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Premierenkritik

Auf dem schmalen Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit



Christa Wolfs Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch

Bewertung:    



„Es gibt verschiedene Ideen, wie man leben sollte." Diese Aussage steht am Anfang der Bühnenadaption von Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel, dieser großen, unmöglichen Liebesgeschichte aus dem Jahr des Mauerbaus, die der Ex-Berliner Gorki- und nun neue Intendant des Stuttgarter Schauspielhauses Armin Petras als kurzzeitiger Rückkehrer ausgerechnet an den West-Berliner Kudamm mitgebracht hat. „Die freie Welt liegt dir zu Füßen.“ ruft Manfred (Tilman Strauß) seiner Geliebten Rita (Jule Böwe) über die Demarkationslinie zwischen Ost und West zu, die Annette Riedel als langen Laufsteg quer in die Schaubühne am Lehniner Platz gebaut hat. Am Ende werden sich beide wieder treffen. Dann ist die Mauer weg (der Regisseur spinnt ihre Geschichte weiter in die Wendezeit von 1989), und sie reflektieren ihre Träume von einst. „Es gab sie ja wirklich, diese Welt“, behauptet Rita. Sie wollten sich unantastbar machen, auch im Inneren, für diese neue Welt. Aber wo ist sie hin, diese „Idee der Vollkommenheit, das Vorgefühl des Paradieses“? Es scheint nichts mehr davon übrig. Die Jungen sollen nun an der Zukunft arbeiten, sich nicht rar machen. Paradies? Hallo? Ein Aufruf ans Publikum.

Zuvor aber demontiert Armin Petras über 90 Minuten lang Stück für Stück dieses Paradies, das die DDR sein sollte, legt ein altes Experiment endgültig ad acta. Und damit man sich dabei nicht allzu wohlig zurücklehnen kann, wird das Publikum gleich zu Beginn in zwei Blöcke um den Laufsteg separiert. Die jeweiligen Gegenüber fest im Auge, ist man selbst den Blicken "von drüben" ununterbrochen ausgesetzt. Und die schweifen schon aus blanker Neugier hin und her. Erwartungsvolle, schmunzelnde Gesichter neben versunkenden Blicken oder gelangweilten auf die Uhr. Erster Höhepunkt ist dann Kay Bartholomäus Schulze, der in Kriegsrückkehrer-Montur Eimer für Eimer kleine, runde, eisähnliche Glasstückchen auf den Laufsteg schüttet. Unterstützt von den beiden anderen Schauspielern beginnt ein unermüdliches Aufbauwerk, das eine gefühlte Ewigkeit dauert. Die Eimer tragen lauter Städtenamen. Es spritzt nach allen Seiten, die Mühen des Aufbaus hinterlassen ihre Spuren. Es knirscht unter den Schuhen und bereitet Schmerzen, wenn man ohne sie darüber läuft.

Soviel zur Symbolik des Abends. Die Fehler beim Aufbau des Sozialismus analysieren - das war auch eine der Intentionen im Werk von Christa Wolf. Unermüdliches Schreiben gegen Zweifel und Schlendrian. Dabei selbst immer am Arbeiten an und auf der Suche nach sich selbst. Die 19jährige Rita aus dem Geteilten Himmel ist nur eine dieser literarischen Figuren mit durchaus auch autobiografischen Zügen. Im geblümten Kleid (ganz die Unschuld vom Lande) steht Jule Böwes Rita freudig vor ihrer Liebe auf den ersten Blick: dem 10 Jahre älteren Chemiker Manfred, den Tilman Strauß als rationalen, fortschrittsgläubigen Wissenschaftler spielt, der noch im Bett sein dampfendes Süppchen im Glaskolben köchelt. Sie muss ihn immer wieder zum Träumen aufs Dach ziehen, Sterne gucken.

Diese intimen, zärtlichen Momente in der engen gemeinsamen Wohnung bei den ungeliebten Eltern von Wolfgang verbannt Petras komplett hinter den mit Plastikplanen abgehängten Bühnenraum. Zusammen mit Videobildern von schwarz-weißen Landschaften, Aufnahmen von Massenveranstaltungen, DDR-typischen Autos und Regalen mit ATA-Packungen sieht man die beiden immer wieder zusammen im Bett, beim Zähneputzen und Frühstück. Hier planen sie an ihrer gemeinsamen Zukunft oder lesen auch mal in Christa Wolfs Buch. Rita sucht eine Aufgabe, will Lehrerin werden. Er traut ihr das nicht zu und hält ihr ihre Naivität vor. Das gesellschaftliche Umfeld ist dabei weitestgehend ausgeklammert. Manfred flucht nur einmal über seine gewendeten Eltern. „Dieselben Darsteller in denselben Rollen, nur dass die Kostüme umgenäht wurden. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“

Die Arbeit im Waggonwerk, wo Rita die Produktion verstehen lernen will, wird auf einen kurzen Presslufthammereinsatz reduziert, bei dem alle drei Schauspieler im Blaumann den Boden des Laufstegs traktieren, wobei die beiden Männer ordentlich Sprüche klopfen. Eine kleine Reminiszenz an Petras' Inszenierung von Werner Bräunigs Rummelplatz. Damit hatte er ja bereits die sozialistische Produktion ausreichend abgearbeitet. Kunst ist Waffe, Plaste und Elaste, Heraus zum 1. Mai, Leiste was, Leiste Dir was - ertönen die Schlachtrufe der Working-Class-Heros. Aber es gibt auch Bilanzfälschung, das Füllen des eigenen Geldbeutels, Mangel und Weggang in den Westen. Sie hämmern an ihrem eigenen Untergang. Die wahren Worte sind plötzlich nicht mehr die wahren. „Glaubst du nicht mehr an unsere Sache?“ fragt Rita ihren Manfred. Der geht schließlich desillusioniert und der besseren Karrierechancen wegen nach West-Berlin. Rita bricht im Werk zusammen.

Die eigentliche Rahmenhandlung im Krankenhaus und Sanatorium findet mit KB Schulze als Arzt auf dem Laufsteg statt. Der will Rita wieder aufrichten, ihr Ich stärken. Wieder ist von Selbstfindung die Rede, Trennung von Liebe und Sache, aber auch vom Funktionieren. Rita soll zur Liebe bereit sein, aber nicht immer mit sich selbst bezahlen. Schulze schleppt ein Tonband an, das immer wieder an der gleichen Stelle hakt. Alles nur Lüge. Aber das bleibt ebenso Stückwerk wie die restliche Inszenierung. Traumversunken steht Rita am Rand. Die Männer helfen ihr aus dem alten Bademantel ins Kleid und machen sie bereit für das letzte Treffen mit Manfred in West-Berlin. „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Klaus Renft Combo in Zwischen Liebe und Zorn. Rita balanciert auf dem Rand des Laufstegs, ein schmaler Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit, und spricht dabei von verglasten Läden und schönen Markenwaren.

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen." heißt es kritisch in Nachdenken über Christa T. Der Satz kommt auch in der Inszenierung vor, nur dass Petras glaubt, eine Meinung zum Scheitern des Traums, dem Paradies, das wir nun suchen sollen, zu haben und die auch demonstriert. Vielleicht hat Petras ja Recht mit seinem DDR-Vergleich mit der Truman Show [in einemm Tagesspiegel-Interview]. Und am Theater lässt sich das natürlich sehr gut zeigen. Jule Böwe rennt um das ganze Setting rum, rüttelt an den Türen und schlägt mit den Händen gegen die umgrenzenden Planen. Alles eben nur Kulisse, nichts echt da in diesem Traum. Da muss nicht mal ein Scheinwerfer runterfallen. Die sieht man ja auch so alle. Die Ursachen für das Scheitern eines Gesellschaftsexperiments sind aber nicht beim staunenden Rühren im Erlmeier-Kolben zu finden, und das wahre Blau nicht einfach nur das korrekte Verhältnis einer chemischen Reaktionsgleichung. Die Suche geht weiter. Derweil bleibt der Himmel wohl noch grau und die Teilung in den Köpfen.



Christa Wolfs Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch

Stefan Bock - 15. Januar 2015
ID 8364
DER GETEILTE HIMMEL (Schaubühne am Lehniner Platz, 13.01.2015)
Regie: Armin Petras
Bühne und Kostüme: Annette Riedel
Video: Rebecca Riedel und Mieke Ulfig
Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Norman Plathe
Mit: Jule Böwe, Kay Bartholomäus Schulze und Tilman Strauß
Premiere war am 13. Januar 2015
Weitere Termine: 15. 1.; 11., 12. + 13. 2. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


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