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Roland Riebeling in All das Schöne in der Werkstatt des Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

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Heranwachsende, die eine depressive Mutter haben, suchen die Schuld oft bei sich. Sie tragen ein erhöhtes Risiko für eine eigene Verhaltensauffälligkeit. Sehenswerte Filme zu dem Thema beleuchteten zuletzt einen findig-unkonventionellen Umgang von Söhnen mit solchen Müttern, etwa Warten auf Bojangles (2021). Luise Heyer erhielt für ihre einfühlsame Darstellung einer solchen Mutter in Der Junge muss an die frische Luft (2018) den Deutschen Filmpreis für die beste weibliche Nebenrolle. Ihre Figur, die 33-jährige Margret, wählt für sich im Verlauf des Kinodramas den Freitod; ihr achtjähriger Sohn Hans-Peter findet die Tote. Caroline Links Familiendrama beruhte auf der Autobiografie von Hape Kerkeling, heute einer der bekanntesten Entertainer hierzulande.

Auf der Werkstatt-Bühne verkörpert nun Roland Riebeling in All das Schöne einen ähnlich aufgeweckten und phantasievoll-kreativen Jungen, dessen Mutter mehrfach mit Versuchen der Selbsttötung auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert wird. Der Schauspieler war in der Bundesstadt bisher vor allem als Regisseur erfolgreicher Inszenierungen auf der großen Bühne bekannt, wie Die Legende von Paul und Paula, Istanbul und Shakespeares sämtliche Werke. Es ist seine erste schauspielerische Arbeit seit langem am Theater Bonn. Im Eingangsbereich der ausverkauften Werkstatt begrüßt er persönlich einzelne Theaterbesucher. Er verteilt Karten, auf denen Nummern und Worte oder Sätze notiert sind. Ich erhalte die Nummer 26 und den Satz „Ins Meer pissen, ohne dass es jemand merkt.“ Er bittet mich, den Satz während der Aufführung vorzutragen, sobald er die Nummer ausruft.

Regisseur Alexander Vaassen besorgte auch das sparsame Bühnenbild. Riebeling sitzt als Erzähler auf einer hell leuchtenden Bank ohne Rückenlehne. Über ihm dreht sich ein Metallring, an dem, wie bei einem Mobilee, einige Gegenstände befestigt sind, zum Beispiel eine Schallplatte, ein Kissen und ein Familienporträt, auf dem das Gesicht der Mutter vielsagend ausgekratzt ist. Ebenso beiläufig wie emotional lebendig erzählt Riebeling das Drama. Riebeling setzt die Bedürftigkeit seiner Figur in Szene, etwa wenn er das Publikum auffordert, seiner minderjährigen Figur etwas zu Essen zu geben.

Charmant, aber mit sympathischer Dringlichkeit, fordert Riebeling verschiedene Zuschauer während der Vorstellung auf, eine Tierärztin, eine Kindertherapeutin, seinen Vater, seinen Schwarm oder eine Hochschuldozentin zu spielen. Der plötzliche Einbezug möglicher Theaterbesucher erzeugt Spannung und einen gewissen Druck das Geschehen weiter zu führen. Riebeling erklärt den von ihm aufgeforderten Zuschauern mitunter die Worte, Gesten und wie sie sich besser in Szene setzen können. Die Hochschuldozentin wird so vom Erzähler zu dem Werther-Effekt befragt, also zu Suiziden junger Menschen in Folge von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther. Hier nutzt die Besucherin in der Rolle der Hochschuldozentin einfallsreich den Raum als Hörsaal, wenn Sie fragt, was denn die anderen Studierenden dazu meinen. Alle Mitspielenden erhalten respektvollen Szenenapplaus.

Während der Performance spielt eine Liste eine zentrale Rolle, auf der der Erzähler Dinge notiert, die das Leben aus seiner Sicht lebenswert machen. Erst tut er dies für seine Mutter, nach deren Suizid und während einer späteren homosexuellen Beziehung jedoch für sich und seinen Partner. Wenn Riebeling nach Lust und Laune Zahlen ausruft, melden sich oft Zuschauer zu Wort. Bei „Eins“ ruft etwa eine weiter vorne Sitzende „Eiscreme“ aus. Auch Musik spielt eine große Rolle, wie das Lied „Nur die Liebe lässt uns leben“ von Mary Roos. Zu „I put a spell on you“ von Screamin’ Jay Hawkins sucht der Erzähler den Exzess. Inmitten des feierwütigen Taumelns verfällt er jedoch plötzlich in gedrückte Stimmung und tiefe Melancholie. Er kann die unmittelbar zuvor erlebte Ausgelassenheit nun nicht mehr ertragen.

*

Das interaktive Monodrama über Depression und Lebensfreude der Briten Duncan Macmillian & Jonny Donahoe wurde 2013 auf dem Ludlow Fringe Festival in Großbritannien uraufgeführt und 2016 erstmals hierzulande am Staatstheater Mainz gezeigt. In Bonn wird das Theater wahrlich zu einem Ort der Begegnung, auch beim anschließenden Publikumsgespräch. Roland Riebeling spielt die Unwägbarkeiten seiner Figur rigoros aus, ohne sie zu überzeichnen. Er ringt sich und seinem Publikum einen in der Tat furiosen Auftritt ab.



Roland Riebeling in All das Schöne am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Ansgar Skoda - 27. März 2026
ID 15770
ALL DAS SCHÖNE (Werkstatt, 25.03.2026)
von Duncan Macmillan und Jonny Donahoe

Regie und Bühne: Alexander Vaassen
Kostüme: Kateryna Markush
Licht: Boris Kahnert und Dominik Rose
Dramaturgie: Nadja Groß
Mit: Roland Riebeling (als Erzähler)
Premiere am Theater Bonn: 21. März 2026
Weitere Termine: 02., 11., 25.04./ 02., 23.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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