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Repertoire

Das Leben des

Vernon Subutex


als Theaterstück



Das Leben des Vernon Subutex in den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Musik hat etwas Verbindendes, das ist allgemein bekannt. Wer einmal auf einem Musikfestival war, wird wissen, was gemeint ist. Die Annäherung verschiedenster Persönlichkeiten zu einer auf gleicher Welle schwingenden Menge. Die französische Schriftstellerin Virginie Despentes hat den Roman dazu geschrieben. Eine ganze Romantrilogie sogar über den obdachlos gewordenen ehemaligen Plattenhändler Vernon Subutex, der vom sozialen Absteiger und couchsurfenden Loser zum Anführer einer Convergences genannten Gemeinschaft wird, bei deren magischen Zusammenkünften ohne Internet, Alkohol und Drogen er seine Musik auflegt. Gleichzeitig liefert die Underground-Autorin - bekannt durch Romane wie Baise-moi (Fick mich), Pauline und Claudine oder ihre feministische Streitschrift King Kong Theorie - einen beeindruckenden Abriss der heutigen französischen Gesellschaft. In den einzelnen Kapiteln des Romans berichten die aus verschieden Schichten Frankreichs stammenden ProtagonistInnen aus dem Dunstkreis des Pop-Gurus über ihr Leben, ihre politischen Ansichten und Gedanken. Das Verbindende ist die Figur des Vernon Subutex, auf den sie ihre Wünsche projizieren, und die auf Videobändern festgehaltene Lebensbeichte des toten Popstars Alex Bleach, in deren Besitz der in den Straßen und Parks von Paris verschwundene Subutex ist.

*

Aus der Handlung dieser drei Romane einen halbwegs nachvollziehbaren Theaterabend zu gestalten, ist mit Sicherheit ein anspruchsvolles Unterfangen. Nach der Uraufführung von Peter Kastenmüller im Januar dieses Jahres am Zürcher Theater Neumarkt hat nun Stefan Pucher im März an den Münchner Kammerspielen eine weitere Adaption von Das Leben des Vernon Subutex folgen lassen. Eine Inszenierung mit viel Musik, versteht sich. Jelena Kuljić als sonst recht wortkarger Vernon Subutex singt Songs wie Work Bitch von Britney Spears, French Disco von Sterolab und eine tolle Version von Leonard Cohens You want it darker. Regisseur Pucher, selbst einst DJ, hat hier mit der Besetzung der Jazz-Sängerin und Schauspielerin Kuljić einen unerwarteten Griff getan, der sich aber bezahlt macht.

Weniger Glück hat Pucher mit der schwierigen Umsetzung der Vorstellung des recht umfangreichen Romanpersonals. Jeder Auftritt muss im Minutentakt auch die Kurzform der Figurenbiografie liefern. Auf der Videoleinwand im Hintergrund ist der Name zu lesen, während auf der von Barbara Ehnes als stufenförmig nach vorn wegbrechenden Schallplatte gestalteten Bühne geraffter Romantext performt wird. Die Stationen von Subutex‘ Abstieg in die Obdachlosigkeit führen über alte Freunde wie die mit ihrem Körper unzufriedene Emelie (Maja Beckmann im Speckröllchen-Kostüm), den linken, aber gegen Frauen gewaltsamen Postangestellten Patrice (Jan Bluthardt) und den erfolglosen Drehbuchautor Xavier (wienernd: Samouil Stoyanov), der mit rassistischen Gedanken spielt. Alle sind sie frustriert von ihrem Leben oder sozialen Status und rotzen das entsprechend frontal ins Publikum.

Auf der Suche nach Subutex und den Videobändern kreuzen sich ihre Wege mit weiteren Personen wie der ehemaligen Porno-Darstellerin Pamela Kant, die Thomas Hauser als Dragqueen im Overall gibt, wohl in Anlehnung an ihre Transfreundin, die hier wie auch einige andere Figuren der Schere zum Opfer gefallen sind. Völlig aufgedreht referiert Nils Kahnwald als koksender Ex-Trader Kiko über die Unterschiede zwischen Armen und Reichen. Jochen Noch gibt den Filmproduzenten Dopalet als abgeklärtes Arschloch. Seine Gedanken drehen sich nur um die Angst davor, seine Machtposition einzubüßen. Auch er ist hinter den Bleach-Tapes her, da sie seine finstere Rolle beim Selbstmord der drogensüchtigen Porno-Darstellerin Vodka Santana (Zeynep Bozbay im Video) offenbaren. Wiebke Puls spielt wie eine langbeinige Spinne die von Dopalet engagierte, lesbische Hyäne, die ihr Geld mit Cybermobbing auf Facebook verdient. Wie in einer ritualen Waschung reinigt sie hier im Video den verkommenen Clochard Subutex und salbt ihn so zum Heiligen eines neuen Kults.

Wie nebenbei fächert sich hier ein Kosmos aus subtilem Rassenhass, Klassenverachtung und Frauenfeindlichkeit der oberen Schicht (den sogenannten Bobos) auf, die wiederum von den Proleten der Vorstädte wie Noël und Loïc (Daniel Lomatzsch und Vincent Redetzki als rechte Schläger im Camouflagelook) verachtet werden. Über all dem schwebt im Video der charismatische tote Popsänger Bleach (Abdoul Kader Traoré), der wie ein düsterer Prophet den Zusammenbruch der heiligen Kathedrale als Sinnbild der Gesellschaft beschwört. So hält auch der Bund der Subutex-Jünger nicht. Nur in einer von Dopalet geplanten TV-Soap lässt sich das Prinzip massentauglich vermarkten.

Dagegen setzten die flippige Tätowiererin Céleste (Gro Swantje Kohlhof) und die Kopftuch tragende muslimische Studentin Aïcha (Zeynep Bozbay), Tochter des angepassten Uniprofessors Sélim (Kamel Najama), unterschiedliche Formen jugendlichen Protests. Um alte und neue Formen von Revolution und Protest geht es auch in den Gesprächen der verschiedenen ProtagonistInnen, deren Höhepunkt sich nach der Pause in Meetings auf den Convergences mit kleineren Statements zu Politik und Radikalisierung findet. Despentes‘ Vision einer neuen Protestkultur (die Gelbwesten lassen grüßen) gegen Neoliberalismus und Kommerz scheint so in Puchers Inszenierung kurzzeitig auf. Dass dieser Traum im Roman wie auch hier auf der Bühne in einem großen Knall und Attentat einer in Internetforen nationalistisch aufgehetzten jungen Frau (Lola Fonseque im Video) endet, macht die momentane Situation und Ratlosigkeit nur um so deutlicher. Die Zukunft liegt bei Despentes in einem primitiven internet- und sprachlosen Musikkult, der die dunklen Jahrtausende überleben wird.



Das Leben des Vernon Subutex in den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 19. Juli 2019
ID 11574
DAS LEBEN DES VERNON SUBUTEX (Kammer 1, 18.07.2019)
Theaterfassung: Tarun Kade, Stefan Pucher und Camille Tricaud

Inszenierung: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Tina Kloempken
Video: Meika Dresenkamp
Musik: Christopher Uhe
Dramaturgie: Tarun Kade
Mit: Maja Beckmann, Jan Bluthardt, Zeynep Bozbay, Thomas Hauser, Abdoul Kader Traoré, Nils Kahnwald, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Daniel Lommatzsch, Kamel Najma, Jochen Noch, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Vincent Redetzki und Samouil Stoyanov
Premiere an den Münchner Kammerspielen: 28. März 2019
Weiterer Termin: 25.07.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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Buchkritiken zu:
Das Leben des Vernon Subutex 3
Das Leben des Vernon Subutex 2
Das Leben des Vernon Subutex 1



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