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Fellner & Helmer

Die Formel von Architektur als erstarrter Musik stammt von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Sie wurde von zahlreichen Autoren, dem unvermeidlichen Goethe inbegriffen, wiederholt und abgewandelt zu „Architektur ist gefrorene Musik“ oder „Architektur ist zu Stein gewordene Musik“. Mit zumindest der gleichen Berechtigung ließe sich sagen: „Architektur ist zu Stein gewordene Geschichte“. Und für die österreichisch-ungarische Monarchie in ihrem Endstadium ließe sich ergänzen: Ihre Chronisten sind Ferdinand Fellner und Hermann Helmer.

Die Bauten, die das Büro Fellner & Helmer zwischen 1873 und 1919 entworfen hat, sind durchweg Repräsentationen des bürgerlichen Selbstbewusstseins. Auf sein Konto gehen zahllose Theaterhäuser im Einzugsgebiet der Monarchie und darüber hinaus – in Augsburg, in Wiesbaden, in Hamburg, in Zürich oder in Odessa. Darüber hinaus konzipierten Fellner & Helmer, die gerade eine Generation älter waren als Adolf Loos Kaufhäuser wie das Gerngross in der Wiener Mariahilfer Straße, Hotels wie das Pupp in Karlsbad, aber auch Mietshäuser.

Was die Bauten von Fellner & Helmer auszeichnet ist die Barockisierung, ein Anachronismus (mit Ernst Bloch könnte man sagen: eine Ungleichzeitigkeit) von aussagekräftiger Bedeutung. Er demonstriert den dringlichen Wunsch der aufgestiegenen Bourgeoisie, es dem Adel gleichzutun. Was, wenn nicht der Barock, stünde für die Aristokratie, führte zurück in deren Geschichte. Indem die Bauten des Bürgertums mit Fassaden von Schlössern und Palästen verkleidet wurden, erhob das Bürgertum ganz ohne siegreiche Revolution den Anspruch, die Position des Adels einzunehmen. Und es hat sie bis heute bewahrt. Theatergebäude und Hotels, Banken und Versicherungen, Museumsgebäude und Börsen zeugen als zu Stein gewordene Geschichte, die sich in die Gegenwart fortsetzt, davon. So gesehen sind das Landestheater in Salzburg, das Opernhaus in Zürich, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, Copyright Fellner & Helmer, über all das hinaus, was in ihnen passiert, symbolische Monumente eines Bürgertums, das sich, barockisiert, an einer Vergangenheit orientiert, die dem Adel gehört. Die Architektur von Fellner & Helmer verewigt die subalterne Bewunderung des Bürgertums für jene Klasse, die es 1848 ohne Fortune bekämpft hatte und deren Werte es nun zusammen mit der Verachtung für das Proletariat kritiklos übernahm. Und eine arrivierte Sozialdemokratie, die „in der Mitte angekommenen“ Grünen wiederholen das beschämende historische Muster. Nicht die Opfer, sondern die Nutznießer der an die Macht gelangten Bourgeoisie liefern ihnen in allen Bereichen des Lebens das Modell. Es fehlen ihnen nur Architekten vom Rang eines Fellner und eines Helmer.

Thomas Rothschild - 22. September 2020
2698

Fragen, die ich mich nicht zu stellen traue

Sie sind doch ein schöner Mensch – Warum verunstalten Sie Ihren Körper durch Tätowierungen?

Sie sind doch ein intelligenter Mensch – Warum wählen Sie Politiker, die weniger intelligent sind als Sie?

Sie sind doch ein Arzt – Warum beten Sie zu Gott um Gesundheit?

Sie sind doch tolerant – Warum finden Sie es erwähnenswert, dass jemand homosexuell ist?

Sie finden doch viele Menschen unausstehlich – Warum glauben Sie, dass ausgerechnet Ihre Mutter, Ihr Vater, Ihre Tochter, Ihr Sohn liebenswert sind?

Sie sind doch kein Nationalist – Warum bejubeln Sie jeden Sieg einer deutschen Fußballmannschaft und nicht ein schönes Spiel, in dem die Deutschen besiegt werden?

Sie wollen doch, dass Ihre Privatsphäre respektiert wird – Warum nötigen Sie in der S-Bahn alle Mitreisenden zur Wahrnehmung Ihrer Telefonate?

Sie können doch rechnen – Warum kaufen Sie sich einen Lottoschein?

Sie sind doch Christ – Warum lieben Sie Ihren muslimischen Nächsten weniger als sich selbst?

Sie wollen doch für Ihre Arbeit gerecht bezahlt und nicht durch ein Trinkgeld gedemütigt werden – Warum setzen Sie sich nicht dafür ein, dass das auch für andere gilt?

Sie lieben doch die Freiheit – Warum dulden Sie, dass andere in ihrer Freiheit eingeschränkt werden?

Sie wollen doch nicht ausgenutzt werden – Warum machen Sie sich zum unbezahlten Werbe-Träger, indem sie T-Shirts und Plastikbeutel mit Firmenaufdrucken herumtragen?

Sie wollen doch nicht belogen werden – Warum lügen Sie?

Sie sind doch um die Umwelt besorgt – Warum lassen Sie den Motor Ihres parkenden Autos laufen?

Sie mögen doch Licht und Sonne – Warum nehmen Sie es widerspruchslos hin, dass Ihnen Hochhäuser vor das Fenster gebaut werden?

Sie wünschen sich doch gesunde Kinder – Warum gehen Sie mit ihnen zu McDonald‘s?

Thomas Rothschild - 5. September 2020
2697

Nicht geklappt

Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann wollte, als er noch nicht Ministerpräsident war, Stuttgart 21 verhindern. Inzwischen beteiligt er sich an der Ausführung von Stuttgart 21, unbeeindruckt von Skandalen und steigenden Kosten. Immerhin kann er sich auf eine Volksabstimmung berufen, in der sich eine knappe Mehrheit für Stuttgart 21 entschieden hat.

Die grüne Bezirksvorsteherin von Stuttgart Mitte und Kandidatin für die Nachfolge des grünen Oberbürgermeisters Fritz Kuhn Veronika Kienzle beklagt, dass ein 60 Meter hoher Hotelturm vor die für ihre originelle Architektur vielfach gelobte Stadtbibliothek gebaut wird und die Sicht auf diese verstellt. Auch das Versprechen, dass der Neubau begrünt werde, wird nun nicht eingehalten.

Darüber hat es keine Volksabstimmung gegeben. Veronika Kienzle und ihre Parteifreunde haben keine Ausrede. Der Staatsbürger aber muss sich fragen, welchen Sinn eine repräsentative Demokratie haben soll, wenn die gewählten Vertreter nicht in der Lage sind, menschen- und umweltfeindliche Bauvorhaben zu verhindern und die Einhaltung von Versprechen durchzusetzen. Einmal mehr wird deutlich, dass nicht die Politik, sondern die Wirtschaft beschließt, was zu geschehen hat, und die gewählten Volksvertreter, egal von welcher Fraktion, jammern ein wenig, ehe sie auch dies abnicken.

Die Stuttgarter Nachrichten melden: „Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) macht aus ihrem Herzen dagegen keine Mördergrube: ‚Es ist einfach schade, dass man ein weltweit bekanntes Stadt- und Kulturgebäude nun nicht mehr sieht und das nun an Strahlkraft verloren hat.‘ Weiter meint die OB-Kandidatin: ‚Noch bedauerlicher ist es aus städtebaulicher Sicht, dass es mit der Begrünung des Gebäudes nicht geklappt hat.‘“

„Schade“ und „nicht geklappt“ sind, sorry, keine politischen Kategorien.

Bezirksvorsteherinnen und Oberbürgermeisterinnen werden gewählt, damit sie gegen Profitinteressen abwehren, was schade ist, und dafür sorgen, dass klappt, was im Vorfeld zur Genehmigung der Baupläne versprochen wurde. Ansonsten kann man auf Wahlen verzichten. Wem gehört die Stadt? hieß ein Film aus dem Jahr 1936. Ja, wem gehört sie? Hände über der Stadt hieß ein weiterer Film von 1963. Man sollte ihn vor den nächsten Wahlen ansehen. Damit man sich nicht dumm stellen kann, wenn jene an das Ruder kommen, die im Nachhinein bedauern, was schade ist und nicht geklappt hat.

Thomas Rothschild - 29. August 2020 (2)
2696

Gleiches Recht auf Ehrgeiz

Es gab ihn in jeder Schulklasse: den Streber. Das Wort ist kein generisches Maskulinum. Der Streber war tatsächlich männlich. Er war kein sympathischer Typ. In der gehobenen Sprache bezeichnete man ihn als Karrieristen. Carl Sternheim hat ihm in seiner Komödie Der Snob ein Denkmal gesetzt.

Wenn man den Typus von seinem negativen Image befreien wollte, nannte man ihn „ehrgeizig“. Ehrgeiz ist in unserer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft positiv konnotiert. Sympathischer werden ehrgeizige Männer freilich nicht, nur weil man sie nicht mehr Streber oder Karrieristen nennt. Sie bleiben die fiesen Aufsteiger vom Zuschnitt des Christian Maske, des Julien Sorel aus Stendhals Rot und Schwarz oder, ins Komische gewendet, von Nestroys Titus Feuerfuchs, und metaphorische, manchmal auch reale Leichen pflastern ihren Weg nach oben.

Im Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit freilich haben sich auch die Frauen das Privileg errungen, Streberinnen, Karrieristinnen oder eben ehrgeizig zu sein. Es gibt keine Spitzenposition in der Gesellschaft, die ihnen nicht erstrebenswert erschiene. Nur beim Militär halten sie sich noch zurück, aber auch auf diesem Gebiet gibt es eine Fraktion, die das gleiche Recht auf Töten fordert (auch wenn sie es so nicht ausspricht).

Ein Schritt voran in der Emanzipation. Fragt sich, ob die Welt bewohnbarer und angenehmer geworden ist, seit Frauen die Verhaltensmuster der Streber und Karrieristen übernommen haben. Und es erweist sich: wenn sie erst dort angekommen sind, wo sie hin wollten, eben oben – in der Politik, in der Wirtschaft, in den öffentlichen Einrichtungen –, verhalten sie sich nicht anders als ihre männlichen Vorbilder. Über Nacht erlernen sie die Lust am Befehlen und an der Inanspruchnahme von Vergünstigungen. Der Ehrgeiz hat seine eigenen Gesetze. Ihnen entzieht man sich, unabhängig vom Geschlecht, nicht. Die Grenzen zwischen Ehrgeiz, Erfolg und Kriminalität sind fließend. Sympathischer machen sie weder Mann noch Frau.

Ein Schritt voran in der Emanzipation? Wie kommt es, dass die Konjunktur von Ehrgeiz, Strebertum, Karrierismus bei vermeintlich und tatsächlich frauenfeindlichen Patriarchen auch dann Zuspruch findet, wenn Frauen an ihr teilhaben und sie befördern? Es ist ja nicht wahr, dass die „alten weißen Männer“ die Hauptfeinde der Streberinnen sind. Niemand bekämpft sie so verbissen wie die eigentlichen Konkurrentinnen, die anderen Streberinnen. Und wenn sie oben angekommen sind, treten sie nach unten wie ihre männlichen Vorbilder. Der Ehrgeiz lässt Solidarität oder gar Verzicht zugunsten anderer, bedürftigerer, begabterer Frauen nicht zu. Der eigene Ehrgeiz scheint ihnen eine Tugend. Der Ehrgeiz der anderen ist eine Gefährdung. Auch den Aufsteigerinnen und Karrieristinnen, den rücksichts- und skrupellosen Streberinnen hat die Literatur ein Denkmal gesetzt, etwa in Gestalt der Lady Macbeth oder von Gorkis Wassa Schelesnowa. Und in der Fernsehserie House of Cards agiert Claire Underwood auf Augenhöhe mit ihrem Ehemann und Vorgänger Francis Underwood. Sie kann ihm in Sachen Intrige und Gemeinheit das Wasser reichen.

Wenn nachgerechnet wird, wie hoch der Prozentsatz von Frauen in den Gremien der Unternehmen und Banken ist, wird nicht betont, wie wirksam demnach ihr Anteil an der Ausbeutung in einem ungerechten System ist. Vergessen wurde die sozialistische Frauenbewegung, die andere Ziele hatte als ein bürgerlicher Feminismus, der die Machtstellung einer Margaret Thatcher, einer Condoleeza Rice oder einer Angela Merkel als Sieg feiert. Ein Feminismus, der die Klassenfrage ausblendet, ist den Herrschenden willkommen. Er ist für sie keine wirkliche Gefahr. Eine Quote in den Chefetagen können sie aushalten. Das Ende der Klassengesellschaft, das die sozialistische Frauenbewegung ersehnt hat, nicht. Das freilich ist nicht durch eine geschlechtergerechte Verteilung ungerechter Privilegien, durch gleiches Recht auf widerwärtige Eigenschaften wie Karrierismus und Strebertum zu erreichen.


Thomas Rothschild - 20. August 2020
2695

Demut

Hermann Beil schrieb vor ein paar Jahren die folgenden Sätze:

„Es ist schon kurios, wenn unmittelbar nach der Premiere auf der Perner-Insel eine Zuschauerin vor der Fernsehkamera ‚etwas weniger Werktreue‘ einfordert. Seien wir doch ehrlich: Wer hat ‚Ödipus auf Kolonos‘ schon gesehen oder gar mehr als einmal gesehen? Jener Dame (nicht nur jener Dame!) würde ich gerne mit Arthur Schnitzler zurufen: ‚Des Kritikers erste Frage müsste sein: Was hast du mir zu sagen, Werk – ? Aber seine erste Regung ist vielmehr: Nun, Werk, gib acht, was ich dir zu sagen habe!‘ Den Begriff ‚Werk‘ möchte ich hier mit dem Begriff Aufführung gleichsetzen.“

Hermann Beil? Richtig: der unvergessene dramaturgische Partner Claus Peymanns über Jahrzehnte hinweg. Ihm haben wir einige der großen Abende des so genannten Regietheaters mit zu verdanken. Und ausgerechnet er plädiert für Werktreue?

Wir wollen hier nicht die sich im Kreis drehende, längst redundante Diskussion über den angeblichen Gegensatz von Texttreue und Regietheater erneut aufgreifen. Ein Theater ohne Regie gibt es ebenso wenig wie unrelativierte Texttreue. Es genügt, an die Thomas-Bernhard-Inszenierungen Peymanns zu erinnern, die Beil dramaturgisch überwacht hat: Sie waren allesamt hervorragende Exemplare des Regietheaters wie der Werktreue zugleich. Aber es fällt schon auf, dass einige älter gewordene Theatermacher, allen voran Peter Stein, aber eben auch Peymann und Beil, die einst eigenwillig und oft auch kritisch mit Vorlagen umgingen, sich heute sehr skrupulös an Schnitzlers Mahnung halten, das Werk zu befragen, was es ihnen zu sagen habe. Wenn wir die Dame, die Hermann Beil belauscht hat, freundlich interpretieren, dann meinte sie ja wohl, sie hätte sich von Peter Stein mehr Einfälle beim Umgang mit Sophokles gewünscht. Dass er, anders als in seiner Jugend, solche Einfälle zugunsten einer genauen Lektüre des Textes zurückgesteckt hat, kann man, wie die Dame, bedauern, oder, wie Beil, begrüßen.

Woran aber liegt es, dass Regisseure, wenn sie alt werden, die beschriebene Richtung einschlagen? Ein bedeutender Regisseur, der den umgekehrten Weg gegangen wäre, wird einem nicht leicht in den Sinn kommen. Die simple Erklärung, dass man im Alter konservativ werde, ist zu kurz gegriffen. Erstens ist etwa Peymann in seinen politischen Ansichten wohl weniger konservativ als die meisten seiner jüngeren Kollegen. Und zweitens ist nicht ausgemacht, dass ein Theater der krampfhaften Originalität progressiver ist als ein Theater, das sich eng an den Text hält.

Vielleicht muss man zur Erklärung ein Wort bemühen, das selbst den Ruch des Konservativen, ja des Unzeitgemäßen hat: Demut. Was Peter Stein und Claus Peymann und Hermann Beil und ein paar andere ihrer Generation auszeichnet, ist eine Demut vor dem Autor und seinem Werk, die junge Menschen nicht kennen. Es ist ihr Privileg, aufmüpfig zu sein, wie es Stein und Peymann in ihrer Jugend waren, mitsamt der Ungerechtigkeit, die solche Aufmüpfigkeit gelegentlich einschließt. Und wahrscheinlich bedarf es einer größeren künstlerischen wie Lebenserfahrung, um vor den Dramen eines Sophokles (zum Beispiel) in einer Weise zu erschaudern, die einen dazu motiviert, ihnen dienen zu wollen. In Demut. Ohne Profilneurose. Und ohne Rechthaberei gegenüber den Jungen. Denn deren Aufmüpfigkeit ist ein notwendiges Korrektiv, wenn die Demut zur Kleinmütigkeit zu regredieren droht.

Thomas Rothschild - 13. August 2020
2694

Richter ohne Richter

In der Stuttgarter Zeitung vom 06.08.2020 befragt deren Literaturredakteur Stefan Kister die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach Sandra Richter über die gegen sie erhobenen Vorwürfe [s. Karlsruhe, Marbach und überall]. In dem Interview heißt es unter anderem mit Bezug auf die vernachlässigte Präsenzpflicht:

„Was spricht eigentlich dagegen, nach Marbach zu ziehen?

In modernen Familien kommt es vor, dass beide Teile an verschiedenen Orten sind. Die gegenwärtige Lebenssituation ist sicher nicht auf Dauer angelegt, langfristig möchte ich mich in Richtung Süden verändern. Zurzeit geht das noch nicht. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Aber ich habe eine Zweitwohnung in nächster Nähe zum Archiv, in der sich gerade meine Kinder aufhalten, und hoffentlich nichts anstellen.“


Sandra Richter hatte von 2008 bis zum Amtsantritt in Marbach einen Lehrstuhl an der Universität Stuttgart inne. Das ist immerhin ein gutes Jahrzehnt. Stuttgart liegt 25 Kilometer von Marbach entfernt und ganz entschieden im Süden Deutschlands. Haben 12 Jahre nicht ausgereicht, um sich langfristig in Richtung Süden zu verändern? Und bleiben die Absenzen vom Dienst in Forschung und Lehre, ausgefallene Vorlesungen, Seminare und Sprechstunden ohne Folgen? Offenbar. Die beteiligt waren an Berufungen nach Stuttgart, Marbach oder sonst wo hin, haben kein großes Interesse daran, dass die Berufenen kritisiert werden. Dass sie diese gegenüber Vorwürfen verteidigen, ist kaum verwunderlich. Es ist in ihrem Interesse. Man könnte sonst auf die Idee kommen, zu recherchieren, wie sehr sie sich über die Kandidaten im Wissenschafts- oder im Kunstbereich kundig gemacht haben. Aber die Medien dürften schon genauer nachhaken. Etwas mehr sollte dem Redakteur der Stuttgarter Zeitung schon einfallen als die Frage: „Hatten Sie nicht zuletzt manchmal Lust, das Ganze hinzuschmeißen und an die Universität zurückzukehren?“ Damit Sandra Richter dort langfristig fortsetzt, womit sie in Marbach möglicherweise – wohl aber doch nicht – gescheitert ist? Für alle Fälle hat sie sich das Recht zur Rückkehr an die Universität gesichert, und das Ministerium hat ihrem Begehr entsprochen. Hängt alles nur davon ab, worauf Sandra Richter manchmal Lust hat? Die Affäre scheint ja wohl mehr zu sein als ein „Pausenfüller für das Sommerloch“.

Thomas Rothschild - 5. August 2020
2693

Stellenausschreibung

Wir weisen unsere Leser auf eine Stellenausschreibung des deutschen PEN-Zentrums hin. Gesucht wird ein Angestellter für die Projektkoordination Writers in Prison und literarisches Leben. Verlangt wird folgende Qualifikation:

"Sie können ein abgeschlossenes Studium vorweisen oder haben eine Verwaltungsfachausbildung / kaufmännische Ausbildung erfolgreich absolviert
- Sie verfügen idealerweise über mehrjährige Berufserfahrung in einer ähnlichen Position, bspw. als Vorstands- oder Geschäftsführungsassistenz
- Sie haben eine ausgeprägte Zahlenaffinität, verfügen über eine schnelle Auffassungsgabe und können sich zügig in komplexe Sachverhalte einarbeiten
- Sie verfügen über Erfahrungen in der Beantragung und Abrechnung von Drittmitteln/Förderanträgen und im Vergaberecht
- Sie kennen sich in der Vereins- oder Verbandsarbeit aus
- Sie haben Erfahrungen in der Organisation von Veranstaltungen oder Tagungen
- Sie zeichnen sich durch eine proaktive, selbständige und strukturierte Arbeitsweise aus und behalten Ihr souveränes Auftreten auch in Stresssituationen
- Sie verstehen es, auf verschiedenen Ebenen zielgerichtet zu kommunizieren
- Sie sind ein Teamplayer, bringen ein ausgeprägtes Kommunikationsvermögen mit, sind offen für Neues, konfliktfähig und flexibel
- Die Menschenrechte liegen Ihnen am Herzen
- Wünschenswert sind gute Kenntnisse des deutschen Literaturbetriebs
- Fremdsprachenkenntnisse erwünscht
- Gender- und Diversitätskompetenz setzen wir voraus"


Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass die Mitglieder des PEN-Vorstands, allen voran die Präsidentin Regula Venske und der Generalsekretär Heinrich Peuckmann, über die Qualifikationen verfügen, die sie von einer abhängigen Mitarbeiterin, einem abhängigen Mitarbeiter (3367,04 Euro Monatsgehalt) erwarten. Alles andere wäre mit den hehren Ansprüchen des Vereins kaum vereinbar. Schon wegen der Diversitätskompetenz oder so. Obwohl, wenn man‘s genau bedenkt: die Damen und Herren des Vorstands sind ja damit beschäftigt, Weltliteratur zu produzieren. Da kann man von einer Projektkoordinatorin, einem Projektkoordinator schon etwas mehr verlangen. Irgendwer muss die Arbeit schließlich erledigen. Mit ausgeprägter Zahlenaffinität (um es in angemessen literarischer Sprache auszudrücken).

Thomas Rothschild - 25. Juli 2020 (2)
2692

Selbstanpreisung und Ökonomie

Die Erinnerung an sie ist nicht verblasst. Es gab sie – die Intendant*innen, die maßgeblich zum Ruhm des deutschsprachigen Theaters beigetragen haben. Ihr anhaltendes Renommee beruht auf den künstlerischen Errungenschaften, die sie – inszenierend und/oder verwaltend – zu verantworten hatten, auf ihrer Begabung, überragende Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Bühnenbildner*innen, Kostümbildner*innen, auch Autor*innen zu entdecken und zu fördern. Man denke an Namen wie Max Reinhardt, Wolfgang Langhoff, Manfred Wekwerth, Hans Schalla, Kurt Hübner, Oscar Fritz Schuh, Boy Gobert, Peter Palitzsch, Albert Hetterle, Hansgünther Heyme, Hans Lietzau, Frank Baumbauer, Dieter Dorn, Roberto Ciulli, Jürgen Flimm, Franz-Patrick Steckel, Wolfgang Engel, Frank Castorf, Karin Beier, Barbara Frey.

Das hat sich geändert. Die künstlerisch ambitionierten Intendant*innen wurden von einem neuen Typus abgelöst: dem marktschreierischen PR-Agenten, dem von keiner falschen Bescheidenheit gebremsten Selbstdarsteller, dem Buchhalter beiderlei Geschlechts. Ohne jede Hemmung preisen sich die Theaterleiter*innen selbst an oder lassen sich von ihren Pressereferent*innen, die von Kulturmanagement einiges, von Theater jedoch kaum etwas verstehen, anpreisen. Sie protzen mit Lobeshymnen von geringem Aussagewert und unterschlagen negative Kritiken. Folgt man ihren Verlautbarungen, könnte man zu dem Eindruck gelangen, sie würden von einem überwältigenden Erfolg zum nächsten eilen.

Den Erfolg aber bemessen sie nach den Gesetzen des Neoliberalismus nicht an ihrem Beitrag zur Geschichte des Theaters als Ort der Kunst, sondern an der Schlussabrechnung. Die Festspiele in Reichenau an der Rax verkündeten am 1. Juli dieses Jahres: „Die Rückzahlaktion der Kartenpreise 2020 ist abgeschlossen. Über € 2,2 Millionen wurden in Einzelbeträgen zwischen 4. Mai und 30. Juni überwiesen.“ Und das Theater Konstanz ließ die Presse und sein Publikum wissen: „Darüber hinaus gibt es gute Nachrichten aus dem Theater. Der Intendant des Theater Konstanz konnte stolz darauf hinweisen, dass trotz ausgefallener Vorstellungen und fehlender Einnahmen im Theater zum Abschluss der Intendanz Nix ein Überschuss von derzeit kalkulierten 153.000 Euro erzielt werden wird. ‚Wir finanzieren dieser Stadt ihre Millionenverluste beim Bodenseeforum und der Philharmonie und machen darüber hinaus fröhlich Kunst‘, stellte der Intendant des Theaters fest. Das Theater ist in Stadt und Land weiterhin beliebt und Nix freue sich seiner Nachfolgerin, ein so gutes wirtschaftliches Ergebnis kommunizieren zu können.“ (Die Zeichensetzung folgt dem Original.)

Als ich vor gut 50 Jahren nach Deutschland kam, amüsierte mich, wie die Landesschau des Süddeutschen Fernsehens Abend für Abend über irgendwelche Veranstaltungen und Unternehmungen berichtete, ohne jemals die Nennung der Kosten zu unterschlagen. Ich hielt das für „typisch schwäbisch“. Inzwischen ist die Denkungsart überregional bei den Theatermachern angekommen. Nichts euphorisiert so sehr wie eine glatte Bilanz. Die eigentliche Premierenfeier findet an der Kasse statt. Was drinnen auf der Bühne geschieht, ist im Vergleich dazu zweitrangig. Dort zetert Harpagon: „Was Teufel! Immer Geld! Es scheint, als hättet Ihr nie etwas anderes zu sagen als Geld, Geld, Geld! – Sie haben immer alle das eine Wort auf der Zunge: Geld! – sprechen nie von etwas anderem als von Geld! – Damit stehen sie auf und gehen damit zu Bett: immer und ewig nur Geld!“ Harpagon ist ein Heuchler. Er würde sich durchaus als Intendant an einem deutschen Theater eignen. Dort hätte er in diesen Tagen seinen großen Auftritt, hin und her gerissen zwischen dem Lamento über die coronabedingten Einbußen und dem habituellen Selbstlob. Fast scheint es, als wäre er dem Virus dankbar dafür, dass es ihm Gelegenheit gibt, den Satz zu belegen: „Wenn die Not am größten, dann ist Gottes Hilfe am nächsten.“ Wobei Gott, je nach Laune, der Finanzminister sein kann oder er, Harpagon als Intendant, selbst.

Thomas Rothschild - 23. Juli 2020
2691

Deadwood

Zu den filmisch wie inhaltlich besten Fernsehserien seit The Sopranos gehört Deadwood, das in den USA von 2004 bs 2006 erstmals ausgestrahlt wurde. Darin ist jedes dritte Wort, insbesondere von dem Inhaber des Saloons und Bordells Gem Variety Theater Al Swearengen, "fuck" oder "cocksucker". Darüber hinaus werden Schwarze, Chinesen und Juden laufend mit diskriminierenden Schimpfwörtern bedacht. Es ist kaum anzunehmen, dass sich heutige Zuschauer diese rassistischen Bezeichnungen zu eigen machen oder sie auch nur goutieren. Wenn man sie aber, wie das heute zum guten Ton gehört, streicht oder durch neutrale Begriffe ersetzt, beraubt man sich der Möglichkeit, eine rassistische Gesellschaft zu zeigen. Jede Sprachkosmetik dient in diesem Fall der Geschichtsfälschung, mehr noch: der Exkulpation von Zuständen, die die Serie gerade anzuklagen bestrebt ist.

Deadwood ist jedoch auch in anderer Hinsicht interessant und aktuell. Die Serie spielt in den Jahren 1876-1878. Sie zeigt eine neu gegründete Goldgräbersiedlung in South Dakota in einer Epoche, in der sich Law and Order erst allmählich durchsetzten. Man reicht sich die Hände, in die man zuvor gespuckt hat. Das genügt, um einen Vertrag zu besiegeln, an den man sich hält oder eben nicht hält. Prostituierte werden importiert und wie Gefangene in Käfigen gehalten. Es herrscht das Recht des Stärkeren, offenkundige Morde bleiben ungesühnt, ein staatliches Gewaltmonopol steht noch in den Sternen. South Dakota wurde erst 1889, also nach der Zeit der Handlung von Deadwood, als Bundesstaat in die USA aufgenommen. Im Film Deadwood von 2019, der an die Serie anschließt, wird das zum Hintergrundsthema.

Man muss sich vor Augen halten: die „Helden“ von Deadwood, für die es größtenteils historische Vorlagen gab, Al Swearengen, Seth Bullock, George Hearst, Calamity Jane, „Wild Bill“ Hickok waren Zeitgenossen von Émile Zola, Karl May, August Strindberg, Oscar Wilde, Sigmund Freud, Carl Benz, August Bebel, Paul von Hindenburg. Die Story von Deadwood liegt gerade vier bis fünf Generationen zurück. Aber die Verhältnisse westlich von New York, Boston und Chicago unterschieden sich grundlegend von jenen in Frankreich, England oder Deutschland. Deadwood liefert davon ein anschauliches Bild. Und macht schlagartig verständlich, was uns gemeinhin so rätselhaft erscheint: wieso ein launischer Rowdy wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte.

Der Western, der weitgehend aus der Mode gekommen ist, galt einst als amerikanischer Heimatfilm. Deadwood hat die Klischees des Genres durch eine fast dokumentarische Nähe zu den überlieferten Fakten ersetzt. Sie belehren uns, dass die heroischen Legenden allenfalls im Kopf eines Donald Trump weiterleben. In John Fords The Man Who Shot Liberty Valance sagt der Journalist Maxwell Scott: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Donald Trump scheint an diese Legenden zu glauben und verhält sich entsprechend. Das muss man wissen, wenn man den amerikanischen Präsidenten und seine Politik beurteilt. Dieser Tage hielt er just in South Dakota, 80 Kilometer von Deadwood entfernt, eine flammende Rede gegen die Anti-Rassismus-Bewegung.

Thomas Rothschild - 16. Juli 2020
2690

Karlsruhe, Marbach und überall

Auf dem Theaterportal nachtkritik.de tobt zurzeit eine heftige Diskussion über deplorable Zustände am Badischen Staatstheater Karlsruhe, die wiederum von den Badischen Neuesten Nachrichten in mehreren Artikeln bekannt gemacht wurden.

Was an einem Einzelfall die Gemüter erregt, ist nicht so einmalig, wie es scheinen mag. Einmalig ist daran lediglich, dass an die Öffentlichkeit gelangt ist, was in der Regel durch ein Wechselspiel von Erpressung durch Vorgesetzte und Feigheit der Abhängigen geheim gehalten wird. Die zu Recht beklagten Missstände herrschen nicht nur in Karlsruhe und nicht nur am Theater. Sie sind vielmehr ein Problem der Hierarchien, die das Rollback nach 1968 gestärkt hat und verschlimmert durch den Typus des mediengewandten Selbstdarstellers (s. Legale Segregation). Das belegt unter anderem ein Artikel von Bettina Wieselmann, der dieser Tage unter dem Titel Literaturarchiv – Brandbrief von der Schillerhöhe in der Heidenheimer Zeitung erschienen ist.

"In der Belegschaft des Deutschen Literaturarchivs (DLA) rumort es immer stärker. In einem Brandbrief, der der Südwest Presse vorliegt, wurde jetzt das aufsichtsführende 20-köpfige Kuratorium aufgefordert, sich mit der 'desolaten Lage' zu befassen. Marbach mit seinen rund 260 Mitarbeitern müsse wieder zu einem Ort werden, 'mit dem man sich identifizieren kann, an dem man wohlwollend miteinander umgeht und gerne arbeitet', schreibt die Betriebsratsvorsitzende Ulrike Weiß. Das Unverständnis über die Amtsführung von Direktorin Sandra Richter, die seit 2019 an der Spitze der national und international hoch angesehenen Institution steht, macht sich vor allem fest an dem Ende April erfolgten Rausschmiss der weithin geschätzten Verwaltungsleiterin Dagmar Janson (...).
Das geht auch aus dem zehnseitigen Anhang an den Brandbrief hervor, der eine Fülle anonymisierter E-Mails aus der Belegschaft auflistet. (...) 'Fassungslos' und 'geschockt' wird beklagt, dass sich Richter in 'einer ihrer ersten Amtshandlungen' von einer 'kompetenten, hilfsbereiten, für Kritik stets offenen Vorgesetzten' getrennt habe. Der Eindruck, der sich seit Beginn 2019 verfestige, finde mit der Freistellung von Janson seinen Höhepunkt: 'Weiß die Direktion, was sie tut?' Die 'Demontierung' der Führungskraft lasse auf eine 'gezielte Racheaktion, auf Willkür und Duodezverhalten schließen, das einem Deutschen Literaturarchiv wahrlich nicht würdig ist'.
(...) Weiß hält Richter vor, sich auf die Außendarstellung des DLA zu konzentrieren: 'Interne Abläufe werden dadurch teils immer noch nicht gekannt.' Das führe 'zu großer Verunsicherung und negativer Grundstimmung im Haus'. Die Folge: eine 'ungewöhnlich hohe personelle Fluktuation'. 'Wir wenden uns an das Kuratorium als mögliches Korrektiv und bitten Sie, sich mit der Geschäftsleitung in Verbindung zu setzen', appelliert Weiß." (Quelle: hz.de)

Karlsruhe, Marbach, in zahllosen Städte und Institutionen zwischen Kiel und Konstanz, zwischen Saarbrücken und Rostock herrschen feudale Zustände, von denen man um 1968 dachte, dass sie überwunden seien. Sie haben eher zugenommen. Geblieben sind die Strukturen, die verhindern, dass sie ans Tageslicht kommen. Die sie melden könnten, haben zu viel zu verlieren. Darauf können sich die Herren und die Damen als Herren verlassen. In der Regel. Bemerkenswert ist auch die Zurückhaltung der regionalen Medien in Sachen Literaturarchiv Marbach. Dank gebührt den Whistleblowern, die diese Mechanismen der Einschüchterung und der Komplizenschaft unterlaufen. Allzu viele sind es nicht. Und allzu hoffnungsvoll stimmt es nicht, wenn man den jüngsten Bericht der Badischen Neuesten Nachrichten vom 8. Juli 2020 zur Kenntnis nimmt. Demnach scheint der baden-württembergischen Kunstministerin Theresia Bauer und Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup, die dem Verwaltungsrat des Theaters vorsitzen, der Umstand, dass aus dem Thema „gleich eine öffentliche Debatte“ gemacht worden sei, mehr Sorgen zu bereiten als das Thema selbst. Alles wie gehabt? In Karlsruhe, Marbach und sonstwo?

Thomas Rothschild - 8. Juli 2020
2689

Arno Widmann und der Rassismus

In der Berliner Zeitung reist Arno Widmann, der langjährige Reisende durch die deutschen Feuilletons, „durch die Kulturgeschichte des Rassismus“. Nach mancherlei Bedenkenswertem gelangt er zu der apodiktischen Behauptung: „Es gibt keine Reinheit. Sie einzufordern ist selbst Rassismus.“ Diese verblüffende, aber in ihrer Rhetorik ziemlich ausgelutschte Pointe folgt dem Muster der Kinderreplik „das bist du und was bin ich“ auf die Beschimpfung als Esel oder als Trottel. Die Forderung nach Reinheit – in diesem Zusammenhang: der Ideen, der Gedanken – mag unsinnig sein oder beschissen, unproduktiv oder verbohrt. Mit Rassismus hat sie so viel zu tun wie die Forderung von Logik mit Pädophilie.

Widmann müsste nur seinen eigenen Artikel lesen. Dort zitiert er gleich zu Beginn eine brauchbare Definition von Rassismus. „Wenn Menschen nicht nach ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften oder danach, was sie persönlich tun, sondern als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe beurteilt und abgewertet werden, dann ist das Rassismus.“ Was hat die Forderung von Reinheit der Ideen – an Kant oder an sonst wen – mit der Beurteilung und Abwertung von Menschen als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe zu tun? Nichts. Aber indem Widmann den Kritikern von Rassismus unterstellt, sie seien selbst Rassisten, setzt er diese ohne weitere Argumente ins Unrecht und eskamotiert zugleich die Kategorie des Rassismus aus der Debatte.

Es gibt gute Gründe dafür, das Denken in seiner Widersprüchlichkeit auszuhalten, ja gerade „das zu mögen“. Es gibt schlagende Argumente gegen die Beseitigung von verstörenden Erinnerungen und damit auch der Herausforderung, sich mit ihnen (kritisch) auseinanderzusetzen. Aber die undifferenzierte Einebnung von Begriffen ist dabei nicht hilfreich. Wer alles, was ihm oder ihr nicht gefällt, zu Rassismus macht, beraubt den Rassismus seiner spezifischen Bedeutung. Er bedarf dann ebenso wenig der Ablehnung und der Bekämpfung wie die Schwerkraft.

Ist es das, was Arno Widmann bezweckt? Wohl nicht. Eher schon als Absicht ist sein Sermon Gedankenlosigkeit. Auch eine Möglichkeit, der Verunreinigung von Gedanken zu begegnen.

Thomas Rothschild - 7. Juli 2020
2688

Technologie, Fortschritt und die Lehren des Coronavirus

Als die ersten Schreckensmeldungen über AIDS verbreitet wurden und man noch wenig über die Verbreitung der Krankheit wusste, mögen viele dem Geschlechtsverkehr den Telefonsex vorgezogen haben. Schließlich gab es die technischen Voraussetzungen, die den direkten körperlichen Kontakt überflüssig machten. Die Folgen dieser Erkenntnis waren gering. Der Geschlechtsverkehr hat den Telefonsex überdauert. Nachhaltig.

Die Ideologen des Streaming, die technische Neuerungen mit Fortschritt verwechseln, wollen uns einreden, dass das Theater, „wie wir es gekannt haben“, wegen Corona zum Verschwinden verdammt sei. Die Evidenz widerspricht dieser scheinbaren Gewissheit. Jetzt öffnen die Theater wieder nach und nach ihre Pforten – und siehe da: das Publikum strömt herbei, als sei nichts passiert. Die apokalyptische These ist ebenso plausibel wie die Behauptung, dass der Bau von Wolkenkratzern nach der Zerstörung der Twin Towers durch zwei Flugzeuge oder der Kapitalismus nach der Lehmann-Pleite undenkbar sei. Das Kino hat, entgegen düsteren Prognosen, die Erfindung des Fernsehens und das Konzert die Schallplatte überlebt. Der Synthesizer hat sich bei der Filmmusik (aus Kostengründen) weitgehend durchgesetzt, aber bedeutet er für die Gattung einen künstlerischen Fortschritt? Öffentliche Hinrichtungen sind in unseren Breitengraden nicht wegen einer Katastrophe verschwunden und noch nicht einmal wegen einer Zunahme an Humanismus, sondern weil es dafür keinen Bedarf mehr gab. Nichts weist darauf hin, dass das für das Theater gelten dürfte. Und wenn Franz-Xaver Kroetz der Süddeutschen Zeitung mitteilt, er kenne niemanden, den Theater interessiert, außer seine Zahnärzte, dann verwechselt er das Interesse an seinen Stücken mit dem Interesse an Theater. So viele Zahnärzte, wie jetzt wieder die Theater füllen, gibt es gar nicht. Anders als dem gealterten Dramatiker schließen für sie House of Cards und Hamlet einander nicht aus.

Das könnte tröstlich sein, und man könnte gelassen darauf warten, bis der Aufmerksamkeitswert der gegenwärtigen Möchtegernpropheten, die sich im übrigen nicht selten zum Instrument massiver ökonomischer Interessen machen lassen, wieder verblasst ist wie der von Verkündern des Segens elektrischer Brotschneidemaschinen oder von Tischgeräten für die Zubereitung von Raclette. Leider aber wirken sich die Mechanismen der Vergänglichkeit, der begrenzten Halbwertzeit nicht nur bei technischem Krimskrams aus. Auch geistige Errungenschaften unterliegen diesen Regeln. Bis etwa zum Tod von Thomas Bernhard vor mehr als dreißig Jahren gab es kaum eine Umfrage über die bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, auf der nicht H.C. Artmann an einem der ersten Plätze gestanden hätte. Diesseits der Anhängerschaft von Johannes Mario Simmel und Christine Busta war man sich weitgehend über den Rang Artmanns einig. Seine Wertschätzung implizierte ein Bekenntnis zur sprachorientierten Literatur, die die Verunglimpfung der Moderne in der Nazi-Zeit rückgängig machen sollte. Eine ganze jüngere Generation von österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern berief sich auf H.C. Artmann.

Wenn man junge Leser heute nach Artmann fragt, dürfte das Ergebnis ernüchternd sein. Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist Artmann so gut wie vergessen. Er ist kein Einzelfall. Ein großer Teil der Autoren des 20. Jahrhunderts, deren Lektüre bei halbwegs gebildeten Menschen noch vor kurzem vorausgesetzt werden durfte, ist heute wohl, wenn überhaupt, nur noch dem Namen nach bekannt. Vermutlich wissen Gymnasiasten noch, was mit „kafkaesk“ gemeint ist, aber haben sie, über die Schullektüre der Verwandlung hinaus, Kafka gelesen? Von Proust, Joyce und Musil sprechen wir gar nicht erst. Was eben über Literatur geäußert wurde, gilt zumindest ebenso für die Meisterwerke der Filmkunst. Sie sind nicht am Fernsehen verendet – im Gegenteil: arte und 3sat füllen mit dankenswertem Engagement die entstandene Angebotslücke –, sondern am Wandel oder am Verlust der kommunalen und Programmkinos. Kein Virus, sondern eine ahnungslose Kulturpolitik hat sie abgemurkst. Und wer greift schon zur DVD eines Ophüls, eines Antonioni, einer Varda, wenn ihm die Namen nichts sagen.

Bertolt Brecht lässt seinen Galilei auf den Satz seines Schülers Andrea „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“ erwidern: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Der Satz ließe sich so variieren: „Unglücklich das Land, das den Sieger des letzten Eurovision Song Contests und die Vornamen der Nachkommen aus den Königshäusern kennt, nicht aber seine bedeutendsten Schriftsteller, Filmemacher, Komponisten, Maler.“ Unglücklich eine Welt, die sich der Vergänglichkeit des kulturellen Gedächtnisses widerstandslos hingibt und auf Streaming vertraut.

Corona wird zähmbar sein. Die Theater werden wieder spielen. Aber ein Artmann oder ein Ophüls könnten zu Bewohnern der Archive werden. Für ein paar spinnerte Spezialisten.

Thomas Rothschild - 1. Jui 2020 (2)
2687

Schuldzuweisungen

In der Stuttgarter Innenstadt haben in der Nacht von Samstag auf Sonntag bis zu 500 Jugendliche randaliert, Schaufenster eingeschlagen und Läden geplündert. Die Polizei hat dafür die „Party- und Eventszene“ verantwortlich gemacht. Dagegen haben Clubbetreiber nun protestiert. Die verallgemeinernde Schuldzuweisung, die eine komplette Branche in ein schlechtes Licht rücke, sei verantwortungslos.

Unmittelbar nach den Ereignissen meldete dpa und zitierten zahllose Medien: „Vor einigen Tagen hatte die Stuttgarter Polizei nach Vorfällen am Rande einer Demonstration von Grenzüberschreitungen gesprochen. 'Teile der linken Szene überschreiten hier gerade Linien, was wir für Stuttgart bisher so nicht gekannt haben', sagte damals ein Polizeisprecher.“ Dagegen hatten die Sprecher der Partyszene nichts einzuwenden. So aber schafft man Stimmung und steckt den politischen Rahmen ab. Das hat Tradition in der deutschen Geschichte. Und niemand zieht die zündelnden oder zumindest fahrlässigen Journalisten zur Verantwortung.

Offenbar hat man gegen falsche oder pauschalisierende Schuldzuweisungen nur etwas einzuwenden, wenn sie die eigene Klientel betreffen. Ansonsten nimmt man sie gleichgültig oder sogar billigend hin. So kommen wir nicht weiter. Weder in der Partyszene, die mit Nachdruck betont, dass sie „ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“ sei, noch unter Linken, die dieses schlagende Argument nicht für sich in Anspruch nehmen können. So oder so sollte man aufhorchen, wenn jemand allzu schnell zu wissen vorgibt, wer welche Schandtaten verübt hat. Wie war das doch damals? Wer hat den Reichstag angezündet? Und welchen Preis mussten die angeblich Schuldigen bezahlen? Das ist keine hundert Jahre her.

Thomas Rothschild - 22. Juni 2020
2686

Gesinnung und Literatur

Als Rolf Hochhuth neulich starb, taten die Nachrufe, was zu ihrem Wesen gehört: Sie hoben den Schriftsteller in einen Himmel, in dem anzukommen die Autoren dem Toten wohl wünschten. Nur sehr vorsichtig mischten sich in einige Nekrologe kritische Worte.

Die Wahrheit ist: Hochhuths Bedeutung lag in der Erinnerung an die politische Schuld des Stellvertreters Jesu Christi, in der Aufdeckung der Vergangenheit des „furchtbaren Juristen“ Hans Filbinger. Als Dramatiker war er von geringer Bedeutung. Für das Dokumentardrama, für das ihn manche Nekrolog-Schreiber lobend erwähnten, haben etwa Heinar Kipphardt oder Peter Weiss ungleich mehr geleistet, jedenfalls wenn es um Literatur und nicht bloß um Skandale geht. Zugespitzt ließe sich formulieren: mit Hochhuth hat die sich bis heute steigernde Tendenz begonnen, Themen für wichtiger zu halten als ästhetische Verfahren. Kritiker wie Heinrich Vormweg, Reinhard Baumgart oder Jörg Drews wussten noch Bescheid. Durchgesetzt hat sich Reich-Ranicki.

2015 hat die weißrussische Journalistin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch den Literaturnobelpreis erhalten, dessen sich für das Stockholmer Komitee weder Tolstoi, noch Tschechow, noch Gorki, noch Achmatowa, noch Mandelstam, noch Zwetajewa, noch Babel als würdig erwiesen haben. Jetzt bekommt Ljudmila Jewgenjewna Ulitzkaja den Siegfried Lenz Preis, nachdem sie bereits mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, geehrt wurde. (Was das über den Namensgeber Siegfried Lenz besagt, wäre eine eigene Überlegung wert.)

Beide, Alexijewitsch wie Ulitzkaja, haben sich durch couragierten Widerstand gegen Unrecht in Russland und gegen Putin Ansehen erworben und verdienen dafür jeglichen Respekt. Jeder Preis für politischen Mut wäre in beiden Fällen angemessen. Aber auch hier gilt: literarisch, künstlerisch, sprachlich sind beide, nicht nur innerhalb der russischen Literatur, allenfalls Autorinnen der Mittelklasse. Das können auch Jubelrezensionen und Laudationes nicht verschleiern. Ihre Verfasser machen sich allenfalls zu Komplizen eines Literaturbetriebs, dem es auf Literatur nicht mehr ankommt. Dass Literaturkritiker, die Romane danach beurteilen, was sie aus ihnen über die Wirklichkeit erfahren, Ljudmila Ulitzkaja loben, ist nicht weiter verwunderlich. Erstaunlicher ist schon, dass selbst Rezensenten, die ansonsten größten Wert auf die (sprachliche) Beschaffenheit von Literatur legen, plötzlich ins Schwärmen geraten, wenn sie über diese Autorin zu schreiben haben.

Man leistet der Literatur keinen Dienst, wenn man die Kriterien missachtet, die sie erst konstituieren, und stattdessen Literaturpreise für Gesinnung und Haltung vergibt. Damit trägt man bei zur Marginalisierung der Künste, zur Zerstörung der Wahrnehmung dessen, was Literatur ausmacht und von Journalismus oder politischem Aktivismus unterscheidet. Albert Einstein hatte viele Qualitäten und Fähigkeiten. Den Nobelpreis hat er für Physik erhalten. Und das ist gut so.

Thomas Rothschild - 17. Juni 2020
2685

Für dumm verkauft

Das macht Schlagzeilen: „Bahnfahren wird noch günstiger“. Und: „Bahn senkt Preise für Fernverkehr". Die Bahn gibt die gesenkte Mehrwertsteuer an die Kunden weiter. Das bedeutet: ein Ticket, das bisher 50 Euro gekostet hat, kostet ab 1. Juli nur noch 49,05 Euro. Die Preissenkung, die die Bahn nichts kostet, ist materiell kaum spürbar. Sie ist bloß psychologisch – für die Mehrzahl der Menschen, die Schlagzeilen vom Rechnen abhalten. Von einer Weitergabe der aktuellen Preissenkungen für Energie an die Bahnfahrer ist nicht die Rede.

Die Benzinpreise sind in den vergangenen Wochen um rund 20 Prozent gefallen. Das bedeutet: eine Tankfüllung, für die man bisher 50 Euro bezahlt hat, kostet nur noch 40 Euro. 20 Euro Ersparnis an der Tankstelle gegenüber 95 Cent beim Bahnticket. Mit anderen Worten: die Bahn ist noch weniger konkurrenzfähig gegenüber dem Individualverkehr als sie es bisher schon war. Das gilt umso mehr, wenn mehrere Personen gemeinsam ein Auto benutzen. Statt 200 Euro für 4 Personen – geschätzte 40 Euro. Und sage da nun keiner, man müsse die Festkosten für das Auto hinzurechnen. Wenn man nicht ganz aufs Auto verzichten möchte und dann erheblich mehr fürs Taxi berappen will, wo und wenn es keine Bahnverbindung gibt, muss man die Versicherung und die KFZ-Steuer bezahlen, ob man nun das Auto bewegt oder am Straßenrand stehen lässt. Und auch der Wiederverkaufswert sinkt bei einer höheren Kilometerzahl nicht annähern um die Summe, die man für Bahnfahrten, selbst bei gesenkter Mehrwertsteuer, bezahlen müsste.

Die Verlagerung des Güterverkehrs und des Personenverkehrs von der Straße auf die Schiene wäre unter umweltpolitischen Gesichtspunkten ein dringendes Desiderat. Mit der Weitergabe einer Steuersenkung von 1,9 Prozent an die Kunden ist das nicht getan. Dafür müssen sich die zuständigen Politiker und die Bahn schon mehr einfallen lassen. Die Jubelschreie willfähriger Journalisten werden nicht reichen. Und so dumm sind die Leser auch nicht, dass sie auf jede Augenwischerei hereinfallen. Spätesten am Monatsende, wenn die Geldbörse leer ist, entdecken sie, was für ein Spiel da getrieben wird.

Thomas Rothschild - 9. Juni 2020
2684

Legale Segregation

Im April 1989, Tage vor seinem vermutlichen Selbstmord, sagte Abbie Hoffman, der Kopf der amerikanischen Yippies, einer der Angeklagten im skandalösen Prozess gegen die „Chicago 7“ und ein Kronzeuge für die Erkenntnis, dass die Rebellen gegen die eigene Regierung manchmal die wahren Patrioten sind, in seiner letzten Rede an der Vanderbilt University: „In the nineteen-sixties, apartheid was driven out of America. Legal segregation – Jim Crow – ended. We didn’t end racism, but we ended legal segregation. We ended the idea that you can send a million soldiers ten thousand miles away to fight in a war that people do not support. We ended the idea that women are second-class citizens. We made the environment an issue that couldn’t be avoided. Now, it doesn’t matter who sits in the Oval Office. But the big battles that were won in that period of civil war and strife you cannot reverse. We were young, we were reckless, arrogant, silly, headstrong and scared half to death. And we were right! I regret nothing!“

Bemerkenswert an dieser Rede ist für uns Heutige, dass sie daran erinnert, wo die Themen, die uns in der Gegenwart, und nicht nur in den USA, bewegen, ihre Geburtsstunde haben: In der antiautoritären Bewegung der sechziger Jahre. Sie liegt also nur wenig mehr als 50 Jahre zurück. Man sollte aber ein Attribut nicht übersehen. Hoffman spricht vom Ende der „legal segregation“, also der „gesetzlichen Segregation“. Die soziale Segregation, die Rassentrennung – Hoffman spricht von „Rassismus“ – besteht weiterhin. Der aktuelle Skandal um den Tod von George Floyd ist nur die Spitze des Eisbergs. Die in den sechziger und den darauffolgenden Jahren erlassenen Gesetze zur Desegregation entsprechen dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782, mit dem den Juden Österreichs einige bis dahin vorenthaltene Rechte zugesprochen wurden. Am Antisemitismus und an der Benachteiligung von Juden in vielen Bereichen hat das nichts geändert. Das Frauenwahlrecht ist heute ebenso unumstritten wie die Einsicht, dass die Umwelt geschützt werden müsse. Die Ungleichbehandlung von Frauen in mancherlei Hinsicht wurde dadurch ebenso wenig beseitigt wie die verantwortungslose Ausbeutung und Schädigung der Umwelt.

Gesetze können eine Voraussetzung schaffen für mehr Gerechtigkeit. Aber sie reichen nicht aus. Soziale Mechanismen der Diskriminierung sind hartnäckig, und leider irrte Abbie Hoffman, wenn er meinte, die gewonnenen Schlachten könnten nicht rückgängig gemacht werden. Wir erleben, im Gegenteil, dass sich viele Siege der sechziger Jahre, die 1989 noch gesichert scheinen mochten, in Niederlagen wandeln, wie Vorurteile und Unterdrückungsmaßnahmen zu neuem Leben erwachen, von denen man gemeint hatte, sie würden unwiederbringlich der Vergangenheit angehören. Welche Studierenden unserer Tage können sich noch vorstellen, dass es Betriebe mit echter Mitbestimmung und an den Hochschulen eine Drittelparität gab, die es den Studenten zusammen mit dem Mittelbau zumindest im Prinzip ermöglichte, die Machtausübung der Professoren zu kontrollieren und einzuschränken. Heute setzen sich diese längst wieder über Verpflichtungen und Dienstvorschriften hinweg, ohne dass das irgendwelche Folgen hätte. Und keiner fährt ihnen in die Parade, wenn sie ihren Hauptwohnsitz 200 Kilometer von der Arbeitsstelle entfernt wählen oder Lehrveranstaltungen und Sprechstunden einfach ausfallen lassen. Die korrumpierende Funktion von Abhängigkeiten beschränkt sich nicht auf sexuellen Missbrauch, der zudem nicht immer unterscheidbar ist von Vorteilsannahme auf Kosten derer, die sich diesen Spielregeln verweigern. Die Grenze zwischen Erpressung und Bestechung ist fließend. Aber ein #Me Too der durch Prüfungen oder Karrierebedenken konstituierten Abhängigkeitsverhältnisse im Hochschul- oder Arbeitsalltag verfügte über kein Erregungspotential. Sie werden hingenommen und gelten heute wieder wie einst als Normalität. Zur neuen Normalität feudaler Selbstherrlichkeit gehört, dass nicht die Qualifikation zu Lehre und Forschung einen Ruf einbringt, sondern der Erfolg beim Eintreiben von Drittmitteln. Und wenn die Berufenen beiderlei Geschlechts danach doch „forschen“, dann mit Sicherheit nicht gegen die Interessen der Drittmittel-Spender. Die „legale“ Aushöhlung der Hochschulautonomie wurde nach den sechziger Jahren erst so richtig eingeführt.

Der Fortschritt ist nicht garantiert. Die Geschichte läuft nicht teleologisch ab. Entgegen einer Volksweisheit, kann sie sich durchaus wiederholen, ja noch hinter ein früheres Stadium zurückfallen. In manchen Ländern werden Gesetze (wieder) erlassen, von denen man geglaubt hatte, sie seien ebenso obsolet wie die legale Segregation. Aber auch ohne solche Gesetze gilt nach wie vor: „We didn’t end racism, but we ended legal segregation.“ Ein schwacher Trost für die Opfer des Rassismus. Und auch der nächste Satz Hoffmans war leider zu optimistisch: „We ended the idea that you can send a million soldiers ten thousand miles away to fight in a war that people do not support.“ Ein Jahr nachdem er gesprochen und sein Autor gestorben war, begann der Erste Irakkrieg.

Zu den Forderungen, die der ernste Spaßmacher Abbie Hoffman, das amerikanische Gegenstück zu Fritz Teufel, in einem Manifest formuliert hat, gehört auch diese: „The abolition of money, the abolition of pay housing, pay media, pay transportation, pay food, pay education, pay clothing, pay medical health, and pay toilets.“ Davon sind wir heute weiter entfernt als je. Es werden Kriege geführt, das Geld herrscht nicht nur über die Toiletten, und die Segregation kümmert sich einen Dreck (Hoffman hätte dafür einen anderen Ausdruck) um Gesetze. Es gibt zwar nichts, was Abbie Hoffman und seine Mitstreiter bereuen müssten. Aber ihre Siege waren, genau besehen, von begrenzter Haltbarkeit. Es hat eine vertrackte Logik, dass einer von Hoffmans Genossen, Tom Hayden, 1992 kalifornischer Senator wurde. Für die Demokraten. Immerhin. 1968 hatte er noch zusammen mit Abbie Hoffman vor deren Parteitag gegen den Vietnamkrieg protestiert.

Thomas Rothschild - 3. Juni 2020
2683

Krisengewinnler

„Die Aktionäre profitieren davon, dass die Solidargemeinschaft mit ihrem Geld letztlich auch den Unternehmenswert erhält. Wenn sie obendrauf noch eine Dividende bekommen, dann ist das unfair gegenüber den Steuerzahlern und auch gegenüber den Mitarbeitern.“ Das sagt nicht ein Politiker der Linken oder ein dogmatischer Kapitalismuskritiker, sondern der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Ralph Brinkhaus.

Der Begriff des Kriegsgewinnlers ist bekannt. Analog dazu kann man in der gegenwärtigen Situation vom Krisengewinnler sprechen. Kein Tag vergeht, an dem nicht heftige Klagen über die dramatischen Folgen der Coronakrise verlautbart werden. Da diese Klagen in vielen Einzelfällen begründet sind, begegnet man ihnen eher mit Empathie als mit Skepsis. Umso empörender ist es, dass sich Menschen und Unternehmen mit krimineller Energie beeilen, von der Notlage anderer zu profitieren, sich an deren misslichen Situation zu bereichern. Die Schamlosigkeit, mit der die Krise von manchen zum eigenen Nutzen ausgebeutet wird, kann einen an der Menschheit verzweifeln lassen und verweist die Behauptung, die Krise hätte das Gute im Menschen zum Vorschein gebracht, in die Sphäre des Märchens.

Im Drogeriemarkt versperren riesige Klopapierberge die Durchgänge. Nachdem es in den ersten Tagen der Krise eine Knappheit an Klopapier gegeben hatte, wird die Angst vor dem feuchten Arsch jetzt weidlich ausgenützt. Die Hersteller von überteuerten Gesichtsmasken und von Anschlägen mit Verhaltensregeln im öffentlichen Bereich dürften nicht zu den Verlierern der Krise gehören. Kaum wurden die ersten Zuschüsse für notleidende oder von der Insolvenz bedrohte Unternehmen angekündigt, überboten sich auch jene in der alarmierenden Darstellung ihrer Lage, die es versäumt hatten, in Zeiten der üppigen Umsätze vorzusorgen. Auf einmal meldeten alle gewaltige Verluste, obwohl die Gewinne zuvor entweder nicht so hoch waren, wie sie jetzt vorgeben, oder aber vor dem Finanzamt verheimlicht wurden.

Die Aktienkurse sprechen in zahlreichen Fällen eine andere Sprache als die Katastrophenberichte. Die vom CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden getadelten Dividenden haben schon ihre Richtigkeit. Für die Krisengewinnler. Die Stützen der Gesellschaft.

Thomas Rothschild - 24. Mai 2020
2682

Super-Superlativ

Zwei Mal im Jahr flattern – na ja, flattern ist angesichts des manchmal beträchtlichen Gewichts das falsche Verb –, neuerdings immer häufiger digital, die Kataloge der Verlage ins Haus. Dieser Tage traf die Herbstvorschau von Suhrkamp ein. Sie hat eindrucksvolle 180 Seiten. Da erfahre ich:

„Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist einer der bedeutendsten und auch international wirkmächtigsten deutschen Dichter und Essayisten.“

„Maria Stepanova ist die maßgebliche russische Gegenwartsautorin von weltliterarischem Rang.“

„Marie-Claire Blais, geboren 1939 in Québec, ist eine der maßgeblichen Autorinnen Kanadas.“

„Annie Ernaux (…) ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit.“

„Paul Celan (…) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg.“

„Elsa Dorlin (…) gilt als eine der führenden französischen feministischen Theoretikerinnen der Gegenwart.“

„Judith Butler ist die kreativste und mutigste Sozialtheoretikerin unserer Tage.“


Jonathan Lears Radikale Hoffnung ist „eines der tiefgründigsten und elegantesten Bücher der letzten Jahrzehnte.“

„Adam Przeworski, geboren 1940 in Warschau, gilt als einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler der Gegenwart.“

„Heiner Müller (1929-1995) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Theaterregisseure nach 1945.“

„Isabel Allende, geboren 1942 in Lima, ist eine der weltweit beliebtesten Autorinnen.“

„Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, zählt zu den wichtigsten irischen Krimiautoren.“

„Joanna Bator, 1968 geboren, gilt als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur.“


Uff. Nun könnte man diesen Überbietungszwang als Einbruch der Sprache der Waschmittelwerbung in den literarischen Diskurs abbuchen. Aber ganz so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist solcher Superlativismus nicht. Wo die eigenen Angebote derart über den grünen Klee gelobt werden, wird alles Übrige unterschwellig als zweit- oder drittrangig denunziert. Es kann ja nicht nur wichtigste und bedeutendste oder gar wirkmächtigste Autorinnen und Autoren geben. Das würde den Superlativ seines vergleichenden Sinns berauben. Die Häufung von Superlativen ebnet die Unterschiede ein und besagt am Ende gar nichts mehr. Wie überraschend und zugleich erholsam wäre es, wenn der Verlag einen Autor mit den Worten vorstellte, er sei nicht ganz so bedeutend, seine Bücher seien nicht ganz so wichtig. Es verliehe dem Lob an anderer Stelle wieder Gewicht.

Damit wir uns nicht missverstehen. Was hier dokumentiert wurde, ist keine Besonderheit des Suhrkamp Verlags. Es gilt für (fast) alle Kataloge, die jedes Halbjahr ins Haus flattern. Ein schwacher Trost. Die Lust am Superlativ zählt zu den dümmsten und verzichtbarsten Unsitten der Selbstanpreisung.

Ein jüdischer Witz erzählt von dem Friseur in der Lowe East Side, der eine Tafel an seine Tür hängt: „Der beste Friseur in New York.“ Sein Nachbar, erbost, hängt eine Tafel an seinen Laden: „Der beste Friseur in Amerika.“ Ein weiterer Nachbar kontert: „Der beste Friseur in der Welt.“ Daraufhin hängt ein Vierter eine Tafel aus: „Der beste Friseur in der Straße.“

Thomas Rothschild - 23. Mai 2020
2681

Verschwörungstheorien

Dass hinter der Verbreitung des Coronavirus eine Verschwörung stecke, ist natürlich Unsinn. Es ist ebenso unsinnig wie die Annahme einer jungfräulichen Geburt oder des Lebens nach dem Tod. Nein, es ist nicht ganz so unsinnig. Immerhin hat es in der Geschichte Verschwörungen gegeben, von dem Komplott gegen Julius Caesar bis zum Attentat der Gruppe um Stauffenberg gegen Hitler. Gäbe es keine Verschwörungen, wären sie nichts als ein Hirngespinst, bedürfte es keiner Geheimdienste und die Staaten könnten sich viel Geld sparen. Und dass sie schwer nachzuweisen sind, dass sie sich im Verborgenen abspielen, gehört ja gerade zu ihren Wesensmerkmalen. Verschwörungstheorien also haben immerhin eine empirische Grundlage. In Abwandlung eines bekannten Aphorismus ließe sich sagen: „Nur weil du dir Verschwörungen einbildest, heißt das nicht, dass es keine Verschwörungen gibt.“ Für eine jungfräuliche Geburt oder für ein Leben nach dem Tod existiert kein einziger objektiv überprüfbarer Beleg.

Verschwörungstheorien haben deshalb einen so großen Erfolg, weil Menschen dankbar sind für jede Erklärung von scheinbar unerklärlichen Phänomenen. Dass irgendwo im Geheimen Böses geplant und ausgeführt wird, scheint solch eine Erklärung für Schreckensszenarien zu liefern, und die Künste haben dazu jede Menge Anregungen bereit gestellt. Dr. Mabuse oder Goldfinger dienen als Modell. Als man noch nichts von der elektrischen Aufladung von Wolken wusste, erfand man Blitze schleudernde Götter und dazu gleich die Ursachen für deren Taten. Selbst wo es wissenschaftliche Erklärungen gibt, wie etwa mit der Evolutionstheorie für die Entstehung des Lebens und des Menschen, halten sich mythische Vorstellungen wie die Schöpfungstheorie beharrlich und politisch gewollt, wenn diese Erklärungen das Vorstellungsvermögen vieler übersteigen.

Wer also will, dass unsinnige und letzten Endes gefährliche Verschwörungstheorien durchschaut und zurückgewiesen werden, muss sich aktiv gegen den allgemeinen Irrationalismus wenden. Er muss dazu beitragen, dass Menschen das noch Unerklärte oder vielleicht sogar Unerklärliche ebenso aushalten wie das Unangenehme – den Gedanken an den Tod etwa –, und all jene, nicht nur die Demagogen politischer Interessensgruppen, bekämpft werden, die unwissenschaftliche Antworten auf offene Fragen anbieten. Der Kampf gegen Irrationalismus beginnt, wo Menschen an die Existenz von Hexen, an Geisterbeschwörung oder an Wunder glauben, die sonntags in der Predigt als Tatsachen verkündet werden. So lange dieser Irrationalismus als gesellschaftsfähig gilt, werden auch Verschwörungstheorien Nahrung erhalten. Wer oder was sollte deren Unglaubwürdigkeit glaubwürdig nachweisen, wo die unbefleckte Empfängnis als Dogma akzeptiert wird? Und schließlich: was, wenn nicht der Glaube an den Teufel, der seine Hand bei mancherlei Übel im Spiel habe, wäre eine Verschwörungstheorie? „Wenn du ein Gespräch mit dem Teufel anfängst, hast du schon verloren, er ist intelligenter als wir und stößt dich um und verdreht dir den Kopf.“ (Papst Franziskus) Sowohl für Kritik an der Kirche wie für sexuellen Missbrauch durch deren Repräsentanten macht der Papst den Teufel verantwortlich. „Wir sollten den Teufel allerdings nicht als einen Mythos, eine Darstellung, ein Symbol, eine Redewendung oder eine Idee betrachten.“ (derselbe) 26 Prozent der Deutschen glauben an die Existenz des Teufels, für dessen Austreibung die katholische Kirche bis heute Exorzisten bereit hält. Na bitte.

Thomas Rothschild - 22. Mai 2020
2680

Die Sehnsucht nach dem Selbstbetrug

Der Kabarettist Mathias Richling hat in der Talkshow von Sandra Maischberger seinem Ärger über die Maßnahmen gegen das Coronavirus in einer Weise Luft gemacht, die bei Zuschauern und in den Medien Empörung ausgelöst hat. Nun hat er in einem Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten einiges relativiert und Erläuterungen nachgeschoben, die seine Position verständlich machen sollen und in der Tat zum größten Teil nachempfunden werden können. In diesem Gespräch wirft er den Virologen allerdings auch vor, dass sie gesagt hätten, die Krise würde zwei Jahre dauern. „Mit der Aussicht auf Drama kann der Mensch nicht leben“, fügte er hinzu.

Was schlägt er vor? Sollten die Virologen, die auch irren können, eine Erkenntnis für sich behalten, die sie für richtig halten? Sollen sie mit Rücksicht darauf, womit der Mensch angeblich nicht leben kann – und das ist, im Gegensatz zu dem möglichen Tod durch das Virus, in diesem Zusammenhang lediglich bildlich gemeint –, lügen? Sollen sie Trost spenden, statt dem wissenschaftlichen Ethos zu folgen?

In Zeiten der Gefährdung wird ein Thema virulent, das nie an Aktualität verloren hat, das Thema der Lebenslüge, des Selbstbetrugs. Es ist ein Thema, das bei den Dramatikern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zentrale Stellung eingenommen hat. Wenn Dramaturgen und Schauspieldirektoren behaupten, deren Stücke hätten uns heute nichts mehr zu sagen, sei ihnen empfohlen, im Schatten von Richlings Vorhaltung diese Dramen zu lesen (und, wenn sie ihre Aktualität begriffen haben, auf die wieder eröffneten Bühnen zu bringen): Die Wildente von Henrik Ibsen, Drei Schwestern von Anton Tschechow, Maxim Gorkis Nachtasyl, Ferenc Molnars Liliom, Eugene O'Neills Der Eismann kommt und Fast ein Poet, Die Glasmenagerie von Tennesse Williams oder Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden. Sie alle handeln von Menschen, die Wunschträumen und Lebenslügen nachhängen. Es muss nicht die zur Gewissheit umgedeutete Hoffnung sein, dass die gegenwärtige Krise schon irgendwie in absehbarer Zeit zu ende gehen werde. Die Herstellung der Analogie kann man den Zuschauern schon zumuten. Vielleicht werden sie dann erkennen, dass nicht die Virologen und auch nicht der Staat mit seinen Vorsichtsmaßnahmen ihre Gegner sind, sondern Lügen, die eine angemessene Reaktion verhindern.

Der Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin, einer der schärfsten Kritiker staatlicher Herrschaftsausübung, hat geschrieben: „Wenn ich mich vor der Autorität von Spezialisten beuge und bereit bin, ihren Angaben und selbst ihrer Leitung in gewissem Grade und, solange es mir notwendig erscheint, zu folgen, tue ich das, weil diese Autorität mir von niemand aufgezwungen ist, nicht von den Menschen und nicht von Gott. Sonst würde ich sie mit Abscheu zurückweisen und ihre Ratschläge, ihre Leitung und ihre Wissenschaft zum Teufel jagen, in der Gewissheit, dass sie mich die Brocken menschlicher Wahrheit, die sie mir geben könnten, in viele Lügen eingehüllt, durch den Verlust meiner Freiheit und Würde bezahlen ließen.“ Er war klüger als die Demonstranten, die tagein tagaus alle möglichen Formen von staatlicher Willkür hinnehmen, aber auf die Straße gehen, wenn die Warnungen von Virologen ernst genommen werden.

Thomas Rothschild - 16. Mai 2020
2679

The Milkman Cometh

Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache. Als ich ein Kind war, ging ich mit meiner Mutter über die Straße zum Unterberger. Herr Unterberger trug einen weißen Kittel wie ein Arzt und stets ein freundliches Lächeln im Gesicht. In seinen Regalen standen Butter und Himbeermarmelade, an der Theke lagen Extrawurst und Emmentaler, hinten im Abstellraum bewahrte er die Gurkengläser und die Nescafé-Dosen auf. Herr Unterberger kannte seine Kunden, es gab immer Zeit für einen kleinen Plausch, und wir Kinder bekamen eine Wurstscheibe geschenkt.

Im Nebenhaus war das Milchgeschäft. Mein Vater ging morgens mit der Milchkanne hinunter und brachte die frische Milch fürs Frühstück und die frisch gebackenen Semmeln vom Bäcker, nur am Sonntag gab es stattdessen Striezel, den man in meiner nachmaligen Heimat, in Stuttgart, Hefezopf nennt.

Später stellte Herr Unterberger seinen Laden auf Selbstbedienung um, und das Milchgeschäft und der Bäcker verschwanden. Jetzt konnte man, wo sie noch vor kurzem gehaust hatten, Eisenwaren kaufen. Für die nicht mehr so frischen Semmeln ging man ein paar Schritte weiter, in die billigere Variante einer vornehmen Lebensmittelkette (Brüder Kunz statt Julius Meinl), in der auch Kaffee ausgeschenkt wurde.

Beim Unterberger holte man sich die gewünschte Ware aus den nunmehr zugänglichen Regalen, ging damit zur Kasse und zahlte. Zunächst an der Registrierkasse, später am Lesegerät. Mit dem Anschreiben hatte es ein Ende, und für soziales Leben gab es kaum noch Zeit.

Auch diese Phase blieb von begrenzter Dauer. Am Stadtrand eröffneten die ersten Supermärkte mit ihren Parkplätzen. Man fuhr mit dem Auto hin und kaufte für die ganze Woche ein. Herr Unterberger musste zusperren. An den Ort seines Geschäfts zog ein seelenloser Laden für Badezimmereinrichtungen ein.

All dies aber wurde in den Schatten gestellt durch eine Einrichtung, die ich aus England kannte und die in Filmen überlebt hatte: durch den Milchmann, der jeden Tag früh morgens Milchflaschen vor der Haustür deponierte. Den praktischen Grund hatte diese auch in den USA verbreitete Sitte in der Tatsache, dass man damals noch keine Kühlschränke in der Wohnung hatte. Milch musste geliefert und rasch verbraucht werden, ehe sie sauer wurde.

Jetzt erleben wir die Ablösung der Supermärkte durch den Online-Service, der mehr und mehr auch die Zustellung von Lebensmitteln propagiert. Der Milchmann wird durch neuartige Fahrzeuge und durch Drohnen ersetzt, und die Extrawurst, der Zucker oder das Spülmittel wird gleich mitgeliefert. Im Prinzip sind wir aber wieder beim Milchmann gelandet.

Fortschritt? Na ja. The Online-Service Cometh.

Thomas Rothschild - 11. Mai 2020
2678

License to Kill

1968 war Robert Spaemann neben Max Bense Ordinarius für Philosophie an der Universität Stuttgart. Bei einer der öffentlichen Protestveranstaltungen gegen die zum Beschluss anstehenden und im Mai schließlich verabschiedeten Notstandsgesetze war Spaemann der Hauptredner. Als ich ihm viele Jahre später in der Landesbibliothek begegnete, bekannte er, auf diese Vergangenheit angesprochen, en passant, es sei der größte Fehler seines Lebens gewesen, dass er sich damals von den Studenten unter Druck habe setzen lassen.

Jetzt, 52 Jahre später, doziert Frank Castorf: „Als die BRD-Regierung Ende der Sechzigerjahre versuchte, eine Notstandsgesetzgebung durchzupeitschen, gab es einen wahnsinnigen Bürgeraufstand gegen diese Gesetze. Wo bleibt der heute?“ Entweder hat Frank Castorf, der damals in der DDR lebte, die Ereignisse aus der Ferne verzerrt wahrgenommen, oder er erinnert sich falsch. Von einem wahnsinnigen Bürgeraufstand konnte – leider – keine Rede sein. Unter den Parteien war die FDP, in der Walter Scheel eben erst Erich Mende als Vorsitzenden abgelöst und Ralf Dahrendorf an Einfluss gewonnen hatte, die einzige, die im Bundestag fast geschlossen gegen den Gesetzentwurf stimmte. Und der Protest ging in erster Linie von den Gewerkschaften, insbesondere von der IG Metall, und von der Studentenbewegung aus. Von den „Bürgern“ und von der überwiegenden Mehrheit der Medien wurde dieser Protest eher feindselig begleitet.

Was Frank Castorf bei seiner flotten Analogie übersieht, ist dies: Die Notstandsgesetze von 1968 richteten sich gegen die Menschen, gegen die Ausübung demokratischer Grundrechte in politischen Auseinandersetzungen. Sie sollten die Voraussetzungen schaffen für eine mögliche Entwicklung, wie wir sie zurzeit in Ungarn beobachten können. Die gegenwärtigen Gesetze und Verordnungen in Deutschland, die die Bewegungsfreiheit einschränken und – was Castorf besonders erregt – Empfehlungen wie jene zum Händewaschen ausgeben, richten sich gegen ein Virus.

Was Castorf und seine Gesinnungsgenossen fordern, ist die Lizenz zur fahrlässigen Tötung. Man kann noch großzügig darüber hinwegsehen, was die Allgemeinheit an Kosten mitzutragen hat, wenn Einzelne ihre eigene Gesundheit und ihr Leben gefährden. Aber die Maßnahmen gegen die Verbreitung von COVID-19 sollen nicht so sehr den einzelnen Menschen wie die gesamte Bevölkerung schützen. Wer ihr diesen Schutz versagt, gibt sie zum Abschuss frei. Ein hoher Preis für das Recht, sich in größeren Gruppen zu treffen oder auf Wasser und Seife zu verzichten. Der anarchische Gestus gegen die Bevormundung, den man sich an anderer Stelle tatsächlich häufiger wünschen würde, verschleiert hier nur ein Plädoyer für Rücksichtslosigkeit, wenn nicht für Sozialdarwinismus.

Originalton Castorf: „Aber angesichts der jetzigen Sterblichkeitsrate und der Zahl von bisher weniger als 6000 Corona-Toten sage ich: Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt, auch ein alter Mensch. Aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen.“ Ob der Theatermacher den Lauf der Dinge auch so gelassen akzeptierte, wenn unter jenen, deren Tod vermieden oder zumindest verschoben hätte werden können, seine engsten Freunde wären?

Thomas Rothschild - 4. Mai 2020
2677

Prioritäten

Die Stuttgarter Nachrichten melden, womit sich der grüne Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn Tadel eingeheimst hat. Er hat aus den bekannten Gründen für dieses Jahr das beliebte Cannstatter Volksfest abgesagt. Der CDU-Fraktionschef im Gemeinderat Alexander Kotz ätzte daraufhin: „Es ist kein Geheimnis, dass der OB nie eine große Leidenschaft oder gar Herzblut für das größte Fest der Schwaben entwickelt hat.“

In der selben Meldung verkündet das Forum der Kulturen das Aus für das vom 14. bis 19. Juli geplante Festival der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz. Über Herrn Kotz‘ Leidenschaft und Herzblut für diese Veranstaltung ist nichts zu erfahren.

Das ist Populismus pur. Auch noch bei sinnvollen Maßnahmen gegen die Verbreitung einer Krankheit schmeißt sich die CDU an die potentiellen Volksfestbesucher ran und macht für die gewiss in mancherlei Hinsicht bedauerliche Absage des „größten Fests der Schwaben“ den politischen Gegner verantwortlich. Man muss nicht der Ansicht sein, dass die Grünen eine Politik machen, die sich grundsätzlich von der ihrer Koalitionspartner im Land unterscheidet. Aber diese Art von Polemik ist widerwärtig.

In diesen Rahmen passt auch die Replik auf einen Vorschlag der Bezirksvorsteherin im Bezirk Stuttgart Mitte und Kandidatin der Grünen für die Nachfolge von Fritz Kuhn als Oberbürgermeisterin Veronika Kienzle. Sie hatte eine zeitweilige Erweiterung der Außengastronomie zur Kompensation der aktuellen wirtschaftlichen Einbußen ohne Gemeinderatsbeschluss und nur mit dem Plazet von Bezirksbeiräten, Polizei, Feuerwehr und Amt für öffentliche Ordnung ins Gespräch gebracht. Darauf konterte besagter Alexander Kotz mit schwerem rhetorischem Geschütz. Dass ausgerechnet Kienzle diesen Vorschlag unterbreitet habe, sei „an Absurdität kaum zu überbieten“. Insbesondere Gastronomen, Barbesitzer und Club-Betreiber seien bisher vor Konflikte mit der Bezirksvorsteherin gestellt worden, „gerade die Außengastronomie musste mit zentimeterscharfen Einwänden und zeitlichen Begrenzungen durch Kienzle kämpfen“. Da tut eine Grüne genau das, was bei der CDU gemeinhin oberste Priorität hat – sie kommt den wirtschaftlichen Interessen einer bestimmten Klientel entgegen –, und die CDU-Fraktion, statt sich darüber zu freuen, schießt sich in vorausschauendem Bammel vor der nächsten Wahl auf sie ein. Was sie wohlwissend verschweigt, was aber jeder Schüler im Volksschulalter begreift, ist dies: dass unterschiedliche Situationen unterschiedliche Reaktionen erfordern. Man kann sehr wohl gegen die ungebremste Ausbreitung von gastronomischen Angeboten und Events in den Innenstädten sein und ihnen in der besonderen Lage nach einer erzwungenen Schließung Kompromisse anbieten.

Da wir nicht unterstellen wollen, dass Alexander Kotz dumm ist, müssen wir davon ausgehen, dass er sich dumm stellt. Darüber könnte man mit einem Schulterzucken hinweg gehen, wenn die Folgen nicht so verheerend wären. Es kann einem nur angst und bang werden angesichts einer Politik, die keine Probleme lösen und keine Entscheidungen fällen will, die der Allgemeinheit nützen, sondern der es nur um die Vernichtung des politischen Gegners und um die Macht geht. Die CDU hat auf diese Verfahrensweise kein Monopol. Aber sie und ihr Kotz haben sich im aktuellen Fall unrühmlich hervorgetan. Mit Leidenschaft und Herzblut.

Thomas Rothschild - 1. Mai 2020
2676

Meinungen

Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers war ein eklatantes Beispiel. Als er erschienen war, begegnete man immer wieder Menschen, die eine dezidierte Meinung zu Walsers Buch hatten. Die einen hielten den Roman für antisemitisch, die anderen wiesen diesen Vorwurf vehement zurück. Nur eins hatten sie gemeinsam: Sie hatten das Buch nicht gelesen. Die einen sind geneigt, Walser für einen Antisemiten zu halten, weil das in das Bild passt, das sie sich seit der Paulskirchenrede von 1998 von diesem Autor machen. Die anderen lehnen diesen Verdacht von vornherein ab, weil sie Walser, wie sie ihn von früher her kennen, Antisemitismus „nicht zutrauen“.

Nun kann man Walsers Roman durchaus unterschiedlich lesen. Man kann auf Grund der Lektüre zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, auch wenn jeder seine eigene Interpretation für die einzig gültige und die entgegengesetzte für das Resultat schlampigen Lesens halten mag. Dabei spielen gewiss eigene Erfahrungen, Assoziationen, Idiosynkrasien, auch tatsächlich Missverständnisse eine Rolle. Nur eins kann man nicht: sich eine Meinung bilden, ohne den Gegenstand zu kennen, auf den diese sich bezieht. Es scheint mehr und mehr zur Mode zu werden, dass man Menschen weniger danach beurteilt, was sie tun und sagen, sondern danach, was man ihnen – im Guten wie im Bösen – „zutraut“. Das ist bequem. Aber auch ungerecht.

Die Paarung von Meinungsfreude und Informationsfaulheit geht aber noch weiter und wird von den Medien fortwährend unterstützt. Denn sie betrifft nicht nur Objekte, über die man, wie im Fall von Walsers Roman, unterschiedlich urteilen kann. Sie erstreckt sich auch auf Themen, die sich einer Meinungsäußerung entziehen. Eine Meinungsumfrage, ob der vergangene Sommer ungewöhnlich heiß gewesen sei, ist purer Unsinn. Die Antwort ist keine Sache der Meinungen, sondern der (messbaren) Fakten. Für sie ist das Statistische Zentralamt zuständig oder eine meteorologische Institution, nicht eine plebiszitäre Mehrheit. Abfragen lässt sich allenfalls, ob die Menschen den Sommer als ungewöhnlich heiß empfunden haben, nicht, ob er es tatsächlich war. Und wie wenig man sich auf Empfindungen verlassen kann, darüber belehrt uns die alltägliche Erfahrung ebenso wie die wissenschaftliche Psychologie.

Täglich aber werden, auch in seriösen Zeitungen, Meinungen abgefragt, wo es um Fakten geht. Jeder kann ja eine Meinung haben. Sich über Fakten zu informieren, ist manchmal aufwendig. Nur: ein Stein fällt, wenn man ihn loslässt, zur Erde, auch wenn eine Mehrheit der Meinung ist, er müsste nach oben fallen. Und die Zahl der Arbeitslosen wird nicht kleiner oder größer, wenn die bei einer Meinungsumfrage ermittelte Zahl von jener abweicht, die sich durch mehr oder weniger zuverlässige Statistiken nachweisen lässt. Auch die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus unterliegen nicht Meinungen, sondern überprüfbaren Tatsachen, die allenfalls noch nicht hinreichend erforscht sind. Man kann eine Meinung darüber haben, wie eine bevorstehende Wahl ausgehen wird. In dem Augenblick aber, in dem die Stimmen ausgezählt sind, ist solch eine Meinung irrelevant. Sie ist ebenso belanglos wie die Meinung, dass die Erde eine Scheibe sei, und die Erfahrung lehrt uns, dass jene Institutionen, die mit viel Geld und viel Aufwand Meinungen zu erforschen vorgeben, häufig schon zuvor schief lagen. Wer meint, dass der Evolution ein intelligentes Design zugrunde läge, mag sich darauf berufen, dass das Gegenteil nicht beweisbar sei. Sie ist genauso wenig widerlegbar wie die Meinung, dass auf jedem Schreibtisch ein unsichtbares Männchen sitze, das einem über die Schulter schaue. Bis zum Ausgang einer Wahl ist auch die Meinung nicht beweisbar, dass eine bestimmte Partei die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten werde. Dass sie falsch ist und immer falsch war, beweist erst das Wahlergebnis.

Man sollte also aufhorchen, wenn jemand mit Nachdruck und erhobenen Hauptes erklärt, er habe zu einer Sache eine Meinung. Geht es tatsächlich um etwas, das unterschiedliche Meinungen zulässt, oder camoufliert die vorgetragene Äußerung lediglich einen Mangel an Wissen?

Eine neuere Entwicklung ist übrigens, dass jeder, der eine Meinung in den Medien äußern darf oder gar eine Stelle an einer Fachhochschule besetzt, Philosoph genannt wird. Mit Odo Marquard, Jean-Paul Sartre, Karl Popper oder gar Immanuel Kant haben sie zwar weniger gemeinsam als mit jedem beliebigen Zeitungskolumnisten, aber ihr Geschwätz wird durch die Berufsbezeichnung geadelt. Als hielte man den Buchhalter von der Kleinfirma um die Ecke für einen Mathematiker. Bringt uns das weiter?

Ich meine ja nur...

Thomas Rothschild - 27. April 2020
2675

Auf Leben und Tod

Auf ZEIT ONLINE hat Luisa Jacobs von einem Rumänen berichtet, der zusammen mit 80.000 Landsleuten nach Deutschland eingeflogen worden war, um bei der Spargelernte auszuhelfen, an Covid-19 erkrankt und am Osterwochenende verstorben ist. Und sie resümiert über die zuständigen Politiker: „Sie haben in Kauf genommen, dass eine große Menge an Menschen zusammenkommt, zu einem Zeitpunkt, wo das aus gutem Grund überall verboten ist. Sie haben in Kauf genommen, dass sich das Virus verbreitet unter Menschen, von denen zwar nicht alle, aber doch viele zur Risikogruppe gehören. Der verstorbene Erntehelfer aus Rumänien war 57 Jahre alt.“

Unter den Kommentaren zu dem Artikel gibt es eine ganze Reihe, die ihm zustimmen. Es gibt auch, erwartungsgemäß, jede Menge Widerspruch. Schließlich will man sich die Freude am Spargel nicht durch solche Hiobsbotschaften verderben lassen. Ein „Argument“, das in unterschiedlicher Formulierung auftaucht, lautet: „Die Erntehelfer aus Osteuropa wollen die Arbeit tun. Der Lohn ist für diese sehr attraktiv. Wollen wir denen diese Erwerbsquelle nehmen?“ Es ist das uralte Kolonialherrenargument. Die Arbeitssklaven sollen dafür dankbar sein, dass sie skandalös bezahlt werden und im Grenzfall sogar ihr Leben riskieren. Die Ausbeuter als Wohltäter.

Dass diese Sekundärrationalisierung bei jenen funktioniert, die vom traditionellen und vom modernen Kolonialismus profitieren, ist nicht weiter verwunderlich. Erstaunlicher und auch deprimierender ist die Tatsache, dass viele Menschen solchen Vorwänden glauben, deren Interessen durch sie nicht berührt werden. Sie mögen mehr verdienen als die Erntehelfer aus Osteuropa oder auch aus Afrika, sie mögen es sogar schätzen, wenn sie sich das einstige Luxusprodukt Spargel leisten können, aber wenn sie nur einen Augenblick nachdächten und sich jener Werte besännen, die einst als Grundlage der Moral galten, an Gewissen, Menschlichkeit und Nächstenliebe, dann gälte ihre Solidarität den eingeflogenen Saisonarbeitern und nicht jenen Großunternehmen, die ihnen leutselig eine „Erwerbsquelle“ bieten. Auf Leben und Tod.

Thomas Rothschild – 19. April 2020
2674

Social Anbiederung

Zu den Kollateralschäden der Coronakrise gehört die Verkitschung des Alltags. Begonnen hat sie schon lange zuvor. Man kann ihren Ausbruch datieren mit Margarethe von Trottas Film Das zweite Erwachen der Christa Klages. Er zeigte, nicht etwa kritisch oder satirisch, sondern in höchstem Maße affirmativ und sentimental, eine Orgie der Umarmungen. Was bis dahin den Damen der besseren Gesellschaft vorbehalten geblieben war und von jedem halbwegs vernünftigen Menschen als affig belächelt wurde, das scheinheilige Bussi-Bussi, zog alsbald in den Alltag ein. Ich erinnere mich noch sehr genau: Das erste Mal fiel mir der befremdliche demonstrative Akt – ich war gerade von Wien nach Stuttgart übersiedelt – bei den Vernissagen in der Galerie am Universitätsinstitut von Max Bense auf. Der Körperkontakt als Ausweis von Sympathie und Solidarität wurde zum Ritual, das freilich nicht mehr bedeutet als der Handschlag, mit dem man symbolisch offenbart, dass man keine Waffe trägt.

Die Corona-Regeln haben der Umarmung Grenzen gesetzt. Das könnte man auf die Seite der positiven Folgen der Epidemie verbuchen. Aber die Not macht erfinderisch. Und so hat sich das Kitschbedürfnis in gesteigerter Form vom Körperlichen in die Sprache verlagert. Mit der so genannten „sozialen Distanzierung“, die genauer eine „räumliche Distanzierung“ ist, ist die Anbiederung mit der exponentiellen Verbreitung des Coronavirus in die sprachliche Kommunikation eingebrochen. Man redet mit einander, als habe man es mit dementen Trotteln zu tun, mit lauter Protagonisten der Risikogruppe, die man vor Witz, Ironie und auch Sarkasmus zu schützen habe und denen man nur die Begrifflichkeit eines Kleinkindes zutrauen kann. Unaufhaltsam werden sprachliche Streicheleinheiten verteilt, die leider nicht mehr sind als Floskeln, gedankenlos ausgeschiedene Leerformeln wie das Amen im Gebet. Dazu zählt auch die Aufforderung, die Quarantäne zu nutzen, indem man sich mehr mit sich selbst beschäftigt. Als ob es daran mangelte!

Derlei spendet nicht wirklich Trost. Aber es schadet der sozialen Hygiene. Und es bleibt zu fürchten, dass es die Coronakrise überleben wird, wie die Umarmungen der Christa Klages den Einzug des modernen Feminismus ins Kino und in die Gesellschaft überlebt haben.

Cecilia Bartoli, die Intendantin der Salzburger Pfingstfestspiele, teilt den „lieben Freunden“ via Website mit: „Ich hatte mich so darauf gefreut, die Proben mit dem fantastischen Salzburger Team und meinen Künstlerkollegen aufzunehmen und unser treues Publikum und Freunde zu treffen, die jedes Jahr nach Salzburg kommen – genau wie die, die dieses Jahr zum ersten Mal dabei sein wollten! Diese Entscheidung bricht mir das Herz, aber eines ist klar – Gesundheit geht vor! Es ist außer Frage, dass wir, unsere gesamte Gesellschaft, zusammenhalten müssen, um uns und unsere Lieben zu schützen. Es sind schwierige Zeiten für uns alle, aber ich bin sicher, dass die Kraft der Musik uns helfen wird, dies zu überstehen.“ Kitsch pur. Unverdünnter verbaler Sirup, der zumindest eine Magenverstimmung verursacht. Ach würde die große Bartoli doch singen anstatt zu dichten!

Hand in Hand mit der Verkitschung geht das Geplapper, die Äußerung von Meinungen, für die Widerspruchsfreiheit ein unmoralisches Ansinnen ist. In einem einzigen Interview sagt ein Medienwissenschaftler: „Und schließlich war die Diskursverweigerung von der Prämisse geprägt: Debatten verstören, sie verunsichern.“ „Und man sieht: Mehr Information macht uns nicht automatisch mündiger, sondern erhöht die Chancen effektiver Desinformation, zumal und besonders im Moment der gefühlten und der tatsächlichen Gefahr.“ „Denn wir sind im Moment nicht nur mit der Gefahr einer Virusinfektion konfrontiert, sondern erfahren auch, was es heißt, eine Infodemie zu erleben: Gerüchte und Spekulationen erreichen viele Menschen in nie gekannter Direktheit auf privaten Kommunikationskanälen und führen zur emotionalen Infektion, zu einer Gefühlsansteckung, die verunsichert und verstört.“ „Es gilt also, Abschied zu nehmen vom kommentierenden Sofortismus, der nur zur weiteren Überhitzung des Kommunikationsklimas beiträgt.“ Diskursverweigerung und Infodemie? Debatten verunsichern: falsch. Gefühlsansteckung verunsichert: richtig. Wie geht das zusammen? Egal. Bla bla bla. Pseudowissenschaftlicher Kitsch. Die Devise unseres Bescheidwissers lautet: „Medienwissenschaftler sollten daran arbeiten, sich selbst überflüssig zu machen.“ Sie sind es schon. Jedenfalls in Gestalt solcher Common-sense-Schwätzer. Einige Medienwissenschaftler, die diesen Namen verdienen, machen sich durch eine „medienmündige Gesellschaft“ ebenso wenig überflüssig wie Mathematiker, wenn die Bürger ihre Restaurantrechnung überprüfen können. Die Nachricht von der eigenen Überflüssigkeit hat den Träumer nur noch nicht erreicht.

Zur Verkitschung des Alltags gehört auch die Behauptung, die Coronakrise habe Mitmenschlichkeit und Solidarität produziert. Wenn es sie denn überhaupt in nennenswertem Ausmaß gegeben hat, so waren sie nicht von langer Dauer. Die Kriminalität hat sich in Windeseile an die neuen Verhältnisse angepasst. Statt Taschendiebstahl – Telefon- und Internetbetrug. Und der Bruder der Kriminalität, das Kapital – eine Verwandtschaft, die Brecht in seiner Dreigroschenoper auf die gültige Formel gebracht hat –, benötigte keinen Monat, um herauszufinden, wie man aus der Not der Mitmenschen Profit schlagen und sich bereichern könne. Die Bundesregierung hat eine Vorlage formuliert, wonach Fluglinien, die einen bei der Buchung sofort bezahlten Flug annulliert, also die gekaufte Ware nicht geliefert haben, anstelle einer Erstattung der geleisteten Zahlung Gutscheine ausgeben dürfen. Im Klartext: sie dürfen die Kunden nötigen, ihnen einen zinsfreien Kredit, ein Zwangsdarlehen zu gewähren. Dass die gleichen Kunden ihre Brötchen bei Aldi mit einem Gutschein, einzulösen bis zum 31.12.2021, anstatt mit Bargeld bezahlen dürften, wurde bisher nicht verlautet.

Auch in der Politik triumphiert die Kriminalität. In Ungarn nützt Viktor Orbán, unterstützt von der Mehrheit der demokratisch gewählten Parlamentarier, die Krise zur endgültigen Errichtung eines autoritären Regimes. Er führt uns vor, dass es keines Putsches bedarf und keiner militärischen Aktionen, um eine Diktatur zu etablieren. Das sollte all jenen zu denken geben, die den Willen zur Demokratie für eine gesicherte Gegebenheit halten. „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber.“ Das mag ja so sein, aber leider bilden diese Kälber manchmal eine Mehrheit. Das Coronavirus macht sie nicht klüger. Wo bleiben da die „guten Seiten“ der Krise? Die so reden, haben den Kitsch bis zur Verblödung internalisiert.

Apropos Verblödung: Als Nachtrag zu Wenn sich Euthanasie rechnet hier eine aktuelle Kolumne von Christian Ortner aus der von der Bundesregierung der Republik Österreich herausgegebenen Wiener Zeitung. Der auch auf der Achse des Guten präsente Autor liefert auch zur Coronakrise zuverlässig den vorhersehbar menschenfeindlichsten Kommentar. Ortner nennt das neoliberal, aber das ist für den Reaktionär vom Dienst aus der österreichischen Provinz offenbar dasselbe. Hier steht er. Er kann nicht anders. Amen.

Thomas Rothschild - 14. April 2020
2673

Fake News

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) forderte im Spiegel Bußgelder und Strafandrohungen gegen jene, die Fake News veröffentlichen. Es müsse verboten werden, öffentlich unwahre Behauptungen über die Versorgungslage der Bevölkerung, die medizinische Versorgung oder Ursache, Ansteckungswege, Diagnose und Therapie der Erkrankung COVID-19 zu verbreiten, denn die Lügen könnten Panik  auslösen.

Die Polizei in Kaiserslautern ist schon vor dem Vorschlag von Pistorius tätig geworden. Ein junger Mann hatte eine Internetseite der Tagesschau nachgebaut und mit der Falschmeldung einer Coronavirus-Infektion in Rheinland-Pfalz versehen. Die Meldung hat er dann einem Freund gezeigt. Dieser wiederum hat die Fake News abfotografiert und über soziale Medien verbreitet. Gegen den Mann und seinen Freund wurde wegen Vortäuschens einer gemeinen Gefahr ein Strafverfahren eingeleitet.

So weit, so unfake.

Und wie verhält es sich mit der Falschmeldung, dass Beten gegen COVID-19 helfe?

Wie verhält es sich mit der vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen in alle Haushalte übertragenen Fake News aus dem Stephansdom:

„Mit der Grablegung Jesu scheint alles zu Ende zu sein. Alle Hoffnung begraben. Doch noch einmal kommt es ganz anders. Frühmorgens finden die Frauen das Grab leer. Und bald begegnen sie ihm selber. Er lebt, nicht wie bisher, sondern in der neuen Wirklichkeit eines Lebens, das kein Tod mehr zerstören kann. Auch für uns kommt heuer alles anders. Corona ist aber nicht das Ende, auch wenn es eine schwere Prüfung ist. Auch uns führt Gott heuer durch diese lange Karwoche zum Ostermorgen!“

Diese Botschaft kommt nicht etwa als Glaubensbekenntnis daher mit dem gleichen Wahrheitsgehalt wie die Annahme, das Durchstechen einer Puppe mit Nadeln könne einen missliebigen Feind außer Gefecht setzen, sondern im Indikativ, als Tatsachenbehauptung. Sie kann zwar wohl keine Panik auslösen und täuscht auch keine gemeine Gefahr vor, aber auch eine tröstliche Fake News bleibt eine Fake News wie die Propagierung eines unwirksamen Medikaments. Ihr Status unterscheidet sich nur durch eine selbst in einer Welt von schwindenden Gläubigen größere Akzeptanz vom Glauben an den Osterhasen, der Eier versteckt. Fake News bleiben beide.

Dass derlei Einsicht bei ARD und ZDF zwischen den Gottesdiensten der diversen Religionen keinen Platz hat, ist inzwischen so selbstverständlich, dass es nicht auffällt.

Thomas Rothschild – 11. April 2020
2672

Corona bringt es an den Tag

Man traut seinen Ohren nicht. Die FDP, ausgerechnet, hat Keynes für sich entdeckt. Der liberale Politiker Michael Theurer verlangt eine staatliche Entschädigungen für diejenigen, die unter den Folgen der aktuellen Beschränkungen leiden: „Die Solidargemeinschaft braucht das Herunterfahren, die Solidargemeinschaft sollte auch gemeinsam die Kosten tragen." Er sagt „Solidargemeinschaft“ und meint, sofern er die Kosten im Auge hat, den Staat, dessen Einmischung sich die FDP in besseren Zeiten, in Zeiten also, da Profite gescheffelt wurden, mit Nachdruck verbeten hat. An eine einmalige Vermögensabgabe von besonders wohlhabenden Bürgern, wie sie die Linkspartei und die SPD fordern, dürften Theurer und seine FDP beim Begriff „Solidargemeinschaft“ jedenfalls nicht gedacht haben. Schon vor elf Jahren wunderte sich die konservative Zeitung Welt anlässlich einer Äußerung des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Rainer Brüderle: „Dass sich gerade die FDP auf Keynes beruft, ist originell. Schließlich standen die Liberalen bislang dem Ansatz dieses Ökonomen, der für eine starke Rolle des Staates im Kampf gegen Rezession und Arbeitslosigkeit plädiert hatte, überaus kritisch gegenüber.“

Mit großer Aufgeregtheit berichten die Medien jetzt, wie hoch die Verluste der deutschen Wirtschaft seien, die auf das Konto des Coronavirus gehen. Die Zahlen sind aufschlussreich. Sie verraten die Höhe der Gewinne, die vor dem Ausbruch des Virus Monat für Monat gemacht wurden, abzüglich der Gewinne, die auch jetzt noch gemacht werden. Es herrscht ja kein totaler Produktionsstillstand. Meldungen wie die folgenden gehen in den lautstarken Jeremiaden unter: „Eine starke Nachfrage nach Waren des täglichen Bedarfs hat den deutschen Einzelhändlern zu Beginn der Corona-Krise einen Umsatzsprung beschert. Ihre Einnahmen wuchsen im Februar um nominal 7,7 Prozent zum Vorjahresmonat und damit so kräftig wie seit knapp anderthalb Jahren nicht mehr.“ Und der Spiegel jubelt mitten in die Untergangsstimmung hinein: „Doch offensichtlich verkaufen sich derzeit nicht nur Notebooks, WLAN-Repeater und Laserdrucker besonders gut. ‚Auch Gefrierschränke und Kühlschränke werden überdurchschnittlich oft gekauft und auch Staubsauger sind derzeit sehr beliebt‘, heißt es von Mediamarkt/Saturn. Außerdem brumme es im Bereich Gaming.“ Wie viel von den Einnahmen der Vorkrisen- und auch noch der Krisengewinnler ist bei jenen angekommen, die sie mit den von ihnen geschaffenen Werten einfahren, bei den Arbeitern in den Betrieben, den Angestellten in den Büros und den Geschäften? Die Coronakrise bringt es an den Tag. Sie macht ein wenig transparent, was ansonsten eher geheim gehalten wird. Und sie verschweigt, was die Konzerne sehr genau vorhersehen: das Himmlische Jerusalem hinter der Apokalypse.

Was die Wirtschaft plagt, wiederholt sich in kleinerem Maßstab bei freischaffenden Autorinnen und Autoren. Es ergibt sich das Paradox, dass jene die größten Verluste durch die Coronakrise erleiden, die die höchsten Gewinne gemacht haben. Bekanntlich können die wenigsten Autoren von den Honoraren für ihre Bücher leben. Ins Gewicht fallen Lesungen, die sie mit etwas Glück absolvieren. Wer sich einen Agenten leisten kann, der für Starautoren erkleckliche Lesungshonorare aushandelt, wer nach dem Erscheinen eines Buchs von Ort zu Ort fährt und dabei recht gut verdient, hat jetzt, da die Lesungen wegen der Ansteckungsgefahr ausfallen, herbe Einbußen zu ertragen. Man redet nicht darüber, aber es sei hier verraten, dass es Autoren, auch Fernsehjournalisten gibt, die für eine Lesung – etwa vor Industriellen – mehrere Tausend Euro erhalten. Wer aber ohnedies wenig oder nichts zu erwarten hat, bleibt verschont. Ich gehöre einer Autorenvereinigung an, deren Mitglieder in ihrer großen Mehrheit an der Armutsgrenze leben. So sie in Kleinverlagen veröffentlichen, müssen sie schon zufrieden sein, wenn sie zwei, drei Lesungen im Jahr haben, die oft mit weit unter den von den Schriftstellerverbänden empfohlenen Honoraren entgolten werden. Ihr Coronatribut fällt kaum ins Gewicht. Sie haben schon zuvor wenig verdient. Das künstlerische Prekariat bleibt mit und ohne Virus Prekariat. Das gilt auch für nicht fest angestellte Schauspieler, Musiker, Performer. Anders als Deichmann und H&M können sie sich nicht einfach weigern, ihre Miete zu bezahlen. Angesichts dieses Zustands hält sich das Mitleid mit Großunternehmen, die staatliche Unterstützung fordern, in Grenzen.

Thomas Rothschild - 7. April 2020
2671

Fast alles wie zuvor

Zu den dämlichsten Phrasen, derer sich Journalisten bedienen, die zur Sprache ein eher gestörtes als intimes Verhältnis haben, gehört das Mantra, es werde „nichts mehr so sein wie vorher“. Sie bringt fünf Kernelemente des schlechten Journalismus zusammen: das Pathos, die Übertreibung, die Vereinfachung, die Pauschalisierung, die vorgetäuschte Gewissheit. Und sie ist schlicht unzutreffend. Sie kursierte epidemieartig, als zwei Flugzeuge die New Yorker Twin Towers zum Einsturz brachten. Sie tauchte bei jeder kleineren Katastrophe wieder auf. Und sie feiert nun, anlässlich des Coronavirus, eine geradezu bombastische Renaissance.

Der Satz ist so offensichtlich falsch, dass man sich nur darüber wundern kann, wie hirnlos er in den Medien dahergeplaudert wird. Fast alles ist nach 9/11 so geblieben, wie es war, und fast alles wird nach Überwindung der Corona-Krise so bleiben wie zuvor: Die Naturgesetze sowieso – Wasser wird nach wie vor von oben nach unten und nicht von unten nach oben fließen, ein Körper wird im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung verharren, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte gezwungen wird, diesen Zustand zu verändern – und die sozialen Zustände auch. Die Menschen in den reichen Ländern werden weiterhin untätig zusehen oder vielmehr wegschauen, wenn täglich Kinder in der Dritten Welt massenweise verhungern, einige Wenige werden immer größere Reichtümer anhäufen, während sehr viel mehr mit einem Existenzminimum ihr Auslangen finden müssen, die Obdachlosen werden wie zuvor die überteuerten Mieten für eine Wohnung nicht bezahlen können, und der Staat wird wie zuvor weniger zögern, eine insolvente Bank zu unterstützen als ein insolventes Theater. Die Regale werden wieder gefüllt sein mit hinreichenden Mengen von Klopapier, das, wer sich mittlerweile das Sparen angewöhnt hat, auch beidseitig verwenden kann. Der Erfolg liegt auf der Hand. Der CO2-Ausstoß wird so hoch sein wie vorher, und die Gletscher werden weiter abschmelzen. Man wird weiterhin die gleichen unfähigen Politiker wählen und undemokratische Maßnahmen mit einem Schulterzucken hinnehmen oder sogar befürworten. George W. Bush hat einen auch für seine Heimat unheilvollen Krieg gegen den Irak begonnen. Er wurde trotzdem ein zweites Mal zum Präsidenten der USA gewählt. Alles wie vorher. Viktor Orbán hat seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2010 systematisch die Demokratie in Ungarn demontiert. Trotzdem wurde er 2014 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Alles wie vorher. Journalisten, die gebetsmühlenartig versichert hatten, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, versicherten weiterhin, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, und widerlegten mit ihrer eigenen Persistenz ihre These. Sie waren wie vorher.

Ebenso unbestreitbar freilich wie das Faktum, dass nach dem New Yorker Attentat fast alles so geblieben ist wie vorher und dass das auch nach dem Datum „Corona“ so sein wird, ist die Tatsache, die in der Antike auf gut Altgriechisch auf „panta rhei“ verkürzt wurde: „alles fließt“. Mit anderen Worten: Veränderung findet ständig statt. Bertolt Brecht hat diese Gleichzeitigkeit von Veränderung und Beharrung so in Verse gebracht: „Von den Großen dieser Erde / melden uns die Heldenlieder: / Steigend auf so wie Gestirne / gehn sie wie Gestirne nieder. / Das klingt tröstlich, und man muss es wissen. / Nur: für uns, die sie ernähren müssen / ist das leider immer ziemlich gleich gewesen. / Aufstieg oder Fall: Wer trägt die Spesen?“

Das Einzige, was spektakuläre Ereignisse wie 9/11 oder eine Epidemie vom üblichen Ablauf der Geschichte unterscheidet, ist die Geschwindigkeit und damit die Sichtbarkeit von – kurzfristigen oder anhaltenden – Veränderungen. Die Industrialisierung etwa oder die Erfindung des Computers haben weitaus mehr verändert als islamistische Terroristen und das Coronavirus zusammen. Nach Henry Ford oder Bill Gates war sehr viel mehr „nicht mehr wie vorher“ als nach den Katastrophen unseres Jahrhunderts. Nur zeigte sich das nicht schlagartig, sondern erst allmählich. Kein Thema also für Zeitungsüberschriften. Die Leben vom Tag. Über einen größeren Zeitraum blicken sie oder vielmehr ihre Verfasser nicht hinaus. Das wird bis auf weiteres so bleiben. Wie zuvor.

Dass übrigens selbst die Quarantäne in punkto Vereinsamung heute nicht ist wie die Quarantäne zur Zeit der Spanischen Grippe, ist nicht eine Folge der Pandemie vor gut einem Jahrhundert, sondern der Erfindung von Fernsehen und Versandbuchhandel. Die Welt ist längst in die Wohnzimmer gedrungen. Allmählich. Und ganz ohne Katastrophe. Schon vor dem Coronavirus saß die Familie vor dem Bildschirm und schwieg. Das Familienleben fand in der Lindenstraße statt. Das wird auch nach der aktuellen Krise so sein. Auch wenn die Lindenstraße dann einen anderen Namen trägt.

Thomas Rothschild - 1. April 2020
2670

Wenn sich Euthanasie rechnet

Die Stuttgarter Zeitung titelt: In Straßburg lässt man die Alten sterben. Man mag sich fragen, ob solch eine Überschrift, bei aller Liebe zur Pressefreiheit, zielführend ist. Für die Alten in den nahe gelegenen deutschen Städten dürfte sie jedenfalls wenig beruhigend sein. Es könnte ihnen schon den Schlaf rauben, wenn sie überlegen müssen, wann sie an der Reihe sind.

In dem Artikel wird ein Papier von Mitarbeitern des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen zitiert. Darin wird berichtet: „Zudem würden über 80-jährige Patienten nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge ‚Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln‘.“ Verantwortlich für die Misere ist ein Mangel an Beatmungsgeräten. (Nebenbei: hat man alle Beatmungsgeräte beschlagnahmt, die in den Firmen, die sie herstellen, herumstehen?)

Man versetze sich in die Lage der Straßburger Ärzte, die darüber zu entscheiden haben, wer von den Infizierten beatmet werden soll und wer nicht. Eine Entscheidung über Leben und Tod. Sollen sie jüngere Patienten sterben lassen? Sollen sie auslosen, wer in den Genuss eines Beatmungsgeräts kommt? Wer darauf keine einleuchtende Antwort weiß, sollte sich seine wohlfeile Empörung für andere Anlässe aufbewahren.

Die engagierte Medizinjournalistin Renate Jäckle hat schon vor vielen Jahren auf einen Aufsatz in einem deutschen (!) Ärzteblatt hingewiesen, in dem empfohlen wurde, bei Patienten in Intensivstationen nachzurechnen, wie viel sie nach ihrer Genesung noch an Einkommen zu erwarten hätten. Wenn das weniger sei als ihre Behandlung koste, solle man alle lebensverlängernden Maßnahmen einstellen. Im Klartext: Euthanasie unter volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt. Jäckles Aufdeckung hat nach meiner Erinnerung keine Zeitung erregt. Eine Schlagzeile des folgenden Wortlauts blieb aus: "In Deutschland lässt man die Armen sterben“.

Der Alltag fand schon vor dem Coronavirus statt. Die Straßburger Ärzte trifft keine Schuld.

Thomas Rothschild – 27. März 2020
2669

Das vernehmliche Schweigen des PEN

Die Präsidentin des PEN Zentrums Deutschland Regula Venske hat ein Problem. Das Coronavirus hat es ihr eingebrockt. Sie stellt klar: „‚Soziale Distanz‘ klingt wie ein Begriff aus dem Wörterbuch des Neoliberalismus. Wir alle aber wissen, dass jetzt soziale Nähe gefragt ist: Kooperation, Verantwortung füreinander. Man mag sagen, dass es derzeit dringlichere Probleme gibt, als Worte auf die Goldwaage zu legen. Aber Sprache prägt unser Denken und unser Verhalten. Im Englischen bedeutet social heute vor allem ‚gesellig‘ und erst in zweiter Linie das, was wir im Deutschen unter sozial verstehen. Social distancing mag also angehen. Im Deutschen steht das Wort sozial allerdings vor allem für gesellschaftliche Werte wie Gemeinsinn und Solidarität. Jetzt sind physische Distanz bzw. körperlicher Abstand geboten, ‚soziale Distanz‘ hingegen, das macht die Corona-Krise deutlich, gerade nicht!“

Das kommt, wenn man sich in seinem sprachkritisch-moralistischen Eifer auf Wörterbücher verlässt. Das englische „social“ wird heute, im englischen wie im deutschen Sprachraum, vor allem in einem Zusammenhang verwendet, nämlich in der Kombination „Social Media“. Damit sind bekanntlich digitale Medien wie Facebook oder Twitter gemeint, und das Attribut bedeutet weder „gesellig“, noch „sozial“ im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten wie Gemeinsinn und Solidarität. Wenn man den missverständlichen Ausdruck „soziale Distanz“ oder „soziale Distanzierung“ ablehnt, so bietet sich im Deutschen das Beiwort „räumlich“ an. Der Vorschlag „körperlicher Abstand“ allerdings beweist nur, dass die PEN-Präsidentin ein innigeres Verhältnis zu Verboten als zur deutschen Sprache hat. Der Abstand zwischen Körpern ist ebenso wenig körperlich wie das Verhältnis des Denkens zur Sprache sprachlich ist.

Bedenklicher als solche Unschärfen der Sprache, des Denkens und des Verhaltens jedoch ist, dass der deutsche PEN vor lauter Aufgeregtheit über das Adjektiv „sozial“ seine Kernaufgaben vergisst. Sie stehen in der PEN-Charta. Da heißt es unter anderem: „Der PEN steht für den Grundsatz eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten. Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur.“

Übermorgen erscheinen im Rowohlt Verlag die Memoiren von Woody Allen. Wie seit zweieinhalb Wochen bekannt, haben eine Reihe von Autorinnen und Autoren des Verlags gegen die Veröffentlichung dieses Buchs protestiert. Der deutsche PEN hat vernehmlich zu diesem Ansinnen geschwiegen. Er hat nichts dagegen vorzubringen, dass ein intellektueller Lynch-Mob das freie Wort verhindern möchte und Zensur fordert. Der Hinweis, Woody Allen könne ja anderswo publizieren, kann nur als zynisch bewertet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die gegen Woody Allen vorgebrachten Vorwürfe weder bewiesen, noch gar von einem Gericht, das im Gegensatz zu Rowohlt-Autoren für Verstöße gegen Gesetze zuständig wäre, bestätigt wurden. Selbst wenn das nämlich der Fall wäre, hätte die PEN-Charta Gültigkeit. Darin steht nichts davon, dass sie durch Vergehen welcher Art auch immer außer Kraft gesetzt würde. Auch ein Jean Genet steht unter ihrem Schutz.

Das Schweigen des deutschen PEN zur Zensurforderung von Kolleginnen und Kollegen Woody Allens, die von ihm vor allem unterscheidet, dass sie nicht so gut schreiben wie er, macht die Forderung von Gemeinsinn und Solidarität unglaubwürdig. Sie kommt, wie sich erweist, von Sittenwächtern, die in ihrer Polizei- und Zuchtmeistermentalität selbst dort Vergehen ahnden, wo kein Vergehen erwiesen ist. Dafür eignet sich weder das Beiwort „sozial“, noch „physisch“, noch „körperlich“. Vielleicht käme „niederträchtig“ in Frage.

Thomas Rothschild – 26. März 2020
2668

James Bond

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Sexismus und Rassismus – ganz im Sinne der legendären F-Skala von Adorno u.a. – eng mit einander verbunden sind, könnten die James-Bond-Filme und die ihnen zugrunde liegenden Romane von Ian Fleming einen überzeugenden Dienst leisten. Nach den Maßstäben, mit denen Filme oder auch Theaterstücke heute beurteilt werden, hätten sie seinerzeit zu massiven Protesten führen müssen. Frauen fallen regelmäßig und augenblicklich in die Horizontale, wenn James Bond – egal in wessen Gestalt – sich ihnen nähert. Und die Masterminds des Bösen tragen zwar deutsch klingende Namen – Blofeld, Goldfinger, Stromberg –, aber die ausführenden Übeltäter sind zu einem guten Teil als Asiaten oder Schwarze gekennzeichnet. Ihnen stehen nur sehr wenige „gute“ Figuren gegenüber, die nicht der „weißen Herrenrasse“ angehören. Es gibt kaum ein rassistisches Klischee, das die so erfolgreiche Filmserie, die insgesamt mehr als 15.000 Millionen Dollar eingespielt hat, ausgelassen und nicht mit Nachdruck wiederholt hätte.

Die Frage ist: wie viele von den mehreren Millionen Zuschauern, die im Lauf eines halben Jahrhunderts James-Bond-Filme gesehen haben, wurden durch sie in ihrer Einstellung zu Frauen, Chinesen, Japanern, Afrikanern, auch Russen, dem politischen Hauptfeind der „westlichen Welt“ in den Jahren des Kalten Krieges und des nuklearen Wettbewerbs, und, auf der Höhe der Zeit, zu Nordkoreanern geprägt? Die Medienwirkungsforschung gibt uns nur sehr unzuverlässige und widersprüchliche Antworten. Vieles spricht dafür, dass durch solche Filme lediglich vorhandene Prädispositionen bestärkt werden – der „Reinforcement-Effekt“ –, nicht aber Meinungen produziert werden. Wer schon zuvor der Ansicht war, dass Frauen nur darauf warten, „genommen“ zu werden, dass sie entweder dumm oder hinterhältig sind, dass „Farbige“ gewalttätig seien, mag sich durch solche Klischees bestätigt fühlen. Wenn das aber zutrifft, ist es müßig, gegen Filme, Theaterstücke, Bücher vorzugehen, die diese Klischees transportieren. Verhindert werden müssen Überzeugungen, die für sie empfänglich machen. Es bedarf, um ein eklatantes Beispiel zu nennen, keiner Filme, die Roma und Sinti in diffamierender Weise darstellen. Der Antiziganismus ist, wie Hajo Funke eben erst in der Januar-Nummer von konkret nachgewiesen hat, eine bei der Mehrheit der Deutschen tief verankerte Einstellung. Sie gilt es zu bekämpfen, nicht den Zigeunerbaron oder Carmen.

Wer früh, sehr früh gegen die Anfälligkeit für Sexismus und Rassismus immunisiert wird, wird auch James-Bond-Filme unbeschadet überstehen. Er wird sie als das sehen und mögen oder auch nicht mögen, was sie sind: Märchen für Erwachsene mit einer klaren Trennung von Gut und Böse. Er wird das Kino verlassen wie Kinder die Märchenlektüre. Sie wissen in der Regel ziemlich genau, dass es im wirklichen Leben keine bösen Hexen und keine guten Feen gibt. Wer allerdings daran zweifelt, sollte die James-Bond-Filme zumindest mit der gleichen Vehemenz verdammen wie Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung oder Molnárs Liliom.

Thomas Rothschild - 24. März 2020
2667

Staatshilfe

Jetzt schreien auf einmal alle nach dem Staat. Der Staat soll aushelfen, wo das Coronavirus mit ungeahnter Schnelligkeit die Einkünfte zusammenbrechen lässt. Woher aber hat der Staat das Geld, von dem nun alle ihren Anteil haben wollen? Richtig: aus den Steuern. Da wäre es doch nur logisch und gerecht, wenn jene, die ständig gegen Steuern polemisieren und den Staat beschimpfen, wenn er diese eintreibt, jetzt auch keine staatliche Hilfe forderten und erst recht keine Steuergelder erhielten. Die Privatisierung der Gewinne und die Vergesellschaftung der Verluste – das ist ihr Rezept.

Diese Erfahrung gehört zum Alltag. Dennoch schimpft man vom Stammtisch bis zu den Kommentaren in den Zeitungen über zu hohe Steuern und nimmt es widerspruchslos hin, dass einem Waren und Leistungen zu schamlos überteuerten Preisen verkauft werden. Dennoch wird als Dogma verkündet, private Initiativen seien in jedem Fall effizienter als verstaatlichte Unternehmen, und als Verfassungsfeind diffamiert, wer – übrigens: in Übereinstimmung mit der Verfassung – die Möglichkeit von Verstaatlichung reflektiert, wer die Verantwortung für das Gemeinwohl höher veranschlagt als das Profitinteresse, wer Fürsorgepflicht als zumindest ebenso verbindlich betrachtet wie Loyalität, und wer sich gegen die Asymmetrie einer Ordnung ausspricht, die Gewinne eben privatisiert und Verluste vergesellschaftet. Wenn mal wieder die Risikobereitschaft von Unternehmern gepriesen wird, lasse man sich jenen Unternehmer zeigen, der nach dem Bankrott in ähnlich armseligen Verhältnissen lebt wie die Arbeitnehmer, die durch seine Schuld ihre Arbeit verloren haben, denen also der „Arbeitgeber“, im genauen Gegenteil zur irreführenden Terminologie, erst die Arbeit und dann den Arbeitsplatz genommen hat. Wohnen die Hochstapler, die für Millionenpleiten im öffentlichen Bereich, für die Fehlkalkulationen bei der Elbphilharmonie, beim Berliner Flughafen, von Stuttgart 21 verantwortlich sind, für die in der Tat der Steuerzahler aufkommen muss, jetzt unter der Brücke? Hat man ihren Perserteppich gepfändet?

Niemand gibt gern von seinem Bruttolohn oder -gehalt mehr ab, als nötig. Aber die eingezogenen Steuern werden immerhin in die Gesellschaft zurückgeführt. Dass sie sinnvoll verwendet werden, kann der Staatsbürger über Wahlen beeinflussen, und dass diese Einflussmöglichkeiten erweitert und demokratisiert werden, kann ein politisches Programm sein. Aber was Großunternehmen mit den Milliardengewinnen aus überteuerten Preisen und Gebühren machen, bleibt grundsätzlich außerhalb der Einflussmöglichkeiten der Staatsbürger. Es gibt keinen hinreichenden Grund, diese überbezahlten Beträge stillschweigend als Preis der Marktwirtschaft hinzunehmen und dafür auf den Staat zu schimpfen. Wo bleibt der Aufschrei, wenn Banken, die jeden kleinen Lohnempfänger, der sein Konto überzieht, kräftig zur Kasse bitten, Großkunden, wenn die sich, nach jahrelangen Profiten, gründlich verrechnet haben, die Schulden erlassen (oder anders ausgedrückt: ihnen großzügig schenken, was der kleine Sparer und Kreditnehmer eingezahlt hat)?

Es entspricht dieser Logik, dass es als wesentlich verzeihlicher gilt, Steuern zu hinterziehen, also die Allgemeinheit zu bestehlen, als im Kaufhaus zu klauen, also Aktionäre zu schädigen. Im übrigen holt sich das Kaufhaus jede gestohlene Krawatte, das Hotel jedes gestohlene Handtuch wieder zurück über die überhöhten Preise, die wiederum der ehrliche „kleine Mann“ blechen muss, der weder geklaut noch Steuern hinterzogen hat.

Es gibt viele Gründe, kritisch, ja ablehnend zu reagieren auf staatliche Missstände, auf die Bürokratie, auf die Selbstherrlichkeit der Politiker. Aber der mittlerweile durchgesetzte kapitalistische Konsens, dass es der Staat, nicht das Kapital sei, von dem der Bürger geschröpft werde, ist gefährlich, weil eminent antidemokratisch. Allen Totalitarismustheorien zum Trotz: der Nationalsozialismus, der zwar nationalistisch, aber nichts weniger als sozialistisch war, hat mit größter Eile die Parlamente, nicht das Kapital entmachtet. Die Polemik gegen zu hohe Steuern und die Bestärkung von antistaatlichen und antiparlamentarischen Ressentiments gehört zum stets wirkungsvollen Repertoire der Populisten. Gerne hörte man von ihnen, wer ihrer Meinung nach Schulen und Kindergärten, Krankenhäuser und Theater, meinetwegen auch Autobahnen und Vollzugsanstalten bezahlen soll. Die Telekom? Lufthansa? Daimler?

Klar ist die Unverfrorenheit skandalös, mit der sich Parlamentarier regelmäßig die Diäten erhöhen, die der Steuerzahler, dessen Realeinkommen sinkt, finanzieren muss. Aber wer protestiert gegen die ebenfalls vom Konsumenten bezahlten Gehälter, die sich Generaldirektoren bewilligen und im Vergleich zu denen Abgeordnetengehälter ein Klacks sind?

Die Privatisierung der Gewinne und die Vergesellschaftung der Verluste – diese Regel sollte sich der Staat nicht zueigen machen.

Staatshilfe: ja. Aber zuerst für die Kleinen, für die Selbständigen, die Künstler, die mittelständischen Betriebe, deren Existenz in der Tat gefährdet ist. Bei den Großunternehmen und Konzernen aber, die jetzt riesige Verluste melden, sollte man genau überprüfen, wie hoch die Gewinne waren, die sie in ihrer Steuererklärung angegeben haben. Sie sollten nicht auch noch für die entgangenen Einnahmen ersetzt bekommen, was sie dem Staat zuvor unterschlagen haben. Denn die Kassen des Staats wieder auffüllen müssen die vielen kleinen Arbeitnehmer, die ihre Steuern brav und widerspruchslos bezahlen. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Thomas Rothschild – 18. März 2020
2666

Corona-Notizen

1. Es gibt viele Gründe, an Politikern, ihrer Qualifikation und ihren Entscheidungen zu zweifeln. In der gegenwärtigen Situation aber, die durch das Coronavirus entstanden ist, sind sie nicht zu beneiden. Was immer sie tun – sie können es nur falsch machen. Wenn sie Maßnahmen treffen, die mit Einschränkungen verbunden sind, wirft man ihnen diktatorische Ambitionen vor. Wenn sie darauf verzichten, macht man sie für die Folgen verantwortlich, die sich durch solche Maßnahmen hätten vermeiden lassen.

2. Mit einer Bedrohung der Demokratie haben Einschränkungen der Bewegungs- und Reisefreiheit unter den gegebenen Umständen nichts zu tun. Es gibt kein demokratisches Recht auf Gefährdung von Menschenleben oder auch nur der Gesundheit anderer Menschen. Wenn auch nur ein Leben dadurch gerettet wird, dass die Bevölkerung für eine bestimmte Frist daheim bleibt, dann ist es richtig und demokratisch, dies zu verordnen. Die National Rifle Association of America hält es für ein demokratisches Grundrecht, Waffen zu besitzen, auch wenn das nachweislich zu zahlreichen Tötungen führt. Wir sind klüger. Sind wir es auch, wenn es um die Reisefreiheit geht?

3. Zur Erinnerung: Das Coronavirus ist Natur, der Impfstoff, an dem man jetzt mit Druck arbeitet, Antinatur.

4. Zugegeben: es ist unerfreulich, wenn man auf Theater-, Kino- oder Kneipenbesuche verzichten muss. Es ist unbequem, wenn man etwas länger suchen muss, um in einem Supermarkt Klopapier zu finden. Aber das lautstarke Gejammere beweist nur, wie wenig Fantasie die meisten für die Lebensumstände in ferneren Regionen aufgewandt haben. Verglichen mit der Situation derer, die die Straße nicht ohne das Risiko überqueren können, von einem Scharfschützen erschossen zu werden, oder die täglich und nächtlich mit der Möglichkeit rechnen müssen, von marodierenden Banden überfallen, gefoltert und getötet zu werden, ist die Lage im Zeichen des Coronavirus mehr als nur erträglich. Wo der Ausfall eines Fußballspiels als tragischer empfunden wird als die unterlassene Rettung von Menschenleben, und sei es nur ein einziges, ist Hopfen und Malz verloren.

5. Bei allen Unterschieden, ja Gegensätzen, haben Sozialisten und religiöse Menschen vom Anspruch her eins gemeinsam: Menschenleben haben für sie vor Gelderwerb und finanziellem Wohlstand oberste Priorität. Wenn man die Kommentare zur Corona-Krise liest, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das in Vergessenheit geraten ist. Wirtschaftliche Einbußen bereiten vielen offenbar ein größeres Kopfzerbrechen als die bedingungslose Bewahrung von Menschenleben. Angesichts des Feilschens etwa um Impfstoffe muss man überprüfen, ob der Kapitalismus wirklich das beste aller Systeme ist, wie manche behaupten.

6. Katastrophen sind in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten. Anders aber als bei Kriegen oder Attentaten, anders als bei Tschernobyl, anders sogar als bei Hochwasser, das sich unverantwortbaren Flussregulierungen verdankt, oder bei Waldbränden, die auf das Konto von exzessiven Rodungen gehen, anders als bei den Klima-Folgen einer auf Profit ausgerichteten Wirtschafts- und Umweltpolitik, verbietet sich bei Seuchen und Epidemien eine Schuldzuweisung. Das erzeugt einerseits das Gefühl der Hilflosigkeit. Wo kein Schuldiger zu benennen ist, fällt eine bekämpfbare Ursache weg. Religiöse Fanatiker nehmen, wie im Fall der Sintflut, die Menschheit und ihre Sünden in Haftung. Für aufgeklärte Menschen ist das keine Option. Die gute Seite dieses Umstands ist, dass Epidemien eher nicht zur Entsolidarisierung führen, dass sie es Demagogen erschweren, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Jedenfalls in unserer Gegenwart hat sich noch keine nennenswerte Gruppe angeschickt, die „Brunnenvergifter“-Legende aufleben zu lassen.

7. In der Schule und in den Medien haben wir von den großen Epidemien gehört, von der Pest, der Cholera, dem Ebolafieber. Aber sie blieben stets abstrakt, zeitlich oder räumlich weit entfernt. Das Coronavirus, wenngleich (noch) nicht so gefährlich wie die genannten Krankheiten, vermittelt uns eine sinnliche Erfahrung über die Ängste und die Sorgen der Menschen, die mit diesen Epidemien leben mussten. So gesehen ist, was wir zurzeit durchlaufen, ein Stück anschaulichen Geschichtsunterrichts. Das ist zwar kein Trost, aber man könnte daraus immerhin mehr lernen als in der Schule.

8. Alle Verlautbarungen zum Coronavirus weisen darauf hin, dass ältere Menschen besonders gefährdet seien und die Wahrscheinlichkeit eines schweren oder gar tödlichen Verlaufs bei ihnen signifikant höher sei als bei jungen Menschen. Man sollte sich aber nicht verrückt machen lassen. Bagatellisierung der Krankheit ist eine Sache. Eine realistische Einschätzung eine andere. Ältere Menschen haben auch ohne Coronavirus eine höhere Chance zu sterben als junge. Immer noch ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs oder Herzversagen zu sterben, um ein Vielfaches höher als der Tod durch das Coronavirus. Selbst in Verkehrsunfällen – und die ließen sich vermeiden – sterben mehr Menschen als bislang am Coronavirus. Bis zum 16. März gab es in Deutschland 13 Todesfälle wegen des Coronavirus. Die Grippewelle 2017/18 hat in Deutschland 25.100 Menschen das Leben gekostet. Diese Dimensionen sollte man sich vor Augen halten, ehe man in Alarmstimmung verfällt. Wer weiß: vielleicht macht die Angst mehr Menschen krank als das Virus.

9. Wofür ich plädiere, ist nicht die Verharmlosung des Coronavirus. Es erscheint mir nur wenig produktiv, wenn man sich angesichts vergleichsweise geringer Wahrscheinlichkeiten in läh­mende Ängste hinein suggerieren und damit von jenen Tätigkeiten ablenken lässt, die allerdings von größter Dringlichkeit wären: nämlich einerseits der politische Kampf für die Zukunft, ander­erseits die Beachtung von gegenwärtigen Katastrophen, die kaum je in unser Gesichtsfeld geraten. Was in unserem Eurozentrismus vergessen wird, ist die Tatsache, dass die Dritte Welt die Katastrophe nicht erst zu imagi­nieren braucht: für sie ist sie ständige gegenwärtige Realität. Wem es nicht nur darum geht, sich narzisstisch in seinen Ängsten zu baden, sondern Katastrophen tatsächlich zu beseitigen, der muss verstärkt für einen Ausgleich zwischen den hochentwickelten In­dustriestaaten und der Dritten Welt kämpfen. Das bedeutet kon­kret: eine radikale Senkung des Lebensstandards in Europa und Nordamerika zugunsten von Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens. Dieser Eingriff wird und muss unser Leben stärker verändern als das Coronavirus, aber wir müssen ihn vornehmen. Die Alternative ist eine Fortdauer der permanenten Katastrophe in der Dritten Welt, die ständig weit mehr Opfer fordert als das Virus, die Alternative ist die Wiederholung der Fehler Europas und Nordamerikas in der Dritten Welt, die ohne Hilfe von außen gar nicht auf Industrialisierung und wohl auch Kernkraft verzichten kann, die Alternative ist schließlich ein Blutbad, mit dem Europa und Nordamerika eines Tages ihre historische Schuld zu begleichen haben werden. Eine militante Antwort der Mehrheit der Weltbevölkerung auf ihre Jahrhunderte währende Unterdrückung und Ausbeutung erscheint mir jedenfalls wesentlich wahrscheinlicher als die Dezimierung durch ein Virus, und wir werden uns nicht einmal beklagen dürfen. Schon aus Egoismus hätten wir die ständig vorhandene Katastrophe in der Dritten Welt zu bekämpfen.

10. Aber auch unsere hausgemachten Probleme erfordern eine andere Reaktion, als das ständige ängstliche Starren auf die Möglichkeit eines Massensterbens durch das Coronavirus. Wahrscheinlicher und vielleicht schrecklicher als der kollektive Tod erscheint mir die Möglichkeit eines Lebens, das nicht mehr lebenswert ist. Gerade die verbreiteten und geförderten individuellen Ängste aber erleichtern jenen, die unsere ohnedies wenig stabile Demokratie abbauen wollen, die Arbeit.

Thomas Rothschild – 17. März 2020
2665

Sieg der Vernunft

Kongress der Hellseher. Drei Tage Vorträge und Diskussionen. Am Schluss sagt der Präsident: „Und nun bitte ich Sie um eine kleine Spende für schlechtere Zeiten. Man weiß ja nie, was kommt.“

Der Landesbischof Frank Otfried July von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat die Gemeinden aufgefordert: „Angesichts der dynamischen Entwicklung und zunehmender Veranstaltungsverbote in Kommunen und Landkreisen aufgrund der Corona-Krise empfehlen wir dringend, ab sofort und bis auf weiteres auf Gottesdienste zu verzichten.“

Man ist geneigt, diese Entscheidung als Sieg der Vernunft über das Gottvertrauen zu werten. Jedenfalls sollte man darüber keine Witze reißen. Eins aber darf man erwarten: dass die Kirchen, möglicherweise sogar die katholische, künftig Phrasen unterlassen, die Verantwortung an Gott delegieren, statt auf die Einsicht der Menschen zu bauen, wie „Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen“ oder „Gesegnet ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist“.

Als Martin Luther 1527, nicht zum ersten Mal, von einer Pest-Epidemie bedroht war, erwog er, ob er, wie viele andere, flüchten sollte, kam jedoch, wie er in einem Brief an Georg Spalatin schrieb, zu dem Schluss: „Christus aber ist da, damit wir nicht allein sind. Er wird auch in uns triumphieren über die alte Schlange, den Mörder und Urheber der Sünde, wie sehr er auch immer seine Ferse stechen mag (1. Mose 3, 15). Betet für uns und gehabt Euch wohl.“

Heute gebietet es die Vernunft, eher Ratgebern wie Frank Otfried July zu folgen als Luther, und lieber auf den Gottesdienst zu verzichten als auf die Macht des Gebets zu vertrauen. Es kann nicht schaden, wenn man sich an diese Erfahrung erinnert, nachdem das Virus besiegt wurde. Es könnte ja zurückkehren. Und es muss nicht Corona heißen.

Thomas Rothschild - 15. März 2020
2664

Wenn das Virus kommt

Frank Bräutigam aus der ARD-Rechtsredaktion belehrt:

„Eine Empfehlung von Bundesminister Spahn zur Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern schafft zwar faktisch einen enormen Druck. Sie hat aber nur dann Wirkung, wenn die Länder sie auch wirklich umsetzen.

Dazu muss man wissen: Diese Aufgabenverteilung ist in der Bundesrepublik überhaupt nicht ungewöhnlich. Sie ist sogar die Regel und hat eine lange Tradition. Etwa bei der Zuständigkeit für Themen wie Gefahrenabwehr durch die Polizei oder bei der Bildungspolitik. Das alles ist Ländersache. ‚Die Länder führen die Bundesgesetze als eigene Angelegenheiten aus, soweit dieses Grundgesetz nichts anderes bestimmt oder zulässt‘, heißt es zudem in Artikel 83 des Grundgesetzes.

Der Gedanke dahinter: Vor Ort in den Regionen weiß man oft am besten, was angemessen ist. Die Situation in Nordrhein-Westfalen kann anders sein als in Sachsen. Auch beim Thema Corona. In einigen Regionen kann das Thema Kinderbetreuung nach einer Schulschließung noch brisanter sein als in anderen. Dann kann man dort auch spezifisch reagieren.“


Wieder einmal suggeriert ein Verlautbarer Vernunft, wo eher der historische Zufall herrscht. Der zitierte Artikel des Grundgesetzes schuldet sich nicht einem „Gedanken“, sondern der Geschichte. Die Delegierung zahlreicher Kompetenzen, die anderswo zentralisiert sind, an die Bundesländer ist, wie der Föderalismus in Deutschland überhaupt, eine Folge dessen, was Helmuth Plessner die „Verspätete Nation“ genannt hat. Sie ist ein Überrest der Segmentierung des späteren Deutschen Bundes und des Deutschen Reichs in rund drei Dutzend eigenständige Fürstentümer und Freie Städte. Eine Zentralregierung ist für Deutschland im Vergleich zu anderen Nationalstaaten eine historisch junge Erfahrung.

Das Nachwirken der Fürstentümer und Freien Städte bis in unsere Zeit auf zahlreichen Gebieten, keineswegs nur bei der Ausführung von Bundesgesetzen, hat Vor- und Nachteile. Wir verdanken ihm unter anderem eine Theaterlandschaft, um die uns andere Staaten beneiden. Dass sich das kulturelle Angebot nicht weitgehend auf die Hauptstadt beschränkt wie beispielsweise in England, Frankreich oder Japan, verdankt sich der Tatsache, dass noch vor 150 Jahren auch München und Stuttgart, Dresden und Weimar, Darmstadt und Wiesbaden Hauptstädte und Freie Städte wie Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main mächtige Wirtschafts- und Kulturzentren waren.

Der Lächerlichkeit aber gibt sich preis, wer anlässlich eines Virus zu erkennen vorgibt, dass man „vor Ort in den Regionen oft am besten (weiß), was angemessen ist“, ansonsten aber Tag für Tag die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen nicht nur der Orte und Regionen, sondern sogar der Nationalregierungen an die EU ohne Wenn und Aber verteidigt. Dass es eine kalkulierte EU-Gegnerschaft von rechts gibt, deren Motive es zu analysieren und zu enttarnen gilt, kann nicht von der Verpflichtung befreien, den Widerspruch aufzuklären: warum Brüssel der Hort der politischen Weisheit sein soll, die Regionen aber am besten wissen, was angemessen ist, wenn das Virus an die Tür klopft.

Thomas Rothschild - 13. März 2020
2663

Die Zwickmühle

Angesichts der immer bedrohlicheren Vorstöße der Rechten, angesichts ihres immer dreisteren Hohns über demokratische und emanzipatorische Werte, möchte man jenen, die ihnen in der Gesellschaft im allgemeinen und in der Kultur im besonderen Widerstand leisten, die Sympathie und die Unterstützung nicht versagen. Um keinen Preis will man ihnen in den Rücken fallen. Das Geschäft der Kritik freilich gerät dabei in eine Zwickmühle. Nicht alles, was von einer ehrenwerten Gesinnung zeugt, ist auch künstlerisch lobenswert. Manchmal steht gerade die förderungswürdige Absicht der künstlerischen Umsetzung im Wege. Der verschiedenen Autoren zugeschriebene Satz, dass das Gegenteil von gut gut gemeint sei, hat, wenn man ihn von seiner Apodiktik befreit, seine Gültigkeit bewahrt.

Wenn im doppelten Wortsinn anständige Kritiker jedoch das gut Gemeinte preisen, weil sie, wie erwähnt, deren Urheber nicht in den Rücken fallen wollen, haben die Rechten schon gesiegt. Denn sie haben jenen, die sie bekämpfen – und in diesem Relativsatz ist das Pronomen „sie“ sowohl als Subjekt, wie auch als Objekt zu verstehen –, ihre Maßstäbe aufgezwungen, sie an der Wahrheit gehindert.

Die Attacken von rechts haben, so scheint es, die Ideologisierung der Kulturdebatten forciert. Nicht zu ihrem Vorteil. Kürzlich wurde, vom Deutschlandfunk übertragen, über Margaret Mitchells Vom Winde verweht in einer Neuübersetzung diskutiert. Dabei ging es unter anderem darum, ob dieser Roman bislang unterschätzt worden sei. Für oder gegen seine Qualität brachten die Gesprächspartner vor, dass er das Wort „Neger“ verwendet oder ein kritisches Bild vom Krieg zeichnet. Das sind Beobachtungen, die unter literatursoziologischem oder ideengeschichtlichem Aspekt von Interesse sein können. Über die literarische Qualität sagen sie nichts aus.

Die Verteidigung aber von künstlerischem Anspruch, von artistischer Souveränität ist nicht weniger eine aufklärerische Position als die Abwehr von Angriffen auf die menschliche Würde. Wer sich auf die Indienstnahme der Künste, für welche Ideale auch immer, einlässt, hat bereits die Bedingungen der Rechten akzeptiert. Das mag nicht immer so gewesen sein. In Zeiten der zugespitzten politischen Gegensätze haben es auch linke Dichter*innen, Maler*innen, Komponist*innen, Theatermacher*innen für richtig gehalten, sich im Kampf für die angestrebten Ziele künstlerischer Mittel zu bedienen, und es waren nicht die schlechtesten. Heute aber sind es unübersehbar die Rechten außerhalb und zunehmend in den Parlamenten, die eine Funktionalisierung der Kultur für ihre Zwecke voranzutreiben bestrebt sind. Wollen wir uns darauf einlassen? Wollen wir nach den Regeln der AfD und ihrer Anhänger spielen? Oder wollen wir ihnen die Meinungsdominanz verweigern und auf einer Kunst bestehen, die diesen Namen verdient? Wir werden uns entscheiden müssen.

Thomas Rothschild - 8. März 2020
2662

Lob der Demokratie

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 28. Februar 2020 erklärte Hedwig Richter, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München, warum die Streichung Paul von Hindenburgs aus der Berliner Ehrenbürgerliste ein demokratischer Akt sei. Nichts, was sie über Hindenburg zu sagen wusste, ist neu. Wenn also eine Selbstverständlichkeit als Sieg der Demokratie gefeiert werden soll, muss man sich fragen, wie es in den fast 75 Jahren um die Demokratie bestellt war, in denen Hindenburg Ehrenbürger (nicht nur) Berlins und Namensgeber zahlloser deutscher Straßen und Städte geblieben ist. Die Bundesrepublik Deutschland (alt) und ihre Parteien müssen sich fragen lassen, was sie bewogen hat, so lange an der Ehrung jenes Mannes festzuhalten, der Hitler zur Macht verholfen hat.

75 Jahre lang also wurden Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht mit einem positiven Bild jenes Mannes ausgestattet, der die Demokratie nicht etwa gefördert, sondern abgeschafft hat. 75 Jahre lang wurden sie angehalten, ihn als den Mann zu achten, den die Stadt Berlin und unzählige öffentliche Einrichtungen ehren. Man hat seit 1990 viel Mühe darauf verwandt, das Geschichtsbild anzuklagen und zu korrigieren, das in der DDR vermittelt wurde. Eine Korrektur der Einschätzung von Hindenburg blieb die Angelegenheit einiger weniger echter Demokraten, die dafür beschimpft und diskreditiert wurden. Was, wenn nicht dies, beweist, in welcher Tradition sich die Bundesrepublik Deutschland gesehen hat und für viele nach wie vor sieht? Im Spiegel – wo sonst? – schrieb ein Hubertus Knabe vor 14 Jahren: „Es stimmt etwas nicht in Deutschland, wenn wir im siebzehnten Jahr der Einheit noch immer in jedem Dorf die kommunistische Diktatur verherrlichen, die Opfer und den Widerstand jedoch vergessen.“ Dass man in Deutschland nicht nur in jedem Dorf, sondern auch in der Hauptstadt im fünfundsiebzigsten Jahr der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime dessen Steigbügelhalter verherrlicht, die meisten Opfer und den Widerstand jedoch vergessen hat, irritiert ihn nicht. In Deutschland gibt es mehr als 400 Hindenburgstraßen und -plätze. 32 Straßen und 2 Plätze sind nach Erich Mühsam benannt, der im KZ Oranienburg ermordet wurde. So viel zur Demokratie, die ihre Bewährungsprobe bestanden hat, indem sie Paul von Hindenburg die Berliner Ehrenbürgerwürde aberkannte. Im Jahr des Herren 2020.

Thomas Rothschild - 28. Februar 2020
2661

Wien-Schwechat

Würden Sie einem Flugunternehmen vertrauen, das die elementarsten mathematischen Regeln nicht kennt? Schon auf dem Weg zum Flughafen Wien-Schwechat und im Flughafengebäude selbst prahlen riesige Anzeigetafeln mit einer angeblichen Errungenschaft: „CO2 um 70%* reduziert“. Und eine Fußnote erläutert, was der Asterisk bedeutet: „*pro Passagier“. Das ist natürlich Nonsens. Denn wenn der Kohlenstoffoxyd-Ausstoß des Flughafens um 70 Prozent reduziert wurde, dann wurde er auch pro Passagier um 70 Prozent reduziert und umgekehrt. Was für absolute Beträge gilt, gilt nicht für Prozentzahlen. Eine Käsesorte, die 20 Gramm leichter ist als eine andere, ist das pro Menge, die angegeben werden muss, also zum Beispiel pro Packung. Eine Käsesorte aber, die um 20 Prozent weniger Fett enthält als eine andere, ist immer, in der Einzelpackung und in ihrer Gesamtheit 20 Prozent fettärmer.

Sollte sie jedenfalls sein. Beim Flughafen Wien-Schwechat kann man sich nicht so sicher sein. Der hält es mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Wer dort ankommt, wird penetrant mit dem Hinweis bombardiert, dass er mit dem CAT, dem City Airport Train, vom Flughafen ins Stadtzentrum fahren solle. Dieser Transfer kostet 11 Euro, hin und zurück 19 Euro. Was verschwiegen wird, ist dies: Die S-Bahn S7 fährt ebenso oft wie der CAT, nämlich alle halben Stunden, vom Flughafen nach Wien Mitte. Sie benötigt für die Strecke 23 Minuten, sieben Minuten mehr als der CAT, und kostet, wie auch der Railjet zum Hauptbahnhof, gerade 4,20 Euro. Mehr noch: mit diesem Ticket kann man, anders als mit dem Ticket des CAT, zu jedem beliebigen Punkt im Wiener Stadtgebiet weiterfahren.

All das soll der Gast nicht erfahren. Um ihn irrezuführen, locken die Wegweiser auch in Wien Mitte mit dem CAT-Zeichen, das dem Flughafenzeichen zum Verwechseln ähnelt, auf die falsche, nämlich die Abzocker-Fährte. Wer nicht ortskundig ist, kommt nicht auf die Idee, dass er die S-Bahn Richtung Meidling – und nicht Floridsdorf – nehmen muss. Der Flughafen als Fahrtziel ist so versteckt, dass man ihn nicht finden kann.

So ist das, wo 80%* mehr vom Tarockieren verstehen als von Verkehrsplanung. *jedes zuständigen Beamten.

Thomas Rothschild - 26. Februar 2020
2660

Gute Nachrichten

Man muss kein unverbesserlicher Pessimist sein, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass die schlechten Nachrichten gegenüber den guten überwiegen. Es macht uns keine besondere Freude, sie zu verbreiten. Aber die Schuldigkeit gegenüber der Wahrheit zwingt uns dazu. „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit/ Verzerrt die Züge./ Auch der Zorn über das Unrecht/ Macht die Stimme heiser. Ach, wir/ Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/ Konnten selber nicht freundlich sein.“ (Bertolt Brecht)

Umso beglückender, wenn es Erfreuliches zu berichten gibt. Wir haben Anlass, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das uns so viel Missvergnügen und Ärger bereitet, zu loben. Selten hat es so viel Rückgrat, so viel Entschiedenheit bewiesen wie in der Reaktion auf die Vorgänge in Thüringen. Fast ausnahmslos haben die Moderatoren der Nachrichtensendungen, der Magazine und der Talkshows zu erkennen gegeben, dass eine Kungelei mit der AfD, wie man heute sagt, „gar nicht geht“. Sie haben erkannt, dass das Prinzip der Ausgewogenheit seine Grenzen hat. Jean-Luc Godard hat dieses Prinzip einmal so kommentiert: „Die Objektivität? Das ist fünf Minuten für Hitler und fünf Minuten für die Juden.“ Wohl wahr. Auch in der Weimarer Republik gab es Aufrechte, die sich verhalten haben wie heute die Redakteure und Sprecher von ARD und ZDF. Sie konnten Hitler nicht aufhalten, und so manche, so mancher von ihnen ist bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten „umgefallen“. Wir wollen den Pessimisten in uns beurlauben und hoffen, dass es diesmal so nicht sein wird.

Die zweite gute Nachricht kommt ausgerechnet aus der Türkei. Ein Gericht in Istanbul hat Aslı Erdoğan vom Vorwurf des Terrorismus freigesprochen. Die Schriftstellerin, die seit zweieinhalb Jahren im deutschen Exil lebt, sah sich nach ihrer Verhaftung im August 2016 mit der staatsanwaltlichen Forderung einer Haftstrafe von insgesamt neun Jahren und vier Monaten konfrontiert. Jetzt wurde die Anklage wegen „Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“ fallen gelassen. Es gibt also noch unabhängige Richter in der Türkei. Auch in diesem Fall ist es für Jubel zu früh. Die Türkei bleibt erst einmal, was findige Politiker bezüglich der DDR aus dem Munde von Bodo Ramelow hören wollen: ein Unrechtsstaat. Was Deutschland nicht daran hindert, der wichtigste Handelspartner der Türkei zu sein. Aber heute freuen wir uns mit und für Aslı Erdoğan. Heute freuen wir uns, dass wir gute Nachrichten verbreiten dürfen.

Thomas Rothschild - 14. Februar 2020 (3)
2659

Vom Wert der Gesten

Diverse Kommentatoren haben der Vorsitzenden der Linksfraktion im Thüringer Landtag Susanne Hennig-Wellsow Vorhaltungen gemacht, weil sie dem eben mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählten Kandidaten der FDP Thomas Kemmerich die Blumen vor die Füße geworfen hat. Es war eine Geste, nicht mehr und nicht weniger. Gesten ändern nicht viel, aber sie können eine symbolische Kraft entwickeln. Man denke an den Kniefall Willy Brandts am Ehrenmahl für die Toten des Warschauer Ghettos. So gesehen verdient Hennig-Wellsows Geste eher Bewunderung als Vorwürfe. Sie war ein Lichtblick der Aufrichtigkeit in der Politik.

Kann man es anders denn als Heuchelei bezeichnen, wenn Politiker jemandem mit oder ohne Blumenstrauß zu einer Wahl gratulieren, die die Bundeskanzlerin kurz darauf „unverzeihlich“ nennt und die Parteien der Gratulanten als großen Fehler bezeichnen? Was sollen die Wähler, nicht nur in Thüringen, von Parlamentariern halten, die vorgeben, bestimmte Ziele zu verfolgen, und auf Fotos in besoffener Eintracht mit jenen zu sehen sind, die genau diese Ziele bekämpfen? Machen die Gesten nicht sämtliche Worte und Versicherungen unglaubwürdig? Sind die Blumensträuße und die Umarmungen Ausdruck demokratischer Toleranz, oder zeigen sie nicht vielmehr der Bevölkerung die lange Nase: Ist doch alles nicht so gemeint, ist bloß ein Spiel, für das wir satte Tantiemen beziehen. Tags fürs Fernsehen: verbale Schlachten im Plenarsaal. Abends in der Kantine: Kumpanei beim Fassbier. Kemmerich mag mit den Stimmen von Faschisten gewählt worden sein – wir gratulieren.

„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“ dichtete einst Kurt Tucholsky. Die Geschichte wiederholt sich nicht? So?


Thomas Rothschild - 11. Februar 2020
2658

Brexit

Selten war die ideologische Aufladung der veröffentlichten Meinung so deutlich erkennbar wie in diesen Tagen. Die Medien berichten über den Austritt Großbritanniens aus der EU, als hätte ein Politbüro die Marschrichtung vorgegeben. Wir sind angehalten, den Brexit für eine Tragödie zu halten, die uns zumindest so berühren müsse wie der Tod eines oder einer nahen Verwandten. Dass immerhin eine, wenn auch knappe Mehrheit der Briten diesen Austritt ihres Landes aus der EU wollte, kümmert niemand. Die Bekenntnisse zu demokratischen Spielregeln erweisen sich als Lippenbekenntnisse. Und wer genau hinhört, erfährt auch, wessen Interessen diese Stimmungsmache dient: jenen der Wirtschaftsunternehmen, die von den Abmachungen der EU profitieren.

Die Wahrheit ist doch: Die (west)europäischen Staaten haben auch vor der Gründung der EU, deren Vorläufer unmissverständlich EWG, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hieß, recht gut zusammengelebt. Dass das Vereinigte Königreich jetzt einen Krieg gegen Deutschland oder Frankreich beginnen werde, scheint wenig wahrscheinlich. Touristen haben es auch vor fünfzig Jahren nicht für ein unzumutbares Malheur gehalten, dass sie an der Grenze genauer kontrolliert wurden als in den Jahren der britischen EU-Mitgliedschaft, ohne Schengener Abkommen übrigens. Und auch jene europäischen und außereuropäischen Staaten, die nicht zur EU gehören, sind uns ja nicht unzugänglich oder gar feindselig gesinnt. Eine Reise in die Ukraine oder nach Kanada ist nicht wirklich umständlicher als eine Reise nach Frankreich oder, noch, nach England.

Die Wahrheit ist: Die Medien fürchten, dass das britische Beispiel Schule machen könnte. Denn die Geschichte hat genügend Beispiele dafür vorzuweisen, dass auch scheinbar stabile Staaten und Staatenbünde zerfallen können. Wenn in den aktuellen Nachrichten unisono von einem „historischen Tag“ die Rede ist, muss daran erinnert werden: Der Zerfall des Habsburger-Imperiums, der Sowjetunion, Jugoslawiens waren allesamt weit eher historische Ereignisse als der Austritt Großbritanniens aus der EU. Wir haben sie überlebt. Auch die EU muss nicht für alle Ewigkeit geschaffen sein. Das Politbüro könnte sich irren. Bis sich das herumgesprochen hat, werden die Medien stramm die Order befolgen. So ist das in der freien Welt.


Thomas Rothschild - 1. Februar 2020
2657

Der tägliche Schwachsinn

Der Schutz vor sexueller Belästigung macht gewaltige Fortschritte. Das ist gut so, und wenn Gerichte dabei Hilfestellung leisten, soll uns das recht sein. Wer aber schützt uns vor der Beleidigung unseres Verstands? Wann melden sich endlich jene Massen, die sich - #Me Too – die tägliche Vergewaltigung ihrer intellektuellen Integrität nicht mehr gefallen lassen wollen?

Ich schalte nur selten den Fernseher ein. Ab und zu aber gerate ich per Zufall in eine Sendung, deren Existenz mir bislang verborgen geblieben war. So dieser Tage Brisant im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seinen Dienst einst mit einem Bildungsauftrag angetreten hat und für den ich immerhin Gebühren bezahlen muss. Da wird berichtet, dass eine Pamela Anderson zum fünften Mal geheiratet hat. Ich weiß nicht, wer Pamela Anderson ist, und nach diesem Beitrag bin ich auch nicht besonders motiviert, mehr darüber zu erfahren. Offenbar aber ist sie so bedeutend, dass es von Relevanz für die Menschheit ist, wenn sie heiratet. Dazu hat auch eine wohl nicht weniger bedeutende „Society-Expertin“ namens Sibylle Weischenberg etwas zu sagen. Unter anderem dies: Sie habe schon lange nichts Schöneres gehört, als dass Pamela Anderso jetzt eine Beziehung auf Augenhöhe gefunden habe. Ihr fünfter Ehemann John Peters, wer immer das sein mag, wird ihr sagen: „Wir machen das jetzt so.“ Originalton Society-Expertin Weischenberg: „Gibt es etwas Schöneres als einen Mann, der sagt, ich sorge für dich (…) und sie muss sich nicht mehr überlegen, ob sie dritter Klasse fliegt oder erster Klasse. Für sie öffnet sich jetzt eine gesicherte Welt.“ Müssen wir uns solch einen Schwachsinn wirklich gefallen lassen? Und was sagen die echten Me Too-Aktivistinnen dazu, dass es als das denkbar Schönste angepriesen wird, wenn man sich eine „gesicherte Welt“ in der ersten Klasse erheiratet hat? Ist der Weg zum Filmproduzenten so weit, der von einer Schauspielerin verlangt, dass sie sich auf die Couch legt, wenn sie eine Rolle bekommen möchte?

Der „gute John Peters“ ist, erklärt uns Sibylle Weischenberg, „bingo“. Er ist reich „und kann für sie sorgen". Was will man mehr. Wer sich nicht so gut verkauft wie Pamela Anderson hat Pech gehabt. Sie wird in Brisant nicht vorkommen. Und wir dürfen wieder darüber diskutieren, ob zu viel Aufhebens gemacht wird um Greta Thunberg.


Thomas Rothschild - 23. Januar 2020 (2)
2656

Zum Lachen

Ein Museum zum Lachen: das gab es bisher nur in Montréal. Sein Name war Just for Laughs Museum. 17 Jahre lang zog es Besucher an. Ausgestattet mit den Erkenntnissen der Museumspädagogik und einem ungehemmten Bekenntnis zum Vergnügen, hat man da einen Rundgang konzipiert, der den Besucher mit den Erscheinungsformen des Humors konfrontierte. Die da wären: die komische Geschichte, der Witz, die Farce, die Groteske, das Lächerliche, die Parodie, die Ironie, die Satire, der Zynismus, das Anstößige, der schwarze Humor und der Nonsens.

Das wurde aber nicht akademisch abgehandelt, sondern an mit viel ausstellungsspezifischer Phantasie, unter Ausnützung neuester technischer Möglichkeiten präsentierten Beispielen erfahrbar gemacht. Die diversen Medien vom Theater über das Hörspiel bis zum Film kamen vor, ihre Geschichte ebenso wie ihre Gegenwart. Und wer wollte, konnte vor einer Blue Box Witze erzählen. Publikum und Hintergrund wurden dazugemischt, und am Ende erhielt der blutige Laie eine Videokassette, auf der er als Profi der Standup Comedy reüssierte.

Das Just for Laughs Museum hat vor 9 Jahren seine Pforten geschlossen. Unserer Gegenwart ist nicht zum Lachen zumute.

Thomas Rothschild - 15. Januar 2020
2655

Manipulierte Wahrheit

Als Hermann Gremliza kürzlich starb, bescheinigten ihm Nachrufschreiber, die ihn zu Lebzeiten geflissentlich übersehen hatten – welche Talkshow, die jeden Trottel für intellektuell satisfaktionsfähig hält, hat ihn zuletzt eingeladen? –, dass er als einer der brillantesten Stilisten im deutschen Journalismus zu gelten habe. Für seine Argumente fiel ihnen nicht viel mehr ein, als dass er ein „Vereinfacher“ gewesen sei. Belege blieben sie schuldig. Auf Inhalte wollten sie sich gar nicht erst einlassen.

Die gleiche Doppelstrategie leistete auch ihre Dienste, als Peter Handke der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Selbst die Verteidiger des Schriftstellers zogen sich auf den Standpunkt zurück, dass Handke als Literat ausgezeichnet werde und seine politischen Äußerungen nichts damit zu tun hätten. Dass diese verwerflich seien, galt als ausgemacht. Die verordnete Einheitsmeinung zur Zerschlagung Jugoslawiens durfte nicht hinterfragt werden.

Jetzt hat es Daniela Dahn gewagt, sich diesem Konformismus entgegen zu stellen, und es lässt sich ahnen, dass sie dafür Prügel beziehen wird. Eins aber darf man verlangen: dass niemand, der als halbwegs redlich gelten will, Handke künftighin moralisch attackieren darf, der die von Daniela Dahn aufgelisteten Fakten nicht widerlegen kann. Sie sind auf ossietzky.net nachlesbar. Für Unkenntnis gibt es ab sofort keine Entschuldigung.

Thomas Rothschild - 9. Januar 2020
2654

Der edle Ritter

Es vergeht keine Woche, in der nicht ein neuer Hinweis darauf an die Öffentlichkeit gelangte, dass S21 [Stuttgart 21, lt. Wikipedia das "Verkehrs- und Städtebauprojekt zur Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart"] eine kriminelle, von Anfang an mit Lügen und Betrug eingeleitete Aktion ist, deren von der Allgemeinheit zu bezahlende Kosten die schlimmsten Befürchtungen seiner Kritiker bei weitem übersteigt. Cem Özdemir, der einst zu den Kritikern gehört hat, qualifiziert sich nach dem Vorbild des baden-württembergischen Ministerpräsidenten für höhere Ämter, indem er Resignation als politische Vernunft ausgibt. In einem Untersuchungsausschuss, dessen Vorsitzender er war, erklärte er: „Jetz' isch die Katz dr Baum nauf.“

Wenn's nur die Katzen und die Bäume wären. Der edle Ritter Özdemir forderte auch von den S21-Befürwortern eine Entschuldigung: „Es würde den Projekttreibern von damals gut zu Gesicht stehen, wenn von ihnen jetzt ein 'mea culpa' käme.“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ladendiebe, haltet euch an Özdemir. Wenn ihr erwischt werdet, entschuldigt euch. Das stünde euch gut zu Gesicht. Die gestohlene Ware könnt ihr behalten. Özdemirs Parteifreund Winfried Hermann ergänzte: „Wir geben einen Haufen Geld aus und versenken einen Bahnhof und haben dadurch keinen Vorteil.“ Er hat vergessen, zu erwähnen, wer „wir“ ist, nämlich der Steuerzahler, also ich und du. Die Forderung, die Politiker mit mehr Sinn für Gerechtigkeit als für die Satisfaktionsfähigkeit von Betrügern erheben müssten, lautet: Pfändet die Verantwortlichen und lasst ihnen gerade so viel, wie der Ärmste unter diesen Steuerzahlern besitzt. Wenn sie ihre BMWs und ihre Villen behalten dürfen, erkläre man dem Ladendieb, warum er, „mea culpa“ hin oder her, die geklaute Zahnpaste zurückgeben muss. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Außer den Katzen auf dem Baum.

Winfried Kretschmann, der Lehnsherr des edlen Ritters, hat Cem Özdemir als möglichen Kanzlerkandidat der Grünen ins Gespräch gebracht. Das sollte nicht überraschen. Özdemir passt exakt in eine politische Landschaft, in der sein österreichischer Kollege eine Regierungskoalition eingeht mit jenem weit rechts stehenden Bundeskanzler, der eben noch schwadroniert hat, wie gut er mit der FPÖ und deren Ex-Chef Strache, der nicht weniger kriminell ist als S21, was aber niemanden zu scheren scheint, zusammengearbeitet hat. Gibt es noch irgendetwas, was die Grünen von der Versuchung, an der Macht Anteil zu haben, zurückhalten könnte? Gibt es noch irgendeinen Grundsatz, den preiszugeben sie sich weigern würden? Na ja, vielleicht so lange die Katze noch nicht auf dem Baum ist.


Thomas Rothschild - 6. Januar 2020
2653

Anerkannt

Lautstark haben Politiker und ihre Gefolgschaft einer bestimmten Couleur gefordert, dass Asylsuchende Deutschkurse zu besuchen und eine Prüfung ihrer Sprachkenntnisse zu bestehen hätten. Vielleicht wäre es sinnvoll, solch eine Prüfung erst einmal für deutsche Journalisten einzuführen. Der Deutschlandfunk meldete am 18. Dezember: „Die Verleihung des Sacharow-Preises an den chinesisch-uigurischen Regierungskritiker Ilham Tohti sei ein starkes Zeichen, dass die Menschenrechtsverletzungen anerkannt würden.“

Deutschland hat Kroatien 1992 (als unabhängigen Staat) anerkannt, die DDR hingegen wurde zunächst von vielen Staaten nicht anerkannt. Aber Menschenrechtsverletzungen? Wir wissen schon, was gemeint ist: nämlich dass die Repressionen gegen die muslimische Minderheit der Uiguren durch China als Menschenrechtsverletzung anerkannt würde. Warum sagt man es dann nicht so? Dass die Frage von juristischer und politischer Bedeutung ist, erkennt man an den Debatten über die „Anerkennung“ des Begriffs „Genozid“ für diverse historische oder auch künftige Massentötungen. Die Sprach- und Sinnverletzungen durch den von Medienkritikern anerkannten Deutschlandfunk sollten nicht anerkannt werden. Dass man sie als solche kennzeichnet, verdiente Anerkennung.

Thomas Rothschild - 18. Dezember 2019
2652

Gute Idee

Vor ein paar Jahren verrieten uns die Salzburger Festspiele ein bemerkenswertes historisches Detail: „Für das Zustandekommen des Jedermann bat die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde Anfang Juli 1920 die Landesregierung um die kostenlose Bereitstellung von Bauholz für die Festspielbühne in der Felsenreitschule. Um das Projekt zu ermöglichen, verzichtete sie zugunsten von Invaliden, Kriegswaisen und Kriegsgefangenen auf den erwarteten Reingewinn, ebenso wie Max Reinhardt, der Ausstatter Alfred Roller und die Schauspieler auf ihre Gagen sowie Hugo von Hofmannsthal und die Komponisten Einar Nilson und Bernhard Paumgartner auf ihre Tantiemen.“

Wie wäre es, wenn man diesem Beispiel zum hundertjährigen Jubiläum folgte? Invaliden, Kriegswaisen und Kriegsgefangene gab es ja nicht nur im Ersten Weltkrieg und gibt es nicht nur in Mitteleuropa. Wenn der Regisseur, der Ausstatter und die Schauspieler auf ihre Gagen verzichteten (die Erben Hofmannsthals bekommen ohnedies keine Tantiemen, weil der mehr als 70 Jahre tot ist), vor allem aber den Kartenbüros der Aufschlag von 30 bis 40 Prozent und mehr untersagt würden, die sie auf jede verkaufte Karte erheben – und die meisten Karten zum beliebten Jedermann teilen sie, erpresserisch, überhaupt nur Käufern von Karten zu weiteren Aufführungen zu –, käme schon ein ganz schöner Batzen zusammen. Das wäre einmal eine echte pazifistische Anstrengung anstelle von lautstarkem Selbstlob.

Thomas Rothschild - 17. Dezember 2019
2651

Von der Lust des Dienens

Bertolt Brecht hat es in seinem Einheitsfrontlied eindringlich formuliert:

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
drum hat er Stiefel ins Gesicht nicht gern.
Er will unter sich keinen Sklaven sehn
und über sich keinen Herrn.“


Aber Brechts Verse sind ein Wunsch, kein Befund. Die Wahrheit ist: der Großteil der Menschen will über sich einen Herren sehen und unter sich Sklaven. Er will eine übersichtliche Ordnung des Dienens und des Bedientwerdens. Das hat der Kapitalismus mit durchschlagendem Erfolg in den Köpfen angerichtet: dass es als richtig akzeptiert wird, dass jene, die das Geld und (somit) die Macht haben, auch befehlen sollen und man ihnen zu gehorchen habe.

Und weil die meisten Menschen buckeln müssen, treten sie, wo und wenn ihnen dazu Gelegenheit geboten wird. An den Sklaven kompensieren sie die permanente und verdrängte Demütigung durch die Herren. Die selben Männer und Frauen, die sich vor Unterwürfigkeit überschlagen, wenn sie zum Chef beordert werden, kennen weder „bitte“ noch „danke“, wenn sie Dienstleistungen einfordern, auf die sie Anspruch zu haben meinen. Die selben rückgratlosen Redakteure, die sich den unsinnigsten Anweisungen der Chefredaktion beugen, spielen sich gegenüber freien Mitarbeitern wie Duodezfürsten auf. Die dümmsten Lehrer, die dem Schulleiter nicht zu widersprechen wagen, schikanieren die wehrlosen Schüler. Man beobachte nur, mit welcher Arroganz sich Touristen am Urlaubsort echauffieren, wenn nicht gleich ein „Hoteldiener“ zur Stelle ist, um ihren Koffer aufs Zimmer zu tragen, wenn ein Kellner nicht gleich angelaufen kommt oder sich einmal bei der Bestellung irrt. Man höre und sehe, wie sich diese subalternen Herrendarsteller am Ort oder danach auf den diversen Hotelportalen gebärden, als seien andere Menschen nur dazu da, für ihre Bequemlichkeit zu sorgen.

Die selben Duckmäuser, die gegen den eigenen Vorgesetzten nicht die Stimme erheben, finden es in Ordnung, dass viele nicht sehr angesehene, jedenfalls unangenehme und schlecht bezahlte Berufe so gut wie ausschließlich von Ausländern ausgeübt werden, den Sklaven unserer modernen Kolonialgesellschaft. "Er will unter sich keinen Sklaven sehn" – es sei denn es handelte sich um den marokkanischen Müllarbeiter, um die türkische Klofrau, um die polnische Altenpflegerin. Er ist ihnen nicht einmal dafür dankbar, dass sie ihm Arbeiten abnehmen, für die er sich selbst zu vornehm dünkt, sondern verachtet sie insgeheim oder auch offen.

Bertolt Brecht hat sich den Menschen anders gewünscht. Kein Wunder, dass das Einheitsfrontlied nicht mehr gesungen wird. Ob die Spitzen der SPD, die sich einmal als Arbeiterpartei verstanden hat, wer immer sie sein mögen, es überhaupt noch kennen?

Die Arbeiterklasse, oder was an ihre Stelle getreten ist, wiederholt gegenüber der Bourgeoisie, was ihr das Bürgertum nach 1848 gegenüber der Aristokratie vorgemacht hat. In Österreich wurde nach dem Ende des Kaiserreichs das Adelsprädikat abgeschafft. Das hat nichts daran geändert, dass die Nachkommen der Adeligen bis heute im diplomatischen Dienst und in den führenden Positionen überrepräsentiert sind. Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel pflegte Herrn von Württemberg mit „Königliche Hoheit“ anzusprechen, als lebten wir noch in der Monarchie. Hat er Stiefel im Gesicht nicht gern? Er leckt sie jedenfalls. Als Lektion in Sachen Demokratie.

Thomas Rothschild - 11. Dezember 2019
2650

Achtung Schwule

Im Prospekt einer kalifornischen Kleinstadt inserieren 62 Hotels. Bildzeichen geben Auskunft über deren Ausstattung. 13 Hotels führen das Symbol an, das „gay clientele“ signalisiert.

Was soll das nun besagen? Dass Schwule geduldet werden? (Und in den Hotels ohne dieses Symbol somit nicht?) Dass Schwule bevorzugt werden? Dass das Haus meiden soll, wer es nicht mit der „gay clientele“ teilen möchte?

Was hier als emanzipatorischer Fortschritt daherkommt, ist in Wahrheit eine zeitgenössische Form der Diskriminierung. Kein Hotel dieser Stadt würde es wagen, zu betonen, dass es farbige Kundschaft beherberge. Zu deutlich würde dies die Normalität des Rassismus kennzeichnen. Warum eigentlich gibt es kein Piktogramm für „heterosexual clientele“? Ja warum wohl.

Thomas Rothschild - 4. Dezember 2019
2649

Schauspielerweisheiten

Die Ehrfurcht vor den vorgeblichen Weisheiten von Prominenten – und das sind in unserer Zeit in erster Linie Menschen, die im Fernsehen auftreten – ist nur selten begründet. Was sie „meinen“, hat in den wenigsten Fällen mehr Belang als die Äußerungen am Stammtisch. Das gilt grundsätzlich auch für Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie sind für die Erklärung der Welt nicht besser qualifiziert als der Milchmann und die Bäckerin an der Ecke. Man könnte sogar vermuten, dass sie das ständige Schlüpfen in Rollen von ihrem eigenen Ich und dem damit verbundenen eigenen Denken entfernt. Aber es gibt Ausnahmen, hochintelligente Theaterleute, die uns Dinge zu sagen haben, auf die wir hören sollten. Zwei solcher Aussprüche seien hier in Erinnerung gerufen, ehe sie in Vergessenheit geraten.

In einem Interview sagte Ulrich Matthes einmal über das Vorlesen von Kleist: „Dieses Kataraktische, Vorwärtsdrängende, Hochmusikalische will aufbewahrt sein. Die Musik kann man aber nicht so in den Vordergrund stellen, dass die Prosa zwar schön fließt, man aber ihren Sinn nicht mehr versteht. Der Text will sowohl intellektuell als auch musikalisch durchdrungen sein. In einem zweiten Schritt geht es darum, in der hohen Emotion eine Art Verhaltenheit zu bewahren: Im Lesen muss man das Emotionale zurückhalten, um wiederum den Text nicht auszuliefern.“

In seinem Buch Nachdenken über Theater schrieb der große, vor fünf Jahren verstorbene Schauspieler Rolf Boysen: „Wir Heutigen müssen aufpassen, dass die krebsartig wuchernden optischen und akustischen Frohsinnsreize nicht alle anderen Bedürfnisse auffressen, dass dieser travestierte Optimismus, diese geschändete Lebensfreude und die nivellierte Erwartungshaltung nicht zur Null-Linie unseres gesellschaftlichen Koordinatensystems erklärt wird.“

Was ließe sich dem hinzufügen?


Thomas Rothschild – 27. November 2019
2648

Im Auge des Betrachters

Wenn jemand die Ansicht äußert, dass die Hungernden aus der Dritten Welt nach Europa kommen werden, um sich zu holen, was ihnen seit Jahrhunderten vorenthalten wird, und dass das nicht ohne Gewalt abgehen wird – sagt er dann, dass man diese Menschen bekämpfen, sie gar ausrotten muss? Wenn jemand behauptet, Intelligenz sei nicht nur durch das Milieu, sondern auch durch die Geburt determiniert, sie sei nicht allein ein soziales, sondern auch ein genetisches Produkt – sagt er dann, Begabte müssten belohnt und gefördert werden? Nichts dergleichen sagt er. Aber es wird ihm von rechtschaffenen Kritikern unterstellt. Man verdächtigt mit jenen, die dazu Anlass geben, gleich auch die Unschuldigen mit. Wer vor der voraussehbaren Gewalt angesichts der globalen Ungerechtigkeit warnt, könnte ja ebenso gut dazu auffordern wollen, den Unterprivilegierten zu helfen, um der Gewalt zuvorzukommen. Wer die Ungleichheit der Erbanlagen betont, könnte ja wünschen, dass man gerade jenen, die von Geburt aus benachteiligt sind, ausgleichende Unterstützung gewährt. Zu einer Zeit, als dafür mehr Sensibilität vorhanden war, nannte man das „kompensatorische Erziehung“.

Wenn den Prognostikern einer bevorstehenden Völkerwanderung reflexartig die Befürwortung von Abwehrgewalt, wenn den Vertretern der Ansicht, die Gene seien mächtiger, als gemeinhin angenommen, bedingungslos Sozialdarwinismus angelastet wird, dann liegt das nicht an deren Äußerungen, sondern im Auge des Betrachters. Er projiziert seine Befürchtungen, die durchaus ihre Gründe haben, in sein Gegenüber und vernimmt Schlussfolgerungen, die nicht notwendig impliziert sind.

Ideologieverdacht ist berechtigt und notwendig. Aber man sollte schon genau hinhören und, ehe man Böses vermutet, nachfragen, wenn jemand eine These oder eine Diagnose aufstellt. Was ergibt sich daraus? „Wie handelt man/ Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?“, heißt es im Gedicht Der Zweifler von Bertolt Brecht.


Thomas Rothschild - 19. November 2019 (2)
2647

Salzburg vs. Stuttgart

Bei den Salzburger Festspielen war im vergangenen Sommer eine Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart zu sehen: Die Empörten von Theresia Walser. Im Januar 2020 sollte die Stuttgarter Premiere stattfinden. Daraus wird jetzt nichts. Der Intendant und Regisseur der Inszenierung Burkhard C. Kosminski hat sie „aus dispositorischen und künstlerischen Gründen“ abgesagt. Eine vertraute Phrase.

Die Stuttgarter Zeitung wollte es genauer wissen. Auf Nachfrage von dessen Theaterkritiker erklärte Kosminski: „Ich wollte mit dem Team weiter an der Inszenierung arbeiten, aber eine längere Probenphase ließ sich wegen den eng getakteten Dispositionen sowohl hier im Haus als auch bei den auswärtigen Gastspielern nicht realisieren.“ Die „auswärtigen Gastspieler“ sind Prominente der gegenwärtigen Theater- und Fernsehszene: Caroline Peters und André Jung. Sie wären für Stuttgart eine Attraktion, um nicht zu sagen: eine Sensation, gewesen.

Wenn Kosminski die Wahrheit sagt, bedeutet das im Klartext: bei den hochdotierten Salzburger Festspielen werden Inszenierungen gezeigt, die nicht fertig sind, die „eine längere Probenphase“ benötigen, um ins Repertoire eines (mitfinanzierenden) Staatstheaters übernommen werden zu können. Wenn es sich um eine Ausrede handelt – mit taktischen Winkelzügen dieser Art muss man bei Presseverlautbarungen rechnen –, fällt zunächst deren Termin auf: ein Vierteljahr nach der Salzburger Uraufführung (war die Notwendigkeit zusätzlicher Proben und deren Nicht-Realisierbarkeit nicht früher erkennbar?) und exakt vier Tage, nachdem Caroline Peters als die neue Buhlschaft im unverzichtbaren Jedermann vorgestellt wurde. Es drängt sich der Verdacht auf, dass in diesem Fall die Termine dem vielbeschäftigten Star über den Kopf gewachsen sind, dass es Caroline Peters war, die ihre Arbeit in Salzburg nicht mir einer „längeren Probephase“ in Stuttgart vereinbaren konnte oder wollte. Ihre Entscheidung hieße dann: Buhlschaft statt Anti-AfD-Stück. Das wäre zwar menschlich verständlich, aber wie man früher gesagt hätte: es gehört sich nicht. Pacta sunt servanda – auch wenn attraktive Angebote ihnen in die Quere kommen. Hoffen wir, dass unser Verdacht ungerecht ist.

Als Fazit jedenfalls bleibt: entweder wurden die Besucher der Salzburger Festspiele um eine hinreichend geprobte oder die Stuttgarter um die ganze Inszenierung betrogen. Tertium non datur.

Für die Stuttgarter ist das umso trauriger, als ihnen mit Caroline Peters und Theresia Walsers Auftragsarbeit auch der unvergleichliche André Jung vorenthalten wird, der am Ort bei jedem Gastspiel zu Recht umjubelt wurde.


Thomas Rothschild - 13. November 2019
2646

Klimakrise

Alle reden von der Klimakrise. Das Wort führt in die Irre. Eine Krise geht vorüber. Sie kann überwunden werden oder wird, jedenfalls nach Ansicht einflussreicher Theoretiker, automatisch abgelöst von einem Aufschwung und einer neuen Konjunktur. Das Klima auf unserer Erde aber befindet sich nicht in einer vorübergehenden Krise, sondern in einem irreversiblen Prozess. Die Katastrophe ist bereits eingetreten, und sie kann allenfalls gebremst werden. Für eine Krise ist das zu wenig.

Genau das will das Wort „Klimakrise“ verschleiern. Es sind insbesondere die Politiker, die diese Verschleierung betreiben. Indem sie tun, als handle es sich bei der Erderwärmung, beim Abschmelzen der Gletscher, beim Anstieg des Meeresspiegels, beim Aussterben von Tierarten, bei der Austrocknung von Landstrichen, bei der Zunahme von Unwetterkatastrophen, Hochwasser, Waldbränden und Orkanen um eine überwindbare Krise, bieten sie sich selbst als Retter in der Not an. Was sie Klimakrise nennen statt korrekt Klimakatastrophe, dient ihnen lediglich zur Wahlwerbung. Wer ihnen mit seiner Stimme Macht verleiht, soll sich in der Illusion wiegen, er hätte das Ende der Krise beschleunigt.

Die Propheten der „Klimakrise“ fügen daher stets an, was „wir“ tun müssen, um sie zu beenden. Was sie verschweigen, ist der wahre Grund für die Verhinderung längst fälliger Gegenmaßnahmen: dass es nämlich mächtige Institutionen gibt, deren Interessen den erforderlichen Schritten entgegenstehen. Was man heute Klimakrise nennt, ist ja keine neue Entdeckung. Robert Jungk und andere haben schon vor einem halben Jahrhundert davor gewarnt. Damals wollte man nicht auf sie hören, hat sie eher als Spinner abgetan. Und diese Einstellung wurde massiv gefördert von jenen, die an der Entwicklung, deren Folgen wir heute drastisch zu spüren bekommen, in ungeheurem Ausmaß verdient haben und weiterhin verdienen. Optimisten sagen, auch sie würden zu einer besseren Einsicht gelangen, wenn ihnen klar würde, dass sie die Zukunft ihrer Kinder und Enkel aufs Spiel setzen. Weit gefehlt. Die Geld- und Machtgier kennt keine Skrupel. Sie opfert auch die eigenen Nachkommen. Zur Not hilft dabei die Verdrängung. Man nimmt die Folgen einfach nicht zur Kenntnis, wenn die Aktienkurse steigen.

Die Klimakatastrophe ist nicht nur eingetreten, sie ist bereits weit fortgeschritten. Sie wird nicht durch guten Willen zu verzögern sein. Dafür ist eine Veränderung der Machtverhältnisse nötig. Wer behauptet, er wolle die „Klimakrise“ bekämpfen, aber nicht jene beim Namen nennt, deren Interessen diesem Kampf entgegenstehen, nicht selten sogar, egal ob Konservativer, Liberaler, Sozialdemokrat oder Grüner, deren Geschäft betreibt, ist ein Betrüger. Sie sind, wie bei Ray Bradbury, Feuerwehrleute, die Brände legen. Den Profiteuren der Klimazerstörung muss ebenso in den Arm gefallen werden wie den Waffenproduzenten und Kriegsgewinnlern. Bekanntlich haben die nicht mit allzuviel Widerstand zu rechnen. Das macht in Bezug auf die „Klimakrise“ wenig Hoffnung.

Thomas Rothschild - 10. November 2019
2645

Wie soll man leben?

Wie soll man leben? Gibt es noch eine verbindliche Moral? Gibt es Regeln, Grundsätze für den Umgang im sozialen Gefüge, auf die wir uns unter zivilisierten Menschen verständigen können, oder müssen wir uns auf den Kampf jedes gegen jeden, auf den Wildwuchs im Umgang mit dem Nachbarn einstellen?

Kants kategorischer Imperativ, wonach man nur nach derjenigen Maxime handeln solle, von der man zugleich wollen könne, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, ist immer noch eine brauchbare Verhaltensvorschrift. Hielten sich alle daran, sähe es auf der Welt friedlicher aus.

Der keineswegs heroische Arzt Doktor Reumann in Arthur Schnitzlers Einsamem Weg verzichtet auf einen Ruf nach Graz, weil es ihm peinlich wäre, "irgend einen Vorteil dem Malheur eines andern zu verdanken". Der ihm vorgezogene Kandidat war verunglückt. Reumann will auch nicht bei der Frau, die er liebt, vom voraussehbaren Tod seines Patienten profitieren, den diese junge Frau wiederum liebt.

Die Haltung des Doktor Reumann könnte auch sehr gut als Vorbild für das eigene Verhalten dienen. Hätten sich alle Menschen zu jeder Zeit an den Grundsatz gehalten, dass sie keinen Vorteil dem Malheur eines anderen verdanken wollen, dann hätten keine unbescholtenen Bürger die Wohnungen ihrer jüdischen Nachbarn ausgeräumt, als diese deportiert wurden; dann hätten die Angehörigen der Völker im ehemaligen Jugoslawien nicht die Höfe derer übernommen, die fliehen mussten; dann würden Börsenspekulanten keine Aktien kaufen, deren Wert nur deshalb gestiegen ist, weil Tausende Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden; dann würde sich niemand um ein Amt oder einen Posten bewerben, dessen Inhaber ungerechterweise von diesem vertrieben wurde; dann würde sich niemand über „Schnäppchen“ freuen, die bei einem anderen verpfändet wurden oder die dieser zu einem niedrigen Preis verschleudern musste, um seine Miete bezahlen zu können.

Kurz: würde jeder auf jeden Vorteil verzichten, der auf dem Unglück eines anderen beruht, sähe die Welt besser aus.

Thomas Rothschild - 29. Oktober 2019
2644

Klassengesellschaft

Es gibt keine Klassengesellschaft mehr! Wer dieses Märchen glaubt, ist eingeladen, einmal eine Stunde im Café Dommayer in Hietzing, dem westlichen Nobelbezirk Wiens, und eine Stunde im Café Dreivierteltakt in der Praterstraße, drüben im 2. Gemeindebezirk, jenseits des Donaukanals, zu verbringen. Beobachten Sie die Menschen, die dort verkehren, ihre Kleidung, ihre Körperhaltung, ihre Umgangsformen, ihre Sprache. Hier, im Dommayer, sitzen jene, die nicht arbeiten müssen, dort, im Dreivierteltakt, jene, die nicht arbeiten dürfen. Hier die höheren Töchter, die erkennbar mehrere Stunden täglich vor dem Kosmetikspiegel oder beim Friseur verbringen, und die Herren Söhne, die die Börsenkurse studieren, dort im Dreivierteltakt die Randexistenzen, die sich keinen Zahnersatz leisten können und die Camouflage des Alkoholismus nicht beherrschen, wenn sie ihre Arbeitslosenunterstützung für ein Achterl oder einen Spritzer verplempern. Die „besseren Leut'“ in Hietzing haben keine Hemmungen, ihren Wohlstand zur Schau zu tragen, und die Verachtung für das „gemeine Volk“ steht ihnen und schon ihren wohlerzogenen Kindern, die sich am Kuchenbuffet die besten Stückchen auswählen, ins Gesicht geschrieben. Die pietistische Zurückhaltung der Schwaben, denen es als anstößig gilt, seinen Reichtum zu demonstrieren, ist ihnen fremd.

Sie begegnen einander selten, die Kunden des Café Dommayer und die Kunden des Café Dreivierteltakt. Die Innenstadt mit ihren Touristen hält sie auseinander. Die wiederum sehen nur den Stephansturm und die Hofburg, und wenn sie einen Kaffee trinken wollen, gehen sie weder ins Dommayer, noch ins Dreivierteltakt, sondern in den neutralen Bräunerhof, ins museale Café Central oder ins vom vergangenen Ruhm zehrende Hawelka. Und sie kehren heim zum Jungfernstieg, nicht nach St. Pauli, schwärmen von Wien und von der klassenlosen Gesellschaft.

Es muss übrigens noch nicht einmal Hietzing und die Leopoldstadt sein. Wer die Bezirksgrenzen zwischen der Josefstadt und Ottakring oder zwischen Wieden und Favoriten überschreitet, durchbricht einen „Eisernen Vorhang“ ökonomischer und sozialer Art wie einst an der slowakischen oder an der ungarischen Grenze den politischen. Das „Rote Wien“, das gegen diese Trennung anzukämpfen versuchte, ist nur noch eine Legende wie der „Melting Pot New York“.

Thomas Rothschild - 16. Oktober 2019
2643

Proll

Die Kritik an bestimmten Sprachverwendungen und die Forderung von Verboten schlagen zuweilen kuriose Volten. Gegen ein Wort aber, das zurzeit Konjunktur hat, haben die Sprachpolizisten nichts einzuwenden: gegen das Wort „Proll“. Es ist eine Kurzform von „Prolet“ und wird, wie dieses gelegentlich, ausschließlich abwertend gebraucht (siehe den erhellenden Artikel von Susann Witt-Stahl).

Bertolt Brecht dichtete: „Und weil der Prolet ein Prolet ist,/ drum wird ihn kein anderer befrein,/ es kann die Befreiung der Arbeiter/ nur das Werk der Arbeiter sein.“ „Prolet“ – das klingt bei Brecht und in seiner Zeit stolz. Dass man sein Selbstbewusstsein daraus bezieht, zur Arbeiterklasse zu gehören und seinen Lohn mit ehrlicher Arbeit statt mit Ausbeutung und Spekulation zu verdienen, ist eine vergessene Tugend. Wenn man aber nicht mehr auf seine Klassenzugehörigkeit stolz sein kann, ist man es auf seine nationale Zugehörigkeit. In Kontrast zu Brechts Lob des Proleten schrieb Carl Sternheim etwa mit sarkastischem Spott über den Bürger Schippel.

Mittlerweile hat die Bewertung des Bürgerlichen eine radikale Wandlung erfahren. Es ist im allgemeinen Verständnis etwas Positives. Seine Meriten anzuzweifeln, gilt als Frevel. Dass die Grünen, allen voran ihr konservatives Aushängeschild Winfried Kretschmann, sich rühmen, in der bürgerlichen Mitte angekommen zu sein, vermag kaum noch zu verwundern. Dass aber auch der Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier der AfD attestiert, sie sei „antibürgerlich“ und das nicht etwa positiv, sondern als Vorwurf wertet, ist, ob er mit dieser Ansicht nun recht hat oder nicht, verräterisch. Was, wenn nicht die Gegnerschaft zur Bourgeoisie, wäre die Raison d'Être der Sozialdemokratie gewesen?

Als Kevin Kühnert den waghalsigen Versuch machte, eine Möglichkeit anzuregen, die das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vorsieht, nämlich die zwangsweise Kollektivierung („Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden“), beschied ihm Andrea Nahles, die immer noch als halbwegs Linke galt und inzwischen das Handtuch geworfen hat, man könne richtige Fragen stellen und trotzdem falsche Antworten geben, sie aber finde Kühnerts Antworten falsch. Sie hat sich, in Übereinstimmung mit den Granden und den reaktionärsten Proponenten ihrer Partei, gegen den Hauch einer sozialistischen Erwägung ausgesprochen. Sie hat sich für das Bürgerliche entschieden. Es hat ihr nicht genützt. Aber in der Sache standen die Sachwalter ihrer Partei schon hinter ihr. Man ist doch schließlich kein Proll.

Thomas Rothschild - 9. Oktober 2019
2642

Das Theater und die Telefonzelle

Neulich war ich auf der Postbank. (Ein Postamt gibt es in der Stadt, in der ich wohne, nicht mehr.) Ich bat um sieben Briefmarken mit verschiedenen Werten. Die Dame am Schalter rechnete den fälligen Betrag im Kopf zusammen – ganz ohne Computer, sogar ohne Taschenrechner.

Kürzlich war ich auf Kreta. Mit dem Autobus gelangt man in die nahe Kleinstadt. Zugegeben, der fährt zwar nicht immer pünktlich nach Fahrplan, aber das gilt auch, mehr noch, für die Stuttgarter S-Bahn. Es gibt keine Automaten, die kaputt sind oder Geld nicht wechseln können. Das Ticket bekommt man beim Schaffner, der zudem Auskunft erteilen kann über die Haltestelle, bei der man aussteigen muss.

Vor einiger Zeit sah ich eine für jede und jeden zugängliche Kabine mitten auf einem Platz. Wenn man Münzen einwarf und eine Nummer wählte, konnte man unbehindert mit der Großmutter telefonieren. Man benötigt kein Smartphone und muss es, wenn man doch eins hat, nicht mit sich herumtragen – ein Segen für jeden, der taschenlose T-Shirts favorisiert.

Es soll sogar Menschen geben, die, ausgestattet mit einer Landkarte oder einem Stadtplan, ganz ohne Navi an ihr Ziel finden.

Ungefähr so lesen sich Theaterkritiken in diesen Tagen. Da heißt es, eine Inszenierung „bleibe ganz nah am Original“, es gebe „von aktueller politischer Haltung keine Spur“, eine Regisseurin wird gelobt, obwohl oder weil: „Eine Kommentierung oder gar Überschreibung des Stoffs auf heutige Diskurslagen hin versagt sie sich“, aber sie habe den Kern der Geschichte doch verfehlt, „obwohl [sie] den Stoff weder aktualisiert noch umdeutet“, eine Inszenierung verpuffe, „weil aktuelle Bezüge fehlen“.

Ist es Ironie oder vorauseilende Absicherung, wenn das Hessische Staatstheater Wiesbaden mit den folgenden Worten zu einer Premiere einlädt: „Mit seiner Inszenierung des Zerbrochnen Krugs unternimmt Uwe Eric Laufenberg den ungewöhnlichen und radikalen Versuch, hundertprozentig auf den Dichter Heinrich von Kleist zu vertrauen: Ohne Striche, ohne Fremdtexte, ohne Videos und ohne Musik wird Kleists Lustspiel so pur wie selten auf die Bühne gestellt.“

Was gestern noch als selbstverständlich wahrgenommen wurde, wird heute als exotisch und veraltet empfunden oder jedenfalls präsentiert. Merken die Kritiker eigentlich, dass sie, indem sie das gerade Gängige, das morgen schon als „altmodisch“ gelten wird, zur Norm erheben, genau daran mitwirken: an der Erschöpfung und dem Verschleiß künstlerischer Mittel, die ihre Wirkung einbüßen, wenn sie keine Differenzqualität mehr besitzen? Sie opfern das Theater mit seiner Vielfalt, mit Kopfrechnerinnen, Busschaffnern und Telefonzellen, dem Konformismus, dem sie längst erlegen sind. Schade.

Thomas Rothschild - 2. Oktober 2019
2641

Familienbande

Das kleine Hotel am Meer kommt einem Idyll so nahe, wie die Wirklichkeit einem Idyll nur nahe kommen kann. Die Zimmer sind komfortabel, die Balkone gewähren einen atemberaubenden Blick in die Ferne, keine Animation und keine Musik beeinträchtigt das Ruhebedürfnis. Die Gäste sind freundlich und rücksichtsvoll. Man grüßt sich höflich und respektiert im Übrigen die Privatsphäre der Nachbarn.

Da reist die Großfamilie an. Sie gehört offenkundig zu den regulären Stammgästen. Die Mutter breitet bei der Ankunft die Arme aus, als wäre sie die Ranjewskaja, die gerade in ihren Kirschgarten heimkehrt. Die älteste Tochter packt ihre Gitarre aus und versucht stundenlang ihr Repertoire von drei Akkorden zu erweitern. Ein Eric Clapton oder eine Joni Mitchell wird aus ihr nicht werden. Warum bloß musste sie sich das Hotel am Meer für ihre Kunstanstrengungen aussuchen, statt daheim zu üben? Morgens brät die Großmutter Frühstücksspeck für die ganze Meute, die sich auf ihrem Balkon versammelt. Der Geruch dringt unaufhaltsam in unser Zimmer ein. In unregelmäßigen Abständen quellen die Kinder aus einem der Studios wie das Schiffspersonal in A Night at the Opera von den Marx Brothers. Die jüngeren Familienmitglieder quasseln, kreischen und wirbeln am Pool, nehmen das Gelände in Beschlag, wie die vertrauten Pioniere der Selbstbezogenheit die „besten“ Liegen, als wäre es ihr Eigentum. Niemand gebietet ihnen Einhalt – die Eltern nicht, weil auch sie denken, sie wären bei sich zu Hause, die anderen Hotelgäste nicht, weil sie es gegen die Übermacht, die fünf Zimmer besetzt hat, nicht wagen.

Wer sagt, die Familie sei das Übungsgelände für das Verhalten in der Gemeinschaft, „die kleinste Zelle der Gesellschaft“? Das Gegenteil ist wahr. Die Großfamilie ist der Hort unsozialen Gebarens. Schafft sie ab! Beendet die institutionalisierte und staatlich geförderte Erbschleicherei! Damit das kleine Hotel am Meer wieder zum Idyll wird. „Was sagen wir im Abendlande/ Was sagen wir als Mensch und Christ?/ Vielleicht, dass die Familienbande/ Die stärkste aller Banden ist!“ (Dieter Süverkrüp)

Mit einer Verspätung von einem halben Jahrhundert haben die Menschen, mit Ausnahme einiger Idioten, begriffen, dass nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern auch das Klima ihre Sorge verdient. Es ist an der Zeit für die Einsicht, dass nicht nur die Selbstverwirklichung, sondern auch die Stille ein schützenswertes Gut ist.

Thomas Rothschild - 18. September 2019
2640

Gattungsbewusstsein

Ein paar lautstarke Expertendarsteller, die zur Literatur ein ähnliches Verhältnis haben wie der Metzger zur Sau, rufen unentwegt nach dem Roman, der die bedeutsamen historischen Daten des vergangenen Jahrhunderts, den Holocaust etwa oder die deutsche Wiedervereinigung, zum Thema wählt. Sie beweisen damit nur, dass sie nicht begriffen haben, was der Roman zu leisten vermag und vom Don Quixote bis zum Proceß, vom Tristram Shandy bis zum Ulysses, von Anna Karenina bis zu Hundert Jahre Einsamkeit geleistet hat, und wo der Gattung Grenzen gesetzt sind. Für die künstlerische Verarbeitung von Geschichte eignet sich keine andere Gattung so vorzüglich wie der Dokumentarfilm, und vom Roman zu verlangen, was dieser weitaus überzeugender zu erbringen vermag, gleicht dem Ansinnen, von einer Sonate ein Bild der Mona Lisa zu fordern.

Den Künstlern und ihren Kritikern ist das Bewusstsein von den Spezifika der Gattungen und Genres, von ihren Möglichkeiten und Grenzen abhanden gekommen. Sie denken nur mehr in Inhalten, nicht in künstlerischen Formen. Sie wollen, egal mit welchen Mitteln, aussprechen, was gerade „gefragt“, was gerade „angesagt“ ist oder was sie aus ihrer engen Erfahrung kennen, und das ist vor allem das Fernsehen und die Popmusik. Und so gleichen sich die Orte der verschiedenen Sparten immer mehr einander an. Die Großveranstaltungen der Bildenden Kunst, des Films, des Theaters bieten die gleichen Installationen, Performances und Events an. Jeder Roman, jeder Film steht für eine Bühnenbearbeitung zur Disposition, und kein Theaterstück ist immun gegen die Hits der siebziger Jahre.

Wie aus einer anderen Welt müssen heute ein Tschechow oder ein Schnitzler erscheinen, die wussten, welcher Stoff sich für eine Kurzgeschichte und welcher sich für ein Drama eignet. Exotisch wirkt in diesem Umfeld ein Alexander Kluge, der sehr genau unterscheiden kann, wann er einen Film dreht, wann er für das Fernsehen produziert, wann er ein Buch schreibt.

E.T.A. Hoffmann war ein beachtlicher Komponist. Dass er aus den Lebens-Ansichten des Katers Murr einen Roman gemacht hat und nicht eine Oper, muss wohl seine Gründe haben.

Thomas Rothschild - 11. September 2019
2639

Unschuldig

Zu den Floskeln der Kriegs- und Terrorismusberichterstattung gehört jene von den „unschuldigen Kindern“, die Opfer von Gewalt wurden. Was genau bedeutet das Attribut „unschuldig“? Wovon soll es „unschuldige Kinder“ abgrenzen? Von schuldigen Kindern? Wer nicht verbohrt an die Ursünde glaubt, wird diese Interpretation wohl ausschließen. Trennt das Beiwort Kinder also in ihrer Gesamtheit von den schuldigen Erwachsenen? Die Genfer Konventionen unterscheiden zwischen Zivilpersonen und Kombattanten. Das Alter spielt dort keine Rolle.

Wer von „unschuldigen Kindern“ spricht, unterstellt erwachsenen Zivilisten eine Schuld. Er fällt hinter die Logik der Genfer Konventionen und auch schon der Haager Landkriegsordnung zurück. Die schlampige Sprachverwendung, die auf sentimentale Reaktionen hofft, torpediert in Wahrheit den Anspruch auf Schutz vor Gewalt. Es ist schon schlimm genug, dass Soldaten nach einem zwar angefeindeten, aber zutreffenden und mittlerweile von Gerichten zugelassenen Satz von Kurt Tucholsky Mörder sind. Selbst aber wenn man, wie etwa der einstige verteidigungspolitische Sprecher der Sozialdemokratie Walter Kolbow, der Ansicht ist, dass Streitkräfte ein konstitutives Element der wehrhaften Demokratie seien und damit die Tötung, die ein Soldat im Verteidigungsfall vornehmen muss, gerechtfertigt sei, ist jede Formulierung fatal, die suggeriert, erwachsene Menschen seien, anders als Kinder, „schuldig“. Es nimmt die tatsächlich Schuldigen aus der Verantwortung. Dass auch deren Tötung als zumindest fragwürdig gelten muss, wenn man die Todesstrafe ablehnt, steht auf einem anderen Blatt.

Thomas Rothschild - 2. September 2019
2637

Nein zum freien Zugang

Der MDR hat 32 Intendantinnen und Intendanten von Theatern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Situation des Theaters befragt. Eine der 16 Fragen lautete: „Sollte der Eintritt zu öffentlich-subventionierten Theatern künftig frei sein?“ Mit der einzigen Ausnahme des Intendanten der Oper Halle („Von mir aus gerne!“) antworteten alle mit einem mehr oder weniger resoluten, nur minimal modifizierten „Nein“.

Man sieht: die Zuständigen für eine Demokratisierung der Kultur sind in den Ländern zunehmender Rechtsentwicklung im Kapitalismus angekommen. Was spricht gegen den freien Eintritt zu Theatern? Das "Nein" der Intendantinnen und Intendanten bedeutet im Klartext: Kultur gehört nicht zu den Grundrechten der Menschen. Die Autostraßen dürfen kostenfrei benutzt werden, obwohl jene, die nicht Auto fahren, sie mit ihren Steuern mitfinanzieren. Sie finanzieren auch die Stadien, selbst wenn sie sie noch nie betreten haben. Warum soll für die Theater nicht das Gleiche gelten? Nur, weil es bisher nicht gegolten hat? Früher einmal waren die Theater den Aristokraten vorbehalten. Die Schloss- und Burgtheater zeugen davon. Dann hat sich die Bourgeoise die Theater zusammen mit anderen Kultureinrichtungen erobert. Die Gebäude demonstrierten neben Börsen und Banken das neue Selbstbewusstsein der herrschenden Klasse. Warum wollen Intendantinnen und Intendanten einem über das Bildungs- und Geldbürgertum hinausgehenden Publikum nicht zugestehen, was beim Verbrauch von Luft (noch) als selbstverständlich gilt? Die Entwicklung geht nicht zu mehr Demokratie, sondern, wie die Einführung von Gebühren für den Zugang zu Hochschulen bewiesen hat, zu mehr Klassengesellschaft. Im Zweifel entpuppen sich die Theaterleute halt doch als Reaktionäre.


Thomas Rothschild - 27. August 2019
2636

Stand-up Comedy

Wenn Jazz und Film amerikanische Künste sind, dann gilt das zumindest ebenso sehr für die Stand-up Comedy. Ein Mann, eine Frau steht vor dem Mikrophon und erzählt – das wär's, nichts weiter. Während die Conférence in der Tradition des deutschsprachigen Kabaretts und Varietés lediglich überleitet von der einen Nummer zur anderen, ist Stand-up die Nummer selbst. Und wenn sich Franz Hohler, zum Beispiel, als Theaterdonnerer vorstellt, so wissen wir jeden Moment, dass das eine Rolle ist, wundern uns nicht, wenn er in der nächsten Nummer plötzlich wer ganz anderer ist. Wenn der Alleinunterhalter des Stand-up „ich“ sagt, dann geht er ganz in seiner Rolle auf, hält sie von Anfang bis Ende, meist über Auf­tritte und Jahre hinweg, bei. Der Zuhörer kann nicht mehr unterscheiden, wo er tatsächlich Erlebtes berichtet und wo er sich etwas ausgedacht hat. Der Stand-up-Komiker identifiziert sich (scheinbar) so sehr mit seiner Rolle, dass er zum Typus wird, den man sich im realen Leben nicht anders denken mag als auf der Bühne.

Woody Allen war, ehe er als Filmemacher zu Weltruhm gelangte, ein begnadeter Stand-up-Comedian. Er konnte auf Anregungen von Jack Benny oder George Burns zurückgreifen. Lily Tomlin ist eine der weniger Frauen im Metier. Und es gibt Aufnahmen von einigen Stand-up-Höhepunkten aus in den Jahren 1959-71 gesendeten Folgen der Ed Sullivan Show, jener legendären Sonntagsserie, die schwächere Gastgeber in den USA und nur noch peinliche Zombies in deutschen Fernsehanstalten immer wieder hilflos kopieren. Fünf Minuten dieser Aufzeichnungen enthalten mehr gescheite Pointen, als ein Harald Schmidt in all seinen Sendungen zusammengenommen zustande gebracht hat. Neben Stand-up-Soli gibt es auch ein paar Sketche, von denen ich einen – von Stiller & Meara: Hershey Horowitz Meets Mary Elizabeth Doyle – hervorheben möchte. Ein Paar, das sich über eine Computer-Vermittlung kennengelernt hat, stellt fest, dass es in der selben New Yorker Straße wohnt, aber sich nicht verständigen kann, weil die beiden völlig unter­schiedliche Erfahrungen haben: sie ist Christin, er Jude. Der Dialog ist von fulminantem Witz und zeigt, übertreibend, doch eine drastische Tatsache, dass nämlich der viel gepriesene „mel­ ting pot“ in Wahrheit ein Konglomerat von Ghettos ist. Die Szene wurde vor Jahrzehnten aufgenommen und wirkt kein bisschen veraltet.

Bei Ed Sullivan begnügte man sich noch nicht mit hysterisch gestikulierenden Kleiderständern und blöd grinsenden, feixenden Gesichtern, aus denen kein hörenswertes Wort dringt. Zu den Stammgästen der Ed Sullivan Show gehörten die Schauspieler und Sänger des Broadway, die Stars der aktuellen Musicals, die mehr zu bieten hatten als allenfalls Auskünfte über ihre jüngsten Liebschaften oder ihre Morgengymnastik. Warum nimmt sich unser Fernsehen nicht daran ein Beispiel? Es gab und gibt ja auch in Europa einige wenige Stand-up-Komiker, die sich an den amerikanischen Stars messen können: Lukas Resetarits, und Josef Hader in Österreich, Arkadij Rajkin in Russland. Ein deutscher Komiker dieses Formats fällt mir nicht ein. Na ja, Gerhard Polt vielleicht, Georg Schramm, Bruno Jonas und Sigi Zimmerschied.


Thomas Rothschild - 19. August 2019
2635

Mehr!

Man stelle sich vor: Ein Kochkünstler hat ein mehrgängiges Menü zubereitet, jedes Gericht ein Meisterwerk, die Abfolge wohl bedacht, die Gänge sinnvoll aufeinander abgestimmt nach den Prinzi­pien der Harmonie und des Kontrasts. Man hat köstlich gespeist, die Esser spenden dem Artisten, der ihnen den Genuss ermöglicht hat, Beifall. Und nun trägt der Meister noch einen Gang auf, und noch einen, und einen weiteren. Bis, was eben noch Genuss bereitet hat, Widerwillen erzeugt, ein Völlegefühl, ein Unwohlsein.

In Konzerten geschieht genau dies. Immer wieder, rituell. Drei Stunden lang hat da ein Publikumsliebling sein vorzüglich komponiertes Programm vorgestellt. Bewusst, wie es begann, endet es auch. Doch nun folgen die zahlreichen Zugaben, weil der Sänger, von einem offen­bar auf Anhäufung konditionierten Publikum angestachelt, kein Ende finden kann, zugunsten einer Logik der luxuriösen Fülle und auf Kosten der künstlerischen Ökonomie. Sollte er nicht durchschauen, was sich da abspielt? Verleitet ihn seine Eitelkeit auf das Glatteis einer kapitalistischen Akkumulationsmentalität, der das Mehr alles ist, auch wenn es das rechte Maß zerstört? Ist der erfolgsverwöhnte Star immer noch so ausgehungert nach Publikum, ist es das Publikum immer noch so sehr nach ihm, dass der ästhetische Gourmet vor dem Gourmand resigniert?

In Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny singt Jakob Schmidt: „Jetzt hab ich gegessen zwei Kälber/ Und jetzt esse ich noch ein Kalb/ Alles ist nur halb/ Ich äße mich gerne selber.“ Und als er tot umfällt, loben die Männer: „Sehet, Schmidt ist gestorben!/ Sehet, welch ein glückseliger/ Sehet, welch unersätt­ licher/ Ausdruck auf seinem Gesicht ist!/ Weil er sich gefüllt hat/ Weil er nicht beendet hat/ Ein Mann ohne Furcht!“

Brecht, der gute alte, hat's wieder einmal, wie so oft, kapiert.


Thomas Rothschild - 9. August 2019
2634

Die andere Kultur

Wenn von Kultur die Rede ist, denkt man an die Berliner Philharmoniker und die Salzburger Festspiele, an die Semperoper und das Burgtheater. Darob hat man vergessen, dass es eine zweite Kultur gibt, die in den Feuilletons der großen Zeitungen nicht vorkommt, die aber ganze Bevölkerungsschichten erfreut, die weder die Berliner Philharmonie, noch die Salzburger Festspiele jemals besuchen werden (aber mit ihren Steuergeldern mitfinanzieren). Man trifft sie unter anderem in den zahlreichen Kurorten, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Die sehen im Wesentlichen noch genau so aus wie zu Turgenjews, Dostojewskis und Tschechows Zeiten. Wahrscheinlich frequentieren die Kassenpatienten von heute die Casinos etwas zurückhaltender, aber sie trinken aus den gleichen Mineralwasserquellen und spazieren durch die gleichen Anlagen wie die illustren russischen Gäste des 19. Jahrhunderts. Dort begegnen sie eben jener Kultur, die die oberen Zehntausend eher belächeln.

Zum Beispiel Bad Mergentheim im baden-württembergischen Teil Frankens, wo das prächtige Deutschordensschloss am Rande der schmucken Altstadt die historische Macht und den Reichtum der Kirche – auf Kosten von wem wohl? – dokumentiert. An den großzügigen Schlosspark grenzt der noch weiträumigere Kurpark mit seinen seltenen Bäumen und kitschigen Skulpturen. Hier definiert eine Wasserorgel zu der Musik von Pop bis Dvořák das Kunstverständnis der Kurverwaltung. Man wartet geradezu darauf, dass Marcello Mastroianni im weißen Anzug vorbei kommt und seinen Strohhut vor der Dame mit dem Hündchen zieht.

An fünf Tagen der Woche spielt sich das aus bis zu sechs Männern und einer Frau bestehende Kur- und Salonorchester Hungarica nachmittags und abends im Musikpavillon oder in der Wandelhalle durch das einschlägige Repertoire. Es ist tatsächlich ein Salonorchester, wie sie im 19. Jahrhundert in Mode kamen. Eigentlich erstaunlich, dass sich diese Einrichtung im Zeitalter von Streaming und computerisierten Handys halten konnte. Es zeigt sich: während deutsche Theatermacher unermüdlich die Digitalisierung beschwören, kann eine Handvoll lebendiger Menschen, die Musik machen, die Aufmerksamkeit von Zuhörern erringen, die ahnen, was Walter Benjamin mit Aura gemeint hat.

Manchmal gesellt sich die ortsansässige Pfarrerin, an der eine professionelle Schauspielerin verloren gegangen ist, zum etwas gelangweilt dreinschauenden Kur- und Salonorchester und liest literarische Texte, mit besonderem Vergnügen Henry Nevilles The Isle of Pines. Darin macht der auf eine Insel verschlagene Erzähler sämtlichen vorhandenen Frauen inklusive einer „Negersklavin“, die ihm ein „schönes weißes Mädchen“ gebiert, Kinder – insgesamt 47, mit den Enkeln und Großenkeln sind es dann 555 Nachkommen. Die Pfarrerin scheut weder die Frivolität der Dystopie aus dem 17. Jahrhundert, noch das N-Wort, das Thomas Ostermeier eben erst in Salzburg aus Horváths Jugend ohne Gott getilgt hat, wo nun nicht mehr benannt werden kann, wer wie diffamiert wird. Es kommt ihr, jedenfalls jenseits der Sonntagspredigt und der Einführung ins Handauflegen, von den Lippen wie ein Vaterunser. Manche Probleme hat halt nur die Hochkultur.


Thomas Rothschild – 3. August 2019
2633

Festspiele als Testgelände

Previews oder Tryouts sind in den USA und auch in Großbritannien, insbesondere im Bereich des kostspieligen Musicals, gängige Praxis. Ehe eine Produktion in New York oder London zum Einsatz kommt, um von einflussreichen Kritikern beäugt zu werden, wird sie in der Provinz „ausprobiert“, manchmal auch noch verändert oder modifiziert. Diese Voraufführungen haben ein geringes Prestige. Sie gelten nicht als vollwertige Inszenierungen.

Die Bregenzer Festspiele lockten heuer rund 1.500 Zuschauer mit gerade drei Vorstellungen einer kleinen Produktion mit zwei Bühnenstars, die ab 12. Oktober am Deutschen Theater in Berlin zu sehen sein wird. Drei von den vier Sprechtheaterangeboten der Salzburger Festspiele jenseits des unsäglichen Jedermann sind Koproduktionen mit großen deutschen Bühnen und werden bald – ab 7. September, ab 21. September und ab 19. Januar – in den Metropolen Berlin, Hamburg und Stuttgart zu sehen sein, nachdem sich die Sonne hinter die Alpen und die Schickeria von der Salzach zurückgezogen hat. Dass auch die Wiener Festwochen in diesem Jahr kaum eigene Produktionen anzubieten hatten, wurde damit entschuldigt, dass der kurzfristig ernannte neue Intendant Christophe Slagmuylder dafür zu wenig Zeit gehabt hätte. Mal sehen, was ihm 2020 einfällt. Mit Wehmut denkt man an Zeiten, als sich die Festwochen noch Eigenproduktionen der anderswo schwer zu realisierenden Letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus leisteten.

Die Theater haben an Koproduktionen, die am Ort der Koproduzenten in Wahrheit nichts anderes sind als Previews, ein einziges Interesse: Sie bessern ihr Budget auf. Die finanziell gut ausgestatteten Festivals zahlen ihren Tribut und erhalten dafür das Ius primae noctis. Das freilich hat eine geringe erotische Attraktivität. Es ist, genauer betrachtet, nicht mehr als eine jener Provinzproben, die – siehe oben – im englischsprachigen Raum mit gerümpfter Nase beschnüffelt werden. Von Alleinstellungsmerkmal kann keine Rede sein. Die Premieren der Festivals sind so exklusiv wie die Modelappen im Second Hand Shop oder wie die Leckerbissen, die Vorkoster in Konservenfabriken testen, ehe sie in die Supermärkte kommen.

Eigentlich ist das gar keine schlechte Nachricht. Es bestätigt, was wir längst wussten: dass Festspiele meist mehr mit Snobismus zu tun haben als mit Neugier auf echte Entdeckungen. Und ein bisschen Schadenfreude darf sich schon hineinmischen, wenn man feststellt, dass die Besucher zu überhöhten Preisen auf Previews hereingefallen sind, deren eigentliche Premieren im ganz normalen Theater daheim stattfinden.


Thomas Rothschild – 27. Juli 2019
2632

Bruno Ganz und René Pollesch

Bruno Ganz, der große Schauspieler, einer der größten seiner Generation ohne Zweifel, kündigte schon einige Jahr vor seinem Tod an, er wolle nicht mehr Theater spielen. „Keiner von diesen Bundesliga-Erste-Sahne-Regisseuren im deutschen Theater lässt Identifikation zu. Die scheuen das wie der Teufel das Weihwasser. Also habe ich da nichts mehr zu suchen.“ So begründete er seinen Entschluss. Das Theater, wie es sich ihm damals darstellte, gefiel ihm nicht. Also kündigte er seinen Rückzug an.

Das ist konsequent und war sein gutes Recht. Aber stimmte seine Diagnose? Stimmte sie in dieser Verallgemeinerung? Und wenn sie stimmte – was hat das, jenseits von den individuellen Vorlieben eines Schauspielers, zu bedeuten?

Erinnern wir uns an erfolgreiche Inszenierungen der vergangenen Jahre. Der Ödipus des Klaus Maria Brandauer bei Peter Stein – keine Identifikation? Der Lear des Gert Voss bei Luc Bondy – keine Identifikation? Der Raskolnikov des Jens Harzer bei Andrea Breth – keine Identifikation? Der Weibsteufel der Birgit Minichmayr bei Martin Kušej – keine Identifikation? Der Othello des Joachim Meyerhoff bei Jan Bosse – keine Identifikation? Die vier Figuren aus dem Gott des Gemetzels bei Jürgen Gosch und vielen anderen Regisseuren der A-, B- und C-Liga – keine Identifikation?

Es stimmt einfach nicht, was Bruno Ganz behauptet hat. Jedenfalls nicht in dieser Pauschalität. Der richtige Kern seiner Aussage liegt in einer Veränderung der dramatischen Kunst, die Autoren zumindest ebenso zu verantworten haben wie Regisseure, manchmal in Personalunion – am auffallendsten vielleicht René Pollesch. Diese Veränderung betrifft ein Misstrauen gegenüber dem Einfühlungstheater, gegenüber der naiven Suggestion, Schauspieler und Rolle bildeten eine Einheit. Man kann das mögen oder, wie Bruno Ganz, ablehnen. Pollesch aber und anderen Theaterleuten mit einer ähnlichen Auffassung vorzuwerfen, dass es bei ihnen keine „Rollenidentität“ mehr gebe, bedeutet, sich nicht auf ihre Absichten einzulassen. Es ist so, als hielte man einem Rocksänger vor, dass er keine Koloraturen meistert. Die Rolle hat über Jahrtausende hinweg im Theater gute Dienste geleistet und sie tut es immer noch. Aber sie ist ebenso wenig unverzichtbar wie Kothurn oder Rampenlicht. So arrogant es wäre, zu postulieren, dass Identifikation veraltet, „nicht mehr möglich“ sei, so reaktionär ist ihre Infragestellung. Sie wiederholt den Fehler derer, die Musik ohne Tonalität oder Malerei ohne Gegenständlichkeit verteufelt haben.

Die Pollesch-Verächter werfen dem produktiven Autor-Regisseur vor, dass er stets nur das Gleiche variiere. Wohl wahr. Jedenfalls wenn man seine Inszenierungen aus einer gewissen Entfernung betrachtet. Das gilt aber auch für die Commedia dell'arte oder für das japanische Nō-Theater. Originalität ist eine Möglichkeit in den Künsten, das Experiment im Rahmen eines mehr oder weniger strengen Regelsystems eine andere. Pollesch hat seine Methode, seine Handschrift gefunden. Man kann sie mögen oder nicht mögen wie die stets gleichen Songs von Leonard Cohen oder die stets gleichen Skulpturen von Richard Serra. Es bleibt ja jedem unbenommen, seine Vorlieben zu haben, aber warum muss man sie gleich zur Norm für die Gattung machen wollen?

Angesichts der Ernennung von Pollesch zum Intendanten der Volksbühne sollte man nicht vergessen, dass er einer der interessantesten Regisseure unserer Gegenwart ist. Dass das zwei sehr verschiedene Professionen sind, hat unter anderem Peter Zadek bewiesen. Man hat Pollesch vorgeworfen, dass das schnelle Sprechen, das er seinen Schauspielern abverlangt, das Verständnis des Textes erschwert oder unmöglich macht. Die Bezichtigung übersieht, dass Sprache in der gesprochenen Literatur, anders als in der Alltagskommunikation, nicht bloß als Bedeutungsträger funktioniert, sondern auch als Klang, als Ablauf von Intonationen und Rhythmen. Ihr „Sinn“ muss sich nicht unbedingt unmittelbar erschließen, kann sich aus Fragmenten, Wiederholungen, assoziativen Angeboten und auch aus Leerstellen ergeben. Die Rätselhaftigkeit, das Hermetische, das das Bildungsbürgertum an der Lyrik der Romantik bis hin zu Paul Celan zu schätzen vorgibt, resultiert bei Pollesch aus der Weigerung, sich den Gesetzen einer allenfalls durch schlampige Artikulation torpedierten Deklamation unterzuordnen.

Das Theater der Renaissance war weder realistisch, noch psychologisch. Zwar strotzen Shakespeares Stücke nur so von Menschenkenntnis, zwar liefern sie atemberaubende Einsichten in die individuelle und die gesellschaftliche Wirklichkeit, aber im Theater der Shakespeare-Zeit hatte die Stilisierung stets Vorrang vor der abbildlichen Darstellung der Erfahrungswelt. Nun ist es durchaus legitim, wenn sich heutige Zuschauer zusammen mit Bruno Ganz über die Kunstfertigkeit freuen, mit der große Schauspielerinnen und Schauspieler nachahmen, was ihnen aus dem Alltag bekannt ist. Aber dass sie sich mehr und mehr schwer tun mit einem Theater, das genau dies gar nicht anstrebt, das vielmehr seine eigene Sprache entwickelt, ist ein Verlust, den wir – sprechen wir es unverblümt aus – dem Fernsehen verdanken. Es soll hier nicht verteufelt werden, es hat ja seine Funktion. Aber wenn es zum Modell für die szenischen Künste wird, wenn sich Schauspielkunst darüber definiert, ob jemand die Augen aufschlägt und die Stirn runzelt wie ein echter Arzt, wie eine echte Unternehmerin, mit anderen Worten: wenn die Rollenidentität zum alleinigen Kriterium der Anerkennung als Schauspielkunst wird, dann ist es ebenso schädlich wie deren grundsätzliche Ablehnung. Das Wort ist so gemeint, wie es hier steht: schädlich.


Thomas Rothschild - 23. Juli 2019
2631

Schamlosigkeit

Wer eine Rezension liest, geht davon aus, dass der Rezensent zwar seine eigenen Maßstäbe hat und sich auch irren kann, dass er aber in seinem Urteil frei ist von Rücksichtnahmen, dass ihn also keine persönlichen Verflechtungen an den Autor und sein Werk binden. Das war auch lange so. Ein Redakteur, der seinen guten Ruf bewahren wollte, hätte nicht zugelassen, dass jemand ein Buch oder auch eine Theateraufführung, ein Kunstwerk von jemandem bespricht, zu dem er in einem Abhängigkeitsverhältnis welcher Art auch immer steht.

Das hat sich geändert. Ohne Bedenken loben und preisen Rezensenten – es können auch Rezensentinnen sein – die Bücher von Autoren – es können auch Autorinnen sein –, mit denen sie zuvor eng zusammengearbeitet hatten. In der Wissenschaftspublizistik lassen sich Huldigungen von Rezensenten für Autoren nennen, die zuvor ihre Dissertation oder Habilitation betreut und ihre Karriere befördert hatten. Die Schamlosigkeit kennt keine Grenzen. Früher, als die heute in Mode gekommene Formel „Das geht aber gar nicht“ (mit Betonung auf „gar“) noch nicht gebräuchlich war, hätte man gesagt: „Das ist unanständig. Das gehört sich nicht. Das tut man nicht. Das ist, wie wenn man in Gesellschaft rülpst oder wie wenn man Kinder schlägt.“

Der rezensorische Sittenverfall greift um sich. Statt von „Gefälligkeitsjournalismus“ spricht man von „Netzwerk“, und das rechtfertigt für jene, die dazu gehören, jeden Freundschaftsdienst. Die Schweinerei ist eine zweifache: einmal von Seiten der Person, die sich derart für empfangene Protektion bedankt, und dann vor Seiten der Person, die diesen Dank zulässt, vielleicht sogar erbeten hat. Diese Praxis nach dem Prinzip des „do ut des“ ist Betrug von der gleichen Qualität wie das Plagiat. Der Gelackmeierte ist der Leser. Er sollte sich bei Besprechungen nach dem Rezensenten und dem Rezensierten erkundigen. Das brächte so mancherlei ans Licht. Ein Indikator für die Redlichkeit von Rezensionen ist die Anzahl von unabhängigen Rezensenten, die ein Buch für besprechenswert halten und zum gleichen begeisterten Ergebnis kommen wie die Rezensenten aus dem Umfeld des Rezensierten. Wenn sie ausbleiben, darf man vermuten: da ist Kungelei im Spiel.


Thomas Rothschild - 16. Juli 2019
2630

Natur und Verblödung

Vor ein paar Jahren standen die Schokoladenfirma Ritter Sport und die Stiftung Warentest einander vor Gericht gegenüber. Die Stiftung Warentest monierte, dass der Aromastoff Piperonal, der für die Vanillenote zuständig ist, chemisch hergestellt werde und somit gegen die Angabe verstoße, in der Schokolade Voll-Nuss seien ausschließlich natürliche Zutaten enthalten. Der Schokoladenhersteller versicherte, dass sein Piperonal auf natürlichem Wege gewonnen werde.

Offen gestanden: mir ist es scheißegal, ob der Vanillegeschmack auf natürliche oder auf chemische Weise zustande kommt, zumal selbst die Stiftung Warentest erklärte, dass auch das chemisch produzierte Aroma keine Gefahr für die Gesundheit darstelle. Ja, ja, ich weiß schon, es ging bloß um die Ehrlichkeit der Deklaration. Der Konsument soll sich auf sie verlassen können. Aber hätte es die ganze Aufregung auch gegeben, wenn ein Lebensmittelproduzent einen natürlichen Zusatz als chemisch deklariert hätte? Offenbar nicht. Das Zauberwort „Natur“ hat inzwischen zu einer massenhaften Verblödung geführt. Und keiner redet davon, dass sich mit ihm oder mit der Vorsilbe „Bio“ gute Geschäfte machen lassen. Wo so viel an einer Sprachregelung und der mit ihr zusammenhängenden Ideologie verdient werden kann, sollte man skeptisch sein.

Was natürlich entsteht, ist von vornherein nicht gesünder, nicht bekömmlicher, für den Menschen nicht geeigneter als künstlich – chemisch, technisch – Hergestelltes. Sulfonamide, die mit dem aus der Natur gewonnenen Penicillin konkurrieren, sind ein chemisches Produkt. Die Bakterien, die mit ihnen bekämpft werden, sind ein Stück Natur. Man muss schon sehr an die Vernunft des Schöpfergotts glauben, wenn man die natürlichen Bakterien den chemischen Sulfonamiden vorzieht. Im Übrigen sind die Vorgänge, die als natürlich gelten, nicht weniger chemisch als die von Menschen initiierten. Auch hier bedarf es einer unerschütterlich religiösen Weltsicht, um zu idealisieren, was die angeblich göttliche Natur und nicht der Mensch hervorbringt: den zerstörerischen Hurrikan, das Hochwasser, die Erdbeben und die Giftpilze. Der Mensch mag durch besinnungslose Eingriffe in die Natur manche schädlichen Effekte verstärkt haben. Aber es bedurfte ihrer Mitwirkung nicht. Naturkatastrophen sind älter als die Exploitation der Natur. Und insgesamt hat der Mensch durch seine Erfindungen, durch Chemie und Technik, wohl mehr Gutes bewirkt als Schlechtes. Wer immer nur einen geraden Weg von der Aufklärung zur Atombombe sieht, soll bekennen, dass er die Massen von Frauen in Kauf zu nehmen gewillt ist, die im Kindbett starben, und eine Vervielfachung des ohnedies dramatischen Hungers auf der Welt als Folge des Verzichts von Chemie und Technik in der Lebensmittelproduktion.


Thomas Rothschild - 10. Juli 2019
2629

Wie fremd sind uns die Fremden?

Wenn mir der 87. Film über die sexuellen Nöte von surfenden Halbwüchsigen auf die Nerven geht, erklärt man mir, ich gehöre eben nicht zur Zielgruppe solcher Filme. Und wer könnte es leugnen: ich bin tatsächlich schon lange kein Teenager mehr, die Probleme der Pubertät sind mir zwar noch in Erinnerung, aber sie liegen weit zurück. Und doch – ist damit erklärt, warum mich viele von jenen Filmen langweilen, zu denen die Altersgruppe, die darin abgebildet wird, in Massen strömt?

Im Stuttgarter Schauspiel hörten sich die Gegner von Stuttgart 21 – wie wir heute wissen: ohne Auswirkung – an, wie Gegner von Stuttgart 21 auf der Bühne jene Slogans wiederholen, die sie selbst bei der Montagsdemonstration skandiert haben. Bei der feministischen Theatergruppe applaudieren Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen für die Darstellung dessen, was sie Tag für Tag erleben. Schwule versammeln sich bei Veranstaltungen, denen man attestiert, dass sie einer spezifischen Schwulenästhetik entsprächen, als wollten sie ihren Verächtern bestätigen, dass sie mit ihnen nichts gemeinsam hätten, und als gäbe es in deren Erfahrungswelt nichts, was für sie von Belang wäre.

Es hat sich etwas geändert. Wenn es tatsächlich so wäre, dass mir die inflationär produzierten und aufgeführten Coming-of-age-Filme nur deshalb auf die Nerven gehen, weil ich selbst kein „Heranwachsender“ mehr bin – wie erklärt es sich dann, dass zu der Zeit, als ich tatsächlich ein Heranwachsender war, Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren und Akira Kurosawas Ikiru zu meinen Lieblingsfilmen zählten, obwohl ich weit entfernt war von den Erfahrungen eines alten Mannes, der auf sein Leben zurück blickt oder an Krebs stirbt? Woran liegt es, dass wir uns damals als junge Männer für Alexandra Kollontai interessierten und als Heterosexuelle für die Abschaffung des Paragraphen stark machten, der Homosexualität unter Strafe stellte? Wie kommt es, dass wir alle, Junge wie Alte, Frauen wie Männer, Schwule wie Heterosexuelle – und ich meine das, wenn ich an unseren Freundeskreis von damals denke, genau so, wie es hier steht, kann es mit Namen belegen – uns für die Unterprivilegierten im eigenen Land und weit darüber hinaus mehr interessierten als für das Kollektiv, dem wir selbst angehörten?

Wenn die Beobachtung zutrifft, dass das Interesse, gar der Einsatz für das Fremde, das Andere, das Entfernte weitgehend verschwunden ist zugunsten der Wahrnehmung eigener Interessen, dann muss das mit den herrschenden Zuständen zu tun haben. Wenn heute global betrachtet ohnedies Privilegierten nur die Empfehlung einfällt, sich selbst zu positionieren und seine Vorteile wahrzunehmen, statt jenen, die tatsächlich marginalisiert und ausgeschlossen sind, dazu zu verhelfen, dass sie sich positionieren können, dann reproduzieren sie die Werte einer wölfischen Gesellschaft, in der man vorgibt, fressen zu müssen, um nicht gefressen zu werden. Sie haben längst die Regeln des Catch-as-catch-can akzeptiert und internalisiert und spielen das Spiel der rücksichtslosen Konkurrenz mit, noch dazu in der heuchlerischen Variante, die tut, als würde man sich für Mitglieder des eigenen Kollektivs einsetzen, wo man lediglich seine eigenen Vorteile im Blick hat. Sie sind konstitutiver Bestandteil eines Systems, in dem die Wirtschaft (und damit ist nichts anderes als der Profit gemeint) höchste Priorität hat und jede Risikoerwägung außer Kraft setzt – ob sie nun Atomkraftwerke, Gurken oder Autoabgase betrifft. Was einem selber nützt, ist schon allein dadurch positiv, auch wenn es anderen schadet. Kants kategorischer Imperativ ist in der blühenden kapitalistischen Landschaft ein Fall fürs Museum. Wenn da, etwa apropos AKW oder Flüchtlinge, eine Angela Merkel über ihren Schatten springt und das Richtige tut, sollte man nicht lange danach fragen, was ihre Gründe sein mögen, sondern sich darüber freuen. Ob die- oder derjenige, die oder der Einspruch erhebt gegen die egoistischen Interessen der AKW-Betreiber und ihrer Ideologen, ob die Verteidigerin, der Verteidiger der Vernunft, sei es aus Kalkül, sei es aus Einsicht, sei es unter dem Schock einer Katastrophe, Merkel oder Kretschmann heißt, ist nebensächlich. Auf das Ergebnis kommt es an.

Es hat schon seinen Grund, dass Begriffe wie „internationale Solidarität“ und „kompensatorische Erziehung“ oder gar „Rote Hilfe“ aus dem öffentlichen Sprachschatz verschwunden sind. Das ist kein linguistisches Problem. Es spiegelt eine Welt, in der man nur sich selbst sehen will und das Fremde nicht mehr interessiert. Wolf Biermann hat sich einmal über die „Leiden aus zweiter Hand“ lustig gemacht. Inzwischen hat er die aus den Augen verloren. Dennoch, sein Spott traf damals einen richtigen Punkt. Inzwischen ist er anachronistisch. Heute leiden die meisten Menschen nur noch an sich selbst. Sie betrachten sich im Spiegel, der auch die Gestalt einer Kinoleinwand oder einer Theaterbühne annehmen kann, und vergessen, was sich dahinter befindet. Die paar Ausnahmen riskieren, als „Gutmenschen“ verachtet zu werden. Selbst Angela Merkel, Helmut Kohls „Mädchen“, ist in diese Gefahr geraten.


Thomas Rothschild – 2. Juli 2019
2628

Der Terror der Unbedeutenden

Es greift um sich wie eine Seuche. Vor nicht allzu langer Zeit galt es als ein Zeichen des Erwachsenwerdens, dass man aufhörte, sich zu produzieren, um im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Heute häufen sich die hysterischen Frauen und die infantilen Männer, die an mangelnder Beachtung leiden wie an einer Verstopfung und die sich alle Mühe geben, ihre Bedeutungslosigkeit zu kompensieren, indem sie bei Konzerten schrille Laute von sich geben. Es nützt nichts. Sie bleiben die Nullen, die sie zuvor waren. Aber sie quälen ihre Umwelt mit ihrem vergeblichen Versuch, die Präsenz der Künstler auf der Bühne in den (akustischen) Schatten zu stellen. Sie ertragen keine Stille nach ausklingender Musik. Sie haben von nichts eine Ahnung. Was sie bewegt, ist allein der Drang zur Selbstdarstellung. Und wie auf die Verstopfung die Diarrhö folgt, so fließt es aus ihnen heraus. Sie können es nicht halten.

Diese lärmende Umweltverschmutzung, diese egozentrische Rücksichtslosigkeit hat sich epidemisch verbreitet wie Aperol Spritz, Tattoos, Smileys und der Veganismus. Die Mao-Bibeln schwenkenden Chinesen von einst waren Individualisten im Vergleich zu den deutschen Konformisten, die jede Mode mitmachen, die gerade die Hirne vernebelt. Wenn aber jemand Aperol Spritz trinkt, seinen Körper verunstaltet oder keine tierischen Produkte isst, muss man das nicht zur Kenntnis nehmen. Jeder werde auf seine Art selig. Die affenartige Laute ausstoßenden Nachbarn im Konzert drängen sich auf. Man kann ihnen erst entgehen, wenn die Vorstellung zu ende und der Fluchtweg zum Ausgang frei ist. Bis dahin ist man den geltungsbedürftigen Deppen ausgeliefert. Man nennt das Nötigung. Man würde diesen Kranken ja gerne empfehlen, einen Nervenarzt aufzusuchen. Aber das tut unsereins nicht. Wir haben ja noch gelernt, dass man fremde Menschen nicht belästigt. Jedenfalls sobald man die Grundschulreife erreicht hat.


Thomas Rothschild - 27. Juni 2019
2627

Erinnerungen

Mit zunehmendem Alter lebt man bekanntlich in Erinnerungen. Ich schätze mich glücklich, dass ich noch David Oistrach und Leonid Kogan, Andrés Segovia und den zwar noch lebenden, aber seit langem nicht mehr auftretenden Julian Bream, Rudolf Serkin und Friedrich Gulda, Mstislaw Rostropowitsch und Leonard Bernstein in Konzerten erleben durfte. Es waren Erfahrungen, die ich bis heute nicht vergessen habe. Aber im Bereich der „klassischen Musik“ gibt es heute mehr grandiose Musiker denn je, und viele lassen sich an den Genannten messen. Ein Konzert mit Hilary Hahn oder mit Mischa Maisky, mit Maurizio Pollini oder mit Grigori Sokolow, mit Martin Grubinger oder mit Mariss Jansons, oder, wie dieser Tage, mit Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikov hält mich auch heute noch in Atem.

Anders sieht es mit dem Jazz aus. Die erste Jazzformation, die ich besucht habe, war das Modern Jazz Quartet. Es spielte im Wiener Konzerthaus innerhalb eines Abonnements der Jeunesses Musicales. Ich war damals 14 oder 15 Jahre alt. Seither hatte ich Gelegenheit, Miles Davis und Dizzy Gillespie, Kenny Wheeler und Freddie Hubbard, Lester Bowie und Wayne Shorter, Gerry Mulligan und Cannonball Adderley, Stan Getz und Zoot Sims, Sonny Stitt und Sonny Rollins, Lee Konitz und Archie Shepp, Jay Jay Johnson und Albert Mangelsdorff, Dave Brubeck und Oscar Peterson, George Shearing und Lionel Hampton, Barney Kessel und Jim Hall, Charles Mingus und Niels-Henning Ørsted Pedersen, Max Roach und Mel Lewis, Ella Fitzgerald und Anita O‘Day, sogar Louis Armstrong, Jack Teagarden und Sidney Bechet und viele andere auf der Bühne zu sehen und zu hören. Ich wüsste nicht, wer sich heute mit ihnen vergleichen ließe. Und die wenigen, die mir einfielen, treten kaum mehr in Deutschland auf. Früher hat sie der Süddeutsche Rundfunk beispielsweise noch in seinem „Treffpunkt Jazz“ in die Stuttgarter Liederhalle geholt. Das ist lange Geschichte. Bei einem angeblichen Jazzfestival wie dem Stuttgarter Jazzopen treten Bob Dylan und Sting auf, große Künstler ohne Zweifel, aber mit Jazz haben sie nichts zu tun. Und die Jazzclubs lässt man finanziell aushungern. Für eine Einladung der verbliebenen Stars des Jazz reicht das Budget nicht.

Nun mag man einwenden, man könne die Musiker, die toten wie die lebenden, ja auf CD hören und auf DVD sogar sehen. Aber das ist eben nicht dasselbe wie ein Konzert mit seiner Atmosphäre, mit dem Gemeinschaftserlebnis, mit der Aura. Die Erinnerung an ein weit zurückliegendes Konzert ist stärker als die Erinnerung an eine vor einer Woche gehörte CD. Für die musikalische Sozialisation ist ein Konzertbesuch, ist die unmittelbare Begegnung mit einem Musiker durch nichts zu ersetzen. Es ist ein Teufelskreis. Weil es kaum noch Jazzkonzerte gibt, wächst kein junges Publikum für diese Musikrichtung nach. Und weil das Publikum ausbleibt, gibt es immer weniger Konzerte.

Ich aber sehe mir ein Video an mit Charlie Parker, Lester Young, Thelonious Monk und John Coltrane und träume von dem Glücksgefühl, das uns einst erfüllte, wenn wir den Weltstars lauschten, die nach dem Auftritt im Konzerthaus zur Jam-Session in den verrauchten Jazzkeller gekommen waren.


Thomas Rothschild - 19. Juni 2019
2626

Morgen Augsburg

Armin Petras ist als Theaterleiter in Stuttgart gescheitert. Nicht, weil er schlechtes Theater macht, sondern weil sein Theater nicht zu Stuttgart passt. Kay Voges wäre gern an die Volksbühne nach Berlin gegangen. Hat nicht geklappt. Jetzt geht er ans Volkstheater nach Wien. Die beiden Bühnen haben nicht mehr als die Silbe „Volks“ gemeinsam. Hat Voges für Wien ein anderes Konzept als er für Berlin gehabt hätte? Das Volkstheater hat er nach eigener Aussage ein einziges Mal besucht. Ist er bei Nestroy und Werner Schwab genau so daheim wie bei Kleist und Heiner Müller? Wenn nicht – was lässt sich daraus schließen? Karlheinz Braun in einem Gespräch mit nachtkritik.de: „Ich würde mir wünschen, dass die Theater wieder mit festen Hausregisseuren, festen Ensembles eine eigenständige, originale Leistung erbringen und nicht verwechselbar werden mit ihren Spielplänen und Produktionen. Dass man wieder sagen kann: Das ist eine sehr spezifische Theaterarbeit, die man nur in Bremen, Frankfurt oder Ulm sehen kann.“


Thomas Rothschild - 10. Juni 2019 (2)
2625

Märchenstunde

So, liebe Kinderchen, jetzt erzählt euch Großmutter Thomas ein Märchen. In grauer Vorzeit gab es ein Theater, da liefen Römer in einer wallenden weißen Toga herum, wenn Julius Cäsar gespielt wurde, und Hamlet trug einen kurzen Rock und enge Beinkleider. Man nannte das Kostümtheater, und die Aufführungen verstaubten allmählich. Inzwischen verstauben die Kostüme im Fundus, und ihr, meine lieben Kinderchen, habt kaum noch eine Vorstellung davon, was Kostümtheater war. Denn heute flanieren die Römer in Blue Jeans über den Broadway und Hamlet begibt sich in die Direktion der Deutschen Bahn, wo etwas, wie es im Text heißt, faul ist. Das Theater ist in einer Zeit angekommen, deren gelegentliche Ähnlichkeit mit der Gegenwart darüber hinwegtäuscht, dass sie nirgends angesiedelt ist. Denn wenn man die Zeit, in der ein Stück entstanden ist und in der es spielt, wegretuschiert, dann entsorgt man die Geschichte. Hinter diesem allgegenwärtigen Geschichtsverlust, der das eigentliche Ärgernis im heutigen Theater darstellt, steckt die reaktionäre Ideologie, dass immer alles gleich bleibt. Wer sie akzeptiert, muss gegen einen schlechten Status quo nicht rebellieren. Es kommt eh nichts Besseres nach. Es war immer schon so und wird immer so bleiben.


Thomas Rothschild - 7. Juni 2019
2624

 



 
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