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Uraufführung

Männliche

Missbrauchs-

opfer



Bilder von uns von Thomas Malle am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

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Es gibt Fotos, an die möchte man sich lieber nicht erinnern. Denn sie können das eigene Selbstbild zutiefst verunsichern. Doch manchmal liegt es in der Hand anderer, einen mit Bildern der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren. Darf man dann hinsehen und vielleicht sogar lange verdrängte Gefühle wieder in Erinnerung rufen? Oder zeigt man hier eine Schwäche und gefährdet möglicherweise die eigene, mühsam aufgebaute Existenz? Und was ist, wenn man nicht sein Leben lang Opfer sein möchte, weil dies das eigene Selbst- und Männlichkeitsbild zutiefst beschämt?

Mit der Uraufführung von Thomas Melles Drama Bilder von uns gelingt Alice Buddeberg nach ihrer fulminanten Inszenierung von John Steinbecks Jenseits von Eden in der aktuellen Spielzeit ein weiterer spannungsvoller Coup.

Auf der nur spärlich beleuchteten Bühne versammeln sich vier Männer und drei Frauen in einem Stuhlhalbkreis. In ihrer Mitte bewegt sich der anzugtragende Journalist Jesko Drescher (Benjamin Grüter). Er hat gerade eine anonyme Smartphone-Nachricht erhalten – ein Nacktbild aus seiner Internats-Kindheit. Er ist wie vor den Kopf gestoßen. Stimmen und Gedanken strömen auf ihn ein, gesprochen und ausgedrückt von den anderen Darstellern.



Benjamin Grüter als Jesko Drescher (li.) und Johanna Falckner als Katja in Thomas Melles Bilder von uns am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu


Als Jesko sichtlich schwankend beinahe einen Unfall baut, stürmt die aufgebrachte Passantin Katja (ausdrucksstark: Johanna Falckner) auf ihn zu. Die Grundschullehrerin sieht ihre am Wegrand postierte Schulklasse durch den sichtlich unaufmerksamen Verkehrsteilnehmer gefährdet und redet wütend auf ihn ein. Als sie bemerkt, dass er weiterhin auf sein Mobilfunkgerät starrt, entreißt sie es ihm und schaut selbst auf das Display. Sie knallt ihm spontan ihre eigenen Gedanken hinsichtlich des ihr „seltsam“ erscheinenden Bildes vor den Kopf und reagiert überrascht, als er behauptet, sich selbst in dem Bild wiederzufinden. Später erfahren wir in einem hellsichtigen Monolog ihrer Figur, dass ihr Männer in einer Opferrolle unattraktiv erscheinen. Auch macht sie eigene Schwierigkeiten bei der Beurteilung eines manchmal unausweichlichen Körperkontaktes zu ihren Schützlingen bewusst. Was kann es nützten, über Gefühle eigener Schüler im routinemäßigen Alltagsbetrieb nachzudenken? Auch nach Katjas kurzem Auftritt wird das Bühnenbild von Unsicherheit bestimmt, wenn sich Jesko nun Gedanken über die Herkunft des möglichen Nachrichtenabsenders macht und suchend ins Publikum stiert. Ein beleuchteter Diaprojektor folgt seinem Blick und blendet das Publikum mehrfach kurz. Als kommentierende Erzählerin nähert sich Sandra (Lydia Stäubli) Jesko und blendet ihn nun selbst während seiner Bewegungen mit dem Diaprojektor. Jesko erhält weitere Fotos und besucht bald ehemalige Klassenkameraden. Schnell wird sein Verdacht, dass sie Absender der Fotos sein könnten, wieder entkräftet.



Benjamin Grüter als Jesko Drescher (li.) und Hajo Tuschy als Malte in Thomas Melles Bilder von uns am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu


In Bilder von uns werden Missbrauchstaten nur angedeutet. Wenn die ehemaligen Klassenkameraden Jesko, Johannes (Holger Kraft) und Malte (Hajo Tuschy) im Zwiegespräch oder im vertraulichen Kreis zu eruieren versuchen, was denn da eigentlich tatsächlich passiert ist, werden Details verharmlost, denn eigentlich möchte niemand das Opfer gewesen sein. Trotzdem kommen die lange verdrängten Erinnerungen durch das pikante Detail möglicher existenter und kompromittierender Nacktfotos als Kinder wieder hoch. Verunsichert suchen die jungen Männer - ihre eigene Karriere als Journalist, PR-Manager respektive Anwalt vor Augen - Kontakt zu ehemaligen Mitschülern, die weniger zu verlieren haben. Der seit Jahren depressive und arbeitslose Konstantin (Benjamin Berger) wird aufgesucht. Letzterer kann sich immerhin durch Anschuldigungen gegen den Träger der eigenen schulischen Ausbildung keine Berufsperspektive durch ein mögliches Opfer-Stigma verbauen. Als Konstantin dann endlich seine Erinnerung an gemeinsame Intimitäten mit dem Heimleiter Stein unter Tränen zu erinnern versucht, ersticken die kaum verständlichen Worte schnell. Trotzdem wird deutlich, dass der Heimleiter und Pater Stein Grenzen verwischt und ein junges Leben geschädigt hat, was bleibende Spuren hinterließ. Konstantin leistete als Günstling Liebesdienste und genoss Privilegien. Doch bald war er abgeschrieben und heute wissen ihn auch seine erfolgreichen Klassenkameraden kaum zu unterstützen, so ein leise anklingender Vorwurf.

Bilder von uns handelt bewegend und vielschichtig von der Irritation und Unsicherheit, die plötzliche, lang verdrängte Erinnerungen auslösen können. Die Charaktere konfrontieren sich mit unterschiedlichen Positionen zu gemeinsam erlebten Verletzungen. In den letzten zehn Jahren wurden zahlreiche Missbrauchsfälle an Elite-Schulen aufgedeckt – etwa am Berliner Canisius-Kolleg, der Odenwaldschule oder am Bonner Jesuiteninternat Aloisiuskolleg. Für die ehemaligen Schüler und deren Familien bedeuteten diese Ermittlungen oftmals eine neue Auseinandersetzung mit den Einrichtungen. Obwohl sich die Figuren auf einem hohen reflektierten Niveau auseinandersetzen, können sie doch eigene Gefühle nur schwer in Worte fassen, die ambivalente, lang verdrängte Erinnerungen bei ihnen auslösen. Thomas Melle gelingen hier beeindruckend komplexe Texte, die existentielle Gedanken zur Selbst- und Fremdwahrnehmung pointiert in Worte fassen. Das gut aufgelegte Ensemble vermag es, das Konfliktpotenzial unterschiedlicher Stimmen und Vergangenheitswahrnehmungen fesselnd gegen- und miteinander auszuspielen.



Lydia Stäubli als Sandra, Benjamin Grüter als Jeschko Drescher und Hajo Tuschy als Malte (v.l.n.r.) in Thomas Melles Bilder von uns am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 20. Februar 2016
ID 9158
BILDER VON UNS (Werkstatt, Theater Bonn, 19.02.2016)
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Emilia Schmucker
Musik: Stefan Paul Goetsch
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Johanna Vater
Besetzung:
Jesko … Benjamin Grüter
Malte … Hajo Tuschy
Johannes … Holger Kraft
Konstantin … Benjamin Berger
Katja … Johanna Falckner
Bettina … Johanna Vater
Sandra … Lydia Stäubli
Uraufführung am Theater Bonn war am 21. Januar 2016
Weitere Termine: 5., 10., 15. + 31. 3. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de

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