchsetzung die nicht zu unterschätzende grundsätzliche Bedeutung zu, dass die bürgerliche Gesellschaft und ihr Staat das alte Vorurteil von der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechtes offiziell auslöschen und mit der Gleichberechtigung des Weibes seine soziale Gleichwertigkeit anerkennen. Allein, in der Praxis läuft die Verwirklichung frauenrechtlerischer Forderungen in der Hauptsache darauf hinaus, die kapitalistische Ordnung zugunsten der Frauen und Töchter der besitzenden Klasse zu reformieren, während die ungeheure Mehrzahl der Proletarierinnen, die Frauen des schaffenden Volkes, nach wie vor als Unfreie und Ausgebeutete der Verkümmerung und der Missachtung ihres Menschentums, ihrer Rechte und Interessen preisgegeben sind.

Solange der Kapitalismus fortbesteht, bedeutet das Recht der Frau auf freie Verfügung über ihr Vermögen und ihre Person die letzte Stufe der Emanzipation des Besitzes und erweiterte Ausbeutungsmöglichkeiten der Proletarierinnen durch die Kapitalisten. Das Recht der Frau auf gleiche Bildung und Berufstätigkeit mit dem Manne läuft darauf hinaus, den Frauen der Besitzenden die so genannten höheren Berufsgebiete zu erschließen, damit den Grundsatz der kapitalistischen Konkurrenz auch hier zu unbeschränkten Geltung zu bringen und den wirtschaftlichen wie sozialen Gegensatz zwischen den Geschlechtern zu verschärfen. Sogar die wichtigste und weit tragendste der frauenrechtlerischen Forderungen - die der vollen politischen Gleichberechtigung der Geschlechter, insbesondere die der Zuerkennung des aktiven und passiven Wahlrechts - ist durchaus unzulänglich, den Frauen der Nichts- und Wenigbesitzenden in Wirklichkeit ganzes Recht und volle Freiheit sicherzustellen.

Denn bei dem Fortbestand des Kapitalismus ist das Wahlrecht nur zur Verwirklichung der lediglich formalen politischen, bürgerlichen Demokratie da, es besagt keineswegs tatsächliche wirtschaftliche, proletarische Demokratie. Das allgemeine, gleiche, geheime, direkte, aktive und passive Wahlrecht für alle Erwachsenen bedeutet nur die letzte Entwicklungsstufe der bürgerlichen Demokratie und wird zur Grundlage und zum Deckmantel für die vollkommenste politische Form der Klassenherrschaft der Besitzenden und Ausbeutenden. Diese Klassenherrschaft verschärft sich aber in der jetzigen Periode des Imperialismus, der revolutionären gesellschaftlichen Entwicklung - dem demokratischen Wahlrecht zum Trotz - zur gewaltigsten, brutalsten Klassendiktatur gegen die Besitzlosen und Ausgebeuteten. Dieses Wahlrecht hebt nicht das Privateigentum an den Produktionsmitteln auf und damit auch nicht den Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat, es beseitigt mithin auch nicht die Ursache der wirtschaftlichen Abhängigkeit und Ausbeutung der ungeheuren Mehrzahl von Frauen und Männern durch die Minderheit der besitzenden Frauen und Männer. Es verhüllt nur diese Abhängigkeit und Ausbeutung durch den trügerischen Schleier der politischen Gleichberechtigung. Auch die volle politische Gleichberechtigung kann daher für die Proletarierinnen nicht etwa das Endziel ihrer Bewegung, ihres Kampfes sein. Für sie kommt der Besitz des Wahlrechtes und der Wählbarkeit nur als ein Mittel unter anderen Mitteln in Betracht, sich zu sammeln und zu schulen für Arbeit und Kampf zur Aufrichtung einer Gesellschaftsordnung, die erlöst ist von der Herrschaft des Privateigentums über die Menschen und die daher nach der Aufhebung des Klassengegensatzes zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten die Gesellschaftsordnung freier, gleichberechtigter und gleichverpflichteter Arbeitender sein kann.“


(Quelle: Auszug aus einem Artikel von Clara Zetkin in Die Kommunistische Internationale, 1920/21, Nr. 15, S. 530-555)


Clara Zetkin, Kommunistin und Initiatorin des Weltfrauentags, 1920.


Thomas Rothschild – 8. März 2021
2718

Richards Erben

Der größte Schurke der Weltliteratur dürfte wohl Richard III. sein. Er scheut keine Verbrechen, um sein Ziel zu erreichen: König von England zu werden. Aber er ist auch ein Meister der Heuchelei. Um seinen innigsten Wunsch nicht aussprechen zu müssen, lässt er den Herzog von Buckingham den Bürgermeister von London und „das Volk“ dazu verführen, dass sie ihm den Königsthron aufdrängen. Mit der Bibel in der Hand – dem Inbegriff des Pharisäertums – erwidert er auf deren Bitten (in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel):

„Dankwert ist Eure Liebe; doch mein Wert,
Verdienstlos, scheut Eu'r allzuhoch Begehren.
Erst, wäre jede Hind'rung weggeräumt
Und wär' geebnet meine Bahn zum Thron,
Als heimgefallnem Rechte der Geburt:
Dennoch, so groß ist meine Geistesarmut,
So mächtig und so vielfach meine Mängel,
Dass ich mich eh' verbürge vor der Hoheit,
Als Kahn, der keine mächt'ge See verträgt,
Eh' ich von meiner Hoheit mich verbergen,
Von meines Ruhmes Dampf ersticken ließe.
Doch, Gott sei Dank! es tut nicht not um mich;
Und wär's, tät' vieles not mir, Euch zu helfen.
Der königliche Baum ließ Frucht uns nach,
Die, durch der Zeiten leisen Gang gereift,
Wohl zieren wird den Sitz der Majestät,
Und des Regierung uns gewiss beglückt.
Auf ihn leg' ich, was Ihr mir auferlegt,
Das Recht und Erbteil seiner guten Sterne,
Was Gott verhüte, dass ich's ihm entrisse.

(...)
Ach, warum diese Sorgen auf mich laden?
Ich tauge nicht für Rang und Majestät.
Ich bitt' euch, legt es mir nicht übel aus:
Ich kann und will euch nicht willfährig sein.“


Es gilt als abgemacht, dass Shakespeare von den Freiheiten der Literatur Gebrauch gemacht und sich Übertreibungen geleistet habe, die von der Wirklichkeit nicht eingeholt werden könnten. Ist das so?

Man sehe sich unsere Zeitgenossen an, die nach Herrschaft streben. Von Trump bis Putin, von Lukaschenka bis Orbán: sie machen sich gar nicht erst die Mühe, sich bitten zu lassen und so zu tun, als seien sie für das höchste Amt unfähig oder unwürdig. Sie nominieren sich ohne Wenn und Aber selbst und krönen sich mit den modernen Insignien der Macht. Sogar auf den Posten eines Wirtschaftsministers will ein Friedrich Merz nicht warten, bis ihn jemand dafür vorschlägt. Er bringt sich unverblümt selbst ins Gespräch. Und damit sie freie Hand haben, sorgen die potentiellen Autokraten mit Immunisierungen und maßgeschneiderte Gesetzen dafür, dass ihnen, sollte mit ihrer Herrschaft etwas schief gehen, für ihre Taten nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Eben erst hat uns Nicolas Sarkozy vorgemacht, wie man im schlimmsten Fall Hausarrest bekommt, das Homeoffice, das von uns normal Sterblichen zurzeit erwartet wird, auch wenn wir uns nichts zuschulden haben kommen lassen.

Da kann man Richard III. fast ins Herz schließen dafür, dass er sich wenigstens die Mühe macht, sich zu verstellen. Gemessen an der selbstherrlichen Schamlosigkeit heutiger Aufsteiger kann man ihm fast Anstand attestieren. Na ja. Ein Schurke ist er trotzdem. Und wie soll man jene nennen, die aus ihren Ambitionen keine Mördergrube machen? Literatur und Leben: ein immer wieder lehrreiches Kapitel.

Thomas Rothschild – 4. März 2021
2717

Kult

In einem Verzeichnis der „besten ausländischen Restaurants“ in Deutschland ist von „Robert Mondavis Kultwein“ die Rede. Dabei bleibt es aber nicht. Ein Wiesbadener Asienrestaurant wird als „schicke Kultadresse“ ausgewiesen. Und von der Küche eines Frankfurter Vietnamrestaurants heißt es ebenso wie vom „tellerfüllenden Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat“ eines Hamburger Lokals, sie seien „kultverdächtig“ oder „fast schon kultverdächtig“. Fast? Verdächtig oder nichtverdächtig? Wie ist etwas fast verdächtig?

Aber um Genauigkeit, gar Schönheit der Sprache scheint es hier nicht zu gehen, wo nur die Schönheit der Schnitzel zählt. Die Sprache der Restaurantkritik ist ohnedies durch keine Satire zu überbieten. Das Wort „Kult“ kommt bekanntlich aus dem Bereich der Religion. Für den säkularen Bereich wurde es zunächst in Bezug auf den Film inflationiert. Casablanca, The Rocky Horror Picture Show, Blade Runner – so unterschiedlich diese Filme sind: da sie ihre Fangemeinde haben, figurieren sie als „Kultfilme“. „Kultverdächtig“ wäre somit etwas oder jemand, das oder der im Verdacht steht, es oder er könnte von vielen verehrt werden. Analog ließe sich von einem Menschen oder einem Bauwerk sagen, er oder es sei „bewunderungsverdächtig“, oder von der Gastronomiekritik, sie sei „stilblütenverdächtig“.

So weit sind wir noch nicht. Vorläufig müssen wir uns mit dem kultverdächtigen Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat begnügen.


Thomas Rothschild – 24. Februar 2021
2716

Der Normalfall

Der Spiegel gibt sich empört:

„Weltweit warten Menschen auf ihre Impfungen. Wer zuerst drankommt, entscheidet sich in der Regel danach, wie alt oder krank man ist, welchem Infektionsrisiko man ausgesetzt ist, ob man im Medizinbereich arbeitet oder nicht. Wie viel Geld jemand auf den Tisch legen kann für eine Impfung, ist – bisher – kein Kriterium.
Doch schon länger wird vor einem sogenannten Impftourismus und erkauften Sonderregeln für Superreiche gewarnt. Der Gefahr also, dass sich Leute den Zugang zu Impfdosen erkaufen und so die Warteschlange überholen. Dass nicht die zuerst drankommen, für die eine Coronainfektion besonders gefährlich wäre, sondern die mit den dicksten Brieftaschen.“


Ist es Heuchelei oder gar der dreiste Versuch einer Ablenkung von der Realität? Was das Nachrichtenmagazin da meldet, ist in der Tat schamlos. Nur eins ist es nicht: eine Nachricht. Es ist die Normalität.

Auf kaum einem Gebiet, vielleicht das Bildungswesen ausgenommen, ist die Ungleichheit so eklatant, die Brieftasche so ausschlaggebend wie auf dem der medizinischen Versorgung. Eine Mehrheit der Menschen auf dieser Erde hat gar keine Chance, die Hilfe eines Arztes und erforderlicher Medikamente zu bekommen, die für Reiche in den reichen Ländern selbstverständlich sind. Selbst in den reichsten Ländern dieser Welt, etwa in den USA, können sich große Teile der Bevölkerung die allernötigste medizinische Versorgung nicht leisten, während die Wohlhabenden mit einer geradezu luxuriösen Behandlung rechnen (!) dürfen.

Und bei uns, in Deutschland? Wer nicht das nötige Kleingeld hat – und das sind nicht wenige –, muss mit einem bescheidenen Zahnersatz ebenso auskommen wie ohne Brille oder Kontaktlinsen. Wer Geld hat, wird vom Chefarzt behandelt und im Krankenhaus in Einzelzimmern untergebracht. Viele Leistungen, etwa für Kuren, sind stark eingeschränkt im Vergleich zu den Angeboten für die Patienten mit den dicken Brieftaschen. Die dürfen Jahr für Jahr in Luxussanatorien Urlaub machen. Ob sie wirklich krank sind oder nicht. Schon Gstanzln aus dem alten Wien resignierten: „Wer a Geld hat, der reist ins Bad in Summa, / Und wer kans hat, schwimmt im Waschtrog uma; / Mir is’s alles ans, mir is’s alles ans, ob i a Geld hab’ oder kans.“

Wie so oft tut Der Spiegel in einem wahrscheinlich statistisch nicht relevanten Fall, eben des Impftourismus, als wäre er ein Robin Hood der Benachteiligten. Nur um darüber hinweg zu täuschen, was man jeden Tag beobachten und im globalen Maßstab wissen kann: dass die Ungleichheit die Grundlage unserer Gesellschaft ist. Das ist kein Unfall. Es ist gewollt wie der Profit von Reiseveranstaltern, die einen inkludierten Impftermin außer der Reihe anbieten. Für jene, die bezahlen können.

Und Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Großbritannien hatte einst mit seinem National Health Service ein vorbildliches und erstaunlich soziales Gesundheitssystem. Margret Thatcher begann damit, es abzubauen, und andere Staaten haben es ihr nachgemacht. Unter dem Damoklesschwert eines angeblichen Sozialismus siegen Sozialdarwinismus und das Recht des (finanziell) Stärkeren. Nicht erst seit Corona.

Thomas Rothschild - 13. Februar 2021
2715

Die Ewigheutigen

Man nennt sie, je nach Standpunkt, Konvertiten, Renegaten oder Häretiker. Die einst, während der 68er-Revolte, oder, schlimmer noch, im Glauben an den Kommunismus zu jenen gehörte, die den Mund am weitesten aufrissen und zu den dogmatischsten Vertretern der reinen Lehre gehörten, werden nicht müde, Reue zu bekennen, ihrer biographischen Vergangenheit abzuschwören und sich jenen anzubiedern, die sie einst bekämpft haben, in der Hoffnung auf den Lohn, der manchmal eintrifft, manchmal auch ausbleibt. Jene aber, denen sie mangelnde Lernfähigkeit attestieren, weil sie, durchaus selbstkritisch, weiterhin der Ansicht sind, dass die bestehende nicht die beste aller denkbaren Welten ist, die den Kapitalismus nach wie vor für inhuman und die Sozialdemokratie eines Schröder, eines Blair, eines Mitterand und ihrer Nachfolger für keine taugliche Alternative halten, denunzieren sie als Ewiggestrige.

Das böse Wort macht die Runde. Mit diesem Begriff, mit dem man lange Zeit jene bezeichnete, die nach 1945 dem Nationalsozialismus nachtrauerten, werden nun gleich doppelt jene diffamiert, die sich nicht der verordneten Ansicht anschließen, dass der Sozialismus ein für alle Mal ausgespielt habe.

Sehen wir einmal davon ab, dass der Sozialismus noch nirgends wirklich ausprobiert worden ist. Da, was jeder Sozialist wissen konnte, die Sowjetunion und ihre Kolonialstaaten niemals soziali­stisch waren, können sie jetzt nicht "postsozialistisch", sondern allenfalls präsozialistisch sein. Sehen wir einmal ab von dem Etikettenschwindel, der mit dem Wort Sozialismus betrieben wurde – von den Mächtigen in den angeblich sozialistischen Ländern ebenso wie von deren dezidiertesten Gegnern. Selbst wenn man der Meinung war, die DDR und andere Staaten des Warschauer Pakts seien sozialistisch gewesen, so kann doch die Zulässigkeit einer sozialistischen Utopie nicht abhängig sein von der Existenz eines sozialistischen Staates. Ist derjenige ewiggestrig, der sein Denken nicht der Macht des Faktischen unterordnet? Ist derjenige ewiggestrig, für den die DDR (etwa) über den Tag hinaus, an dem sie zu existieren aufhörte, als sozialistisch – oder eben als nicht sozialistisch – einzuschätzen war und ist? Darf für Sozialisten nicht gelten, was man Christen trotz Kreuzzügen und Inquisition, was man Sozialdemokraten trotz der Zustimmung der SPD zu den Kriegsanleihen im Jahr 1914, die maßgeblich für den Ersten Weltkrieg mitverantwortlich waren, trotz dem „freudigen Ja“ des späteren Bundespräsidenten Karl Renner zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, was man Grünen trotz halsbrecherischen Kompromissen mit umweltfeindlichen Projekten zum Erwerb und zur Erhaltung von politischer Macht zubilligt?

Zum Kotzen sind doch in Wahrheit die Ewigheutigen, die Konjunkturisten, die ihre Ansichten nach der Tagesmode ausrichten. Zum Kotzen sind die Ewigheutigen, für die der Sozialismus denkbar (sei es begrüßenswert, sei es bekämpfenswert) war, bloß weil es eine DDR gab, und die flugs in die Sprachregelung einstimmten, wonach die Freie Marktwirtschaft die konkurrenzlose Herrschaft nicht nur auf den Märkten, sondern auch in unseren Köpfen anzu­treten habe.

Dabei schrecken die Ewigheutigen vor den merkwürdigsten Volten nicht zurück. Mit dem Eifer von Gesinnungspolizisten schnüffeln sie hinter der angeblich mangelnden Gesinnung von Schriftstellern und Künstlern her, die in der DDR ihre Überlebenskompromisse gemacht haben, um zugleich zu postulieren, Gesinnung habe in der Kunst nichts zu suchen. Sie sind so heutig, dass sie sich in ihrer gerade aktuellen Meinung selbst nicht zurechtfinden. Aber auf Meinungen kommt es auch gar nicht an. Denn das ist die höhere Weisheit des Lobs auf die Gesinnungslosigkeit: dass man ewig heutig ist, wenn man sich auf die Seite der Sieger stellt. Da, in trauter wärmender Nähe zur herrschenden Macht fühlt sich neuer­ dings wohl, was die deutsche Intelligenz repräsentieren möchte. Auch eine Möglichkeit. Eine heutige.

Thomas Rothschild - 26. Januar 2021
2714

Hinweis

Man muss ja nicht um jeden Preis aussprechen, was andere schon besser, genauer und pointierter gesagt haben. So lange freilich Redakteure und feste freie Mitarbeiter in den bezahlenden Medien davon profitieren, werden sie weiterhin daherschwadronieren, als besäßen sie ein Denkvermögen. Nicht das Plagiat ist das Ärgernis, sondern die Geschwätzigkeit, die uns wertvolle Lebenszeit stiehlt. Weil es aber ein Manko wäre, wenn ein wirklich brillanter journalistischer Beitrag einer Autorin, die mir bislang nicht aufgefallen ist und auf deren Text ich nur durch Zufall gestoßen bin, in den Abgründen des Internets verloren ginge, sei heute anstelle einer eigenen Herzensergießung auf einen Link verwiesen. Wer ihn anklickt [s. auf 54books.de], wird es nicht bereuen: Früher einmal hieß es in so einem Fall: „Den Namen wird man sich merken müssen.“ Es wäre schon etwas gewonnen, wenn man den von Christina Dongowski genannten Namen in den Kontext rückte, den sie so treffend charakterisiert. Der folgende Satz jedenfalls hat das Zeug zu einem „Klassiker“ des politischenAphorismus: „Bloß gehört die schlichte Erkenntnis, dass Leute, die freiwillig Nazi-Kunst machen, auch Nazis sind, eben noch immer nicht zu den Basics deutscher Debatten.“


Thomas Rothschild - 16. Januar 2021
2713

Internationale Küche

In Restaurantführern trifft man oft auf eine Kategorie „Internationale Küche“. Das kann nicht mehr sein als ein Verlegenheitsbegriff für all jene Restaurants, die sich in spezifischere Abteilungen – schwäbische, italienische, chinesische, makrobiotische Küche etc. – nicht einordnen lassen. Er kann zweierlei meinen: jene überall in der Welt anzutreffende Einheitsküche, der nationale und regionale Besonderheiten abhanden gekommen sind – also etwa Hamburger, Kebab oder Spaghetti Bolognese –, oder er kann als Oberbegriff die diversen nationalen Küchen (in der Regel: ohne die eigene, hier also ohne die deutsche Küche, wenn es denn eine gibt) vereinen.

In beiden Bedeutungen gehört die internationale Küche längst zum gastronomischen Alltag. Es bedurfte nicht der Globalisierung, um den Big Mac zum Vergleichsmaßstab der Lebenshaltungskosten zu machen. Es gibt ihn eben überall, und er hat überall seine Klientel. Andererseits gehören die Zeiten der Vergangenheit an, als Deutsche, wo sie auch hinkamen, nach Bratwurst und Sauerkraut Ausschau hielten. Mit italienischen, jugoslawischen und chinesischen Restaurants fing es an – vorausgegangen waren Szegediner Gulasch, Serbisches Reisfleisch oder Palatschinken aus der benachbarten österreichischen Monarchie –, und heute ist die Schwellenangst vor fremdartigen Genüssen weitgehend verschwunden. Reisen tun das Ihre, das Angebot an Zutaten und Gewürzen in Spezialläden und auf Märkten ermöglicht auch daheim den Umgang mit exotischen Rezepten. Die Wiedervereinigung hat den alten Bundesländern auf dem Umweg über die DDR die russische Soljanka eingebracht, und die Karriere der Sushi-Lokale, wo noch vor gar nicht langer Zeit roher Fisch als eklig galt, grenzt an ein Wunder.

Wir wollen noch gar nicht so weit gehen zu behaupten, dass die Bekanntschaft mit fremden Küchen die Völkerfreundschaft und damit den Frieden fördere. Man kann auch jemandem auf den Schädel schlagen, dessen Brühe man genießt. Aber sie schmecken einfach gut, die Gerichte, die nach und nach auf deutschem Boden heimisch wurden, die scharfen thailändischen Suppen, die diversen Varianten des Borschtsch aus Russland, Polen und Rumänien, die spanische Paella und das kreolische Jambalaya, die indischen Tandoori-Gerichte, die Somloer Nockerln aus Ungarn und die vorderasiatisch-osteuropäische Halva. Mousaka und Dolmades, Käsefondue und Nasi Goreng stehen schon länger auf dem Speiseplan der Deutschen. Es müssen nicht immer Maultaschen und Linsen mit Saiten und Spätzle sein.

Vielleicht aber bedarf es der heimischen Küche, damit das, was wir nun internationale Küche genannt haben, seinen besonderen Reiz entwickelt. Seinerzeit war schon eine Pizza etwas Besonderes. Heute, da jede Hausfrau mit Balsamico und mit Curry umgeht, als wären es Rapsöl und Salz, sind Gerichte aus fernen und nicht so fernen Ländern nicht exotischer als Sirtaki oder Reggae.

Als sich in den siebziger Jahren auch in Deutschland herumgesprochen hatte, dass Essen mehr sein könne als Sättigung, da war für die deutschen Spitzenköche die französische Küche das Vorbild, die, im Gegensatz etwa zur bäuerlichen, vom Nährwert bestimmten italienischen Küche, dem aristokratischen Genuss raffinierten Geschmacks dient. Es waren dann wiederum die Franzosen oder auch André Jaeger von der Fischerzunft in Schaffhausen, die Einflüsse der fernöstlichen Küche aufnahmen und kreativ weiterentwickelt haben. Der Begriff „Crossover“ ist auch bei uns längst in der Gastronomie ebenso gebräuchlich wie in der Musik.

Heute reicht der verführerische Geruch von Ćevapčići auf dem Holzkohlengrill oder das im Wok geschüttelte süßsaure Schweinefleisch nicht mehr aus, um die Gelüste nach internationaler Küche zu befriedigen. Da sie omnipräsent ist, fällt sie kaum noch auf. Dass zahlreiche preiswerte Restaurants und die Mehrheit der „Ausspeisungen“ in Sportvereinen oder Waldheimen mittlerweile von Immigranten betrieben werden, verdankt sich weniger der Aufgeschlossenheit bei den Essgewohnheiten als der ökonomischen Lage. Diese Betriebe können nur noch unter den Bedingungen der Selbstausbeutung überleben. Allmählich bekommt deutsche Küche oder was man dafür hält Seltenheitswert, weil sich kaum jemand den anstrengenden und riskanten Verhältnissen in der Gastronomie aussetzen möchte, wenn er nicht unbedingt muss.

„International“ ist kein Qualitätsbegriff. Aber internationale Küche gibt es mittlerweile in exquisiter, den Ansprüchen hoher Kochkunst entsprechender und in miserabler Ausführung. Von Konstanz bis Binz gibt es Restaurants der besten Sorte, die man nicht nur wegen der Atmosphäre besucht (die man freilich wiederum nicht verachten sollte: manche Lokale sind gerade deshalb beliebt und verströmen internationalen Flair nicht allein vom Herd aus).

All dies mag in Zeiten der pandemisch gesperrten Restaurants wie eine Reminiszenz an eine bessere Vergangenheit klingen. Sie wird wiederkehren. Vorläufig aber möchte ich die geschätzte Leserin und den geschätzten Leser nicht ohne eine Kostprobe der delikaten Gault & Millau-Prosa entlassen:

„Die Gerichte im Astra haben schon fast einen asketischen Charakter, sind linear und puristisch. Das Gebotene erinnert an Kompositionen, die man sonst in prämierten Restaurants europäischer Hauptstädte zu finden weiß. Die Menüs tragen eine klare Handschrift und sind Zeugen souveräner Aromen und Lektionen wohl durchdachter kulinarischer Arrangements. Die am Punkt gebratenen Jakobsmuscheln wurden begleitet von leicht gerösteten Romanasalat und Blaubeeren. Verschiedene Texturen von Mais kommen als Gemüse, Chip, gebraten und als Creme auf den Tisch, begleitet von gebratenem Steinbutt. Spätsommer ist Wildzeit und dies wird auch im Astra beherzigt mit Hirschfleisch und – sehr ungewöhnlich – einem eingelegten Eigelb samt Wildkräutern. Einer französischen Tradition entsprechend wird auch eine obligatorische kleine Käsevariation eingeschoben.“ Diese stilistischen Eskapaden sind zwar nicht so linear wie die Gerichte im Astra, aber sie sind, einer Gault Millau-Tradition entsprechend, Zeugen souveräner Gehirnerweichung.

Thomas Rothschild - 15. Januar 2021
2712

Die Schamlosigkeit unter Freunden

Der ORF veröffentlicht seit bald 18 Jahren eine Bestenliste, die das Modell der sehr viel älteren SWR-Bestenliste kopiert. So manche(r) mag sich darüber wundern, dass sich die beiden Listen Monat für Monat so sehr unterscheiden, wieso es kaum zu Überschneidungen kommt. Das Rätsel ist schnell gelöst. Einige von den (österreichischen) Juroren der ORF-Liste nominieren ausschließlich oder bevorzugt österreichische Autorinnen und Autoren. Wenn das gewünscht würde, müsste man die Liste – im Unterschied zur Liste des SWR – Liste der besten Bücher von Österreichern nennen. Das aber ist nicht der Fall. Auf der Homepage steht eindeutig: „Die besten Bücher des Monats“.

Im Januar 2021 ist Die unaufhörliche Wanderung von Karl-Markus Gauß laut ORF-Liste das beste Buch. Besser als Gustave Flaubert und Richard Ford, besser als Ali Smith und Ivo Andrić. Thomas Kling oder Maria Stepanova, die auf der gleichzeitig veröffentlichten Bestenliste des SWR stehen, haben es in Österreich gar nicht erst auf die Liste geschafft. Gibt es dafür benennbare Gründe? Gauß ist ohne Zweifel ein lesenswerter Autor, anerkannt auch in Deutschland, aber der Beste oder auch nur einer der zehn Besten im Vergleich mit den Neuerscheinungen der vergangenen Monate aus aller Welt?

Der Siegername freilich überrascht nicht. Mit beachtlicher Zuverlässigkeit gelangen die Bücher von Karl-Markus Gauß auf die ORF-Bestenliste und klettern bis auf den ersten Platz. Dazu sollte man allerdings wissen: Karl-Markus Gauß ist Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik. Er entscheidet, wer in dieser Zeitschrift publizieren darf, er hat die Macht, zu bestrafen und zu belohnen, und er macht Gebrauch davon. Von den sechs Juroren, die Karl-Markus Gauß aktuell nominiert haben, sind drei regelmäßige Mitarbeiter von Literatur und Kritik, ein vierter leitet eine befreundete Literaturgesellschaft.

Solch eine Nominierung hat das Gschmäckle von Provinzialismus und Nepotismus. Dass Korrumpierbarkeit zum österreichischen Nationalcharakter gehört, weiß man nicht erst, seit ein H.C. Strache nach Ibiza reist. Das Schlimmste ist, dass die Beteiligten noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben. Sie halten vielmehr jene, die Hemmungen haben, für Trottel. Schamlosigkeit ist in Österreich so alltäglich wie der Veltliner und das Wiener Schnitzel. Und so empfiehlt die ORF-Bestenliste nicht die besten Bücher, sondern die ziemlich besten Freunde. Wäre ich Gauß, würde ich mich gegen solche „Gefälligkeit“ verwahren. Aber ich habe Österreich vor 53 Jahren verlassen. Die Gepflogenheiten meiner Heimat sind mir fremd geworden. Die ORF-Bestenliste erinnert mich ein Mal im Monat an sie.

Thomas Rothschild - 8. Januar 2021
2711

Weihnachten

Er gehört zu Weihnachten wie das Amen zum Gebet: Frank Capras Film It's a Wonderful Life (Ist das Leben nicht schön?) von 1946. Er handelt von George Bailey, der vom Selbstmord abgehalten wird durch den Engel Clarence, der ihn davon überzeugt, wie viel Gutes er für andere getan hat.

Das Negativ zu diesem Rührstück liefert ein anderer Weihnachtsklassiker, A Christmas Carol von Charles Dickens. Diese Erzählung handelt von dem verabscheuungswürdigen Geizhals Ebenezer Scrooge, dem Geister vor Augen führen, wie viel Leid er anderen zugefügt hat, und der unter dem Eindruck dieser Visionen der gute Mensch wird, der George Bailey immer schon war.

Dieses Muster ist in der Literatur vor und nach Dickens unzählige Male abgewandelt worden, meist mit dem Subtext, dass Geld nicht nur nicht glücklich, sondern hässlich und böse macht. Zu den bekanntesten Exemplaren gehören die Besserungsstücke von Ferdinand Raimund, Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär und Der Alpenkönig und der Menschenfeind. Noch Ingmar Bergmans vielleicht bester Film Wilde Erdbeeren variiert dieses Schema und nähert es dem 20. Jahrhundert an, indem er die mahnenden Geister oder Allegorien durch aufklärerische Träume ersetzt.

Was Autoren so oft und so lange umtreibt, müsste doch, so sollte man meinen, Gewicht haben. Das Gegenteil ist der Fall. Die genannten Beispiele und viele mehr beweisen nur die Wirkungslosigkeit der Künste. Hat auch nur ein Mensch unter dem Eindruck von Raimund, Dickens oder Bergman darauf verzichtet, Geld anzuhäufen, und sich stattdessen dem Wohlergehen seiner Mitmenschen verschrieben? Hat die Bosheit durch den Einfluss von Literatur abgenommen? Kennt man jemanden, der sich gesagt hätte, so wie Ebenezer Scrooge, wie Fortunatus Wurzel, wie Herr von Rappelkopf, wie Professor Isak Borg vor ihrer Läuterung waren, möchte ich nicht sein, und auch danach gehandelt hätte?

Zu Weihnachten geben wir unseren sentimentalen Empfindungen nach. Vor dem Fernsehschirm oder beim Vorlesen unter dem Christbaum. Und danach: weiter wie bisher. Wer an die erziehende Wirkung der Künste glaubt, mag sympathisch sein. Auf alle Fälle ist er naiv.

Thomas Rothschild - 18. Dezember 2020
2710

Die Qual der Wahl

"Die Südwest-Grünen küren Winfried Kretschmann mit 91,5 Prozent zu ihrem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2021. Sollte er erneut gewählt werden, will der Regierungschef den Klimaschutz, die Sicherung des Wohlstands sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt ins Zentrum seiner Arbeit stellen." (StN.de v. 12.12.2020, 11:04)

"Scholz schlug schon einmal seine Eckpfeiler für den Wahlkampf ein: gute Arbeitsplätze, der Kampf gegen den Klimawandel und mehr Respekt in der Gesellschaft. Als weitere Kernthemen nannte er auch die Digitalisierung, die Gleichstellung von Mann und Frau sowie ein einiges Europa." (tagesschau.de v. 12.12.2020, 14:00)

"Bundeskanzlerin Merkel sichert ärmeren Ländern weitere finanzielle Unterstützung für den Kampf gegen den Klimawandel zu. Alle Staaten müssten notwendige Klimaschutz-Investitionen finanzieren können, sagte die CDU-Politikerin in einer Video-Botschaft für den digitalen UNO-Klimagipfel. Der eigentliche Weltklimagipfel fällt dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie aus."(deutschlandfunk.de v. 12.12.2020)


"Die Einigung der Europäischen Union auf ein gemeinsames Klimaziel für 2030 begrüße ich ausdrücklich, denn Klimaschutz gelingt nur gemeinsam. Um das Ziel zu erreichen, den Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 zu senken, müssen nun alle Mitgliedsstaaten an einem Strang ziehen. Die EU sollte gemeinsam einen Fahrplan vorgeben, wie wir dieses Ziel erreichen. Dabei muss gewährleistet sein, dass die Wirtschaft nicht überfordert wird, sondern ihren Beitrag leisten kann. Baden-Württemberg hat dabei die Stärke einen globalen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten." (Daniel Karrais, der energiepolitische Sprecher der FDP/DVP-Fraktion und Mitglied im Ausschuss für Europa und Internationales; auf fdp-dvp-fraktion.de v. 11.12.2020)

Warum die Grünen die Wahl des Stuttgarter Oberbürgermeisters spektakulär verloren haben? Deshalb. An der Kandidatin hat es nicht gelegen. Und wenn nicht einmal 10 Prozent der Parteitagsdelegierten Einwände haben gegen einen Spitzenkandidaten, dem neben dem Klimaschutz, der einst die exklusive Domäne der Grünen war, nur Sicherung des Wohlstands und gesellschaftlicher Zusammenhalt einfallen, gibt es eigentlich keinen Grund, diese Partei zu wählen. Das können alle Parteien rechts der Mitte – siehe oben – eben so gut.

Thomas Rothschild - 12. Dezember 2020
2709

Das Wunder Digitalisierung

Das Zauberwort heißt „Digitalisierung“. Wer es beschwört, wähnt sich an der Speerspitze des Fortschritts. Jede technische Erfindung ruft die Gläubigen auf den Plan. Ob sie von Nutzen ist, ob sie den Segen der Menschheit befördert, oder ob sie lediglich den Umsatz steigern soll oder gar schädlich ist, wird nicht gefragt. Hauptsache: dabei sein bei der Verbreitung und Durchsetzung und sich möglichst einen öffentlichkeitswirksamen oder einkommensträchtigen Platz sichern. Um nicht missverstanden zu werden: dies ist kein technikfeindliches Plädoyer. Unzählige Erfindungen, von der Eisenbahn bis zur Computertomographie, haben das Leben der Menschen verbessert und erleichtert. Aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Es lassen sich jede Menge technischer Neuerungen nennen, die zumindest ambivalent sind oder, im schlimmsten Fall, die Menschen bedrohen. Eine differenzierte Sichtweise freilich verbietet sich jenen, die sich wichtig machen, indem sie als Propheten einer neuen Technik auftreten.

Die Digitalisierung leistet in erster Linie Beschleunigung. Sie setzt fort, was das analoge Fernsehen mit Direktübertragungen in seinen jungen Jahren begonnen hat. Sie beschleunigt und vereinfacht die Verbreitung von Informationen verschiedener Art, von Zahlen, Texten, Bildern. Aber es bedurfte nicht der Digitalisierung, um Börsenkurse an Spekulanten, Wettervorhersagen an Kapitäne oder Selfies (die bloß anders hießen) an die Freunde weiter zu geben. Sie hat den Vorgang bloß weniger aufwendig und für jeden (technischen) Idioten bewältigbar gemacht. Der Fortschritt, den sie gewährt, gleicht dem Fortschritt beim Übergang von der Feder zur Schreibmaschine, von der Filmkamera auf dem Stativ zur Handkamera oder vom Durchschlagpapier zum Fotokopierer.

Zu den Argumenten der Digitalisierungsbefürworter gehört die Behauptung, sie würde die zwei- oder mehrkanalige Kommunikation befördern. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man früher eine schriftliche Anfrage an eine Behörde oder einen Dienstleister stellte, bekam man im schlimmsten Fall keine Antwort. Heute erhält man in der Regel eine Antwort. Aber sie ist mit einem Tastendruck auf den Computer generiert, vorgefertigt und außerstande, auf die eigentliche Frage einzugehen. Häufig entsteht der Eindruck, dass die Frage gar nicht erst gelesen wurde, sondern ein Stichwort beim Überfliegen zur Wahl der Taste geführt hat. Von Kommunikation keine Spur.

Und wie ist das im speziellen Fall des Theaters? Dort wird der Begriff der „Digitalisierung“ sekundiert durch ein zweites Zauberwort, durch „Streaming“. Es gibt Medien, die für die Leinwand oder den Bildschirm konzipiert sind, nämlich Film und Video. Wenn sich Theater von diesen Medien nicht unterschiede, wäre es überflüssig. Streaming verhält sich sowohl zum lebendigen Theater wie zum Film wie Telefonsex zu lebendigem Sex. Es ist bestenfalls Ersatz. Und wie wirkt sich das auf die angebliche Demokratisierung der Kommunikation aus? Auf einen Stream können Zuschauer, wenn das so eingerichtet wurde, mit Mails oder mit Chatbeiträgen reagieren. Die aber bekommen die eigentlichen Akteure, die Schauspieler, wenn überhaupt, erst im Nachhinein zu sehen. Was einen großen Teil des traditionellen Theatervergnügens ausmacht und es vom Kinobesuch unterscheidet, ist die Spontaneität, mit der die Menschen auf der Bühne auf die Reaktionen der Menschen im Zuschauerraum ihrerseits reagieren können. Von Theaterleuten hört man immer wieder, wie sehr sie, bewusst oder unbewusst, auf leise oder laute Äußerungen aus dem Publikum reagieren. Genau das ist der Grund, weshalb sich eine Inszenierung von Aufführung zu Aufführung unterscheidet.

Die Digitalisierung hat für das Theater die gleiche Bedeutung, die die Erfindung der Drehbühne oder des Mikroports hatte. Ob, was sie an Neuem hervorgebracht haben, die Qualität und die Langlebigkeit von Hamlet, Drei Schwestern oder Warten auf Godot hat, muss erst noch bewiesen werden.

Im Übrigen kann ein Rückblick den Skeptikern der Digitalisierung Mut machen. Just zu einem Zeitpunkt, da die CD dem Streaming das Feld räumt, erlebt die Vinylschallplatte eine Renaissance. Die Zwänge, die uns die gegenwärtige Krise auferlegt, haben den Digitalisierungs-Fans scheinbar Auftrieb gegeben, aber ihren Ansprechpartnern oder vielmehr Mailadressaten auch die Augen geöffnet. Es stellt sich die Frage: Wenn man das potentielle Publikum ans Streaming gewöhnt – was sollte es künftig noch ins Theater locken? Nicht erst das Virus gefährdet eine Kulturtechnik, die ihre Mängel, aber auch ihre Verdienste hat. Ich imaginiere eine Zukunft, in der die Menschen daheim vor ihren Bildschirmen sitzen und ein paar Verrückte klandestine Theateraufführungen von Geheimgesellschaften besuchen. Dort treffen sich dann Peter Stein und Rimini Protokoll wie die Opiumraucher mit den Transvestiten. Brave New World.


Thomas Rothschild - 10. Dezember 2020
2708

Korrektur

Theatergänger und Schauspieler kennen das Phänomen. Das Lob des guten Menschen, allen voran des Gottessohnes Jesus Christus, mag in der Sonntagsmesse seinen Platz haben. Auf der Bühne sind es in der Regel die Schurken, die das Publikum faszinieren (und von den Schauspielern bevorzugt gespielt werden). Von Richard III. bis Puntila, von Mephisto bis zu Jack dem Ripper, von Lady Macbeth bis Claire Zachanassian sind es die Bösewichte beiderlei Geschlechts, die unser voyeuristisches Vergnügen anstacheln, auch wenn wir ihnen im wirklichen Leben ungern begegneten.

Aber es gibt sie auch in der Weltliteratur, die liebenswerten Männer und Frauen, die das Herz erwärmen, ohne dass sie deshalb fade wären. Das verdankt sich in der Regel kleinen Unzulänglichkeiten, mit denen sie ihre Autoren ausgestattet haben und die sie erst richtig menschlich machen. Erinnern wir uns an Samuel Pickwick von Charles Dickens, an den Fürsten Myschkin von Fjodor Dostojewski, an Tatjana Larina von Alexander Puschkin, an Pierre Besuchow und Natascha Rostowa aus Tolstois Krieg und Frieden, an Gorkis und Brechts Pelagea Wlassowa. Sie passen nicht in das Schema von dem tyrannischen Mann und der unterdrückten Frau, denen das gegenwärtige Interesse gehört, als müsste mit jeder Magisterarbeit und jedem Feuilleton nachgewiesen werden, was ja zutrifft, was wir aber auch wissen: dass wir seit Jahrhunderten in einer patriarchalischen Gesellschaft leben. Auch Samuel Pickwick ist von ihr geprägt, aber man täte ihm und Dickens unrecht, wenn man ihn darauf reduzierte. Gerade die Zuneigung zu dieser aimablen und schrulligen Figur ermöglicht das Lächeln über ihre Schwächen, das frei ist von Spott und Bitternis.

In der Gegenwartsliteratur sind solche Männer und Frauen selten geworden. Über ihr lauert, nicht ohne Berechtigung, der Kitschverdacht. Und doch: selbst bei einem Sarkastiker wie Thomas Bernhard findet man liebenswerte (und kauzige) Männer nach dem Vorbild von Glenn Gould oder Paul Wittgenstein, und Erich Hackl ist geradezu abonniert auf bewundernswerte, größtenteils starke Frauen.

Erich Kästners berühmte Gedichtstrophe hat ja nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

"Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
´Herr Kästner, wo bleibt das Positive?`
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt."


Aber dieser realistische Blick impliziert kein Verbot von literarischen Figuren, denen unsere Sympathie gehört. Vielleicht benötigen wir sie, die heutigen Pickwicks und Nataschas, gerade, weil wir in den Nachrichten Trump und Orbán verdauen müssen. Als Korrektur. Wenigstens ab und zu.


Thomas Rothschild - 4. Dezember 2020
2707

Kämmerlings, setzen!

In der Welt am Sonntag tönt der Mitarbeiter der Literarischen Welt Richard Kämmerlings: „Isaak Babel wurde zum Whistleblower der Reiterarmee, der Kriegsverbrechen trotz notdürftiger Fiktionalisierungen offenlegt.“ Das ist, freundlich formuliert, schlicht gedacht. Es ist aber darüber hinaus eine niederträchtige Schmähung eines Schriftstellers, den man mit gewissem Recht den bedeutendsten Verfasser von Kurzprosa im 20. Jahrhundert nennen darf. Nichts an Babels Reiterarmee ist „notdürftig“. Was der deutsche Leser auf Grund der früheren Übersetzungen noch übersehen mochte, ist seit Peter Urbans Übertragung auch für ihn zumindest erahnbar: Babel war ein Sprachkünstler, wie es selbst außerhalb Russlands kaum einen zweiten gibt, und was ein Kämmerlings, bei dem man ausnahmsweise bedauert, dass sich Wortspiele mit Eigennamen verbieten, für „notdürftige Fiktionalisierung“ hält, ist Literatur im strengsten Wortsinn. Isaak Babel zum „Whistleblower“ zu reduzieren, als hätte er sich vorgenommen, mit seinen Geschichten die Welt aufzurütteln, gleicht dem dreisten Versuch, Tolstoj als Kriegskorrespondenten oder Kämmerlings als Literaturkritiker zu kategorisieren. Babels Reiterarmee zeichnet sich gerade durch ihre Ambiguität aus, durch einen Stil, der den Autor von einem Snowden oder Assange, wie immer man zu ihnen stehen mag, nicht weniger unterscheidet als der Verstand einen tatsächlichen Literaturkritiker wie, sagen wir, Heinrich Vormweg von einem Welt-Schwätzer wie Richard Kämmerlings. Womit wir allerdings nichts Neues entdeckt und verraten haben. Wir können also noch nicht einmal Anspruch auf das Attribut des Whistleblowers erheben.

Thomas Rothschild - 25. November 2020
2706

Der Schmied statt dem Schmiedl

Als die Sowjetunion noch existierte, erzählte man sich einen Witz. Als die Partei mit den ökonomischen Problemen des Landes nicht zurecht kam, empfahl jemand, einen berühmten Rabbiner aufzusuchen und um Rat zu fragen. Also ging eine Delegation des Zentralkomitees zu dem Mann und sagte: „Rebbe, es steht schlecht um unsere Wirtschaft, was sollen wir tun?“ Der Rabbiner antwortete: „Es gibt zwei Lösungen für das Problem, eine natürliche und ein Wunder.“ Da sagten die Genossen: „Wir sind eine atheistische Partei, da kommt nur eine natürliche Lösung in Frage. Wie wäre die?“ „Die sähe so aus“, sagte der Rabbiner. „Das Zentralkomitee setzt sich zusammen, ein Engel steigt vom Himmel herab und erleuchtet die Versammelten.“ „Das ist die natürliche Lösung?“, wunderten sich die Gäste. „Und wie wäre das Wunder?“ „Das Wunder“, sagte der Rebbe, „wäre, wenn das Zentralkomitee selbst eine Lösung fände.“

An diesen Witz musste ich denken, als die Grünen nun beschlossen haben, für die zweite Runde im Wahlgang für den Stuttgarter Oberbürgermeister nach dem Rückzug ihrer Kandidatin Veronika Kienzle keine Empfehlung für den gegen den Willen seiner eigenen Partei angetretenen Sozialdemokraten Marian Schreier abzugeben, der gegen den CDU-Kandidaten Frank Nopper antritt. Nopper hatte im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen erhalten als alle seine Kontrahenten. Eine Chance hätte einer von ihnen, wenn überhaupt, allenfalls, wenn sich die Gegenstimmen auf einen Alternativkandidaten bündeln ließen. Nun gibt es aber noch Hannes Rockenbauch von der Wählergruppe Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS). Rockenbauch hat sich als Aktivist von Stuttgart 21 einen Namen gemacht und beharrt als einziger der OB-Kandidaten nach wie vor auf der Opposition gegen dieses Mammutvorhaben. Rockenbauch sitzt als Sprecher des Fraktionszusammenschlusses von SÖS, Linken, Piraten und Tierschutzpartei im Stuttgarter Gemeinderat. Er vertritt in fast allen politischen Fragen eine Position, die noch vor wenigen Jahren die Position der Grünen war. Die hätten nun Gelegenheit gehabt, da keine grüne Kandidatin mehr zur Wahl steht, seine Kandidatur zu unterstützen. Das freilich wäre ein Wunder.

Indem Veronika Kienzle und ihre Partei auf eine Empfehlung verzichten, steht so gut wie fest, dass Stuttgart einen CDU-OB bekommt. Dass die Grünen dafür wesentlich die Verantwortung tragen, ist wiederum kein Wunder. Die CDU ist ihnen längst näher als die ökologisch-soziale Gesinnung, die einmal die ihre war. Man muss schon sehr genau hinschauen, um politische Standpunkte zu entdecken, die den grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann und den grünen Noch-OB von Stuttgart Fritz Kuhn von ihren CDU-Vorgängern unterscheiden. Kretschmann rühmt seine Partei schon seit Jahren dafür, dass sie in der Mitte angekommen sei, und plädiert für einen „neuen Konservatismus“, und das eben beschlossene neue Grundsatzprogramm der Grünen weist darauf hin, dass die Partei entschlossen ist, diesen Weg in verstärktem Maß weiter zu gehen. Was also sollte sie, wenn sie schon selbst keine Chancen hat, davon abhalten, einem CDU-Oberbürgermeister gegenüber einem Hannes Rockenbauch den Vorzug zu geben, der sie nur ständig daran erinnern würde, was sie einmal repräsentiert haben, als sie noch wehrlos, aber nicht ehrlos waren?

Die Grünen sind angekommen. Der Igel CDU ist allerdings schon da. Warum sollten die Stuttgarter im ersten Wahlgang den Schmiedl wählen, wenn sie den Schmied haben können? Es wäre ein Wunder.

Thomas Rothschild - 23. November 2020
2705

Und wieder zweierlei Maß

Zur Erinnerung: zahllose Autorinnen und Autoren des Rowohlt Verlags protestierten gegen die Veröffentlichung der Autobiographie von Woody Allen, gegen den Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden. Ein paar Monate später: zahllose Autorinnen und Autoren protestieren gegen die Nicht-Veröffentlichung eines Romans von Monika Maron, die einen Essayband im rechtsradikalen Umfeld publiziert und mehrfach Meinungen geäußert hat, die man schwerlich anders als rechtsextrem klassifizieren kann. Kurios ist es jedenfalls, wenn die Teilnahme von rechtsradikalen Verlagen an der Frankfurter Buchmesse getadelt wird, es aber ohne Folgen bleiben soll, wenn man sich als Autor zu ihnen bekennt.

Ja was nun? Es gehört zur Freiheit der Rede und zur Freiheit der Kunst, dass man auch unbequeme und anstößige Ansichten öffentlich äußern kann. Es gehört auch zur Freiheit der Rede und zur Freiheit der Kunst, dass ein Verlag entscheiden kann, was er veröffentlichen möchte und was nicht. Einer Monika Maron stehen tausende Autorinnen und Autoren gegenüber, deren Manuskripte von Verlagen abgelehnt werden und deren Namen wir nie erfahren. Dass Maron zum Stamm von S. Fischer gehört, verpflichtet den Verlag ebenso wenig, ihr bis zum Lebensende die Treue zu bewahren, wie Autorinnen und Autoren zu einer lebenslangen Bindung an einen Verlag verpflichtet sind. Man kennt die Beispiele von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die, kaum dass sie Erfolg hatten, dem Kleinverlag, der sie entdeckt und gefördert hat und angewiesen ist auf Einkünfte aus Büchern von arrivierten Autoren, den Rücken kehren und zu einem kapitalkräftigen Verlag wechseln, der effizientere PR anbieten kann.

Immerhin: es gibt diese Kleinverlage, noch, und es gibt in unseren Breiten eine beachtliche Anzahl von größeren Verlagen. Monika Maron ist das beste Beispiel für die Tatsache, dass eine – zumal etablierte – Schriftstellerin in kürzester Zeit einen anderen Verlag findet, wenn ihr ihr Stammhaus die Zusammenarbeit kündigt. Wenn Hoffmann und Campe jetzt die Vorwürfe zu hören bekommt, die sich S. Fischer ersparen wollte, mögen die Autorinnen und Autoren, die Kommentatorinnen und Kommentatoren in den Medien Gründe zur Verteidigung finden, die mindestens so überzeugend sind wie die Gründe für eine Ablehnung von Woody Allens Autobiographie.

Thomas Rothschild - 15. November 2020
2704

Zugehörig

Der Schriftsteller Arthur Schnitzler schrieb einmal: „Ich fühle mich mit niemandem solidarisch, weil er zufällig derselben Nation, derselben Rasse, derselben Familie angehört wie ich. Es ist ausschließlich meine Sache, mit wem ich mich verwandt zu fühlen wünsche; ich anerkenne keine angeborene Verpflichtung in dieser Frage.“ Dass man selbst entscheidet und sich nicht von seiner Umwelt aufschwätzen lässt, wem man sich zugehörig zu fühlen habe, wäre schon ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem Status quo. Aber gehen wir einen Schritt weiter. Warum muss man sich überhaupt einem Kollektiv zugehörig fühlen? Woher stammt dieser scheinbar unwiderstehliche Drang, sich einer Nation, einer Rasse, einer Familie verwandt zu fühlen? Ist es nicht auch dort, wo man keine Verpflichtung anerkennt und selbst entscheidet, mit wem man sich verwandt zu fühlen wünscht, der gesellschaftliche Druck, der einem solch eine Entscheidung abverlangt?

Der Fortschritt im Sinne der Vernunft und der Aufklärung bestünde darin, dass man sich frei macht von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, zu wem auch immer, dass man sich vom internalisierten Herdentrieb löst, kurz: dass man auf der Differenz zwischen Menschen und Graugänsen insistiert. Das pädagogische Ziel bestünde darin, schon bei Kindern die Ich-Stärke zu fördern, die Fähigkeit zu „einsamen“ Entscheidungen und das Vertrauen auf die eigene Intelligenz. Dies ist kein Plädoyer für einen Individualismus der Rücksichtslosigkeit. Aber man muss sich nicht als Teil eines Kollektivs verstehen, um die Rechte anderer zu respektieren. Man muss seine Verantwortung nicht delegieren, sich weder eine Parteidisziplin, noch eine geheuchelte Loyalität aufdrängen lassen, um unheilvolle Kontroversen innerhalb der Gemeinschaft zu vermeiden oder auch nur zu verringern. Die Problematik, die zwischen den Weltkriegen brisant war, hat unter anderem Bertolt Brecht bei den Fassungen seines Stücks Mann ist Mann umgetrieben. Wo man sich über die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv definiert, durch seine Nation, seine Rasse, seine Familie oder auch durch seine Anhängerschaft für einen Fußballverein, seine politische Gruppierung, seine Vorliebe für irgendwelche Hobbys, ist die Möglichkeit des Konflikts mit anderen Kollektiven und jenen, die sich ihnen ihrerseits zugehörig fühlen, vorprogrammiert.

Es wäre schon ein Fortschritt, wenn man sich den Wunsch nach Zugehörigkeit als Schwäche eingestände. Leider sind wir noch weit davon entfernt. Wenn jemand die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv mit mehr oder weniger guten Gründen aufkündigt, begibt er sich im Normalfall nicht in die Selbstbestimmung, sondern in eine neue Zugehörigkeit. Das ist das Muster, das der Konvertit und der Renegat vormachen. Er tauscht die eine Glaubensgemeinschaft gegen eine andere aus. Nur selber denken kann und will er nicht. Sein Verhalten taugt nur zur Verlängerung eines Missstandes. Der autobiographische Roman von Arthur Schnitzler trägt den Titel: Der Weg ins Freie. Er ist noch lange nicht beschritten.

Thomas Rothschild - 12. November 2020
2703

Wider den US-Kolonialismus

Noch nie hat sich der Satz von Wim Wenders, dass die Amis unser Unterbewusstsein kolonialisiert haben, so sehr bewahrheitet, wie in unserer Gegenwart. Mit dem Streaming hat sich dieser beklagenswerte Zustand intensiviert. Woche für Woche empfehlen Zeitungen und Zeitschriften als willfährige Kolporteure des Status quo und der Profitinteressen die angeblich „besten Serien“, die man im Programm der Fernsehanstalten aufsuchen oder sich bei Netflix & Co. herunterladen kann. Kritiklos nehmen sie hin, dass neben den meist minderwertigen deutschen Elaboraten – Babylon Berlin ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt – fast ausschließlich Importware aus den USA zur Verfügung steht. Als gäbe es zwischen Tokio und Vancouver, zwischen Johannesburg und Oslo keine Filme und keine Fernsehserien. Das dänische Borgen war auch in dieser Hinsicht die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Man nenne einen einzigen triftigen Grund, weshalb, um ein Beispiel zu nennen, zwei grandiose Literaturverfilmungen des Russen Vladimir Bortko niemals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, ja nicht einmal für DVD synchronisiert oder deutsch untertitelt wurden: Dostojewskis Idiot von 2003 und Bulgakows Meister und Margarita von 2005. Beide Serien halten sich mit je zehn Episoden von insgesamt rund neun Stunden eng an die sehr unterschiedlichen literarischen Vorlagen, sind aber zugleich filmisch anspruchsvoll und schauspielerisch den deutschen Serien in einem Maße überlegen, das einen Vergleich eigentlich verbietet. Die Romane, die ihnen zugrunde liegen, gelten zu Recht als Meisterwerke der Weltliteratur. Wie sollten die Serien also „zu russisch“ oder gar unverständlich sein, um in Deutschland ein Publikum zu finden? Die Amis haben unser Unterbewusstsein kolonialisiert. Und wenn nun jemand einwendet, er wolle keine Fernsehserien aus dem Land Putins sehen, sei daran erinnert: der Präsident der USA heißt Donald Trump. Jedenfalls bis morgen.

Thomas Rothschild – 2. November 2020
2702

Verdient

In unregelmäßigen Abständen erhalte ich Briefe oder Mails, die mir mitteilen, dass X in den „verdienten Ruhestand“ getreten sei. Das Attribut impliziert, dass es auch einen unverdienten Ruhestand gibt. Das leuchtet ein. Wer sich ein Arbeitsleben lang durchgeschwindelt hat, verdient keinen Ruhestand, zumindest keinen bezahlten. Jedenfalls nicht mehr, als ein durchaus arbeitswilliger Arbeitsloser, der vergeblich eine Stelle sucht, ein Mindestgehalt verdient, das nicht kleiner ist als die Rente des arbeitsscheuen Ruheständlers.

Freilich, da geraten wir in eine Zwickmühle. Sollen wir uns wirklich wünschen, dass ausgerechnet jenen der Ruhestand verweigert wird, die ihn nicht verdienen, weil sie faul und unfähig waren? Sollen just jene Professoren, die längst halb dement sind und Semester für Semester die gleichen Erkenntnisse wiederholen, die sie vor einem halben Jahrhundert erworben haben, im Amt bleiben? Wäre es nicht sinnvoller, sie vorzeitig in den unverdienten Ruhestand zu schicken – zum Wohle aller, die sie zu lehren vorgeben, die sie prüfen?

Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Wenn von Kolleginnen und Kollegen beteuert wird, X sei in den verdienten Ruhestand gegangen, meinen sie sehr oft: Jetzt sind wir sie oder ihn endlich los. Und wenn jemand von sich selbst sagt, sie oder er trete den verdienten Ruhestand an, dann erliegt sie oder er entweder einer pathologischen Selbsttäuschung, oder sie oder er lügt. Die den Ruhestand verdienten, halten in der Regel den Mund. Sie sind ihrer Arbeit zu sehr verbunden, als dass sie sie freiwillig abgäben. Die Kolleginnen und Kollegen aber, die sie mit Glückwünschen in den Ruhestand verabschieden, warten wie die Geier auf das Aas auf den frei werdenden Schreibtisch mit dem Ausblick auf die Kastanien vor dem Haus. Da döst sich‘s gut. Noch ein paar Jahre. Bis zum verdienten Ruhestand.

Thomas Rothschild - 29. Oktober 2020
2701

Schmeißt sie raus!

Eine Freundin hat mir den Link zu einem Video zugeschickt, das ich nicht für mich behalten möchte.

Man könnte das ja für eine gelungene Satire halten, wenn es sich nicht um eine Realität handelte, deren Folgen mehr bedeuten als ein unterhaltsames Video. Dass Abgeordnete im Bundestag dem Einsatz der Bundeswehr in einem Kriegsgebiet zustimmen, ohne die geringste Ahnung von der Lage zu haben, ist, um ein mildes Wort zu gebrauchen, erschreckend. Fast schlimmer noch ist die Tatsache, dass solche Zustände das verbliebene Vertrauen in den Parlamentarismus und die Demokratie nachhaltig beschädigen, und zwar in Belangen, die eine größere Tragweite haben als die Frage, ob man nach 23 Uhr ein Bier trinken oder ohne Mund-Nasen-Maske durch die Fußgängerzone spazieren darf. Soll man sie deshalb verschweigen? Abgesehen davon, dass die Verheimlichung von Fakten aus den Parlamenten, von den Voraussetzungen für Entscheidungen, die nicht weniger als Krieg und Frieden betreffen, kaum mit demokratischen Prinzipien vereinbar wäre, ist solch ein Versuch ohnedies vergeblich. Das Video ist nun einmal in der Welt, konkret: im Internet und für jeden abrufbar.

Daraus ergeben sich zwei logische Folgerungen, eine, die sich nicht in eine Tat umsetzen lässt, und eine, die sich verwirklichen lässt. Die erste lautet: Schmeißt Abgeordnete, die derart uninformiert (nicht nur) über die Beteiligung an militärischen Einsätzen abstimmen wie die Exemplare in diesem Video, aus dem Bundestag. Die zweite lautet: Wählt nie wieder eine Kandidatin oder einen Kandidaten, die oder der so blamabel kenntnislos unser und anderer politisches Schicksal bestimmt, im Extremfall über Tod oder Leben entscheidet. Lasst nicht zu, dass die deutschen Parlamente sich auf das Niveau von Donald Trump begeben. Die Verantwortung liegt auch bei den Wählern. Also bei Ihnen. Man sage nicht im Nachhinein: Das haben wir nicht gewusst. Das haben wir nicht gewollt. Sonst unterscheidet man sich um keinen Deut von jener Bundestagsabgeordneten, die auf die Frage, was „gemäßigte Rebellen“ seien, nur feixend, als ginge es um die Beurteilung von Red Bull, zu antworten weiß: „Rebellen sind manchmal auch nur Rebellen um des Rebellen-Seins willen“. Und für oder gegen die – wer weiß das so genau – setzen wir unsere Soldaten der Todesgefahr aus? Nein, für eine Satire ist das alles viel zu ernst.

Thomas Rothschild - 16. Oktober 2020
2700

Geduldete Kriminalität

Meldungen des Tages, als Ergänzung zu den Reflexionen über Rache und Gerechtigkeit im Besuch der alten Dame:

Die Milliardärin Claire Zachanassian will sich Gerechtigkeit kaufen und dringt auf Rache. Die Milliardäre in Politik und Wirtschaft kaufen sich nicht Gerechtigkeit, sondern, im Gegenteil, den Verzicht auf Gerechtigkeit.

Donald Trump verhindert die Überprüfung von Unterlagen, die den Verdacht der massiven Steuerhinterziehung bestätigen könnten, und bleibt trotzdem Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Lufthansa missachtet kontinuierlich Gesetze, wonach sie Kunden die Erstattung von Zahlungen für annullierte Flüge anzubieten habe, und darf dennoch nicht nur weiter fliegen, sondern erhält sogar monströse Summen vom Staat, also aus den Steuern auch der geprellten Fluggäste. Die Betrüger werden von den Betrogenen bezahlt.

Die Kriminalität wird geduldet, wenn sie nur in hinreichend großem Maßstab stattfindet. Was man keinem Schwarzfahrer und keinem Ladendieb durchgehen ließe, wird von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft mit einer Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen, die sprachlos macht. Wer wollte es angesichts solcher Dreistigkeit verübeln, wenn die so genannten „einfachen“ Menschen an dem herrschenden Rechtssystem, an der Gerechtigkeit des Staats und der zuständigen Behörden verzweifeln? Die Kaltschnäuzigkeit der Trumps, der Lufthansas und all der Personen, Konzerne, Institutionen, die deren Beispiel folgen, ist schwer zu ertragen. Die Deutsche Bahn darf im Zusammenhang mit Stuttgart 21 die Kostenvoranschläge zu Lasten des Steuerzahlers gravierend überziehen, ohne dass das jene Folgen hätte, die jeder Bürger für eine Vertragsverletzung zu tragen hat. Das sähe anders aus, wenn die Verantwortlichen für jeden Euro, den sie zusätzlich verlangen, persönlich haftbar gemacht, für Vertragsverletzungen gerichtlich belangt würden wie ein Mieter, der seine Miete nicht bezahlt. Dass die Kostensteigerungen bei Stuttgart 21 oder beim Berliner Flughafen lediglich eine Folge der Unmöglichkeit seien, die Kosten genau zu berechnen, wäre erst dann glaubwürdig, wenn sie im Schnitt ebenso oft und um ebenso große Beträge zu gering angesetzt würde, wenn also statistisch unter der Summe der Mehrkosten und der Einsparungen eine Null stünde. Wenn das nicht der Fall ist, muss von kriminellen Falschangaben bei Angeboten ausgegangen werden.
Auch Donald Trump steht in einer respektablen Riege. Gegen Frankreichs ehemaligen Präsidenten Sarkozy wurde ermittelt, der ehemalige italienische Ministerpräsident Berlusconi stand unter teilweisem Hausarrest und musste nach einem Gerichtsbeschluss Sozialarbeit leisten, zahlreiche deutsche Politiker standen unter Verdacht, gegen Gesetze verstoßen zu haben. Ihre Karriere hat es allenfalls um ein paar Monate verzögert.

Man sollte sich nicht wundern, wenn jene, die sich die Gesetzesmissachtung der Politiker und der Konzerne nicht risikolos leisten können, zu Mitteln der Selbstjustiz greifen. Anders ausgedrückt: es sind Trump und die Lufthansa, die, stellvertretend für andere Profiteure des Systems, Schuld tragen an Randalen in Innenstädten. Die spiegeln lediglich im kleinen Maßstab die Verhaltensweisen, die ihnen die Großkriminellen vorgemacht haben, die Missachtung der Gesetze, die Verhöhnung der Gemeinschaft, die begründete Spekulation, dass man ungeschoren davon kommt. Wobei die Schaufensterzertrümmerer weitaus geringere Chancen haben als Trump und die Lufthansa. Kriminalität wird verurteilt und verfolgt. Es sei denn, sie ist groß genug.


Thomas Rothschild - 28. September 2020
2699

Fellner & Helmer

Die Formel von Architektur als erstarrter Musik stammt von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Sie wurde von zahlreichen Autoren, dem unvermeidlichen Goethe inbegriffen, wiederholt und abgewandelt zu „Architektur ist gefrorene Musik“ oder „Architektur ist zu Stein gewordene Musik“. Mit zumindest der gleichen Berechtigung ließe sich sagen: „Architektur ist zu Stein gewordene Geschichte“. Und für die österreichisch-ungarische Monarchie in ihrem Endstadium ließe sich ergänzen: Ihre Chronisten sind Ferdinand Fellner und Hermann Helmer.

Die Bauten, die das Büro Fellner & Helmer zwischen 1873 und 1919 entworfen hat, sind durchweg Repräsentationen des bürgerlichen Selbstbewusstseins. Auf sein Konto gehen zahllose Theaterhäuser im Einzugsgebiet der Monarchie und darüber hinaus – in Augsburg, in Wiesbaden, in Hamburg, in Zürich oder in Odessa. Darüber hinaus konzipierten Fellner & Helmer, die gerade eine Generation älter waren als Adolf Loos Kaufhäuser wie das Gerngross in der Wiener Mariahilfer Straße, Hotels wie das Pupp in Karlsbad, aber auch Mietshäuser.

Was die Bauten von Fellner & Helmer auszeichnet ist die Barockisierung, ein Anachronismus (mit Ernst Bloch könnte man sagen: eine Ungleichzeitigkeit) von aussagekräftiger Bedeutung. Er demonstriert den dringlichen Wunsch der aufgestiegenen Bourgeoisie, es dem Adel gleichzutun. Was, wenn nicht der Barock, stünde für die Aristokratie, führte zurück in deren Geschichte. Indem die Bauten des Bürgertums mit Fassaden von Schlössern und Palästen verkleidet wurden, erhob das Bürgertum ganz ohne siegreiche Revolution den Anspruch, die Position des Adels einzunehmen. Und es hat sie bis heute bewahrt. Theatergebäude und Hotels, Banken und Versicherungen, Museumsgebäude und Börsen zeugen als zu Stein gewordene Geschichte, die sich in die Gegenwart fortsetzt, davon. So gesehen sind das Landestheater in Salzburg, das Opernhaus in Zürich, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, Copyright Fellner & Helmer, über all das hinaus, was in ihnen passiert, symbolische Monumente eines Bürgertums, das sich, barockisiert, an einer Vergangenheit orientiert, die dem Adel gehört. Die Architektur von Fellner & Helmer verewigt die subalterne Bewunderung des Bürgertums für jene Klasse, die es 1848 ohne Fortune bekämpft hatte und deren Werte es nun zusammen mit der Verachtung für das Proletariat kritiklos übernahm. Und eine arrivierte Sozialdemokratie, die „in der Mitte angekommenen“ Grünen wiederholen das beschämende historische Muster. Nicht die Opfer, sondern die Nutznießer der an die Macht gelangten Bourgeoisie liefern ihnen in allen Bereichen des Lebens das Modell. Es fehlen ihnen nur Architekten vom Rang eines Fellner und eines Helmer.

Thomas Rothschild - 22. September 2020
2698

Fragen, die ich mich nicht zu stellen traue

Sie sind doch ein schöner Mensch – Warum verunstalten Sie Ihren Körper durch Tätowierungen?

Sie sind doch ein intelligenter Mensch – Warum wählen Sie Politiker, die weniger intelligent sind als Sie?

Sie sind doch ein Arzt – Warum beten Sie zu Gott um Gesundheit?

Sie sind doch tolerant – Warum finden Sie es erwähnenswert, dass jemand homosexuell ist?

Sie finden doch viele Menschen unausstehlich – Warum glauben Sie, dass ausgerechnet Ihre Mutter, Ihr Vater, Ihre Tochter, Ihr Sohn liebenswert sind?

Sie sind doch kein Nationalist – Warum bejubeln Sie jeden Sieg einer deutschen Fußballmannschaft und nicht ein schönes Spiel, in dem die Deutschen besiegt werden?

Sie wollen doch, dass Ihre Privatsphäre respektiert wird – Warum nötigen Sie in der S-Bahn alle Mitreisenden zur Wahrnehmung Ihrer Telefonate?

Sie können doch rechnen – Warum kaufen Sie sich einen Lottoschein?

Sie sind doch Christ – Warum lieben Sie Ihren muslimischen Nächsten weniger als sich selbst?

Sie wollen doch für Ihre Arbeit gerecht bezahlt und nicht durch ein Trinkgeld gedemütigt werden – Warum setzen Sie sich nicht dafür ein, dass das auch für andere gilt?

Sie lieben doch die Freiheit – Warum dulden Sie, dass andere in ihrer Freiheit eingeschränkt werden?

Sie wollen doch nicht ausgenutzt werden – Warum machen Sie sich zum unbezahlten Werbe-Träger, indem sie T-Shirts und Plastikbeutel mit Firmenaufdrucken herumtragen?

Sie wollen doch nicht belogen werden – Warum lügen Sie?

Sie sind doch um die Umwelt besorgt – Warum lassen Sie den Motor Ihres parkenden Autos laufen?

Sie mögen doch Licht und Sonne – Warum nehmen Sie es widerspruchslos hin, dass Ihnen Hochhäuser vor das Fenster gebaut werden?

Sie wünschen sich doch gesunde Kinder – Warum gehen Sie mit ihnen zu McDonald‘s?

Thomas Rothschild - 5. September 2020
2697

Nicht geklappt

Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann wollte, als er noch nicht Ministerpräsident war, Stuttgart 21 verhindern. Inzwischen beteiligt er sich an der Ausführung von Stuttgart 21, unbeeindruckt von Skandalen und steigenden Kosten. Immerhin kann er sich auf eine Volksabstimmung berufen, in der sich eine knappe Mehrheit für Stuttgart 21 entschieden hat.

Die grüne Bezirksvorsteherin von Stuttgart Mitte und Kandidatin für die Nachfolge des grünen Oberbürgermeisters Fritz Kuhn Veronika Kienzle beklagt, dass ein 60 Meter hoher Hotelturm vor die für ihre originelle Architektur vielfach gelobte Stadtbibliothek gebaut wird und die Sicht auf diese verstellt. Auch das Versprechen, dass der Neubau begrünt werde, wird nun nicht eingehalten.

Darüber hat es keine Volksabstimmung gegeben. Veronika Kienzle und ihre Parteifreunde haben keine Ausrede. Der Staatsbürger aber muss sich fragen, welchen Sinn eine repräsentative Demokratie haben soll, wenn die gewählten Vertreter nicht in der Lage sind, menschen- und umweltfeindliche Bauvorhaben zu verhindern und die Einhaltung von Versprechen durchzusetzen. Einmal mehr wird deutlich, dass nicht die Politik, sondern die Wirtschaft beschließt, was zu geschehen hat, und die gewählten Volksvertreter, egal von welcher Fraktion, jammern ein wenig, ehe sie auch dies abnicken.

Die Stuttgarter Nachrichten melden: „Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) macht aus ihrem Herzen dagegen keine Mördergrube: ‚Es ist einfach schade, dass man ein weltweit bekanntes Stadt- und Kulturgebäude nun nicht mehr sieht und das nun an Strahlkraft verloren hat.‘ Weiter meint die OB-Kandidatin: ‚Noch bedauerlicher ist es aus städtebaulicher Sicht, dass es mit der Begrünung des Gebäudes nicht geklappt hat.‘“

„Schade“ und „nicht geklappt“ sind, sorry, keine politischen Kategorien.

Bezirksvorsteherinnen und Oberbürgermeisterinnen werden gewählt, damit sie gegen Profitinteressen abwehren, was schade ist, und dafür sorgen, dass klappt, was im Vorfeld zur Genehmigung der Baupläne versprochen wurde. Ansonsten kann man auf Wahlen verzichten. Wem gehört die Stadt? hieß ein Film aus dem Jahr 1936. Ja, wem gehört sie? Hände über der Stadt hieß ein weiterer Film von 1963. Man sollte ihn vor den nächsten Wahlen ansehen. Damit man sich nicht dumm stellen kann, wenn jene an das Ruder kommen, die im Nachhinein bedauern, was schade ist und nicht geklappt hat.

Thomas Rothschild - 29. August 2020 (2)
2696

Gleiches Recht auf Ehrgeiz

Es gab ihn in jeder Schulklasse: den Streber. Das Wort ist kein generisches Maskulinum. Der Streber war tatsächlich männlich. Er war kein sympathischer Typ. In der gehobenen Sprache bezeichnete man ihn als Karrieristen. Carl Sternheim hat ihm in seiner Komödie Der Snob ein Denkmal gesetzt.

Wenn man den Typus von seinem negativen Image befreien wollte, nannte man ihn „ehrgeizig“. Ehrgeiz ist in unserer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft positiv konnotiert. Sympathischer werden ehrgeizige Männer freilich nicht, nur weil man sie nicht mehr Streber oder Karrieristen nennt. Sie bleiben die fiesen Aufsteiger vom Zuschnitt des Christian Maske, des Julien Sorel aus Stendhals Rot und Schwarz oder, ins Komische gewendet, von Nestroys Titus Feuerfuchs, und metaphorische, manchmal auch reale Leichen pflastern ihren Weg nach oben.

Im Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit freilich haben sich auch die Frauen das Privileg errungen, Streberinnen, Karrieristinnen oder eben ehrgeizig zu sein. Es gibt keine Spitzenposition in der Gesellschaft, die ihnen nicht erstrebenswert erschiene. Nur beim Militär halten sie sich noch zurück, aber auch auf diesem Gebiet gibt es eine Fraktion, die das gleiche Recht auf Töten fordert (auch wenn sie es so nicht ausspricht).

Ein Schritt voran in der Emanzipation. Fragt sich, ob die Welt bewohnbarer und angenehmer geworden ist, seit Frauen die Verhaltensmuster der Streber und Karrieristen übernommen haben. Und es erweist sich: wenn sie erst dort angekommen sind, wo sie hin wollten, eben oben – in der Politik, in der Wirtschaft, in den öffentlichen Einrichtungen –, verhalten sie sich nicht anders als ihre männlichen Vorbilder. Über Nacht erlernen sie die Lust am Befehlen und an der Inanspruchnahme von Vergünstigungen. Der Ehrgeiz hat seine eigenen Gesetze. Ihnen entzieht man sich, unabhängig vom Geschlecht, nicht. Die Grenzen zwischen Ehrgeiz, Erfolg und Kriminalität sind fließend. Sympathischer machen sie weder Mann noch Frau.

Ein Schritt voran in der Emanzipation? Wie kommt es, dass die Konjunktur von Ehrgeiz, Strebertum, Karrierismus bei vermeintlich und tatsächlich frauenfeindlichen Patriarchen auch dann Zuspruch findet, wenn Frauen an ihr teilhaben und sie befördern? Es ist ja nicht wahr, dass die „alten weißen Männer“ die Hauptfeinde der Streberinnen sind. Niemand bekämpft sie so verbissen wie die eigentlichen Konkurrentinnen, die anderen Streberinnen. Und wenn sie oben angekommen sind, treten sie nach unten wie ihre männlichen Vorbilder. Der Ehrgeiz lässt Solidarität oder gar Verzicht zugunsten anderer, bedürftigerer, begabterer Frauen nicht zu. Der eigene Ehrgeiz scheint ihnen eine Tugend. Der Ehrgeiz der anderen ist eine Gefährdung. Auch den Aufsteigerinnen und Karrieristinnen, den rücksichts- und skrupellosen Streberinnen hat die Literatur ein Denkmal gesetzt, etwa in Gestalt der Lady Macbeth oder von Gorkis Wassa Schelesnowa. Und in der Fernsehserie House of Cards agiert Claire Underwood auf Augenhöhe mit ihrem Ehemann und Vorgänger Francis Underwood. Sie kann ihm in Sachen Intrige und Gemeinheit das Wasser reichen.

Wenn nachgerechnet wird, wie hoch der Prozentsatz von Frauen in den Gremien der Unternehmen und Banken ist, wird nicht betont, wie wirksam demnach ihr Anteil an der Ausbeutung in einem ungerechten System ist. Vergessen wurde die sozialistische Frauenbewegung, die andere Ziele hatte als ein bürgerlicher Feminismus, der die Machtstellung einer Margaret Thatcher, einer Condoleeza Rice oder einer Angela Merkel als Sieg feiert. Ein Feminismus, der die Klassenfrage ausblendet, ist den Herrschenden willkommen. Er ist für sie keine wirkliche Gefahr. Eine Quote in den Chefetagen können sie aushalten. Das Ende der Klassengesellschaft, das die sozialistische Frauenbewegung ersehnt hat, nicht. Das freilich ist nicht durch eine geschlechtergerechte Verteilung ungerechter Privilegien, durch gleiches Recht auf widerwärtige Eigenschaften wie Karrierismus und Strebertum zu erreichen.


Thomas Rothschild - 20. August 2020
2695

Demut

Hermann Beil schrieb vor ein paar Jahren die folgenden Sätze:

„Es ist schon kurios, wenn unmittelbar nach der Premiere auf der Perner-Insel eine Zuschauerin vor der Fernsehkamera ‚etwas weniger Werktreue‘ einfordert. Seien wir doch ehrlich: Wer hat ‚Ödipus auf Kolonos‘ schon gesehen oder gar mehr als einmal gesehen? Jener Dame (nicht nur jener Dame!) würde ich gerne mit Arthur Schnitzler zurufen: ‚Des Kritikers erste Frage müsste sein: Was hast du mir zu sagen, Werk – ? Aber seine erste Regung ist vielmehr: Nun, Werk, gib acht, was ich dir zu sagen habe!‘ Den Begriff ‚Werk‘ möchte ich hier mit dem Begriff Aufführung gleichsetzen.“

Hermann Beil? Richtig: der unvergessene dramaturgische Partner Claus Peymanns über Jahrzehnte hinweg. Ihm haben wir einige der großen Abende des so genannten Regietheaters mit zu verdanken. Und ausgerechnet er plädiert für Werktreue?

Wir wollen hier nicht die sich im Kreis drehende, längst redundante Diskussion über den angeblichen Gegensatz von Texttreue und Regietheater erneut aufgreifen. Ein Theater ohne Regie gibt es ebenso wenig wie unrelativierte Texttreue. Es genügt, an die Thomas-Bernhard-Inszenierungen Peymanns zu erinnern, die Beil dramaturgisch überwacht hat: Sie waren allesamt hervorragende Exemplare des Regietheaters wie der Werktreue zugleich. Aber es fällt schon auf, dass einige älter gewordene Theatermacher, allen voran Peter Stein, aber eben auch Peymann und Beil, die einst eigenwillig und oft auch kritisch mit Vorlagen umgingen, sich heute sehr skrupulös an Schnitzlers Mahnung halten, das Werk zu befragen, was es ihnen zu sagen habe. Wenn wir die Dame, die Hermann Beil belauscht hat, freundlich interpretieren, dann meinte sie ja wohl, sie hätte sich von Peter Stein mehr Einfälle beim Umgang mit Sophokles gewünscht. Dass er, anders als in seiner Jugend, solche Einfälle zugunsten einer genauen Lektüre des Textes zurückgesteckt hat, kann man, wie die Dame, bedauern, oder, wie Beil, begrüßen.

Woran aber liegt es, dass Regisseure, wenn sie alt werden, die beschriebene Richtung einschlagen? Ein bedeutender Regisseur, der den umgekehrten Weg gegangen wäre, wird einem nicht leicht in den Sinn kommen. Die simple Erklärung, dass man im Alter konservativ werde, ist zu kurz gegriffen. Erstens ist etwa Peymann in seinen politischen Ansichten wohl weniger konservativ als die meisten seiner jüngeren Kollegen. Und zweitens ist nicht ausgemacht, dass ein Theater der krampfhaften Originalität progressiver ist als ein Theater, das sich eng an den Text hält.

Vielleicht muss man zur Erklärung ein Wort bemühen, das selbst den Ruch des Konservativen, ja des Unzeitgemäßen hat: Demut. Was Peter Stein und Claus Peymann und Hermann Beil und ein paar andere ihrer Generation auszeichnet, ist eine Demut vor dem Autor und seinem Werk, die junge Menschen nicht kennen. Es ist ihr Privileg, aufmüpfig zu sein, wie es Stein und Peymann in ihrer Jugend waren, mitsamt der Ungerechtigkeit, die solche Aufmüpfigkeit gelegentlich einschließt. Und wahrscheinlich bedarf es einer größeren künstlerischen wie Lebenserfahrung, um vor den Dramen eines Sophokles (zum Beispiel) in einer Weise zu erschaudern, die einen dazu motiviert, ihnen dienen zu wollen. In Demut. Ohne Profilneurose. Und ohne Rechthaberei gegenüber den Jungen. Denn deren Aufmüpfigkeit ist ein notwendiges Korrektiv, wenn die Demut zur Kleinmütigkeit zu regredieren droht.

Thomas Rothschild - 13. August 2020
2694

Richter ohne Richter

In der Stuttgarter Zeitung vom 06.08.2020 befragt deren Literaturredakteur Stefan Kister die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach Sandra Richter über die gegen sie erhobenen Vorwürfe [s. Karlsruhe, Marbach und überall]. In dem Interview heißt es unter anderem mit Bezug auf die vernachlässigte Präsenzpflicht:

„Was spricht eigentlich dagegen, nach Marbach zu ziehen?

In modernen Familien kommt es vor, dass beide Teile an verschiedenen Orten sind. Die gegenwärtige Lebenssituation ist sicher nicht auf Dauer angelegt, langfristig möchte ich mich in Richtung Süden verändern. Zurzeit geht das noch nicht. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Aber ich habe eine Zweitwohnung in nächster Nähe zum Archiv, in der sich gerade meine Kinder aufhalten, und hoffentlich nichts anstellen.“


Sandra Richter hatte von 2008 bis zum Amtsantritt in Marbach einen Lehrstuhl an der Universität Stuttgart inne. Das ist immerhin ein gutes Jahrzehnt. Stuttgart liegt 25 Kilometer von Marbach entfernt und ganz entschieden im Süden Deutschlands. Haben 12 Jahre nicht ausgereicht, um sich langfristig in Richtung Süden zu verändern? Und bleiben die Absenzen vom Dienst in Forschung und Lehre, ausgefallene Vorlesungen, Seminare und Sprechstunden ohne Folgen? Offenbar. Die beteiligt waren an Berufungen nach Stuttgart, Marbach oder sonst wo hin, haben kein großes Interesse daran, dass die Berufenen kritisiert werden. Dass sie diese gegenüber Vorwürfen verteidigen, ist kaum verwunderlich. Es ist in ihrem Interesse. Man könnte sonst auf die Idee kommen, zu recherchieren, wie sehr sie sich über die Kandidaten im Wissenschafts- oder im Kunstbereich kundig gemacht haben. Aber die Medien dürften schon genauer nachhaken. Etwas mehr sollte dem Redakteur der Stuttgarter Zeitung schon einfallen als die Frage: „Hatten Sie nicht zuletzt manchmal Lust, das Ganze hinzuschmeißen und an die Universität zurückzukehren?“ Damit Sandra Richter dort langfristig fortsetzt, womit sie in Marbach möglicherweise – wohl aber doch nicht – gescheitert ist? Für alle Fälle hat sie sich das Recht zur Rückkehr an die Universität gesichert, und das Ministerium hat ihrem Begehr entsprochen. Hängt alles nur davon ab, worauf Sandra Richter manchmal Lust hat? Die Affäre scheint ja wohl mehr zu sein als ein „Pausenfüller für das Sommerloch“.

Thomas Rothschild - 5. August 2020
2693

Stellenausschreibung

Wir weisen unsere Leser auf eine Stellenausschreibung des deutschen PEN-Zentrums hin. Gesucht wird ein Angestellter für die Projektkoordination Writers in Prison und literarisches Leben. Verlangt wird folgende Qualifikation:

"Sie können ein abgeschlossenes Studium vorweisen oder haben eine Verwaltungsfachausbildung / kaufmännische Ausbildung erfolgreich absolviert
- Sie verfügen idealerweise über mehrjährige Berufserfahrung in einer ähnlichen Position, bspw. als Vorstands- oder Geschäftsführungsassistenz
- Sie haben eine ausgeprägte Zahlenaffinität, verfügen über eine schnelle Auffassungsgabe und können sich zügig in komplexe Sachverhalte einarbeiten
- Sie verfügen über Erfahrungen in der Beantragung und Abrechnung von Drittmitteln/Förderanträgen und im Vergaberecht
- Sie kennen sich in der Vereins- oder Verbandsarbeit aus
- Sie haben Erfahrungen in der Organisation von Veranstaltungen oder Tagungen
- Sie zeichnen sich durch eine proaktive, selbständige und strukturierte Arbeitsweise aus und behalten Ihr souveränes Auftreten auch in Stresssituationen
- Sie verstehen es, auf verschiedenen Ebenen zielgerichtet zu kommunizieren
- Sie sind ein Teamplayer, bringen ein ausgeprägtes Kommunikationsvermögen mit, sind offen für Neues, konfliktfähig und flexibel
- Die Menschenrechte liegen Ihnen am Herzen
- Wünschenswert sind gute Kenntnisse des deutschen Literaturbetriebs
- Fremdsprachenkenntnisse erwünscht
- Gender- und Diversitätskompetenz setzen wir voraus"


Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass die Mitglieder des PEN-Vorstands, allen voran die Präsidentin Regula Venske und der Generalsekretär Heinrich Peuckmann, über die Qualifikationen verfügen, die sie von einer abhängigen Mitarbeiterin, einem abhängigen Mitarbeiter (3367,04 Euro Monatsgehalt) erwarten. Alles andere wäre mit den hehren Ansprüchen des Vereins kaum vereinbar. Schon wegen der Diversitätskompetenz oder so. Obwohl, wenn man‘s genau bedenkt: die Damen und Herren des Vorstands sind ja damit beschäftigt, Weltliteratur zu produzieren. Da kann man von einer Projektkoordinatorin, einem Projektkoordinator schon etwas mehr verlangen. Irgendwer muss die Arbeit schließlich erledigen. Mit ausgeprägter Zahlenaffinität (um es in angemessen literarischer Sprache auszudrücken).

Thomas Rothschild - 25. Juli 2020 (2)
2692

Selbstanpreisung und Ökonomie

Die Erinnerung an sie ist nicht verblasst. Es gab sie – die Intendant*innen, die maßgeblich zum Ruhm des deutschsprachigen Theaters beigetragen haben. Ihr anhaltendes Renommee beruht auf den künstlerischen Errungenschaften, die sie – inszenierend und/oder verwaltend – zu verantworten hatten, auf ihrer Begabung, überragende Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Bühnenbildner*innen, Kostümbildner*innen, auch Autor*innen zu entdecken und zu fördern. Man denke an Namen wie Max Reinhardt, Wolfgang Langhoff, Manfred Wekwerth, Hans Schalla, Kurt Hübner, Oscar Fritz Schuh, Boy Gobert, Peter Palitzsch, Albert Hetterle, Hansgünther Heyme, Hans Lietzau, Frank Baumbauer, Dieter Dorn, Roberto Ciulli, Jürgen Flimm, Franz-Patrick Steckel, Wolfgang Engel, Frank Castorf, Karin Beier, Barbara Frey.

Das hat sich geändert. Die künstlerisch ambitionierten Intendant*innen wurden von einem neuen Typus abgelöst: dem marktschreierischen PR-Agenten, dem von keiner falschen Bescheidenheit gebremsten Selbstdarsteller, dem Buchhalter beiderlei Geschlechts. Ohne jede Hemmung preisen sich die Theaterleiter*innen selbst an oder lassen sich von ihren Pressereferent*innen, die von Kulturmanagement einiges, von Theater jedoch kaum etwas verstehen, anpreisen. Sie protzen mit Lobeshymnen von geringem Aussagewert und unterschlagen negative Kritiken. Folgt man ihren Verlautbarungen, könnte man zu dem Eindruck gelangen, sie würden von einem überwältigenden Erfolg zum nächsten eilen.

Den Erfolg aber bemessen sie nach den Gesetzen des Neoliberalismus nicht an ihrem Beitrag zur Geschichte des Theaters als Ort der Kunst, sondern an der Schlussabrechnung. Die Festspiele in Reichenau an der Rax verkündeten am 1. Juli dieses Jahres: „Die Rückzahlaktion der Kartenpreise 2020 ist abgeschlossen. Über € 2,2 Millionen wurden in Einzelbeträgen zwischen 4. Mai und 30. Juni überwiesen.“ Und das Theater Konstanz ließ die Presse und sein Publikum wissen: „Darüber hinaus gibt es gute Nachrichten aus dem Theater. Der Intendant des Theater Konstanz konnte stolz darauf hinweisen, dass trotz ausgefallener Vorstellungen und fehlender Einnahmen im Theater zum Abschluss der Intendanz Nix ein Überschuss von derzeit kalkulierten 153.000 Euro erzielt werden wird. ‚Wir finanzieren dieser Stadt ihre Millionenverluste beim Bodenseeforum und der Philharmonie und machen darüber hinaus fröhlich Kunst‘, stellte der Intendant des Theaters fest. Das Theater ist in Stadt und Land weiterhin beliebt und Nix freue sich seiner Nachfolgerin, ein so gutes wirtschaftliches Ergebnis kommunizieren zu können.“ (Die Zeichensetzung folgt dem Original.)

Als ich vor gut 50 Jahren nach Deutschland kam, amüsierte mich, wie die Landesschau des Süddeutschen Fernsehens Abend für Abend über irgendwelche Veranstaltungen und Unternehmungen berichtete, ohne jemals die Nennung der Kosten zu unterschlagen. Ich hielt das für „typisch schwäbisch“. Inzwischen ist die Denkungsart überregional bei den Theatermachern angekommen. Nichts euphorisiert so sehr wie eine glatte Bilanz. Die eigentliche Premierenfeier findet an der Kasse statt. Was drinnen auf der Bühne geschieht, ist im Vergleich dazu zweitrangig. Dort zetert Harpagon: „Was Teufel! Immer Geld! Es scheint, als hättet Ihr nie etwas anderes zu sagen als Geld, Geld, Geld! – Sie haben immer alle das eine Wort auf der Zunge: Geld! – sprechen nie von etwas anderem als von Geld! – Damit stehen sie auf und gehen damit zu Bett: immer und ewig nur Geld!“ Harpagon ist ein Heuchler. Er würde sich durchaus als Intendant an einem deutschen Theater eignen. Dort hätte er in diesen Tagen seinen großen Auftritt, hin und her gerissen zwischen dem Lamento über die coronabedingten Einbußen und dem habituellen Selbstlob. Fast scheint es, als wäre er dem Virus dankbar dafür, dass es ihm Gelegenheit gibt, den Satz zu belegen: „Wenn die Not am größten, dann ist Gottes Hilfe am nächsten.“ Wobei Gott, je nach Laune, der Finanzminister sein kann oder er, Harpagon als Intendant, selbst.

Thomas Rothschild - 23. Juli 2020
2691

Deadwood

Zu den filmisch wie inhaltlich besten Fernsehserien seit The Sopranos gehört Deadwood, das in den USA von 2004 bs 2006 erstmals ausgestrahlt wurde. Darin ist jedes dritte Wort, insbesondere von dem Inhaber des Saloons und Bordells Gem Variety Theater Al Swearengen, "fuck" oder "cocksucker". Darüber hinaus werden Schwarze, Chinesen und Juden laufend mit diskriminierenden Schimpfwörtern bedacht. Es ist kaum anzunehmen, dass sich heutige Zuschauer diese rassistischen Bezeichnungen zu eigen machen oder sie auch nur goutieren. Wenn man sie aber, wie das heute zum guten Ton gehört, streicht oder durch neutrale Begriffe ersetzt, beraubt man sich der Möglichkeit, eine rassistische Gesellschaft zu zeigen. Jede Sprachkosmetik dient in diesem Fall der Geschichtsfälschung, mehr noch: der Exkulpation von Zuständen, die die Serie gerade anzuklagen bestrebt ist.

Deadwood ist jedoch auch in anderer Hinsicht interessant und aktuell. Die Serie spielt in den Jahren 1876-1878. Sie zeigt eine neu gegründete Goldgräbersiedlung in South Dakota in einer Epoche, in der sich Law and Order erst allmählich durchsetzten. Man reicht sich die Hände, in die man zuvor gespuckt hat. Das genügt, um einen Vertrag zu besiegeln, an den man sich hält oder eben nicht hält. Prostituierte werden importiert und wie Gefangene in Käfigen gehalten. Es herrscht das Recht des Stärkeren, offenkundige Morde bleiben ungesühnt, ein staatliches Gewaltmonopol steht noch in den Sternen. South Dakota wurde erst 1889, also nach der Zeit der Handlung von Deadwood, als Bundesstaat in die USA aufgenommen. Im Film Deadwood von 2019, der an die Serie anschließt, wird das zum Hintergrundsthema.

Man muss sich vor Augen halten: die „Helden“ von Deadwood, für die es größtenteils historische Vorlagen gab, Al Swearengen, Seth Bullock, George Hearst, Calamity Jane, „Wild Bill“ Hickok waren Zeitgenossen von Émile Zola, Karl May, August Strindberg, Oscar Wilde, Sigmund Freud, Carl Benz, August Bebel, Paul von Hindenburg. Die Story von Deadwood liegt gerade vier bis fünf Generationen zurück. Aber die Verhältnisse westlich von New York, Boston und Chicago unterschieden sich grundlegend von jenen in Frankreich, England oder Deutschland. Deadwood liefert davon ein anschauliches Bild. Und macht schlagartig verständlich, was uns gemeinhin so rätselhaft erscheint: wieso ein launischer Rowdy wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte.

Der Western, der weitgehend aus der Mode gekommen ist, galt einst als amerikanischer Heimatfilm. Deadwood hat die Klischees des Genres durch eine fast dokumentarische Nähe zu den überlieferten Fakten ersetzt. Sie belehren uns, dass die heroischen Legenden allenfalls im Kopf eines Donald Trump weiterleben. In John Fords The Man Who Shot Liberty Valance sagt der Journalist Maxwell Scott: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Donald Trump scheint an diese Legenden zu glauben und verhält sich entsprechend. Das muss man wissen, wenn man den amerikanischen Präsidenten und seine Politik beurteilt. Dieser Tage hielt er just in South Dakota, 80 Kilometer von Deadwood entfernt, eine flammende Rede gegen die Anti-Rassismus-Bewegung.

Thomas Rothschild - 16. Juli 2020
2690

Karlsruhe, Marbach und überall

Auf dem Theaterportal nachtkritik.de tobt zurzeit eine heftige Diskussion über deplorable Zustände am Badischen Staatstheater Karlsruhe, die wiederum von den Badischen Neuesten Nachrichten in mehreren Artikeln bekannt gemacht wurden.

Was an einem Einzelfall die Gemüter erregt, ist nicht so einmalig, wie es scheinen mag. Einmalig ist daran lediglich, dass an die Öffentlichkeit gelangt ist, was in der Regel durch ein Wechselspiel von Erpressung durch Vorgesetzte und Feigheit der Abhängigen geheim gehalten wird. Die zu Recht beklagten Missstände herrschen nicht nur in Karlsruhe und nicht nur am Theater. Sie sind vielmehr ein Problem der Hierarchien, die das Rollback nach 1968 gestärkt hat und verschlimmert durch den Typus des mediengewandten Selbstdarstellers (s. Legale Segregation). Das belegt unter anderem ein Artikel von Bettina Wieselmann, der dieser Tage unter dem Titel Literaturarchiv – Brandbrief von der Schillerhöhe in der Heidenheimer Zeitung erschienen ist.

"In der Belegschaft des Deutschen Literaturarchivs (DLA) rumort es immer stärker. In einem Brandbrief, der der Südwest Presse vorliegt, wurde jetzt das aufsichtsführende 20-köpfige Kuratorium aufgefordert, sich mit der 'desolaten Lage' zu befassen. Marbach mit seinen rund 260 Mitarbeitern müsse wieder zu einem Ort werden, 'mit dem man sich identifizieren kann, an dem man wohlwollend miteinander umgeht und gerne arbeitet', schreibt die Betriebsratsvorsitzende Ulrike Weiß. Das Unverständnis über die Amtsführung von Direktorin Sandra Richter, die seit 2019 an der Spitze der national und international hoch angesehenen Institution steht, macht sich vor allem fest an dem Ende April erfolgten Rausschmiss der weithin geschätzten Verwaltungsleiterin Dagmar Janson (...).
Das geht auch aus dem zehnseitigen Anhang an den Brandbrief hervor, der eine Fülle anonymisierter E-Mails aus der Belegschaft auflistet. (...) 'Fassungslos' und 'geschockt' wird beklagt, dass sich Richter in 'einer ihrer ersten Amtshandlungen' von einer 'kompetenten, hilfsbereiten, für Kritik stets offenen Vorgesetzten' getrennt habe. Der Eindruck, der sich seit Beginn 2019 verfestige, finde mit der Freistellung von Janson seinen Höhepunkt: 'Weiß die Direktion, was sie tut?' Die 'Demontierung' der Führungskraft lasse auf eine 'gezielte Racheaktion, auf Willkür und Duodezverhalten schließen, das einem Deutschen Literaturarchiv wahrlich nicht würdig ist'.
(...) Weiß hält Richter vor, sich auf die Außendarstellung des DLA zu konzentrieren: 'Interne Abläufe werden dadurch teils immer noch nicht gekannt.' Das führe 'zu großer Verunsicherung und negativer Grundstimmung im Haus'. Die Folge: eine 'ungewöhnlich hohe personelle Fluktuation'. 'Wir wenden uns an das Kuratorium als mögliches Korrektiv und bitten Sie, sich mit der Geschäftsleitung in Verbindung zu setzen', appelliert Weiß." (Quelle: hz.de)

Karlsruhe, Marbach, in zahllosen Städte und Institutionen zwischen Kiel und Konstanz, zwischen Saarbrücken und Rostock herrschen feudale Zustände, von denen man um 1968 dachte, dass sie überwunden seien. Sie haben eher zugenommen. Geblieben sind die Strukturen, die verhindern, dass sie ans Tageslicht kommen. Die sie melden könnten, haben zu viel zu verlieren. Darauf können sich die Herren und die Damen als Herren verlassen. In der Regel. Bemerkenswert ist auch die Zurückhaltung der regionalen Medien in Sachen Literaturarchiv Marbach. Dank gebührt den Whistleblowern, die diese Mechanismen der Einschüchterung und der Komplizenschaft unterlaufen. Allzu viele sind es nicht. Und allzu hoffnungsvoll stimmt es nicht, wenn man den jüngsten Bericht der Badischen Neuesten Nachrichten vom 8. Juli 2020 zur Kenntnis nimmt. Demnach scheint der baden-württembergischen Kunstministerin Theresia Bauer und Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup, die dem Verwaltungsrat des Theaters vorsitzen, der Umstand, dass aus dem Thema „gleich eine öffentliche Debatte“ gemacht worden sei, mehr Sorgen zu bereiten als das Thema selbst. Alles wie gehabt? In Karlsruhe, Marbach und sonstwo?

Thomas Rothschild - 8. Juli 2020
2689

Arno Widmann und der Rassismus

In der Berliner Zeitung reist Arno Widmann, der langjährige Reisende durch die deutschen Feuilletons, „durch die Kulturgeschichte des Rassismus“. Nach mancherlei Bedenkenswertem gelangt er zu der apodiktischen Behauptung: „Es gibt keine Reinheit. Sie einzufordern ist selbst Rassismus.“ Diese verblüffende, aber in ihrer Rhetorik ziemlich ausgelutschte Pointe folgt dem Muster der Kinderreplik „das bist du und was bin ich“ auf die Beschimpfung als Esel oder als Trottel. Die Forderung nach Reinheit – in diesem Zusammenhang: der Ideen, der Gedanken – mag unsinnig sein oder beschissen, unproduktiv oder verbohrt. Mit Rassismus hat sie so viel zu tun wie die Forderung von Logik mit Pädophilie.

Widmann müsste nur seinen eigenen Artikel lesen. Dort zitiert er gleich zu Beginn eine brauchbare Definition von Rassismus. „Wenn Menschen nicht nach ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften oder danach, was sie persönlich tun, sondern als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe beurteilt und abgewertet werden, dann ist das Rassismus.“ Was hat die Forderung von Reinheit der Ideen – an Kant oder an sonst wen – mit der Beurteilung und Abwertung von Menschen als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe zu tun? Nichts. Aber indem Widmann den Kritikern von Rassismus unterstellt, sie seien selbst Rassisten, setzt er diese ohne weitere Argumente ins Unrecht und eskamotiert zugleich die Kategorie des Rassismus aus der Debatte.

Es gibt gute Gründe dafür, das Denken in seiner Widersprüchlichkeit auszuhalten, ja gerade „das zu mögen“. Es gibt schlagende Argumente gegen die Beseitigung von verstörenden Erinnerungen und damit auch der Herausforderung, sich mit ihnen (kritisch) auseinanderzusetzen. Aber die undifferenzierte Einebnung von Begriffen ist dabei nicht hilfreich. Wer alles, was ihm oder ihr nicht gefällt, zu Rassismus macht, beraubt den Rassismus seiner spezifischen Bedeutung. Er bedarf dann ebenso wenig der Ablehnung und der Bekämpfung wie die Schwerkraft.

Ist es das, was Arno Widmann bezweckt? Wohl nicht. Eher schon als Absicht ist sein Sermon Gedankenlosigkeit. Auch eine Möglichkeit, der Verunreinigung von Gedanken zu begegnen.

Thomas Rothschild - 7. Juli 2020
2688

Technologie, Fortschritt und die Lehren des Coronavirus

Als die ersten Schreckensmeldungen über AIDS verbreitet wurden und man noch wenig über die Verbreitung der Krankheit wusste, mögen viele dem Geschlechtsverkehr den Telefonsex vorgezogen haben. Schließlich gab es die technischen Voraussetzungen, die den direkten körperlichen Kontakt überflüssig machten. Die Folgen dieser Erkenntnis waren gering. Der Geschlechtsverkehr hat den Telefonsex überdauert. Nachhaltig.

Die Ideologen des Streaming, die technische Neuerungen mit Fortschritt verwechseln, wollen uns einreden, dass das Theater, „wie wir es gekannt haben“, wegen Corona zum Verschwinden verdammt sei. Die Evidenz widerspricht dieser scheinbaren Gewissheit. Jetzt öffnen die Theater wieder nach und nach ihre Pforten – und siehe da: das Publikum strömt herbei, als sei nichts passiert. Die apokalyptische These ist ebenso plausibel wie die Behauptung, dass der Bau von Wolkenkratzern nach der Zerstörung der Twin Towers durch zwei Flugzeuge oder der Kapitalismus nach der Lehmann-Pleite undenkbar sei. Das Kino hat, entgegen düsteren Prognosen, die Erfindung des Fernsehens und das Konzert die Schallplatte überlebt. Der Synthesizer hat sich bei der Filmmusik (aus Kostengründen) weitgehend durchgesetzt, aber bedeutet er für die Gattung einen künstlerischen Fortschritt? Öffentliche Hinrichtungen sind in unseren Breitengraden nicht wegen einer Katastrophe verschwunden und noch nicht einmal wegen einer Zunahme an Humanismus, sondern weil es dafür keinen Bedarf mehr gab. Nichts weist darauf hin, dass das für das Theater gelten dürfte. Und wenn Franz-Xaver Kroetz der Süddeutschen Zeitung mitteilt, er kenne niemanden, den Theater interessiert, außer seine Zahnärzte, dann verwechselt er das Interesse an seinen Stücken mit dem Interesse an Theater. So viele Zahnärzte, wie jetzt wieder die Theater füllen, gibt es gar nicht. Anders als dem gealterten Dramatiker schließen für sie House of Cards und Hamlet einander nicht aus.

Das könnte tröstlich sein, und man könnte gelassen darauf warten, bis der Aufmerksamkeitswert der gegenwärtigen Möchtegernpropheten, die sich im übrigen nicht selten zum Instrument massiver ökonomischer Interessen machen lassen, wieder verblasst ist wie der von Verkündern des Segens elektrischer Brotschneidemaschinen oder von Tischgeräten für die Zubereitung von Raclette. Leider aber wirken sich die Mechanismen der Vergänglichkeit, der begrenzten Halbwertzeit nicht nur bei technischem Krimskrams aus. Auch geistige Errungenschaften unterliegen diesen Regeln. Bis etwa zum Tod von Thomas Bernhard vor mehr als dreißig Jahren gab es kaum eine Umfrage über die bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, auf der nicht H.C. Artmann an einem der ersten Plätze gestanden hätte. Diesseits der Anhängerschaft von Johannes Mario Simmel und Christine Busta war man sich weitgehend über den Rang Artmanns einig. Seine Wertschätzung implizierte ein Bekenntnis zur sprachorientierten Literatur, die die Verunglimpfung der Moderne in der Nazi-Zeit rückgängig machen sollte. Eine ganze jüngere Generation von österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern berief sich auf H.C. Artmann.

Wenn man junge Leser heute nach Artmann fragt, dürfte das Ergebnis ernüchternd sein. Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist Artmann so gut wie vergessen. Er ist kein Einzelfall. Ein großer Teil der Autoren des 20. Jahrhunderts, deren Lektüre bei halbwegs gebildeten Menschen noch vor kurzem vorausgesetzt werden durfte, ist heute wohl, wenn überhaupt, nur noch dem Namen nach bekannt. Vermutlich wissen Gymnasiasten noch, was mit „kafkaesk“ gemeint ist, aber haben sie, über die Schullektüre der Verwandlung hinaus, Kafka gelesen? Von Proust, Joyce und Musil sprechen wir gar nicht erst. Was eben über Literatur geäußert wurde, gilt zumindest ebenso für die Meisterwerke der Filmkunst. Sie sind nicht am Fernsehen verendet – im Gegenteil: arte und 3sat füllen mit dankenswertem Engagement die entstandene Angebotslücke –, sondern am Wandel oder am Verlust der kommunalen und Programmkinos. Kein Virus, sondern eine ahnungslose Kulturpolitik hat sie abgemurkst. Und wer greift schon zur DVD eines Ophüls, eines Antonioni, einer Varda, wenn ihm die Namen nichts sagen.

Bertolt Brecht lässt seinen Galilei auf den Satz seines Schülers Andrea „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“ erwidern: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Der Satz ließe sich so variieren: „Unglücklich das Land, das den Sieger des letzten Eurovision Song Contests und die Vornamen der Nachkommen aus den Königshäusern kennt, nicht aber seine bedeutendsten Schriftsteller, Filmemacher, Komponisten, Maler.“ Unglücklich eine Welt, die sich der Vergänglichkeit des kulturellen Gedächtnisses widerstandslos hingibt und auf Streaming vertraut.

Corona wird zähmbar sein. Die Theater werden wieder spielen. Aber ein Artmann oder ein Ophüls könnten zu Bewohnern der Archive werden. Für ein paar spinnerte Spezialisten.

Thomas Rothschild - 1. Jui 2020 (2)
2687

Schuldzuweisungen

In der Stuttgarter Innenstadt haben in der Nacht von Samstag auf Sonntag bis zu 500 Jugendliche randaliert, Schaufenster eingeschlagen und Läden geplündert. Die Polizei hat dafür die „Party- und Eventszene“ verantwortlich gemacht. Dagegen haben Clubbetreiber nun protestiert. Die verallgemeinernde Schuldzuweisung, die eine komplette Branche in ein schlechtes Licht rücke, sei verantwortungslos.

Unmittelbar nach den Ereignissen meldete dpa und zitierten zahllose Medien: „Vor einigen Tagen hatte die Stuttgarter Polizei nach Vorfällen am Rande einer Demonstration von Grenzüberschreitungen gesprochen. 'Teile der linken Szene überschreiten hier gerade Linien, was wir für Stuttgart bisher so nicht gekannt haben', sagte damals ein Polizeisprecher.“ Dagegen hatten die Sprecher der Partyszene nichts einzuwenden. So aber schafft man Stimmung und steckt den politischen Rahmen ab. Das hat Tradition in der deutschen Geschichte. Und niemand zieht die zündelnden oder zumindest fahrlässigen Journalisten zur Verantwortung.

Offenbar hat man gegen falsche oder pauschalisierende Schuldzuweisungen nur etwas einzuwenden, wenn sie die eigene Klientel betreffen. Ansonsten nimmt man sie gleichgültig oder sogar billigend hin. So kommen wir nicht weiter. Weder in der Partyszene, die mit Nachdruck betont, dass sie „ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“ sei, noch unter Linken, die dieses schlagende Argument nicht für sich in Anspruch nehmen können. So oder so sollte man aufhorchen, wenn jemand allzu schnell zu wissen vorgibt, wer welche Schandtaten verübt hat. Wie war das doch damals? Wer hat den Reichstag angezündet? Und welchen Preis mussten die angeblich Schuldigen bezahlen? Das ist keine hundert Jahre her.

Thomas Rothschild - 22. Juni 2020
2686

Gesinnung und Literatur

Als Rolf Hochhuth neulich starb, taten die Nachrufe, was zu ihrem Wesen gehört: Sie hoben den Schriftsteller in einen Himmel, in dem anzukommen die Autoren dem Toten wohl wünschten. Nur sehr vorsichtig mischten sich in einige Nekrologe kritische Worte.

Die Wahrheit ist: Hochhuths Bedeutung lag in der Erinnerung an die politische Schuld des Stellvertreters Jesu Christi, in der Aufdeckung der Vergangenheit des „furchtbaren Juristen“ Hans Filbinger. Als Dramatiker war er von geringer Bedeutung. Für das Dokumentardrama, für das ihn manche Nekrolog-Schreiber lobend erwähnten, haben etwa Heinar Kipphardt oder Peter Weiss ungleich mehr geleistet, jedenfalls wenn es um Literatur und nicht bloß um Skandale geht. Zugespitzt ließe sich formulieren: mit Hochhuth hat die sich bis heute steigernde Tendenz begonnen, Themen für wichtiger zu halten als ästhetische Verfahren. Kritiker wie Heinrich Vormweg, Reinhard Baumgart oder Jörg Drews wussten noch Bescheid. Durchgesetzt hat sich Reich-Ranicki.

2015 hat die weißrussische Journalistin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch den Literaturnobelpreis erhalten, dessen sich für das Stockholmer Komitee weder Tolstoi, noch Tschechow, noch Gorki, noch Achmatowa, noch Mandelstam, noch Zwetajewa, noch Babel als würdig erwiesen haben. Jetzt bekommt Ljudmila Jewgenjewna Ulitzkaja den Siegfried Lenz Preis, nachdem sie bereits mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, geehrt wurde. (Was das über den Namensgeber Siegfried Lenz besagt, wäre eine eigene Überlegung wert.)

Beide, Alexijewitsch wie Ulitzkaja, haben sich durch couragierten Widerstand gegen Unrecht in Russland und gegen Putin Ansehen erworben und verdienen dafür jeglichen Respekt. Jeder Preis für politischen Mut wäre in beiden Fällen angemessen. Aber auch hier gilt: literarisch, künstlerisch, sprachlich sind beide, nicht nur innerhalb der russischen Literatur, allenfalls Autorinnen der Mittelklasse. Das können auch Jubelrezensionen und Laudationes nicht verschleiern. Ihre Verfasser machen sich allenfalls zu Komplizen eines Literaturbetriebs, dem es auf Literatur nicht mehr ankommt. Dass Literaturkritiker, die Romane danach beurteilen, was sie aus ihnen über die Wirklichkeit erfahren, Ljudmila Ulitzkaja loben, ist nicht weiter verwunderlich. Erstaunlicher ist schon, dass selbst Rezensenten, die ansonsten größten Wert auf die (sprachliche) Beschaffenheit von Literatur legen, plötzlich ins Schwärmen geraten, wenn sie über diese Autorin zu schreiben haben.

Man leistet der Literatur keinen Dienst, wenn man die Kriterien missachtet, die sie erst konstituieren, und stattdessen Literaturpreise für Gesinnung und Haltung vergibt. Damit trägt man bei zur Marginalisierung der Künste, zur Zerstörung der Wahrnehmung dessen, was Literatur ausmacht und von Journalismus oder politischem Aktivismus unterscheidet. Albert Einstein hatte viele Qualitäten und Fähigkeiten. Den Nobelpreis hat er für Physik erhalten. Und das ist gut so.

Thomas Rothschild - 17. Juni 2020
2685

Für dumm verkauft

Das macht Schlagzeilen: „Bahnfahren wird noch günstiger“. Und: „Bahn senkt Preise für Fernverkehr". Die Bahn gibt die gesenkte Mehrwertsteuer an die Kunden weiter. Das bedeutet: ein Ticket, das bisher 50 Euro gekostet hat, kostet ab 1. Juli nur noch 49,05 Euro. Die Preissenkung, die die Bahn nichts kostet, ist materiell kaum spürbar. Sie ist bloß psychologisch – für die Mehrzahl der Menschen, die Schlagzeilen vom Rechnen abhalten. Von einer Weitergabe der aktuellen Preissenkungen für Energie an die Bahnfahrer ist nicht die Rede.

Die Benzinpreise sind in den vergangenen Wochen um rund 20 Prozent gefallen. Das bedeutet: eine Tankfüllung, für die man bisher 50 Euro bezahlt hat, kostet nur noch 40 Euro. 20 Euro Ersparnis an der Tankstelle gegenüber 95 Cent beim Bahnticket. Mit anderen Worten: die Bahn ist noch weniger konkurrenzfähig gegenüber dem Individualverkehr als sie es bisher schon war. Das gilt umso mehr, wenn mehrere Personen gemeinsam ein Auto benutzen. Statt 200 Euro für 4 Personen – geschätzte 40 Euro. Und sage da nun keiner, man müsse die Festkosten für das Auto hinzurechnen. Wenn man nicht ganz aufs Auto verzichten möchte und dann erheblich mehr fürs Taxi berappen will, wo und wenn es keine Bahnverbindung gibt, muss man die Versicherung und die KFZ-Steuer bezahlen, ob man nun das Auto bewegt oder am Straßenrand stehen lässt. Und auch der Wiederverkaufswert sinkt bei einer höheren Kilometerzahl nicht annähern um die Summe, die man für Bahnfahrten, selbst bei gesenkter Mehrwertsteuer, bezahlen müsste.

Die Verlagerung des Güterverkehrs und des Personenverkehrs von der Straße auf die Schiene wäre unter umweltpolitischen Gesichtspunkten ein dringendes Desiderat. Mit der Weitergabe einer Steuersenkung von 1,9 Prozent an die Kunden ist das nicht getan. Dafür müssen sich die zuständigen Politiker und die Bahn schon mehr einfallen lassen. Die Jubelschreie willfähriger Journalisten werden nicht reichen. Und so dumm sind die Leser auch nicht, dass sie auf jede Augenwischerei hereinfallen. Spätesten am Monatsende, wenn die Geldbörse leer ist, entdecken sie, was für ein Spiel da getrieben wird.

Thomas Rothschild - 9. Juni 2020
2684

Legale Segregation

Im April 1989, Tage vor seinem vermutlichen Selbstmord, sagte Abbie Hoffman, der Kopf der amerikanischen Yippies, einer der Angeklagten im skandalösen Prozess gegen die „Chicago 7“ und ein Kronzeuge für die Erkenntnis, dass die Rebellen gegen die eigene Regierung manchmal die wahren Patrioten sind, in seiner letzten Rede an der Vanderbilt University: „In the nineteen-sixties, apartheid was driven out of America. Legal segregation – Jim Crow – ended. We didn’t end racism, but we ended legal segregation. We ended the idea that you can send a million soldiers ten thousand miles away to fight in a war that people do not support. We ended the idea that women are second-class citizens. We made the environment an issue that couldn’t be avoided. Now, it doesn’t matter who sits in the Oval Office. But the big battles that were won in that period of civil war and strife you cannot reverse. We were young, we were reckless, arrogant, silly, headstrong and scared half to death. And we were right! I regret nothing!“

Bemerkenswert an dieser Rede ist für uns Heutige, dass sie daran erinnert, wo die Themen, die uns in der Gegenwart, und nicht nur in den USA, bewegen, ihre Geburtsstunde haben: In der antiautoritären Bewegung der sechziger Jahre. Sie liegt also nur wenig mehr als 50 Jahre zurück. Man sollte aber ein Attribut nicht übersehen. Hoffman spricht vom Ende der „legal segregation“, also der „gesetzlichen Segregation“. Die soziale Segregation, die Rassentrennung – Hoffman spricht von „Rassismus“ – besteht weiterhin. Der aktuelle Skandal um den Tod von George Floyd ist nur die Spitze des Eisbergs. Die in den sechziger und den darauffolgenden Jahren erlassenen Gesetze zur Desegregation entsprechen dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782, mit dem den Juden Österreichs einige bis dahin vorenthaltene Rechte zugesprochen wurden. Am Antisemitismus und an der Benachteiligung von Juden in vielen Bereichen hat das nichts geändert. Das Frauenwahlrecht ist heute ebenso unumstritten wie die Einsicht, dass die Umwelt geschützt werden müsse. Die Ungleichbehandlung von Frauen in mancherlei Hinsicht wurde dadurch ebenso wenig beseitigt wie die verantwortungslose Ausbeutung und Schädigung der Umwelt.

Gesetze können eine Voraussetzung schaffen für mehr Gerechtigkeit. Aber sie reichen nicht aus. Soziale Mechanismen der Diskriminierung sind hartnäckig, und leider irrte Abbie Hoffman, wenn er meinte, die gewonnenen Schlachten könnten nicht rückgängig gemacht werden. Wir erleben, im Gegenteil, dass sich viele Siege der sechziger Jahre, die 1989 noch gesichert scheinen mochten, in Niederlagen wandeln, wie Vorurteile und Unterdrückungsmaßnahmen zu neuem Leben erwachen, von denen man gemeint hatte, sie würden unwiederbringlich der Vergangenheit angehören. Welche Studierenden unserer Tage können sich noch vorstellen, dass es Betriebe mit echter Mitbestimmung und an den Hochschulen eine Drittelparität gab, die es den Studenten zusammen mit dem Mittelbau zumindest im Prinzip ermöglichte, die Machtausübung der Professoren zu kontrollieren und einzuschränken. Heute setzen sich diese längst wieder über Verpflichtungen und Dienstvorschriften hinweg, ohne dass das irgendwelche Folgen hätte. Und keiner fährt ihnen in die Parade, wenn sie ihren Hauptwohnsitz 200 Kilometer von der Arbeitsstelle entfernt wählen oder Lehrveranstaltungen und Sprechstunden einfach ausfallen lassen. Die korrumpierende Funktion von Abhängigkeiten beschränkt sich nicht auf sexuellen Missbrauch, der zudem nicht immer unterscheidbar ist von Vorteilsannahme auf Kosten derer, die sich diesen Spielregeln verweigern. Die Grenze zwischen Erpressung und Bestechung ist fließend. Aber ein #Me Too der durch Prüfungen oder Karrierebedenken konstituierten Abhängigkeitsverhältnisse im Hochschul- oder Arbeitsalltag verfügte über kein Erregungspotential. Sie werden hingenommen und gelten heute wieder wie einst als Normalität. Zur neuen Normalität feudaler Selbstherrlichkeit gehört, dass nicht die Qualifikation zu Lehre und Forschung einen Ruf einbringt, sondern der Erfolg beim Eintreiben von Drittmitteln. Und wenn die Berufenen beiderlei Geschlechts danach doch „forschen“, dann mit Sicherheit nicht gegen die Interessen der Drittmittel-Spender. Die „legale“ Aushöhlung der Hochschulautonomie wurde nach den sechziger Jahren erst so richtig eingeführt.

Der Fortschritt ist nicht garantiert. Die Geschichte läuft nicht teleologisch ab. Entgegen einer Volksweisheit, kann sie sich durchaus wiederholen, ja noch hinter ein früheres Stadium zurückfallen. In manchen Ländern werden Gesetze (wieder) erlassen, von denen man geglaubt hatte, sie seien ebenso obsolet wie die legale Segregation. Aber auch ohne solche Gesetze gilt nach wie vor: „We didn’t end racism, but we ended legal segregation.“ Ein schwacher Trost für die Opfer des Rassismus. Und auch der nächste Satz Hoffmans war leider zu optimistisch: „We ended the idea that you can send a million soldiers ten thousand miles away to fight in a war that people do not support.“ Ein Jahr nachdem er gesprochen und sein Autor gestorben war, begann der Erste Irakkrieg.

Zu den Forderungen, die der ernste Spaßmacher Abbie Hoffman, das amerikanische Gegenstück zu Fritz Teufel, in einem Manifest formuliert hat, gehört auch diese: „The abolition of money, the abolition of pay housing, pay media, pay transportation, pay food, pay education, pay clothing, pay medical health, and pay toilets.“ Davon sind wir heute weiter entfernt als je. Es werden Kriege geführt, das Geld herrscht nicht nur über die Toiletten, und die Segregation kümmert sich einen Dreck (Hoffman hätte dafür einen anderen Ausdruck) um Gesetze. Es gibt zwar nichts, was Abbie Hoffman und seine Mitstreiter bereuen müssten. Aber ihre Siege waren, genau besehen, von begrenzter Haltbarkeit. Es hat eine vertrackte Logik, dass einer von Hoffmans Genossen, Tom Hayden, 1992 kalifornischer Senator wurde. Für die Demokraten. Immerhin. 1968 hatte er noch zusammen mit Abbie Hoffman vor deren Parteitag gegen den Vietnamkrieg protestiert.

Thomas Rothschild - 3. Juni 2020
2683

Krisengewinnler

„Die Aktionäre profitieren davon, dass die Solidargemeinschaft mit ihrem Geld letztlich auch den Unternehmenswert erhält. Wenn sie obendrauf noch eine Dividende bekommen, dann ist das unfair gegenüber den Steuerzahlern und auch gegenüber den Mitarbeitern.“ Das sagt nicht ein Politiker der Linken oder ein dogmatischer Kapitalismuskritiker, sondern der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Ralph Brinkhaus.

Der Begriff des Kriegsgewinnlers ist bekannt. Analog dazu kann man in der gegenwärtigen Situation vom Krisengewinnler sprechen. Kein Tag vergeht, an dem nicht heftige Klagen über die dramatischen Folgen der Coronakrise verlautbart werden. Da diese Klagen in vielen Einzelfällen begründet sind, begegnet man ihnen eher mit Empathie als mit Skepsis. Umso empörender ist es, dass sich Menschen und Unternehmen mit krimineller Energie beeilen, von der Notlage anderer zu profitieren, sich an deren misslichen Situation zu bereichern. Die Schamlosigkeit, mit der die Krise von manchen zum eigenen Nutzen ausgebeutet wird, kann einen an der Menschheit verzweifeln lassen und verweist die Behauptung, die Krise hätte das Gute im Menschen zum Vorschein gebracht, in die Sphäre des Märchens.

Im Drogeriemarkt versperren riesige Klopapierberge die Durchgänge. Nachdem es in den ersten Tagen der Krise eine Knappheit an Klopapier gegeben hatte, wird die Angst vor dem feuchten Arsch jetzt weidlich ausgenützt. Die Hersteller von überteuerten Gesichtsmasken und von Anschlägen mit Verhaltensregeln im öffentlichen Bereich dürften nicht zu den Verlierern der Krise gehören. Kaum wurden die ersten Zuschüsse für notleidende oder von der Insolvenz bedrohte Unternehmen angekündigt, überboten sich auch jene in der alarmierenden Darstellung ihrer Lage, die es versäumt hatten, in Zeiten der üppigen Umsätze vorzusorgen. Auf einmal meldeten alle gewaltige Verluste, obwohl die Gewinne zuvor entweder nicht so hoch waren, wie sie jetzt vorgeben, oder aber vor dem Finanzamt verheimlicht wurden.

Die Aktienkurse sprechen in zahlreichen Fällen eine andere Sprache als die Katastrophenberichte. Die vom CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden getadelten Dividenden haben schon ihre Richtigkeit. Für die Krisengewinnler. Die Stützen der Gesellschaft.

Thomas Rothschild - 24. Mai 2020
2682

Super-Superlativ

Zwei Mal im Jahr flattern – na ja, flattern ist angesichts des manchmal beträchtlichen Gewichts das falsche Verb –, neuerdings immer häufiger digital, die Kataloge der Verlage ins Haus. Dieser Tage traf die Herbstvorschau von Suhrkamp ein. Sie hat eindrucksvolle 180 Seiten. Da erfahre ich:

„Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist einer der bedeutendsten und auch international wirkmächtigsten deutschen Dichter und Essayisten.“

„Maria Stepanova ist die maßgebliche russische Gegenwartsautorin von weltliterarischem Rang.“

„Marie-Claire Blais, geboren 1939 in Québec, ist eine der maßgeblichen Autorinnen Kanadas.“

„Annie Ernaux (…) ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit.“

„Paul Celan (…) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg.“

„Elsa Dorlin (…) gilt als eine der führenden französischen feministischen Theoretikerinnen der Gegenwart.“

„Judith Butler ist die kreativste und mutigste Sozialtheoretikerin unserer Tage.“


Jonathan Lears Radikale Hoffnung ist „eines der tiefgründigsten und elegantesten Bücher der letzten Jahrzehnte.“

„Adam Przeworski, geboren 1940 in Warschau, gilt als einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler der Gegenwart.“

„Heiner Müller (1929-1995) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Theaterregisseure nach 1945.“

„Isabel Allende, geboren 1942 in Lima, ist eine der weltweit beliebtesten Autorinnen.“

„Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, zählt zu den wichtigsten irischen Krimiautoren.“

„Joanna Bator, 1968 geboren, gilt als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur.“


Uff. Nun könnte man diesen Überbietungszwang als Einbruch der Sprache der Waschmittelwerbung in den literarischen Diskurs abbuchen. Aber ganz so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist solcher Superlativismus nicht. Wo die eigenen Angebote derart über den grünen Klee gelobt werden, wird alles Übrige unterschwellig als zweit- oder drittrangig denunziert. Es kann ja nicht nur wichtigste und bedeutendste oder gar wirkmächtigste Autorinnen und Autoren geben. Das würde den Superlativ seines vergleichenden Sinns berauben. Die Häufung von Superlativen ebnet die Unterschiede ein und besagt am Ende gar nichts mehr. Wie überraschend und zugleich erholsam wäre es, wenn der Verlag einen Autor mit den Worten vorstellte, er sei nicht ganz so bedeutend, seine Bücher seien nicht ganz so wichtig. Es verliehe dem Lob an anderer Stelle wieder Gewicht.

Damit wir uns nicht missverstehen. Was hier dokumentiert wurde, ist keine Besonderheit des Suhrkamp Verlags. Es gilt für (fast) alle Kataloge, die jedes Halbjahr ins Haus flattern. Ein schwacher Trost. Die Lust am Superlativ zählt zu den dümmsten und verzichtbarsten Unsitten der Selbstanpreisung.

Ein jüdischer Witz erzählt von dem Friseur in der Lowe East Side, der eine Tafel an seine Tür hängt: „Der beste Friseur in New York.“ Sein Nachbar, erbost, hängt eine Tafel an seinen Laden: „Der beste Friseur in Amerika.“ Ein weiterer Nachbar kontert: „Der beste Friseur in der Welt.“ Daraufhin hängt ein Vierter eine Tafel aus: „Der beste Friseur in der Straße.“

Thomas Rothschild - 23. Mai 2020
2681

Verschwörungstheorien

Dass hinter der Verbreitung des Coronavirus eine Verschwörung stecke, ist natürlich Unsinn. Es ist ebenso unsinnig wie die Annahme einer jungfräulichen Geburt oder des Lebens nach dem Tod. Nein, es ist nicht ganz so unsinnig. Immerhin hat es in der Geschichte Verschwörungen gegeben, von dem Komplott gegen Julius Caesar bis zum Attentat der Gruppe um Stauffenberg gegen Hitler. Gäbe es keine Verschwörungen, wären sie nichts als ein Hirngespinst, bedürfte es keiner Geheimdienste und die Staaten könnten sich viel Geld sparen. Und dass sie schwer nachzuweisen sind, dass sie sich im Verborgenen abspielen, gehört ja gerade zu ihren Wesensmerkmalen. Verschwörungstheorien also haben immerhin eine empirische Grundlage. In Abwandlung eines bekannten Aphorismus ließe sich sagen: „Nur weil du dir Verschwörungen einbildest, heißt das nicht, dass es keine Verschwörungen gibt.“ Für eine jungfräuliche Geburt oder für ein Leben nach dem Tod existiert kein einziger objektiv überprüfbarer Beleg.

Verschwörungstheorien haben deshalb einen so großen Erfolg, weil Menschen dankbar sind für jede Erklärung von scheinbar unerklärlichen Phänomenen. Dass irgendwo im Geheimen Böses geplant und ausgeführt wird, scheint solch eine Erklärung für Schreckensszenarien zu liefern, und die Künste haben dazu jede Menge Anregungen bereit gestellt. Dr. Mabuse oder Goldfinger dienen als Modell. Als man noch nichts von der elektrischen Aufladung von Wolken wusste, erfand man Blitze schleudernde Götter und dazu gleich die Ursachen für deren Taten. Selbst wo es wissenschaftliche Erklärungen gibt, wie etwa mit der Evolutionstheorie für die Entstehung des Lebens und des Menschen, halten sich mythische Vorstellungen wie die Schöpfungstheorie beharrlich und politisch gewollt, wenn diese Erklärungen das Vorstellungsvermögen vieler übersteigen.

Wer also will, dass unsinnige und letzten Endes gefährliche Verschwörungstheorien durchschaut und zurückgewiesen werden, muss sich aktiv gegen den allgemeinen Irrationalismus wenden. Er muss dazu beitragen, dass Menschen das noch Unerklärte oder vielleicht sogar Unerklärliche ebenso aushalten wie das Unangenehme – den Gedanken an den Tod etwa –, und all jene, nicht nur die Demagogen politischer Interessensgruppen, bekämpft werden, die unwissenschaftliche Antworten auf offene Fragen anbieten. Der Kampf gegen Irrationalismus beginnt, wo Menschen an die Existenz von Hexen, an Geisterbeschwörung oder an Wunder glauben, die sonntags in der Predigt als Tatsachen verkündet werden. So lange dieser Irrationalismus als gesellschaftsfähig gilt, werden auch Verschwörungstheorien Nahrung erhalten. Wer oder was sollte deren Unglaubwürdigkeit glaubwürdig nachweisen, wo die unbefleckte Empfängnis als Dogma akzeptiert wird? Und schließlich: was, wenn nicht der Glaube an den Teufel, der seine Hand bei mancherlei Übel im Spiel habe, wäre eine Verschwörungstheorie? „Wenn du ein Gespräch mit dem Teufel anfängst, hast du schon verloren, er ist intelligenter als wir und stößt dich um und verdreht dir den Kopf.“ (Papst Franziskus) Sowohl für Kritik an der Kirche wie für sexuellen Missbrauch durch deren Repräsentanten macht der Papst den Teufel verantwortlich. „Wir sollten den Teufel allerdings nicht als einen Mythos, eine Darstellung, ein Symbol, eine Redewendung oder eine Idee betrachten.“ (derselbe) 26 Prozent der Deutschen glauben an die Existenz des Teufels, für dessen Austreibung die katholische Kirche bis heute Exorzisten bereit hält. Na bitte.

Thomas Rothschild - 22. Mai 2020
2680

Die Sehnsucht nach dem Selbstbetrug

Der Kabarettist Mathias Richling hat in der Talkshow von Sandra Maischberger seinem Ärger über die Maßnahmen gegen das Coronavirus in einer Weise Luft gemacht, die bei Zuschauern und in den Medien Empörung ausgelöst hat. Nun hat er in einem Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten einiges relativiert und Erläuterungen nachgeschoben, die seine Position verständlich machen sollen und in der Tat zum größten Teil nachempfunden werden können. In diesem Gespräch wirft er den Virologen allerdings auch vor, dass sie gesagt hätten, die Krise würde zwei Jahre dauern. „Mit der Aussicht auf Drama kann der Mensch nicht leben“, fügte er hinzu.

Was schlägt er vor? Sollten die Virologen, die auch irren können, eine Erkenntnis für sich behalten, die sie für richtig halten? Sollen sie mit Rücksicht darauf, womit der Mensch angeblich nicht leben kann – und das ist, im Gegensatz zu dem möglichen Tod durch das Virus, in diesem Zusammenhang lediglich bildlich gemeint –, lügen? Sollen sie Trost spenden, statt dem wissenschaftlichen Ethos zu folgen?

In Zeiten der Gefährdung wird ein Thema virulent, das nie an Aktualität verloren hat, das Thema der Lebenslüge, des Selbstbetrugs. Es ist ein Thema, das bei den Dramatikern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zentrale Stellung eingenommen hat. Wenn Dramaturgen und Schauspieldirektoren behaupten, deren Stücke hätten uns heute nichts mehr zu sagen, sei ihnen empfohlen, im Schatten von Richlings Vorhaltung diese Dramen zu lesen (und, wenn sie ihre Aktualität begriffen haben, auf die wieder eröffneten Bühnen zu bringen): Die Wildente von Henrik Ibsen, Drei Schwestern von Anton Tschechow, Maxim Gorkis Nachtasyl, Ferenc Molnars Liliom, Eugene O'Neills Der Eismann kommt und Fast ein Poet, Die Glasmenagerie von Tennesse Williams oder Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden. Sie alle handeln von Menschen, die Wunschträumen und Lebenslügen nachhängen. Es muss nicht die zur Gewissheit umgedeutete Hoffnung sein, dass die gegenwärtige Krise schon irgendwie in absehbarer Zeit zu ende gehen werde. Die Herstellung der Analogie kann man den Zuschauern schon zumuten. Vielleicht werden sie dann erkennen, dass nicht die Virologen und auch nicht der Staat mit seinen Vorsichtsmaßnahmen ihre Gegner sind, sondern Lügen, die eine angemessene Reaktion verhindern.

Der Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin, einer der schärfsten Kritiker staatlicher Herrschaftsausübung, hat geschrieben: „Wenn ich mich vor der Autorität von Spezialisten beuge und bereit bin, ihren Angaben und selbst ihrer Leitung in gewissem Grade und, solange es mir notwendig erscheint, zu folgen, tue ich das, weil diese Autorität mir von niemand aufgezwungen ist, nicht von den Menschen und nicht von Gott. Sonst würde ich sie mit Abscheu zurückweisen und ihre Ratschläge, ihre Leitung und ihre Wissenschaft zum Teufel jagen, in der Gewissheit, dass sie mich die Brocken menschlicher Wahrheit, die sie mir geben könnten, in viele Lügen eingehüllt, durch den Verlust meiner Freiheit und Würde bezahlen ließen.“ Er war klüger als die Demonstranten, die tagein tagaus alle möglichen Formen von staatlicher Willkür hinnehmen, aber auf die Straße gehen, wenn die Warnungen von Virologen ernst genommen werden.

Thomas Rothschild - 16. Mai 2020
2679

The Milkman Cometh

Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache. Als ich ein Kind war, ging ich mit meiner Mutter über die Straße zum Unterberger. Herr Unterberger trug einen weißen Kittel wie ein Arzt und stets ein freundliches Lächeln im Gesicht. In seinen Regalen standen Butter und Himbeermarmelade, an der Theke lagen Extrawurst und Emmentaler, hinten im Abstellraum bewahrte er die Gurkengläser und die Nescafé-Dosen auf. Herr Unterberger kannte seine Kunden, es gab immer Zeit für einen kleinen Plausch, und wir Kinder bekamen eine Wurstscheibe geschenkt.

Im Nebenhaus war das Milchgeschäft. Mein Vater ging morgens mit der Milchkanne hinunter und brachte die frische Milch fürs Frühstück und die frisch gebackenen Semmeln vom Bäcker, nur am Sonntag gab es stattdessen Striezel, den man in meiner nachmaligen Heimat, in Stuttgart, Hefezopf nennt.

Später stellte Herr Unterberger seinen Laden auf Selbstbedienung um, und das Milchgeschäft und der Bäcker verschwanden. Jetzt konnte man, wo sie noch vor kurzem gehaust hatten, Eisenwaren kaufen. Für die nicht mehr so frischen Semmeln ging man ein paar Schritte weiter, in die billigere Variante einer vornehmen Lebensmittelkette (Brüder Kunz statt Julius Meinl), in der auch Kaffee ausgeschenkt wurde.

Beim Unterberger holte man sich die gewünschte Ware aus den nunmehr zugänglichen Regalen, ging damit zur Kasse und zahlte. Zunächst an der Registrierkasse, später am Lesegerät. Mit dem Anschreiben hatte es ein Ende, und für soziales Leben gab es kaum noch Zeit.

Auch diese Phase blieb von begrenzter Dauer. Am Stadtrand eröffneten die ersten Supermärkte mit ihren Parkplätzen. Man fuhr mit dem Auto hin und kaufte für die ganze Woche ein. Herr Unterberger musste zusperren. An den Ort seines Geschäfts zog ein seelenloser Laden für Badezimmereinrichtungen ein.

All dies aber wurde in den Schatten gestellt durch eine Einrichtung, die ich aus England kannte und die in Filmen überlebt hatte: durch den Milchmann, der jeden Tag früh morgens Milchflaschen vor der Haustür deponierte. Den praktischen Grund hatte diese auch in den USA verbreitete Sitte in der Tatsache, dass man damals noch keine Kühlschränke in der Wohnung hatte. Milch musste geliefert und rasch verbraucht werden, ehe sie sauer wurde.

Jetzt erleben wir die Ablösung der Supermärkte durch den Online-Service, der mehr und mehr auch die Zustellung von Lebensmitteln propagiert. Der Milchmann wird durch neuartige Fahrzeuge und durch Drohnen ersetzt, und die Extrawurst, der Zucker oder das Spülmittel wird gleich mitgeliefert. Im Prinzip sind wir aber wieder beim Milchmann gelandet.

Fortschritt? Na ja. The Online-Service Cometh.

Thomas Rothschild - 11. Mai 2020
2678

License to Kill

1968 war Robert Spaemann neben Max Bense Ordinarius für Philosophie an der Universität Stuttgart. Bei einer der öffentlichen Protestveranstaltungen gegen die zum Beschluss anstehenden und im Mai schließlich verabschiedeten Notstandsgesetze war Spaemann der Hauptredner. Als ich ihm viele Jahre später in der Landesbibliothek begegnete, bekannte er, auf diese Vergangenheit angesprochen, en passant, es sei der größte Fehler seines Lebens gewesen, dass er sich damals von den Studenten unter Druck habe setzen lassen.

Jetzt, 52 Jahre später, doziert Frank Castorf: „Als die BRD-Regierung Ende der Sechzigerjahre versuchte, eine Notstandsgesetzgebung durchzupeitschen, gab es einen wahnsinnigen Bürgeraufstand gegen diese Gesetze. Wo bleibt der heute?“ Entweder hat Frank Castorf, der damals in der DDR lebte, die Ereignisse aus der Ferne verzerrt wahrgenommen, oder er erinnert sich falsch. Von einem wahnsinnigen Bürgeraufstand konnte – leider – keine Rede sein. Unter den Parteien war die FDP, in der Walter Scheel eben erst Erich Mende als Vorsitzenden abgelöst und Ralf Dahrendorf an Einfluss gewonnen hatte, die einzige, die im Bundestag fast geschlossen gegen den Gesetzentwurf stimmte. Und der Protest ging in erster Linie von den Gewerkschaften, insbesondere von der IG Metall, und von der Studentenbewegung aus. Von den „Bürgern“ und von der überwiegenden Mehrheit der Medien wurde dieser Protest eher feindselig begleitet.

Was Frank Castorf bei seiner flotten Analogie übersieht, ist dies: Die Notstandsgesetze von 1968 richteten sich gegen die Menschen, gegen die Ausübung demokratischer Grundrechte in politischen Auseinandersetzungen. Sie sollten die Voraussetzungen schaffen für eine mögliche Entwicklung, wie wir sie zurzeit in Ungarn beobachten können. Die gegenwärtigen Gesetze und Verordnungen in Deutschland, die die Bewegungsfreiheit einschränken und – was Castorf besonders erregt – Empfehlungen wie jene zum Händewaschen ausgeben, richten sich gegen ein Virus.

Was Castorf und seine Gesinnungsgenossen fordern, ist die Lizenz zur fahrlässigen Tötung. Man kann noch großzügig darüber hinwegsehen, was die Allgemeinheit an Kosten mitzutragen hat, wenn Einzelne ihre eigene Gesundheit und ihr Leben gefährden. Aber die Maßnahmen gegen die Verbreitung von COVID-19 sollen nicht so sehr den einzelnen Menschen wie die gesamte Bevölkerung schützen. Wer ihr diesen Schutz versagt, gibt sie zum Abschuss frei. Ein hoher Preis für das Recht, sich in größeren Gruppen zu treffen oder auf Wasser und Seife zu verzichten. Der anarchische Gestus gegen die Bevormundung, den man sich an anderer Stelle tatsächlich häufiger wünschen würde, verschleiert hier nur ein Plädoyer für Rücksichtslosigkeit, wenn nicht für Sozialdarwinismus.

Originalton Castorf: „Aber angesichts der jetzigen Sterblichkeitsrate und der Zahl von bisher weniger als 6000 Corona-Toten sage ich: Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt, auch ein alter Mensch. Aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen.“ Ob der Theatermacher den Lauf der Dinge auch so gelassen akzeptierte, wenn unter jenen, deren Tod vermieden oder zumindest verschoben hätte werden können, seine engsten Freunde wären?

Thomas Rothschild - 4. Mai 2020
2677

Prioritäten

Die Stuttgarter Nachrichten melden, womit sich der grüne Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn Tadel eingeheimst hat. Er hat aus den bekannten Gründen für dieses Jahr das beliebte Cannstatter Volksfest abgesagt. Der CDU-Fraktionschef im Gemeinderat Alexander Kotz ätzte daraufhin: „Es ist kein Geheimnis, dass der OB nie eine große Leidenschaft oder gar Herzblut für das größte Fest der Schwaben entwickelt hat.“

In der selben Meldung verkündet das Forum der Kulturen das Aus für das vom 14. bis 19. Juli geplante Festival der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz. Über Herrn Kotz‘ Leidenschaft und Herzblut für diese Veranstaltung ist nichts zu erfahren.

Das ist Populismus pur. Auch noch bei sinnvollen Maßnahmen gegen die Verbreitung einer Krankheit schmeißt sich die CDU an die potentiellen Volksfestbesucher ran und macht für die gewiss in mancherlei Hinsicht bedauerliche Absage des „größten Fests der Schwaben“ den politischen Gegner verantwortlich. Man muss nicht der Ansicht sein, dass die Grünen eine Politik machen, die sich grundsätzlich von der ihrer Koalitionspartner im Land unterscheidet. Aber diese Art von Polemik ist widerwärtig.

In diesen Rahmen passt auch die Replik auf einen Vorschlag der Bezirksvorsteherin im Bezirk Stuttgart Mitte und Kandidatin der Grünen für die Nachfolge von Fritz Kuhn als Oberbürgermeisterin Veronika Kienzle. Sie hatte eine zeitweilige Erweiterung der Außengastronomie zur Kompensation der aktuellen wirtschaftlichen Einbußen ohne Gemeinderatsbeschluss und nur mit dem Plazet von Bezirksbeiräten, Polizei, Feuerwehr und Amt für öffentliche Ordnung ins Gespräch gebracht. Darauf konterte besagter Alexander Kotz mit schwerem rhetorischem Geschütz. Dass ausgerechnet Kienzle diesen Vorschlag unterbreitet habe, sei „an Absurdität kaum zu überbieten“. Insbesondere Gastronomen, Barbesitzer und Club-Betreiber seien bisher vor Konflikte mit der Bezirksvorsteherin gestellt worden, „gerade die Außengastronomie musste mit zentimeterscharfen Einwänden und zeitlichen Begrenzungen durch Kienzle kämpfen“. Da tut eine Grüne genau das, was bei der CDU gemeinhin oberste Priorität hat – sie kommt den wirtschaftlichen Interessen einer bestimmten Klientel entgegen –, und die CDU-Fraktion, statt sich darüber zu freuen, schießt sich in vorausschauendem Bammel vor der nächsten Wahl auf sie ein. Was sie wohlwissend verschweigt, was aber jeder Schüler im Volksschulalter begreift, ist dies: dass unterschiedliche Situationen unterschiedliche Reaktionen erfordern. Man kann sehr wohl gegen die ungebremste Ausbreitung von gastronomischen Angeboten und Events in den Innenstädten sein und ihnen in der besonderen Lage nach einer erzwungenen Schließung Kompromisse anbieten.

Da wir nicht unterstellen wollen, dass Alexander Kotz dumm ist, müssen wir davon ausgehen, dass er sich dumm stellt. Darüber könnte man mit einem Schulterzucken hinweg gehen, wenn die Folgen nicht so verheerend wären. Es kann einem nur angst und bang werden angesichts einer Politik, die keine Probleme lösen und keine Entscheidungen fällen will, die der Allgemeinheit nützen, sondern der es nur um die Vernichtung des politischen Gegners und um die Macht geht. Die CDU hat auf diese Verfahrensweise kein Monopol. Aber sie und ihr Kotz haben sich im aktuellen Fall unrühmlich hervorgetan. Mit Leidenschaft und Herzblut.

Thomas Rothschild - 1. Mai 2020
2676

Meinungen

Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers war ein eklatantes Beispiel. Als er erschienen war, begegnete man immer wieder Menschen, die eine dezidierte Meinung zu Walsers Buch hatten. Die einen hielten den Roman für antisemitisch, die anderen wiesen diesen Vorwurf vehement zurück. Nur eins hatten sie gemeinsam: Sie hatten das Buch nicht gelesen. Die einen sind geneigt, Walser für einen Antisemiten zu halten, weil das in das Bild passt, das sie sich seit der Paulskirchenrede von 1998 von diesem Autor machen. Die anderen lehnen diesen Verdacht von vornherein ab, weil sie Walser, wie sie ihn von früher her kennen, Antisemitismus „nicht zutrauen“.

Nun kann man Walsers Roman durchaus unterschiedlich lesen. Man kann auf Grund der Lektüre zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, auch wenn jeder seine eigene Interpretation für die einzig gültige und die entgegengesetzte für das Resultat schlampigen Lesens halten mag. Dabei spielen gewiss eigene Erfahrungen, Assoziationen, Idiosynkrasien, auch tatsächlich Missverständnisse eine Rolle. Nur eins kann man nicht: sich eine Meinung bilden, ohne den Gegenstand zu kennen, auf den diese sich bezieht. Es scheint mehr und mehr zur Mode zu werden, dass man Menschen weniger danach beurteilt, was sie tun und sagen, sondern danach, was man ihnen – im Guten wie im Bösen – „zutraut“. Das ist bequem. Aber auch ungerecht.

Die Paarung von Meinungsfreude und Informationsfaulheit geht aber noch weiter und wird von den Medien fortwährend unterstützt. Denn sie betrifft nicht nur Objekte, über die man, wie im Fall von Walsers Roman, unterschiedlich urteilen kann. Sie erstreckt sich auch auf Themen, die sich einer Meinungsäußerung entziehen. Eine Meinungsumfrage, ob der vergangene Sommer ungewöhnlich heiß gewesen sei, ist purer Unsinn. Die Antwort ist keine Sache der Meinungen, sondern der (messbaren) Fakten. Für sie ist das Statistische Zentralamt zuständig oder eine meteorologische Institution, nicht eine plebiszitäre Mehrheit. Abfragen lässt sich allenfalls, ob die Menschen den Sommer als ungewöhnlich heiß empfunden haben, nicht, ob er es tatsächlich war. Und wie wenig man sich auf Empfindungen verlassen kann, darüber belehrt uns die alltägliche Erfahrung ebenso wie die wissenschaftliche Psychologie.

Täglich aber werden, auch in seriösen Zeitungen, Meinungen abgefragt, wo es um Fakten geht. Jeder kann ja eine Meinung haben. Sich über Fakten zu informieren, ist manchmal aufwendig. Nur: ein Stein fällt, wenn man ihn loslässt, zur Erde, auch wenn eine Mehrheit der Meinung ist, er müsste nach oben fallen. Und die Zahl der Arbeitslosen wird nicht kleiner oder größer, wenn die bei einer Meinungsumfrage ermittelte Zahl von jener abweicht, die sich durch mehr oder weniger zuverlässige Statistiken nachweisen lässt. Auch die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus unterliegen nicht Meinungen, sondern überprüfbaren Tatsachen, die allenfalls noch nicht hinreichend erforscht sind. Man kann eine Meinung darüber haben, wie eine bevorstehende Wahl ausgehen wird. In dem Augenblick aber, in dem die Stimmen ausgezählt sind, ist solch eine Meinung irrelevant. Sie ist ebenso belanglos wie die Meinung, dass die Erde eine Scheibe sei, und die Erfahrung lehrt uns, dass jene Institutionen, die mit viel Geld und viel Aufwand Meinungen zu erforschen vorgeben, häufig schon zuvor schief lagen. Wer meint, dass der Evolution ein intelligentes Design zugrunde läge, mag sich darauf berufen, dass das Gegenteil nicht beweisbar sei. Sie ist genauso wenig widerlegbar wie die Meinung, dass auf jedem Schreibtisch ein unsichtbares Männchen sitze, das einem über die Schulter schaue. Bis zum Ausgang einer Wahl ist auch die Meinung nicht beweisbar, dass eine bestimmte Partei die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten werde. Dass sie falsch ist und immer falsch war, beweist erst das Wahlergebnis.

Man sollte also aufhorchen, wenn jemand mit Nachdruck und erhobenen Hauptes erklärt, er habe zu einer Sache eine Meinung. Geht es tatsächlich um etwas, das unterschiedliche Meinungen zulässt, oder camoufliert die vorgetragene Äußerung lediglich einen Mangel an Wissen?

Eine neuere Entwicklung ist übrigens, dass jeder, der eine Meinung in den Medien äußern darf oder gar eine Stelle an einer Fachhochschule besetzt, Philosoph genannt wird. Mit Odo Marquard, Jean-Paul Sartre, Karl Popper oder gar Immanuel Kant haben sie zwar weniger gemeinsam als mit jedem beliebigen Zeitungskolumnisten, aber ihr Geschwätz wird durch die Berufsbezeichnung geadelt. Als hielte man den Buchhalter von der Kleinfirma um die Ecke für einen Mathematiker. Bringt uns das weiter?

Ich meine ja nur...

Thomas Rothschild - 27. April 2020
2675

Auf Leben und Tod

Auf ZEIT ONLINE hat Luisa Jacobs von einem Rumänen berichtet, der zusammen mit 80.000 Landsleuten nach Deutschland eingeflogen worden war, um bei der Spargelernte auszuhelfen, an Covid-19 erkrankt und am Osterwochenende verstorben ist. Und sie resümiert über die zuständigen Politiker: „Sie haben in Kauf genommen, dass eine große Menge an Menschen zusammenkommt, zu einem Zeitpunkt, wo das aus gutem Grund überall verboten ist. Sie haben in Kauf genommen, dass sich das Virus verbreitet unter Menschen, von denen zwar nicht alle, aber doch viele zur Risikogruppe gehören. Der verstorbene Erntehelfer aus Rumänien war 57 Jahre alt.“

Unter den Kommentaren zu dem Artikel gibt es eine ganze Reihe, die ihm zustimmen. Es gibt auch, erwartungsgemäß, jede Menge Widerspruch. Schließlich will man sich die Freude am Spargel nicht durch solche Hiobsbotschaften verderben lassen. Ein „Argument“, das in unterschiedlicher Formulierung auftaucht, lautet: „Die Erntehelfer aus Osteuropa wollen die Arbeit tun. Der Lohn ist für diese sehr attraktiv. Wollen wir denen diese Erwerbsquelle nehmen?“ Es ist das uralte Kolonialherrenargument. Die Arbeitssklaven sollen dafür dankbar sein, dass sie skandalös bezahlt werden und im Grenzfall sogar ihr Leben riskieren. Die Ausbeuter als Wohltäter.

Dass diese Sekundärrationalisierung bei jenen funktioniert, die vom traditionellen und vom modernen Kolonialismus profitieren, ist nicht weiter verwunderlich. Erstaunlicher und auch deprimierender ist die Tatsache, dass viele Menschen solchen Vorwänden glauben, deren Interessen durch sie nicht berührt werden. Sie mögen mehr verdienen als die Erntehelfer aus Osteuropa oder auch aus Afrika, sie mögen es sogar schätzen, wenn sie sich das einstige Luxusprodukt Spargel leisten können, aber wenn sie nur einen Augenblick nachdächten und sich jener Werte besännen, die einst als Grundlage der Moral galten, an Gewissen, Menschlichkeit und Nächstenliebe, dann gälte ihre Solidarität den eingeflogenen Saisonarbeitern und nicht jenen Großunternehmen, die ihnen leutselig eine „Erwerbsquelle“ bieten. Auf Leben und Tod.

Thomas Rothschild – 19. April 2020
2674

Social Anbiederung

Zu den Kollateralschäden der Coronakrise gehört die Verkitschung des Alltags. Begonnen hat sie schon lange zuvor. Man kann ihren Ausbruch datieren mit Margarethe von Trottas Film Das zweite Erwachen der Christa Klages. Er zeigte, nicht etwa kritisch oder satirisch, sondern in höchstem Maße affirmativ und sentimental, eine Orgie der Umarmungen. Was bis dahin den Damen der besseren Gesellschaft vorbehalten geblieben war und von jedem halbwegs vernünftigen Menschen als affig belächelt wurde, das scheinheilige Bussi-Bussi, zog alsbald in den Alltag ein. Ich erinnere mich noch sehr genau: Das erste Mal fiel mir der befremdliche demonstrative Akt – ich war gerade von Wien nach Stuttgart übersiedelt – bei den Vernissagen in der Galerie am Universitätsinstitut von Max Bense auf. Der Körperkontakt als Ausweis von Sympathie und Solidarität wurde zum Ritual, das freilich nicht mehr bedeutet als der Handschlag, mit dem man symbolisch offenbart, dass man keine Waffe trägt.

Die Corona-Regeln haben der Umarmung Grenzen gesetzt. Das könnte man auf die Seite der positiven Folgen der Epidemie verbuchen. Aber die Not macht erfinderisch. Und so hat sich das Kitschbedürfnis in gesteigerter Form vom Körperlichen in die Sprache verlagert. Mit der so genannten „sozialen Distanzierung“, die genauer eine „räumliche Distanzierung“ ist, ist die Anbiederung mit der exponentiellen Verbreitung des Coronavirus in die sprachliche Kommunikation eingebrochen. Man redet mit einander, als habe man es mit dementen Trotteln zu tun, mit lauter Protagonisten der Risikogruppe, die man vor Witz, Ironie und auch Sarkasmus zu schützen habe und denen man nur die Begrifflichkeit eines Kleinkindes zutrauen kann. Unaufhaltsam werden sprachliche Streicheleinheiten verteilt, die leider nicht mehr sind als Floskeln, gedankenlos ausgeschiedene Leerformeln wie das Amen im Gebet. Dazu zählt auch die Aufforderung, die Quarantäne zu nutzen, indem man sich mehr mit sich selbst beschäftigt. Als ob es daran mangelte!

Derlei spendet nicht wirklich Trost. Aber es schadet der sozialen Hygiene. Und es bleibt zu fürchten, dass es die Coronakrise überleben wird, wie die Umarmungen der Christa Klages den Einzug des modernen Feminismus ins Kino und in die Gesellschaft überlebt haben.

Cecilia Bartoli, die Intendantin der Salzburger Pfingstfestspiele, teilt den „lieben Freunden“ via Website mit: „Ich hatte mich so darauf gefreut, die Proben mit dem fantastischen Salzburger Team und meinen Künstlerkollegen aufzunehmen und unser treues Publikum und Freunde zu treffen, die jedes Jahr nach Salzburg kommen – genau wie die, die dieses Jahr zum ersten Mal dabei sein wollten! Diese Entscheidung bricht mir das Herz, aber eines ist klar – Gesundheit geht vor! Es ist außer Frage, dass wir, unsere gesamte Gesellschaft, zusammenhalten müssen, um uns und unsere Lieben zu schützen. Es sind schwierige Zeiten für uns alle, aber ich bin sicher, dass die Kraft der Musik uns helfen wird, dies zu überstehen.“ Kitsch pur. Unverdünnter verbaler Sirup, der zumindest eine Magenverstimmung verursacht. Ach würde die große Bartoli doch singen anstatt zu dichten!

Hand in Hand mit der Verkitschung geht das Geplapper, die Äußerung von Meinungen, für die Widerspruchsfreiheit ein unmoralisches Ansinnen ist. In einem einzigen Interview sagt ein Medienwissenschaftler: „Und schließlich war die Diskursverweigerung von der Prämisse geprägt: Debatten verstören, sie verunsichern.“ „Und man sieht: Mehr Information macht uns nicht automatisch mündiger, sondern erhöht die Chancen effektiver Desinformation, zumal und besonders im Moment der gefühlten und der tatsächlichen Gefahr.“ „Denn wir sind im Moment nicht nur mit der Gefahr einer Virusinfektion konfrontiert, sondern erfahren auch, was es heißt, eine Infodemie zu erleben: Gerüchte und Spekulationen erreichen viele Menschen in nie gekannter Direktheit auf privaten Kommunikationskanälen und führen zur emotionalen Infektion, zu einer Gefühlsansteckung, die verunsichert und verstört.“ „Es gilt also, Abschied zu nehmen vom kommentierenden Sofortismus, der nur zur weiteren Überhitzung des Kommunikationsklimas beiträgt.“ Diskursverweigerung und Infodemie? Debatten verunsichern: falsch. Gefühlsansteckung verunsichert: richtig. Wie geht das zusammen? Egal. Bla bla bla. Pseudowissenschaftlicher Kitsch. Die Devise unseres Bescheidwissers lautet: „Medienwissenschaftler sollten daran arbeiten, sich selbst überflüssig zu machen.“ Sie sind es schon. Jedenfalls in Gestalt solcher Common-sense-Schwätzer. Einige Medienwissenschaftler, die diesen Namen verdienen, machen sich durch eine „medienmündige Gesellschaft“ ebenso wenig überflüssig wie Mathematiker, wenn die Bürger ihre Restaurantrechnung überprüfen können. Die Nachricht von der eigenen Überflüssigkeit hat den Träumer nur noch nicht erreicht.

Zur Verkitschung des Alltags gehört auch die Behauptung, die Coronakrise habe Mitmenschlichkeit und Solidarität produziert. Wenn es sie denn überhaupt in nennenswertem Ausmaß gegeben hat, so waren sie nicht von langer Dauer. Die Kriminalität hat sich in Windeseile an die neuen Verhältnisse angepasst. Statt Taschendiebstahl – Telefon- und Internetbetrug. Und der Bruder der Kriminalität, das Kapital – eine Verwandtschaft, die Brecht in seiner Dreigroschenoper auf die gültige Formel gebracht hat –, benötigte keinen Monat, um herauszufinden, wie man aus der Not der Mitmenschen Profit schlagen und sich bereichern könne. Die Bundesregierung hat eine Vorlage formuliert, wonach Fluglinien, die einen bei der Buchung sofort bezahlten Flug annulliert, also die gekaufte Ware nicht geliefert haben, anstelle einer Erstattung der geleisteten Zahlung Gutscheine ausgeben dürfen. Im Klartext: sie dürfen die Kunden nötigen, ihnen einen zinsfreien Kredit, ein Zwangsdarlehen zu gewähren. Dass die gleichen Kunden ihre Brötchen bei Aldi mit einem Gutschein, einzulösen bis zum 31.12.2021, anstatt mit Bargeld bezahlen dürften, wurde bisher nicht verlautet.

Auch in der Politik triumphiert die Kriminalität. In Ungarn nützt Viktor Orbán, unterstützt von der Mehrheit der demokratisch gewählten Parlamentarier, die Krise zur endgültigen Errichtung eines autoritären Regimes. Er führt uns vor, dass es keines Putsches bedarf und keiner militärischen Aktionen, um eine Diktatur zu etablieren. Das sollte all jenen zu denken geben, die den Willen zur Demokratie für eine gesicherte Gegebenheit halten. „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber.“ Das mag ja so sein, aber leider bilden diese Kälber manchmal eine Mehrheit. Das Coronavirus macht sie nicht klüger. Wo bleiben da die „guten Seiten“ der Krise? Die so reden, haben den Kitsch bis zur Verblödung internalisiert.

Apropos Verblödung: Als Nachtrag zu Wenn sich Euthanasie rechnet hier eine aktuelle Kolumne von Christian Ortner aus der von der Bundesregierung der Republik Österreich herausgegebenen Wiener Zeitung. Der auch auf der Achse des Guten präsente Autor liefert auch zur Coronakrise zuverlässig den vorhersehbar menschenfeindlichsten Kommentar. Ortner nennt das neoliberal, aber das ist für den Reaktionär vom Dienst aus der österreichischen Provinz offenbar dasselbe. Hier steht er. Er kann nicht anders. Amen.

Thomas Rothschild - 14. April 2020
2673

Fake News

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) forderte im Spiegel Bußgelder und Strafandrohungen gegen jene, die Fake News veröffentlichen. Es müsse verboten werden, öffentlich unwahre Behauptungen über die Versorgungslage der Bevölkerung, die medizinische Versorgung oder Ursache, Ansteckungswege, Diagnose und Therapie der Erkrankung COVID-19 zu verbreiten, denn die Lügen könnten Panik  auslösen.

Die Polizei in Kaiserslautern ist schon vor dem Vorschlag von Pistorius tätig geworden. Ein junger Mann hatte eine Internetseite der Tagesschau nachgebaut und mit der Falschmeldung einer Coronavirus-Infektion in Rheinland-Pfalz versehen. Die Meldung hat er dann einem Freund gezeigt. Dieser wiederum hat die Fake News abfotografiert und über soziale Medien verbreitet. Gegen den Mann und seinen Freund wurde wegen Vortäuschens einer gemeinen Gefahr ein Strafverfahren eingeleitet.

So weit, so unfake.

Und wie verhält es sich mit der Falschmeldung, dass Beten gegen COVID-19 helfe?

Wie verhält es sich mit der vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen in alle Haushalte übertragenen Fake News aus dem Stephansdom:

„Mit der Grablegung Jesu scheint alles zu Ende zu sein. Alle Hoffnung begraben. Doch noch einmal kommt es ganz anders. Frühmorgens finden die Frauen das Grab leer. Und bald begegnen sie ihm selber. Er lebt, nicht wie bisher, sondern in der neuen Wirklichkeit eines Lebens, das kein Tod mehr zerstören kann. Auch für uns kommt heuer alles anders. Corona ist aber nicht das Ende, auch wenn es eine schwere Prüfung ist. Auch uns führt Gott heuer durch diese lange Karwoche zum Ostermorgen!“

Diese Botschaft kommt nicht etwa als Glaubensbekenntnis daher mit dem gleichen Wahrheitsgehalt wie die Annahme, das Durchstechen einer Puppe mit Nadeln könne einen missliebigen Feind außer Gefecht setzen, sondern im Indikativ, als Tatsachenbehauptung. Sie kann zwar wohl keine Panik auslösen und täuscht auch keine gemeine Gefahr vor, aber auch eine tröstliche Fake News bleibt eine Fake News wie die Propagierung eines unwirksamen Medikaments. Ihr Status unterscheidet sich nur durch eine selbst in einer Welt von schwindenden Gläubigen größere Akzeptanz vom Glauben an den Osterhasen, der Eier versteckt. Fake News bleiben beide.

Dass derlei Einsicht bei ARD und ZDF zwischen den Gottesdiensten der diversen Religionen keinen Platz hat, ist inzwischen so selbstverständlich, dass es nicht auffällt.

Thomas Rothschild – 11. April 2020
2672

Corona bringt es an den Tag

Man traut seinen Ohren nicht. Die FDP, ausgerechnet, hat Keynes für sich entdeckt. Der liberale Politiker Michael Theurer verlangt eine staatliche Entschädigungen für diejenigen, die unter den Folgen der aktuellen Beschränkungen leiden: „Die Solidargemeinschaft braucht das Herunterfahren, die Solidargemeinschaft sollte auch gemeinsam die Kosten tragen." Er sagt „Solidargemeinschaft“ und meint, sofern er die Kosten im Auge hat, den Staat, dessen Einmischung sich die FDP in besseren Zeiten, in Zeiten also, da Profite gescheffelt wurden, mit Nachdruck verbeten hat. An eine einmalige Vermögensabgabe von besonders wohlhabenden Bürgern, wie sie die Linkspartei und die SPD fordern, dürften Theurer und seine FDP beim Begriff „Solidargemeinschaft“ jedenfalls nicht gedacht haben. Schon vor elf Jahren wunderte sich die konservative Zeitung Welt anlässlich einer Äußerung des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Rainer Brüderle: „Dass sich gerade die FDP auf Keynes beruft, ist originell. Schließlich standen die Liberalen bislang dem Ansatz dieses Ökonomen, der für eine starke Rolle des Staates im Kampf gegen Rezession und Arbeitslosigkeit plädiert hatte, überaus kritisch gegenüber.“

Mit großer Aufgeregtheit berichten die Medien jetzt, wie hoch die Verluste der deutschen Wirtschaft seien, die auf das Konto des Coronavirus gehen. Die Zahlen sind aufschlussreich. Sie verraten die Höhe der Gewinne, die vor dem Ausbruch des Virus Monat für Monat gemacht wurden, abzüglich der Gewinne, die auch jetzt noch gemacht werden. Es herrscht ja kein totaler Produktionsstillstand. Meldungen wie die folgenden gehen in den lautstarken Jeremiaden unter: „Eine starke Nachfrage nach Waren des täglichen Bedarfs hat den deutschen Einzelhändlern zu Beginn der Corona-Krise einen Umsatzsprung beschert. Ihre Einnahmen wuchsen im Februar um nominal 7,7 Prozent zum Vorjahresmonat und damit so kräftig wie seit knapp anderthalb Jahren nicht mehr.“ Und der Spiegel jubelt mitten in die Untergangsstimmung hinein: „Doch offensichtlich verkaufen sich derzeit nicht nur Notebooks, WLAN-Repeater und Laserdrucker besonders gut. ‚Auch Gefrierschränke und Kühlschränke werden überdurchschnittlich oft gekauft und auch Staubsauger sind derzeit sehr beliebt‘, heißt es von Mediamarkt/Saturn. Außerdem brumme es im Bereich Gaming.“ Wie viel von den Einnahmen der Vorkrisen- und auch noch der Krisengewinnler ist bei jenen angekommen, die sie mit den von ihnen geschaffenen Werten einfahren, bei den Arbeitern in den Betrieben, den Angestellten in den Büros und den Geschäften? Die Coronakrise bringt es an den Tag. Sie macht ein wenig transparent, was ansonsten eher geheim gehalten wird. Und sie verschweigt, was die Konzerne sehr genau vorhersehen: das Himmlische Jerusalem hinter der Apokalypse.

Was die Wirtschaft plagt, wiederholt sich in kleinerem Maßstab bei freischaffenden Autorinnen und Autoren. Es ergibt sich das Paradox, dass jene die größten Verluste durch die Coronakrise erleiden, die die höchsten Gewinne gemacht haben. Bekanntlich können die wenigsten Autoren von den Honoraren für ihre Bücher leben. Ins Gewicht fallen Lesungen, die sie mit etwas Glück absolvieren. Wer sich einen Agenten leisten kann, der für Starautoren erkleckliche Lesungshonorare aushandelt, wer nach dem Erscheinen eines Buchs von Ort zu Ort fährt und dabei recht gut verdient, hat jetzt, da die Lesungen wegen der Ansteckungsgefahr ausfallen, herbe Einbußen zu ertragen. Man redet nicht darüber, aber es sei hier verraten, dass es Autoren, auch Fernsehjournalisten gibt, die für eine Lesung – etwa vor Industriellen – mehrere Tausend Euro erhalten. Wer aber ohnedies wenig oder nichts zu erwarten hat, bleibt verschont. Ich gehöre einer Autorenvereinigung an, deren Mitglieder in ihrer großen Mehrheit an der Armutsgrenze leben. So sie in Kleinverlagen veröffentlichen, müssen sie schon zufrieden sein, wenn sie zwei, drei Lesungen im Jahr haben, die oft mit weit unter den von den Schriftstellerverbänden empfohlenen Honoraren entgolten werden. Ihr Coronatribut fällt kaum ins Gewicht. Sie haben schon zuvor wenig verdient. Das künstlerische Prekariat bleibt mit und ohne Virus Prekariat. Das gilt auch für nicht fest angestellte Schauspieler, Musiker, Performer. Anders als Deichmann und H&M können sie sich nicht einfach weigern, ihre Miete zu bezahlen. Angesichts dieses Zustands hält sich das Mitleid mit Großunternehmen, die staatliche Unterstützung fordern, in Grenzen.

Thomas Rothschild - 7. April 2020
2671

Fast alles wie zuvor

Zu den dämlichsten Phrasen, derer sich Journalisten bedienen, die zur Sprache ein eher gestörtes als intimes Verhältnis haben, gehört das Mantra, es werde „nichts mehr so sein wie vorher“. Sie bringt fünf Kernelemente des schlechten Journalismus zusammen: das Pathos, die Übertreibung, die Vereinfachung, die Pauschalisierung, die vorgetäuschte Gewissheit. Und sie ist schlicht unzutreffend. Sie kursierte epidemieartig, als zwei Flugzeuge die New Yorker Twin Towers zum Einsturz brachten. Sie tauchte bei jeder kleineren Katastrophe wieder auf. Und sie feiert nun, anlässlich des Coronavirus, eine geradezu bombastische Renaissance.

Der Satz ist so offensichtlich falsch, dass man sich nur darüber wundern kann, wie hirnlos er in den Medien dahergeplaudert wird. Fast alles ist nach 9/11 so geblieben, wie es war, und fast alles wird nach Überwindung der Corona-Krise so bleiben wie zuvor: Die Naturgesetze sowieso – Wasser wird nach wie vor von oben nach unten und nicht von unten nach oben fließen, ein Körper wird im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung verharren, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte gezwungen wird, diesen Zustand zu verändern – und die sozialen Zustände auch. Die Menschen in den reichen Ländern werden weiterhin untätig zusehen oder vielmehr wegschauen, wenn täglich Kinder in der Dritten Welt massenweise verhungern, einige Wenige werden immer größere Reichtümer anhäufen, während sehr viel mehr mit einem Existenzminimum ihr Auslangen finden müssen, die Obdachlosen werden wie zuvor die überteuerten Mieten für eine Wohnung nicht bezahlen können, und der Staat wird wie zuvor weniger zögern, eine insolvente Bank zu unterstützen als ein insolventes Theater. Die Regale werden wieder gefüllt sein mit hinreichenden Mengen von Klopapier, das, wer sich mittlerweile das Sparen angewöhnt hat, auch beidseitig verwenden kann. Der Erfolg liegt auf der Hand. Der CO2-Ausstoß wird so hoch sein wie vorher, und die Gletscher werden weiter abschmelzen. Man wird weiterhin die gleichen unfähigen Politiker wählen und undemokratische Maßnahmen mit einem Schulterzucken hinnehmen oder sogar befürworten. George W. Bush hat einen auch für seine Heimat unheilvollen Krieg gegen den Irak begonnen. Er wurde trotzdem ein zweites Mal zum Präsidenten der USA gewählt. Alles wie vorher. Viktor Orbán hat seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2010 systematisch die Demokratie in Ungarn demontiert. Trotzdem wurde er 2014 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Alles wie vorher. Journalisten, die gebetsmühlenartig versichert hatten, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, versicherten weiterhin, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, und widerlegten mit ihrer eigenen Persistenz ihre These. Sie waren wie vorher.

Ebenso unbestreitbar freilich wie das Faktum, dass nach dem New Yorker Attentat fast alles so geblieben ist wie vorher und dass das auch nach dem Datum „Corona“ so sein wird, ist die Tatsache, die in der Antike auf gut Altgriechisch auf „panta rhei“ verkürzt wurde: „alles fließt“. Mit anderen Worten: Veränderung findet ständig statt. Bertolt Brecht hat diese Gleichzeitigkeit von Veränderung und Beharrung so in Verse gebracht: „Von den Großen dieser Erde / melden uns die Heldenlieder: / Steigend auf so wie Gestirne / gehn sie wie Gestirne nieder. / Das klingt tröstlich, und man muss es wissen. / Nur: für uns, die sie ernähren müssen / ist das leider immer ziemlich gleich gewesen. / Aufstieg oder Fall: Wer trägt die Spesen?“

Das Einzige, was spektakuläre Ereignisse wie 9/11 oder eine Epidemie vom üblichen Ablauf der Geschichte unterscheidet, ist die Geschwindigkeit und damit die Sichtbarkeit von – kurzfristigen oder anhaltenden – Veränderungen. Die Industrialisierung etwa oder die Erfindung des Computers haben weitaus mehr verändert als islamistische Terroristen und das Coronavirus zusammen. Nach Henry Ford oder Bill Gates war sehr viel mehr „nicht mehr wie vorher“ als nach den Katastrophen unseres Jahrhunderts. Nur zeigte sich das nicht schlagartig, sondern erst allmählich. Kein Thema also für Zeitungsüberschriften. Die Leben vom Tag. Über einen größeren Zeitraum blicken sie oder vielmehr ihre Verfasser nicht hinaus. Das wird bis auf weiteres so bleiben. Wie zuvor.

Dass übrigens selbst die Quarantäne in punkto Vereinsamung heute nicht ist wie die Quarantäne zur Zeit der Spanischen Grippe, ist nicht eine Folge der Pandemie vor gut einem Jahrhundert, sondern der Erfindung von Fernsehen und Versandbuchhandel. Die Welt ist längst in die Wohnzimmer gedrungen. Allmählich. Und ganz ohne Katastrophe. Schon vor dem Coronavirus saß die Familie vor dem Bildschirm und schwieg. Das Familienleben fand in der Lindenstraße statt. Das wird auch nach der aktuellen Krise so sein. Auch wenn die Lindenstraße dann einen anderen Namen trägt.

Thomas Rothschild - 1. April 2020
2670

Wenn sich Euthanasie rechnet

Die Stuttgarter Zeitung titelt: In Straßburg lässt man die Alten sterben. Man mag sich fragen, ob solch eine Überschrift, bei aller Liebe zur Pressefreiheit, zielführend ist. Für die Alten in den nahe gelegenen deutschen Städten dürfte sie jedenfalls wenig beruhigend sein. Es könnte ihnen schon den Schlaf rauben, wenn sie überlegen müssen, wann sie an der Reihe sind.

In dem Artikel wird ein Papier von Mitarbeitern des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen zitiert. Darin wird berichtet: „Zudem würden über 80-jährige Patienten nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge ‚Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln‘.“ Verantwortlich für die Misere ist ein Mangel an Beatmungsgeräten. (Nebenbei: hat man alle Beatmungsgeräte beschlagnahmt, die in den Firmen, die sie herstellen, herumstehen?)

Man versetze sich in die Lage der Straßburger Ärzte, die darüber zu entscheiden haben, wer von den Infizierten beatmet werden soll und wer nicht. Eine Entscheidung über Leben und Tod. Sollen sie jüngere Patienten sterben lassen? Sollen sie auslosen, wer in den Genuss eines Beatmungsgeräts kommt? Wer darauf keine einleuchtende Antwort weiß, sollte sich seine wohlfeile Empörung für andere Anlässe aufbewahren.

Die engagierte Medizinjournalistin Renate Jäckle hat schon vor vielen Jahren auf einen Aufsatz in einem deutschen (!) Ärzteblatt hingewiesen, in dem empfohlen wurde, bei Patienten in Intensivstationen nachzurechnen, wie viel sie nach ihrer Genesung noch an Einkommen zu erwarten hätten. Wenn das weniger sei als ihre Behandlung koste, solle man alle lebensverlängernden Maßnahmen einstellen. Im Klartext: Euthanasie unter volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt. Jäckles Aufdeckung hat nach meiner Erinnerung keine Zeitung erregt. Eine Schlagzeile des folgenden Wortlauts blieb aus: "In Deutschland lässt man die Armen sterben“.

Der Alltag fand schon vor dem Coronavirus statt. Die Straßburger Ärzte trifft keine Schuld.

Thomas Rothschild – 27. März 2020
2669

Das vernehmliche Schweigen des PEN

Die Präsidentin des PEN Zentrums Deutschland Regula Venske hat ein Problem. Das Coronavirus hat es ihr eingebrockt. Sie stellt klar: „‚Soziale Distanz‘ klingt wie ein Begriff aus dem Wörterbuch des Neoliberalismus. Wir alle aber wissen, dass jetzt soziale Nähe gefragt ist: Kooperation, Verantwortung füreinander. Man mag sagen, dass es derzeit dringlichere Probleme gibt, als Worte auf die Goldwaage zu legen. Aber Sprache prägt unser Denken und unser Verhalten. Im Englischen bedeutet social heute vor allem ‚gesellig‘ und erst in zweiter Linie das, was wir im Deutschen unter sozial verstehen. Social distancing mag also angehen. Im Deutschen steht das Wort sozial allerdings vor allem für gesellschaftliche Werte wie Gemeinsinn und Solidarität. Jetzt sind physische Distanz bzw. körperlicher Abstand geboten, ‚soziale Distanz‘ hingegen, das macht die Corona-Krise deutlich, gerade nicht!“

Das kommt, wenn man sich in seinem sprachkritisch-moralistischen Eifer auf Wörterbücher verlässt. Das englische „social“ wird heute, im englischen wie im deutschen Sprachraum, vor allem in einem Zusammenhang verwendet, nämlich in der Kombination „Social Media“. Damit sind bekanntlich digitale Medien wie Facebook oder Twitter gemeint, und das Attribut bedeutet weder „gesellig“, noch „sozial“ im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten wie Gemeinsinn und Solidarität. Wenn man den missverständlichen Ausdruck „soziale Distanz“ oder „soziale Distanzierung“ ablehnt, so bietet sich im Deutschen das Beiwort „räumlich“ an. Der Vorschlag „körperlicher Abstand“ allerdings beweist nur, dass die PEN-Präsidentin ein innigeres Verhältnis zu Verboten als zur deutschen Sprache hat. Der Abstand zwischen Körpern ist ebenso wenig körperlich wie das Verhältnis des Denkens zur Sprache sprachlich ist.

Bedenklicher als solche Unschärfen der Sprache, des Denkens und des Verhaltens jedoch ist, dass der deutsche PEN vor lauter Aufgeregtheit über das Adjektiv „sozial“ seine Kernaufgaben vergisst. Sie stehen in der PEN-Charta. Da heißt es unter anderem: „Der PEN steht für den Grundsatz eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten. Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur.“

Übermorgen erscheinen im Rowohlt Verlag die Memoiren von Woody Allen. Wie seit zweieinhalb Wochen bekannt, haben eine Reihe von Autorinnen und Autoren des Verlags gegen die Veröffentlichung dieses Buchs protestiert. Der deutsche PEN hat vernehmlich zu diesem Ansinnen geschwiegen. Er hat nichts dagegen vorzubringen, dass ein intellektueller Lynch-Mob das freie Wort verhindern möchte und Zensur fordert. Der Hinweis, Woody Allen könne ja anderswo publizieren, kann nur als zynisch bewertet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die gegen Woody Allen vorgebrachten Vorwürfe weder bewiesen, noch gar von einem Gericht, das im Gegensatz zu Rowohlt-Autoren für Verstöße gegen Gesetze zuständig wäre, bestätigt wurden. Selbst wenn das nämlich der Fall wäre, hätte die PEN-Charta Gültigkeit. Darin steht nichts davon, dass sie durch Vergehen welcher Art auch immer außer Kraft gesetzt würde. Auch ein Jean Genet steht unter ihrem Schutz.

Das Schweigen des deutschen PEN zur Zensurforderung von Kolleginnen und Kollegen Woody Allens, die von ihm vor allem unterscheidet, dass sie nicht so gut schreiben wie er, macht die Forderung von Gemeinsinn und Solidarität unglaubwürdig. Sie kommt, wie sich erweist, von Sittenwächtern, die in ihrer Polizei- und Zuchtmeistermentalität selbst dort Vergehen ahnden, wo kein Vergehen erwiesen ist. Dafür eignet sich weder das Beiwort „sozial“, noch „physisch“, noch „körperlich“. Vielleicht käme „niederträchtig“ in Frage.

Thomas Rothschild – 26. März 2020
2668

James Bond

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Sexismus und Rassismus – ganz im Sinne der legendären F-Skala von Adorno u.a. – eng mit einander verbunden sind, könnten die James-Bond-Filme und die ihnen zugrunde liegenden Romane von Ian Fleming einen überzeugenden Dienst leisten. Nach den Maßstäben, mit denen Filme oder auch Theaterstücke heute beurteilt werden, hätten sie seinerzeit zu massiven Protesten führen müssen. Frauen fallen regelmäßig und augenblicklich in die Horizontale, wenn James Bond – egal in wessen Gestalt – sich ihnen nähert. Und die Masterminds des Bösen tragen zwar deutsch klingende Namen – Blofeld, Goldfinger, Stromberg –, aber die ausführenden Übeltäter sind zu einem guten Teil als Asiaten oder Schwarze gekennzeichnet. Ihnen stehen nur sehr wenige „gute“ Figuren gegenüber, die nicht der „weißen Herrenrasse“ angehören. Es gibt kaum ein rassistisches Klischee, das die so erfolgreiche Filmserie, die insgesamt mehr als 15.000 Millionen Dollar eingespielt hat, ausgelassen und nicht mit Nachdruck wiederholt hätte.

Die Frage ist: wie viele von den mehreren Millionen Zuschauern, die im Lauf eines halben Jahrhunderts James-Bond-Filme gesehen haben, wurden durch sie in ihrer Einstellung zu Frauen, Chinesen, Japanern, Afrikanern, auch Russen, dem politischen Hauptfeind der „westlichen Welt“ in den Jahren des Kalten Krieges und des nuklearen Wettbewerbs, und, auf der Höhe der Zeit, zu Nordkoreanern geprägt? Die Medienwirkungsforschung gibt uns nur sehr unzuverlässige und widersprüchliche Antworten. Vieles spricht dafür, dass durch solche Filme lediglich vorhandene Prädispositionen bestärkt werden – der „Reinforcement-Effekt“ –, nicht aber Meinungen produziert werden. Wer schon zuvor der Ansicht war, dass Frauen nur darauf warten, „genommen“ zu werden, dass sie entweder dumm oder hinterhältig sind, dass „Farbige“ gewalttätig seien, mag sich durch solche Klischees bestätigt fühlen. Wenn das aber zutrifft, ist es müßig, gegen Filme, Theaterstücke, Bücher vorzugehen, die diese Klischees transportieren. Verhindert werden müssen Überzeugungen, die für sie empfänglich machen. Es bedarf, um ein eklatantes Beispiel zu nennen, keiner Filme, die Roma und Sinti in diffamierender Weise darstellen. Der Antiziganismus ist, wie Hajo Funke eben erst in der Januar-Nummer von konkret nachgewiesen hat, eine bei der Mehrheit der Deutschen tief verankerte Einstellung. Sie gilt es zu bekämpfen, nicht den Zigeunerbaron oder Carmen.

Wer früh, sehr früh gegen die Anfälligkeit für Sexismus und Rassismus immunisiert wird, wird auch James-Bond-Filme unbeschadet überstehen. Er wird sie als das sehen und mögen oder auch nicht mögen, was sie sind: Märchen für Erwachsene mit einer klaren Trennung von Gut und Böse. Er wird das Kino verlassen wie Kinder die Märchenlektüre. Sie wissen in der Regel ziemlich genau, dass es im wirklichen Leben keine bösen Hexen und keine guten Feen gibt. Wer allerdings daran zweifelt, sollte die James-Bond-Filme zumindest mit der gleichen Vehemenz verdammen wie Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung oder Molnárs Liliom.

Thomas Rothschild - 24. März 2020
2667

Staatshilfe

Jetzt schreien auf einmal alle nach dem Staat. Der Staat soll aushelfen, wo das Coronavirus mit ungeahnter Schnelligkeit die Einkünfte zusammenbrechen lässt. Woher aber hat der Staat das Geld, von dem nun alle ihren Anteil haben wollen? Richtig: aus den Steuern. Da wäre es doch nur logisch und gerecht, wenn jene, die ständig gegen Steuern polemisieren und den Staat beschimpfen, wenn er diese eintreibt, jetzt auch keine staatliche Hilfe forderten und erst recht keine Steuergelder erhielten. Die Privatisierung der Gewinne und die Vergesellschaftung der Verluste – das ist ihr Rezept.

Diese Erfahrung gehört zum Alltag. Dennoch schimpft man vom Stammtisch bis zu den Kommentaren in den Zeitungen über zu hohe Steuern und nimmt es widerspruchslos hin, dass einem Waren und Leistungen zu schamlos überteuerten Preisen verkauft werden. Dennoch wird als Dogma verkündet, private Initiativen seien in jedem Fall effizienter als verstaatlichte Unternehmen, und als Verfassungsfeind diffamiert, wer – übrigens: in Übereinstimmung mit der Verfassung – die Möglichkeit von Verstaatlichung reflektiert, wer die Verantwortung für das Gemeinwohl höher veranschlagt als das Profitinteresse, wer Fürsorgepflicht als zumindest ebenso verbindlich betrachtet wie Loyalität, und wer sich gegen die Asymmetrie einer Ordnung ausspricht, die Gewinne eben privatisiert und Verluste vergesellschaftet. Wenn mal wieder die Risikobereitschaft von Unternehmern gepriesen wird, lasse man sich jenen Unternehmer zeigen, der nach dem Bankrott in ähnlich armseligen Verhältnissen lebt wie die Arbeitnehmer, die durch seine Schuld ihre Arbeit verloren haben, denen also der „Arbeitgeber“, im genauen Gegenteil zur irreführenden Terminologie, erst die Arbeit und dann den Arbeitsplatz genommen hat. Wohnen die Hochstapler, die für Millionenpleiten im öffentlichen Bereich, für die Fehlkalkulationen bei der Elbphilharmonie, beim Berliner Flughafen, von Stuttgart 21 verantwortlich sind, für die in der Tat der Steuerzahler aufkommen muss, jetzt unter der Brücke? Hat man ihren Perserteppich gepfändet?

Niemand gibt gern von seinem Bruttolohn oder -gehalt mehr ab, als nötig. Aber die eingezogenen Steuern werden immerhin in die Gesellschaft zurückgeführt. Dass sie sinnvoll verwendet werden, kann der Staatsbürger über Wahlen beeinflussen, und dass diese Einflussmöglichkeiten erweitert und demokratisiert werden, kann ein politisches Programm sein. Aber was Großunternehmen mit den Milliardengewinnen aus überteuerten Preisen und Gebühren machen, bleibt grundsätzlich außerhalb der Einflussmöglichkeiten der Staatsbürger. Es gibt keinen hinreichenden Grund, diese überbezahlten Beträge stillschweigend als Preis der Marktwirtschaft hinzunehmen und dafür auf den Staat zu schimpfen. Wo bleibt der Aufschrei, wenn Banken, die jeden kleinen Lohnempfänger, der sein Konto überzieht, kräftig zur Kasse bitten, Großkunden, wenn die sich, nach jahrelangen Profiten, gründlich verrechnet haben, die Schulden erlassen (oder anders ausgedrückt: ihnen großzügig schenken, was der kleine Sparer und Kreditnehmer eingezahlt hat)?

Es entspricht dieser Logik, dass es als wesentlich verzeihlicher gilt, Steuern zu hinterziehen, also die Allgemeinheit zu bestehlen, als im Kaufhaus zu klauen, also Aktionäre zu schädigen. Im übrigen holt sich das Kaufhaus jede gestohlene Krawatte, das Hotel jedes gestohlene Handtuch wieder zurück über die überhöhten Preise, die wiederum der ehrliche „kleine Mann“ blechen muss, der weder geklaut noch Steuern hinterzogen hat.

Es gibt viele Gründe, kritisch, ja ablehnend zu reagieren auf staatliche Missstände, auf die Bürokratie, auf die Selbstherrlichkeit der Politiker. Aber der mittlerweile durchgesetzte kapitalistische Konsens, dass es der Staat, nicht das Kapital sei, von dem der Bürger geschröpft werde, ist gefährlich, weil eminent antidemokratisch. Allen Totalitarismustheorien zum Trotz: der Nationalsozialismus, der zwar nationalistisch, aber nichts weniger als sozialistisch war, hat mit größter Eile die Parlamente, nicht das Kapital entmachtet. Die Polemik gegen zu hohe Steuern und die Bestärkung von antistaatlichen und antiparlamentarischen Ressentiments gehört zum stets wirkungsvollen Repertoire der Populisten. Gerne hörte man von ihnen, wer ihrer Meinung nach Schulen und Kindergärten, Krankenhäuser und Theater, meinetwegen auch Autobahnen und Vollzugsanstalten bezahlen soll. Die Telekom? Lufthansa? Daimler?

Klar ist die Unverfrorenheit skandalös, mit der sich Parlamentarier regelmäßig die Diäten erhöhen, die der Steuerzahler, dessen Realeinkommen sinkt, finanzieren muss. Aber wer protestiert gegen die ebenfalls vom Konsumenten bezahlten Gehälter, die sich Generaldirektoren bewilligen und im Vergleich zu denen Abgeordnetengehälter ein Klacks sind?

Die Privatisierung der Gewinne und die Vergesellschaftung der Verluste – diese Regel sollte sich der Staat nicht zueigen machen.

Staatshilfe: ja. Aber zuerst für die Kleinen, für die Selbständigen, die Künstler, die mittelständischen Betriebe, deren Existenz in der Tat gefährdet ist. Bei den Großunternehmen und Konzernen aber, die jetzt riesige Verluste melden, sollte man genau überprüfen, wie hoch die Gewinne waren, die sie in ihrer Steuererklärung angegeben haben. Sie sollten nicht auch noch für die entgangenen Einnahmen ersetzt bekommen, was sie dem Staat zuvor unterschlagen haben. Denn die Kassen des Staats wieder auffüllen müssen die vielen kleinen Arbeitnehmer, die ihre Steuern brav und widerspruchslos bezahlen. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Thomas Rothschild – 18. März 2020
2666

Corona-Notizen

1. Es gibt viele Gründe, an Politikern, ihrer Qualifikation und ihren Entscheidungen zu zweifeln. In der gegenwärtigen Situation aber, die durch das Coronavirus entstanden ist, sind sie nicht zu beneiden. Was immer sie tun – sie können es nur falsch machen. Wenn sie Maßnahmen treffen, die mit Einschränkungen verbunden sind, wirft man ihnen diktatorische Ambitionen vor. Wenn sie darauf verzichten, macht man sie für die Folgen verantwortlich, die sich durch solche Maßnahmen hätten vermeiden lassen.

2. Mit einer Bedrohung der Demokratie haben Einschränkungen der Bewegungs- und Reisefreiheit unter den gegebenen Umständen nichts zu tun. Es gibt kein demokratisches Recht auf Gefährdung von Menschenleben oder auch nur der Gesundheit anderer Menschen. Wenn auch nur ein Leben dadurch gerettet wird, dass die Bevölkerung für eine bestimmte Frist daheim bleibt, dann ist es richtig und demokratisch, dies zu verordnen. Die National Rifle Association of America hält es für ein demokratisches Grundrecht, Waffen zu besitzen, auch wenn das nachweislich zu zahlreichen Tötungen führt. Wir sind klüger. Sind wir es auch, wenn es um die Reisefreiheit geht?

3. Zur Erinnerung: Das Coronavirus ist Natur, der Impfstoff, an dem man jetzt mit Druck arbeitet, Antinatur.

4. Zugegeben: es ist unerfreulich, wenn man auf Theater-, Kino- oder Kneipenbesuche verzichten muss. Es ist unbequem, wenn man etwas länger suchen muss, um in einem Supermarkt Klopapier zu finden. Aber das lautstarke Gejammere beweist nur, wie wenig Fantasie die meisten für die Lebensumstände in ferneren Regionen aufgewandt haben. Verglichen mit der Situation derer, die die Straße nicht ohne das Risiko überqueren können, von einem Scharfschützen erschossen zu werden, oder die täglich und nächtlich mit der Möglichkeit rechnen müssen, von marodierenden Banden überfallen, gefoltert und getötet zu werden, ist die Lage im Zeichen des Coronavirus mehr als nur erträglich. Wo der Ausfall eines Fußballspiels als tragischer empfunden wird als die unterlassene Rettung von Menschenleben, und sei es nur ein einziges, ist Hopfen und Malz verloren.

5. Bei allen Unterschieden, ja Gegensätzen, haben Sozialisten und religiöse Menschen vom Anspruch her eins gemeinsam: Menschenleben haben für sie vor Gelderwerb und finanziellem Wohlstand oberste Priorität. Wenn man die Kommentare zur Corona-Krise liest, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das in Vergessenheit geraten ist. Wirtschaftliche Einbußen bereiten vielen offenbar ein größeres Kopfzerbrechen als die bedingungslose Bewahrung von Menschenleben. Angesichts des Feilschens etwa um Impfstoffe muss man überprüfen, ob der Kapitalismus wirklich das beste aller Systeme ist, wie manche behaupten.

6. Katastrophen sind in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten. Anders aber als bei Kriegen oder Attentaten, anders als bei Tschernobyl, anders sogar als bei Hochwasser, das sich unverantwortbaren Flussregulierungen verdankt, oder bei Waldbränden, die auf das Konto von exzessiven Rodungen gehen, anders als bei den Klima-Folgen einer auf Profit ausgerichteten Wirtschafts- und Umweltpolitik, verbietet sich bei Seuchen und Epidemien eine Schuldzuweisung. Das erzeugt einerseits das Gefühl der Hilflosigkeit. Wo kein Schuldiger zu benennen ist, fällt eine bekämpfbare Ursache weg. Religiöse Fanatiker nehmen, wie im Fall der Sintflut, die Menschheit und ihre Sünden in Haftung. Für aufgeklärte Menschen ist das keine Option. Die gute Seite dieses Umstands ist, dass Epidemien eher nicht zur Entsolidarisierung führen, dass sie es Demagogen erschweren, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Jedenfalls in unserer Gegenwart hat sich noch keine nennenswerte Gruppe angeschickt, die „Brunnenvergifter“-Legende aufleben zu lassen.

7. In der Schule und in den Medien haben wir von den großen Epidemien gehört, von der Pest, der Cholera, dem Ebolafieber. Aber sie blieben stets abstrakt, zeitlich oder räumlich weit entfernt. Das Coronavirus, wenngleich (noch) nicht so gefährlich wie die genannten Krankheiten, vermittelt uns eine sinnliche Erfahrung über die Ängste und die Sorgen der Menschen, die mit diesen Epidemien leben mussten. So gesehen ist, was wir zurzeit durchlaufen, ein Stück anschaulichen Geschichtsunterrichts. Das ist zwar kein Trost, aber man könnte daraus immerhin mehr lernen als in der Schule.

8. Alle Verlautbarungen zum Coronavirus weisen darauf hin, dass ältere Menschen besonders gefährdet seien und die Wahrscheinlichkeit eines schweren oder gar tödlichen Verlaufs bei ihnen signifikant höher sei als bei jungen Menschen. Man sollte sich aber nicht verrückt machen lassen. Bagatellisierung der Krankheit ist eine Sache. Eine realistische Einschätzung eine andere. Ältere Menschen haben auch ohne Coronavirus eine höhere Chance zu sterben als junge. Immer noch ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs oder Herzversagen zu sterben, um ein Vielfaches höher als der Tod durch das Coronavirus. Selbst in Verkehrsunfällen – und die ließen sich vermeiden – sterben mehr Menschen als bislang am Coronavirus. Bis zum 16. März gab es in Deutschland 13 Todesfälle wegen des Coronavirus. Die Grippewelle 2017/18 hat in Deutschland 25.100 Menschen das Leben gekostet. Diese Dimensionen sollte man sich vor Augen halten, ehe man in Alarmstimmung verfällt. Wer weiß: vielleicht macht die Angst mehr Menschen krank als das Virus.

9. Wofür ich plädiere, ist nicht die Verharmlosung des Coronavirus. Es erscheint mir nur wenig produktiv, wenn man sich angesichts vergleichsweise geringer Wahrscheinlichkeiten in läh­mende Ängste hinein suggerieren und damit von jenen Tätigkeiten ablenken lässt, die allerdings von größter Dringlichkeit wären: nämlich einerseits der politische Kampf für die Zukunft, ander­erseits die Beachtung von gegenwärtigen Katastrophen, die kaum je in unser Gesichtsfeld geraten. Was in unserem Eurozentrismus vergessen wird, ist die Tatsache, dass die Dritte Welt die Katastrophe nicht erst zu imagi­nieren braucht: für sie ist sie ständige gegenwärtige Realität. Wem es nicht nur darum geht, sich narzisstisch in seinen Ängsten zu baden, sondern Katastrophen tatsächlich zu beseitigen, der muss verstärkt für einen Ausgleich zwischen den hochentwickelten In­dustriestaaten und der Dritten Welt kämpfen. Das bedeutet kon­kret: eine radikale Senkung des Lebensstandards in Europa und Nordamerika zugunsten von Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens. Dieser Eingriff wird und muss unser Leben stärker verändern als das Coronavirus, aber wir müssen ihn vornehmen. Die Alternative ist eine Fortdauer der permanenten Katastrophe in der Dritten Welt, die ständig weit mehr Opfer fordert als das Virus, die Alternative ist die Wiederholung der Fehler Europas und Nordamerikas in der Dritten Welt, die ohne Hilfe von außen gar nicht auf Industrialisierung und wohl auch Kernkraft verzichten kann, die Alternative ist schließlich ein Blutbad, mit dem Europa und Nordamerika eines Tages ihre historische Schuld zu begleichen haben werden. Eine militante Antwort der Mehrheit der Weltbevölkerung auf ihre Jahrhunderte währende Unterdrückung und Ausbeutung erscheint mir jedenfalls wesentlich wahrscheinlicher als die Dezimierung durch ein Virus, und wir werden uns nicht einmal beklagen dürfen. Schon aus Egoismus hätten wir die ständig vorhandene Katastrophe in der Dritten Welt zu bekämpfen.

10. Aber auch unsere hausgemachten Probleme erfordern eine andere Reaktion, als das ständige ängstliche Starren auf die Möglichkeit eines Massensterbens durch das Coronavirus. Wahrscheinlicher und vielleicht schrecklicher als der kollektive Tod erscheint mir die Möglichkeit eines Lebens, das nicht mehr lebenswert ist. Gerade die verbreiteten und geförderten individuellen Ängste aber erleichtern jenen, die unsere ohnedies wenig stabile Demokratie abbauen wollen, die Arbeit.

Thomas Rothschild – 17. März 2020
2665

Sieg der Vernunft

Kongress der Hellseher. Drei Tage Vorträge und Diskussionen. Am Schluss sagt der Präsident: „Und nun bitte ich Sie um eine kleine Spende für schlechtere Zeiten. Man weiß ja nie, was kommt.“

Der Landesbischof Frank Otfried July von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat die Gemeinden aufgefordert: „Angesichts der dynamischen Entwicklung und zunehmender Veranstaltungsverbote in Kommunen und Landkreisen aufgrund der Corona-Krise empfehlen wir dringend, ab sofort und bis auf weiteres auf Gottesdienste zu verzichten.“

Man ist geneigt, diese Entscheidung als Sieg der Vernunft über das Gottvertrauen zu werten. Jedenfalls sollte man darüber keine Witze reißen. Eins aber darf man erwarten: dass die Kirchen, möglicherweise sogar die katholische, künftig Phrasen unterlassen, die Verantwortung an Gott delegieren, statt auf die Einsicht der Menschen zu bauen, wie „Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen“ oder „Gesegnet ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist“.

Als Martin Luther 1527, nicht zum ersten Mal, von einer Pest-Epidemie bedroht war, erwog er, ob er, wie viele andere, flüchten sollte, kam jedoch, wie er in einem Brief an Georg Spalatin schrieb, zu dem Schluss: „Christus aber ist da, damit wir nicht allein sind. Er wird auch in uns triumphieren über die alte Schlange, den Mörder und Urheber der Sünde, wie sehr er auch immer seine Ferse stechen mag (1. Mose 3, 15). Betet für uns und gehabt Euch wohl.“

Heute gebietet es die Vernunft, eher Ratgebern wie Frank Otfried July zu folgen als Luther, und lieber auf den Gottesdienst zu verzichten als auf die Macht des Gebets zu vertrauen. Es kann nicht schaden, wenn man sich an diese Erfahrung erinnert, nachdem das Virus besiegt wurde. Es könnte ja zurückkehren. Und es muss nicht Corona heißen.

Thomas Rothschild - 15. März 2020
2664

Wenn das Virus kommt

Frank Bräutigam aus der ARD-Rechtsredaktion belehrt:

„Eine Empfehlung von Bundesminister Spahn zur Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern schafft zwar faktisch einen enormen Druck. Sie hat aber nur dann Wirkung, wenn die Länder sie auch wirklich umsetzen.

Dazu muss man wissen: Diese Aufgabenverteilung ist in der Bundesrepublik überhaupt nicht ungewöhnlich. Sie ist sogar die Regel und hat eine lange Tradition. Etwa bei der Zuständigkeit für Themen wie Gefahrenabwehr durch die Polizei oder bei der Bildungspolitik. Das alles ist Ländersache. ‚Die Länder führen die Bundesgesetze als eigene Angelegenheiten aus, soweit dieses Grundgesetz nichts anderes bestimmt oder zulässt‘, heißt es zudem in Artikel 83 des Grundgesetzes.

Der Gedanke dahinter: Vor Ort in den Regionen weiß man oft am besten, was angemessen ist. Die Situation in Nordrhein-Westfalen kann anders sein als in Sachsen. Auch beim Thema Corona. In einigen Regionen kann das Thema Kinderbetreuung nach einer Schulschließung noch brisanter sein als in anderen. Dann kann man dort auch spezifisch reagieren.“


Wieder einmal suggeriert ein Verlautbarer Vernunft, wo eher der historische Zufall herrscht. Der zitierte Artikel des Grundgesetzes schuldet sich nicht einem „Gedanken“, sondern der Geschichte. Die Delegierung zahlreicher Kompetenzen, die anderswo zentralisiert sind, an die Bundesländer ist, wie der Föderalismus in Deutschland überhaupt, eine Folge dessen, was Helmuth Plessner die „Verspätete Nation“ genannt hat. Sie ist ein Überrest der Segmentierung des späteren Deutschen Bundes und des Deutschen Reichs in rund drei Dutzend eigenständige Fürstentümer und Freie Städte. Eine Zentralregierung ist für Deutschland im Vergleich zu anderen Nationalstaaten eine historisch junge Erfahrung.

Das Nachwirken der Fürstentümer und Freien Städte bis in unsere Zeit auf zahlreichen Gebieten, keineswegs nur bei der Ausführung von Bundesgesetzen, hat Vor- und Nachteile. Wir verdanken ihm unter anderem eine Theaterlandschaft, um die uns andere Staaten beneiden. Dass sich das kulturelle Angebot nicht weitgehend auf die Hauptstadt beschränkt wie beispielsweise in England, Frankreich oder Japan, verdankt sich der Tatsache, dass noch vor 150 Jahren auch München und Stuttgart, Dresden und Weimar, Darmstadt und Wiesbaden Hauptstädte und Freie Städte wie Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main mächtige Wirtschafts- und Kulturzentren waren.

Der Lächerlichkeit aber gibt sich preis, wer anlässlich eines Virus zu erkennen vorgibt, dass man „vor Ort in den Regionen oft am besten (weiß), was angemessen ist“, ansonsten aber Tag für Tag die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen nicht nur der Orte und Regionen, sondern sogar der Nationalregierungen an die EU ohne Wenn und Aber verteidigt. Dass es eine kalkulierte EU-Gegnerschaft von rechts gibt, deren Motive es zu analysieren und zu enttarnen gilt, kann nicht von der Verpflichtung befreien, den Widerspruch aufzuklären: warum Brüssel der Hort der politischen Weisheit sein soll, die Regionen aber am besten wissen, was angemessen ist, wenn das Virus an die Tür klopft.

Thomas Rothschild - 13. März 2020
2663

Die Zwickmühle

Angesichts der immer bedrohlicheren Vorstöße der Rechten, angesichts ihres immer dreisteren Hohns über demokratische und emanzipatorische Werte, möchte man jenen, die ihnen in der Gesellschaft im allgemeinen und in der Kultur im besonderen Widerstand leisten, die Sympathie und die Unterstützung nicht versagen. Um keinen Preis will man ihnen in den Rücken fallen. Das Geschäft der Kritik freilich gerät dabei in eine Zwickmühle. Nicht alles, was von einer ehrenwerten Gesinnung zeugt, ist auch künstlerisch lobenswert. Manchmal steht gerade die förderungswürdige Absicht der künstlerischen Umsetzung im Wege. Der verschiedenen Autoren zugeschriebene Satz, dass das Gegenteil von gut gut gemeint sei, hat, wenn man ihn von seiner Apodiktik befreit, seine Gültigkeit bewahrt.

Wenn im doppelten Wortsinn anständige Kritiker jedoch das gut Gemeinte preisen, weil sie, wie erwähnt, deren Urheber nicht in den Rücken fallen wollen, haben die Rechten schon gesiegt. Denn sie haben jenen, die sie bekämpfen – und in diesem Relativsatz ist das Pronomen „sie“ sowohl als Subjekt, wie auch als Objekt zu verstehen –, ihre Maßstäbe aufgezwungen, sie an der Wahrheit gehindert.

Die Attacken von rechts haben, so scheint es, die Ideologisierung der Kulturdebatten forciert. Nicht zu ihrem Vorteil. Kürzlich wurde, vom Deutschlandfunk übertragen, über Margaret Mitchells Vom Winde verweht in einer Neuübersetzung diskutiert. Dabei ging es unter anderem darum, ob dieser Roman bislang unterschätzt worden sei. Für oder gegen seine Qualität brachten die Gesprächspartner vor, dass er das Wort „Neger“ verwendet oder ein kritisches Bild vom Krieg zeichnet. Das sind Beobachtungen, die unter literatursoziologischem oder ideengeschichtlichem Aspekt von Interesse sein können. Über die literarische Qualität sagen sie nichts aus.

Die Verteidigung aber von künstlerischem Anspruch, von artistischer Souveränität ist nicht weniger eine aufklärerische Position als die Abwehr von Angriffen auf die menschliche Würde. Wer sich auf die Indienstnahme der Künste, für welche Ideale auch immer, einlässt, hat bereits die Bedingungen der Rechten akzeptiert. Das mag nicht immer so gewesen sein. In Zeiten der zugespitzten politischen Gegensätze haben es auch linke Dichter*innen, Maler*innen, Komponist*innen, Theatermacher*innen für richtig gehalten, sich im Kampf für die angestrebten Ziele künstlerischer Mittel zu bedienen, und es waren nicht die schlechtesten. Heute aber sind es unübersehbar die Rechten außerhalb und zunehmend in den Parlamenten, die eine Funktionalisierung der Kultur für ihre Zwecke voranzutreiben bestrebt sind. Wollen wir uns darauf einlassen? Wollen wir nach den Regeln der AfD und ihrer Anhänger spielen? Oder wollen wir ihnen die Meinungsdominanz verweigern und auf einer Kunst bestehen, die diesen Namen verdient? Wir werden uns entscheiden müssen.

Thomas Rothschild - 8. März 2020
2662

Lob der Demokratie

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 28. Februar 2020 erklärte Hedwig Richter, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München, warum die Streichung Paul von Hindenburgs aus der Berliner Ehrenbürgerliste ein demokratischer Akt sei. Nichts, was sie über Hindenburg zu sagen wusste, ist neu. Wenn also eine Selbstverständlichkeit als Sieg der Demokratie gefeiert werden soll, muss man sich fragen, wie es in den fast 75 Jahren um die Demokratie bestellt war, in denen Hindenburg Ehrenbürger (nicht nur) Berlins und Namensgeber zahlloser deutscher Straßen und Städte geblieben ist. Die Bundesrepublik Deutschland (alt) und ihre Parteien müssen sich fragen lassen, was sie bewogen hat, so lange an der Ehrung jenes Mannes festzuhalten, der Hitler zur Macht verholfen hat.

75 Jahre lang also wurden Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht mit einem positiven Bild jenes Mannes ausgestattet, der die Demokratie nicht etwa gefördert, sondern abgeschafft hat. 75 Jahre lang wurden sie angehalten, ihn als den Mann zu achten, den die Stadt Berlin und unzählige öffentliche Einrichtungen ehren. Man hat seit 1990 viel Mühe darauf verwandt, das Geschichtsbild anzuklagen und zu korrigieren, das in der DDR vermittelt wurde. Eine Korrektur der Einschätzung von Hindenburg blieb die Angelegenheit einiger weniger echter Demokraten, die dafür beschimpft und diskreditiert wurden. Was, wenn nicht dies, beweist, in welcher Tradition sich die Bundesrepublik Deutschland gesehen hat und für viele nach wie vor sieht? Im Spiegel – wo sonst? – schrieb ein Hubertus Knabe vor 14 Jahren: „Es stimmt etwas nicht in Deutschland, wenn wir im siebzehnten Jahr der Einheit noch immer in jedem Dorf die kommunistische Diktatur verherrlichen, die Opfer und den Widerstand jedoch vergessen.“ Dass man in Deutschland nicht nur in jedem Dorf, sondern auch in der Hauptstadt im fünfundsiebzigsten Jahr der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime dessen Steigbügelhalter verherrlicht, die meisten Opfer und den Widerstand jedoch vergessen hat, irritiert ihn nicht. In Deutschland gibt es mehr als 400 Hindenburgstraßen und -plätze. 32 Straßen und 2 Plätze sind nach Erich Mühsam benannt, der im KZ Oranienburg ermordet wurde. So viel zur Demokratie, die ihre Bewährungsprobe bestanden hat, indem sie Paul von Hindenburg die Berliner Ehrenbürgerwürde aberkannte. Im Jahr des Herren 2020.

Thomas Rothschild - 28. Februar 2020
2661

Wien-Schwechat

Würden Sie einem Flugunternehmen vertrauen, das die elementarsten mathematischen Regeln nicht kennt? Schon auf dem Weg zum Flughafen Wien-Schwechat und im Flughafengebäude selbst prahlen riesige Anzeigetafeln mit einer angeblichen Errungenschaft: „CO2 um 70%* reduziert“. Und eine Fußnote erläutert, was der Asterisk bedeutet: „*pro Passagier“. Das ist natürlich Nonsens. Denn wenn der Kohlenstoffoxyd-Ausstoß des Flughafens um 70 Prozent reduziert wurde, dann wurde er auch pro Passagier um 70 Prozent reduziert und umgekehrt. Was für absolute Beträge gilt, gilt nicht für Prozentzahlen. Eine Käsesorte, die 20 Gramm leichter ist als eine andere, ist das pro Menge, die angegeben werden muss, also zum Beispiel pro Packung. Eine Käsesorte aber, die um 20 Prozent weniger Fett enthält als eine andere, ist immer, in der Einzelpackung und in ihrer Gesamtheit 20 Prozent fettärmer.

Sollte sie jedenfalls sein. Beim Flughafen Wien-Schwechat kann man sich nicht so sicher sein. Der hält es mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Wer dort ankommt, wird penetrant mit dem Hinweis bombardiert, dass er mit dem CAT, dem City Airport Train, vom Flughafen ins Stadtzentrum fahren solle. Dieser Transfer kostet 11 Euro, hin und zurück 19 Euro. Was verschwiegen wird, ist dies: Die S-Bahn S7 fährt ebenso oft wie der CAT, nämlich alle halben Stunden, vom Flughafen nach Wien Mitte. Sie benötigt für die Strecke 23 Minuten, sieben Minuten mehr als der CAT, und kostet, wie auch der Railjet zum Hauptbahnhof, gerade 4,20 Euro. Mehr noch: mit diesem Ticket kann man, anders als mit dem Ticket des CAT, zu jedem beliebigen Punkt im Wiener Stadtgebiet weiterfahren.

All das soll der Gast nicht erfahren. Um ihn irrezuführen, locken die Wegweiser auch in Wien Mitte mit dem CAT-Zeichen, das dem Flughafenzeichen zum Verwechseln ähnelt, auf die falsche, nämlich die Abzocker-Fährte. Wer nicht ortskundig ist, kommt nicht auf die Idee, dass er die S-Bahn Richtung Meidling – und nicht Floridsdorf – nehmen muss. Der Flughafen als Fahrtziel ist so versteckt, dass man ihn nicht finden kann.

So ist das, wo 80%* mehr vom Tarockieren verstehen als von Verkehrsplanung. *jedes zuständigen Beamten.

Thomas Rothschild - 26. Februar 2020
2660

Gute Nachrichten

Man muss kein unverbesserlicher Pessimist sein, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass die schlechten Nachrichten gegenüber den guten überwiegen. Es macht uns keine besondere Freude, sie zu verbreiten. Aber die Schuldigkeit gegenüber der Wahrheit zwingt uns dazu. „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit/ Verzerrt die Züge./ Auch der Zorn über das Unrecht/ Macht die Stimme heiser. Ach, wir/ Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/ Konnten selber nicht freundlich sein.“ (Bertolt Brecht)

Umso beglückender, wenn es Erfreuliches zu berichten gibt. Wir haben Anlass, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das uns so viel Missvergnügen und Ärger bereitet, zu loben. Selten hat es so viel Rückgrat, so viel Entschiedenheit bewiesen wie in der Reaktion auf die Vorgänge in Thüringen. Fast ausnahmslos haben die Moderatoren der Nachrichtensendungen, der Magazine und der Talkshows zu erkennen gegeben, dass eine Kungelei mit der AfD, wie man heute sagt, „gar nicht geht“. Sie haben erkannt, dass das Prinzip der Ausgewogenheit seine Grenzen hat. Jean-Luc Godard hat dieses Prinzip einmal so kommentiert: „Die Objektivität? Das ist fünf Minuten für Hitler und fünf Minuten für die Juden.“ Wohl wahr. Auch in der Weimarer Republik gab es Aufrechte, die sich verhalten haben wie heute die Redakteure und Sprecher von ARD und ZDF. Sie konnten Hitler nicht aufhalten, und so manche, so mancher von ihnen ist bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten „umgefallen“. Wir wollen den Pessimisten in uns beurlauben und hoffen, dass es diesmal so nicht sein wird.

Die zweite gute Nachricht kommt ausgerechnet aus der Türkei. Ein Gericht in Istanbul hat Aslı Erdoğan vom Vorwurf des Terrorismus freigesprochen. Die Schriftstellerin, die seit zweieinhalb Jahren im deutschen Exil lebt, sah sich nach ihrer Verhaftung im August 2016 mit der staatsanwaltlichen Forderung einer Haftstrafe von insgesamt neun Jahren und vier Monaten konfrontiert. Jetzt wurde die Anklage wegen „Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“ fallen gelassen. Es gibt also noch unabhängige Richter in der Türkei. Auch in diesem Fall ist es für Jubel zu früh. Die Türkei bleibt erst einmal, was findige Politiker bezüglich der DDR aus dem Munde von Bodo Ramelow hören wollen: ein Unrechtsstaat. Was Deutschland nicht daran hindert, der wichtigste Handelspartner der Türkei zu sein. Aber heute freuen wir uns mit und für Aslı Erdoğan. Heute freuen wir uns, dass wir gute Nachrichten verbreiten dürfen.

Thomas Rothschild - 14. Februar 2020 (3)
2659

Vom Wert der Gesten

Diverse Kommentatoren haben der Vorsitzenden der Linksfraktion im Thüringer Landtag Susanne Hennig-Wellsow Vorhaltungen gemacht, weil sie dem eben mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählten Kandidaten der FDP Thomas Kemmerich die Blumen vor die Füße geworfen hat. Es war eine Geste, nicht mehr und nicht weniger. Gesten ändern nicht viel, aber sie können eine symbolische Kraft entwickeln. Man denke an den Kniefall Willy Brandts am Ehrenmahl für die Toten des Warschauer Ghettos. So gesehen verdient Hennig-Wellsows Geste eher Bewunderung als Vorwürfe. Sie war ein Lichtblick der Aufrichtigkeit in der Politik.

Kann man es anders denn als Heuchelei bezeichnen, wenn Politiker jemandem mit oder ohne Blumenstrauß zu einer Wahl gratulieren, die die Bundeskanzlerin kurz darauf „unverzeihlich“ nennt und die Parteien der Gratulanten als großen Fehler bezeichnen? Was sollen die Wähler, nicht nur in Thüringen, von Parlamentariern halten, die vorgeben, bestimmte Ziele zu verfolgen, und auf Fotos in besoffener Eintracht mit jenen zu sehen sind, die genau diese Ziele bekämpfen? Machen die Gesten nicht sämtliche Worte und Versicherungen unglaubwürdig? Sind die Blumensträuße und die Umarmungen Ausdruck demokratischer Toleranz, oder zeigen sie nicht vielmehr der Bevölkerung die lange Nase: Ist doch alles nicht so gemeint, ist bloß ein Spiel, für das wir satte Tantiemen beziehen. Tags fürs Fernsehen: verbale Schlachten im Plenarsaal. Abends in der Kantine: Kumpanei beim Fassbier. Kemmerich mag mit den Stimmen von Faschisten gewählt worden sein – wir gratulieren.

„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“ dichtete einst Kurt Tucholsky. Die Geschichte wiederholt sich nicht? So?


Thomas Rothschild - 11. Februar 2020
2658

Brexit

Selten war die ideologische Aufladung der veröffentlichten Meinung so deutlich erkennbar wie in diesen Tagen. Die Medien berichten über den Austritt Großbritanniens aus der EU, als hätte ein Politbüro die Marschrichtung vorgegeben. Wir sind angehalten, den Brexit für eine Tragödie zu halten, die uns zumindest so berühren müsse wie der Tod eines oder einer nahen Verwandten. Dass immerhin eine, wenn auch knappe Mehrheit der Briten diesen Austritt ihres Landes aus der EU wollte, kümmert niemand. Die Bekenntnisse zu demokratischen Spielregeln erweisen sich als Lippenbekenntnisse. Und wer genau hinhört, erfährt auch, wessen Interessen diese Stimmungsmache dient: jenen der Wirtschaftsunternehmen, die von den Abmachungen der EU profitieren.

Die Wahrheit ist doch: Die (west)europäischen Staaten haben auch vor der Gründung der EU, deren Vorläufer unmissverständlich EWG, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hieß, recht gut zusammengelebt. Dass das Vereinigte Königreich jetzt einen Krieg gegen Deutschland oder Frankreich beginnen werde, scheint wenig wahrscheinlich. Touristen haben es auch vor fünfzig Jahren nicht für ein unzumutbares Malheur gehalten, dass sie an der Grenze genauer kontrolliert wurden als in den Jahren der britischen EU-Mitgliedschaft, ohne Schengener Abkommen übrigens. Und auch jene europäischen und außereuropäischen Staaten, die nicht zur EU gehören, sind uns ja nicht unzugänglich oder gar feindselig gesinnt. Eine Reise in die Ukraine oder nach Kanada ist nicht wirklich umständlicher als eine Reise nach Frankreich oder, noch, nach England.

Die Wahrheit ist: Die Medien fürchten, dass das britische Beispiel Schule machen könnte. Denn die Geschichte hat genügend Beispiele dafür vorzuweisen, dass auch scheinbar stabile Staaten und Staatenbünde zerfallen können. Wenn in den aktuellen Nachrichten unisono von einem „historischen Tag“ die Rede ist, muss daran erinnert werden: Der Zerfall des Habsburger-Imperiums, der Sowjetunion, Jugoslawiens waren allesamt weit eher historische Ereignisse als der Austritt Großbritanniens aus der EU. Wir haben sie überlebt. Auch die EU muss nicht für alle Ewigkeit geschaffen sein. Das Politbüro könnte sich irren. Bis sich das herumgesprochen hat, werden die Medien stramm die Order befolgen. So ist das in der freien Welt.


Thomas Rothschild - 1. Februar 2020
2657

Der tägliche Schwachsinn

Der Schutz vor sexueller Belästigung macht gewaltige Fortschritte. Das ist gut so, und wenn Gerichte dabei Hilfestellung leisten, soll uns das recht sein. Wer aber schützt uns vor der Beleidigung unseres Verstands? Wann melden sich endlich jene Massen, die sich - #Me Too – die tägliche Vergewaltigung ihrer intellektuellen Integrität nicht mehr gefallen lassen wollen?

Ich schalte nur selten den Fernseher ein. Ab und zu aber gerate ich per Zufall in eine Sendung, deren Existenz mir bislang verborgen geblieben war. So dieser Tage Brisant im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seinen Dienst einst mit einem Bildungsauftrag angetreten hat und für den ich immerhin Gebühren bezahlen muss. Da wird berichtet, dass eine Pamela Anderson zum fünften Mal geheiratet hat. Ich weiß nicht, wer Pamela Anderson ist, und nach diesem Beitrag bin ich auch nicht besonders motiviert, mehr darüber zu erfahren. Offenbar aber ist sie so bedeutend, dass es von Relevanz für die Menschheit ist, wenn sie heiratet. Dazu hat auch eine wohl nicht weniger bedeutende „Society-Expertin“ namens Sibylle Weischenberg etwas zu sagen. Unter anderem dies: Sie habe schon lange nichts Schöneres gehört, als dass Pamela Anderso jetzt eine Beziehung auf Augenhöhe gefunden habe. Ihr fünfter Ehemann John Peters, wer immer das sein mag, wird ihr sagen: „Wir machen das jetzt so.“ Originalton Society-Expertin Weischenberg: „Gibt es etwas Schöneres als einen Mann, der sagt, ich sorge für dich (…) und sie muss sich nicht mehr überlegen, ob sie dritter Klasse fliegt oder erster Klasse. Für sie öffnet sich jetzt eine gesicherte Welt.“ Müssen wir uns solch einen Schwachsinn wirklich gefallen lassen? Und was sagen die echten Me Too-Aktivistinnen dazu, dass es als das denkbar Schönste angepriesen wird, wenn man sich eine „gesicherte Welt“ in der ersten Klasse erheiratet hat? Ist der Weg zum Filmproduzenten so weit, der von einer Schauspielerin verlangt, dass sie sich auf die Couch legt, wenn sie eine Rolle bekommen möchte?

Der „gute John Peters“ ist, erklärt uns Sibylle Weischenberg, „bingo“. Er ist reich „und kann für sie sorgen". Was will man mehr. Wer sich nicht so gut verkauft wie Pamela Anderson hat Pech gehabt. Sie wird in Brisant nicht vorkommen. Und wir dürfen wieder darüber diskutieren, ob zu viel Aufhebens gemacht wird um Greta Thunberg.


Thomas Rothschild - 23. Januar 2020 (2)
2656

Zum Lachen

Ein Museum zum Lachen: das gab es bisher nur in Montréal. Sein Name war Just for Laughs Museum. 17 Jahre lang zog es Besucher an. Ausgestattet mit den Erkenntnissen der Museumspädagogik und einem ungehemmten Bekenntnis zum Vergnügen, hat man da einen Rundgang konzipiert, der den Besucher mit den Erscheinungsformen des Humors konfrontierte. Die da wären: die komische Geschichte, der Witz, die Farce, die Groteske, das Lächerliche, die Parodie, die Ironie, die Satire, der Zynismus, das Anstößige, der schwarze Humor und der Nonsens.

Das wurde aber nicht akademisch abgehandelt, sondern an mit viel ausstellungsspezifischer Phantasie, unter Ausnützung neuester technischer Möglichkeiten präsentierten Beispielen erfahrbar gemacht. Die diversen Medien vom Theater über das Hörspiel bis zum Film kamen vor, ihre Geschichte ebenso wie ihre Gegenwart. Und wer wollte, konnte vor einer Blue Box Witze erzählen. Publikum und Hintergrund wurden dazugemischt, und am Ende erhielt der blutige Laie eine Videokassette, auf der er als Profi der Standup Comedy reüssierte.

Das Just for Laughs Museum hat vor 9 Jahren seine Pforten geschlossen. Unserer Gegenwart ist nicht zum Lachen zumute.

Thomas Rothschild - 15. Januar 2020
2655

Manipulierte Wahrheit

Als Hermann Gremliza kürzlich starb, bescheinigten ihm Nachrufschreiber, die ihn zu Lebzeiten geflissentlich übersehen hatten – welche Talkshow, die jeden Trottel für intellektuell satisfaktionsfähig hält, hat ihn zuletzt eingeladen? –, dass er als einer der brillantesten Stilisten im deutschen Journalismus zu gelten habe. Für seine Argumente fiel ihnen nicht viel mehr ein, als dass er ein „Vereinfacher“ gewesen sei. Belege blieben sie schuldig. Auf Inhalte wollten sie sich gar nicht erst einlassen.

Die gleiche Doppelstrategie leistete auch ihre Dienste, als Peter Handke der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Selbst die Verteidiger des Schriftstellers zogen sich auf den Standpunkt zurück, dass Handke als Literat ausgezeichnet werde und seine politischen Äußerungen nichts damit zu tun hätten. Dass diese verwerflich seien, galt als ausgemacht. Die verordnete Einheitsmeinung zur Zerschlagung Jugoslawiens durfte nicht hinterfragt werden.

Jetzt hat es Daniela Dahn gewagt, sich diesem Konformismus entgegen zu stellen, und es lässt sich ahnen, dass sie dafür Prügel beziehen wird. Eins aber darf man verlangen: dass niemand, der als halbwegs redlich gelten will, Handke künftighin moralisch attackieren darf, der die von Daniela Dahn aufgelisteten Fakten nicht widerlegen kann. Sie sind auf ossietzky.net nachlesbar. Für Unkenntnis gibt es ab sofort keine Entschuldigung.

Thomas Rothschild - 9. Januar 2020
2654

Der edle Ritter

Es vergeht keine Woche, in der nicht ein neuer Hinweis darauf an die Öffentlichkeit gelangte, dass S21 [Stuttgart 21, lt. Wikipedia das "Verkehrs- und Städtebauprojekt zur Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart"] eine kriminelle, von Anfang an mit Lügen und Betrug eingeleitete Aktion ist, deren von der Allgemeinheit zu bezahlende Kosten die schlimmsten Befürchtungen seiner Kritiker bei weitem übersteigt. Cem Özdemir, der einst zu den Kritikern gehört hat, qualifiziert sich nach dem Vorbild des baden-württembergischen Ministerpräsidenten für höhere Ämter, indem er Resignation als politische Vernunft ausgibt. In einem Untersuchungsausschuss, dessen Vorsitzender er war, erklärte er: „Jetz' isch die Katz dr Baum nauf.“

Wenn's nur die Katzen und die Bäume wären. Der edle Ritter Özdemir forderte auch von den S21-Befürwortern eine Entschuldigung: „Es würde den Projekttreibern von damals gut zu Gesicht stehen, wenn von ihnen jetzt ein 'mea culpa' käme.“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ladendiebe, haltet euch an Özdemir. Wenn ihr erwischt werdet, entschuldigt euch. Das stünde euch gut zu Gesicht. Die gestohlene Ware könnt ihr behalten. Özdemirs Parteifreund Winfried Hermann ergänzte: „Wir geben einen Haufen Geld aus und versenken einen Bahnhof und haben dadurch keinen Vorteil.“ Er hat vergessen, zu erwähnen, wer „wir“ ist, nämlich der Steuerzahler, also ich und du. Die Forderung, die Politiker mit mehr Sinn für Gerechtigkeit als für die Satisfaktionsfähigkeit von Betrügern erheben müssten, lautet: Pfändet die Verantwortlichen und lasst ihnen gerade so viel, wie der Ärmste unter diesen Steuerzahlern besitzt. Wenn sie ihre BMWs und ihre Villen behalten dürfen, erkläre man dem Ladendieb, warum er, „mea culpa“ hin oder her, die geklaute Zahnpaste zurückgeben muss. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Außer den Katzen auf dem Baum.

Winfried Kretschmann, der Lehnsherr des edlen Ritters, hat Cem Özdemir als möglichen Kanzlerkandidat der Grünen ins Gespräch gebracht. Das sollte nicht überraschen. Özdemir passt exakt in eine politische Landschaft, in der sein österreichischer Kollege eine Regierungskoalition eingeht mit jenem weit rechts stehenden Bundeskanzler, der eben noch schwadroniert hat, wie gut er mit der FPÖ und deren Ex-Chef Strache, der nicht weniger kriminell ist als S21, was aber niemanden zu scheren scheint, zusammengearbeitet hat. Gibt es noch irgendetwas, was die Grünen von der Versuchung, an der Macht Anteil zu haben, zurückhalten könnte? Gibt es noch irgendeinen Grundsatz, den preiszugeben sie sich weigern würden? Na ja, vielleicht so lange die Katze noch nicht auf dem Baum ist.


Thomas Rothschild - 6. Januar 2020
2653

Anerkannt

Lautstark haben Politiker und ihre Gefolgschaft einer bestimmten Couleur gefordert, dass Asylsuchende Deutschkurse zu besuchen und eine Prüfung ihrer Sprachkenntnisse zu bestehen hätten. Vielleicht wäre es sinnvoll, solch eine Prüfung erst einmal für deutsche Journalisten einzuführen. Der Deutschlandfunk meldete am 18. Dezember: „Die Verleihung des Sacharow-Preises an den chinesisch-uigurischen Regierungskritiker Ilham Tohti sei ein starkes Zeichen, dass die Menschenrechtsverletzungen anerkannt würden.“

Deutschland hat Kroatien 1992 (als unabhängigen Staat) anerkannt, die DDR hingegen wurde zunächst von vielen Staaten nicht anerkannt. Aber Menschenrechtsverletzungen? Wir wissen schon, was gemeint ist: nämlich dass die Repressionen gegen die muslimische Minderheit der Uiguren durch China als Menschenrechtsverletzung anerkannt würde. Warum sagt man es dann nicht so? Dass die Frage von juristischer und politischer Bedeutung ist, erkennt man an den Debatten über die „Anerkennung“ des Begriffs „Genozid“ für diverse historische oder auch künftige Massentötungen. Die Sprach- und Sinnverletzungen durch den von Medienkritikern anerkannten Deutschlandfunk sollten nicht anerkannt werden. Dass man sie als solche kennzeichnet, verdiente Anerkennung.

Thomas Rothschild - 18. Dezember 2019
2652

Gute Idee

Vor ein paar Jahren verrieten uns die Salzburger Festspiele ein bemerkenswertes historisches Detail: „Für das Zustandekommen des Jedermann bat die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde Anfang Juli 1920 die Landesregierung um die kostenlose Bereitstellung von Bauholz für die Festspielbühne in der Felsenreitschule. Um das Projekt zu ermöglichen, verzichtete sie zugunsten von Invaliden, Kriegswaisen und Kriegsgefangenen auf den erwarteten Reingewinn, ebenso wie Max Reinhardt, der Ausstatter Alfred Roller und die Schauspieler auf ihre Gagen sowie Hugo von Hofmannsthal und die Komponisten Einar Nilson und Bernhard Paumgartner auf ihre Tantiemen.“

Wie wäre es, wenn man diesem Beispiel zum hundertjährigen Jubiläum folgte? Invaliden, Kriegswaisen und Kriegsgefangene gab es ja nicht nur im Ersten Weltkrieg und gibt es nicht nur in Mitteleuropa. Wenn der Regisseur, der Ausstatter und die Schauspieler auf ihre Gagen verzichteten (die Erben Hofmannsthals bekommen ohnedies keine Tantiemen, weil der mehr als 70 Jahre tot ist), vor allem aber den Kartenbüros der Aufschlag von 30 bis 40 Prozent und mehr untersagt würden, die sie auf jede verkaufte Karte erheben – und die meisten Karten zum beliebten Jedermann teilen sie, erpresserisch, überhaupt nur Käufern von Karten zu weiteren Aufführungen zu –, käme schon ein ganz schöner Batzen zusammen. Das wäre einmal eine echte pazifistische Anstrengung anstelle von lautstarkem Selbstlob.

Thomas Rothschild - 17. Dezember 2019
2651

Von der Lust des Dienens

Bertolt Brecht hat es in seinem Einheitsfrontlied eindringlich formuliert:

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
drum hat er Stiefel ins Gesicht nicht gern.
Er will unter sich keinen Sklaven sehn
und über sich keinen Herrn.“


Aber Brechts Verse sind ein Wunsch, kein Befund. Die Wahrheit ist: der Großteil der Menschen will über sich einen Herren sehen und unter sich Sklaven. Er will eine übersichtliche Ordnung des Dienens und des Bedientwerdens. Das hat der Kapitalismus mit durchschlagendem Erfolg in den Köpfen angerichtet: dass es als richtig akzeptiert wird, dass jene, die das Geld und (somit) die Macht haben, auch befehlen sollen und man ihnen zu gehorchen habe.

Und weil die meisten Menschen buckeln müssen, treten sie, wo und wenn ihnen dazu Gelegenheit geboten wird. An den Sklaven kompensieren sie die permanente und verdrängte Demütigung durch die Herren. Die selben Männer und Frauen, die sich vor Unterwürfigkeit überschlagen, wenn sie zum Chef beordert werden, kennen weder „bitte“ noch „danke“, wenn sie Dienstleistungen einfordern, auf die sie Anspruch zu haben meinen. Die selben rückgratlosen Redakteure, die sich den unsinnigsten Anweisungen der Chefredaktion beugen, spielen sich gegenüber freien Mitarbeitern wie Duodezfürsten auf. Die dümmsten Lehrer, die dem Schulleiter nicht zu widersprechen wagen, schikanieren die wehrlosen Schüler. Man beobachte nur, mit welcher Arroganz sich Touristen am Urlaubsort echauffieren, wenn nicht gleich ein „Hoteldiener“ zur Stelle ist, um ihren Koffer aufs Zimmer zu tragen, wenn ein Kellner nicht gleich angelaufen kommt oder sich einmal bei der Bestellung irrt. Man höre und sehe, wie sich diese subalternen Herrendarsteller am Ort oder danach auf den diversen Hotelportalen gebärden, als seien andere Menschen nur dazu da, für ihre Bequemlichkeit zu sorgen.

Die selben Duckmäuser, die gegen den eigenen Vorgesetzten nicht die Stimme erheben, finden es in Ordnung, dass viele nicht sehr angesehene, jedenfalls unangenehme und schlecht bezahlte Berufe so gut wie ausschließlich von Ausländern ausgeübt werden, den Sklaven unserer modernen Kolonialgesellschaft. "Er will unter sich keinen Sklaven sehn" – es sei denn es handelte sich um den marokkanischen Müllarbeiter, um die türkische Klofrau, um die polnische Altenpflegerin. Er ist ihnen nicht einmal dafür dankbar, dass sie ihm Arbeiten abnehmen, für die er sich selbst zu vornehm dünkt, sondern verachtet sie insgeheim oder auch offen.

Bertolt Brecht hat sich den Menschen anders gewünscht. Kein Wunder, dass das Einheitsfrontlied nicht mehr gesungen wird. Ob die Spitzen der SPD, die sich einmal als Arbeiterpartei verstanden hat, wer immer sie sein mögen, es überhaupt noch kennen?

Die Arbeiterklasse, oder was an ihre Stelle getreten ist, wiederholt gegenüber der Bourgeoisie, was ihr das Bürgertum nach 1848 gegenüber der Aristokratie vorgemacht hat. In Österreich wurde nach dem Ende des Kaiserreichs das Adelsprädikat abgeschafft. Das hat nichts daran geändert, dass die Nachkommen der Adeligen bis heute im diplomatischen Dienst und in den führenden Positionen überrepräsentiert sind. Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel pflegte Herrn von Württemberg mit „Königliche Hoheit“ anzusprechen, als lebten wir noch in der Monarchie. Hat er Stiefel im Gesicht nicht gern? Er leckt sie jedenfalls. Als Lektion in Sachen Demokratie.

Thomas Rothschild - 11. Dezember 2019
2650

Achtung Schwule

Im Prospekt einer kalifornischen Kleinstadt inserieren 62 Hotels. Bildzeichen geben Auskunft über deren Ausstattung. 13 Hotels führen das Symbol an, das „gay clientele“ signalisiert.

Was soll das nun besagen? Dass Schwule geduldet werden? (Und in den Hotels ohne dieses Symbol somit nicht?) Dass Schwule bevorzugt werden? Dass das Haus meiden soll, wer es nicht mit der „gay clientele“ teilen möchte?

Was hier als emanzipatorischer Fortschritt daherkommt, ist in Wahrheit eine zeitgenössische Form der Diskriminierung. Kein Hotel dieser Stadt würde es wagen, zu betonen, dass es farbige Kundschaft beherberge. Zu deutlich würde dies die Normalität des Rassismus kennzeichnen. Warum eigentlich gibt es kein Piktogramm für „heterosexual clientele“? Ja warum wohl.

Thomas Rothschild - 4. Dezember 2019
2649

Schauspielerweisheiten

Die Ehrfurcht vor den vorgeblichen Weisheiten von Prominenten – und das sind in unserer Zeit in erster Linie Menschen, die im Fernsehen auftreten – ist nur selten begründet. Was sie „meinen“, hat in den wenigsten Fällen mehr Belang als die Äußerungen am Stammtisch. Das gilt grundsätzlich auch für Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie sind für die Erklärung der Welt nicht besser qualifiziert als der Milchmann und die Bäckerin an der Ecke. Man könnte sogar vermuten, dass sie das ständige Schlüpfen in Rollen von ihrem eigenen Ich und dem damit verbundenen eigenen Denken entfernt. Aber es gibt Ausnahmen, hochintelligente Theaterleute, die uns Dinge zu sagen haben, auf die wir hören sollten. Zwei solcher Aussprüche seien hier in Erinnerung gerufen, ehe sie in Vergessenheit geraten.

In einem Interview sagte Ulrich Matthes einmal über das Vorlesen von Kleist: „Dieses Kataraktische, Vorwärtsdrängende, Hochmusikalische will aufbewahrt sein. Die Musik kann man aber nicht so in den Vordergrund stellen, dass die Prosa zwar schön fließt, man aber ihren Sinn nicht mehr versteht. Der Text will sowohl intellektuell als auch musikalisch durchdrungen sein. In einem zweiten Schritt geht es darum, in der hohen Emotion eine Art Verhaltenheit zu bewahren: Im Lesen muss man das Emotionale zurückhalten, um wiederum den Text nicht auszuliefern.“

In seinem Buch Nachdenken über Theater schrieb der große, vor fünf Jahren verstorbene Schauspieler Rolf Boysen: „Wir Heutigen müssen aufpassen, dass die krebsartig wuchernden optischen und akustischen Frohsinnsreize nicht alle anderen Bedürfnisse auffressen, dass dieser travestierte Optimismus, diese geschändete Lebensfreude und die nivellierte Erwartungshaltung nicht zur Null-Linie unseres gesellschaftlichen Koordinatensystems erklärt wird.“

Was ließe sich dem hinzufügen?


Thomas Rothschild – 27. November 2019
2648

Im Auge des Betrachters

Wenn jemand die Ansicht äußert, dass die Hungernden aus der Dritten Welt nach Europa kommen werden, um sich zu holen, was ihnen seit Jahrhunderten vorenthalten wird, und dass das nicht ohne Gewalt abgehen wird – sagt er dann, dass man diese Menschen bekämpfen, sie gar ausrotten muss? Wenn jemand behauptet, Intelligenz sei nicht nur durch das Milieu, sondern auch durch die Geburt determiniert, sie sei nicht allein ein soziales, sondern auch ein genetisches Produkt – sagt er dann, Begabte müssten belohnt und gefördert werden? Nichts dergleichen sagt er. Aber es wird ihm von rechtschaffenen Kritikern unterstellt. Man verdächtigt mit jenen, die dazu Anlass geben, gleich auch die Unschuldigen mit. Wer vor der voraussehbaren Gewalt angesichts der globalen Ungerechtigkeit warnt, könnte ja ebenso gut dazu auffordern wollen, den Unterprivilegierten zu helfen, um der Gewalt zuvorzukommen. Wer die Ungleichheit der Erbanlagen betont, könnte ja wünschen, dass man gerade jenen, die von Geburt aus benachteiligt sind, ausgleichende Unterstützung gewährt. Zu einer Zeit, als dafür mehr Sensibilität vorhanden war, nannte man das „kompensatorische Erziehung“.

Wenn den Prognostikern einer bevorstehenden Völkerwanderung reflexartig die Befürwortung von Abwehrgewalt, wenn den Vertretern der Ansicht, die Gene seien mächtiger, als gemeinhin angenommen, bedingungslos Sozialdarwinismus angelastet wird, dann liegt das nicht an deren Äußerungen, sondern im Auge des Betrachters. Er projiziert seine Befürchtungen, die durchaus ihre Gründe haben, in sein Gegenüber und vernimmt Schlussfolgerungen, die nicht notwendig impliziert sind.

Ideologieverdacht ist berechtigt und notwendig. Aber man sollte schon genau hinhören und, ehe man Böses vermutet, nachfragen, wenn jemand eine These oder eine Diagnose aufstellt. Was ergibt sich daraus? „Wie handelt man/ Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?“, heißt es im Gedicht Der Zweifler von Bertolt Brecht.


Thomas Rothschild - 19. November 2019 (2)
2647

Salzburg vs. Stuttgart

Bei den Salzburger Festspielen war im vergangenen Sommer eine Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart zu sehen: Die Empörten von Theresia Walser. Im Januar 2020 sollte die Stuttgarter Premiere stattfinden. Daraus wird jetzt nichts. Der Intendant und Regisseur der Inszenierung Burkhard C. Kosminski hat sie „aus dispositorischen und künstlerischen Gründen“ abgesagt. Eine vertraute Phrase.

Die Stuttgarter Zeitung wollte es genauer wissen. Auf Nachfrage von dessen Theaterkritiker erklärte Kosminski: „Ich wollte mit dem Team weiter an der Inszenierung arbeiten, aber eine längere Probenphase ließ sich wegen den eng getakteten Dispositionen sowohl hier im Haus als auch bei den auswärtigen Gastspielern nicht realisieren.“ Die „auswärtigen Gastspieler“ sind Prominente der gegenwärtigen Theater- und Fernsehszene: Caroline Peters und André Jung. Sie wären für Stuttgart eine Attraktion, um nicht zu sagen: eine Sensation, gewesen.

Wenn Kosminski die Wahrheit sagt, bedeutet das im Klartext: bei den hochdotierten Salzburger Festspielen werden Inszenierungen gezeigt, die nicht fertig sind, die „eine längere Probenphase“ benötigen, um ins Repertoire eines (mitfinanzierenden) Staatstheaters übernommen werden zu können. Wenn es sich um eine Ausrede handelt – mit taktischen Winkelzügen dieser Art muss man bei Presseverlautbarungen rechnen –, fällt zunächst deren Termin auf: ein Vierteljahr nach der Salzburger Uraufführung (war die Notwendigkeit zusätzlicher Proben und deren Nicht-Realisierbarkeit nicht früher erkennbar?) und exakt vier Tage, nachdem Caroline Peters als die neue Buhlschaft im unverzichtbaren Jedermann vorgestellt wurde. Es drängt sich der Verdacht auf, dass in diesem Fall die Termine dem vielbeschäftigten Star über den Kopf gewachsen sind, dass es Caroline Peters war, die ihre Arbeit in Salzburg nicht mir einer „längeren Probephase“ in Stuttgart vereinbaren konnte oder wollte. Ihre Entscheidung hieße dann: Buhlschaft statt Anti-AfD-Stück. Das wäre zwar menschlich verständlich, aber wie man früher gesagt hätte: es gehört sich nicht. Pacta sunt servanda – auch wenn attraktive Angebote ihnen in die Quere kommen. Hoffen wir, dass unser Verdacht ungerecht ist.

Als Fazit jedenfalls bleibt: entweder wurden die Besucher der Salzburger Festspiele um eine hinreichend geprobte oder die Stuttgarter um die ganze Inszenierung betrogen. Tertium non datur.

Für die Stuttgarter ist das umso trauriger, als ihnen mit Caroline Peters und Theresia Walsers Auftragsarbeit auch der unvergleichliche André Jung vorenthalten wird, der am Ort bei jedem Gastspiel zu Recht umjubelt wurde.


Thomas Rothschild - 13. November 2019
2646

Klimakrise

Alle reden von der Klimakrise. Das Wort führt in die Irre. Eine Krise geht vorüber. Sie kann überwunden werden oder wird, jedenfalls nach Ansicht einflussreicher Theoretiker, automatisch abgelöst von einem Aufschwung und einer neuen Konjunktur. Das Klima auf unserer Erde aber befindet sich nicht in einer vorübergehenden Krise, sondern in einem irreversiblen Prozess. Die Katastrophe ist bereits eingetreten, und sie kann allenfalls gebremst werden. Für eine Krise ist das zu wenig.

Genau das will das Wort „Klimakrise“ verschleiern. Es sind insbesondere die Politiker, die diese Verschleierung betreiben. Indem sie tun, als handle es sich bei der Erderwärmung, beim Abschmelzen der Gletscher, beim Anstieg des Meeresspiegels, beim Aussterben von Tierarten, bei der Austrocknung von Landstrichen, bei der Zunahme von Unwetterkatastrophen, Hochwasser, Waldbränden und Orkanen um eine überwindbare Krise, bieten sie sich selbst als Retter in der Not an. Was sie Klimakrise nennen statt korrekt Klimakatastrophe, dient ihnen lediglich zur Wahlwerbung. Wer ihnen mit seiner Stimme Macht verleiht, soll sich in der Illusion wiegen, er hätte das Ende der Krise beschleunigt.

Die Propheten der „Klimakrise“ fügen daher stets an, was „wir“ tun müssen, um sie zu beenden. Was sie verschweigen, ist der wahre Grund für die Verhinderung längst fälliger Gegenmaßnahmen: dass es nämlich mächtige Institutionen gibt, deren Interessen den erforderlichen Schritten entgegenstehen. Was man heute Klimakrise nennt, ist ja keine neue Entdeckung. Robert Jungk und andere haben schon vor einem halben Jahrhundert davor gewarnt. Damals wollte man nicht auf sie hören, hat sie eher als Spinner abgetan. Und diese Einstellung wurde massiv gefördert von jenen, die an der Entwicklung, deren Folgen wir heute drastisch zu spüren bekommen, in ungeheurem Ausmaß verdient haben und weiterhin verdienen. Optimisten sagen, auch sie würden zu einer besseren Einsicht gelangen, wenn ihnen klar würde, dass sie die Zukunft ihrer Kinder und Enkel aufs Spiel setzen. Weit gefehlt. Die Geld- und Machtgier kennt keine Skrupel. Sie opfert auch die eigenen Nachkommen. Zur Not hilft dabei die Verdrängung. Man nimmt die Folgen einfach nicht zur Kenntnis, wenn die Aktienkurse steigen.

Die Klimakatastrophe ist nicht nur eingetreten, sie ist bereits weit fortgeschritten. Sie wird nicht durch guten Willen zu verzögern sein. Dafür ist eine Veränderung der Machtverhältnisse nötig. Wer behauptet, er wolle die „Klimakrise“ bekämpfen, aber nicht jene beim Namen nennt, deren Interessen diesem Kampf entgegenstehen, nicht selten sogar, egal ob Konservativer, Liberaler, Sozialdemokrat oder Grüner, deren Geschäft betreibt, ist ein Betrüger. Sie sind, wie bei Ray Bradbury, Feuerwehrleute, die Brände legen. Den Profiteuren der Klimazerstörung muss ebenso in den Arm gefallen werden wie den Waffenproduzenten und Kriegsgewinnlern. Bekanntlich haben die nicht mit allzuviel Widerstand zu rechnen. Das macht in Bezug auf die „Klimakrise“ wenig Hoffnung.

Thomas Rothschild - 10. November 2019
2645

Wie soll man leben?

Wie soll man leben? Gibt es noch eine verbindliche Moral? Gibt es Regeln, Grundsätze für den Umgang im sozialen Gefüge, auf die wir uns unter zivilisierten Menschen verständigen können, oder müssen wir uns auf den Kampf jedes gegen jeden, auf den Wildwuchs im Umgang mit dem Nachbarn einstellen?

Kants kategorischer Imperativ, wonach man nur nach derjenigen Maxime handeln solle, von der man zugleich wollen könne, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, ist immer noch eine brauchbare Verhaltensvorschrift. Hielten sich alle daran, sähe es auf der Welt friedlicher aus.

Der keineswegs heroische Arzt Doktor Reumann in Arthur Schnitzlers Einsamem Weg verzichtet auf einen Ruf nach Graz, weil es ihm peinlich wäre, "irgend einen Vorteil dem Malheur eines andern zu verdanken". Der ihm vorgezogene Kandidat war verunglückt. Reumann will auch nicht bei der Frau, die er liebt, vom voraussehbaren Tod seines Patienten profitieren, den diese junge Frau wiederum liebt.

Die Haltung des Doktor Reumann könnte auch sehr gut als Vorbild für das eigene Verhalten dienen. Hätten sich alle Menschen zu jeder Zeit an den Grundsatz gehalten, dass sie keinen Vorteil dem Malheur eines anderen verdanken wollen, dann hätten keine unbescholtenen Bürger die Wohnungen ihrer jüdischen Nachbarn ausgeräumt, als diese deportiert wurden; dann hätten die Angehörigen der Völker im ehemaligen Jugoslawien nicht die Höfe derer übernommen, die fliehen mussten; dann würden Börsenspekulanten keine Aktien kaufen, deren Wert nur deshalb gestiegen ist, weil Tausende Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden; dann würde sich niemand um ein Amt oder einen Posten bewerben, dessen Inhaber ungerechterweise von diesem vertrieben wurde; dann würde sich niemand über „Schnäppchen“ freuen, die bei einem anderen verpfändet wurden oder die dieser zu einem niedrigen Preis verschleudern musste, um seine Miete bezahlen zu können.

Kurz: würde jeder auf jeden Vorteil verzichten, der auf dem Unglück eines anderen beruht, sähe die Welt besser aus.

Thomas Rothschild - 29. Oktober 2019
2644

Klassengesellschaft

Es gibt keine Klassengesellschaft mehr! Wer dieses Märchen glaubt, ist eingeladen, einmal eine Stunde im Café Dommayer in Hietzing, dem westlichen Nobelbezirk Wiens, und eine Stunde im Café Dreivierteltakt in der Praterstraße, drüben im 2. Gemeindebezirk, jenseits des Donaukanals, zu verbringen. Beobachten Sie die Menschen, die dort verkehren, ihre Kleidung, ihre Körperhaltung, ihre Umgangsformen, ihre Sprache. Hier, im Dommayer, sitzen jene, die nicht arbeiten müssen, dort, im Dreivierteltakt, jene, die nicht arbeiten dürfen. Hier die höheren Töchter, die erkennbar mehrere Stunden täglich vor dem Kosmetikspiegel oder beim Friseur verbringen, und die Herren Söhne, die die Börsenkurse studieren, dort im Dreivierteltakt die Randexistenzen, die sich keinen Zahnersatz leisten können und die Camouflage des Alkoholismus nicht beherrschen, wenn sie ihre Arbeitslosenunterstützung für ein Achterl oder einen Spritzer verplempern. Die „besseren Leut'“ in Hietzing haben keine Hemmungen, ihren Wohlstand zur Schau zu tragen, und die Verachtung für das „gemeine Volk“ steht ihnen und schon ihren wohlerzogenen Kindern, die sich am Kuchenbuffet die besten Stückchen auswählen, ins Gesicht geschrieben. Die pietistische Zurückhaltung der Schwaben, denen es als anstößig gilt, seinen Reichtum zu demonstrieren, ist ihnen fremd.

Sie begegnen einander selten, die Kunden des Café Dommayer und die Kunden des Café Dreivierteltakt. Die Innenstadt mit ihren Touristen hält sie auseinander. Die wiederum sehen nur den Stephansturm und die Hofburg, und wenn sie einen Kaffee trinken wollen, gehen sie weder ins Dommayer, noch ins Dreivierteltakt, sondern in den neutralen Bräunerhof, ins museale Café Central oder ins vom vergangenen Ruhm zehrende Hawelka. Und sie kehren heim zum Jungfernstieg, nicht nach St. Pauli, schwärmen von Wien und von der klassenlosen Gesellschaft.

Es muss übrigens noch nicht einmal Hietzing und die Leopoldstadt sein. Wer die Bezirksgrenzen zwischen der Josefstadt und Ottakring oder zwischen Wieden und Favoriten überschreitet, durchbricht einen „Eisernen Vorhang“ ökonomischer und sozialer Art wie einst an der slowakischen oder an der ungarischen Grenze den politischen. Das „Rote Wien“, das gegen diese Trennung anzukämpfen versuchte, ist nur noch eine Legende wie der „Melting Pot New York“.

Thomas Rothschild - 16. Oktober 2019
2643

Proll

Die Kritik an bestimmten Sprachverwendungen und die Forderung von Verboten schlagen zuweilen kuriose Volten. Gegen ein Wort aber, das zurzeit Konjunktur hat, haben die Sprachpolizisten nichts einzuwenden: gegen das Wort „Proll“. Es ist eine Kurzform von „Prolet“ und wird, wie dieses gelegentlich, ausschließlich abwertend gebraucht (siehe den erhellenden Artikel von Susann Witt-Stahl).

Bertolt Brecht dichtete: „Und weil der Prolet ein Prolet ist,/ drum wird ihn kein anderer befrein,/ es kann die Befreiung der Arbeiter/ nur das Werk der Arbeiter sein.“ „Prolet“ – das klingt bei Brecht und in seiner Zeit stolz. Dass man sein Selbstbewusstsein daraus bezieht, zur Arbeiterklasse zu gehören und seinen Lohn mit ehrlicher Arbeit statt mit Ausbeutung und Spekulation zu verdienen, ist eine vergessene Tugend. Wenn man aber nicht mehr auf seine Klassenzugehörigkeit stolz sein kann, ist man es auf seine nationale Zugehörigkeit. In Kontrast zu Brechts Lob des Proleten schrieb Carl Sternheim etwa mit sarkastischem Spott über den Bürger Schippel.

Mittlerweile hat die Bewertung des Bürgerlichen eine radikale Wandlung erfahren. Es ist im allgemeinen Verständnis etwas Positives. Seine Meriten anzuzweifeln, gilt als Frevel. Dass die Grünen, allen voran ihr konservatives Aushängeschild Winfried Kretschmann, sich rühmen, in der bürgerlichen Mitte angekommen zu sein, vermag kaum noch zu verwundern. Dass aber auch der Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier der AfD attestiert, sie sei „antibürgerlich“ und das nicht etwa positiv, sondern als Vorwurf wertet, ist, ob er mit dieser Ansicht nun recht hat oder nicht, verräterisch. Was, wenn nicht die Gegnerschaft zur Bourgeoisie, wäre die Raison d'Être der Sozialdemokratie gewesen?

Als Kevin Kühnert den waghalsigen Versuch machte, eine Möglichkeit anzuregen, die das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vorsieht, nämlich die zwangsweise Kollektivierung („Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden“), beschied ihm Andrea Nahles, die immer noch als halbwegs Linke galt und inzwischen das Handtuch geworfen hat, man könne richtige Fragen stellen und trotzdem falsche Antworten geben, sie aber finde Kühnerts Antworten falsch. Sie hat sich, in Übereinstimmung mit den Granden und den reaktionärsten Proponenten ihrer Partei, gegen den Hauch einer sozialistischen Erwägung ausgesprochen. Sie hat sich für das Bürgerliche entschieden. Es hat ihr nicht genützt. Aber in der Sache standen die Sachwalter ihrer Partei schon hinter ihr. Man ist doch schließlich kein Proll.

Thomas Rothschild - 9. Oktober 2019
2642

 



 
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