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Premierenkritik

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Schauwerte



Eugen Onegin an der Oper Bonn | Foto (C) Sandra Then

Szenische Bewertung:    



Schön anzusehen ist es ja: der Regen, der bei Tatjanas großer Arie fällt, als sie sich ihre Liebe zu ihrem Nachbarn Eugen Onegin eingesteht, die Schlitten, auf denen wagemutige Chormitglieder und Statist:innen die Rampe im Hintergrund heruntersausen, während vorne ein Fest gefeiert wird, und schließlich die beeindruckende Bahnhofshalle, in der Tatjana und ihr Ehemann Fürst Gremin ein Fest feiern, zu dem die restliche Bahnhofsgesellschaft der Wartenden nicht zugelassen ist. Ganz zu schweigen von dem Hotelgang oberhalb der Bahnhofshalle, der einen kurzen Auftritt hat, als Tatjana und Gremin doch nicht einchecken. Es ist wichtiger, erst die Sache mit Eugen Onegin zu klären, der nach jahrelanger Abwesenheit plötzlich überraschend wieder aufgetaucht ist.

Trotz all dieser Schauwerte – und einer beeindruckenden Leistung der Bühnentechnik des Theater Bonn – bleibt eine Frage: Warum? Denn zwischen den Figuren, zwischen denen sich doch menschliche Dramen abspielen sollen, passiert: nichts.

Musikalisch bewegt sich Eugen Onegin auf hohem Niveau: Hermes Helfricht treibt das Beethoven Orchester Bonn zu einer konzentrierten Leistung, stets in einer guten Dynamik, opulent aufspielend zu Beginn des dritten Akts. Nahtlos in diese gute Leistung fügen sich die Sängerinnen und Sänger ein: Santiago Sánchez gibt einen tenoral unerschütterlichen Lenskij, Giorgios Kanaris einen schlecht gelaunten, aber dennoch charismatischen Onegin, der mit seinem Schicksal hadert. Gerne würde man mehr über ihn erfahren. Den größten Auftritt hat sicherlich Anna Princeva als Tatjana, die ihre Liebeserklärung an Eugen Onegin souverän meistert und durch die stimmliche Gestaltung dieser komplexen Arie beeindruckt. Überzeugend auch Charlotte Quant, die als Tatjanas lebenslustige Schwester Olga einen bleibenden Eindruck hinterlässt, so dass man auch hier fast bedauern muss, dass sie nur wenige Auftritte hat. Überhaupt ergeben die Damen Eva Vogel als Gutsbesitzerin, Rena Kleifeld als Filipjewna und Charlotte Quant als Olga stimmlich einen reizvollen Kontrast zu Anna Princevas Sopran. Musikalisch wird hier schnell deutlich, wer nicht dazugehört. Pavel Kudinov hat mit profundem Bass im dritten Akt einen viel umjubelten Auftritt als Fürst Gremin und auch Johannes Mertes meistert seinen Auftritt als Triquet, der als Franzose die Szenerie belebt, souverän. Den durchweg guten Eindruck des Ensembles rundet Christopher Jähnig mit seinen Auftritten als Lenskijs Sekundant Saretzkij sowie als Hauptmann ab. Auch der Chor des Theaters Bonn (Einstudierung: Marco Medvev) ist gut disponiert und ihm gelingen Auftritte, die im Ohr bleiben.

*

So weit, so gut. Szenisch aber bleibt vieles vereinzelt, fügt sich nicht zu einem stimmigen Ganzen. Gut, Lenskij ist ein Dichter, aber muss er dennoch alles aufschreiben? Ja, die Lampe auf dem Klavier ist wirklich an den Strom angeschlossen, aber nach dem zweiten Mal an und aus hat man das auch verstanden. Oder soll sich hier eine innere Not Tatjanas zeigen? Lediglich wenn Onegin und Lenskij zum Duell schreiten, das sie beide ganz offensichtlich nicht wollen und zu dem sie von der sie umgebenden Menschenmasse gedrängt werden, bewegt ihr Schicksal. Lenskij ist danach aber schnell vergessen, da nicht einmal Olga sich für sein Ableben zu interessieren scheint.

Schnell zeigen sich auch die Tücken des Bühnenbilds von Zinovy Margolin: Die Räume sind riesig, aber größtenteils unbestimmt. Und ist es notwendig, den Wohnraum der Familie Larina immer wieder hin- und herzuschieben? Was ist innen, was ist außen? Wieso findet Gremins Feier in einer Bahnhofshalle statt, die per se wenig Gemütlichkeit und Heimeligkeit ausstrahlt – aber eben auch keine Größe oder Opulenz, die einer Repräsentanz dient. Es ist und bleibt ein Warteraum. Auch die Kostüme von Olga Shaishmelashvili sind zumindest für die Damen eher klobig, wenig schmeichelhaft. Erweckt wird der Eindruck von Naturalismus, der dann aber im Detail gnadenlos unpräzise ist und wenig zu einem Gesamtbild beiträgt.

Alles in allem fehlt es dem Abend an Dramaturgie, an inhaltlich Zwingendem: Warum werden Dinge erzählt? Was interessiert an den Figuren und ihrem Schicksal? Manches ist ganz nett, aber vieles auf Effekt inszeniert, wie beispielsweise der puffende Ofen im Hof des Gutshauses der Familie Larina. Viel zu sehen gibt es allenthalben, vor allem dann, wenn der Chor auftritt – aber Anteilnahme, Einfühlung? Größtenteils Fehlanzeige. Das macht es auch den Sängerinnen und Sängern schwer, ihre Figuren zu beleben. Wenn Gremin und Eugen Onegin bei der Feier im dritten Akt aneinandergeraten, müsste da Tatjana die beiden nicht im Auge behalten? Zumindest gelegentlich einen Blick auf sie werfen? Die Geschichte wird abgespult, ohne erkennbares Interesse an den Hintergründen, der Beziehung der Figuren zueinander. Aber dann wird Eugen Onegin zu einem faden, langweiligen Abend. Da mag es noch so schön schneien.



Eugen Onegin an der Oper Bonn | Foto (C) Sandra Then

Karoline Bendig - 6. März 2024
ID 14650
EUGEN ONEGIN (Oper Bonn, 03.03.2024)
Musikalische Leitung: Hermes Helfricht
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Zinovy Margolin
Kostüme: Olga Shaishmelashvili
Licht: Alexander Sivaev
Choreinstudierung: Marco Medved
Mit: Anna Princeva (Tatjana Larina), Charlotte Quadt (Olga Larina), Eva Vogel (Larina, Gutsbesitzerin), Rena Kleifeld (Filipjewna, Amme), Giorgos Kanaris (Eugen Onegin), Santiago Sánchez (Wladimir Lenskij), Pavel Kudinov (Fürst Gremin), Johannes Mertes (Triquet) und Christopher Jähnig (Saretzkij/ein Hauptmann)
Chor und Statisterie des Theaters Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere war am 3. März 2024.
Weitere Termine: 10., 14., 17., 22.03./ 07., 21.. 25.04./ 09., 30.05./ 01.06.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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