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Uraufführung

Armin Petras adaptiert Frank Witzels BRD-Roman



Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Thomas Aurin

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Schon der Titel ist Ungetüm und Zumutung, das über 800 Seiten starke Buch Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 von Frank Witzel erst recht. Für seinen Roman über einen dreizehneinhalbjähiger Teenager und seine Sicht auf die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse des Sommers 1969 in der alten Bundesrepublik bekam Witzel 2015 den Deutschen Buchpreis. Zwar ist die RAF immer wieder Thema von Büchern und Filmen, jedoch hat es etwas gedauert, bis die Aufarbeitung der bundesdeutschen Nachkriegszeit so richtig in Gang gekommen ist. Regisseur Armin Petras und Dramaturgin Maja Zade sicherten sich mangels eines entsprechenden Theaterstücks schon rechtzeitig die Bühnenrechte an Witzels Roman. Die Uraufführung ihrer Romanbearbeitung feierte nun an der Berliner Schaubühne ihre Premiere.

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Über die Geschichte der untergangenen DDR wurden schon einige Romane geschrieben und für die Bühne bearbeitetet. Auch Armin Petras hat hier Beiträge geleistet, wie etwa eine Adaption des Buchpreis-Romans Der Turm von Uwe Tellkamp für das Staatsschauspiel Dresden, oder von Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel für die Schaubühne Berlin. An den Theatern Gera, Magdeburg und Potsdam gab es kürzlich Bearbeitungen von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso. Ob und warum es tatsächlich kaum Dramen zur Geschichtsaufarbeitung von BRD und DDR gibt, lässt sich sicher nicht abschließend klären. Jedoch wäre Armin Petras‘ Autoren-Alter-Ego Fritz Kater dazu sicher auch in der Lage. So kann man sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben durchaus als ein ostdeutsches Pendant zu Witzels Roman lesen. Zumindest dürfte dem Regisseur Armin Petras der wilde, ausufernde Erzählstil von Frank Witzel sehr liegen.

Zunächst fällt aber vor allem das Bühnenbild von Katrin Brack auf, das aus vielen kleinen Kinder- und großen Erwachsenen-Schaufensterpuppen besteht, die im Stil der 1960er und 70er Jahre gekleidet sind. Neben der angedeuteten Kleinstadt-Familienkonstellation sicher auch ein Verweis auf den Frankfurter Kaufhausbrand aus den frühen Jahren der RAF. Im Programmheft ist die Rechtfertigung Warenhausbrandstiftung der damals noch nicht aktiv beteiligten Journalistin Ulrike Meinhof abgedruckt, und in der Inszenierung spricht Jule Böwe Passagen daraus. Meinhofs Text Aktenzeichen XY - aufgelöst - ebenfalls im Programmheft abgedruckt - ist auch so ein Verweis auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände der alten Bundesrepublik.

Frank Witzel beruft sich in seinem Roman auf Symbole und „Narrative der Bundesrepublik“ wie Marken und Produkte oder das kultische Sehen von Fernsehsendungen. Schon die Eingangssequenz einer Verfolgungsfahrt in einem Auto Marke NSU Prinz (gebaut 1958-1973) ist voll davon. Wir bekommen sie in der Schaubühne von dem fünfköpfigen Schauspielensemble, Jule Böwe und Tilman Strauß (von der Schaubühne) sowie Julischka Eichel, Paul Grill und Peter René Lüdicke (vom Schauspiel Stuttgart) in grünen Pullis und Jeans frontal in verteilten Rollen erzählt. Tilman Strauß spielt sich immer mehr in die Figur des namenlosen Teenagers hinein. Die anderen geben Freunde, Eltern, Pfarrer, Psychologen oder die mysteriöse Frau von der Caritas, die die kranke Mutter ersetzt.

Im Kleinstadtmief der 1960er Jahre in der bundesdeutschen Provinz fantasiert sich der Teenager aus Witzels Buch die ihn umgebende Welt als cooles Ritter-, Cowboy- und Indianerspiel, in dem er selbst bald die Übersicht verliert und psychisch abstürzt. Bei ihm ist Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung und Gudrun Ensslin nur eine detaillose Indianersquaw aus einer Wundertüte. Das Ensemble trägt in Schlafanzügen die Stationen der Kindheit des Protagonisten vor und spielt einige Szenen aus dem recht unübersichtlichen Plot aus 98 Kapiteln mit vielen Zeitsprüngen und Wechseln des Erzählstils, bestehend aus verhörartigen Gesprächen, Therapiesitzungen, eingangs erwähnten Action-Szenen, inneren Monolog und philosophischen Abhandlungen.

Das alles kann eine Theaterinszenierung natürlich kaum innerhalb von knapp zweieinhalb Stunden bewältigen. Petras konzentriert sich dann auch nur auf die Geschichte des Heranwachsenden und lässt die zurückblickende Perspektive des Erwachsenden etwas aus dem Blick. Als Unterstützung hat sich der Regisseur die Stuttgarter Postrockband Die Nerven geholt, die gut abgehangene Rockmusik im Stile der 68er-Zeit spielt, aber auch den Schritt vom Hippietum der 60er zum Hardrock der 70er vollzieht. Für Witzel auch der Übergang der RAF von den Anfängen zum Weg in den Untergrund.

Dagegen verschneidet Petras Szenen aus dem spießigen Familienleben mit Schlagern von Willy Schneider, die Paul Grill hinrappt, und der von Tilman Strauß vorgetragenen Philosophie der Durchreiche in der Wohnkultur der 1950er Jahre. Eine Slapstickparade aus witzigen Szenen mit Polizeimützen, Uniformen, Indianerkopfschmuck und einer Polonaise durch den Schaufensterpuppen-Parcours. Es fehlt nur noch eine Wasserpistole und echte Silly-Putty-Knete. Wie ein Kaleidoskoprohr nach dem Schütteln immer wieder ein anders Bild ergibt, verändert sich auch mehrfach die Perspektive des Teenagers zu seiner Geschichte, was Petras eben in ein etwas zielloses Aneinanderreihen von Best-of-Szenen übersetzt. Erwähnenswert sind da die Interpretation des Beatles-Album Rubber Soul als christliche Passionsgeschichte oder ein Beichtszene durch ein Sieb.

So ist neben der Popmusik auch die katholische Erziehung ein weiterer Einfluss in der Kindheit des Protagonisten. Etwas unter gehen die philosophischen Aspekte, die Petras als kleine Monologe einstreut wie ein Vortrag über die Nachkriegs-Fleckentfernerpolitik der BRD zur Reinwaschung von jeglicher Schuld und eine Abhandlung über Wörter mit hohem Nazifaktor. Die echte Geschichte der BRD flimmert derweil auf der Videoleinwand, und das Ensemble stellt berühmte Protesttableaus wie die Kommune 1, Jimi Hendrix oder auch Jubelperser und den Kniefall Willy Brandts nach. Merklin oder Fleischmann, Beatles oder Stones, Gut oder Böse - die Zerrissenheit des Jungen lässt sich hier auf der Bühne nicht wirklich einfangen, und Armin Petras landet schließlich mit seiner durchaus witzigen Inszenierung etwa auf dem Niveau von Rainald Grebes Westberlin-Revue am gleichen Ort.



Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Thomas Aurin

Stefan Bock - 11. April 2016
ID 9248
DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION DURCH EINEN MANISCH-DEPRESSIVEN TEENAGER IM SOMMER 1969 (Schaubühne am Lehniner Platz, 09.04.2016)
Theaterfassung von Armin Petras und Maja Zade

Regie: Armin Petras
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Annette Riedel
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Katrin Spira, Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill, Peter René Lüdicke und Tilman Strauß
Live-Musik: Die Nerven
Uraufführung war am 9. April 2016
Weitere Termine: 11., 12. 4. / 8., 29. 5. 2016
Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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