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Corona bringt es an den Tag

Man traut seinen Ohren nicht. Die FDP, ausgerechnet, hat Keynes für sich entdeckt. Der liberale Politiker Michael Theurer verlangt eine staatliche Entschädigungen für diejenigen, die unter den Folgen der aktuellen Beschränkungen leiden: „Die Solidargemeinschaft braucht das Herunterfahren, die Solidargemeinschaft sollte auch gemeinsam die Kosten tragen." Er sagt „Solidargemeinschaft“ und meint, sofern er die Kosten im Auge hat, den Staat, dessen Einmischung sich die FDP in besseren Zeiten, in Zeiten also, da Profite gescheffelt wurden, mit Nachdruck verbeten hat. An eine einmalige Vermögensabgabe von besonders wohlhabenden Bürgern, wie sie die Linkspartei und die SPD fordern, dürften Theurer und seine FDP beim Begriff „Solidargemeinschaft“ jedenfalls nicht gedacht haben. Schon vor elf Jahren wunderte sich die konservative Zeitung Welt anlässlich einer Äußerung des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Rainer Brüderle: „Dass sich gerade die FDP auf Keynes beruft, ist originell. Schließlich standen die Liberalen bislang dem Ansatz dieses Ökonomen, der für eine starke Rolle des Staates im Kampf gegen Rezession und Arbeitslosigkeit plädiert hatte, überaus kritisch gegenüber.“

Mit großer Aufgeregtheit berichten die Medien jetzt, wie hoch die Verluste der deutschen Wirtschaft seien, die auf das Konto des Coronavirus gehen. Die Zahlen sind aufschlussreich. Sie verraten die Höhe der Gewinne, die vor dem Ausbruch des Virus Monat für Monat gemacht wurden, abzüglich der Gewinne, die auch jetzt noch gemacht werden. Es herrscht ja kein totaler Produktionsstillstand. Meldungen wie die folgenden gehen in den lautstarken Jeremiaden unter: „Eine starke Nachfrage nach Waren des täglichen Bedarfs hat den deutschen Einzelhändlern zu Beginn der Corona-Krise einen Umsatzsprung beschert. Ihre Einnahmen wuchsen im Februar um nominal 7,7 Prozent zum Vorjahresmonat und damit so kräftig wie seit knapp anderthalb Jahren nicht mehr.“ Und der Spiegel jubelt mitten in die Untergangsstimmung hinein: „Doch offensichtlich verkaufen sich derzeit nicht nur Notebooks, WLAN-Repeater und Laserdrucker besonders gut. ‚Auch Gefrierschränke und Kühlschränke werden überdurchschnittlich oft gekauft und auch Staubsauger sind derzeit sehr beliebt‘, heißt es von Mediamarkt/Saturn. Außerdem brumme es im Bereich Gaming.“ Wie viel von den Einnahmen der Vorkrisen- und auch noch der Krisengewinnler ist bei jenen angekommen, die sie mit den von ihnen geschaffenen Werten einfahren, bei den Arbeitern in den Betrieben, den Angestellten in den Büros und den Geschäften? Die Coronakrise bringt es an den Tag. Sie macht ein wenig transparent, was ansonsten eher geheim gehalten wird. Und sie verschweigt, was die Konzerne sehr genau vorhersehen: das Himmlische Jerusalem hinter der Apokalypse.

Was die Wirtschaft plagt, wiederholt sich in kleinerem Maßstab bei freischaffenden Autorinnen und Autoren. Es ergibt sich das Paradox, dass jene die größten Verluste durch die Coronakrise erleiden, die die höchsten Gewinne gemacht haben. Bekanntlich können die wenigsten Autoren von den Honoraren für ihre Bücher leben. Ins Gewicht fallen Lesungen, die sie mit etwas Glück absolvieren. Wer sich einen Agenten leisten kann, der für Starautoren erkleckliche Lesungshonorare aushandelt, wer nach dem Erscheinen eines Buchs von Ort zu Ort fährt und dabei recht gut verdient, hat jetzt, da die Lesungen wegen der Ansteckungsgefahr ausfallen, herbe Einbußen zu ertragen. Man redet nicht darüber, aber es sei hier verraten, dass es Autoren, auch Fernsehjournalisten gibt, die für eine Lesung – etwa vor Industriellen – mehrere Tausend Euro erhalten. Wer aber ohnedies wenig oder nichts zu erwarten hat, bleibt verschont. Ich gehöre einer Autorenvereinigung an, deren Mitglieder in ihrer großen Mehrheit an der Armutsgrenze leben. So sie in Kleinverlagen veröffentlichen, müssen sie schon zufrieden sein, wenn sie zwei, drei Lesungen im Jahr haben, die oft mit weit unter den von den Schriftstellerverbänden empfohlenen Honoraren entgolten werden. Ihr Coronatribut fällt kaum ins Gewicht. Sie haben schon zuvor wenig verdient. Das künstlerische Prekariat bleibt mit und ohne Virus Prekariat. Das gilt auch für nicht fest angestellte Schauspieler, Musiker, Performer. Anders als Deichmann und H&M können sie sich nicht einfach weigern, ihre Miete zu bezahlen. Angesichts dieses Zustands hält sich das Mitleid mit Großunternehmen, die staatliche Unterstützung fordern, in Grenzen.

Thomas Rothschild - 7. April 2020
2671

Fast alles wie zuvor

Zu den dämlichsten Phrasen, derer sich Journalisten bedienen, die zur Sprache ein eher gestörtes als intimes Verhältnis haben, gehört das Mantra, es werde „nichts mehr so sein wie vorher“. Sie bringt fünf Kernelemente des schlechten Journalismus zusammen: das Pathos, die Übertreibung, die Vereinfachung, die Pauschalisierung, die vorgetäuschte Gewissheit. Und sie ist schlicht unzutreffend. Sie kursierte epidemieartig, als zwei Flugzeuge die New Yorker Twin Towers zum Einsturz brachten. Sie tauchte bei jeder kleineren Katastrophe wieder auf. Und sie feiert nun, anlässlich des Coronavirus, eine geradezu bombastische Renaissance.

Der Satz ist so offensichtlich falsch, dass man sich nur darüber wundern kann, wie hirnlos er in den Medien dahergeplaudert wird. Fast alles ist nach 9/11 so geblieben, wie es war, und fast alles wird nach Überwindung der Corona-Krise so bleiben wie zuvor: Die Naturgesetze sowieso – Wasser wird nach wie vor von oben nach unten und nicht von unten nach oben fließen, ein Körper wird im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung verharren, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte gezwungen wird, diesen Zustand zu verändern – und die sozialen Zustände auch. Die Menschen in den reichen Ländern werden weiterhin untätig zusehen oder vielmehr wegschauen, wenn täglich Kinder in der Dritten Welt massenweise verhungern, einige Wenige werden immer größere Reichtümer anhäufen, während sehr viel mehr mit einem Existenzminimum ihr Auslangen finden müssen, die Obdachlosen werden wie zuvor die überteuerten Mieten für eine Wohnung nicht bezahlen können, und der Staat wird wie zuvor weniger zögern, eine insolvente Bank zu unterstützen als ein insolventes Theater. Die Regale werden wieder gefüllt sein mit hinreichenden Mengen von Klopapier, das, wer sich mittlerweile das Sparen angewöhnt hat, auch beidseitig verwenden kann. Der Erfolg liegt auf der Hand. Der CO2-Ausstoß wird so hoch sein wie vorher, und die Gletscher werden weiter abschmelzen. Man wird weiterhin die gleichen unfähigen Politiker wählen und undemokratische Maßnahmen mit einem Schulterzucken hinnehmen oder sogar befürworten. George W. Bush hat einen auch für seine Heimat unheilvollen Krieg gegen den Irak begonnen. Er wurde trotzdem ein zweites Mal zum Präsidenten der USA gewählt. Alles wie vorher. Viktor Orbán hat seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2010 systematisch die Demokratie in Ungarn demontiert. Trotzdem wurde er 2014 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Alles wie vorher. Journalisten, die gebetsmühlenartig versichert hatten, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, versicherten weiterhin, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, und widerlegten mit ihrer eigenen Persistenz ihre These. Sie waren wie vorher.

Ebenso unbestreitbar freilich wie das Faktum, dass nach dem New Yorker Attentat fast alles so geblieben ist wie vorher und dass das auch nach dem Datum „Corona“ so sein wird, ist die Tatsache, die in der Antike auf gut Altgriechisch auf „panta rhei“ verkürzt wurde: „alles fließt“. Mit anderen Worten: Veränderung findet ständig statt. Bertolt Brecht hat diese Gleichzeitigkeit von Veränderung und Beharrung so in Verse gebracht: „Von den Großen dieser Erde / melden uns die Heldenlieder: / Steigend auf so wie Gestirne / gehn sie wie Gestirne nieder. / Das klingt tröstlich, und man muss es wissen. / Nur: für uns, die sie ernähren müssen / ist das leider immer ziemlich gleich gewesen. / Aufstieg oder Fall: Wer trägt die Spesen?“

Das Einzige, was spektakuläre Ereignisse wie 9/11 oder eine Epidemie vom üblichen Ablauf der Geschichte unterscheidet, ist die Geschwindigkeit und damit die Sichtbarkeit von – kurzfristigen oder anhaltenden – Veränderungen. Die Industrialisierung etwa oder die Erfindung des Computers haben weitaus mehr verändert als islamistische Terroristen und das Coronavirus zusammen. Nach Henry Ford oder Bill Gates war sehr viel mehr „nicht mehr wie vorher“ als nach den Katastrophen unseres Jahrhunderts. Nur zeigte sich das nicht schlagartig, sondern erst allmählich. Kein Thema also für Zeitungsüberschriften. Die Leben vom Tag. Über einen größeren Zeitraum blicken sie oder vielmehr ihre Verfasser nicht hinaus. Das wird bis auf weiteres so bleiben. Wie zuvor.

Dass übrigens selbst die Quarantäne in punkto Vereinsamung heute nicht ist wie die Quarantäne zur Zeit der Spanischen Grippe, ist nicht eine Folge der Pandemie vor gut einem Jahrhundert, sondern der Erfindung von Fernsehen und Versandbuchhandel. Die Welt ist längst in die Wohnzimmer gedrungen. Allmählich. Und ganz ohne Katastrophe. Schon vor dem Coronavirus saß die Familie vor dem Bildschirm und schwieg. Das Familienleben fand in der Lindenstraße statt. Das wird auch nach der aktuellen Krise so sein. Auch wenn die Lindenstraße dann einen anderen Namen trägt.

Thomas Rothschild - 1. April 2020
2670

Wenn sich Euthanasie rechnet

Die Stuttgarter Zeitung titelt: In Straßburg lässt man die Alten sterben. Man mag sich fragen, ob solch eine Überschrift, bei aller Liebe zur Pressefreiheit, zielführend ist. Für die Alten in den nahe gelegenen deutschen Städten dürfte sie jedenfalls wenig beruhigend sein. Es könnte ihnen schon den Schlaf rauben, wenn sie überlegen müssen, wann sie an der Reihe sind.

In dem Artikel wird ein Papier von Mitarbeitern des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen zitiert. Darin wird berichtet: „Zudem würden über 80-jährige Patienten nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge ‚Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln‘.“ Verantwortlich für die Misere ist ein Mangel an Beatmungsgeräten. (Nebenbei: hat man alle Beatmungsgeräte beschlagnahmt, die in den Firmen, die sie herstellen, herumstehen?)

Man versetze sich in die Lage der Straßburger Ärzte, die darüber zu entscheiden haben, wer von den Infizierten beatmet werden soll und wer nicht. Eine Entscheidung über Leben und Tod. Sollen sie jüngere Patienten sterben lassen? Sollen sie auslosen, wer in den Genuss eines Beatmungsgeräts kommt? Wer darauf keine einleuchtende Antwort weiß, sollte sich seine wohlfeile Empörung für andere Anlässe aufbewahren.

Die engagierte Medizinjournalistin Renate Jäckle hat schon vor vielen Jahren auf einen Aufsatz in einem deutschen (!) Ärzteblatt hingewiesen, in dem empfohlen wurde, bei Patienten in Intensivstationen nachzurechnen, wie viel sie nach ihrer Genesung noch an Einkommen zu erwarten hätten. Wenn das weniger sei als ihre Behandlung koste, solle man alle lebensverlängernden Maßnahmen einstellen. Im Klartext: Euthanasie unter volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt. Jäckles Aufdeckung hat nach meiner Erinnerung keine Zeitung erregt. Eine Schlagzeile des folgenden Wortlauts blieb aus: "In Deutschland lässt man die Armen sterben“.

Der Alltag fand schon vor dem Coronavirus statt. Die Straßburger Ärzte trifft keine Schuld.

Thomas Rothschild – 27. März 2020
2669

Das vernehmliche Schweigen des PEN

Die Präsidentin des PEN Zentrums Deutschland Regula Venske hat ein Problem. Das Coronavirus hat es ihr eingebrockt. Sie stellt klar: „‚Soziale Distanz‘ klingt wie ein Begriff aus dem Wörterbuch des Neoliberalismus. Wir alle aber wissen, dass jetzt soziale Nähe gefragt ist: Kooperation, Verantwortung füreinander. Man mag sagen, dass es derzeit dringlichere Probleme gibt, als Worte auf die Goldwaage zu legen. Aber Sprache prägt unser Denken und unser Verhalten. Im Englischen bedeutet social heute vor allem ‚gesellig‘ und erst in zweiter Linie das, was wir im Deutschen unter sozial verstehen. Social distancing mag also angehen. Im Deutschen steht das Wort sozial allerdings vor allem für gesellschaftliche Werte wie Gemeinsinn und Solidarität. Jetzt sind physische Distanz bzw. körperlicher Abstand geboten, ‚soziale Distanz‘ hingegen, das macht die Corona-Krise deutlich, gerade nicht!“

Das kommt, wenn man sich in seinem sprachkritisch-moralistischen Eifer auf Wörterbücher verlässt. Das englische „social“ wird heute, im englischen wie im deutschen Sprachraum, vor allem in einem Zusammenhang verwendet, nämlich in der Kombination „Social Media“. Damit sind bekanntlich digitale Medien wie Facebook oder Twitter gemeint, und das Attribut bedeutet weder „gesellig“, noch „sozial“ im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten wie Gemeinsinn und Solidarität. Wenn man den missverständlichen Ausdruck „soziale Distanz“ oder „soziale Distanzierung“ ablehnt, so bietet sich im Deutschen das Beiwort „räumlich“ an. Der Vorschlag „körperlicher Abstand“ allerdings beweist nur, dass die PEN-Präsidentin ein innigeres Verhältnis zu Verboten als zur deutschen Sprache hat. Der Abstand zwischen Körpern ist ebenso wenig körperlich wie das Verhältnis des Denkens zur Sprache sprachlich ist.

Bedenklicher als solche Unschärfen der Sprache, des Denkens und des Verhaltens jedoch ist, dass der deutsche PEN vor lauter Aufgeregtheit über das Adjektiv „sozial“ seine Kernaufgaben vergisst. Sie stehen in der PEN-Charta. Da heißt es unter anderem: „Der PEN steht für den Grundsatz eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten. Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur.“

Übermorgen erscheinen im Rowohlt Verlag die Memoiren von Woody Allen. Wie seit zweieinhalb Wochen bekannt, haben eine Reihe von Autorinnen und Autoren des Verlags gegen die Veröffentlichung dieses Buchs protestiert. Der deutsche PEN hat vernehmlich zu diesem Ansinnen geschwiegen. Er hat nichts dagegen vorzubringen, dass ein intellektueller Lynch-Mob das freie Wort verhindern möchte und Zensur fordert. Der Hinweis, Woody Allen könne ja anderswo publizieren, kann nur als zynisch bewertet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die gegen Woody Allen vorgebrachten Vorwürfe weder bewiesen, noch gar von einem Gericht, das im Gegensatz zu Rowohlt-Autoren für Verstöße gegen Gesetze zuständig wäre, bestätigt wurden. Selbst wenn das nämlich der Fall wäre, hätte die PEN-Charta Gültigkeit. Darin steht nichts davon, dass sie durch Vergehen welcher Art auch immer außer Kraft gesetzt würde. Auch ein Jean Genet steht unter ihrem Schutz.

Das Schweigen des deutschen PEN zur Zensurforderung von Kolleginnen und Kollegen Woody Allens, die von ihm vor allem unterscheidet, dass sie nicht so gut schreiben wie er, macht die Forderung von Gemeinsinn und Solidarität unglaubwürdig. Sie kommt, wie sich erweist, von Sittenwächtern, die in ihrer Polizei- und Zuchtmeistermentalität selbst dort Vergehen ahnden, wo kein Vergehen erwiesen ist. Dafür eignet sich weder das Beiwort „sozial“, noch „physisch“, noch „körperlich“. Vielleicht käme „niederträchtig“ in Frage.

Thomas Rothschild – 26. März 2020
2668

James Bond

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Sexismus und Rassismus – ganz im Sinne der legendären F-Skala von Adorno u.a. – eng mit einander verbunden sind, könnten die James-Bond-Filme und die ihnen zugrunde liegenden Romane von Ian Fleming einen überzeugenden Dienst leisten. Nach den Maßstäben, mit denen Filme oder auch Theaterstücke heute beurteilt werden, hätten sie seinerzeit zu massiven Protesten führen müssen. Frauen fallen regelmäßig und augenblicklich in die Horizontale, wenn James Bond – egal in wessen Gestalt – sich ihnen nähert. Und die Masterminds des Bösen tragen zwar deutsch klingende Namen – Blofeld, Goldfinger, Stromberg –, aber die ausführenden Übeltäter sind zu einem guten Teil als Asiaten oder Schwarze gekennzeichnet. Ihnen stehen nur sehr wenige „gute“ Figuren gegenüber, die nicht der „weißen Herrenrasse“ angehören. Es gibt kaum ein rassistisches Klischee, das die so erfolgreiche Filmserie, die insgesamt mehr als 15.000 Millionen Dollar eingespielt hat, ausgelassen und nicht mit Nachdruck wiederholt hätte.

Die Frage ist: wie viele von den mehreren Millionen Zuschauern, die im Lauf eines halben Jahrhunderts James-Bond-Filme gesehen haben, wurden durch sie in ihrer Einstellung zu Frauen, Chinesen, Japanern, Afrikanern, auch Russen, dem politischen Hauptfeind der „westlichen Welt“ in den Jahren des Kalten Krieges und des nuklearen Wettbewerbs, und, auf der Höhe der Zeit, zu Nordkoreanern geprägt? Die Medienwirkungsforschung gibt uns nur sehr unzuverlässige und widersprüchliche Antworten. Vieles spricht dafür, dass durch solche Filme lediglich vorhandene Prädispositionen bestärkt werden – der „Reinforcement-Effekt“ –, nicht aber Meinungen produziert werden. Wer schon zuvor der Ansicht war, dass Frauen nur darauf warten, „genommen“ zu werden, dass sie entweder dumm oder hinterhältig sind, dass „Farbige“ gewalttätig seien, mag sich durch solche Klischees bestätigt fühlen. Wenn das aber zutrifft, ist es müßig, gegen Filme, Theaterstücke, Bücher vorzugehen, die diese Klischees transportieren. Verhindert werden müssen Überzeugungen, die für sie empfänglich machen. Es bedarf, um ein eklatantes Beispiel zu nennen, keiner Filme, die Roma und Sinti in diffamierender Weise darstellen. Der Antiziganismus ist, wie Hajo Funke eben erst in der Januar-Nummer von konkret nachgewiesen hat, eine bei der Mehrheit der Deutschen tief verankerte Einstellung. Sie gilt es zu bekämpfen, nicht den Zigeunerbaron oder Carmen.

Wer früh, sehr früh gegen die Anfälligkeit für Sexismus und Rassismus immunisiert wird, wird auch James-Bond-Filme unbeschadet überstehen. Er wird sie als das sehen und mögen oder auch nicht mögen, was sie sind: Märchen für Erwachsene mit einer klaren Trennung von Gut und Böse. Er wird das Kino verlassen wie Kinder die Märchenlektüre. Sie wissen in der Regel ziemlich genau, dass es im wirklichen Leben keine bösen Hexen und keine guten Feen gibt. Wer allerdings daran zweifelt, sollte die James-Bond-Filme zumindest mit der gleichen Vehemenz verdammen wie Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung oder Molnárs Liliom.

Thomas Rothschild - 24. März 2020
2667

Staatshilfe

Jetzt schreien auf einmal alle nach dem Staat. Der Staat soll aushelfen, wo das Coronavirus mit ungeahnter Schnelligkeit die Einkünfte zusammenbrechen lässt. Woher aber hat der Staat das Geld, von dem nun alle ihren Anteil haben wollen? Richtig: aus den Steuern. Da wäre es doch nur logisch und gerecht, wenn jene, die ständig gegen Steuern polemisieren und den Staat beschimpfen, wenn er diese eintreibt, jetzt auch keine staatliche Hilfe forderten und erst recht keine Steuergelder erhielten. Die Privatisierung der Gewinne und die Vergesellschaftung der Verluste – das ist ihr Rezept.

Diese Erfahrung gehört zum Alltag. Dennoch schimpft man vom Stammtisch bis zu den Kommentaren in den Zeitungen über zu hohe Steuern und nimmt es widerspruchslos hin, dass einem Waren und Leistungen zu schamlos überteuerten Preisen verkauft werden. Dennoch wird als Dogma verkündet, private Initiativen seien in jedem Fall effizienter als verstaatlichte Unternehmen, und als Verfassungsfeind diffamiert, wer – übrigens: in Übereinstimmung mit der Verfassung – die Möglichkeit von Verstaatlichung reflektiert, wer die Verantwortung für das Gemeinwohl höher veranschlagt als das Profitinteresse, wer Fürsorgepflicht als zumindest ebenso verbindlich betrachtet wie Loyalität, und wer sich gegen die Asymmetrie einer Ordnung ausspricht, die Gewinne eben privatisiert und Verluste vergesellschaftet. Wenn mal wieder die Risikobereitschaft von Unternehmern gepriesen wird, lasse man sich jenen Unternehmer zeigen, der nach dem Bankrott in ähnlich armseligen Verhältnissen lebt wie die Arbeitnehmer, die durch seine Schuld ihre Arbeit verloren haben, denen also der „Arbeitgeber“, im genauen Gegenteil zur irreführenden Terminologie, erst die Arbeit und dann den Arbeitsplatz genommen hat. Wohnen die Hochstapler, die für Millionenpleiten im öffentlichen Bereich, für die Fehlkalkulationen bei der Elbphilharmonie, beim Berliner Flughafen, von Stuttgart 21 verantwortlich sind, für die in der Tat der Steuerzahler aufkommen muss, jetzt unter der Brücke? Hat man ihren Perserteppich gepfändet?

Niemand gibt gern von seinem Bruttolohn oder -gehalt mehr ab, als nötig. Aber die eingezogenen Steuern werden immerhin in die Gesellschaft zurückgeführt. Dass sie sinnvoll verwendet werden, kann der Staatsbürger über Wahlen beeinflussen, und dass diese Einflussmöglichkeiten erweitert und demokratisiert werden, kann ein politisches Programm sein. Aber was Großunternehmen mit den Milliardengewinnen aus überteuerten Preisen und Gebühren machen, bleibt grundsätzlich außerhalb der Einflussmöglichkeiten der Staatsbürger. Es gibt keinen hinreichenden Grund, diese überbezahlten Beträge stillschweigend als Preis der Marktwirtschaft hinzunehmen und dafür auf den Staat zu schimpfen. Wo bleibt der Aufschrei, wenn Banken, die jeden kleinen Lohnempfänger, der sein Konto überzieht, kräftig zur Kasse bitten, Großkunden, wenn die sich, nach jahrelangen Profiten, gründlich verrechnet haben, die Schulden erlassen (oder anders ausgedrückt: ihnen großzügig schenken, was der kleine Sparer und Kreditnehmer eingezahlt hat)?

Es entspricht dieser Logik, dass es als wesentlich verzeihlicher gilt, Steuern zu hinterziehen, also die Allgemeinheit zu bestehlen, als im Kaufhaus zu klauen, also Aktionäre zu schädigen. Im übrigen holt sich das Kaufhaus jede gestohlene Krawatte, das Hotel jedes gestohlene Handtuch wieder zurück über die überhöhten Preise, die wiederum der ehrliche „kleine Mann“ blechen muss, der weder geklaut noch Steuern hinterzogen hat.

Es gibt viele Gründe, kritisch, ja ablehnend zu reagieren auf staatliche Missstände, auf die Bürokratie, auf die Selbstherrlichkeit der Politiker. Aber der mittlerweile durchgesetzte kapitalistische Konsens, dass es der Staat, nicht das Kapital sei, von dem der Bürger geschröpft werde, ist gefährlich, weil eminent antidemokratisch. Allen Totalitarismustheorien zum Trotz: der Nationalsozialismus, der zwar nationalistisch, aber nichts weniger als sozialistisch war, hat mit größter Eile die Parlamente, nicht das Kapital entmachtet. Die Polemik gegen zu hohe Steuern und die Bestärkung von antistaatlichen und antiparlamentarischen Ressentiments gehört zum stets wirkungsvollen Repertoire der Populisten. Gerne hörte man von ihnen, wer ihrer Meinung nach Schulen und Kindergärten, Krankenhäuser und Theater, meinetwegen auch Autobahnen und Vollzugsanstalten bezahlen soll. Die Telekom? Lufthansa? Daimler?

Klar ist die Unverfrorenheit skandalös, mit der sich Parlamentarier regelmäßig die Diäten erhöhen, die der Steuerzahler, dessen Realeinkommen sinkt, finanzieren muss. Aber wer protestiert gegen die ebenfalls vom Konsumenten bezahlten Gehälter, die sich Generaldirektoren bewilligen und im Vergleich zu denen Abgeordnetengehälter ein Klacks sind?

Die Privatisierung der Gewinne und die Vergesellschaftung der Verluste – diese Regel sollte sich der Staat nicht zueigen machen.

Staatshilfe: ja. Aber zuerst für die Kleinen, für die Selbständigen, die Künstler, die mittelständischen Betriebe, deren Existenz in der Tat gefährdet ist. Bei den Großunternehmen und Konzernen aber, die jetzt riesige Verluste melden, sollte man genau überprüfen, wie hoch die Gewinne waren, die sie in ihrer Steuererklärung angegeben haben. Sie sollten nicht auch noch für die entgangenen Einnahmen ersetzt bekommen, was sie dem Staat zuvor unterschlagen haben. Denn die Kassen des Staats wieder auffüllen müssen die vielen kleinen Arbeitnehmer, die ihre Steuern brav und widerspruchslos bezahlen. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Thomas Rothschild – 18. März 2020
2666

Corona-Notizen

1. Es gibt viele Gründe, an Politikern, ihrer Qualifikation und ihren Entscheidungen zu zweifeln. In der gegenwärtigen Situation aber, die durch das Coronavirus entstanden ist, sind sie nicht zu beneiden. Was immer sie tun – sie können es nur falsch machen. Wenn sie Maßnahmen treffen, die mit Einschränkungen verbunden sind, wirft man ihnen diktatorische Ambitionen vor. Wenn sie darauf verzichten, macht man sie für die Folgen verantwortlich, die sich durch solche Maßnahmen hätten vermeiden lassen.

2. Mit einer Bedrohung der Demokratie haben Einschränkungen der Bewegungs- und Reisefreiheit unter den gegebenen Umständen nichts zu tun. Es gibt kein demokratisches Recht auf Gefährdung von Menschenleben oder auch nur der Gesundheit anderer Menschen. Wenn auch nur ein Leben dadurch gerettet wird, dass die Bevölkerung für eine bestimmte Frist daheim bleibt, dann ist es richtig und demokratisch, dies zu verordnen. Die National Rifle Association of America hält es für ein demokratisches Grundrecht, Waffen zu besitzen, auch wenn das nachweislich zu zahlreichen Tötungen führt. Wir sind klüger. Sind wir es auch, wenn es um die Reisefreiheit geht?

3. Zur Erinnerung: Das Coronavirus ist Natur, der Impfstoff, an dem man jetzt mit Druck arbeitet, Antinatur.

4. Zugegeben: es ist unerfreulich, wenn man auf Theater-, Kino- oder Kneipenbesuche verzichten muss. Es ist unbequem, wenn man etwas länger suchen muss, um in einem Supermarkt Klopapier zu finden. Aber das lautstarke Gejammere beweist nur, wie wenig Fantasie die meisten für die Lebensumstände in ferneren Regionen aufgewandt haben. Verglichen mit der Situation derer, die die Straße nicht ohne das Risiko überqueren können, von einem Scharfschützen erschossen zu werden, oder die täglich und nächtlich mit der Möglichkeit rechnen müssen, von marodierenden Banden überfallen, gefoltert und getötet zu werden, ist die Lage im Zeichen des Coronavirus mehr als nur erträglich. Wo der Ausfall eines Fußballspiels als tragischer empfunden wird als die unterlassene Rettung von Menschenleben, und sei es nur ein einziges, ist Hopfen und Malz verloren.

5. Bei allen Unterschieden, ja Gegensätzen, haben Sozialisten und religiöse Menschen vom Anspruch her eins gemeinsam: Menschenleben haben für sie vor Gelderwerb und finanziellem Wohlstand oberste Priorität. Wenn man die Kommentare zur Corona-Krise liest, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das in Vergessenheit geraten ist. Wirtschaftliche Einbußen bereiten vielen offenbar ein größeres Kopfzerbrechen als die bedingungslose Bewahrung von Menschenleben. Angesichts des Feilschens etwa um Impfstoffe muss man überprüfen, ob der Kapitalismus wirklich das beste aller Systeme ist, wie manche behaupten.

6. Katastrophen sind in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten. Anders aber als bei Kriegen oder Attentaten, anders als bei Tschernobyl, anders sogar als bei Hochwasser, das sich unverantwortbaren Flussregulierungen verdankt, oder bei Waldbränden, die auf das Konto von exzessiven Rodungen gehen, anders als bei den Klima-Folgen einer auf Profit ausgerichteten Wirtschafts- und Umweltpolitik, verbietet sich bei Seuchen und Epidemien eine Schuldzuweisung. Das erzeugt einerseits das Gefühl der Hilflosigkeit. Wo kein Schuldiger zu benennen ist, fällt eine bekämpfbare Ursache weg. Religiöse Fanatiker nehmen, wie im Fall der Sintflut, die Menschheit und ihre Sünden in Haftung. Für aufgeklärte Menschen ist das keine Option. Die gute Seite dieses Umstands ist, dass Epidemien eher nicht zur Entsolidarisierung führen, dass sie es Demagogen erschweren, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Jedenfalls in unserer Gegenwart hat sich noch keine nennenswerte Gruppe angeschickt, die „Brunnenvergifter“-Legende aufleben zu lassen.

7. In der Schule und in den Medien haben wir von den großen Epidemien gehört, von der Pest, der Cholera, dem Ebolafieber. Aber sie blieben stets abstrakt, zeitlich oder räumlich weit entfernt. Das Coronavirus, wenngleich (noch) nicht so gefährlich wie die genannten Krankheiten, vermittelt uns eine sinnliche Erfahrung über die Ängste und die Sorgen der Menschen, die mit diesen Epidemien leben mussten. So gesehen ist, was wir zurzeit durchlaufen, ein Stück anschaulichen Geschichtsunterrichts. Das ist zwar kein Trost, aber man könnte daraus immerhin mehr lernen als in der Schule.

8. Alle Verlautbarungen zum Coronavirus weisen darauf hin, dass ältere Menschen besonders gefährdet seien und die Wahrscheinlichkeit eines schweren oder gar tödlichen Verlaufs bei ihnen signifikant höher sei als bei jungen Menschen. Man sollte sich aber nicht verrückt machen lassen. Bagatellisierung der Krankheit ist eine Sache. Eine realistische Einschätzung eine andere. Ältere Menschen haben auch ohne Coronavirus eine höhere Chance zu sterben als junge. Immer noch ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs oder Herzversagen zu sterben, um ein Vielfaches höher als der Tod durch das Coronavirus. Selbst in Verkehrsunfällen – und die ließen sich vermeiden – sterben mehr Menschen als bislang am Coronavirus. Bis zum 16. März gab es in Deutschland 13 Todesfälle wegen des Coronavirus. Die Grippewelle 2017/18 hat in Deutschland 25.100 Menschen das Leben gekostet. Diese Dimensionen sollte man sich vor Augen halten, ehe man in Alarmstimmung verfällt. Wer weiß: vielleicht macht die Angst mehr Menschen krank als das Virus.

9. Wofür ich plädiere, ist nicht die Verharmlosung des Coronavirus. Es erscheint mir nur wenig produktiv, wenn man sich angesichts vergleichsweise geringer Wahrscheinlichkeiten in läh­mende Ängste hinein suggerieren und damit von jenen Tätigkeiten ablenken lässt, die allerdings von größter Dringlichkeit wären: nämlich einerseits der politische Kampf für die Zukunft, ander­erseits die Beachtung von gegenwärtigen Katastrophen, die kaum je in unser Gesichtsfeld geraten. Was in unserem Eurozentrismus vergessen wird, ist die Tatsache, dass die Dritte Welt die Katastrophe nicht erst zu imagi­nieren braucht: für sie ist sie ständige gegenwärtige Realität. Wem es nicht nur darum geht, sich narzisstisch in seinen Ängsten zu baden, sondern Katastrophen tatsächlich zu beseitigen, der muss verstärkt für einen Ausgleich zwischen den hochentwickelten In­dustriestaaten und der Dritten Welt kämpfen. Das bedeutet kon­kret: eine radikale Senkung des Lebensstandards in Europa und Nordamerika zugunsten von Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens. Dieser Eingriff wird und muss unser Leben stärker verändern als das Coronavirus, aber wir müssen ihn vornehmen. Die Alternative ist eine Fortdauer der permanenten Katastrophe in der Dritten Welt, die ständig weit mehr Opfer fordert als das Virus, die Alternative ist die Wiederholung der Fehler Europas und Nordamerikas in der Dritten Welt, die ohne Hilfe von außen gar nicht auf Industrialisierung und wohl auch Kernkraft verzichten kann, die Alternative ist schließlich ein Blutbad, mit dem Europa und Nordamerika eines Tages ihre historische Schuld zu begleichen haben werden. Eine militante Antwort der Mehrheit der Weltbevölkerung auf ihre Jahrhunderte währende Unterdrückung und Ausbeutung erscheint mir jedenfalls wesentlich wahrscheinlicher als die Dezimierung durch ein Virus, und wir werden uns nicht einmal beklagen dürfen. Schon aus Egoismus hätten wir die ständig vorhandene Katastrophe in der Dritten Welt zu bekämpfen.

10. Aber auch unsere hausgemachten Probleme erfordern eine andere Reaktion, als das ständige ängstliche Starren auf die Möglichkeit eines Massensterbens durch das Coronavirus. Wahrscheinlicher und vielleicht schrecklicher als der kollektive Tod erscheint mir die Möglichkeit eines Lebens, das nicht mehr lebenswert ist. Gerade die verbreiteten und geförderten individuellen Ängste aber erleichtern jenen, die unsere ohnedies wenig stabile Demokratie abbauen wollen, die Arbeit.

Thomas Rothschild – 17. März 2020
2665

Sieg der Vernunft

Kongress der Hellseher. Drei Tage Vorträge und Diskussionen. Am Schluss sagt der Präsident: „Und nun bitte ich Sie um eine kleine Spende für schlechtere Zeiten. Man weiß ja nie, was kommt.“

Der Landesbischof Frank Otfried July von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat die Gemeinden aufgefordert: „Angesichts der dynamischen Entwicklung und zunehmender Veranstaltungsverbote in Kommunen und Landkreisen aufgrund der Corona-Krise empfehlen wir dringend, ab sofort und bis auf weiteres auf Gottesdienste zu verzichten.“

Man ist geneigt, diese Entscheidung als Sieg der Vernunft über das Gottvertrauen zu werten. Jedenfalls sollte man darüber keine Witze reißen. Eins aber darf man erwarten: dass die Kirchen, möglicherweise sogar die katholische, künftig Phrasen unterlassen, die Verantwortung an Gott delegieren, statt auf die Einsicht der Menschen zu bauen, wie „Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen“ oder „Gesegnet ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist“.

Als Martin Luther 1527, nicht zum ersten Mal, von einer Pest-Epidemie bedroht war, erwog er, ob er, wie viele andere, flüchten sollte, kam jedoch, wie er in einem Brief an Georg Spalatin schrieb, zu dem Schluss: „Christus aber ist da, damit wir nicht allein sind. Er wird auch in uns triumphieren über die alte Schlange, den Mörder und Urheber der Sünde, wie sehr er auch immer seine Ferse stechen mag (1. Mose 3, 15). Betet für uns und gehabt Euch wohl.“

Heute gebietet es die Vernunft, eher Ratgebern wie Frank Otfried July zu folgen als Luther, und lieber auf den Gottesdienst zu verzichten als auf die Macht des Gebets zu vertrauen. Es kann nicht schaden, wenn man sich an diese Erfahrung erinnert, nachdem das Virus besiegt wurde. Es könnte ja zurückkehren. Und es muss nicht Corona heißen.

Thomas Rothschild - 15. März 2020
2664

Wenn das Virus kommt

Frank Bräutigam aus der ARD-Rechtsredaktion belehrt:

„Eine Empfehlung von Bundesminister Spahn zur Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern schafft zwar faktisch einen enormen Druck. Sie hat aber nur dann Wirkung, wenn die Länder sie auch wirklich umsetzen.

Dazu muss man wissen: Diese Aufgabenverteilung ist in der Bundesrepublik überhaupt nicht ungewöhnlich. Sie ist sogar die Regel und hat eine lange Tradition. Etwa bei der Zuständigkeit für Themen wie Gefahrenabwehr durch die Polizei oder bei der Bildungspolitik. Das alles ist Ländersache. ‚Die Länder führen die Bundesgesetze als eigene Angelegenheiten aus, soweit dieses Grundgesetz nichts anderes bestimmt oder zulässt‘, heißt es zudem in Artikel 83 des Grundgesetzes.

Der Gedanke dahinter: Vor Ort in den Regionen weiß man oft am besten, was angemessen ist. Die Situation in Nordrhein-Westfalen kann anders sein als in Sachsen. Auch beim Thema Corona. In einigen Regionen kann das Thema Kinderbetreuung nach einer Schulschließung noch brisanter sein als in anderen. Dann kann man dort auch spezifisch reagieren.“


Wieder einmal suggeriert ein Verlautbarer Vernunft, wo eher der historische Zufall herrscht. Der zitierte Artikel des Grundgesetzes schuldet sich nicht einem „Gedanken“, sondern der Geschichte. Die Delegierung zahlreicher Kompetenzen, die anderswo zentralisiert sind, an die Bundesländer ist, wie der Föderalismus in Deutschland überhaupt, eine Folge dessen, was Helmuth Plessner die „Verspätete Nation“ genannt hat. Sie ist ein Überrest der Segmentierung des späteren Deutschen Bundes und des Deutschen Reichs in rund drei Dutzend eigenständige Fürstentümer und Freie Städte. Eine Zentralregierung ist für Deutschland im Vergleich zu anderen Nationalstaaten eine historisch junge Erfahrung.

Das Nachwirken der Fürstentümer und Freien Städte bis in unsere Zeit auf zahlreichen Gebieten, keineswegs nur bei der Ausführung von Bundesgesetzen, hat Vor- und Nachteile. Wir verdanken ihm unter anderem eine Theaterlandschaft, um die uns andere Staaten beneiden. Dass sich das kulturelle Angebot nicht weitgehend auf die Hauptstadt beschränkt wie beispielsweise in England, Frankreich oder Japan, verdankt sich der Tatsache, dass noch vor 150 Jahren auch München und Stuttgart, Dresden und Weimar, Darmstadt und Wiesbaden Hauptstädte und Freie Städte wie Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main mächtige Wirtschafts- und Kulturzentren waren.

Der Lächerlichkeit aber gibt sich preis, wer anlässlich eines Virus zu erkennen vorgibt, dass man „vor Ort in den Regionen oft am besten (weiß), was angemessen ist“, ansonsten aber Tag für Tag die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen nicht nur der Orte und Regionen, sondern sogar der Nationalregierungen an die EU ohne Wenn und Aber verteidigt. Dass es eine kalkulierte EU-Gegnerschaft von rechts gibt, deren Motive es zu analysieren und zu enttarnen gilt, kann nicht von der Verpflichtung befreien, den Widerspruch aufzuklären: warum Brüssel der Hort der politischen Weisheit sein soll, die Regionen aber am besten wissen, was angemessen ist, wenn das Virus an die Tür klopft.

Thomas Rothschild - 13. März 2020
2663

Die Zwickmühle

Angesichts der immer bedrohlicheren Vorstöße der Rechten, angesichts ihres immer dreisteren Hohns über demokratische und emanzipatorische Werte, möchte man jenen, die ihnen in der Gesellschaft im allgemeinen und in der Kultur im besonderen Widerstand leisten, die Sympathie und die Unterstützung nicht versagen. Um keinen Preis will man ihnen in den Rücken fallen. Das Geschäft der Kritik freilich gerät dabei in eine Zwickmühle. Nicht alles, was von einer ehrenwerten Gesinnung zeugt, ist auch künstlerisch lobenswert. Manchmal steht gerade die förderungswürdige Absicht der künstlerischen Umsetzung im Wege. Der verschiedenen Autoren zugeschriebene Satz, dass das Gegenteil von gut gut gemeint sei, hat, wenn man ihn von seiner Apodiktik befreit, seine Gültigkeit bewahrt.

Wenn im doppelten Wortsinn anständige Kritiker jedoch das gut Gemeinte preisen, weil sie, wie erwähnt, deren Urheber nicht in den Rücken fallen wollen, haben die Rechten schon gesiegt. Denn sie haben jenen, die sie bekämpfen – und in diesem Relativsatz ist das Pronomen „sie“ sowohl als Subjekt, wie auch als Objekt zu verstehen –, ihre Maßstäbe aufgezwungen, sie an der Wahrheit gehindert.

Die Attacken von rechts haben, so scheint es, die Ideologisierung der Kulturdebatten forciert. Nicht zu ihrem Vorteil. Kürzlich wurde, vom Deutschlandfunk übertragen, über Margaret Mitchells Vom Winde verweht in einer Neuübersetzung diskutiert. Dabei ging es unter anderem darum, ob dieser Roman bislang unterschätzt worden sei. Für oder gegen seine Qualität brachten die Gesprächspartner vor, dass er das Wort „Neger“ verwendet oder ein kritisches Bild vom Krieg zeichnet. Das sind Beobachtungen, die unter literatursoziologischem oder ideengeschichtlichem Aspekt von Interesse sein können. Über die literarische Qualität sagen sie nichts aus.

Die Verteidigung aber von künstlerischem Anspruch, von artistischer Souveränität ist nicht weniger eine aufklärerische Position als die Abwehr von Angriffen auf die menschliche Würde. Wer sich auf die Indienstnahme der Künste, für welche Ideale auch immer, einlässt, hat bereits die Bedingungen der Rechten akzeptiert. Das mag nicht immer so gewesen sein. In Zeiten der zugespitzten politischen Gegensätze haben es auch linke Dichter*innen, Maler*innen, Komponist*innen, Theatermacher*innen für richtig gehalten, sich im Kampf für die angestrebten Ziele künstlerischer Mittel zu bedienen, und es waren nicht die schlechtesten. Heute aber sind es unübersehbar die Rechten außerhalb und zunehmend in den Parlamenten, die eine Funktionalisierung der Kultur für ihre Zwecke voranzutreiben bestrebt sind. Wollen wir uns darauf einlassen? Wollen wir nach den Regeln der AfD und ihrer Anhänger spielen? Oder wollen wir ihnen die Meinungsdominanz verweigern und auf einer Kunst bestehen, die diesen Namen verdient? Wir werden uns entscheiden müssen.

Thomas Rothschild - 8. März 2020
2662

Lob der Demokratie

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 28. Februar 2020 erklärte Hedwig Richter, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München, warum die Streichung Paul von Hindenburgs aus der Berliner Ehrenbürgerliste ein demokratischer Akt sei. Nichts, was sie über Hindenburg zu sagen wusste, ist neu. Wenn also eine Selbstverständlichkeit als Sieg der Demokratie gefeiert werden soll, muss man sich fragen, wie es in den fast 75 Jahren um die Demokratie bestellt war, in denen Hindenburg Ehrenbürger (nicht nur) Berlins und Namensgeber zahlloser deutscher Straßen und Städte geblieben ist. Die Bundesrepublik Deutschland (alt) und ihre Parteien müssen sich fragen lassen, was sie bewogen hat, so lange an der Ehrung jenes Mannes festzuhalten, der Hitler zur Macht verholfen hat.

75 Jahre lang also wurden Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht mit einem positiven Bild jenes Mannes ausgestattet, der die Demokratie nicht etwa gefördert, sondern abgeschafft hat. 75 Jahre lang wurden sie angehalten, ihn als den Mann zu achten, den die Stadt Berlin und unzählige öffentliche Einrichtungen ehren. Man hat seit 1990 viel Mühe darauf verwandt, das Geschichtsbild anzuklagen und zu korrigieren, das in der DDR vermittelt wurde. Eine Korrektur der Einschätzung von Hindenburg blieb die Angelegenheit einiger weniger echter Demokraten, die dafür beschimpft und diskreditiert wurden. Was, wenn nicht dies, beweist, in welcher Tradition sich die Bundesrepublik Deutschland gesehen hat und für viele nach wie vor sieht? Im Spiegel – wo sonst? – schrieb ein Hubertus Knabe vor 14 Jahren: „Es stimmt etwas nicht in Deutschland, wenn wir im siebzehnten Jahr der Einheit noch immer in jedem Dorf die kommunistische Diktatur verherrlichen, die Opfer und den Widerstand jedoch vergessen.“ Dass man in Deutschland nicht nur in jedem Dorf, sondern auch in der Hauptstadt im fünfundsiebzigsten Jahr der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime dessen Steigbügelhalter verherrlicht, die meisten Opfer und den Widerstand jedoch vergessen hat, irritiert ihn nicht. In Deutschland gibt es mehr als 400 Hindenburgstraßen und -plätze. 32 Straßen und 2 Plätze sind nach Erich Mühsam benannt, der im KZ Oranienburg ermordet wurde. So viel zur Demokratie, die ihre Bewährungsprobe bestanden hat, indem sie Paul von Hindenburg die Berliner Ehrenbürgerwürde aberkannte. Im Jahr des Herren 2020.

Thomas Rothschild - 28. Februar 2020
2661

Wien-Schwechat

Würden Sie einem Flugunternehmen vertrauen, das die elementarsten mathematischen Regeln nicht kennt? Schon auf dem Weg zum Flughafen Wien-Schwechat und im Flughafengebäude selbst prahlen riesige Anzeigetafeln mit einer angeblichen Errungenschaft: „CO2 um 70%* reduziert“. Und eine Fußnote erläutert, was der Asterisk bedeutet: „*pro Passagier“. Das ist natürlich Nonsens. Denn wenn der Kohlenstoffoxyd-Ausstoß des Flughafens um 70 Prozent reduziert wurde, dann wurde er auch pro Passagier um 70 Prozent reduziert und umgekehrt. Was für absolute Beträge gilt, gilt nicht für Prozentzahlen. Eine Käsesorte, die 20 Gramm leichter ist als eine andere, ist das pro Menge, die angegeben werden muss, also zum Beispiel pro Packung. Eine Käsesorte aber, die um 20 Prozent weniger Fett enthält als eine andere, ist immer, in der Einzelpackung und in ihrer Gesamtheit 20 Prozent fettärmer.

Sollte sie jedenfalls sein. Beim Flughafen Wien-Schwechat kann man sich nicht so sicher sein. Der hält es mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Wer dort ankommt, wird penetrant mit dem Hinweis bombardiert, dass er mit dem CAT, dem City Airport Train, vom Flughafen ins Stadtzentrum fahren solle. Dieser Transfer kostet 11 Euro, hin und zurück 19 Euro. Was verschwiegen wird, ist dies: Die S-Bahn S7 fährt ebenso oft wie der CAT, nämlich alle halben Stunden, vom Flughafen nach Wien Mitte. Sie benötigt für die Strecke 23 Minuten, sieben Minuten mehr als der CAT, und kostet, wie auch der Railjet zum Hauptbahnhof, gerade 4,20 Euro. Mehr noch: mit diesem Ticket kann man, anders als mit dem Ticket des CAT, zu jedem beliebigen Punkt im Wiener Stadtgebiet weiterfahren.

All das soll der Gast nicht erfahren. Um ihn irrezuführen, locken die Wegweiser auch in Wien Mitte mit dem CAT-Zeichen, das dem Flughafenzeichen zum Verwechseln ähnelt, auf die falsche, nämlich die Abzocker-Fährte. Wer nicht ortskundig ist, kommt nicht auf die Idee, dass er die S-Bahn Richtung Meidling – und nicht Floridsdorf – nehmen muss. Der Flughafen als Fahrtziel ist so versteckt, dass man ihn nicht finden kann.

So ist das, wo 80%* mehr vom Tarockieren verstehen als von Verkehrsplanung. *jedes zuständigen Beamten.

Thomas Rothschild - 26. Februar 2020
2660

Gute Nachrichten

Man muss kein unverbesserlicher Pessimist sein, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass die schlechten Nachrichten gegenüber den guten überwiegen. Es macht uns keine besondere Freude, sie zu verbreiten. Aber die Schuldigkeit gegenüber der Wahrheit zwingt uns dazu. „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit/ Verzerrt die Züge./ Auch der Zorn über das Unrecht/ Macht die Stimme heiser. Ach, wir/ Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/ Konnten selber nicht freundlich sein.“ (Bertolt Brecht)

Umso beglückender, wenn es Erfreuliches zu berichten gibt. Wir haben Anlass, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das uns so viel Missvergnügen und Ärger bereitet, zu loben. Selten hat es so viel Rückgrat, so viel Entschiedenheit bewiesen wie in der Reaktion auf die Vorgänge in Thüringen. Fast ausnahmslos haben die Moderatoren der Nachrichtensendungen, der Magazine und der Talkshows zu erkennen gegeben, dass eine Kungelei mit der AfD, wie man heute sagt, „gar nicht geht“. Sie haben erkannt, dass das Prinzip der Ausgewogenheit seine Grenzen hat. Jean-Luc Godard hat dieses Prinzip einmal so kommentiert: „Die Objektivität? Das ist fünf Minuten für Hitler und fünf Minuten für die Juden.“ Wohl wahr. Auch in der Weimarer Republik gab es Aufrechte, die sich verhalten haben wie heute die Redakteure und Sprecher von ARD und ZDF. Sie konnten Hitler nicht aufhalten, und so manche, so mancher von ihnen ist bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten „umgefallen“. Wir wollen den Pessimisten in uns beurlauben und hoffen, dass es diesmal so nicht sein wird.

Die zweite gute Nachricht kommt ausgerechnet aus der Türkei. Ein Gericht in Istanbul hat Aslı Erdoğan vom Vorwurf des Terrorismus freigesprochen. Die Schriftstellerin, die seit zweieinhalb Jahren im deutschen Exil lebt, sah sich nach ihrer Verhaftung im August 2016 mit der staatsanwaltlichen Forderung einer Haftstrafe von insgesamt neun Jahren und vier Monaten konfrontiert. Jetzt wurde die Anklage wegen „Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“ fallen gelassen. Es gibt also noch unabhängige Richter in der Türkei. Auch in diesem Fall ist es für Jubel zu früh. Die Türkei bleibt erst einmal, was findige Politiker bezüglich der DDR aus dem Munde von Bodo Ramelow hören wollen: ein Unrechtsstaat. Was Deutschland nicht daran hindert, der wichtigste Handelspartner der Türkei zu sein. Aber heute freuen wir uns mit und für Aslı Erdoğan. Heute freuen wir uns, dass wir gute Nachrichten verbreiten dürfen.

Thomas Rothschild - 14. Februar 2020 (3)
2659

Vom Wert der Gesten

Diverse Kommentatoren haben der Vorsitzenden der Linksfraktion im Thüringer Landtag Susanne Hennig-Wellsow Vorhaltungen gemacht, weil sie dem eben mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählten Kandidaten der FDP Thomas Kemmerich die Blumen vor die Füße geworfen hat. Es war eine Geste, nicht mehr und nicht weniger. Gesten ändern nicht viel, aber sie können eine symbolische Kraft entwickeln. Man denke an den Kniefall Willy Brandts am Ehrenmahl für die Toten des Warschauer Ghettos. So gesehen verdient Hennig-Wellsows Geste eher Bewunderung als Vorwürfe. Sie war ein Lichtblick der Aufrichtigkeit in der Politik.

Kann man es anders denn als Heuchelei bezeichnen, wenn Politiker jemandem mit oder ohne Blumenstrauß zu einer Wahl gratulieren, die die Bundeskanzlerin kurz darauf „unverzeihlich“ nennt und die Parteien der Gratulanten als großen Fehler bezeichnen? Was sollen die Wähler, nicht nur in Thüringen, von Parlamentariern halten, die vorgeben, bestimmte Ziele zu verfolgen, und auf Fotos in besoffener Eintracht mit jenen zu sehen sind, die genau diese Ziele bekämpfen? Machen die Gesten nicht sämtliche Worte und Versicherungen unglaubwürdig? Sind die Blumensträuße und die Umarmungen Ausdruck demokratischer Toleranz, oder zeigen sie nicht vielmehr der Bevölkerung die lange Nase: Ist doch alles nicht so gemeint, ist bloß ein Spiel, für das wir satte Tantiemen beziehen. Tags fürs Fernsehen: verbale Schlachten im Plenarsaal. Abends in der Kantine: Kumpanei beim Fassbier. Kemmerich mag mit den Stimmen von Faschisten gewählt worden sein – wir gratulieren.

„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“ dichtete einst Kurt Tucholsky. Die Geschichte wiederholt sich nicht? So?


Thomas Rothschild - 11. Februar 2020
2658

Brexit

Selten war die ideologische Aufladung der veröffentlichten Meinung so deutlich erkennbar wie in diesen Tagen. Die Medien berichten über den Austritt Großbritanniens aus der EU, als hätte ein Politbüro die Marschrichtung vorgegeben. Wir sind angehalten, den Brexit für eine Tragödie zu halten, die uns zumindest so berühren müsse wie der Tod eines oder einer nahen Verwandten. Dass immerhin eine, wenn auch knappe Mehrheit der Briten diesen Austritt ihres Landes aus der EU wollte, kümmert niemand. Die Bekenntnisse zu demokratischen Spielregeln erweisen sich als Lippenbekenntnisse. Und wer genau hinhört, erfährt auch, wessen Interessen diese Stimmungsmache dient: jenen der Wirtschaftsunternehmen, die von den Abmachungen der EU profitieren.

Die Wahrheit ist doch: Die (west)europäischen Staaten haben auch vor der Gründung der EU, deren Vorläufer unmissverständlich EWG, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hieß, recht gut zusammengelebt. Dass das Vereinigte Königreich jetzt einen Krieg gegen Deutschland oder Frankreich beginnen werde, scheint wenig wahrscheinlich. Touristen haben es auch vor fünfzig Jahren nicht für ein unzumutbares Malheur gehalten, dass sie an der Grenze genauer kontrolliert wurden als in den Jahren der britischen EU-Mitgliedschaft, ohne Schengener Abkommen übrigens. Und auch jene europäischen und außereuropäischen Staaten, die nicht zur EU gehören, sind uns ja nicht unzugänglich oder gar feindselig gesinnt. Eine Reise in die Ukraine oder nach Kanada ist nicht wirklich umständlicher als eine Reise nach Frankreich oder, noch, nach England.

Die Wahrheit ist: Die Medien fürchten, dass das britische Beispiel Schule machen könnte. Denn die Geschichte hat genügend Beispiele dafür vorzuweisen, dass auch scheinbar stabile Staaten und Staatenbünde zerfallen können. Wenn in den aktuellen Nachrichten unisono von einem „historischen Tag“ die Rede ist, muss daran erinnert werden: Der Zerfall des Habsburger-Imperiums, der Sowjetunion, Jugoslawiens waren allesamt weit eher historische Ereignisse als der Austritt Großbritanniens aus der EU. Wir haben sie überlebt. Auch die EU muss nicht für alle Ewigkeit geschaffen sein. Das Politbüro könnte sich irren. Bis sich das herumgesprochen hat, werden die Medien stramm die Order befolgen. So ist das in der freien Welt.


Thomas Rothschild - 1. Februar 2020
2657

Der tägliche Schwachsinn

Der Schutz vor sexueller Belästigung macht gewaltige Fortschritte. Das ist gut so, und wenn Gerichte dabei Hilfestellung leisten, soll uns das recht sein. Wer aber schützt uns vor der Beleidigung unseres Verstands? Wann melden sich endlich jene Massen, die sich - #Me Too – die tägliche Vergewaltigung ihrer intellektuellen Integrität nicht mehr gefallen lassen wollen?

Ich schalte nur selten den Fernseher ein. Ab und zu aber gerate ich per Zufall in eine Sendung, deren Existenz mir bislang verborgen geblieben war. So dieser Tage Brisant im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seinen Dienst einst mit einem Bildungsauftrag angetreten hat und für den ich immerhin Gebühren bezahlen muss. Da wird berichtet, dass eine Pamela Anderson zum fünften Mal geheiratet hat. Ich weiß nicht, wer Pamela Anderson ist, und nach diesem Beitrag bin ich auch nicht besonders motiviert, mehr darüber zu erfahren. Offenbar aber ist sie so bedeutend, dass es von Relevanz für die Menschheit ist, wenn sie heiratet. Dazu hat auch eine wohl nicht weniger bedeutende „Society-Expertin“ namens Sibylle Weischenberg etwas zu sagen. Unter anderem dies: Sie habe schon lange nichts Schöneres gehört, als dass Pamela Anderso jetzt eine Beziehung auf Augenhöhe gefunden habe. Ihr fünfter Ehemann John Peters, wer immer das sein mag, wird ihr sagen: „Wir machen das jetzt so.“ Originalton Society-Expertin Weischenberg: „Gibt es etwas Schöneres als einen Mann, der sagt, ich sorge für dich (…) und sie muss sich nicht mehr überlegen, ob sie dritter Klasse fliegt oder erster Klasse. Für sie öffnet sich jetzt eine gesicherte Welt.“ Müssen wir uns solch einen Schwachsinn wirklich gefallen lassen? Und was sagen die echten Me Too-Aktivistinnen dazu, dass es als das denkbar Schönste angepriesen wird, wenn man sich eine „gesicherte Welt“ in der ersten Klasse erheiratet hat? Ist der Weg zum Filmproduzenten so weit, der von einer Schauspielerin verlangt, dass sie sich auf die Couch legt, wenn sie eine Rolle bekommen möchte?

Der „gute John Peters“ ist, erklärt uns Sibylle Weischenberg, „bingo“. Er ist reich „und kann für sie sorgen". Was will man mehr. Wer sich nicht so gut verkauft wie Pamela Anderson hat Pech gehabt. Sie wird in Brisant nicht vorkommen. Und wir dürfen wieder darüber diskutieren, ob zu viel Aufhebens gemacht wird um Greta Thunberg.


Thomas Rothschild - 23. Januar 2020 (2)
2656

Zum Lachen

Ein Museum zum Lachen: das gab es bisher nur in Montréal. Sein Name war Just for Laughs Museum. 17 Jahre lang zog es Besucher an. Ausgestattet mit den Erkenntnissen der Museumspädagogik und einem ungehemmten Bekenntnis zum Vergnügen, hat man da einen Rundgang konzipiert, der den Besucher mit den Erscheinungsformen des Humors konfrontierte. Die da wären: die komische Geschichte, der Witz, die Farce, die Groteske, das Lächerliche, die Parodie, die Ironie, die Satire, der Zynismus, das Anstößige, der schwarze Humor und der Nonsens.

Das wurde aber nicht akademisch abgehandelt, sondern an mit viel ausstellungsspezifischer Phantasie, unter Ausnützung neuester technischer Möglichkeiten präsentierten Beispielen erfahrbar gemacht. Die diversen Medien vom Theater über das Hörspiel bis zum Film kamen vor, ihre Geschichte ebenso wie ihre Gegenwart. Und wer wollte, konnte vor einer Blue Box Witze erzählen. Publikum und Hintergrund wurden dazugemischt, und am Ende erhielt der blutige Laie eine Videokassette, auf der er als Profi der Standup Comedy reüssierte.

Das Just for Laughs Museum hat vor 9 Jahren seine Pforten geschlossen. Unserer Gegenwart ist nicht zum Lachen zumute.

Thomas Rothschild - 15. Januar 2020
2655

Manipulierte Wahrheit

Als Hermann Gremliza kürzlich starb, bescheinigten ihm Nachrufschreiber, die ihn zu Lebzeiten geflissentlich übersehen hatten – welche Talkshow, die jeden Trottel für intellektuell satisfaktionsfähig hält, hat ihn zuletzt eingeladen? –, dass er als einer der brillantesten Stilisten im deutschen Journalismus zu gelten habe. Für seine Argumente fiel ihnen nicht viel mehr ein, als dass er ein „Vereinfacher“ gewesen sei. Belege blieben sie schuldig. Auf Inhalte wollten sie sich gar nicht erst einlassen.

Die gleiche Doppelstrategie leistete auch ihre Dienste, als Peter Handke der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Selbst die Verteidiger des Schriftstellers zogen sich auf den Standpunkt zurück, dass Handke als Literat ausgezeichnet werde und seine politischen Äußerungen nichts damit zu tun hätten. Dass diese verwerflich seien, galt als ausgemacht. Die verordnete Einheitsmeinung zur Zerschlagung Jugoslawiens durfte nicht hinterfragt werden.

Jetzt hat es Daniela Dahn gewagt, sich diesem Konformismus entgegen zu stellen, und es lässt sich ahnen, dass sie dafür Prügel beziehen wird. Eins aber darf man verlangen: dass niemand, der als halbwegs redlich gelten will, Handke künftighin moralisch attackieren darf, der die von Daniela Dahn aufgelisteten Fakten nicht widerlegen kann. Sie sind auf ossietzky.net nachlesbar. Für Unkenntnis gibt es ab sofort keine Entschuldigung.

Thomas Rothschild - 9. Januar 2020
2654

Der edle Ritter

Es vergeht keine Woche, in der nicht ein neuer Hinweis darauf an die Öffentlichkeit gelangte, dass S21 [Stuttgart 21, lt. Wikipedia das "Verkehrs- und Städtebauprojekt zur Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart"] eine kriminelle, von Anfang an mit Lügen und Betrug eingeleitete Aktion ist, deren von der Allgemeinheit zu bezahlende Kosten die schlimmsten Befürchtungen seiner Kritiker bei weitem übersteigt. Cem Özdemir, der einst zu den Kritikern gehört hat, qualifiziert sich nach dem Vorbild des baden-württembergischen Ministerpräsidenten für höhere Ämter, indem er Resignation als politische Vernunft ausgibt. In einem Untersuchungsausschuss, dessen Vorsitzender er war, erklärte er: „Jetz' isch die Katz dr Baum nauf.“

Wenn's nur die Katzen und die Bäume wären. Der edle Ritter Özdemir forderte auch von den S21-Befürwortern eine Entschuldigung: „Es würde den Projekttreibern von damals gut zu Gesicht stehen, wenn von ihnen jetzt ein 'mea culpa' käme.“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ladendiebe, haltet euch an Özdemir. Wenn ihr erwischt werdet, entschuldigt euch. Das stünde euch gut zu Gesicht. Die gestohlene Ware könnt ihr behalten. Özdemirs Parteifreund Winfried Hermann ergänzte: „Wir geben einen Haufen Geld aus und versenken einen Bahnhof und haben dadurch keinen Vorteil.“ Er hat vergessen, zu erwähnen, wer „wir“ ist, nämlich der Steuerzahler, also ich und du. Die Forderung, die Politiker mit mehr Sinn für Gerechtigkeit als für die Satisfaktionsfähigkeit von Betrügern erheben müssten, lautet: Pfändet die Verantwortlichen und lasst ihnen gerade so viel, wie der Ärmste unter diesen Steuerzahlern besitzt. Wenn sie ihre BMWs und ihre Villen behalten dürfen, erkläre man dem Ladendieb, warum er, „mea culpa“ hin oder her, die geklaute Zahnpaste zurückgeben muss. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Außer den Katzen auf dem Baum.

Winfried Kretschmann, der Lehnsherr des edlen Ritters, hat Cem Özdemir als möglichen Kanzlerkandidat der Grünen ins Gespräch gebracht. Das sollte nicht überraschen. Özdemir passt exakt in eine politische Landschaft, in der sein österreichischer Kollege eine Regierungskoalition eingeht mit jenem weit rechts stehenden Bundeskanzler, der eben noch schwadroniert hat, wie gut er mit der FPÖ und deren Ex-Chef Strache, der nicht weniger kriminell ist als S21, was aber niemanden zu scheren scheint, zusammengearbeitet hat. Gibt es noch irgendetwas, was die Grünen von der Versuchung, an der Macht Anteil zu haben, zurückhalten könnte? Gibt es noch irgendeinen Grundsatz, den preiszugeben sie sich weigern würden? Na ja, vielleicht so lange die Katze noch nicht auf dem Baum ist.


Thomas Rothschild - 6. Januar 2020
2653

Anerkannt

Lautstark haben Politiker und ihre Gefolgschaft einer bestimmten Couleur gefordert, dass Asylsuchende Deutschkurse zu besuchen und eine Prüfung ihrer Sprachkenntnisse zu bestehen hätten. Vielleicht wäre es sinnvoll, solch eine Prüfung erst einmal für deutsche Journalisten einzuführen. Der Deutschlandfunk meldete am 18. Dezember: „Die Verleihung des Sacharow-Preises an den chinesisch-uigurischen Regierungskritiker Ilham Tohti sei ein starkes Zeichen, dass die Menschenrechtsverletzungen anerkannt würden.“

Deutschland hat Kroatien 1992 (als unabhängigen Staat) anerkannt, die DDR hingegen wurde zunächst von vielen Staaten nicht anerkannt. Aber Menschenrechtsverletzungen? Wir wissen schon, was gemeint ist: nämlich dass die Repressionen gegen die muslimische Minderheit der Uiguren durch China als Menschenrechtsverletzung anerkannt würde. Warum sagt man es dann nicht so? Dass die Frage von juristischer und politischer Bedeutung ist, erkennt man an den Debatten über die „Anerkennung“ des Begriffs „Genozid“ für diverse historische oder auch künftige Massentötungen. Die Sprach- und Sinnverletzungen durch den von Medienkritikern anerkannten Deutschlandfunk sollten nicht anerkannt werden. Dass man sie als solche kennzeichnet, verdiente Anerkennung.

Thomas Rothschild - 18. Dezember 2019
2652

Gute Idee

Vor ein paar Jahren verrieten uns die Salzburger Festspiele ein bemerkenswertes historisches Detail: „Für das Zustandekommen des Jedermann bat die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde Anfang Juli 1920 die Landesregierung um die kostenlose Bereitstellung von Bauholz für die Festspielbühne in der Felsenreitschule. Um das Projekt zu ermöglichen, verzichtete sie zugunsten von Invaliden, Kriegswaisen und Kriegsgefangenen auf den erwarteten Reingewinn, ebenso wie Max Reinhardt, der Ausstatter Alfred Roller und die Schauspieler auf ihre Gagen sowie Hugo von Hofmannsthal und die Komponisten Einar Nilson und Bernhard Paumgartner auf ihre Tantiemen.“

Wie wäre es, wenn man diesem Beispiel zum hundertjährigen Jubiläum folgte? Invaliden, Kriegswaisen und Kriegsgefangene gab es ja nicht nur im Ersten Weltkrieg und gibt es nicht nur in Mitteleuropa. Wenn der Regisseur, der Ausstatter und die Schauspieler auf ihre Gagen verzichteten (die Erben Hofmannsthals bekommen ohnedies keine Tantiemen, weil der mehr als 70 Jahre tot ist), vor allem aber den Kartenbüros der Aufschlag von 30 bis 40 Prozent und mehr untersagt würden, die sie auf jede verkaufte Karte erheben – und die meisten Karten zum beliebten Jedermann teilen sie, erpresserisch, überhaupt nur Käufern von Karten zu weiteren Aufführungen zu –, käme schon ein ganz schöner Batzen zusammen. Das wäre einmal eine echte pazifistische Anstrengung anstelle von lautstarkem Selbstlob.

Thomas Rothschild - 17. Dezember 2019
2651

Von der Lust des Dienens

Bertolt Brecht hat es in seinem Einheitsfrontlied eindringlich formuliert:

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
drum hat er Stiefel ins Gesicht nicht gern.
Er will unter sich keinen Sklaven sehn
und über sich keinen Herrn.“


Aber Brechts Verse sind ein Wunsch, kein Befund. Die Wahrheit ist: der Großteil der Menschen will über sich einen Herren sehen und unter sich Sklaven. Er will eine übersichtliche Ordnung des Dienens und des Bedientwerdens. Das hat der Kapitalismus mit durchschlagendem Erfolg in den Köpfen angerichtet: dass es als richtig akzeptiert wird, dass jene, die das Geld und (somit) die Macht haben, auch befehlen sollen und man ihnen zu gehorchen habe.

Und weil die meisten Menschen buckeln müssen, treten sie, wo und wenn ihnen dazu Gelegenheit geboten wird. An den Sklaven kompensieren sie die permanente und verdrängte Demütigung durch die Herren. Die selben Männer und Frauen, die sich vor Unterwürfigkeit überschlagen, wenn sie zum Chef beordert werden, kennen weder „bitte“ noch „danke“, wenn sie Dienstleistungen einfordern, auf die sie Anspruch zu haben meinen. Die selben rückgratlosen Redakteure, die sich den unsinnigsten Anweisungen der Chefredaktion beugen, spielen sich gegenüber freien Mitarbeitern wie Duodezfürsten auf. Die dümmsten Lehrer, die dem Schulleiter nicht zu widersprechen wagen, schikanieren die wehrlosen Schüler. Man beobachte nur, mit welcher Arroganz sich Touristen am Urlaubsort echauffieren, wenn nicht gleich ein „Hoteldiener“ zur Stelle ist, um ihren Koffer aufs Zimmer zu tragen, wenn ein Kellner nicht gleich angelaufen kommt oder sich einmal bei der Bestellung irrt. Man höre und sehe, wie sich diese subalternen Herrendarsteller am Ort oder danach auf den diversen Hotelportalen gebärden, als seien andere Menschen nur dazu da, für ihre Bequemlichkeit zu sorgen.

Die selben Duckmäuser, die gegen den eigenen Vorgesetzten nicht die Stimme erheben, finden es in Ordnung, dass viele nicht sehr angesehene, jedenfalls unangenehme und schlecht bezahlte Berufe so gut wie ausschließlich von Ausländern ausgeübt werden, den Sklaven unserer modernen Kolonialgesellschaft. "Er will unter sich keinen Sklaven sehn" – es sei denn es handelte sich um den marokkanischen Müllarbeiter, um die türkische Klofrau, um die polnische Altenpflegerin. Er ist ihnen nicht einmal dafür dankbar, dass sie ihm Arbeiten abnehmen, für die er sich selbst zu vornehm dünkt, sondern verachtet sie insgeheim oder auch offen.

Bertolt Brecht hat sich den Menschen anders gewünscht. Kein Wunder, dass das Einheitsfrontlied nicht mehr gesungen wird. Ob die Spitzen der SPD, die sich einmal als Arbeiterpartei verstanden hat, wer immer sie sein mögen, es überhaupt noch kennen?

Die Arbeiterklasse, oder was an ihre Stelle getreten ist, wiederholt gegenüber der Bourgeoisie, was ihr das Bürgertum nach 1848 gegenüber der Aristokratie vorgemacht hat. In Österreich wurde nach dem Ende des Kaiserreichs das Adelsprädikat abgeschafft. Das hat nichts daran geändert, dass die Nachkommen der Adeligen bis heute im diplomatischen Dienst und in den führenden Positionen überrepräsentiert sind. Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel pflegte Herrn von Württemberg mit „Königliche Hoheit“ anzusprechen, als lebten wir noch in der Monarchie. Hat er Stiefel im Gesicht nicht gern? Er leckt sie jedenfalls. Als Lektion in Sachen Demokratie.

Thomas Rothschild - 11. Dezember 2019
2650

Achtung Schwule

Im Prospekt einer kalifornischen Kleinstadt inserieren 62 Hotels. Bildzeichen geben Auskunft über deren Ausstattung. 13 Hotels führen das Symbol an, das „gay clientele“ signalisiert.

Was soll das nun besagen? Dass Schwule geduldet werden? (Und in den Hotels ohne dieses Symbol somit nicht?) Dass Schwule bevorzugt werden? Dass das Haus meiden soll, wer es nicht mit der „gay clientele“ teilen möchte?

Was hier als emanzipatorischer Fortschritt daherkommt, ist in Wahrheit eine zeitgenössische Form der Diskriminierung. Kein Hotel dieser Stadt würde es wagen, zu betonen, dass es farbige Kundschaft beherberge. Zu deutlich würde dies die Normalität des Rassismus kennzeichnen. Warum eigentlich gibt es kein Piktogramm für „heterosexual clientele“? Ja warum wohl.

Thomas Rothschild - 4. Dezember 2019
2649

Schauspielerweisheiten

Die Ehrfurcht vor den vorgeblichen Weisheiten von Prominenten – und das sind in unserer Zeit in erster Linie Menschen, die im Fernsehen auftreten – ist nur selten begründet. Was sie „meinen“, hat in den wenigsten Fällen mehr Belang als die Äußerungen am Stammtisch. Das gilt grundsätzlich auch für Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie sind für die Erklärung der Welt nicht besser qualifiziert als der Milchmann und die Bäckerin an der Ecke. Man könnte sogar vermuten, dass sie das ständige Schlüpfen in Rollen von ihrem eigenen Ich und dem damit verbundenen eigenen Denken entfernt. Aber es gibt Ausnahmen, hochintelligente Theaterleute, die uns Dinge zu sagen haben, auf die wir hören sollten. Zwei solcher Aussprüche seien hier in Erinnerung gerufen, ehe sie in Vergessenheit geraten.

In einem Interview sagte Ulrich Matthes einmal über das Vorlesen von Kleist: „Dieses Kataraktische, Vorwärtsdrängende, Hochmusikalische will aufbewahrt sein. Die Musik kann man aber nicht so in den Vordergrund stellen, dass die Prosa zwar schön fließt, man aber ihren Sinn nicht mehr versteht. Der Text will sowohl intellektuell als auch musikalisch durchdrungen sein. In einem zweiten Schritt geht es darum, in der hohen Emotion eine Art Verhaltenheit zu bewahren: Im Lesen muss man das Emotionale zurückhalten, um wiederum den Text nicht auszuliefern.“

In seinem Buch Nachdenken über Theater schrieb der große, vor fünf Jahren verstorbene Schauspieler Rolf Boysen: „Wir Heutigen müssen aufpassen, dass die krebsartig wuchernden optischen und akustischen Frohsinnsreize nicht alle anderen Bedürfnisse auffressen, dass dieser travestierte Optimismus, diese geschändete Lebensfreude und die nivellierte Erwartungshaltung nicht zur Null-Linie unseres gesellschaftlichen Koordinatensystems erklärt wird.“

Was ließe sich dem hinzufügen?


Thomas Rothschild – 27. November 2019
2648

Im Auge des Betrachters

Wenn jemand die Ansicht äußert, dass die Hungernden aus der Dritten Welt nach Europa kommen werden, um sich zu holen, was ihnen seit Jahrhunderten vorenthalten wird, und dass das nicht ohne Gewalt abgehen wird – sagt er dann, dass man diese Menschen bekämpfen, sie gar ausrotten muss? Wenn jemand behauptet, Intelligenz sei nicht nur durch das Milieu, sondern auch durch die Geburt determiniert, sie sei nicht allein ein soziales, sondern auch ein genetisches Produkt – sagt er dann, Begabte müssten belohnt und gefördert werden? Nichts dergleichen sagt er. Aber es wird ihm von rechtschaffenen Kritikern unterstellt. Man verdächtigt mit jenen, die dazu Anlass geben, gleich auch die Unschuldigen mit. Wer vor der voraussehbaren Gewalt angesichts der globalen Ungerechtigkeit warnt, könnte ja ebenso gut dazu auffordern wollen, den Unterprivilegierten zu helfen, um der Gewalt zuvorzukommen. Wer die Ungleichheit der Erbanlagen betont, könnte ja wünschen, dass man gerade jenen, die von Geburt aus benachteiligt sind, ausgleichende Unterstützung gewährt. Zu einer Zeit, als dafür mehr Sensibilität vorhanden war, nannte man das „kompensatorische Erziehung“.

Wenn den Prognostikern einer bevorstehenden Völkerwanderung reflexartig die Befürwortung von Abwehrgewalt, wenn den Vertretern der Ansicht, die Gene seien mächtiger, als gemeinhin angenommen, bedingungslos Sozialdarwinismus angelastet wird, dann liegt das nicht an deren Äußerungen, sondern im Auge des Betrachters. Er projiziert seine Befürchtungen, die durchaus ihre Gründe haben, in sein Gegenüber und vernimmt Schlussfolgerungen, die nicht notwendig impliziert sind.

Ideologieverdacht ist berechtigt und notwendig. Aber man sollte schon genau hinhören und, ehe man Böses vermutet, nachfragen, wenn jemand eine These oder eine Diagnose aufstellt. Was ergibt sich daraus? „Wie handelt man/ Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?“, heißt es im Gedicht Der Zweifler von Bertolt Brecht.


Thomas Rothschild - 19. November 2019 (2)
2647

Salzburg vs. Stuttgart

Bei den Salzburger Festspielen war im vergangenen Sommer eine Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart zu sehen: Die Empörten von Theresia Walser. Im Januar 2020 sollte die Stuttgarter Premiere stattfinden. Daraus wird jetzt nichts. Der Intendant und Regisseur der Inszenierung Burkhard C. Kosminski hat sie „aus dispositorischen und künstlerischen Gründen“ abgesagt. Eine vertraute Phrase.

Die Stuttgarter Zeitung wollte es genauer wissen. Auf Nachfrage von dessen Theaterkritiker erklärte Kosminski: „Ich wollte mit dem Team weiter an der Inszenierung arbeiten, aber eine längere Probenphase ließ sich wegen den eng getakteten Dispositionen sowohl hier im Haus als auch bei den auswärtigen Gastspielern nicht realisieren.“ Die „auswärtigen Gastspieler“ sind Prominente der gegenwärtigen Theater- und Fernsehszene: Caroline Peters und André Jung. Sie wären für Stuttgart eine Attraktion, um nicht zu sagen: eine Sensation, gewesen.

Wenn Kosminski die Wahrheit sagt, bedeutet das im Klartext: bei den hochdotierten Salzburger Festspielen werden Inszenierungen gezeigt, die nicht fertig sind, die „eine längere Probenphase“ benötigen, um ins Repertoire eines (mitfinanzierenden) Staatstheaters übernommen werden zu können. Wenn es sich um eine Ausrede handelt – mit taktischen Winkelzügen dieser Art muss man bei Presseverlautbarungen rechnen –, fällt zunächst deren Termin auf: ein Vierteljahr nach der Salzburger Uraufführung (war die Notwendigkeit zusätzlicher Proben und deren Nicht-Realisierbarkeit nicht früher erkennbar?) und exakt vier Tage, nachdem Caroline Peters als die neue Buhlschaft im unverzichtbaren Jedermann vorgestellt wurde. Es drängt sich der Verdacht auf, dass in diesem Fall die Termine dem vielbeschäftigten Star über den Kopf gewachsen sind, dass es Caroline Peters war, die ihre Arbeit in Salzburg nicht mir einer „längeren Probephase“ in Stuttgart vereinbaren konnte oder wollte. Ihre Entscheidung hieße dann: Buhlschaft statt Anti-AfD-Stück. Das wäre zwar menschlich verständlich, aber wie man früher gesagt hätte: es gehört sich nicht. Pacta sunt servanda – auch wenn attraktive Angebote ihnen in die Quere kommen. Hoffen wir, dass unser Verdacht ungerecht ist.

Als Fazit jedenfalls bleibt: entweder wurden die Besucher der Salzburger Festspiele um eine hinreichend geprobte oder die Stuttgarter um die ganze Inszenierung betrogen. Tertium non datur.

Für die Stuttgarter ist das umso trauriger, als ihnen mit Caroline Peters und Theresia Walsers Auftragsarbeit auch der unvergleichliche André Jung vorenthalten wird, der am Ort bei jedem Gastspiel zu Recht umjubelt wurde.


Thomas Rothschild - 13. November 2019
2646

Klimakrise

Alle reden von der Klimakrise. Das Wort führt in die Irre. Eine Krise geht vorüber. Sie kann überwunden werden oder wird, jedenfalls nach Ansicht einflussreicher Theoretiker, automatisch abgelöst von einem Aufschwung und einer neuen Konjunktur. Das Klima auf unserer Erde aber befindet sich nicht in einer vorübergehenden Krise, sondern in einem irreversiblen Prozess. Die Katastrophe ist bereits eingetreten, und sie kann allenfalls gebremst werden. Für eine Krise ist das zu wenig.

Genau das will das Wort „Klimakrise“ verschleiern. Es sind insbesondere die Politiker, die diese Verschleierung betreiben. Indem sie tun, als handle es sich bei der Erderwärmung, beim Abschmelzen der Gletscher, beim Anstieg des Meeresspiegels, beim Aussterben von Tierarten, bei der Austrocknung von Landstrichen, bei der Zunahme von Unwetterkatastrophen, Hochwasser, Waldbränden und Orkanen um eine überwindbare Krise, bieten sie sich selbst als Retter in der Not an. Was sie Klimakrise nennen statt korrekt Klimakatastrophe, dient ihnen lediglich zur Wahlwerbung. Wer ihnen mit seiner Stimme Macht verleiht, soll sich in der Illusion wiegen, er hätte das Ende der Krise beschleunigt.

Die Propheten der „Klimakrise“ fügen daher stets an, was „wir“ tun müssen, um sie zu beenden. Was sie verschweigen, ist der wahre Grund für die Verhinderung längst fälliger Gegenmaßnahmen: dass es nämlich mächtige Institutionen gibt, deren Interessen den erforderlichen Schritten entgegenstehen. Was man heute Klimakrise nennt, ist ja keine neue Entdeckung. Robert Jungk und andere haben schon vor einem halben Jahrhundert davor gewarnt. Damals wollte man nicht auf sie hören, hat sie eher als Spinner abgetan. Und diese Einstellung wurde massiv gefördert von jenen, die an der Entwicklung, deren Folgen wir heute drastisch zu spüren bekommen, in ungeheurem Ausmaß verdient haben und weiterhin verdienen. Optimisten sagen, auch sie würden zu einer besseren Einsicht gelangen, wenn ihnen klar würde, dass sie die Zukunft ihrer Kinder und Enkel aufs Spiel setzen. Weit gefehlt. Die Geld- und Machtgier kennt keine Skrupel. Sie opfert auch die eigenen Nachkommen. Zur Not hilft dabei die Verdrängung. Man nimmt die Folgen einfach nicht zur Kenntnis, wenn die Aktienkurse steigen.

Die Klimakatastrophe ist nicht nur eingetreten, sie ist bereits weit fortgeschritten. Sie wird nicht durch guten Willen zu verzögern sein. Dafür ist eine Veränderung der Machtverhältnisse nötig. Wer behauptet, er wolle die „Klimakrise“ bekämpfen, aber nicht jene beim Namen nennt, deren Interessen diesem Kampf entgegenstehen, nicht selten sogar, egal ob Konservativer, Liberaler, Sozialdemokrat oder Grüner, deren Geschäft betreibt, ist ein Betrüger. Sie sind, wie bei Ray Bradbury, Feuerwehrleute, die Brände legen. Den Profiteuren der Klimazerstörung muss ebenso in den Arm gefallen werden wie den Waffenproduzenten und Kriegsgewinnlern. Bekanntlich haben die nicht mit allzuviel Widerstand zu rechnen. Das macht in Bezug auf die „Klimakrise“ wenig Hoffnung.

Thomas Rothschild - 10. November 2019
2645

Wie soll man leben?

Wie soll man leben? Gibt es noch eine verbindliche Moral? Gibt es Regeln, Grundsätze für den Umgang im sozialen Gefüge, auf die wir uns unter zivilisierten Menschen verständigen können, oder müssen wir uns auf den Kampf jedes gegen jeden, auf den Wildwuchs im Umgang mit dem Nachbarn einstellen?

Kants kategorischer Imperativ, wonach man nur nach derjenigen Maxime handeln solle, von der man zugleich wollen könne, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, ist immer noch eine brauchbare Verhaltensvorschrift. Hielten sich alle daran, sähe es auf der Welt friedlicher aus.

Der keineswegs heroische Arzt Doktor Reumann in Arthur Schnitzlers Einsamem Weg verzichtet auf einen Ruf nach Graz, weil es ihm peinlich wäre, "irgend einen Vorteil dem Malheur eines andern zu verdanken". Der ihm vorgezogene Kandidat war verunglückt. Reumann will auch nicht bei der Frau, die er liebt, vom voraussehbaren Tod seines Patienten profitieren, den diese junge Frau wiederum liebt.

Die Haltung des Doktor Reumann könnte auch sehr gut als Vorbild für das eigene Verhalten dienen. Hätten sich alle Menschen zu jeder Zeit an den Grundsatz gehalten, dass sie keinen Vorteil dem Malheur eines anderen verdanken wollen, dann hätten keine unbescholtenen Bürger die Wohnungen ihrer jüdischen Nachbarn ausgeräumt, als diese deportiert wurden; dann hätten die Angehörigen der Völker im ehemaligen Jugoslawien nicht die Höfe derer übernommen, die fliehen mussten; dann würden Börsenspekulanten keine Aktien kaufen, deren Wert nur deshalb gestiegen ist, weil Tausende Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden; dann würde sich niemand um ein Amt oder einen Posten bewerben, dessen Inhaber ungerechterweise von diesem vertrieben wurde; dann würde sich niemand über „Schnäppchen“ freuen, die bei einem anderen verpfändet wurden oder die dieser zu einem niedrigen Preis verschleudern musste, um seine Miete bezahlen zu können.

Kurz: würde jeder auf jeden Vorteil verzichten, der auf dem Unglück eines anderen beruht, sähe die Welt besser aus.

Thomas Rothschild - 29. Oktober 2019
2644

Klassengesellschaft

Es gibt keine Klassengesellschaft mehr! Wer dieses Märchen glaubt, ist eingeladen, einmal eine Stunde im Café Dommayer in Hietzing, dem westlichen Nobelbezirk Wiens, und eine Stunde im Café Dreivierteltakt in der Praterstraße, drüben im 2. Gemeindebezirk, jenseits des Donaukanals, zu verbringen. Beobachten Sie die Menschen, die dort verkehren, ihre Kleidung, ihre Körperhaltung, ihre Umgangsformen, ihre Sprache. Hier, im Dommayer, sitzen jene, die nicht arbeiten müssen, dort, im Dreivierteltakt, jene, die nicht arbeiten dürfen. Hier die höheren Töchter, die erkennbar mehrere Stunden täglich vor dem Kosmetikspiegel oder beim Friseur verbringen, und die Herren Söhne, die die Börsenkurse studieren, dort im Dreivierteltakt die Randexistenzen, die sich keinen Zahnersatz leisten können und die Camouflage des Alkoholismus nicht beherrschen, wenn sie ihre Arbeitslosenunterstützung für ein Achterl oder einen Spritzer verplempern. Die „besseren Leut'“ in Hietzing haben keine Hemmungen, ihren Wohlstand zur Schau zu tragen, und die Verachtung für das „gemeine Volk“ steht ihnen und schon ihren wohlerzogenen Kindern, die sich am Kuchenbuffet die besten Stückchen auswählen, ins Gesicht geschrieben. Die pietistische Zurückhaltung der Schwaben, denen es als anstößig gilt, seinen Reichtum zu demonstrieren, ist ihnen fremd.

Sie begegnen einander selten, die Kunden des Café Dommayer und die Kunden des Café Dreivierteltakt. Die Innenstadt mit ihren Touristen hält sie auseinander. Die wiederum sehen nur den Stephansturm und die Hofburg, und wenn sie einen Kaffee trinken wollen, gehen sie weder ins Dommayer, noch ins Dreivierteltakt, sondern in den neutralen Bräunerhof, ins museale Café Central oder ins vom vergangenen Ruhm zehrende Hawelka. Und sie kehren heim zum Jungfernstieg, nicht nach St. Pauli, schwärmen von Wien und von der klassenlosen Gesellschaft.

Es muss übrigens noch nicht einmal Hietzing und die Leopoldstadt sein. Wer die Bezirksgrenzen zwischen der Josefstadt und Ottakring oder zwischen Wieden und Favoriten überschreitet, durchbricht einen „Eisernen Vorhang“ ökonomischer und sozialer Art wie einst an der slowakischen oder an der ungarischen Grenze den politischen. Das „Rote Wien“, das gegen diese Trennung anzukämpfen versuchte, ist nur noch eine Legende wie der „Melting Pot New York“.

Thomas Rothschild - 16. Oktober 2019
2643

Proll

Die Kritik an bestimmten Sprachverwendungen und die Forderung von Verboten schlagen zuweilen kuriose Volten. Gegen ein Wort aber, das zurzeit Konjunktur hat, haben die Sprachpolizisten nichts einzuwenden: gegen das Wort „Proll“. Es ist eine Kurzform von „Prolet“ und wird, wie dieses gelegentlich, ausschließlich abwertend gebraucht (siehe den erhellenden Artikel von Susann Witt-Stahl).

Bertolt Brecht dichtete: „Und weil der Prolet ein Prolet ist,/ drum wird ihn kein anderer befrein,/ es kann die Befreiung der Arbeiter/ nur das Werk der Arbeiter sein.“ „Prolet“ – das klingt bei Brecht und in seiner Zeit stolz. Dass man sein Selbstbewusstsein daraus bezieht, zur Arbeiterklasse zu gehören und seinen Lohn mit ehrlicher Arbeit statt mit Ausbeutung und Spekulation zu verdienen, ist eine vergessene Tugend. Wenn man aber nicht mehr auf seine Klassenzugehörigkeit stolz sein kann, ist man es auf seine nationale Zugehörigkeit. In Kontrast zu Brechts Lob des Proleten schrieb Carl Sternheim etwa mit sarkastischem Spott über den Bürger Schippel.

Mittlerweile hat die Bewertung des Bürgerlichen eine radikale Wandlung erfahren. Es ist im allgemeinen Verständnis etwas Positives. Seine Meriten anzuzweifeln, gilt als Frevel. Dass die Grünen, allen voran ihr konservatives Aushängeschild Winfried Kretschmann, sich rühmen, in der bürgerlichen Mitte angekommen zu sein, vermag kaum noch zu verwundern. Dass aber auch der Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier der AfD attestiert, sie sei „antibürgerlich“ und das nicht etwa positiv, sondern als Vorwurf wertet, ist, ob er mit dieser Ansicht nun recht hat oder nicht, verräterisch. Was, wenn nicht die Gegnerschaft zur Bourgeoisie, wäre die Raison d'Être der Sozialdemokratie gewesen?

Als Kevin Kühnert den waghalsigen Versuch machte, eine Möglichkeit anzuregen, die das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vorsieht, nämlich die zwangsweise Kollektivierung („Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden“), beschied ihm Andrea Nahles, die immer noch als halbwegs Linke galt und inzwischen das Handtuch geworfen hat, man könne richtige Fragen stellen und trotzdem falsche Antworten geben, sie aber finde Kühnerts Antworten falsch. Sie hat sich, in Übereinstimmung mit den Granden und den reaktionärsten Proponenten ihrer Partei, gegen den Hauch einer sozialistischen Erwägung ausgesprochen. Sie hat sich für das Bürgerliche entschieden. Es hat ihr nicht genützt. Aber in der Sache standen die Sachwalter ihrer Partei schon hinter ihr. Man ist doch schließlich kein Proll.

Thomas Rothschild - 9. Oktober 2019
2642

Das Theater und die Telefonzelle

Neulich war ich auf der Postbank. (Ein Postamt gibt es in der Stadt, in der ich wohne, nicht mehr.) Ich bat um sieben Briefmarken mit verschiedenen Werten. Die Dame am Schalter rechnete den fälligen Betrag im Kopf zusammen – ganz ohne Computer, sogar ohne Taschenrechner.

Kürzlich war ich auf Kreta. Mit dem Autobus gelangt man in die nahe Kleinstadt. Zugegeben, der fährt zwar nicht immer pünktlich nach Fahrplan, aber das gilt auch, mehr noch, für die Stuttgarter S-Bahn. Es gibt keine Automaten, die kaputt sind oder Geld nicht wechseln können. Das Ticket bekommt man beim Schaffner, der zudem Auskunft erteilen kann über die Haltestelle, bei der man aussteigen muss.

Vor einiger Zeit sah ich eine für jede und jeden zugängliche Kabine mitten auf einem Platz. Wenn man Münzen einwarf und eine Nummer wählte, konnte man unbehindert mit der Großmutter telefonieren. Man benötigt kein Smartphone und muss es, wenn man doch eins hat, nicht mit sich herumtragen – ein Segen für jeden, der taschenlose T-Shirts favorisiert.

Es soll sogar Menschen geben, die, ausgestattet mit einer Landkarte oder einem Stadtplan, ganz ohne Navi an ihr Ziel finden.

Ungefähr so lesen sich Theaterkritiken in diesen Tagen. Da heißt es, eine Inszenierung „bleibe ganz nah am Original“, es gebe „von aktueller politischer Haltung keine Spur“, eine Regisseurin wird gelobt, obwohl oder weil: „Eine Kommentierung oder gar Überschreibung des Stoffs auf heutige Diskurslagen hin versagt sie sich“, aber sie habe den Kern der Geschichte doch verfehlt, „obwohl [sie] den Stoff weder aktualisiert noch umdeutet“, eine Inszenierung verpuffe, „weil aktuelle Bezüge fehlen“.

Ist es Ironie oder vorauseilende Absicherung, wenn das Hessische Staatstheater Wiesbaden mit den folgenden Worten zu einer Premiere einlädt: „Mit seiner Inszenierung des Zerbrochnen Krugs unternimmt Uwe Eric Laufenberg den ungewöhnlichen und radikalen Versuch, hundertprozentig auf den Dichter Heinrich von Kleist zu vertrauen: Ohne Striche, ohne Fremdtexte, ohne Videos und ohne Musik wird Kleists Lustspiel so pur wie selten auf die Bühne gestellt.“

Was gestern noch als selbstverständlich wahrgenommen wurde, wird heute als exotisch und veraltet empfunden oder jedenfalls präsentiert. Merken die Kritiker eigentlich, dass sie, indem sie das gerade Gängige, das morgen schon als „altmodisch“ gelten wird, zur Norm erheben, genau daran mitwirken: an der Erschöpfung und dem Verschleiß künstlerischer Mittel, die ihre Wirkung einbüßen, wenn sie keine Differenzqualität mehr besitzen? Sie opfern das Theater mit seiner Vielfalt, mit Kopfrechnerinnen, Busschaffnern und Telefonzellen, dem Konformismus, dem sie längst erlegen sind. Schade.

Thomas Rothschild - 2. Oktober 2019
2641

Familienbande

Das kleine Hotel am Meer kommt einem Idyll so nahe, wie die Wirklichkeit einem Idyll nur nahe kommen kann. Die Zimmer sind komfortabel, die Balkone gewähren einen atemberaubenden Blick in die Ferne, keine Animation und keine Musik beeinträchtigt das Ruhebedürfnis. Die Gäste sind freundlich und rücksichtsvoll. Man grüßt sich höflich und respektiert im Übrigen die Privatsphäre der Nachbarn.

Da reist die Großfamilie an. Sie gehört offenkundig zu den regulären Stammgästen. Die Mutter breitet bei der Ankunft die Arme aus, als wäre sie die Ranjewskaja, die gerade in ihren Kirschgarten heimkehrt. Die älteste Tochter packt ihre Gitarre aus und versucht stundenlang ihr Repertoire von drei Akkorden zu erweitern. Ein Eric Clapton oder eine Joni Mitchell wird aus ihr nicht werden. Warum bloß musste sie sich das Hotel am Meer für ihre Kunstanstrengungen aussuchen, statt daheim zu üben? Morgens brät die Großmutter Frühstücksspeck für die ganze Meute, die sich auf ihrem Balkon versammelt. Der Geruch dringt unaufhaltsam in unser Zimmer ein. In unregelmäßigen Abständen quellen die Kinder aus einem der Studios wie das Schiffspersonal in A Night at the Opera von den Marx Brothers. Die jüngeren Familienmitglieder quasseln, kreischen und wirbeln am Pool, nehmen das Gelände in Beschlag, wie die vertrauten Pioniere der Selbstbezogenheit die „besten“ Liegen, als wäre es ihr Eigentum. Niemand gebietet ihnen Einhalt – die Eltern nicht, weil auch sie denken, sie wären bei sich zu Hause, die anderen Hotelgäste nicht, weil sie es gegen die Übermacht, die fünf Zimmer besetzt hat, nicht wagen.

Wer sagt, die Familie sei das Übungsgelände für das Verhalten in der Gemeinschaft, „die kleinste Zelle der Gesellschaft“? Das Gegenteil ist wahr. Die Großfamilie ist der Hort unsozialen Gebarens. Schafft sie ab! Beendet die institutionalisierte und staatlich geförderte Erbschleicherei! Damit das kleine Hotel am Meer wieder zum Idyll wird. „Was sagen wir im Abendlande/ Was sagen wir als Mensch und Christ?/ Vielleicht, dass die Familienbande/ Die stärkste aller Banden ist!“ (Dieter Süverkrüp)

Mit einer Verspätung von einem halben Jahrhundert haben die Menschen, mit Ausnahme einiger Idioten, begriffen, dass nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern auch das Klima ihre Sorge verdient. Es ist an der Zeit für die Einsicht, dass nicht nur die Selbstverwirklichung, sondern auch die Stille ein schützenswertes Gut ist.

Thomas Rothschild - 18. September 2019
2640

Gattungsbewusstsein

Ein paar lautstarke Expertendarsteller, die zur Literatur ein ähnliches Verhältnis haben wie der Metzger zur Sau, rufen unentwegt nach dem Roman, der die bedeutsamen historischen Daten des vergangenen Jahrhunderts, den Holocaust etwa oder die deutsche Wiedervereinigung, zum Thema wählt. Sie beweisen damit nur, dass sie nicht begriffen haben, was der Roman zu leisten vermag und vom Don Quixote bis zum Proceß, vom Tristram Shandy bis zum Ulysses, von Anna Karenina bis zu Hundert Jahre Einsamkeit geleistet hat, und wo der Gattung Grenzen gesetzt sind. Für die künstlerische Verarbeitung von Geschichte eignet sich keine andere Gattung so vorzüglich wie der Dokumentarfilm, und vom Roman zu verlangen, was dieser weitaus überzeugender zu erbringen vermag, gleicht dem Ansinnen, von einer Sonate ein Bild der Mona Lisa zu fordern.

Den Künstlern und ihren Kritikern ist das Bewusstsein von den Spezifika der Gattungen und Genres, von ihren Möglichkeiten und Grenzen abhanden gekommen. Sie denken nur mehr in Inhalten, nicht in künstlerischen Formen. Sie wollen, egal mit welchen Mitteln, aussprechen, was gerade „gefragt“, was gerade „angesagt“ ist oder was sie aus ihrer engen Erfahrung kennen, und das ist vor allem das Fernsehen und die Popmusik. Und so gleichen sich die Orte der verschiedenen Sparten immer mehr einander an. Die Großveranstaltungen der Bildenden Kunst, des Films, des Theaters bieten die gleichen Installationen, Performances und Events an. Jeder Roman, jeder Film steht für eine Bühnenbearbeitung zur Disposition, und kein Theaterstück ist immun gegen die Hits der siebziger Jahre.

Wie aus einer anderen Welt müssen heute ein Tschechow oder ein Schnitzler erscheinen, die wussten, welcher Stoff sich für eine Kurzgeschichte und welcher sich für ein Drama eignet. Exotisch wirkt in diesem Umfeld ein Alexander Kluge, der sehr genau unterscheiden kann, wann er einen Film dreht, wann er für das Fernsehen produziert, wann er ein Buch schreibt.

E.T.A. Hoffmann war ein beachtlicher Komponist. Dass er aus den Lebens-Ansichten des Katers Murr einen Roman gemacht hat und nicht eine Oper, muss wohl seine Gründe haben.

Thomas Rothschild - 11. September 2019
2639

Unschuldig

Zu den Floskeln der Kriegs- und Terrorismusberichterstattung gehört jene von den „unschuldigen Kindern“, die Opfer von Gewalt wurden. Was genau bedeutet das Attribut „unschuldig“? Wovon soll es „unschuldige Kinder“ abgrenzen? Von schuldigen Kindern? Wer nicht verbohrt an die Ursünde glaubt, wird diese Interpretation wohl ausschließen. Trennt das Beiwort Kinder also in ihrer Gesamtheit von den schuldigen Erwachsenen? Die Genfer Konventionen unterscheiden zwischen Zivilpersonen und Kombattanten. Das Alter spielt dort keine Rolle.

Wer von „unschuldigen Kindern“ spricht, unterstellt erwachsenen Zivilisten eine Schuld. Er fällt hinter die Logik der Genfer Konventionen und auch schon der Haager Landkriegsordnung zurück. Die schlampige Sprachverwendung, die auf sentimentale Reaktionen hofft, torpediert in Wahrheit den Anspruch auf Schutz vor Gewalt. Es ist schon schlimm genug, dass Soldaten nach einem zwar angefeindeten, aber zutreffenden und mittlerweile von Gerichten zugelassenen Satz von Kurt Tucholsky Mörder sind. Selbst aber wenn man, wie etwa der einstige verteidigungspolitische Sprecher der Sozialdemokratie Walter Kolbow, der Ansicht ist, dass Streitkräfte ein konstitutives Element der wehrhaften Demokratie seien und damit die Tötung, die ein Soldat im Verteidigungsfall vornehmen muss, gerechtfertigt sei, ist jede Formulierung fatal, die suggeriert, erwachsene Menschen seien, anders als Kinder, „schuldig“. Es nimmt die tatsächlich Schuldigen aus der Verantwortung. Dass auch deren Tötung als zumindest fragwürdig gelten muss, wenn man die Todesstrafe ablehnt, steht auf einem anderen Blatt.

Thomas Rothschild - 2. September 2019
2637

Nein zum freien Zugang

Der MDR hat 32 Intendantinnen und Intendanten von Theatern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Situation des Theaters befragt. Eine der 16 Fragen lautete: „Sollte der Eintritt zu öffentlich-subventionierten Theatern künftig frei sein?“ Mit der einzigen Ausnahme des Intendanten der Oper Halle („Von mir aus gerne!“) antworteten alle mit einem mehr oder weniger resoluten, nur minimal modifizierten „Nein“.

Man sieht: die Zuständigen für eine Demokratisierung der Kultur sind in den Ländern zunehmender Rechtsentwicklung im Kapitalismus angekommen. Was spricht gegen den freien Eintritt zu Theatern? Das "Nein" der Intendantinnen und Intendanten bedeutet im Klartext: Kultur gehört nicht zu den Grundrechten der Menschen. Die Autostraßen dürfen kostenfrei benutzt werden, obwohl jene, die nicht Auto fahren, sie mit ihren Steuern mitfinanzieren. Sie finanzieren auch die Stadien, selbst wenn sie sie noch nie betreten haben. Warum soll für die Theater nicht das Gleiche gelten? Nur, weil es bisher nicht gegolten hat? Früher einmal waren die Theater den Aristokraten vorbehalten. Die Schloss- und Burgtheater zeugen davon. Dann hat sich die Bourgeoise die Theater zusammen mit anderen Kultureinrichtungen erobert. Die Gebäude demonstrierten neben Börsen und Banken das neue Selbstbewusstsein der herrschenden Klasse. Warum wollen Intendantinnen und Intendanten einem über das Bildungs- und Geldbürgertum hinausgehenden Publikum nicht zugestehen, was beim Verbrauch von Luft (noch) als selbstverständlich gilt? Die Entwicklung geht nicht zu mehr Demokratie, sondern, wie die Einführung von Gebühren für den Zugang zu Hochschulen bewiesen hat, zu mehr Klassengesellschaft. Im Zweifel entpuppen sich die Theaterleute halt doch als Reaktionäre.


Thomas Rothschild - 27. August 2019
2636

Stand-up Comedy

Wenn Jazz und Film amerikanische Künste sind, dann gilt das zumindest ebenso sehr für die Stand-up Comedy. Ein Mann, eine Frau steht vor dem Mikrophon und erzählt – das wär's, nichts weiter. Während die Conférence in der Tradition des deutschsprachigen Kabaretts und Varietés lediglich überleitet von der einen Nummer zur anderen, ist Stand-up die Nummer selbst. Und wenn sich Franz Hohler, zum Beispiel, als Theaterdonnerer vorstellt, so wissen wir jeden Moment, dass das eine Rolle ist, wundern uns nicht, wenn er in der nächsten Nummer plötzlich wer ganz anderer ist. Wenn der Alleinunterhalter des Stand-up „ich“ sagt, dann geht er ganz in seiner Rolle auf, hält sie von Anfang bis Ende, meist über Auf­tritte und Jahre hinweg, bei. Der Zuhörer kann nicht mehr unterscheiden, wo er tatsächlich Erlebtes berichtet und wo er sich etwas ausgedacht hat. Der Stand-up-Komiker identifiziert sich (scheinbar) so sehr mit seiner Rolle, dass er zum Typus wird, den man sich im realen Leben nicht anders denken mag als auf der Bühne.

Woody Allen war, ehe er als Filmemacher zu Weltruhm gelangte, ein begnadeter Stand-up-Comedian. Er konnte auf Anregungen von Jack Benny oder George Burns zurückgreifen. Lily Tomlin ist eine der weniger Frauen im Metier. Und es gibt Aufnahmen von einigen Stand-up-Höhepunkten aus in den Jahren 1959-71 gesendeten Folgen der Ed Sullivan Show, jener legendären Sonntagsserie, die schwächere Gastgeber in den USA und nur noch peinliche Zombies in deutschen Fernsehanstalten immer wieder hilflos kopieren. Fünf Minuten dieser Aufzeichnungen enthalten mehr gescheite Pointen, als ein Harald Schmidt in all seinen Sendungen zusammengenommen zustande gebracht hat. Neben Stand-up-Soli gibt es auch ein paar Sketche, von denen ich einen – von Stiller & Meara: Hershey Horowitz Meets Mary Elizabeth Doyle – hervorheben möchte. Ein Paar, das sich über eine Computer-Vermittlung kennengelernt hat, stellt fest, dass es in der selben New Yorker Straße wohnt, aber sich nicht verständigen kann, weil die beiden völlig unter­schiedliche Erfahrungen haben: sie ist Christin, er Jude. Der Dialog ist von fulminantem Witz und zeigt, übertreibend, doch eine drastische Tatsache, dass nämlich der viel gepriesene „mel­ ting pot“ in Wahrheit ein Konglomerat von Ghettos ist. Die Szene wurde vor Jahrzehnten aufgenommen und wirkt kein bisschen veraltet.

Bei Ed Sullivan begnügte man sich noch nicht mit hysterisch gestikulierenden Kleiderständern und blöd grinsenden, feixenden Gesichtern, aus denen kein hörenswertes Wort dringt. Zu den Stammgästen der Ed Sullivan Show gehörten die Schauspieler und Sänger des Broadway, die Stars der aktuellen Musicals, die mehr zu bieten hatten als allenfalls Auskünfte über ihre jüngsten Liebschaften oder ihre Morgengymnastik. Warum nimmt sich unser Fernsehen nicht daran ein Beispiel? Es gab und gibt ja auch in Europa einige wenige Stand-up-Komiker, die sich an den amerikanischen Stars messen können: Lukas Resetarits, und Josef Hader in Österreich, Arkadij Rajkin in Russland. Ein deutscher Komiker dieses Formats fällt mir nicht ein. Na ja, Gerhard Polt vielleicht, Georg Schramm, Bruno Jonas und Sigi Zimmerschied.


Thomas Rothschild - 19. August 2019
2635

Mehr!

Man stelle sich vor: Ein Kochkünstler hat ein mehrgängiges Menü zubereitet, jedes Gericht ein Meisterwerk, die Abfolge wohl bedacht, die Gänge sinnvoll aufeinander abgestimmt nach den Prinzi­pien der Harmonie und des Kontrasts. Man hat köstlich gespeist, die Esser spenden dem Artisten, der ihnen den Genuss ermöglicht hat, Beifall. Und nun trägt der Meister noch einen Gang auf, und noch einen, und einen weiteren. Bis, was eben noch Genuss bereitet hat, Widerwillen erzeugt, ein Völlegefühl, ein Unwohlsein.

In Konzerten geschieht genau dies. Immer wieder, rituell. Drei Stunden lang hat da ein Publikumsliebling sein vorzüglich komponiertes Programm vorgestellt. Bewusst, wie es begann, endet es auch. Doch nun folgen die zahlreichen Zugaben, weil der Sänger, von einem offen­bar auf Anhäufung konditionierten Publikum angestachelt, kein Ende finden kann, zugunsten einer Logik der luxuriösen Fülle und auf Kosten der künstlerischen Ökonomie. Sollte er nicht durchschauen, was sich da abspielt? Verleitet ihn seine Eitelkeit auf das Glatteis einer kapitalistischen Akkumulationsmentalität, der das Mehr alles ist, auch wenn es das rechte Maß zerstört? Ist der erfolgsverwöhnte Star immer noch so ausgehungert nach Publikum, ist es das Publikum immer noch so sehr nach ihm, dass der ästhetische Gourmet vor dem Gourmand resigniert?

In Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny singt Jakob Schmidt: „Jetzt hab ich gegessen zwei Kälber/ Und jetzt esse ich noch ein Kalb/ Alles ist nur halb/ Ich äße mich gerne selber.“ Und als er tot umfällt, loben die Männer: „Sehet, Schmidt ist gestorben!/ Sehet, welch ein glückseliger/ Sehet, welch unersätt­ licher/ Ausdruck auf seinem Gesicht ist!/ Weil er sich gefüllt hat/ Weil er nicht beendet hat/ Ein Mann ohne Furcht!“

Brecht, der gute alte, hat's wieder einmal, wie so oft, kapiert.


Thomas Rothschild - 9. August 2019
2634

Die andere Kultur

Wenn von Kultur die Rede ist, denkt man an die Berliner Philharmoniker und die Salzburger Festspiele, an die Semperoper und das Burgtheater. Darob hat man vergessen, dass es eine zweite Kultur gibt, die in den Feuilletons der großen Zeitungen nicht vorkommt, die aber ganze Bevölkerungsschichten erfreut, die weder die Berliner Philharmonie, noch die Salzburger Festspiele jemals besuchen werden (aber mit ihren Steuergeldern mitfinanzieren). Man trifft sie unter anderem in den zahlreichen Kurorten, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Die sehen im Wesentlichen noch genau so aus wie zu Turgenjews, Dostojewskis und Tschechows Zeiten. Wahrscheinlich frequentieren die Kassenpatienten von heute die Casinos etwas zurückhaltender, aber sie trinken aus den gleichen Mineralwasserquellen und spazieren durch die gleichen Anlagen wie die illustren russischen Gäste des 19. Jahrhunderts. Dort begegnen sie eben jener Kultur, die die oberen Zehntausend eher belächeln.

Zum Beispiel Bad Mergentheim im baden-württembergischen Teil Frankens, wo das prächtige Deutschordensschloss am Rande der schmucken Altstadt die historische Macht und den Reichtum der Kirche – auf Kosten von wem wohl? – dokumentiert. An den großzügigen Schlosspark grenzt der noch weiträumigere Kurpark mit seinen seltenen Bäumen und kitschigen Skulpturen. Hier definiert eine Wasserorgel zu der Musik von Pop bis Dvořák das Kunstverständnis der Kurverwaltung. Man wartet geradezu darauf, dass Marcello Mastroianni im weißen Anzug vorbei kommt und seinen Strohhut vor der Dame mit dem Hündchen zieht.

An fünf Tagen der Woche spielt sich das aus bis zu sechs Männern und einer Frau bestehende Kur- und Salonorchester Hungarica nachmittags und abends im Musikpavillon oder in der Wandelhalle durch das einschlägige Repertoire. Es ist tatsächlich ein Salonorchester, wie sie im 19. Jahrhundert in Mode kamen. Eigentlich erstaunlich, dass sich diese Einrichtung im Zeitalter von Streaming und computerisierten Handys halten konnte. Es zeigt sich: während deutsche Theatermacher unermüdlich die Digitalisierung beschwören, kann eine Handvoll lebendiger Menschen, die Musik machen, die Aufmerksamkeit von Zuhörern erringen, die ahnen, was Walter Benjamin mit Aura gemeint hat.

Manchmal gesellt sich die ortsansässige Pfarrerin, an der eine professionelle Schauspielerin verloren gegangen ist, zum etwas gelangweilt dreinschauenden Kur- und Salonorchester und liest literarische Texte, mit besonderem Vergnügen Henry Nevilles The Isle of Pines. Darin macht der auf eine Insel verschlagene Erzähler sämtlichen vorhandenen Frauen inklusive einer „Negersklavin“, die ihm ein „schönes weißes Mädchen“ gebiert, Kinder – insgesamt 47, mit den Enkeln und Großenkeln sind es dann 555 Nachkommen. Die Pfarrerin scheut weder die Frivolität der Dystopie aus dem 17. Jahrhundert, noch das N-Wort, das Thomas Ostermeier eben erst in Salzburg aus Horváths Jugend ohne Gott getilgt hat, wo nun nicht mehr benannt werden kann, wer wie diffamiert wird. Es kommt ihr, jedenfalls jenseits der Sonntagspredigt und der Einführung ins Handauflegen, von den Lippen wie ein Vaterunser. Manche Probleme hat halt nur die Hochkultur.


Thomas Rothschild – 3. August 2019
2633

Festspiele als Testgelände

Previews oder Tryouts sind in den USA und auch in Großbritannien, insbesondere im Bereich des kostspieligen Musicals, gängige Praxis. Ehe eine Produktion in New York oder London zum Einsatz kommt, um von einflussreichen Kritikern beäugt zu werden, wird sie in der Provinz „ausprobiert“, manchmal auch noch verändert oder modifiziert. Diese Voraufführungen haben ein geringes Prestige. Sie gelten nicht als vollwertige Inszenierungen.

Die Bregenzer Festspiele lockten heuer rund 1.500 Zuschauer mit gerade drei Vorstellungen einer kleinen Produktion mit zwei Bühnenstars, die ab 12. Oktober am Deutschen Theater in Berlin zu sehen sein wird. Drei von den vier Sprechtheaterangeboten der Salzburger Festspiele jenseits des unsäglichen Jedermann sind Koproduktionen mit großen deutschen Bühnen und werden bald – ab 7. September, ab 21. September und ab 19. Januar – in den Metropolen Berlin, Hamburg und Stuttgart zu sehen sein, nachdem sich die Sonne hinter die Alpen und die Schickeria von der Salzach zurückgezogen hat. Dass auch die Wiener Festwochen in diesem Jahr kaum eigene Produktionen anzubieten hatten, wurde damit entschuldigt, dass der kurzfristig ernannte neue Intendant Christophe Slagmuylder dafür zu wenig Zeit gehabt hätte. Mal sehen, was ihm 2020 einfällt. Mit Wehmut denkt man an Zeiten, als sich die Festwochen noch Eigenproduktionen der anderswo schwer zu realisierenden Letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus leisteten.

Die Theater haben an Koproduktionen, die am Ort der Koproduzenten in Wahrheit nichts anderes sind als Previews, ein einziges Interesse: Sie bessern ihr Budget auf. Die finanziell gut ausgestatteten Festivals zahlen ihren Tribut und erhalten dafür das Ius primae noctis. Das freilich hat eine geringe erotische Attraktivität. Es ist, genauer betrachtet, nicht mehr als eine jener Provinzproben, die – siehe oben – im englischsprachigen Raum mit gerümpfter Nase beschnüffelt werden. Von Alleinstellungsmerkmal kann keine Rede sein. Die Premieren der Festivals sind so exklusiv wie die Modelappen im Second Hand Shop oder wie die Leckerbissen, die Vorkoster in Konservenfabriken testen, ehe sie in die Supermärkte kommen.

Eigentlich ist das gar keine schlechte Nachricht. Es bestätigt, was wir längst wussten: dass Festspiele meist mehr mit Snobismus zu tun haben als mit Neugier auf echte Entdeckungen. Und ein bisschen Schadenfreude darf sich schon hineinmischen, wenn man feststellt, dass die Besucher zu überhöhten Preisen auf Previews hereingefallen sind, deren eigentliche Premieren im ganz normalen Theater daheim stattfinden.


Thomas Rothschild – 27. Juli 2019
2632

Bruno Ganz und René Pollesch

Bruno Ganz, der große Schauspieler, einer der größten seiner Generation ohne Zweifel, kündigte schon einige Jahr vor seinem Tod an, er wolle nicht mehr Theater spielen. „Keiner von diesen Bundesliga-Erste-Sahne-Regisseuren im deutschen Theater lässt Identifikation zu. Die scheuen das wie der Teufel das Weihwasser. Also habe ich da nichts mehr zu suchen.“ So begründete er seinen Entschluss. Das Theater, wie es sich ihm damals darstellte, gefiel ihm nicht. Also kündigte er seinen Rückzug an.

Das ist konsequent und war sein gutes Recht. Aber stimmte seine Diagnose? Stimmte sie in dieser Verallgemeinerung? Und wenn sie stimmte – was hat das, jenseits von den individuellen Vorlieben eines Schauspielers, zu bedeuten?

Erinnern wir uns an erfolgreiche Inszenierungen der vergangenen Jahre. Der Ödipus des Klaus Maria Brandauer bei Peter Stein – keine Identifikation? Der Lear des Gert Voss bei Luc Bondy – keine Identifikation? Der Raskolnikov des Jens Harzer bei Andrea Breth – keine Identifikation? Der Weibsteufel der Birgit Minichmayr bei Martin Kušej – keine Identifikation? Der Othello des Joachim Meyerhoff bei Jan Bosse – keine Identifikation? Die vier Figuren aus dem Gott des Gemetzels bei Jürgen Gosch und vielen anderen Regisseuren der A-, B- und C-Liga – keine Identifikation?

Es stimmt einfach nicht, was Bruno Ganz behauptet hat. Jedenfalls nicht in dieser Pauschalität. Der richtige Kern seiner Aussage liegt in einer Veränderung der dramatischen Kunst, die Autoren zumindest ebenso zu verantworten haben wie Regisseure, manchmal in Personalunion – am auffallendsten vielleicht René Pollesch. Diese Veränderung betrifft ein Misstrauen gegenüber dem Einfühlungstheater, gegenüber der naiven Suggestion, Schauspieler und Rolle bildeten eine Einheit. Man kann das mögen oder, wie Bruno Ganz, ablehnen. Pollesch aber und anderen Theaterleuten mit einer ähnlichen Auffassung vorzuwerfen, dass es bei ihnen keine „Rollenidentität“ mehr gebe, bedeutet, sich nicht auf ihre Absichten einzulassen. Es ist so, als hielte man einem Rocksänger vor, dass er keine Koloraturen meistert. Die Rolle hat über Jahrtausende hinweg im Theater gute Dienste geleistet und sie tut es immer noch. Aber sie ist ebenso wenig unverzichtbar wie Kothurn oder Rampenlicht. So arrogant es wäre, zu postulieren, dass Identifikation veraltet, „nicht mehr möglich“ sei, so reaktionär ist ihre Infragestellung. Sie wiederholt den Fehler derer, die Musik ohne Tonalität oder Malerei ohne Gegenständlichkeit verteufelt haben.

Die Pollesch-Verächter werfen dem produktiven Autor-Regisseur vor, dass er stets nur das Gleiche variiere. Wohl wahr. Jedenfalls wenn man seine Inszenierungen aus einer gewissen Entfernung betrachtet. Das gilt aber auch für die Commedia dell'arte oder für das japanische Nō-Theater. Originalität ist eine Möglichkeit in den Künsten, das Experiment im Rahmen eines mehr oder weniger strengen Regelsystems eine andere. Pollesch hat seine Methode, seine Handschrift gefunden. Man kann sie mögen oder nicht mögen wie die stets gleichen Songs von Leonard Cohen oder die stets gleichen Skulpturen von Richard Serra. Es bleibt ja jedem unbenommen, seine Vorlieben zu haben, aber warum muss man sie gleich zur Norm für die Gattung machen wollen?

Angesichts der Ernennung von Pollesch zum Intendanten der Volksbühne sollte man nicht vergessen, dass er einer der interessantesten Regisseure unserer Gegenwart ist. Dass das zwei sehr verschiedene Professionen sind, hat unter anderem Peter Zadek bewiesen. Man hat Pollesch vorgeworfen, dass das schnelle Sprechen, das er seinen Schauspielern abverlangt, das Verständnis des Textes erschwert oder unmöglich macht. Die Bezichtigung übersieht, dass Sprache in der gesprochenen Literatur, anders als in der Alltagskommunikation, nicht bloß als Bedeutungsträger funktioniert, sondern auch als Klang, als Ablauf von Intonationen und Rhythmen. Ihr „Sinn“ muss sich nicht unbedingt unmittelbar erschließen, kann sich aus Fragmenten, Wiederholungen, assoziativen Angeboten und auch aus Leerstellen ergeben. Die Rätselhaftigkeit, das Hermetische, das das Bildungsbürgertum an der Lyrik der Romantik bis hin zu Paul Celan zu schätzen vorgibt, resultiert bei Pollesch aus der Weigerung, sich den Gesetzen einer allenfalls durch schlampige Artikulation torpedierten Deklamation unterzuordnen.

Das Theater der Renaissance war weder realistisch, noch psychologisch. Zwar strotzen Shakespeares Stücke nur so von Menschenkenntnis, zwar liefern sie atemberaubende Einsichten in die individuelle und die gesellschaftliche Wirklichkeit, aber im Theater der Shakespeare-Zeit hatte die Stilisierung stets Vorrang vor der abbildlichen Darstellung der Erfahrungswelt. Nun ist es durchaus legitim, wenn sich heutige Zuschauer zusammen mit Bruno Ganz über die Kunstfertigkeit freuen, mit der große Schauspielerinnen und Schauspieler nachahmen, was ihnen aus dem Alltag bekannt ist. Aber dass sie sich mehr und mehr schwer tun mit einem Theater, das genau dies gar nicht anstrebt, das vielmehr seine eigene Sprache entwickelt, ist ein Verlust, den wir – sprechen wir es unverblümt aus – dem Fernsehen verdanken. Es soll hier nicht verteufelt werden, es hat ja seine Funktion. Aber wenn es zum Modell für die szenischen Künste wird, wenn sich Schauspielkunst darüber definiert, ob jemand die Augen aufschlägt und die Stirn runzelt wie ein echter Arzt, wie eine echte Unternehmerin, mit anderen Worten: wenn die Rollenidentität zum alleinigen Kriterium der Anerkennung als Schauspielkunst wird, dann ist es ebenso schädlich wie deren grundsätzliche Ablehnung. Das Wort ist so gemeint, wie es hier steht: schädlich.


Thomas Rothschild - 23. Juli 2019
2631

Schamlosigkeit

Wer eine Rezension liest, geht davon aus, dass der Rezensent zwar seine eigenen Maßstäbe hat und sich auch irren kann, dass er aber in seinem Urteil frei ist von Rücksichtnahmen, dass ihn also keine persönlichen Verflechtungen an den Autor und sein Werk binden. Das war auch lange so. Ein Redakteur, der seinen guten Ruf bewahren wollte, hätte nicht zugelassen, dass jemand ein Buch oder auch eine Theateraufführung, ein Kunstwerk von jemandem bespricht, zu dem er in einem Abhängigkeitsverhältnis welcher Art auch immer steht.

Das hat sich geändert. Ohne Bedenken loben und preisen Rezensenten – es können auch Rezensentinnen sein – die Bücher von Autoren – es können auch Autorinnen sein –, mit denen sie zuvor eng zusammengearbeitet hatten. In der Wissenschaftspublizistik lassen sich Huldigungen von Rezensenten für Autoren nennen, die zuvor ihre Dissertation oder Habilitation betreut und ihre Karriere befördert hatten. Die Schamlosigkeit kennt keine Grenzen. Früher, als die heute in Mode gekommene Formel „Das geht aber gar nicht“ (mit Betonung auf „gar“) noch nicht gebräuchlich war, hätte man gesagt: „Das ist unanständig. Das gehört sich nicht. Das tut man nicht. Das ist, wie wenn man in Gesellschaft rülpst oder wie wenn man Kinder schlägt.“

Der rezensorische Sittenverfall greift um sich. Statt von „Gefälligkeitsjournalismus“ spricht man von „Netzwerk“, und das rechtfertigt für jene, die dazu gehören, jeden Freundschaftsdienst. Die Schweinerei ist eine zweifache: einmal von Seiten der Person, die sich derart für empfangene Protektion bedankt, und dann vor Seiten der Person, die diesen Dank zulässt, vielleicht sogar erbeten hat. Diese Praxis nach dem Prinzip des „do ut des“ ist Betrug von der gleichen Qualität wie das Plagiat. Der Gelackmeierte ist der Leser. Er sollte sich bei Besprechungen nach dem Rezensenten und dem Rezensierten erkundigen. Das brächte so mancherlei ans Licht. Ein Indikator für die Redlichkeit von Rezensionen ist die Anzahl von unabhängigen Rezensenten, die ein Buch für besprechenswert halten und zum gleichen begeisterten Ergebnis kommen wie die Rezensenten aus dem Umfeld des Rezensierten. Wenn sie ausbleiben, darf man vermuten: da ist Kungelei im Spiel.


Thomas Rothschild - 16. Juli 2019
2630

Natur und Verblödung

Vor ein paar Jahren standen die Schokoladenfirma Ritter Sport und die Stiftung Warentest einander vor Gericht gegenüber. Die Stiftung Warentest monierte, dass der Aromastoff Piperonal, der für die Vanillenote zuständig ist, chemisch hergestellt werde und somit gegen die Angabe verstoße, in der Schokolade Voll-Nuss seien ausschließlich natürliche Zutaten enthalten. Der Schokoladenhersteller versicherte, dass sein Piperonal auf natürlichem Wege gewonnen werde.

Offen gestanden: mir ist es scheißegal, ob der Vanillegeschmack auf natürliche oder auf chemische Weise zustande kommt, zumal selbst die Stiftung Warentest erklärte, dass auch das chemisch produzierte Aroma keine Gefahr für die Gesundheit darstelle. Ja, ja, ich weiß schon, es ging bloß um die Ehrlichkeit der Deklaration. Der Konsument soll sich auf sie verlassen können. Aber hätte es die ganze Aufregung auch gegeben, wenn ein Lebensmittelproduzent einen natürlichen Zusatz als chemisch deklariert hätte? Offenbar nicht. Das Zauberwort „Natur“ hat inzwischen zu einer massenhaften Verblödung geführt. Und keiner redet davon, dass sich mit ihm oder mit der Vorsilbe „Bio“ gute Geschäfte machen lassen. Wo so viel an einer Sprachregelung und der mit ihr zusammenhängenden Ideologie verdient werden kann, sollte man skeptisch sein.

Was natürlich entsteht, ist von vornherein nicht gesünder, nicht bekömmlicher, für den Menschen nicht geeigneter als künstlich – chemisch, technisch – Hergestelltes. Sulfonamide, die mit dem aus der Natur gewonnenen Penicillin konkurrieren, sind ein chemisches Produkt. Die Bakterien, die mit ihnen bekämpft werden, sind ein Stück Natur. Man muss schon sehr an die Vernunft des Schöpfergotts glauben, wenn man die natürlichen Bakterien den chemischen Sulfonamiden vorzieht. Im Übrigen sind die Vorgänge, die als natürlich gelten, nicht weniger chemisch als die von Menschen initiierten. Auch hier bedarf es einer unerschütterlich religiösen Weltsicht, um zu idealisieren, was die angeblich göttliche Natur und nicht der Mensch hervorbringt: den zerstörerischen Hurrikan, das Hochwasser, die Erdbeben und die Giftpilze. Der Mensch mag durch besinnungslose Eingriffe in die Natur manche schädlichen Effekte verstärkt haben. Aber es bedurfte ihrer Mitwirkung nicht. Naturkatastrophen sind älter als die Exploitation der Natur. Und insgesamt hat der Mensch durch seine Erfindungen, durch Chemie und Technik, wohl mehr Gutes bewirkt als Schlechtes. Wer immer nur einen geraden Weg von der Aufklärung zur Atombombe sieht, soll bekennen, dass er die Massen von Frauen in Kauf zu nehmen gewillt ist, die im Kindbett starben, und eine Vervielfachung des ohnedies dramatischen Hungers auf der Welt als Folge des Verzichts von Chemie und Technik in der Lebensmittelproduktion.


Thomas Rothschild - 10. Juli 2019
2629

Wie fremd sind uns die Fremden?

Wenn mir der 87. Film über die sexuellen Nöte von surfenden Halbwüchsigen auf die Nerven geht, erklärt man mir, ich gehöre eben nicht zur Zielgruppe solcher Filme. Und wer könnte es leugnen: ich bin tatsächlich schon lange kein Teenager mehr, die Probleme der Pubertät sind mir zwar noch in Erinnerung, aber sie liegen weit zurück. Und doch – ist damit erklärt, warum mich viele von jenen Filmen langweilen, zu denen die Altersgruppe, die darin abgebildet wird, in Massen strömt?

Im Stuttgarter Schauspiel hörten sich die Gegner von Stuttgart 21 – wie wir heute wissen: ohne Auswirkung – an, wie Gegner von Stuttgart 21 auf der Bühne jene Slogans wiederholen, die sie selbst bei der Montagsdemonstration skandiert haben. Bei der feministischen Theatergruppe applaudieren Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen für die Darstellung dessen, was sie Tag für Tag erleben. Schwule versammeln sich bei Veranstaltungen, denen man attestiert, dass sie einer spezifischen Schwulenästhetik entsprächen, als wollten sie ihren Verächtern bestätigen, dass sie mit ihnen nichts gemeinsam hätten, und als gäbe es in deren Erfahrungswelt nichts, was für sie von Belang wäre.

Es hat sich etwas geändert. Wenn es tatsächlich so wäre, dass mir die inflationär produzierten und aufgeführten Coming-of-age-Filme nur deshalb auf die Nerven gehen, weil ich selbst kein „Heranwachsender“ mehr bin – wie erklärt es sich dann, dass zu der Zeit, als ich tatsächlich ein Heranwachsender war, Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren und Akira Kurosawas Ikiru zu meinen Lieblingsfilmen zählten, obwohl ich weit entfernt war von den Erfahrungen eines alten Mannes, der auf sein Leben zurück blickt oder an Krebs stirbt? Woran liegt es, dass wir uns damals als junge Männer für Alexandra Kollontai interessierten und als Heterosexuelle für die Abschaffung des Paragraphen stark machten, der Homosexualität unter Strafe stellte? Wie kommt es, dass wir alle, Junge wie Alte, Frauen wie Männer, Schwule wie Heterosexuelle – und ich meine das, wenn ich an unseren Freundeskreis von damals denke, genau so, wie es hier steht, kann es mit Namen belegen – uns für die Unterprivilegierten im eigenen Land und weit darüber hinaus mehr interessierten als für das Kollektiv, dem wir selbst angehörten?

Wenn die Beobachtung zutrifft, dass das Interesse, gar der Einsatz für das Fremde, das Andere, das Entfernte weitgehend verschwunden ist zugunsten der Wahrnehmung eigener Interessen, dann muss das mit den herrschenden Zuständen zu tun haben. Wenn heute global betrachtet ohnedies Privilegierten nur die Empfehlung einfällt, sich selbst zu positionieren und seine Vorteile wahrzunehmen, statt jenen, die tatsächlich marginalisiert und ausgeschlossen sind, dazu zu verhelfen, dass sie sich positionieren können, dann reproduzieren sie die Werte einer wölfischen Gesellschaft, in der man vorgibt, fressen zu müssen, um nicht gefressen zu werden. Sie haben längst die Regeln des Catch-as-catch-can akzeptiert und internalisiert und spielen das Spiel der rücksichtslosen Konkurrenz mit, noch dazu in der heuchlerischen Variante, die tut, als würde man sich für Mitglieder des eigenen Kollektivs einsetzen, wo man lediglich seine eigenen Vorteile im Blick hat. Sie sind konstitutiver Bestandteil eines Systems, in dem die Wirtschaft (und damit ist nichts anderes als der Profit gemeint) höchste Priorität hat und jede Risikoerwägung außer Kraft setzt – ob sie nun Atomkraftwerke, Gurken oder Autoabgase betrifft. Was einem selber nützt, ist schon allein dadurch positiv, auch wenn es anderen schadet. Kants kategorischer Imperativ ist in der blühenden kapitalistischen Landschaft ein Fall fürs Museum. Wenn da, etwa apropos AKW oder Flüchtlinge, eine Angela Merkel über ihren Schatten springt und das Richtige tut, sollte man nicht lange danach fragen, was ihre Gründe sein mögen, sondern sich darüber freuen. Ob die- oder derjenige, die oder der Einspruch erhebt gegen die egoistischen Interessen der AKW-Betreiber und ihrer Ideologen, ob die Verteidigerin, der Verteidiger der Vernunft, sei es aus Kalkül, sei es aus Einsicht, sei es unter dem Schock einer Katastrophe, Merkel oder Kretschmann heißt, ist nebensächlich. Auf das Ergebnis kommt es an.

Es hat schon seinen Grund, dass Begriffe wie „internationale Solidarität“ und „kompensatorische Erziehung“ oder gar „Rote Hilfe“ aus dem öffentlichen Sprachschatz verschwunden sind. Das ist kein linguistisches Problem. Es spiegelt eine Welt, in der man nur sich selbst sehen will und das Fremde nicht mehr interessiert. Wolf Biermann hat sich einmal über die „Leiden aus zweiter Hand“ lustig gemacht. Inzwischen hat er die aus den Augen verloren. Dennoch, sein Spott traf damals einen richtigen Punkt. Inzwischen ist er anachronistisch. Heute leiden die meisten Menschen nur noch an sich selbst. Sie betrachten sich im Spiegel, der auch die Gestalt einer Kinoleinwand oder einer Theaterbühne annehmen kann, und vergessen, was sich dahinter befindet. Die paar Ausnahmen riskieren, als „Gutmenschen“ verachtet zu werden. Selbst Angela Merkel, Helmut Kohls „Mädchen“, ist in diese Gefahr geraten.


Thomas Rothschild – 2. Juli 2019
2628

Der Terror der Unbedeutenden

Es greift um sich wie eine Seuche. Vor nicht allzu langer Zeit galt es als ein Zeichen des Erwachsenwerdens, dass man aufhörte, sich zu produzieren, um im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Heute häufen sich die hysterischen Frauen und die infantilen Männer, die an mangelnder Beachtung leiden wie an einer Verstopfung und die sich alle Mühe geben, ihre Bedeutungslosigkeit zu kompensieren, indem sie bei Konzerten schrille Laute von sich geben. Es nützt nichts. Sie bleiben die Nullen, die sie zuvor waren. Aber sie quälen ihre Umwelt mit ihrem vergeblichen Versuch, die Präsenz der Künstler auf der Bühne in den (akustischen) Schatten zu stellen. Sie ertragen keine Stille nach ausklingender Musik. Sie haben von nichts eine Ahnung. Was sie bewegt, ist allein der Drang zur Selbstdarstellung. Und wie auf die Verstopfung die Diarrhö folgt, so fließt es aus ihnen heraus. Sie können es nicht halten.

Diese lärmende Umweltverschmutzung, diese egozentrische Rücksichtslosigkeit hat sich epidemisch verbreitet wie Aperol Spritz, Tattoos, Smileys und der Veganismus. Die Mao-Bibeln schwenkenden Chinesen von einst waren Individualisten im Vergleich zu den deutschen Konformisten, die jede Mode mitmachen, die gerade die Hirne vernebelt. Wenn aber jemand Aperol Spritz trinkt, seinen Körper verunstaltet oder keine tierischen Produkte isst, muss man das nicht zur Kenntnis nehmen. Jeder werde auf seine Art selig. Die affenartige Laute ausstoßenden Nachbarn im Konzert drängen sich auf. Man kann ihnen erst entgehen, wenn die Vorstellung zu ende und der Fluchtweg zum Ausgang frei ist. Bis dahin ist man den geltungsbedürftigen Deppen ausgeliefert. Man nennt das Nötigung. Man würde diesen Kranken ja gerne empfehlen, einen Nervenarzt aufzusuchen. Aber das tut unsereins nicht. Wir haben ja noch gelernt, dass man fremde Menschen nicht belästigt. Jedenfalls sobald man die Grundschulreife erreicht hat.


Thomas Rothschild - 27. Juni 2019
2627

Erinnerungen

Mit zunehmendem Alter lebt man bekanntlich in Erinnerungen. Ich schätze mich glücklich, dass ich noch David Oistrach und Leonid Kogan, Andrés Segovia und den zwar noch lebenden, aber seit langem nicht mehr auftretenden Julian Bream, Rudolf Serkin und Friedrich Gulda, Mstislaw Rostropowitsch und Leonard Bernstein in Konzerten erleben durfte. Es waren Erfahrungen, die ich bis heute nicht vergessen habe. Aber im Bereich der „klassischen Musik“ gibt es heute mehr grandiose Musiker denn je, und viele lassen sich an den Genannten messen. Ein Konzert mit Hilary Hahn oder mit Mischa Maisky, mit Maurizio Pollini oder mit Grigori Sokolow, mit Martin Grubinger oder mit Mariss Jansons, oder, wie dieser Tage, mit Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikov hält mich auch heute noch in Atem.

Anders sieht es mit dem Jazz aus. Die erste Jazzformation, die ich besucht habe, war das Modern Jazz Quartet. Es spielte im Wiener Konzerthaus innerhalb eines Abonnements der Jeunesses Musicales. Ich war damals 14 oder 15 Jahre alt. Seither hatte ich Gelegenheit, Miles Davis und Dizzy Gillespie, Kenny Wheeler und Freddie Hubbard, Lester Bowie und Wayne Shorter, Gerry Mulligan und Cannonball Adderley, Stan Getz und Zoot Sims, Sonny Stitt und Sonny Rollins, Lee Konitz und Archie Shepp, Jay Jay Johnson und Albert Mangelsdorff, Dave Brubeck und Oscar Peterson, George Shearing und Lionel Hampton, Barney Kessel und Jim Hall, Charles Mingus und Niels-Henning Ørsted Pedersen, Max Roach und Mel Lewis, Ella Fitzgerald und Anita O‘Day, sogar Louis Armstrong, Jack Teagarden und Sidney Bechet und viele andere auf der Bühne zu sehen und zu hören. Ich wüsste nicht, wer sich heute mit ihnen vergleichen ließe. Und die wenigen, die mir einfielen, treten kaum mehr in Deutschland auf. Früher hat sie der Süddeutsche Rundfunk beispielsweise noch in seinem „Treffpunkt Jazz“ in die Stuttgarter Liederhalle geholt. Das ist lange Geschichte. Bei einem angeblichen Jazzfestival wie dem Stuttgarter Jazzopen treten Bob Dylan und Sting auf, große Künstler ohne Zweifel, aber mit Jazz haben sie nichts zu tun. Und die Jazzclubs lässt man finanziell aushungern. Für eine Einladung der verbliebenen Stars des Jazz reicht das Budget nicht.

Nun mag man einwenden, man könne die Musiker, die toten wie die lebenden, ja auf CD hören und auf DVD sogar sehen. Aber das ist eben nicht dasselbe wie ein Konzert mit seiner Atmosphäre, mit dem Gemeinschaftserlebnis, mit der Aura. Die Erinnerung an ein weit zurückliegendes Konzert ist stärker als die Erinnerung an eine vor einer Woche gehörte CD. Für die musikalische Sozialisation ist ein Konzertbesuch, ist die unmittelbare Begegnung mit einem Musiker durch nichts zu ersetzen. Es ist ein Teufelskreis. Weil es kaum noch Jazzkonzerte gibt, wächst kein junges Publikum für diese Musikrichtung nach. Und weil das Publikum ausbleibt, gibt es immer weniger Konzerte.

Ich aber sehe mir ein Video an mit Charlie Parker, Lester Young, Thelonious Monk und John Coltrane und träume von dem Glücksgefühl, das uns einst erfüllte, wenn wir den Weltstars lauschten, die nach dem Auftritt im Konzerthaus zur Jam-Session in den verrauchten Jazzkeller gekommen waren.


Thomas Rothschild - 19. Juni 2019
2626

Morgen Augsburg

Armin Petras ist als Theaterleiter in Stuttgart gescheitert. Nicht, weil er schlechtes Theater macht, sondern weil sein Theater nicht zu Stuttgart passt. Kay Voges wäre gern an die Volksbühne nach Berlin gegangen. Hat nicht geklappt. Jetzt geht er ans Volkstheater nach Wien. Die beiden Bühnen haben nicht mehr als die Silbe „Volks“ gemeinsam. Hat Voges für Wien ein anderes Konzept als er für Berlin gehabt hätte? Das Volkstheater hat er nach eigener Aussage ein einziges Mal besucht. Ist er bei Nestroy und Werner Schwab genau so daheim wie bei Kleist und Heiner Müller? Wenn nicht – was lässt sich daraus schließen? Karlheinz Braun in einem Gespräch mit nachtkritik.de: „Ich würde mir wünschen, dass die Theater wieder mit festen Hausregisseuren, festen Ensembles eine eigenständige, originale Leistung erbringen und nicht verwechselbar werden mit ihren Spielplänen und Produktionen. Dass man wieder sagen kann: Das ist eine sehr spezifische Theaterarbeit, die man nur in Bremen, Frankfurt oder Ulm sehen kann.“


Thomas Rothschild - 10. Juni 2019 (2)
2625

Märchenstunde

So, liebe Kinderchen, jetzt erzählt euch Großmutter Thomas ein Märchen. In grauer Vorzeit gab es ein Theater, da liefen Römer in einer wallenden weißen Toga herum, wenn Julius Cäsar gespielt wurde, und Hamlet trug einen kurzen Rock und enge Beinkleider. Man nannte das Kostümtheater, und die Aufführungen verstaubten allmählich. Inzwischen verstauben die Kostüme im Fundus, und ihr, meine lieben Kinderchen, habt kaum noch eine Vorstellung davon, was Kostümtheater war. Denn heute flanieren die Römer in Blue Jeans über den Broadway und Hamlet begibt sich in die Direktion der Deutschen Bahn, wo etwas, wie es im Text heißt, faul ist. Das Theater ist in einer Zeit angekommen, deren gelegentliche Ähnlichkeit mit der Gegenwart darüber hinwegtäuscht, dass sie nirgends angesiedelt ist. Denn wenn man die Zeit, in der ein Stück entstanden ist und in der es spielt, wegretuschiert, dann entsorgt man die Geschichte. Hinter diesem allgegenwärtigen Geschichtsverlust, der das eigentliche Ärgernis im heutigen Theater darstellt, steckt die reaktionäre Ideologie, dass immer alles gleich bleibt. Wer sie akzeptiert, muss gegen einen schlechten Status quo nicht rebellieren. Es kommt eh nichts Besseres nach. Es war immer schon so und wird immer so bleiben.


Thomas Rothschild - 7. Juni 2019
2624

 



 
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