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Premierenkritik

Weit wie

das Meer



Holger Kraft als Betriebsarzt Doktor Wangel und Mareike Hein als seine zweite Ehefrau Ellida Wangel in Die Frau vom Meer am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Bewertung:    



Zu Anfang passiert erst einmal einige Momente lang gar nichts. Auf der sich im Halbdunkel verlierenden Bühne liegen nach unten gedrehte Stühle und teils großformatige Trümmerstücke aus Beton kunstvoll verteilt. Wände deuten dahinterliegende Wohnbereiche an, gleichen jedoch vom Interieur her eher einer Unterwasserlandschaft. Es fällt Kunstschnee im hinteren Teil der Bühne. Die bürgerliche Ordnung scheint aus den Fugen, wenn man Requisiten betrachtet, die Wohnmobiliar nur noch entfernt andeuten. Das beeindruckende Bühnenbild von Sebastian Hannak macht anschaulich, dass sich die Zivilisation im Hause der Familie Wangel längst verabschiedet hat.

Stumm treten schließlich zwei junge Frauen in Erscheinung, die mit gleichmütiger Langsamkeit Blumen im vorderen Bereich der Bühne auftürmen. Was wird hier eigentlich gespielt? Nachdem der Haufen mit einer beeindruckenden Höhe einem frischen Grab zu ähneln beginnt, ziehen sich die jungen Frauen wieder hinter der Bühne zurück. Jetzt tritt hinter der vorderen rechten Bühnenwand eine blonde, nur mit einem Nachthemd bekleidete Frau hervor. Sie blickt ausdruckslos, beinahe apathisch ins Publikum und erzählt eine verworrene Geschichte von den Robben, die eigentlich Menschen sind. Ellida ist die zweite Ehefrau des Bezirksarztes Doktor Wangel. Während der Vorführung hängt sie oft unbeteiligt eigenen Gedanken nach. Trotzdem steht diese meist teilnahmslose und unempfängliche Frau im Zentrum des Interesses von Doktor Wangel, worunter seine Töchter und auch deren Verehrer leiden. Doktor Wangel überlegt stets, wie er das gemeinsame Zuhause noch angenehmer für seine zweite Frau gestalten kann.

Mareike Hein schreitet als Ellida barfuß und versunken durch die Bühnenlandschaft, blickt ausdruckslos, geistig abwesend und versonnen ins Publikum. Sie versucht sich minutenlang wiederholt abrutschend auf einen Stuhl zu setzen oder ahmt mit ihrer Stimme Geräusche tobenden Meereswindes nach. Diese Frau gerät nur in Wallungen, wenn sie ihr eigenes Schicksal dem pulsierenden Meer näherkommen sieht. Unbändig sehnt sich Ellida nach dem freien, offenen Meer und fühlt sich doch pflichtschuldig an Doktor Wangel gefesselt. Der Gewissenskonflikt Ellidas erinnert an die zahlreichen überlieferten Ausgestaltungen von Meerjungfrauen, Nymphen, Undinen oder Sirenen in der Literatur seit der Melusine-Sage aus dem 12. Jahrhundert. Auf Meerfrauen lag hier stets ein Fluch, wenn sie durch Verbindung mit einem menschlichen Mann unfrei wurden. Ibsen gestaltet in seinem 1889 uraufgeführten Drama nun eine Frau, die sich einer unbestimmten Meeressehnsucht hingibt und keinen persönlichen Bezug zu ihren Mitmenschen und insbesondere zu den Töchtern ihres Mannes aufzubauen vermag.

Dabei dreht sich in ihrem Zuhause augenscheinlich alles schon um das Wasserelement und den Meereslebensraum. Im Drama philosophieren auch die übrigen Figuren viel über die Verbindung vom Leben auf der Erde und auf dem Wasser und kommen etwa darin überein, dass das Eiweiß von Quallen dem des Menschen gleicht. Insbesondere wenn die Geschlechterverhältnisse der wenigen, in der Einöde auftretenden Figuren ausgelotet werden, gibt es einige pointierte Momente. Lena Geyer darf als Tochter Bolette kreischend zetern [und wie bereits in den Buddenbrooks] laut mit Geschlechterdichotomien hadern, um dann doch kleinbei zu geben und ein mögliches privates Glück dem gesellschaftlichen Aufstieg unterzuordnen. Benjamin Grüter verkörpert [wie bereits in Das Schloss, Drei Schwestern oder Bilder von uns] den Typus eines smarten und meist überlegenen Geschäftsmannes, der auch sein Privatleben immer wieder neu verhandelt und sogar hier Geschäftssinn beweist.

Lara Waldow hat als Hilde einen fulminanten Auftritt, wenn sie die Schnappatmung eines sterbenden Fisches veranschaulicht, um zu zeigen, wie sie sich ein mögliches Ableben ihrer meeressehnsüchtigen Stiefmutter vorstellt. Leider fallen die meist zum Publikum hin gesprochenen Dialoge immer wieder auf Schenkelklopfer-Niveau zurück, wenn nicht gerade das Schicksal der tragisch zerrütteten Ellida im Vordergrund steht. Dann werden Momente der Langsamkeit allzu sehr ausgekostet, und die Handlung ist hier alsbald recht vorhersehbar. Obwohl das Bühnenbild immer wieder durch Lichtprojektionen von Landschaftsbildern, Theaterrauch oder Verschiebungen der Wände leicht variiert, nutzt sich auch dieser Effekt schnell ab.

Obgleich Martin Nimz‘ Inszenierung das Ende anders als bei Ibsen offen lässt, scheint von Anbeginn an klar, dass Ellida ihre eigene Unterwasserwelt bereits in der Familie Wangel gefunden hat.



Die Frau vom Meer am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Ansgar Skoda - 1. April 2017
ID 9948
DIE FRAU VOM MEER (Kammerspiele Bad Godesberg, 30.03.2017)
Regie: Martin Nimz
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüm: Jutta Kreischer
Video: Thorsten Hallscheidt
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Jens Groß
Besetzung:
Doktor Wangel, Bezirksarzt … Holger Kraft
Ellida Wangel, seine zweite Ehefrau … Mareike Hein
Bolette, seine Tochter aus erster Ehe … Lena Geyer
Hilde, seine Tochter aus erster Ehe … Lara Waldow
Oberlehrer Arnholm … Benjamin Grüter
Lyngstrand … Daniel Gawlowski
Premiere am Theater Bonn: 30. März 2017
Weitere Termine: 02., 05., 07., 22. + 28.4./ 20. + 26.5./ 10.06.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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