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Theaterkritik

Wassa Schelesnowa

Dieter Giesing inszeniert Maxim Gorkis 2. Fassung von 1935 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg


Wassa Schelesnowa am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (C) Klaus Lefebvre

Bewertung:    



Bei der Darstellung des alternativlos vor sich hin rottenden Kapitalismus in vor- und nachrevolutionären Zeiten wird am Theater gern auf das dramatische Werk des russischen Schriftstellers Maxim Gorki zurückgegriffen. Er hat mit dem Drama Wassa Schelesnowa in gleich zwei Fassungen recht passable Zustandsbeschreibungen einer lebensuntüchtigen, sich in zynischer Skrupellosigkeit und maßloser Geldgier selbst zerstörenden Unternehmerfamilie abgeliefert.

Am Deutschen Theater brillierte im Mai in der vielleicht bemerkenswertesten Inszenierung der letzten Berliner Spielzeit die Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin. Stephan Kimmigs Inszenierung Gorkis erster Fassung von 1910 ist das schonungslose Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall, die ziemlich genaue Zeichnung der in sich moralisch kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Regisseur Dieter Giesing, an Jahren etwas älter und reifer als Stephan Kimming, hat sich nun am Deutschen Schauspielhaus Hamburg für die von Gorki 1935 überarbeitete zweite Fassung des Stücks entschieden. Bereits 1972 unter der Intendanz von Ivan Nagel inszenierte Giesing am Schauspielhaus Gorkis Barbaren. Der nicht besonders rücksichtvolle Einbruch der kapitalistischen Moderne ins hinterwäldlerische Russland um die Jahrhundertwende. Ein paar Jahre später konstatierte Maxim Gorki bereits den unausweichlichen Niedergang des Menschen in diesem neuen System des grenzenlosen materiellen Fortschritts.

Im Unterschied zur Fassung von 1910 fügte Gorki allerdings im sowjetischen Russland 1935 mit der Schwiegertochter Rachel eine Stimme der neuen Zeit und Gegenspielerin zur das alte System verteidigenden Redereibesitzerin Wassa Schelesnowa ein. In Giesings Inszenierung an Karin Beiers neuem Schauspielhaus steht aber von Anbeginn nur die Schauspielerin Maria Schrader als Wassa im Zentrum der Handlung, die sich schon im modisch korrekten Outfit wie auch verbalen Auftreten als taffe Firmenchefin von ihrer nutzlosen und schlampigen Sippe abhebt.

Ihr Mann, der alte Kapitän Sergej Shelesnow (Markus John), säuft, hurt und treibt Unzucht mit Minderjährigen. Als das Problem mit Geld allein nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist und das Ansehen der Familie vor Gericht zerstört zu werden droht, drängt Wassa ihn zum Selbstmord. Ob der feige Brutalo das Gift tatsächlich selbst genommen hat, kann durchaus bezweifelt werden. Auch Wassas verkommener Bruder Prochor (Michael Wittenborn mit ständig offenem Hosenstall) ist dem Alkohol verfallen und bedrängt das Dienstmädchen Lisa (Johanna Küsters), das später, als sie von Prochor schwanger ist, ebenfalls auf mysteriöse Weise zu Tode kommt. Wassas Töchter Ludmilla (Josefine Israel) und Natalja (Karoline Bär) bringen auch nichts wesentlich besseres zustande, so dass ihre Hoffnung einzig auf ihrem Enkel Kolja ruht, dem Kind ihres kranken Sohnes Fjodor und der Revolutionärin Rachel (Thea Rasche), die nun aus dem Exil gekommen ist ihn zu holen.

Das könnte nun - wie bei Gorki - zum heißen Schlagabtausch der Systeme werden. In Giesings gekürzter Stückfassung bleiben beide Frauen aber bis auf den Austausch ein paar markiger Schlagworte eher unterkühlt, wie die Inszenierung insgesamt, wozu schon das karge, bei Karl-Ernst Herrmann immer schräg spitz ins Publikum laufende Bühnenbild beiträgt, das mit Drehtür und Terrassenfenster im hinteren Teil der verglasten Chefetage eines Industrieunternehmens ähnelt. Nur ein paar Stühle an den kahlen Wänden, auf die sich hin und wieder die vom andauernden Streit müden Protagonisten niederlassen, melancholisch russische Melodien spielen und dazu singen. Es ist ein wenig wie bei Tschechow, nur etwas schicker. Wodka, Wein und Tanz, so stellt man sich in Hamburg die russische Seele vor. Im Grunde aber ist sie hier krank, und das in vollem Bewusstsein dessen.

Der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung bleibt jedoch das rote Ledersofa in der Mitte der Bühne. Für Wassa Schelesnowa ist es die Brücke, auf der sie ihre Frau steht, und der Ankerpunkt ihrer Überzeugungen, an die sie sich wie zur Rechtfertigung klammert, und die ihr wichtiger als persönliche Vorlieben sind. Hier wird sie schließlich auch zusammenbrechen, worauf die ganze Sippschaft nur gewartet zu haben scheint. Selbst die ihr sonst unterwürfig ergebene Sekretärin Anna (Ute Hannig) wittert hier ihre letzte Chance, bevor die anderen Sklaven des Materiellen sich nun holen, was Wassa mühsam erarbeitet hat.

Rachels Überzeugung dient ebenfalls einer größeren Aufgabe, der sie wiederum alles unterordnet, wie bisher auch die Liebe zu ihrem Sohn. Nur will sie ihn nicht dieser hoffnungslos kranken, von Würmern zerfressenen Gesellschaft überlassen, die bald von einer anderen Macht zerquetscht werden wird. Harsche Sprüche, die man der zarten Frau in Schwarz kaum zutraut. Als echte Alternative scheint sie Giesing auch nicht zu sehen. Schaut Stephan Kimmig mit seiner Wassa noch schmerzhaft analysierend der faulen Gesellschaft ins Mark, sieht Dieter Giesing ihr eher distanziert zu, wie seine Rachel, wenn sie dem mit seiner vermeintlichen Habe aus dem Firmentresor fliehenden Prochor noch fragend hinterherruft, was ihm denn gehöre. Das klingt dann irgendwie auch ziemlich matt und resignierend.



Wassa Schelesnowa am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto (C) Klaus Lefebvre

Stefan Bock - 5. November 2014
ID 8226
WASSA SCHELESNOWA (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 02.11.2014)
Regie: Dieter Giesing
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Fred Fenner
Musik: Jörg Gollasch
Choreografische Mitarbeit: Johann Kresnik
Licht: Annette ter Meulen
Dramaturgie: Rita Thiele
Es spielen: Karoline Bär, Yorck Dippe, Paul Grote, Ute Hannig, Josefine Israel, Markus John, Johanna Küsters, Christoph Luser, Michael Prelle, Thea Rasche, Anna Sophie Schindler, Maria Schrader und Michael Wittenborn
Premiere war am 17. Oktober 2014
Weitere Termine: 12., 25. 11. / 11., 25. 12. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://schauspielhaus.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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