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Früher war

alles besser



Sören Wunderlich als Fjodor lljitsch Kulygin und Mareike Hein als Mascha in Drei Schwestern am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

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Was wäre, wenn? Warum fühle ich innerlich eine Leere in meinem Leben? Welche Wünsche habe ich? Gibt es Möglichkeiten, mir meine Wünsche zu erfüllen? Können mir andere Menschen bei der eigenen Wunscherfüllung helfen? Könnte eine mögliche Arbeitsstelle die gefühlte Leere füllen? Zu Anfang von Martin Nimz' Inszenierung von Anton Tschechows Klassiker Drei Schwestern stellt sich Maike Jüttendonk in der Rolle der Irina konzentriert, energisch und bewegt grundlegende Fragen. Alles scheint möglich für die schöne und junge Frau. Gemeinsam mit ihren Geschwistern, einigen Soldaten und Verehrern feiert sie ihren Namenstag. Letzterer ist zugleich der Todestag ihres Vaters vor einem Jahr. Sie und ihre Geschwister leben - seit dem Tod der Eltern auf sich alleine angewiesen - im Haus der Eltern in einer öden und provinziellen russischen Gouvernementsstadt. Während ihre älteren Geschwister sich bereits in ihren jeweiligen Leben mehr schlecht als recht einrichten, keimt in Irina eine unbestimmte Sehnsucht, etwas zu erreichen. Bald kommt ihr Drang nach einem erfüllten und besseren Leben und einem Platz in der Gesellschaft einer Utopie gleich. Irina verfällt mehr und mehr - wie ihre Geschwister - in Lethargie und Antriebslosigkeit.

In einem unproduktiven Wartezustand verharrend, sehen die Geschwister ihre vielfältigen Begabungen und Talente eher als Ballast denn als Gewinn an. Der russische Dramatiker Tschechow thematisierte in seinem 1901 in Moskau uraufgeführten Werk den ratlosen Zustand der russischen Intelligenzija kurz vor der Jahrhundertwende. Monologe stehen im Vordergrund, wenn viele der Figuren aneinander vorbeireden. So schwadroniert etwa Benjamin Berger als Baron Tusenbach beim Werben um Irina minutenlang pausen- und weitestgehend auch essenzlos, Reaktionen ihrerseits keine Achtung schenkend. Sprachlich scheinen hier immer wieder treffende Assoziationen, existentielle Gedanken und poetische Glanzmomente durch. Das Band der drei Schwestern erweitern neben Irina die selbstlos-brav-biedere, duldsame und unverheiratete Lehrerin Olga (Lydia Stäubli) und die lebensgierig-verführerische Mascha (Mareike Hein). Letztere ist mit dem fürsorglichen, aber drögen und wenig einfühlsamen Gelehrten Kulygin (Sören Wunderlich) verheiratet, schmachtet jedoch den sprachgewandten Oberstleutnant Werschinin (Benjamin Grüter) an. Die Verführungskünste der Schwestern wechseln mit Posen ihrer Verzweiflung. Komplettiert werden die Geschwister Prosorow durch den stotternden, jammernden und tollpatschig auftretenden Andrej (Daniel Breitfelder), der die disziplinierte und immer herrischer werdende Natalja (Johanna Falckner) heiratet. Im Herrenkreis verordnen sich auch noch der dem Alkohol verfallene Tschebutykin (Wolfgang Rüter) und der freche Soljony (Manuel Zschunke). Wie ein vergessenes Möbelstück arrangiert sich stets auch noch die dickköpfige Kinderfrau Anfissa (Barbara Teuber) auf der nach hinten hin weiträumig geöffneten Bühne. Aufgefrischt wird die Melancholie der Figuren regelmäßig durch Klänge aus einer auf der eher requisitenarmen Bühne platzierten Jukebox. Mitglieder des Ensembles bewegen sich so bald synchron in einer gut aufeinander abgestimmten Disco-Choreografie zu Songs von Queen, Procol Harum oder The Trammps.

Eine Tragik der Figuren liegt darin, dass sie - chronisch unentschieden - sich irgendwann ihrem unbefriedigenden Schicksal ergeben. Abgelegte Träume der Geschwister Prosorow erfahren jedoch immer wieder eine plötzliche Gegenwart, etwa wenn Irina sich ihre Sehnsucht nach Moskau, dem Ort ihrer Kindheit, erfüllen möchte. Später dringen von außen Veränderungen in das Leben der Figuren ein, wenn ein Brand die halbe Stadt zerstört oder die Brigade versetzt wird. Die Schwestern bilanzieren in berührenden Monologen ihr Leben und die Zumutungen der Rollen, die ihnen aufgedrängt werden.

Nimz' Inszenierung in den Bad Godesberger Kammerspielen hat so viele große Momente, und das Ensemble agiert durchweg ausdrucksstark. Leider wirken jedoch einige Szenen überladen und plakativ, wenn etwa immer wieder drei auftretende kleine Mädchen die Einigkeit der Schwestern im Kindesalter symbolisieren. Auch Filmeinblendungen auf der Bühne von der aktuellen Situation in Syrien, durch welche die Inszenierung einen Zusammenhang zum Brand in Tschechows Drama herstellt (Video: Thorsten Hallscheidt), wirken arg aufgesetzt. Filmprojektionen vom Rhein und von Bad Godesberg erscheinen schließlich recht uninspiriert, da ein Bezug zum Provinznest in Tschechows Drama nicht glückt. Doch die darstellerischen Leistungen des Ensembles machen einige Unstimmigkeiten in der Inszenierung wieder wett, sodass ein Vergleich von Bad Godesberg mit der russischen Provinzstadt umso mehr hinkt.



Drei Schwestern am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Ansgar Skoda - 7. Mai 2016
ID 9302
DREI SCHWESTERN (Kammerspiele Bad Godesberg, 28.04.2016)
Regie: Martin Nimz
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Jutta Kreischer
Video: Thorsten Hallscheidt
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Nadja Groß
Besetzung:
Andrej Sergejewitsch Prosorow … Daniel Breitfelder
Natalja Iwanowna ... Johanna Falckner
Olga ... Lydia Stäubli
Mascha … Mareike Hein
Irina ... Maike Jüttendonk
Fjodor lljitsch Kulygin ... Sören Wunderlich
Alexander Ignatjewitsch Werschinin ... Benjamin Grüter
Nikolai Lwowitsch Tusenbach ... Benjamin Berger
Wassili Wassiljewitsch Soljony ... Manuel Zschunke
Iwan Romanowitsch Tschebutykin ... Wolfgang Rüter
Anfissa ... Barbara Teuber
Premiere am Theater Bonn war am 15. April 2016
Weitere Termine: 8., 14., 29. 5. / 4., 30. 6. / 8. 7. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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