Endstationen
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Olena Tokar (als Tatjana) schreibt ihren Brief an Eugen Onegin - an der Oper Leipzig | Foto (C) Kirsten Nijhof
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Bewertung:
Die Latte lag ziemlich hoch:
Vor über 30 Jahren verblüffte Peter Konwitschny in seiner legendären Eugen Onegin-Inszenierung an der OPER LEIPZIG (damals in der Intendanz von Udo Zimmermann) mit einer der emotional aufwühlendsten Szenen, die ich je vorher auf einer Bühne sah: Beim Pistolenduell zwischen der Titelfigur und dem sie herausgefordert habenden Wladimir Lenskij kommt es zum tödlichen Schuss, der den Lenskij niederstreckt, worauf (attacca!) die Polonaise aus dem Orchestergraben schmetternd erklingt und Onegin & Lenskij einen Totentanz vollziehen, d.h. dass der Überlebende den Leichnam seines ehemaligen Freundes wie eine lebensgroße Puppe in den Armen hält und mit ihr halluziniert - da stockte mir der Atem, als ich das sah, und nicht nur mir.
Jahrzehnte später - gestern Abend, wieder in der OPER LEIPZIG - sah die Sache so aus:
Onegin & Lenskij tragen einen Faustkampf miteinander aus, der allerdings in einer gemeinschaftlichen Prügelszene auf der das Bühnenbild von Zinovy Margolin im Hintergrund bestimmenden Schräge (einer Art von Brückensteg oder Rodelbahn) ausufert und infolge des kollektiven Gedränges auf engstem Raum der arme Lenskij plötzlich nach unten in einen zufällig bereitstehenden Zuber mit Eis kracht, sich dort wahrscheinlich alles Erdenkliche bricht und sofort (durch einen Kälteschock?) zutode kommt; dann wird sein Leichnam auf einem Schlitten weggefahren - große Pause - - und danach sehen wir eine Handvoll Musikerkomparsen, die den Anfang der Tschaikowski-Polonaise karikieren bis dieselbe endlich aus der unteren Höhe vom Gewandhausorchester "richtig" musiziert wird, währenddessen sich im VIP-Bereich der großen Bahnhofshalle mehr und mehr illustre Gäste einfinden, um bei einem Abschiedsempfang der Eheleute Gremin, bevor die (wahrscheinlich) in die Flitterwochen fahren, Maulaffen feil zu halten...
Ausgedacht hatte sich das vor zwei Jahren der russische Regisseur Vasily Barkhatov (von dem bisher weder eine Befürwortung noch eine Ablehnung des russischen Überfalls auf die Ukraine glaubwürdig dokumentiert sind); er arbeitet seit etlicher Zeit, außer weiterhin in Russland, auch an westeuropäischen und v.a. deutschsprachigen Opernhäusern, ich selbst sah seine Berliner Inszenierungen von Aribert Reimanns L'Invisible (2017) und Bellinis Norma (2024).
Seine nach meinem Dafürhalten szenisch vollauf gelungene Onegin-Regie (einer Weiterentwicklung seiner früheren Inszenierungen in Stockholm und Wiesbaden) war eine Auftragsarbeit der OPER BONN, und die wurde jetzt nach Leipzig geholt, und gestern Abend war ihre uneingeschränkt umjubelte Premiere in gänzlich neuer Besetzung:
Franz Xaver Schlecht (ich sah und hörte ihn erstmals als kurzfristigen und umso genialer hiermit umgehenden Peter-Einspringer in der total missratenen Zar und Zimmermann-Produktion der DOB) wurde als Titelfigur aufgeboten, und eine bessere Wahl hätte man tatsächlich nicht treffen können; er kehrt den idealen Schwiegersohn in spe heraus, sieht toll aus, singt lupenrein und drängt sich nicht an die Rampe - was wiederum seinen weiblichen Konterpart Tatjana (grandios: Olena Tokar!) in Erwartungswallungen zu bringen vermochte, weswegen sie ihm in ihrer jugendlichen Liebesbesoffenheit den berüchtigten Brief schrieb, den ihr der Angehimmelte dann prompt zurückbrachte und sie dahingehend abwies; wahrscheinlich war sie ihm (noch) zu jung und unerfahren, um mit seinem bisherigen Bräute-Kanon mithalten zu können; ein mit allen Wassern gewaschener Hallodri.
Der sinnlos eifersüchtige Lenskij (lyrisch bis ins Mark entwaffnend: Matthias Stier) ist mit Tatjanas Schwester Olga (in "tiefster" Schwerelosigkeit: Maya Gour) verbandelt und scheitert schnell an seinem allzu frühen Liebesglück.
Yorck Felix Speer imponierte mit seinem fürstlichen Bass als über allen Dingen stehender Tatjana-Gemahl Gremin.
Noch tiefer (und lautkräftiger) sang allerdings Randall Jakobsh sowohl als Saretzki wie als Hauptmann.
Eine queere und überaus sehenswerte Minishow legte Daniel Arnaldos (als Triquet) hin.
Beim großen Schluss- und quasi Endstation-Duett zwischen Onegin & Tatjana, wo sie ihm schlussendlich den Laufpass gibt (obwohl sie ihn noch immer liebt) kriegte ich Gänsehaut.
Der Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Thomas Eitler de Lint, mit einer inzwischen beachtlichen Bayreuther Erfahrung als dortiger Chordirektor) sang laut wie leise und fast "wie ums Leben", alles im Einklang mit dem von Ivan Repušić unüberschwänglich und präzise dirigierten Orchester.
Beifall ohne Ende.
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Eugen Onegin an der Oper Leipzig: Franz Xaver Schlecht (in der Titelrolle) wird von Yorck Felix Speer (als Fürst Gremin) gewarnt | Foto (C) Kirsten Nijhof
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Andre Sokolowski - 11. Oktober 2026 ID 16090
EUGEN ONEGIN (Oper Leipzig, 10.10.2026)
Musikalische Leitung: Ivan Repušić
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Szenische Einstudierung: Jurate Sodyte
Bühne: Zinovy Margolin
Kostüme: Olga Shaishmelashvili
Licht: Alexander Sivaev
Dramaturgie: Kara McKechnie
Besetzung:
Larina ... Kathrin Göring
Tatjana ... Olena Tokar
Olga ... Maya Gour
Filipjewna ... Ulrike Schneider
Eugen Onegin ... Franz Xaver Schlecht
Lenskij ... Matthias Stier
Fürst Gremin ... Yorck Felix Speer
Triquet ... Daniel Arnaldos
Saretzkij/Ein Hauptmann ... Randall Jakobsh
Vorsänger ... Ruben Olivares
Komparserie
Chor der Oper Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig
Premiere an der Oper Bonn: 3. März 2024
Leipziger Premiere: 10. Oktober 2026
Weitere Termine: 16.10./ 08., 28.11./ 26.12.2026// 03., 31.01./ 07.02.2027
Eine Produktion der Oper Bonn
Weitere Infos siehe auch: https://www.oper-leipzig.de
https://www.andre-sokolowski.de
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