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WER IST WALTER
von Ariane Koch


Wer ist Walter am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Wer kennt sie nicht aus der eigenen Kindheit? Die Wimmelbilder der weltweit erfolgreichen Kinderbuchreihe Wo ist Walter?des Briten Martin Handford (Original Where's Wally? The Magnificent Poster Book erstmals 1987 erschienen). Großformatige, farbig gezeichnete und detailreiche Szenerien zeigen hunderte lebhaft bewegte Figuren auf Schauplätzen wie Jahrmärkten, an Stränden, in Hollywood oder im Wilden Westen. Inmitten der abenteuerlichen Ansammlungen versteckt sich stets der bebrillte Weltenbummler Walter, der immer einen rot-weiß gestreiften Pullover, eine Pudelmütze und eine blaue Hose trägt. Mitunter entdecken besonders Eifrige sogar Wilma, Wau und kleine Walter-Fans, die ähnlich wie Walter gekleidet sind.

*

Die 30jährige Schweizer Autorin Ariane Koch widmet sich dem kultigen Walter-Phänomen in einem kurzweiligen, betont plumpen und quietschbunten Drama. Wenn sie titelgebend Wer ist Walter fragt, geht sie in ihrem Drama, das im Rahmen eines Stipendiums des Förderprogramms „Dramenprozessor 13/14“ am Theater Winkelwiese in Zürich entstand, noch einen Schritt weiter. Die Suche nach Walter wird mehr und mehr zur Suche nach einer Identität und gebiert sich zugleich als Sehnsucht nach einer sinnstiftendenden Aktivität. Fünf Figuren agieren auf der Bühne im Rahmen ihrer Suchexkursion wildbewegt, aber trotzdem strategisch unschlüssig.

Regisseurin Simone Blattner lässt die Figuren auf mehreren Bühnenebenen agieren. Mal stehen sie in witzigen Tableaus nebeneinander aufgereiht auf einer oberen Bühnenebene vor einer lichtdurchfluteten Sonnenuntergangskulisse, dann bewegen sie sich lebhaft auf einer meerartig in Blaufarben bemalten Bodenbühne. Rechts liegen verschiedene großformatige, grünfarbige Brocken und Theaterrauch kriecht unter Steinen hervor. Links steht ein künstlicher Baum mit weißfarbigen, riesenhaften Blüten (Bühne: Martin Miotk).

Die Figuren reden sich mit den Vornamen ihrer Darsteller an. Sie wechseln auf der Bühne fliegend farbenfrohe oder unförmige Kostüme. Alle glauben Walter mindestens so gut zu kennen wie sich selbst. Wie verwunderlich, dass er ihnen trotzdem abhanden ging. Sie echauffieren sich darüber mit leichtem Unmut; projizieren sogleich jedoch auch eigene Wünsche auf Walter. Alsbald vermag auch das Bedürfnis einer religiösen Anrufung Walters weder Halt noch Erkenntnis zu geben. Klaus Zmoreks Figur reagiert laut postulierend sichtlich eifersüchtig auf Walters Erfolg. Hat Walter etwa nur diesen Kultstatus, weil er nicht greifbar ist?

Die Figurenkonstellation bleibt unschlüssig und improvisiert. Es entwickelt sich nur oberflächlich eine Handlung. Trotzdem bereitet es sichtlich Vergnügen, den verschmitzt agierenden Darstellern - allen voran der betont dusslig dreinblickenden Lena Geyer - bei ihrer abwegig ziellosen Exkursion beizuwohnen. Das stete Voranschreiten der Zeit wird Thema, als jemand fragt, ob er nach einer Landung in Neuseeland nun zwölf Stunden jünger oder älter sei. Das Ticken der Uhren in unserer überhetzten und reizüberfluteten Welt sei ebenso wenig identitätsstiftend, wie die stetige, eintönige Arbeit an Bildschirmen, problematisieren die Figuren einstimmig. Wir sind alleine schon immer mehrere, philosophiert Ursula Großenbachers Figur rätselnd. Identität wird zugleich jedoch auch immer in Frage gestellt. Denn was ist eigentlich Walter alles? Ein Bauunternehmer, ein Rechtsanwalt, eine Design-Agentur?

Irgendwann schreitet ein Knochengerüst recht effektvoll die Bühne entlang und Hoffnung kommt auf. Als dies jedoch sogleich wieder abtritt, erscheint Walters reale Identität noch einmal diffuser und fraglicher. Koch experimentiert lustvoll assoziativ mit Sprache. Mehrebig und splitterhaft zitiert sie verschiedenste Referenzen, um zu zeigen, wie wenig greifbar jemand werden kann, auf den man unterschiedlichste Wünsche und Sehnsüchte projiziert. Lydia Stäubli trägt recht emotionsarm Rainer Maria Rilkes berühmt-berührendes Gedicht Der Panther von 1902 vor. Eine andere Figur zitiert eine Zeile aus dem größten Erfolgshit des Rap-Trios Tic Tac Toe von 1997: “Nur für den Kick - für den Augenblick?“ In den Raum geworfen wird auch Jean-Jaques Rousseaus Ausspruch: „Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten.“

Reibungen entstehen ganz sinnbildlich im Wettbewerb um die Deutungshoheiten zu Walters Sein. Zugleich äußern einzelne auch ihren Wunsch nach Gemeinschaft, die durch die gemeinsame Suche entstehen könnte. Gegen Ende werfen sich alle Figuren in Ganzkörperleggins in unterschiedlichen knalligen Farben (Kostüme: Andy Besuch) und legen sich aufeinander. Eine Figur meint, ob es bereits eine Form von Protest sei, wenn man einfach im Bett liegen bleibt? Sie erinnern sich an Herman Melvilles Bartleby, der aus Protest seine Arbeit verweigerte. Auch an die kleine Meerjungfrau, die wie Walter heute als Mensch keine eigene Stimme hatte, wird gedacht. Man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, als plötzlich das romantisierende Naturbild von Walt(er) Disney aufgegriffen wird.

Der attraktive, 22jährige Darsteller-Neuzugang Gustav Schmidt wird eng umringt und während sich die Körper der anderen an ihm reiben, reden die weiblichen Figuren über den Nutzen der Wespen, die Blüten bestäuben. Die Vorführung endet schließlich mit sexuellen Phantasien über Pflanzen. Die Figuren nehmen Blüten des Kulissenbaums und setzen sich diese über ihre Köpfe. Sie regen ihre Arme nur, wenn Wind aufkommt. Als Pflanzen möchten sie einsame Höhepunkte im Sehnsuchtsort und Refugium Natur erleben, ganz ohne andere Menschen oder eine mögliche Walter-Suche.

Insbesondere auch durch kurzweilige gesangliche Einlagen ist Wer ist Walter ein Erlebnis für Liebhaber absurden, extravaganten und betont sinnfreien Theaters.



Wer ist Walter am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 7. Oktober 2018
ID 10961
WER IST WALTER (Werkstatt, 05.10.2018)
Inszenierung: Simone Blattner
Bühne: Martin Miotk
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Christopher Brandt
Licht: Maximilian Urrigshardt
Dramaturgie: Elisa Hempel
Mit: Lena Geyer, Ursula Grossenbacher, Lydia Stäubli, Gustav Schmidt und Klaus Zmorek
Uraufführung am Theater Bonn: 5. Oktober 2018
Weitere Termine: 10., 16., 18., 25.10. / 02., 09.11.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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