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Uraufführung

Westberlin

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Westberlin in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Gianmarco Bresadola

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Nach zwei Produktionen am Maxim Gorki Theater (noch unter Armin Petras) hat Rainald Grebe nun eine Westberlin-Revue für Thomas Ostermeiers Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert. Und die ist dort am Ende des Kudamms, tief im Westen der Hauptstadt, wohl auch besser aufgehoben. Der alte Westen der ehemals geteilten Stadt ist nach der Wende etwas heruntergekommen. Das Interesse fokussierte sich ab 1989 mehr auf den spannenderen Osten. Nachdem nun auch dort nach und nach alles in geordneten, durchkapitalisierten Bahnen läuft und die kultigen Clubs sterben bzw. wegziehen, könnte es zumindest in einigen Teilen West-Berlins ein Revival geben. Zunehmend schicker wird es nun schon im Umkreis des Zoopalasts, dem alten Zentrum der Berlinale, die in Grebes Revue natürlich auch einen Platz mit steiler Gangway und Starauflauf bekommt.

Es beginnt aber auf der als Altberliner Eckkneipe eingerichteten Bühne mit einer Ode an die Currywurst vor dem Moabiter Landgericht. Geschichten eines echten Berliner Jungen der Nachkriegszeit, als die Stadt noch nach Ruinen roch. Michael Eckert, ein Berliner Kiosk-Original der ersten Stunde, berlinert den Mann hinterm Tresen voll, näht ihm sozusagen die Currywurst ans Ohr, und bekommt schließlich einen Platz im Sarg zugewiesen. Ein starkes Stück, wenn man eigentlich vorhat, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Auferstehung aus Ruinen West, mit den alliierten Streitkräften, amerikanischem Kino, Lebensmittelkarten und dem Sound der Luftbrücke.

Da ist von Anfang an natürlich auch ein wenig Spott und jede Menge Ironie im Spiel, wenn auch nicht das selbstironische Pathos des Wissenden. Das überlässt der zugezogene, bekennende Ost-Berliner Grebe seinen 8 Zeitzeugen aus 40 Jahren Berlin-West, 28 davon eingemauert als „Insel der Freiheit“ im sogenannten roten Meer. Echte Frontstadt-Insulaner also als lebender Beweis, dass West-Berlin nicht allein nur aus bereits toten Stars und Sternchen wie Harald Juhnke, Günter Pfitzmann oder Evelyn Künneke besteht.

Und da ist vor allem die immer noch recht vitale 84jährige Evelyn Gundlach, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Sie hatte damals als 16jährige schon eine Raucherkarte und liebte die Rosinenbomber eher wegen Lucky Strikes und Chesterfield. Ein ehemaliger Berliner Sängerknabe erzählt von seinem Leben zwischen Schwulenstrich am Zoo und Chez Romy Haag, einer Ex-SEWlerin von der Kehrseite der Weltrevolution und eine ehemalige Hausbesetzerin von anderen Lebensentwürfen und dem Scheitern alternativer Wohnprojekte. Die wahren Heroen Berlins. In einem Leben zwischen Hells Angels, Buddhismus und Entspannungstherapie ist mehr Musike drin, als in der Frage, warum an Peter Steins Sommergäste-Inszenierung an der Berliner Schaubühne nur der Geruch der 300 frisch geschlagenen Birken erinnert.

Aber anstatt mehr den Erzählungen seines „Chors von Westberlinern und Westberlinerinnen“ zu trauen, lässt Grebe sie immer wieder nur kurz als Randfiguren aus ihrem Erinnerungsschatz plaudern und füllt die klaffenden Lücken mit historischen Spielszenen, fadem DJ-Gelaber und Berliner Gassenhauern vom Band, die auch mal live von Jens-Karsten Stoll am Klavier eingespielt werden. Ein Geschichtsabriss aus Kultur, Politik und Boulevard im Schnelldurchlauf, performt von den SchauspielerInnen Robert Beyer, Marie Burchard, Tilla Kratochwil, David Ruland und Sebastian Schwarz. Dem wird man auf Dauer schnell überdrüssig und ahnt zumindest, dass die kleinen Geschichten vielleicht mehr zu erzählen hätten, als eine Nachstellung vom berühmten Foto der legendären Flucht eines NVA-Soldaten beim Mauerbau, ein trashiges Reenactment des Mords an Benno Ohnesorg während des Schah-Besuchs mit Salzstangen und Ketchup-Flasche, oder einer imaginierte Busfahrt durch „Berliner Straßen heute“.

Grebes pseudosentimentale Insel-Schau an der Schaubühne-West scheitert ebenso wie Kuttners Kessel-Buntes zum Hundertsten Volksbühne-Ost-Jubiläum im letzten Jahr. Beide Veranstaltungen kommen mit dem Wust an geschichtlichen Fakten und erinnerter Fiktion nicht klar, geschweige denn, dass sich daraus etwas wie eine kritische Distanz bilden würde, aus der man heute auf die Vergangenheit blicken könnte. Dafür sind dann selbst die immerhin knapp 2,5 Stunden auch zu kurz. Wo Jürgen Kuttner mit beredter Ironie kurz antippt und wieder wegwischt, verzettelt sich Rainald Grebe ziemlich hilflos in der Vielzahl von Ereignissen und Personen. Er spult ein endloses Defilee der Stars und Typen wie Nina Hagen, Christiane F., Wolfgang Neuss (der mit dem nie ausgehendem Joint), Iggi Pop oder Helga Götze (Ficken für den Frieden) ab. Und zu guter Letzt darf auch Rolf Eden nicht fehlen. Rainald Grebe hält acht Trümpfe in der Hand und mauert wie einst Walter Ulbricht. Es hat niemand die Absicht die Mauer wieder aufzubauen. Aber scheen war‘s doch.



Westberlin in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 14. Oktober 2015
ID 8927
WESTBERLIN (Schaubühne am Lehniner Platz, 13.10.2015)
Regie: Rainald Grebe
Musikalische Leitung: Jens-Karsten Stoll
Bühne: Jürgen Lier
Kostüme: Kristina Böcher
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Rainald Grebe, Tilla Kratochwil, David Ruland, Sebastian Schwarz, Jens-Karsten Stoll
Chor von Westberlinern und Westberlinerinnen: Petra-Fleur Daase, Michael Eckert, Michael Gress, Evelyn Gundlach, Sylvia Moss, Monika Reineck, Yvonne Vita
Uraufführung war am 2. Oktober 2015
Weitere Termine: 23. - 26., 29., 30. 11. 2015


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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