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nachDRUCK # 6

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Neue Stücke

europa flieht nach europa

von Miroslava Svolikova


Bewertung:    



Das Finale der AUTORENTHEATERTAGE BERLIN bestritten wie in jedem Jahr die drei PreisträgerInnen des Uraufführungsfestivals, die von einer Jury aus einer Vielzahl von Einsendungen ausgewählt und mit einer Uraufführung prämiert wurden. Die koproduzierenden Theaterhäuser (Burgtheater Wien, Schauspielhaus Zürich und Deutsches Theater Berlin) übernehmen die Inszenierungen dann für ein Jahr in ihre jeweiligen Spielpläne, was eine große Chance für die preisgekrönten AutorInnen darstellt. Die Premieren der drei Uraufführungen fanden dann an zwei Tagen in der sogenannten "Langen Nacht der AutorInnen" statt - wobei man gleich zu Beginn eine gravierfende Einschränkung machen musste, denn: Im Falle der Aufführung von Björn SC Deigners Stück In Stanniolpapier (in einer Fassung des zusätzlich als Regisseur wie als Bühnenbildner fungiert habenden Sebastian Hartmann) hatte sich die Jury von der ihrer Meinung nach sinnverdrehenden und vom Stücktext abgekoppelten Inszenierung distanziert und hinter den Autor gestellt; eine durchaus verständliche Reaktion auf eine den jungen Autor nicht ernst nehmende Vorgehensweise, für die man allerdings im Nachhinein in erster Linie die Verantwortlichen des Deutschen Theaters in die Pflicht nehmen müsste.

*

In diesem Jahr hätten die Stücke wie auch die Inszenierungsstile kaum unterschiedlicher sein können. Wirklich überzeugen konnten sie allerdings in keinem der drei zur Aufführung gekommenen Texte. Noch am ehesten für die Bühne geeignet erwies sich dabei das Stück europa flieht nach europa von Miroslava Svolikova, die bereits bei den letzten AUTORENTHEATERTAGEN mit einer Inszenierung ihres Stücks unter dem kryptischen Titel Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt vom Schauspielhaus Wien (ebenso wie diesmal in Regie Franz-Xaver Mayrs) am DT Berlin gastierte. Schon da ging es am Rande um Europa - einem Thema, das gerade Hochkonjunktur in den Theatern hat. Ob nun Europa verteidigen oder Die Entführung Europas; es "europat" gewaltig auf deutschsprachigen Bühnen. So auch hier.

Und weil es am Schauspielhaus so gut lief, übernahm Franz-Xaver Mayr also auch diesmal wieder die Regie des für das Burgtheater Wien inszenierten Stücks, dessen Grundlage ein allgemeines Trauma ist, das Svolikova textlich in ein „dramatisches gedicht in mehreren tableaus“ gegossen hat und das Mayr dann auch so auf die Bühne stellte:

Burgactriese Dorothee Hartinger gab die lykische Königstochter Europa, die zu Beginn noch mal die Geschichte mit der Entführung durch den als Stier getarnten Göttervater Zeus erzählte, das Ende aber zum Triumph für sich ummünzte, indem sie vom Erdolchen des Stier berichtete und uns den blutigen Kopf hinhielt. Die Gründung des Kontinents Europas als Akt der Befreiung mit anschließender Prophezeiung einer Utopie von Liebe und Hoffnung und nicht als Landnahme mit Blut und Gewalt. Dass es anders gekommen war, davon zeugte die Geschichte, die hier nun als Ball und sogenannter „Karneval der Wirklichkeit“ vorgeführt wurde. Dazu traten ein blutrünstig dreinschauender König, die Schwestern der Zeit, Gelehrte, Bauern, ein Conquistador, mehrere Geistliche und eine Putzkolonne auf, die sich zu immer neuen Tableaus formierten und Svolikovas ironischen Text mal Solo und mal im Chor vortrugen. Eine dankbare Textfläche, die sich wie schon Thomas Köck´s die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!) stilistisch an Elfriede Jelinek orientierte, aber nie deren Höhe erreichte. Eine Bestandsaufnahme europäischer Befindlichkeiten, in deren Mittelpunkt die personifizierte Europa als säugende Übermutter alle Klagenden an die Zitzen unter ihrem Sissy-Reifrock holen wollte. Doch für alle reichte es bekanntlich nicht. Der Ruf nach Gerechtigkeit für alle wurde von einem im puscheligen bunten Lametta-Kostüm auftretenden Schauspieler auf die sechs Farben des Regenbogens reduziert, der bei allzu großem Druck ins Braune überschlug.

In Mayers Inszenierung kalauerte sich das bunte Bühnenkabarett von einer Bob-Marley-Karaoke mit "Is this Love" über wortakrobatische Chorpassagen und einer Yoga-Gruppentherapie bis zum finalen "My Loneliness is killing me" aus Britney Spears Hit Baby One more Time. Europa wurde einfach nicht fertig mit ihren aufmüpfigen Kindern und schlussendlich von ihnen in Stücke gerissen. Nicht ganz so arg war das Treiben auf der Bühne von Michela Flück, die einen Tempel mit großem Tor zeigte, der auch gut ein Augiasstall, den einfach mal einer ausmisten müsste, hätte sein können. Köpfe fielen und wuchsen dafür in Svolikovas Text immer wieder nach.

Ein vielstimmiges Rufen im Walde, das hier noch recht folgenlos blieb.



europa flieht nach europa von Miroslava Svolikova - uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater Wien

Stefan Bock - 23. Juni 2018
ID 10773
EUROPA FLIEHT NACH EUROPA (Deutsches Theater Berlin, 22.06.2018)
Regie: Franz-Xaver Mayr
Bühne: Michela Flück
Kostüme: Korbinian Schmidt
Musik: Levent Pinarci
Licht: Norbert Gottwald
Dramaturgie: Florian Hirsch
Mit: Sven Dolinski, Alina Fritsch, Dorothee Hartinger, Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Marie-Luise Stockinger
Uraufführung war am 22. Juni 2018.
Eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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