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Repertoire

Deprimierung



Serotonin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg | Foto (C) Arno Declair

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„Sweet child in time / You'll see the line / The line that's drawn between / Good and bad“ heißt es im Song Child in Time von der britischen Rockband Deep Purple, der in Serotonin, dem neuen Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq, eine bestimmte Rolle spielt. Sieht sich der Autor selbst als Kind seiner Zeit, das mit Lust Linien überschreitet und Tabus bricht, die des guten Geschmacks oder auch der Political correctness? Zumindest hält sein wie immer männlicher Protagonist zwar einiges von kultureller Ästhetik aber nicht viel von deren Sinn. Ein typischer Cis-Mann mittleren Alters, der schwer depressiv auf sein Leben zurückblickt, allein und infolge von Psychopharmaka impotent und ohne Libido. Typisch auch der bekannte Untergangs-Sound Houellebecqs, der die Theater gerade wieder in seinen Bann schlägt. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszenierte ihn nun Regisseur Falk Richter, und auch er kann sich der allgemeinen ironischen Art, den Autor der Lächerlichkeit preis zu geben (wie gerade in Die Ausweitung der Kampfzone am Deutschen Theater Berlin geschehen), nicht ganz entziehen.

Jener Deep-Purple-Song ist jedenfalls Kulminationspunkt von Richters Romanadaption Serotonin, in der kurz vor der Pause die Videos brennen und eine aufgebrachte Schar von französischen Viehzüchtern den Aufstand mit der Waffe probt gegen einen Staat, der sie langsam sterben lässt und gegen die „Schlampe EU“, die lieber dem Freihandel den Vorrang gibt. Pappkameraden stehen da als Videoprojektionsträger auf der Bühne, im Hintergrund laufen Nachrichtensendungen und Talkrunden, in denen EU-Gegner ihre populistischen Sprüche machen, und im Vordergrund setzt Carlo Ljubek als aristokratischer Viehbaron ohne wirtschaftliche Zukunft zum Gitarrensolo und letztem Schrei an.

Da wird es für kurze Zeit doch noch interessant in Richters ironiesatter Romanverwurstung, bei der (wie in Berlin) auch wieder Houellebecq-Masken auftauchen und dessen Untergangsprosa ausgeschmückt mit Sexphantasien und Verfallsbeschreibungen breiten Raum bekommt. Protagonist Florent-Claude Labrouste, Beamter im Landwirtschaftsministerium und in Sachen nordbretonischer Käsespezialitäten unterwegs, wird hier von vier Schauspielern verkörpert. Jan-Peter Kampwirth, Carlo Ljubek, Tilman Strauß und Samuel Weiss sprechen wechselnd im Houellebecq-Bademantel-Style Passagen aus dessen depressiven Romanmonologen. Souffliert wird von Sandra Gerling und Josefine Israel aus den Ranglogen. Geteilt werden auch die Nebenrollen des Romans. So greift Jan-Peter Kampwirth zur Perücke und mimt im roten Kleid eine der Verflossenen des Protagonisten, der sich in Gestalt von Tilman Strauß zusammen mit Kampwirth in einen volltrunkenen Rendezvous-Slapstick mit missglückter Fellatio wirft. Zwei körperliche Wracks im verzweifelten Körper-Clinch.

Aber auch die beiden Schauspielrinnen bekommen erst ihren Paarauftritt als männlicher Protagonist, der seiner alten Liebe Camille hinterhertrauert, mit der er hätte glücklich werden können, bevor sie als Rapperinnen mit dem Song Die Ftzn sind wieder da von SXTN auch mal die Frau in Rage zu Wort kommen lassen dürfen. Zu weinerlich auch der Ton des verzweifelten Labrouste, der für sich in Anspruch nimmt, seine Angebetete wünsche sich „einfach nur meine Frau zu sein“. Das schreit natürlich geradezu nach Verballhornung. Dass das Ganze dann doch noch in Richtung toxische Männlichkeit geht, verdankt die Inszenierung dem Houellebecq-Plot, in dem der Protagonist, bevor er sich gänzlich seinem Verfall widmet, noch seinen alten Studienfreund Aymeric aufsucht, der ihm sein gesammeltes Waffenarsenal vorführt. Beim anschließenden Schießtraining versagt Labrouste, der sich selbst auch als Weichei bezeichnet, dann aber schließlich doch beim lebenden Bewegtziel.

Gespielt wird das zunächst vor verschiebbaren Wandsegmenten und dann auf dem Land in einem offenen rustikal bis stylischem Wohnambiente (Bühne: Katrin Hoffmann). Der Inszenierung, die schon vor der Pause kaum überzeugen konnte, lässt Regisseur Richter im recht kurzen zweiten Teil komplett die Luft raus. Der von Depressionen, Abstiegs- und Verlustängsten geplagte Labrouste (Tilman Strauß) steckt nun in einem Fellanzug. „Ein alterndes, sterbendes und sich vom Tode erfasst fühlendes Tier“ zieht sich zum Sterben in eine anonyme Hochhaussiedlung mit hohen Nebenkosten zurück. Im Fat Suit hängen die anderen dazu apathisch in einer kleinen Box herum. Was Falk Richter eigentlich wirklich an Michel Houellebecqs Roman interessiert, ist auch da nicht auszumachen. Dessen zynischer Kulturpessimismus und Analyse einer sich in „oraler Phase“ bei TV-Kochshows selbstabschaffenden Gesellschaft kann es nicht gewesen sein. Deprimierender und stiller kann ein Abend über das Glückshormon Serotonin dann auch nicht zu Ende gehen.  Da hatte man nach Edgar Selges fulminantem Alleinritt in Karin Beiers Houllebeqs-Adaption Unterwerfung mehr erwartet.



Serotonin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 23. September 2019
ID 11694
SEROTONIN (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 22.09.2019)
Regie: Falk Richter
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Teresa Vergho
Licht: Annette ter Meulen
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Matthias Grübel
Choreografie: Johanna Lemke
Dramaturgie: Daniel Richter und Ralf Fiedler
Videotechnik: Alexander Grassek und Marcel Didolff
Ton: Shorty Gerriets, André Bouchekir und Christian Jahnke
Mit: Sandra Gerling, Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Carlo Ljubek, Tilman Strauß und Samuel Weiss
Premiere war am 6. September 2019.
Weitere Termine: 23., 25.10. / 16., 21.11.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspielhaus.de/


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