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Premierenkritik

Wer mit wem

und vor allem:

warum?



Così fan tutte an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Bernd Uhlig

Bewertung:    



Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich um eine konkrete Antwort herumzumogeln. Man kann die Hosen runterlassen, verbal natürlich, und Unkenntnis eingestehen. Man kann die Frage weiterreichen oder einfach mal die Klappe halten. Eine weitere Option ist die Flucht in Allgemeingültiges. Womit wir bei Donald Runnicles wären. Selten dürfte er so pauschal geblieben sein - trotz aller Beteuerungen im Vorfeld, die historische Aufführungspraxis miteinzubinden – wie an diesem Premierenabend von Così fan tutte. Runnicles schlägt für seine Verhältnisse halsbrecherisch schnell, vor allem die Ouvertüre, doch Eile und Energie sind eben zweierlei. Wohlig warm und rund fühlt sich der Klang des Orchesters der Deutschen Oper Berlin an, fast so, als solle man es sich darin schön gemütlich machen. Mozart als Heizdeckenverkäufer? Na, wohl kaum! Diese Musik muss vor Kraft vibrieren, den Zuhörer inspirieren, ihn am Schlafittchen packen, ihn durchrütteln und anstacheln. Hier hingegen entschied sich ein erfahrener Routinier fürs bequeme Wegdirigieren.

Vergangenen Juni hatte eine junge Sängergarde die szenisch völlig verhunzte Entführung aus dem Serail vor dem Absturz gerettet und die Mozart-Latte hoch gelegt. Das wiederholt sich nun leider nicht: John Chest ist ein grundsolider Guglielmo, sonor und spielfreudig; Alexandra Hutton kann als souveräne Despina punkten; Stephanie Lauricella als Dorabella, Paolo Fanale als Ferrando und Noel Bouley als Don Alfonso jedoch leisten nur Durchschnittliches, und Nicole Car hat trotz ihrer darstellerischen Inbrunst das Problem, dass ihre Fiordiligi vielmehr nach innen statt nach außen tönt, ja, beinah so, als würde sie durch einen Schalldämpfer singen.

Der Regisseur der Neuinszenierung, der vom Schauspiel kommende Robert Borgmann, tut uns seine Sicht der Dinge kund, indem er - nächste Variante - viel quatscht, ohne jemals Klartext zu reden. Sein Musiktheaterdebüt entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ein Schießen in alle Richtungen, eine Ansammlung von Verzweiflungstaten und Ratlosigkeiten. Gleich zu Beginn wird das Licht wieder angeknipst, Guglielmo und Ferrando - wow, wir sind gemeint - schleichen durch den Saal und finden sich auf der Bühne bei Don Alfonso ein, was wiederum ein Grüppchen aus der Rokoko-Epoche beobachtet, also quasi wieder wir, nur viel, viel früher halt. In Abständen, wenn gerade mal nicht an der Rampe gesungen wird, taucht ein kleines Mädchen auf, um uns daran zu erinnern, dass Fiordiligi an ihrer Kindheit zu knabbern hat. Es dreht sich aber auch ein bisschen um die verschiedenen Spielarten von Liebe, um Sadomasochismus, um Flora und Fauna, Frau und Umwelt und um eine sich permanent selbst umkreiselnde Gesellschaft, vermutlich unsere.

Borgmann, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, wirft seine Requisiten auf die Plattform wie Knochen vor die Füße: Buchstaben, einzelne Worte, ein herabgefallener Vorhang, ein vertrockneter Busch und ein emsig vor sich hinpumpender Ölförderturm warten darauf, dass ihr Bezug zur Handlung vom Publikum, nun ja, erraten wird. Dazwischen, dahinter, darüber, darunter: Spiegelungen, Blendungen, Überblendungen, Projektionen, Pixeleien - alles, was die Apparate hergeben. Todlangweilig ist es trotzdem: So zurechtgeschustert offenbart das Stück gefährliche Längen. Als die Regie am Ende auch noch die Dekonstruktion für sich entdeckt und das Ganze aufbricht, Bühnenarbeiter antreten lässt, um besagte Knochen abzuräumen, Fiordiligi und Dorabella in Alltagskleidung zur Doppelhochzeit schickt, da schwebt aus dem Schnürboden ein Balken herab, auf dem "NONONONONO" zu lesen ist. Das lassen wir als Schlusswort einfach mal so stehen.



Così fan tutte an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Bernd Uhlig

Heiko Schon - 26. September 2016
ID 9584
COSÌ FAN TUTTE (Deutsche Oper Berlin, 25.09.2016)
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Michael Sontag
Video: Lianne van de Laar
Licht: Carsten Rüger
Chöre: Raymond Hughes
Dramaturgie: Jörg Königsdorf
Besetzung:
Fiordiligi ... Nicole Car
Dorabella ... Stephanie Lauricella
Guglielmo ... John Chest
Ferrando ... Paolo Fanale
Don Alfonso ... Noel Bouley
Despina ... Alexandra Hutton
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere war am 25. September 2016.
Weitere Termine: 28. 9. / 1., 8., 11., 14. 10. 2016 // 25. 2. / 3., 11. 3. 2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de


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