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2. September 2007, Schaubühne am Lehniner Platz

MOLIERE

von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Luk Perceval


Moliere lebte von 1622 bis 1673, und er machte aus Komödien Tragödien, also ließ er unerträglich Seiendes erträglich sein, indem er es mit freien Worten fasste - Zaimoglu, Senkel und Perceval ließen sich anno 07 von ihm, durch ihn, mit ihm sehr sehr sehr genialisch inspirieren ...



Urschreie

Drei Leute hinter mir steht Thomas Thieme. Es ist viertel sechs. 'ne kurze Schlange vor dem Tresen. Ein paar Leute holen sich Getränke, was zu essen, viele sieht man noch in Schwarz; am frühen Nachmittag war die Gedenkveranstaltung für den verstorbnen Mühe - Thieme hat sich eingereiht, ihm bleibt vielleicht noch eine halbe Stunde, sich auf sich und seinen Text zu konzentrieren. Und ich dreh mich um und muss ihn anschauen, ich schau ihm ins Gesicht, ich suche seine Augen. Da entfleucht ihm, überlegt und sehr bewusst gesprochen, dieser eine Satz da, der mir Gänsehaut verschafft: "Ein Mensch unter Menschen will ich sein." So geht der Abend los.
MOLIERE ist angezettelt. Auf fünf Stunden hat sich das Autorentrio Zaimoglu, Senkel & Perceval für eine komprimierte Spielversion aus vier Komödien des Franzosen irgendwie verständigt; freilich ist der Grundduktus (im Sprachlichen) sofort erkennbar und wird eineindeutig mit dem Namen Zaimoglu - für mich in jedem Falle - identifizierbar. Wer auch immer dann den Löwenanteil dieser über 120 Seiten Rollenbuch geliefert haben mag - 'nen dichterischen Text als "Kollektivprodukt" kann ich mir leider und bei Aussparung all meines Gottesglaubens nie und nimmer richtig vorstell'n - , scheißegal: Es ist in jedem Fall geraten und gelungen!

Ungeachtet meiner diesmal prinzipiell gewollten Vorunkenntnis der vier
O-Texte Molieres mit MENSCHENFEIND, JUAN, TARTUFFE + GEIZIGEM erhöre und ersehe ich aus dem mir Dargestellten folgenden Extrakt: Thieme (als "Er" besetzungsmäßig im Programmheft vorgestellt) metamorphiert vom Liebenden zum Liebenden zum Liebenden zum Liebenden... bis dass der Tod ihn von der Urqual seines/allen Lebens scheidet. Und Patrycia Ziolkowska (als Moliere'sche Fraugestalt Célimène ausgewiesen) dient "Ihm" dabei durchgängiger Weise als der zweifelsohne Part eines Partout-Geliebten. Der/die/das sich von "Ihm" lieben lässt. Objekt, Subjekt, das "Sie" an sich. Die Personifizierung des Begriffchens LIEBE also. Was so sehr zu schaffen macht. Was einfach immer weh tut. Was vermeintlich (immer? immer!) einseitig dann ist. Der Eine liebt den Anderen - dem Andern ist der Eine dann zu viel; Verwechslungen mit Sexualität und ihren allerschönsten Ausübungen stets und immer inbegriffen...


Thomas Thieme ist der Minotaurus aller lebenden Kollegen seines Fachs und... wird sie alle eines Tages haushoch überlebt haben - Foto (C) Schaubühne am Lehniner Platz


Thieme ist die Sensation!!!!!

Aus seinem Mund ergießen sich die mannigfachen Selbsterklärungen von wegen "Liebe ist..." wie'n lichtduftender Sommersonnenuntergang aus dunkelrotem Mohngeblüt. Man möchte alles was er haucht und sagt und schreit und rülpst und furzt auf eine Klatte aufnotieren, sie sich dauerlebensnahe um den Hals befestigen, um's allen irgendwie zu zeigen und zu demonstrieren, dass man nicht und nichts vergessen will... um sich's zur ewigen Erinnerung (an Thieme, "Ihn" und "Sie"!!!) zurückrufen zu können; ich bin völlig außer mir! / Seit PUNTILA von Einar Schleef habe ich niemals mehr in dieser gänzlich abgehobnen Art und Weise vor mich hingezittert, hingefiebert wie an diesem Abend. Einem wahren Urerlebnis ausgeworfener und angenommener Verzweiflung. Schwächling Mensch, dem es hier regelrecht und maßlos an den Kragen geht.
Also: Wer über Liebe, diesem Thema aller Themen, etwas wissen und erfahren möchte: Thomas Thieme in MOLIERE!!!!!!!!!
Den einen Satz von Zaimoglu muss ich hier noch zitieren, er bringt alles auf den Punkt, was dieses mörderschöne Stück uns eigentlich zu sagen angetreten istl: "Ich will doch nur, dass du mich liebst."


Andre Sokolowski - red / 4. Sept. 2007
ID 3422
www.andre-sokolowski.de


MOLIERE. Der Menschenfeind - Don Juan - Tartuffe - Der Geizige

von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Luk Perceval

Regie: Luk Perceval
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Ilse Vandenbussche
Musik: Laurent Simonetti
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Mark Van Denesse
Besetzung: Thomas Thieme (Er), Thomas Bading (Dimanche, Philinte, Orgon),
Patrycia Ziolkowska (Célimène), Christine Geiße (Charlotte, Eliante, Marianne),
Karin Neuhäuser (Donna Elvira, Arsinoë, Dorine), Kay Bartholomäus Schulze (Acaste, Cléante, La Flêche), Ulrich Hoppe (Clitandre, Valère), Felix Römer (Don Carlos, Oronte) sowie Stefan Stern und Horst Hiemer

Eine Koproduktion der Schaubühne am Lehniner Platz mit den Salzburger Festspielen

Premiere an der Schaubühne war am 31. August 2007

Nächste Vorstellungen: 8., 9., 15.,16., 22. und 23. 9. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de





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