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Uraufführung

Konspiration

& Krinolinen

LIBERTÉ von Albert Serra


Ingrid Caven in Liberté von Albert Serra an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Román Yñan

Bewertung:    



Timo Feldhaus fragt (in einem Videoschnipsel auf der neuen VB-Website) Helmut Berger, ob der Künstler Albert Serra eigentlich ein Dandy sei. Auf diese Frage kontert ihm der Angesproch'ne: "Was heißt Dandy?", und er wirkt (in diesem Videoschnipsel) ruhig und ausgeglichen. Der noch heute als wohl schönster Schauspieler der 1970er herbeierinnerlichte Superstar (Die Verdammten, Ludwig II., Gewalt und Leidenschaft - alles unter der Regie seines vormaligen Intimgefährten Luchino Visconti) wirkt nach den weit über zweieinhalb gespielten pausenlosen Stunden irgendwie erledigt, kann sich kaum mehr auf den Beinen halten, aber: Er hält tapfer durch, und der beträchtlich für ihn zugeteilte Rollentext wird von ihm pannenlos gesprochen. Das ist wahrlich nicht zu unterschätzen; immerhin zog sich der Star schon zur Jahrtausendwende von der Filmschauspielerei zurück; nur ab und an brachte er sich dann noch in eigentlich vergessenswerten Gastauftritten (beispielsweise als Galan in Garretts stümperhaftem Teufelsgeiger oder als alternder Modezar Yves Saint Laurent) kurz in Erinnerung - von seinem mehr als peinlichen Mittun im siebten Dschungelcamp von RTL ganz abgesehen.

Berger spielt in Serra's hochbarocktableau'nem Liberté den (historisch existiert habenden?) "Außenseiter" Duc de Walchen, einen syphilitischen Ex-Liebsten Friedrichs des Großen, wie ich das lt. Text so 'rausgehört zu haben meinte oder so.




Helmut Berger (li.) in Liberté von Albert Serra an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Román Yñan


Und überhaupt:


"Anno 1774, kurz vor der Französischen Revolution. Irgendwo zwischen Potsdam und Berlin entkommt eine Gruppe französischer Libertins der neuen ultrakonservativen Regierung Ludwigs des XVI. Gemeinsam treffen sie sich mit dem legendären deutschen Freidenker und Verführer Duc de Walchen (Helmut Berger). In einem Land, das von einem bigotten Tugendregime beherrscht wird, haben die von der durchtriebenen Duchesse de Valselay (Ingrid Caven) geführten Expats eine Mission: die Libertinage nach Deutschland zu exportieren, eine Philosophie, die auf der Ablehnung moralischer Grenzen und Autoritäten beruht. Auf der Suche nach Partnern entdecken die Expats, dass diese verkommene Parklandschaft der Treffpunkt einer Gruppe dekadenter lokaler Libertines und freidenkender Höflinge Friedrich des Großen ist. Doch da die eigentümlichen Deutschen für einen derartig radikalen Trend noch nicht zu begeistern sind, entwickelt die ehrgeizige Herzogin de Valselay raffinierte Strategien zur besseren Vermarktung der Libertinage..."

(Quelle: volksbuehne-berlin.de)


Geniale Idee: Französische Freiheitsverfechter, die mit ihrem Freiheitsdrängen auf Französisch nicht mehr weiter durften/konnten/wollten, tragen das von ihnen so Verfochtene als exportabeles Experiment in deutsche Lande - stellen allerdings dann fest, dass dort (wobei ja Preußen nicht gleich Deutschland, was es damals noch nicht gab, bedeuten sollte) eine "Nachfrage" nach Diesbezüglichem nicht/noch nicht existierte; daher reduzierten sie ihr Angepriesenes als reinen LUST-Exportschlager etc. pp.

Die Dialoge, die der Serra sich da ausdachte, werden von dem vorzüglichen Ensemble (Profi's als wie Laien) in 'nem theoretisch-essayistisch anmutendem Grundton abgehalten; und trotz dass es scheinbar jede Menge Mikrofone zur Verstärkung dieser insgesamten Flüster-Orgie gibt, will sich die Tontechnik partout nicht auf hörbar-verstärkte Pegel einlassen, will sagen, dass das Meiste "unverständlich" bleibt und zu teils wütenden Unmutsbekundungen bei der Premiere führt. Egal.




Liberté von Albert Serra an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Román Yñan


Die Wirkungen (akustisch, bildlich, emotional) sind schier verblüffend!!!

Auf der unablässig mit dezentem Vogelgezwitscher zu-naturierten und mit "dunk'lem" Morgen-/Abenddämmerlicht verseh'nen Bühne von Sebastian Vogler werden unablässig Sänften hin und her getragen. Darin sitzen Ingrid Caven (als verstoßene Mätresse de Valselay) oder Anne Tismer (als Comtesse de Weinsbach) oder Jeanette Spassova (als deren Cousine) - grandiose Superweibervorstellungen mit gepuderten Perrücken und sperrigen Krinolinen von Kostümdesignerin Rosa Tharrats!!! Ja und Johanna Dumet und Ann Göbel und Leonie Jenning komplettieren jenes hochbarock sich brüstende Sextett französisch-deutscher Extremistinnen. Es gibt dann (außer Helmut Berger) nur noch vier geschlechtsergänzende Akteure: Stefano Cassetti (als Graf von Tesis), Günther Möbius (als Geschäftsmann Wand) und Laurean Wagner / Catalin Jugravu (als zwei Diener)...

Übrigens: Sofort nachdem der Vorhang hebt und jenes sensationelle Bühnenbild mit all seinem cinemaskopischen Naturalismus ausgebreitet liegt, assoziiere ich die Grundstimmung aus Stanley Kubricks Barry Lyndon (1975), auch so einem Hochbarock-Produkt, das seinem Schöpfer damals allerdings kein großes Glück bescherte.

*

Liberté ist sicherlich der erste Groß-Coup von Chris Dercon, seit er nachvollziehbar ungeschickt wie "unglücklich" das VB-Erbe von Frank Castorf angetreten hatte - und obgleich die Klientel im Großen Haus seither natürlich und selbstredend eine völlig andere und völlig fremde ist.




Schlussbild aus Liberté von Albert Serra an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Román Yñan

Andre Sokolowski - 23. Februar 2018
ID 10548
LIBERTÉ (Volksbühne Berlin)
Regie: Albert Serra
Künstlerische Mitarbeit: Montse Triola
Bühne: Sebastian Vogler
Kostüme: Rosa Tharrats
Licht: Johannes Zotz
Video: Artur Tort, Ariadna Ribas und Xavier Pérez
Musik: Marc Verdaguer
Dramaturgie: Giulio Bursi und Alan Twitchell
Mit: Ingrid Caven, Helmut Berger, Stefano Cassetti, Johanna Dumet, Ann Göbel, Leonie Jenning, Catalin Jugravu, Günther Möbius, Jeanette Spassova, Anne Tismer und Laurean Wagner
Uraufführung war am 22. Februar 2018.
Weitere Termine: 24., 25.02. / 04., 22., 23.03.2018
Im Kontext von Liberté präsentiert die Volksbühne außerdem vom 23. Februar bis 11. März Albert Serras 101 Stunden langen Film Three Little Pigs, entstanden im Rahmen der dOCUMENTA (13), sowie am 27. Februar seinen Film Historia de la meva mort (Story of My Death) über die letzten Tage Casanovas.


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

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