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Premierenkritik

Schön

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Der fliegende Holländer an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Thomas Jauk

Bewertung:    



Wussten Sie eigentlich, dass Pessimismus peinlich sein kann? Ich möchte jedem davon abraten, auf dem Premierenteppich großspurig eine sich anbahnende Gurke zu prophezeien. Wenn es dann nämlich doch anders kommt, fühlt man sich hinterher saublöd. Die felsenfeste Überzeugung, dass der neue Fliegende Holländer baden gehen wird, basierte auf drei Totschlagargumenten. Erstens hätte es zu einer weitgehend glücklosen Saison der Deutschen Oper Berlin gepasst (Così fan tutte, Edward II., Tod in Venedig). Zweitens war man vom DOB-Debüt des regieführenden Choreographen gar nicht überzeugt gewesen (La damnation de Faust). Und drittens werden Wagner und der Tanz - siehe Uraufführung der Pariser Tannhäuser-Fassung - wohl nie die dicksten Kumpel. Beim Versuch das zu ändern, hatten sich schon Koryphäen wie Maurice Béjart (Ring um den Ring, DOB), Reinhild Hoffmann (Lohengrin, Staatstheater Karlsruhe), Sidi Larbi Cherkaoui (Der Ring des Nibelungen, Staatsoper Berlin) und Sasha Waltz (Tannhäuser, Staatsoper Berlin) blutige Nasen geholt.

Christian Spuck jedoch wählt nicht den Weg des Tanzes, sondern den der bewegten, metaphorisch aufgeladenen Bilder. Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieser Fliegende Holländer ist - neben Philipp Stölzls Rienzi-Version - die szenisch beste Wagner-Produktion an der DOB seit dem Tod von Götz Friedrich. Und das liegt vielleicht auch daran, weil dieser Abend optisch wie ein Friedrich daherkommt: Nebelbänke, Flügeltüren, Taue und Planken, Taschenlampen im Halbdunkel, Seemänner in schwarzen Kutten, eine Senta mit blonder Flechtfrisur sowie eine schnörkellose, überaus geradlinige Darstellung des Ganzen.

Spuck pickt sich den Erik heraus und spannt dessen „unsel‘gen Traum“ über die gesamte Handlung. Der Jäger kauert mal rechts, mal links den ganzen Abend über am Bühnenrand, als der ausgegrenzte, depressive Außenseiter, der er nun mal ist und für den sich das Beziehungstrauma nun noch einmal wiederholt. Webers Max lässt grüßen.

Dass diese Figur tatsächlich ins Zentrum rückt, liegt an der ausdrucksstarken wie klugen Interpretation durch Thomas Blondelle. Sollte später mal ein Startenor den Erik singen, wird vermutlich ein zusätzlicher Statist ranmüssen. Doch im Übrigen kann dieser Inszenierung - im Gegensatz zum grauenvollen Vorgänger in der Regie von Tatjana Gürbaca - eine lange Zeit im Repertoire bescheinigt werden.

Ein wenig schade sind die kleinen bis mittelgroßen Schönheitsfehler, mit denen gesungen wird. Matthew Newlin ist ein brillanter Steuermann, sinnig und sinnlich; Ronnita Miller verleiht der Mary samtig dunkle Autorität; Ingela Brimberg geht mit der Senta bei aller dramatischen Wucht und technischer Souveränität gelegentlich an die Grenze des stimmlich Machbaren; dem bärbeißig starken Tobias Kehrer (Daland) kommen einige Farben abhanden; dem Chor der Deutschen Oper Berlin mangelt es an klanglicher Rundung, tönen die Herren oftmals grob und krawallig, und Samuel Youn hätte sich mal lieber als erkältet ansagen lassen sollen, dann wären ihm die Buhs sicherlich erspart geblieben. In Anbetracht dessen, dass Youn als Holländer schon in Köln, Barcelona und Bayreuth auf der Bühne stand, sind Aussprache und Textverständlichkeit nach wie vor ausbaufähig.

Man hat den Eindruck, dass Donald Runnicles vom Regiekonzept absolut überzeugt ist, dirigiert er doch genau das im Graben, was er oben sieht: Blitz und Donner, Sturm und Drang, Wellen, Wogen, Wasserhosen - kurzum, die von Wagner damals prognostizierte und komponierte Wetterlage im hohen Norden. Und das durchaus reich an Details und mit einem großen Maß an Spannung, die leider nur dann etwas durchhängt, wenn Runnicles die langsamen Passagen langsam spielen lässt. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin zeigt sich jedenfalls in deutschromantischer Hochform.




Ingela Brimberg (als Senta) in Der fliegende Holländer an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Thomas Jauk

Heiko Schon - 9. Mai 2017
ID 10023
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER (Deutsche Oper Berlin, 07.05.2017)
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Christian Spuck
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Emma Ryott
Licht: Ulrich Niepel
Chöre: Raymond Hughes
Dramaturgie: Dorothea Hartmann
Besetzung:
Daland ... Tobias Kehrer
Senta ... Ingela Brimberg
Erik ... Thomas Blondelle
Mary ... Ronnita Miller
Steuermann ... Matthew Newlin
Holländer ... Samuel Youn
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere war am 7. Mai 2017.
Weitere Termine: 11., 16., 20.05. / 04., 10.06.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de


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