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nachDRUCK # 6

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Rezension

Mann, Vogel, Frau, die Blutpumpe des täglichen Mords



Woyzeck am DT - Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



„Das kann jeder machen.“ Da war sich der Dramatiker Heiner Müller ziemlich sicher. 1984 legte er mit der Bildbeschreibung ein dramatisches „Spielmodell“ vor, eine Versuchsanordnung mit wechselnden Optiken, „ein Stück, das man mit sich selbst aufführt“. Und das sich v.a. mit jeder neuen Überschreibung erneut in Frage stellt.

„Bin das ich, … ICH?“ Da ist sich am Ende der Aufführung der Schauspieler Benjamin Lillie (in der Rolle des Beschreibenden) schon nicht mehr so sicher über das Bild, an dem er den ganzen Abend zusammen mit seiner Mitstreiterin Katrin Wichmann gearbeitet hat. In diesem Stil, mit der Zweierkonstellation Mann-Frau, Woyzeck-Marie, überschreibt der Regisseur Sebastian Hartmann in seiner neuen Inszenierung am Deutschen Theater den Woyzeck mit Texten von Heiner Müller und Georg Büchner, dem Autor des Stück-Fragments selbst. „Ein Zugriff, der zur Folge hat“, wie es im Programmheft steht, „dass jede Vorstellung anders sein wird.“

„ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“ - und trotzdem scheint es heute, als wäre der 1995 verstorbene Dichter Heiner Müller präsenter denn je. Erst im März dieses Jahres hatte Sebastian Baumgarten den Kentauren-Text aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee I-IV ans Ende seiner Dresdener Antigone-Inszenierung gesetzt. Was Frank Castorf seit Jahren zelebriert, seine Adepten tun es ihm nun gleich, als wäre der Heilige Geist des 2013 verstorbenen Dimiter Gotscheff in sie gefahren.

Wirkte die Müller'sche „Amtsschimmel“-Parabel des buchstäblich mit seinem Schreibtisch verwachsenen Stasi-Beamten als Vergleich zum diktatorischen Regierungsstil des Kreon noch angepappt wie ein alberner Fremdkörper, nichts zeigend, was Baumgarten in seiner mit plakativer Symbolik aufgeladenen Inszenierung nicht schon lang und breit angedeutet hätte, so hat es Hartmanns Variante der textlichen Verschränkung und Übermalung durchaus in sich.

Der Leipziger Ex-Intendant ist bekannt für sein psychodelisches Bildertheater. So hat er schon Thomas Manns Zauberberg, Michael Frayns Nackten Wahnsinn, Hans Falladas Trinker oder Leo Tolstois Krieg und Frieden mit assoziativen Klang- und Bildräuschen beballert. Aus Goethes großem, egomanischen Weltsinnsucher wurde gar Mein Faust. Am Deutschen Theater stellt Hartmann nun den Füsilier Franz Woyzeck und seine Marie in einen schwarz geteerten rechteckigen Trichter, wie ein überdimensioniertes Lautsprechergehäuse, das den E-Geigen-Sound des Livemusikers Ch. Mäcki Hamann transportiert und dessen Wände sich hervorragend für die schwarz-weißen Licht- und Schattenspiele des Videokünstlers Voxi Bärenklau eignen. Auch eine Art Gegenschräge aus dem Reich der Toten, die hier ihre Hände ins Licht recken.

„Weißt du auch, wie lang es jetzt is, Marie?... Und wie lang es noch sein wird?“ Woyzecks und Maries Liebe ist von Anbeginn ein nicht enden wollender Mord aus einer Art gymnastischen Übung heraus. Die Körper schnellen hoch, werfen sich ineinander, reiben sich, klammern und rollen - „…der Mord ist ein Geschlechtertausch, fremd im eigenen Körper" schreibt Müller. Und so wechseln die beiden nicht nur die Rollen des Mörders und Mordopfers, sondern auch Text und Geschlecht, sind mal Manns- mal Weibsbild, Hauptmann, Arzt und Tambourmajor. In den Armen liegend erzählen sie sich ihre Geschichte „aus den Eingeweiden der Welt“, als Selbstvergewisserung vor der Sinnestäuschung.

„Wie viel Blut hat ein Mensch?“ Hier eine ganze Tube voll. Küsse, Bisse - ein Übereinanderfallen von Körpern und Worten. Wo die Lücke im Ablauf des fragmentarischen Textes klafft, schiebt Hartmann nach. Ein athletisches Textmikado aus Heiner Müllers Hydra, Büchners ebenso hirnwütigen Dichter Lenz, dem Hessischen Landboten und Briefen. Vom Kampf gegen das eigene Ich über die Knechtschaft des Volkes bis zum alles zernichtenden Geschichtsfatalismus in Büchners Briefen. Das Paar spielt das hier beispielhaft immer wieder durch. Improvisationen über Liebe, Geschlechterkrieg und Tod. Mal emotional aufwühlend, dann wieder kommt ein „Ruhig Woyzeck, langsam!“

Was Woyzeck körperlich nicht mehr vermag, holt sich Marie beim Tambourmajor. Benjamin Lillie steht nackt und angespornt von Katrin Wichmann im Trichter, schwingt sein schlaffes Gemächt, aber selbst das Pippi will nicht mehr kommen. Ist vom Volk als Herde, schwitzend, stöhnend und der Ordnung des Staates die Rede, macht Lillie den nachäffenden Primaten. Hartmann scheut keine Peinlichkeiten, lässt seine Akteure schreien, greinen und blödeln bis die Bühne sich aufschiebt und das Mordsfeld freigibt.

„Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau" versinkt im Nebel der Explosion einer Erinnerung, eine maschinell befeuerte Assoziation. Lillie berichtet von der Natur als Versuchsanordnung wie ein Betonklotz in der Landschaft mit Mann, Vogel, Frau. Eine Bildbeschreibung im Rückblick auf Gewesenes. Der Mensch, ein Stottern im Text, allein in einer abgestorbenen dramatischen Struktur, wie es Heiner Müller sah. Nicht das Messer, der Mensch WOYZECK ist noch immer die offene Wunde. Und das hat Sebastian Hartmann zumindest ganz gut erkannt. Nach dem kraftvollen Woyzeck von Leander Haußmann im BE und dem eher esoterischen Totenkult Woyzeck III von Mirko Borscht im Maxim Gorki Theater mal eine ganz andere Lesart.



Woyzeck am DT - Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 18. Oktober 2014
ID 8178
WOYZECK (Deutsches Theater Berlin, 16.10.2014)
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Ch. 'Mäcki' Hamann
Video: Voxi Bärenklau
Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Katrin Wichmann und Benjamin Lillie
Premiere war am 3. Oktober 2014
Weitere Termine: 22. 10. / 3., 12., 17. 11. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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