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die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)

von Thomas Köck


Bewertung:    



Klagechöre sind wieder stark in Mode auf deutschsprachigen Bühnen. Nach seiner Klimatrilogie, mit deren dritten Teil paradies spielen (abendland. ein abgesang) Thomas Köck gerade erst den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen hat, legt der junge, aufstrebende österreichische Dramatiker mit einer postheroischen Schuldenkantate namens die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!) nach.

Klagt, Kinder, klagt es aller Welt, heißt es auch in einer verschollenen Trauerkantate von Johann Sebastian Bach, die in rekonstruierter Fassung auch in der Inszenierung des Autors und seiner Co-Regisseurin Elsa-Sophie Jach für das Schauspielhaus Wien anklingt. Bachs Librettist Picander textete damals: „Die Jugend rühmt, die Alten preisen / Das unser Land und ihre Zeit / So viele Gnad und Gütigkeit / Von Unserm Fürsten aufzuweisen.“ Der Text beklagte einen gefallenen Landesfürsten, also das Fehlen eines starken Mannes. Aber das Patriarchat alter weißer Männer ist bekanntlich am Ende. So singt es zumindest Christiane Rösinger am Ende des Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, wo Köcks Stück bei den AUTORENTHEATERTAGEN zur Aufführung kam.

Das vergangene Maß aller Dinge liegt nun hier in Leichensäcken auf der Bühne, die wie ein antiker Tempel oder eine Agora aufgebaut ist, und „Was jetzt kommt“, wie es bei Rösinger heißt, ist dann tatsächlich auch nicht so schön aus Sicht der Alten, denen die Jungen nun in Gestalt eines 14-köpfigen Chors den Schuldenmarsch blasen werden. Wer das immer schon kommen gesehen hat, ist die unermüdliche Seherin Kassandra, der aber bekanntlich nie jemand zugehört noch geglaubt hat. Schauspielerin Sophia Löffler trägt im blauen Abendkleid ein Mär von der finsteren Stadt vor, deren Geschichte in einem uralten Buch steht, das man ausgegraben hat, aber nicht mehr zu lesen vermag. Es handelt von dem Drang nach Licht, das die Finsternis auf Dauer erhellen soll und nichts anderes als der unaufhaltsame Fortschritt ist. Ein wenig Kritik der Aufklärung, deren Licht die Freiheit von der selbstverschuldeten Unmündigkeit sein sollte und doch immer auch Verblendung war.

Ein Erbe also aus finsteren Tagen, und da hat man dann auch schon ein paar der Themen zusammen, die Köcks an Elfriede Jelinek erinnernder Textschwall aufwirft und im Stile eines Pollesch-Abends für Solo mit Chorbegleitung ans Publikum bringt. Dazu hat sich der Autor in seiner Regieanweisung eine Schauspielerin, einen Chor schwererziehbarer ErbInnen, einen bionischen Vogel und nach Belieben eine Drohne gewünscht und sich auch selbst geschenkt. Ein Vogel flattert aufgezogen umher und stürzt dabei immer wieder zu Boden. Eine kleine Kamera-Drone schwebt ebenfalls ferngelenkt über der Szenerie, die der Chor aus Wiener Jugendlichen mit seinem Klagegesang über die ungerechte Verteilung des Erbes immer mehr an sich reißt. Mehr ein Wutchor also, der schließlich auch zur Tat mit Baseballschlägern schreitet und die Seherin bedrängt, die beteuert nicht die Mutter dieses überprivilegierten Teenagerwesens zu sein und es schnell in verschiedene Erben-Kategorien aufteilt.

Verteilungsprobleme hatte auch schon das Performance-Kollektiv She She Pop in seinem an Brecht orientierten Oratorium übers Erben behandelt. Nie ist so viel vererbt worden, wie im Moment, das gilt nicht nur für Österreich, dessen Jung-Kanzler Kurz hier vom Band über die Ungerechtigkeit der Erbschaftssteuer referiert, während Sahra Wagenknecht mit der Erkenntnis aufwartet, dass heute immer noch dieselben Familien in Florenz den größten Reichtum besitzen wie zu Zeiten der Medici. So eine Rechnung wird auch in Köcks Text aufgemacht. Verteilungsungerechtigkeit zwischen den Generationen und Schichten der europäischen Bevölkerung bleibt das große Thema dieser Tage, das von rechts wie links befeuert wird, während andere Verlierer von globalen Verteilungskämpfen an Europas Türen klopfen oder sie nach Maßgabe der vermeintlich Abgehängten eigentlich schon eingerannt haben. Da darf dann auch Trump samt Sippschaft nicht fehlen. Köck macht hier einen Exkurs in den 68. Stock des Trump Towers, wo ein kleiner Junge über sein Erbe nachsinnt.

Was da nun so genau vererbt wird, auch darüber lässt sich Köcks Text etwas vage aus. Neben dem Geld der Elterngeneration sind das natürlich auch das ökologische Erbe der Welt, um das es nicht so gut bestellt ist, und eine immense Staatsverschuldung. Ob man dieses Erbe nun antreten will oder sich in den Clinch mit den Verflossenen begibt, das wird bei einem Boxkampf mit den Leichensäcken ausgetragen. „What the fuck“, „Wasted“ „Hate it“ oder „Game over“ steht auf den Bomberjacken der Chormitglieder. Ein „No Futur“ darf natürlich auch nicht fehlen. Nun ist die Zukunft in der Hand von Geistern, deren Spur man folgen soll. Das wird dann nicht nur zu einem grammatikalischen Zeitformproblem, sondern vor allem zur kalauernden Wortspielerei, der sich der Mittelstandschor als antikes Weltopfer am Ende der Geschichte ziemlich planlos mit apokalyptischer Sehnsucht ergibt. „Nothing ist written in the Stars“, ertönt es mit der Band Phantom Ghost von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Da will man wohl doch nichts dem unsicheren Orakeln einer Seherin überlassen. Wohin diese Zukunft, die nur in der Vergangenheit gefunden werden kann, führen soll, steht im nicht lesbaren Buch vom Ende der Nacht, das wie ein verirrter Roboter im Sonnensturm die Zeiten und Menschen überdauern wird. Aber zumindest hat es 90 Minuten lang ganz lustig gefunzelt.



die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!) von Thomas Köck am Schauspielhaus Wien | Foto (C) Matthias Heschl

Stefan Bock - 20. Juni 2018
ID 10766
DIE ZUKUNFT REICHT UNS NICHT (KLAGT, KINDER, KLAGT!) | Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin, 18.06.2018
Regie: Thomas Köck & Elsa-Sophie Jach
Bühne: Stephan Weber
Kostüme: Giovanna Bolliger
Dramaturgie: Anna Laner
Mit: Sophia Löffler sowie Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Lena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger (als Chor)
Uraufführung am Schauspielhaus Wien: 9. November 2017
Gastspiel des Schauspielhaus Wien zu den AUTORENTHEATERTAGEN BERLIN


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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