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Premierenkritik

Blut & Scheiße


DER EINGEBILDETE KRANKE
durch Michael Thalheimer


Der eingebildete Kranke Peter Moltzen (li. im Bild) an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Katrin Ribbe

Bewertung:    



Die Berliner Schaubühne macht gute Programmhefte - klein, handlich; und in ihnen stehen oftmals Texte, deren Existenz man überhaupt bisher noch nicht gekannt hatte. Der König stinkt zum Beispiel. Hierin stellt Autor Hans-Conrad Zander zu Beginn gleich seine Eingangsfrage, die da lautet: "Warum, meine Damen und Herren, hat König Ludwig XIV. von Frankreich eigentlich so fürchterlich gestunken?" Und das Alles wird auch mit den in der damaligen Hochbarockzeit herrschenden hygienischen Verhältnissen im Allgemeinen wie Besonderen begründet; also Waschen (so mit Wasser und wie wir das heute kennen) galt da, insbesondere beim Hochadel, gewissermaßen als Igitt an sich; und schnell behalf man sich da halt mit ein paar Spritzern Süskind'schen Parfums, um den Gestank der ungewasch'nen Menschenkörper etwas wenigstens zu übertünchen... Wie verheerend-abartig muss es dann erst gerochen haben, wenn dann diese Hochbarocksmenschen rein innerlich "versehrt" (per Essstörung und Durchfall, beispielsweise) oder wenn dann ihre Zähne nicht in Ordnung waren (Mundgeruch) etc. pp.

Die zwei vom damaligen Sonnenkönig wohl am meisten protegierten Super-Jean-Baptiste's (Lully, Molière) kannten sich sicherlich mit den Gestänken ihres Förderers und Herrschers, dem angeblich von den Ärzten alle Zähne rausgezogen und der Unterkiefer demoliert wurden, ganz prima aus; ja und der im Programmheft von der Schaubühne jetzt ausgewählte König-Stinkbombe-Aufklärungstext tut nahelegen, dass es in der Inszenierung Der eingebildete Kranke von Michael Thalheimer vielleicht auch um so Ähnliches (also um Blut & Scheiße) gehen könnte...

Übrigens: "Die Komödie in drei Akten wurde am 10. Februar 1673 uraufgeführt; die Rolle des Titelhelden spielte der Dichter selbst. Doch bei der vierten Vorstellung, am 17. Februar 1673, erlitt er einen Blutsturz; er starb, noch in seinem Kostüm, nur wenige Stunden später." (Quelle: Wikipedia)

*

Peter Moltzen (Argan) wird in seinen clean-gekachelten Behinderten-WC-Guckkasten hergependelt; Olaf Altmann hat das funktionale und spektakuläre Einheitsbühnenbild kreiert. Und dort verübt der Hauptakteur, stark angereichert mit geoffenbarten Blutsturz- oder Dünnschissgesten, seinen langen Apothekerrechnungseingangsmolog. Die abwaschbaren Fliesen dieses Miniraumes sind im Nu mit roter Farbe und die von Regine Zimmermann (Toinette) entfernte Arganwindel mit braun-dickem Brei versehen... Diese Optik bleibt während der nachfolgenden hundert Spielminuten ungefähr dann gleich.

Das medizinale Phänomen der Hypochondrie gehört zum Tatsachenbereich unserer hochmodernen Zivilisation - für die Betroffenen oder auch Angehörigen und Freunde der Betroffenen könnte dann also das Erleben eines es behandelnden Theaterstückes sinnstiftend und/oder wenigstens dann unterhaltend sein. Und viel mehr bietet es - auch nach Dreihunderten von Jahren - nicht; das könnte Thalheimer bewusst gewesen sein:

Er lässt es also durchgehend-ununterbrochen komödiantisch krachen - eine atem- und besinnungslose Rokoko-Humor-Orgie der nervtötendsten Art! Das ihm scheinbar wie aus der Hand gefressen habende Topp-Personal mit Jule Böwe, Alina Stiegler, Iris Becher, Kay Bartholomäus Schulze, Felix Römer, Ulrich Hoppe und Renato Schuch spielt sich da heiß; man fürchtet gar, dass diese Heizspirale völlig durchschmilzt und es irgendwann zum E-Knall kommt - - das kam es freilich nicht.

Es enervierte bloß auf das Erbarmungsloseste!

Mehr gibt es nicht zu sagen. Leider nicht.




Der eingebildete Kranke an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Katrin Ribbe


Die schon mal eingehende Auseinandersetzung der Berliner Schaubühne mit dem MOLIERE gipfelte vor 10 Jahren in dem gleichnamigen Zaimoglu-Senkel-und-Perceval-Projekt, wo Thomas Thieme seiner Zeit gleichsam als Menschenfeind, Juan, Tartuffe und Geiziger alldominierte. Auch die von uns hochgejubelte Thalheimer-Produktion Tartuffe (2013) überzeugte stark - an deren Qualität konnte der Regisseur jetzt freilich nicht so richtig anschließen.
Andre Sokolowski - 19. Januar 2017
ID 9793
DER EINGEBILDETE KRANKE (Schaubühne am Lehniner Platz, 18.01.2017)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Norman Plathe
Besetzung:
Argan ... Peter Moltzen
Béline ... Jule Böwe
Angélique ... Alina Stiegler
Louison ... Iris Becher
Béralde ... Kay Bartholomäus Schulze
Cléante ... Felix Römer
Doktor Diafoirus ... Ulrich Hoppe
Thomas Diafoirus ... Renato Schuch
Toinette ... Regine Zimmermann
Premiere war am 18. Januar 2017.
Weitere Termine: 19.-21., 23., 24.01. / 13.-16.02.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


http://www.andre-sokolowski.de



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