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Castorfopern (5)

DIE WALKÜRE

Inszenierung: Frank Castorf


Hausinternes Samowar-Motiv für Frank Castorfs Die Walküre bei den Bayreuther Festspielen | Bildquelle (C) bayreuther-festspiele.de

Bewertung:    



Morgen (11. 8.) gibt es auf dem Grünen Hügel wieder Die Walküre, die wir schon vor über einer Woche, als die Wiederaufnahmepremiere war, zur Kenntnis nahmen - hier nun unser etwas zeitversetzter Live-Bericht (von vorher), und damit der Leser resp. der eventuelle potenzielle Live-Erleber halt mit morgen (11. 8., wie gesagt) vergleichen kann:



Siegmund und Sieglinde in Frank Castorfs Die Walküre | Foto (C) Bayreuther Festspiele 2014/Enrico Nawrath

*

Fort Hunding, (später) Bohrturm, nah ein Scheunenschuppen mit herausführendem Zuggleis, jede Menge Auf- und Rundgänge, alles aus Holz; könnte wie Zunder brennen - Bühnenbau von Aleksandar Denić!

Und angeblich wären wir in Baku oder Baku-Nähe oder so - von Patric [Patric Seibert, Castorfs Assistent UND Dramaturg UND Schauspieler] stammt dieser Fabelausschnitt hier: "gewittersturm. / ein fremder kommt ins haus, lässt sich erschöpft nieder. / die hausfrau versorgt ihn mit wasser. / dann gehen beide zu alkoholartigem über. / erster, trinkgefäß vermittelter kuss. / hunding, herr über haus und frau, ist gerade außerhalb unterwegs." (Quelle: Programmheft)

Sieglinde (witzig-klug gespielt und kräftig ausgesungen von/durch Anja Kampe) füttert ihre beiden Truthähne; im 2. oder 3. Akt will sie, geistig schon fast am Ende ihres Limits, sich im Truthahnkäfig vor den Hundinghunden, die sie hetzen würden, ducken... Der Brutalo-Gatte (überragend bösartig und zum Gewaltausbruch, auch stimmlich, neigend: Kwangchul Youn) hasst seine Frau, will aber immer wieder Sex von ihr; sein erster Auftritt mit Zylinder - sieht wie Lincolm aus. In einem zugedeckten Schlitten ragen Patrics blutverschmierte Beingliedmaßen raus; Hunding muss halt dann immer wieder schuften wie ein Vieh, die Arbeitgeberin von ihm scheint maßlos, wenn man die Gemetzelleichen dann so sieht... Siegmund (gemütlich sich zurückhaltend, doch nach und nach zum tenoralen Berserker mutierend: Johan Botha) wird von seiner Zwillingsschwester, allzu plötzlich, sinnlich attackiert; was ist hier los? Auch täuscht sie, Hunding gegenüber, Liebe vor, der das vorübergehend "akzeptiert" und sie zur Abwechslung mal nicht aus Frust heraus verdrischt; sie schläfert ihn mit Selbstgebrautem ein; er kriegt dann von dem Fusel Alpträume, was uns das Nah-Video (Andreas Deinert & Jens Krull) groß transportiert...

Dann holt Sieglinde das Scheißwotanzauberschwert aus Hundings Schuppen und ist völlig außer Rand und Band; sie springt und tanzt und fuchtelt mit dem Ding herum à la 'den Alten mach mir damit platt'...

Geopolitisch grenzt der Ort der Handlung nahtlos zwischen Neuer Welt (Amerika) und Russland resp. der Sowjetunion (mit ihrer früheren Teilrepublik Aserbaidshan; Baku und so); d.h. nach Öl war dort wie dort gebohrt worden. Und sowieso geht ja der sog. Ferne Osten (liegt zwar nicht, wie Baku, am Kaspischen Meer; doch hier in diesem Ring ist eher alles wurscht) quasi fast in Alaska über und wird lediglich durch Volksrandgruppen, Eskimos und so, getrennt. Im 2. Akt also: der Ölbohrturm und eine megagroße Lagerhalle mit zig arbeitenden Menschen - von Boss Wotan (souverän gesungen und gespielt von Wolfgang Koch) und Bossin Fricka (schräg und irre: Claudia Mahnke) ausgebeutete männliche Kreaturen, die auch Essen (für die Mitarmen, mitausgebeuteten Kollegen) zubereiten und bevorraten. Auch portioniertes Öl in kleinen Flaschen steht herum. Kyrillisch-stalinistische Parolen werden auf diverse Flächen projiziert; Filme in nachempfund'ner Eisenstein'scher Attitüde; Patric/Aleksandar Denić, beispielsweise, als trotzkistisch anmutende Anarchisten oder Rädelsführer, die gewisse Sprengabsichten hegen - schließlich werden Bakus Ölplattformen in der Tat dann in die Luft gejagt...

Die bei/für Wotan/Fricka schuftenden Erzsklaven "ersetzen" das im Rheingold ursprünglich gefehlt habende Nibelungenheer. Und Fricka kommt als durchgeknallte und sich wegen ihrer sexuellen Unbeachtetheit durch Wotan mittlerweile als aserbaidshanische Sheherazade gebende Firmen- und Haustyrannin so daher - knallt also, meistens schlecht gelaunt, mit einer Peitsche um sich rum...

Wotan vergnügt sich, davon unbeeindruckt, mit 'ner Dienst tuenden blonden Erzschlampe.

Sein und der Monolog von seiner Tochter (raumfüllend schon hier: Catherine Foster) geraten nur unter verstärktem Alkoholeinfluss.



Wotan und Fricke im 2. Akt aus Die Walküre von Frank Castorf | Foto (C) Bayreuther Festspiele 2014/Enrico Nawrath


Zu Beginn des 3. Akts werden erschöpfte "Restposten" der Aufständigen (von Baku?) gesichtet, und ein letzter unter ihnen schleppt sich tapfer mit 'ner roten Fahne auf- und abwärts, bis er schließlich kraft-und leblos (oder gar verhungert?) seinen Geist aufgibt.

Karnevaleskes, unheterogenes Gruppenbild der 8 Walküren, die aus mehreren Kulturkreisen zu stammen scheinen; ein Geniestreich der Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki.

Brünnhilde muss sich Mut antrinken.

Die Walküren um den Samowar (Wodka mit Tee) versammelt.

Brünnhilds Vater zündet dann ein Feuer auf dem Öltank an.

Die Tochter legt sich von alleine schlafen, ganz weit hinten in der Vorratshalle...

Dirigent Kirill Petrenko steigert sich und das Festspielorchester von Akt zu Akt. Eine schier atemanhaltende Angespanntheit mit gezielt-verübter Eruptionsgewalt; sehr klug dosiert.

Trifft voll ins Schwarze!



Feuerzauber in Frank Castorfs Die Walküre | Foto (C) Bayreuther Festspiele 2014/Enrico Nawrath



Andre Sokolowski - 10. August 2014
ID 8009
DIE WALKÜRE (Bayreuther Festspiele, 28.07.2014)
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Regie: Frank Castorf
Bühnenbild: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Rainer Casper
Video: Andreas Deinert und Jens Crull
Besetzung:
Siegmund ... Johan Botha
Hunding ... Kwangchul Youn
Wotan ... Wolfgang Koch
Sieglinde ... Anja Kampe
Brünnhilde ... Catherine Foster
Fricka ... Claudia Mahnke
Gerhilde ... Allison Oakes
Ortlinde ... Dara Hobbs
Waltraute ... Claudia Mahnke
Schwertleite ... Nadine Weissmann
Helmwige ... Christiane Kohl
Siegrune ... Julia Rutigliano
Grimgerde ... Okka von der Damerau
Rossweisse ... Alexandra Petersamer
Festspielorchester
Premiere war am 27. Juli 2013
Wiederaufnahme: 28. 7. 2014
Weitere Termine: 5. / 11. / 23. 8. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.bayreuther-festspiele.de


CASTORFOPERN


Das Rheingold (28.07.2014)

Siegfried (30.07.2014)

Götterdämmerung (01.08.2014)


Post an Andre Sokolowski

http://www.andre-sokolowski.de




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