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Mephistoland am Maxim Gorki Theater | (C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Erst ist es dunkel, dann posieren nackte Hintern und Körper der männlichen Darsteller auf der ebenerdigen Bühne des Studio Я. Im nächsten Moment sind sie auch schon wieder hinter dem Vorhang verschwunden. Mephistoland von András Dömötör, Kornél Laboda und Albert Benedek arbeitet spielwütig mit Provokationen, Szenenwechseln und dynamischem Durcheinander. Neben Anspielungen auf Klaus Manns Theaterroman Mephisto von 1936 (zuletzt gesehen am Düsseldorfer Schauspielhaus), der wiederum vielfach auf die Mephisto-Gestalt in Goethes Faust und reale Begebenheiten im Dritten Reich verweist, setzen die Autoren unterhaltsame eigene Ideen.

Klaus Manns Mephisto spielt Anfang der 1930er Jahre vor und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Mephistoland behandelt hingegen Proben zu einer Aufführung von Mephisto. Während dieser Proben regiert der nationalistisch-christlich-reaktionäre Ministerpräsident immer mehr ins Kulturleben hinein. Dem bislang politisch engagierten Theater droht das Aus. Protestaktionen wie das Verlesen von Erklärungen und Hungerstreiks werden etwas unkoordiniert durchgeführt. Trotzdem wird dem Ensemble eine neue Intendantin, die mit dem Ministerpräsidenten befreundet ist, vorgesetzt. Als Auswege bleiben nur Anpassung oder die Flucht. Der bisherige Mephisto-Hauptdarsteller ist psychisch am Ende und entwickelt Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die witzig-grotesk eine zusätzliche Ebene der Verfremdung bieten. Durch Symptome eine Schizophrenie deutet sich hier seine innere Gefangenschaft an, wenn nur er Stimmen hört oder einen Bühnentechniker (Mehmet Yilmaz) plötzlich auf seinen Händen gehen sieht; sabbernd und ihn mit Unzusammenhängendem anrufend – eine akrobatische Meisterleistung.

Mit Brillen und grauhaarigen Perücken ausgestattet besetzen die neue Intendantin und ihr Mitarbeiter das Theater. Es liegt ihnen vor allem daran, keinen sogenannten „Schmutz“ mehr auf die Bühne zu bringen. Statt alter, „am Negativen orientierter“ Werke solle nunmehr Erbauliches gezeigt werden, das sich an den geschichtlichen Wurzeln der Nation orientiert. Das Theater soll zur „heiligen Stätte“ werden. Während ihrer Proklamationen ist eine Anspannung der neuen Theaterführung an den Gesichtszügen abzulesen. Mimisch agieren hier Bettina Hoppe und Tim Porath höchst ausdrucksstark. Der Zwang der neuen Ordnung ist ihnen am Gesicht abzulesen. Während einer Probe wachsen sich die unterdrückten Wünsche und die dazu passenden Feindbilder geradezu in sexuelle Obsessionen aus.

Zu diesen Feindbildern zählen insbesondere Schwule. Sogleich entfremdet sich ein am Theater engagiertes, schwules Liebespaar mehr und mehr voneinander, auch weil der Jüngere in der Rolle besetzt wird, die der Ältere für sich aus politischen Gründen abgelehnt hatte. Wenn sich die beiden gegenüber stehen, sprechen sie verlangsamt miteinander, wie als führe eine Funkstörung zwischen ihnen zu effektvollen Sprachbarrieren. Gefühle wie Eifersucht und Selbsthass oder Wünsche wie selbst festgelegte Erniedrigung durch andere werden unterhaltsame Nebenschauplätze. Immer wieder splittern die Unterscheidung von Theater und Realität auf, wenn das Publikum aufgefordert wird, mitzuentscheiden. Die Darsteller blicken erwartungsvoll ins Publikum, um dann doch enttäuscht zu werden. Schein und Sein vermischen sich auf mehreren Ebenen. Wenn für einen Film über Konzentrationslageropfer geprobt wird, werden die Schauspieler nonchalant auf ihre Verwertbarkeit für das Filmprojekt geprüft. Der wegen seines Gesichts als Jude besetzte Darsteller trägt in einer späteren Szene mit der Regisseurin ein großes, dunkles Hakenkreuz auf dem nackten Rücken.

*

Mephistoland ist eine komödiantisch-gruselige und makabere Groteske auf den derzeit in vielen verschiedenen Ländern stattfindenden Rechtsruck ins nationalistisch-religiös-fundamentalistische. Was lässt sich heute noch mit Kultur erreichen? Jüngst konnte im US-Wahlkampf die hinter Hillary Clinton gesammelt aufgestellte Kulturprominenz kaum etwas gegen Horrorclown Donald Trump ausrichten. Auch in Europa schürt der weltweite Rechtsruck Ängste.
Ansgar Skoda - 2. Dezember 2016
ID 9720
MEPHISTOLAND (Studio Я, 25.11.2016)
Regie: András Dömötör
Text: Kornél Laboda und Albert Benedek
Übersetzung: Inez Matis
Ausstattung: Moïra Gilliéron
Musik: Tamás Matkó
Dramaturgie: Holger Kuhl
Mit: Mareike Beykirch, Tim Porath, Aram Tafreshian, Mehmet Yilmaz und Bettina Hoppe
Premiere am Maxim Gorki Theater: 9. Juni 2016
Weiterer Termin: 5. 12. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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