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Premierenkritik

Edgar Selge

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Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg | Foto (C) Klaus Lefebvre

Bewertung:    



Konnte man es schon für einen Coup halten, dass Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung gerade am Tag der islamistischen Attentate auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, so ist seine Adaptierung für das Theater ein Jahr später, auch wegen der erneuten Terroranschläge, nicht minder brisant. Mit seinen Romanen polarisiert Houellebecq seit jeher nicht nur Frankreich. Ganz bewusst schocken wollte er mit dem Gedankenspiel seines letzten Romans, in dem es im laizistischen Frankreich zum Wahlsieg eines gemäßigten Muslimführers kommt, der die Übernahme der Macht dem breiten Bündnis der liberal-bürgerlichen Parteien von mitte-links bis mitte-rechts verdankt, um eine Präsidentschaft Mariene Le Pens vom rechtsextremen Front National zu verhindern.

Obwohl der Roman lediglich ein recht provokantes Gedankenspiel ist, erntete Houellebecq für seine dystopische Zukunftsvision eines islamischen Frankreichs im Jahr 2022 Kritik aus allen gemäßigten politischen Lagern und leider auch Zustimmung vom rechten Rand. Selbst das bürgerliche Feuilleton war sich nicht einig, ob Unterwerfung eine radikale politische Gesellschaftsanalyse ist oder einfach nur islamophob. Dass der Roman vor allem mit sehr Frankreich-spezifischen Bezügen arbeitet, machen Houellbecqs literarische Überlegungen für Deutschland aber nicht uninteressanter.

Der Romanheld François ist ein typischer Vertreter der liberalen republikanischen Gesellschaft. Der 43jährige Literaturwissenschaftler und Professor an der Pariser Sorbonne verdankt seine akademische Karriere jenem System aus Resten von sozialdemokratischen Werten und gewissen sozialen Vergünstigungen. Trotzdem ist er weitestgehend unpolitisch und steht allem eher desinteressiert gegenüber. Houellebecq beschreibt hier sehr pointiert die herrschende Agonie in der französischen Gesellschaft und Politik, die nun aber durch das Erstarken der Rechten, offen ausgetragene ethnische Spannungen und das Auftauchen der gemäßigten Muslim-Bruderschaft neue Impulse erhält.

François ist einer der typischen, männlichen Charaktere, wie sie Houellebecq zu Hauf in seinen Romanen beschrieben hat. Er ist opportunistisch, sexuell frustriert und pflegt keine nennenswerten sozialen Kontakte außer den wechselnden Semesterliebschaften mit seinen Studentinnen. Nur die Literatur und seine enge Verbundenheit zu dem Schriftsteller Joris Karl Huysmans, einem Vertreter der Epoche der sogenannten Décadence, haben ihm bisher Halt gegeben. In einer Phase der Enttäuschung und Orientierungslosigkeit hatte dieser sich dem Katholizismus zugewandt. François spirituelle Sinnsuche im Kloster scheitert aber an seiner inneren Leere und lässt ihn schließlich aus ganz materiellen und körperlichen Beweggründen zum Islam konvertieren.

Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg spielt in der Regie von Intendantin Karin Beier der bekannte Film- und Theaterschauspieler Edgar Selge diesen innerlich abgestumpften und äußerst widersprüchlichen Charakter. Seine Verwahrlosung macht sich schon allein äußerlich bemerkbar. Selge trägt zunächst Parker zu wirrem Haarschopf und einen nichtssagenden, beigen Anzug. Die Ähnlichkeiten zum Autor Houellebecq sind hier sicher nicht rein zufällig. Er spielt vor dem durch eine Sperrholzwand geschlossen Bühnenraum, in die Olaf Altmann eine drehbare Trommel mit kreuzförmiger Öffnung gebaut hat. Das sich beständig drehende Symbol des christlichen Glaubens wird von Selge immer wieder beklettert. Hier macht er es sich bequem. Ändert das Kreuz die Lage, passt sich der Schauspieler an oder verlässt den einengenden Raum.

Edgar Selge bestreitet den Abend solo, was kein Problem ist, da Houellebecqs Roman ein eloquent erzählter Strom aus François‘ Gedanken und einigen wenigen Dialogen ist. Seine Gesprächspartner mimt Selge mit teils verstellter Stimme oder einer Änderung der Körperhaltung, die das Gegenüber charakterisieren soll. Das funktioniert über weite Strecken des gut zweieinhalbstündigen Abends, auch wenn Selges Vortrag oft ein wenig zu sehr in den ironischen Plauderton kippt. Er stellt die Figur aus, gibt sie vielleicht sogar ein wenig der Lächerlichkeit Preis. Die zeitweise recht sarkastischen Äußerungen François‘ z.B. zum Patriarchat oder seine Pseudophilosophien über Kochtopffrauen und Dirnen geben dazu allerdings auch jeden erdenklichen Anlass.

François ist der Sklave seiner sexuellen Phantasien und allen erdenklichen erotischen Reizen zugetan. Die expliziten Sexschilderungen mit seiner jüdischen Ex-Freundin Miryam und etlichen Escort-Damen erspart uns Selge nicht. Ansonsten ergeht sich der sehr ich-bezogene Mann seinem Selbstmitleid, alltäglichen Lebensplagen wie seinem verhassten Lehr-Job an der Uni, der Angst vorm Älterwerden ohne Partner und kleineren körperlichen Gebrechen wie Hämorriden und Ausschlag an den Füßen. Selge schmiert sich Salbe an die Füße und ins Gesicht und gibt damit eine grotesk clowneske Figur ab. Er schleppt Einkaufstüten in sein Kreuzverließ, isst, trinkt Wein und verfolgt den sich vollziehenden Wandel als passiver Teilnehmer am Fernseher oder in Gesprächen mit Kollegen.

Bei all dem sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass es außer um die Lebenskrise eines mittelmäßigen westlichen Mannes ohne besondere Eigenschaften, sieht man mal von seinen intellektuell verbrämten Machismen ab, auch um einen gesellschaftlichen Wandel geht. Der vollzieht sich im Roman wie auf der Bühne nach der großen Koalition aller Parteien mit dem neuen Staatspräsidenten Ben Abbés ohne große Aufregung. Etwas, das vor allem François auffällt: Die Frauen verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Aus der Uni ausgeschieden begegnet er dem Präsidenten der jetzt islamischen Sorbonne, Robert Rediger, einem ehemals konservativen Katholiken und Nietzscheaner, der ihm schmeichelt und ihn bei seinem Ego packt. Die Aussicht auf Geld und ein unkompliziertes, patriarchal organisiertes Eheleben mit drei Frauen machen es François leicht, sich einem Gott zu unterwerfen. Echte spirituelle Gedanken spielen bei der Abwendung vom Laizismus allerdings kaum eine Rolle.

Selge legt nach und nach seine Kleider ab, ein Prozess des inneren wie äußeren Verfalls und der Auferstehung im reinen Weiß eines unbeschriebenen Blattes. François hat nichts zu bereuen und sieht in der Konversion eine zweite Chance für sein verkorkstes Leben. Das Trommelkreuz fährt nach hinten weg und lässt ein großes Loch. Dass nun auch noch die vorher schon desöfteren erwähnten Burka-Mädchen auftauchen und die Bühne leer räumen, ist nur ein Verweis auf Kommendes, das zu diskutieren die Regisseurin allerdings unterlässt und sich ganz auf die Kunst ihres Mimen verlässt.



Unterwerfung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg | Foto (C) Klaus Lefebvre

Stefan Bock - 8. Februar 2016
ID 9121
UNTERWERFUNG (Deutsches SchauSpielHaus, 06.02.2016)
Regie: Karin Beier
Bühne: Olaf Altmann
Licht: Rebekka Dahnke
Kostüm: Hannah Petersen
Dramaturgie: Rita Thiele
DEA war am 6. Februar 2016
Weitere Termine: 10., 16., 17. 2. / 3., 16., 26. 3. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.de


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