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56. Berliner Theatertreffen

THEATER BASEL

mit TARTUFFE ODER DAS SCHWEIN DER WEISEN


Bewertung:    



Wer Mumpitz bestellt, wird Mumpitz bekommen. So ist das leider oft mit den Auftragswerken. Der deutsche Popmusiker PeterLicht hat für das Theater Basel Molières Komödie Der Tartuffe oder Der Betrüger gänzlich neu überschrieben. In Basel, wo auch Simon Stones mit Neologismen überhäufte und eben beim THEATERTREFFEN gezeigte Eigenkreation Hotel Strindberg nach Motiven von August Strindberg herkommt, scheint man diese Art der Neudichtung alter Dramentexte besonders zu lieben. Mit Regisseurin Claudia Bauer hat PeterLicht hier bereits Der Menschen Feind nach Molière herausgebracht. Allerdings wird auch in seiner Version Tartuffe oder das Schwein der Weisen zum Teil doch recht sinnfrei schwadroniert. Das Basler Theater und die tt-Jury sprechen von einer entlarvenden bzw. sogar ethischen Sprachkritik. Lichts Text reproduziert dabei aber am laufenden Band nur einen unsäglichen Neusprech-Sprachmüll, der mit Schlagworten wie „geil“, „ungeil“ oder „okay“ schon wieder mindestens eine Sprachgeneration hinterherhinken dürfte.

*

Auch wenn der Inszenierung eine „rasante Komik, in deren bunter Pop-Optik der Betrug umso heller leuchtet und schließlich explodiert“ attestiert wird - sehr hell ist das, was PeterLicht hier sein Dramenpersonal in modernen Worten sagen lässt, nicht gerade, auch wenn es bisweilen ein paar lichte Momente gibt. Gleich zu Beginn etwa, wenn chorisch ein Prolog über den Betrug vorgetragenen wird. Licht nennt ihn „ein Festival der Uneigentlichkeit“. Ein hübsches Motto, das sich der Theaterabend da auf die Fahne geschrieben hat. Es geht darum, wie sich „beide weltgetränkten Substanzen (Unwahrheit und Wahrheit) vermischen“ und wieder voneinander trennen, so wie das Essig mit dem Öl in einer Salatsoße oder eben im Weltgeschehen. Eine Metapher wie abgestandene Salatsoße, die vor sich hin gärt und das Übel schon in sich trägt. Der Genuss macht nicht nur Magenprobleme. Das Durcheinander, was hier im Reich der Lüge beschworen wird, erzeugt auch reichlich Kopfweh.

„Der Betrug ist eine Unterart der Kommunikation. Ohne Kommunikation keine Lüge.“ heißt es weiter. Und das erzeugt ordentlich Sprachdiarrhö, die dann wie ein Pollesch auf Speed über dem verdutzen Publikum ausgekübelt wird. Das verblüfft im ersten Moment schon, wenn Katja Jung als HerrFrau Pernelle mit dem in bunten Barock-Kostümen steckenden Ensemble über das Drinnen- oder Draußensein parliert, nutzt sich dann im Laufe der Zeit aber durch eine unnötig penetrante Redundanz ziemlich schnell ab. Durch jede Menge mimischen und gestischen Slapstick und eine Sprachkomik, die sich aber zumeist in den ständig wiederholten Schlagworten, einem „Hä“, als Ausdruck des Nichtverstehens, oder „Okay, versteh“ erschöpft, ist die Sättigungsrate schnell erreicht.

Hausherr Orgon (Florian von Manteuffel), wie alle hier in der Verniedlichung nur „Orgi“ genannt, in dessen Sonnenlicht alle tanzen, schwelgt von sich auch als Mann der ausbalancierten Mitte, was man getrost als medioker oder einfach nur fad bezeichnen kann. Er hat jenen, mal als geil bzw. ungeil bezeichneten Tartuffe oder „Tüffi“ in den heimischen Sozialbezug angeschleppt, um die Seinen mal ordentlich durch-„kontextualisieren“ zu lassen. Was damit eigentlich gemeint ist, wird klar, wenn er einen Zusammenhang zwischen Tüffi und seiner Tochter Mariane (Leonie Merlin Young) herstellen will, was in einem irrwitzigen Disput über Nasenhaar-Extensions mündet, oder auch seine Frau Elmi (Myriam Schröder) zum Tüffi in den „Workshop“ schickt. Einige der eifrig diskutierenden Mitglieder oder besser -esser des Orgon-Haushalts bezeichnen ihn als Heuchler, die anderen aber, wie der Orgi selbst, als den Erlöser aus der eigenen Mittelmäßigkeit ihres „Okay"-Reigens.

Das Stück spielt sich ab vor einer drehbaren Hauskulisse mit Fenstern, Türen und einem Spiegel, dahinter schaut man in die Theatermaschinerie, was zur Livekamera noch zusätzlich Metaebene schreit. Claudia Bauer versucht dem Ganzen wie immer einen recht musikalischen Rahmen zu geben, was ihr halbwegs gut gelingt. Musik und Songtexte stammen vom Autor selbst. Orgi singt z.B. von sich als Leihbonbon im Lande der Lutscher. Beim Höhepunkt langt die Inszenierung schließlich kurz vor der Pause an, wenn der Tartuffe (Nicola Mastroberardino) mit Schweinsmaske im schmuddeligen Fatsuit und raushängendem Penis auftaucht und die vor Ekel fasziniert faselnde Gesellschaft laut quiekend zusammenbrüllt (Henning Nierstenhöfer an der Posaune).

* *

Nach der Pause bekommt dann das Schwein Tüffi zwar auch eine halbwegs verständliche Stimme, deren Output sich aber in intellektuell sehr begrenztem Rahmen hält und den Penis als eine weitere, „ausstülpende“ Sprachmetapher im Munde führt. Schwein Tüffi entpuppt sich mit seinem Motto „Penis als Chance“ als betrügerischer Sex-Schamane, der die „Penisgeneigtheit der Welt“ und das maskuline Prinzip der „kapitalistischen Ausstülpungslogik“ verkörpert. Autor Licht verbindet hier Kapitalismuskritik mit Schwanzvergleich. Da ist der Abend zwar endlich bei einem durchaus interessanten Thema angelangt, walzt sich dann aber doch in nicht enden wollenden Sprachblasen und einem metahaften Theater-Maskentanz bis zum bitteren Ende, bei dem die übertölpelten Kursmitglieder vom Guru zur Kasse gebeten werden und einfach wie bisher weitermachen, sprich von vorn beginnen. Das ist in einer neoliberalen, zur totalen Selbstoptimierung neigenden Gesellschaft zwar kontextueller Konsens. Beim Content hängt der Abend aber wie Tüffis Gemächt ziemlich durch.



Tartuffe oder das Schwein der Weisen am Theater Basel | Foto (C) Priska Ketterer

Stefan Bock - 16. Mai 2019
ID 11416
TARTUFFE ODER DAS SCHWEIN DER WEISEN (Haus der Berliner Festspiele, 14.05.2019)
Regie: Claudia Bauer
Bühne Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Licht: Cornelius Hunziker
Musik: PeterLicht
Arrangement und Musikalische Leitung: Henning Nierstenhöfer
Bildregie: Anne-Kathrine Münnich
Livekamera: Julian Gresenz
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Herr Frau Pernelle ... Katja Jung
Orgon ... Florian von Manteuffel
Elmire ... Myriam Schröder
Damis ... Mario Fuchs
Mariane ... Leonie Merlin Young
Cléante ... Max Rothbart
Dorine ... Pia Händler
Tartuffe ... Nicola Mastroberardino
Filipote/Livemusik ... Henning Nierstenhöfer
Uraufführung am Theater Basel: 14. September 2018
Gastspiel zum 56. Berliner Theatertreffen


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-basel.ch/


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