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Premierenkritik

12. April 2014 - FESTTAGE der Staatsoper Unter den Linden

TANNHÄUSER



Bacchanal der Sasha Waltz im neuen Tannhäuser an der Staatsoper im Schiller Theater - Foto (C) Bernd Uhlig



Tanztheater-Elemente:

Sasha Waltz


Wagners Tannhäuser gibts in zwei Fassungen: einer für die Dresdner Uraufführung (1845) und einer für Paris (1861), wo der Dichterkomponist die Gunst der Stunde nutzte, seine Oper auch mal in der französischen Hauptstadt aufgeführt zu kriegen; die Bedingung war jedoch, fürs tanzversessene Pariser Publikum noch ein Ballett hinzuzukomponieren - so ergänzte Wagner seine "alte" Partitur um ein sehr stark nach Tristan und Isolde klingendes Bacchanal, ja und so geht es demnach insbesondere im Ersten Akt dieses Pariser Tannhäuser (in sexueller Hinsicht) ziemlich rund. Triftiger Grund also, es heutzutage ab und an mal wieder musikalisch und v.a. szenisch nachvollzogen zu bekommen. I.d.R. greift man da auf eine sog. Kompilation aus Dresdner und Pariser Fassung zurück... Ich kann mich noch an eine gut gemachte Produktion der Oper Leipzig (1996) rückbesinnen, wo das damalige Uwe-Scholz-Ballett in Eike Gramss' Regie sehr sehenswert zur Geltung kam und wo ich es als sinnlich-legitim begriff und auch genoss, dass man so etwas praktisch hin und wieder macht! Selbst Bayreuth hatte manchmal Choreografen für den Venusberg bestellt; in 1961 durfte da Maurice Béjart mit dem Ballett des 20. Jahrhunderts in der Wieland-Wagner-Inszenierung auftreten und mitmischen... Also nichts wirklich Neues.

Neu (und schon bedenklich) ist, dass in der letzten Zeit verstärkter Maßen Choreografen - mit berühmtem oder weniger berühmtem Hintergrund - gesamte Wagneropern inszenieren; also vollständig und nicht nur, was etwaig einzubauende Tanz- und Bewegungseinlagen betrifft. Ein schier erschütternd-armseliges Resultat, was dabei rauskommt, lieferte im Herbst das Beispiel Die Walküre, die von der berühmten Rosamund Gilmore, einer sich dahingehend als Regie-Laiin entlarvt habenden Künstlerin, vertanzt wurde; der ganze neue Ring in Leipzig soll dann weiter so erfolgen...

Noch berühmter als Gilmore ist sicherlich die in Berlin (als ihrem Hauptgeschäftsstandort) wirkende Sasha Waltz. Ihr Tanztheater, das es mittlerweile über 20 Jahre gibt, hat einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann; und ich war fassungslos, als ich dann beispielsweise ihre legendäre Produktion von Körper erstmals sah! Ihre als Sasha Waltz & Guests mehr temporär zusammengestellte Truppe hat längst Kultstatus erreicht und wird zu Gastspielen in aller Herren Länder eingeladen und gebucht; zuletzt führten sie hier (an leider nur 2 Abenden) Le Sacre du printemps im Schiller Theater auf.

Die Staatsoper Berlin, allen voran ihr Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, wollten sie jetzt "nicht nur" als Choreografin, sondern auch als Regisseurin für den neuen Tannhäuser ans Haus gebunden haben. Die Idee war enthusiastisch und vermochte lange Zeit im Voraus auch dem Haus und ihrer Gast-Starin ein vorschusslorbeeriges Image zu verpassen - nunmehr war ich Augen- sowie Ohrenzeuge dieser neuen Wagner-Inszenierung und befinde über sie das Folgende:

Waltz hat als Choreografin (wie nicht anders zu erwarten war) mit wiederum betörend schönen und auch überraschend "schrägen" Tanzbildern brilliert - als Opernregisseurin sollte sie (mit einer starken Ausnahme) grandiosest scheitern!!



Jägerszene (1. Akt) aus dem neuen Tannhäuser an der Staatsoper im Schiller Theater(Regie/Choreografie: Sasha Waltz) - Foto (C) Bernd Uhlig


Dass ihr justament das Bacchanal gelingen würde, war gewiss die eigentliche vorbothafte Initialzündung für alle an der Mega-Produktion Beteiligten, v.a. aber für sie selbst! Waltz (die dann neben ihrer ohnehin verdoppelten Verpflichtung [Regisseurin, Choreografin] auch noch Mitgestalterin der Bühne [Pia Meier Schriever] war) ersann für ihre 17 Tänzerinnen und Tänzer (Namen s.u.) eine Art von überdimensionaler Fotoapparatslinse, welche, im starren Zustand ihres Ausgelöst- und Abgedrücktseins, einer Rutschebahn vom aufpeitschenden Himmlischlust-Oben zum stinknormalen Erdenleben-Unten gleicht. Ja und so wälzen sich in lustvoll-übergeilem Impetus vom Auge (= "Auge des Orkans") aus Menschenleiber permanent zu einem irgendwie gemeinten Erdanziehungsgrund, dass es dann nur so quietscht - - das nutzt sich mit der Zeit natürlich etwas ab, und man empfindet ganz spontan die größte Sympathie für den in diesen foto-visuellen Lustbereich sich kurzzeitig verirrt habenden Heinrich Tannhäuser, der es dann irgendwann mal satt hat mit der ganzen Sex-Scheiße und einfach zwischendurch mal wieder fort will; Mutters Butterbrote unterm Hörselberg schmecken ja doch am allerbesten! / Hier also, im Bacchanal, macht Waltz die Arbeit, die sie immer macht, ja und sie macht sie gut.

[Was sie nicht vorher wissen oder ahnen konnte: Dass sich ihr Konstrukt urplötzlich als ein Schalltrichter "bewährte", wo, sobald man in die Nähe jenes ausstoßenden Auges hingeriet und zufälliger Weise dort noch singen musste, ein verzerrt-verstärktes Phonmaß lustspielhaft entstand und dementsprechend für verwundertes Gelächter bei uns Hörern sorgte.]

Dann ist dieser Schnittpunkt mit dem Jungen Hirten (Sónia Grané!), der während seines kleinen aber schönen Liedleins ein paar kleine aber schöne Pirrouetten dreht. Das ist gleichsam die Stelle, wo ich (spätestens) mich fragte, "geht das nun getanzt die ganze Zeit so weiter oder wie" und - - in der Tat:

Die große Wiedersehensszene zwischen Tannhäuser und seinen früheren Gefährten oder Mitstreitern erhält - aufs Penetranteste - illustratives Tanzbeiwerk, d.h. dass um die Jagdgesellschaft rund herum im Stile Eines Jägers aus Kurpfalz witzig gemeintes Schuhplattlern stattfindet und die Sängerprofis - wie bereits der Junge Hirte kurz vor ihnen - ebensolche Pirrouetten drehen müssen; war und ist das ernstgemeinte Ironie? Distanz zum Werk?? Auffrischung einer allzu schweren Schwere???

Waltz lässt (in dem Ersten Aufzug) keine Stelle aus, wo sie sich nicht als Choreografin zwingend zu verewigen gedenkt; ob/wie sie damit nerven kann, ist ihr in ihrem Ambitionismus völlig unbewusst.

Doch dann die große Überraschung:



Bankettszene (2. Akt) aus dem neuen Tannhäuser an der Staatsoper im Schiller Theater(Regie/Choreografie: Sasha Waltz) - Foto (C) Bernd Uhlig


Einzug der Gäste sowie Sängerkrieg (im Zweiten Aufzug) erfindet Waltz fast neu und stellt sie aufs Genialste dar!! Wie das?

Erst mal verlängern sie und ihre Mit-Ausstatterin den Zuschauersaal des Schiller Theaters, der in mattem Saallicht quasi "mitspielt", auf die Bühne bis zum Horizont nach weit, weit hinten. Stilisierte oder echte Bambusstäbe, die herabhängen, erzeugen eine Illusion dieses so fortgeführten Saalinnern - der Vorteil dieser hin und her baumelnden Elemente ist, dass sie wie'n Vorhang zur Seite geschoben werden können und dermaßen unverbaute, "schnelle" Auftrittsmöglichkeiten bieten.

Das sonst bei dem Sängerkrieg vorherrschende Klischee mit aufgestellten Sitzbänken für die dann nach und nach anwesenden Parteiischen bzw. Unparteiischen wird von ihr über Bord geworfen, dass sie schlicht und einfach aus dem sinnlosen Herumgestehe prompt ein (Steh-)Bankett veranstaltet. Das ist dann auch der - ihr wahrscheinlich gar nicht mal so stark bewusst gewesene - dramatisch-dramaturgische Ermöglichungspunkt, wo sie (folgerichtig) ihre Company zum Einsatz bringen kann; die ist dann nämlich einfach mit auf diesem (Steh-)Bankett vorhanden also eingeladen worden oder so - ja und da ist sie halt dann zuständig für diese oder jene Tanzeinlage zur Geselligung und Unterhaltung aller anwesenden Sängerkriegerinnen sowie Sängerkrieger... Funktioniert perfekt!

Am Schluss gestaltet sich jener Verdammungs-Vorfall Tannhäusers durch Landgraf Hermann zur erfrommten Generalanbetung der bis da als unbeteiligtes und weißgekleidetes Landgrafen-Nichtchen anwesend Gewesenen, die nunmehr von paar Sasha Waltz & Guests-Akteuren wie eine Marienstatue (Semana Santa) von der Bühne weggetragen wird.

Inspirativ kriegt der gesamte Zweite Aufzug mit dem Personal in Gänze (Sänger, Chor und Tänzer) Schwung und Kraft.

Ich hatte Gänsehaut.



Pilgerszene (3. Akt) aus dem neuen Tannhäuser an der Staatsoper im Schiller Theater(Regie/Choreografie: Sasha Waltz) - Foto (C) Bernd Uhlig


Im Dritten Aufzug allerdings dann wiederum die ambitionierten "Fehler" wie im Ersten - Waltz nimmt sich hier wieder mehr als Choreografin denn als Opernregisseurin wichtig und erzeugt durch eigenes Verschulden diesen merkwürdigen Blickwinkel (bei mir).

* * *

Gesungen wird natürlich auch im Tannhäuser:

Ich bin ganz baff über das Durchhaltevermögen Peter Seifferts (60). Er ist nach wie vor der beste Tannhäuser, den es derzeit wohl gibt! Allein was er aus "seiner" Romerzählung macht und wie er durch sie aufs Brachialeste zur Abrechnung mit all dem ihn (als Tannhäuser) umgebenden Verlogenheitsgesindel findet: Wow!!

Der Wolfram Peter Matteis ist gesanglich als wie spielerisch von einer selbstbewussten und in keiner Weise weinerlichen Inbrunst. Seine abschließliche große Paar-Szene (im Dritten Aufzug) mit der bis dahin sehr forsch und bodenständig singenden als wie agierenden Elisabeth Ann Petersens ergreift "rein menschlich".

René Papes kultivierter Bass passt aufs Vorzüglichste zu seiner (Kurz-)Partie des Landgrafen.

Marina Prudenskaya (als Venus) und Peter Sonn (als Walther von der Vogelweide) waren mir bereits vom konzertanten RSB-Tannhäuser leicht vertraut; jetzt konnte ich die Beiden auch mal auf der Bühne in den beiden Rollen sehen. Dabei fallen wiederum (im Falle der Prudenskaya) ihre anhaltende Textunverständlichkeit zum Einen und (im Falle Sonns) sein lyrisches Entwaffnungspotenzial zum Andern auf.

Die Staatskapelle Berlin muss - wie der Staatsopernchor sowie die meisten Sänger - laut und deutlich das von Barenboim diesmal bevorzugt Super-Expressive zellebrieren. Insbesondere der letzte Aufzug geht dermaßen in die Breite, dass man hätte meinen können es genauso mit dem Dritten Aufzug aus dem Tristan irgendwie zu tun gehabt zu haben; aber klang schon irre gut!

Viel Beifall, auch viel Buhs (für Waltz).



Bewertung:    


Andre Sokoloweski - 13. April 2014
ID 7749
TANNHÄUSER (Schiller Theater, 12.04.2014)
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Regie und Choreografie: Sasha Waltz
Kostüme: Bernd Skodzignen
Bühnenbild: Pia Maier Schriever und Sasha Waltz
Licht: David Finn
Chor: Martin Wright
Dramaturgie: Jens Schroth
Besetzung:
Hermann, Landgraf von Thüringen ... René Pape
Tannhäuser ... Peter Seiffert
Wolfram von Eschenbach ... Peter Mattei
Walther von der Vogelweide ... Peter Sonn
Biterolf ... Tobias Schabel
Heinrich der Schreiber ... Jürgen Sacher
Reinmar von Zweter ... Jan Martiník
Venus ... Marina Prudenskaya
Elisabeth, Nichte des Landgrafen ... Ann Petersen
Ein junger Hirt ... Sónia Grané
Vier Edelknaben ... Julia Mencke, Konstanze Löwe, Hannah Wighardt und Anna Charim
Tänzerinnen: Liza Alpizar Aguilar, Peggy Grelat-Dupont, Hwanhee Hwang, Maureen Lopez Lembo, Margaux Marielle-Tréhouart, Judith Sánchez Ruíz, Mata Sakka und Claudia de Serpa Soares
Tänzer: Davide Camplani, Gabriel Galindez Cruz, Joel Suárez Gómez, Stephan Laks, Nicola Mascia, Elik Niv, Virgis Puodziunas, Kevin Quinaou, Orlando Rodriguez und Antonios Vais
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Premiere war am 12. April 2014
Weitere Termine: 16., 20., 27. 4. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

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