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Premierenkritik

Einer schaut

aus wie

Andy Warhol

DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE von Sartre und DIE GERECHTEN von Camus am Staatstheater Regensburg


Bewertung:    



In der jüngsten Auseinandersetzung über den angeblichen Bedeutungsverlust des Theaters haben sich Verteidiger dieser These auf die Beobachtung zurückgezogen, dass das Theater, anders als früher, keine Aufregung mehr hervorrufe, keine Diskussionen mehr auslöse. Aber gilt das nicht für fast alle die Öffentlichkeit betreffenden Bereiche? Wo erhitzen sich heute noch Menschen für oder gegen die Gesamtschule, für oder gegen kompensatorische Erziehung, für oder gegen Mitbestimmung an den Hochschulen? Wo gibt es noch nennenswerten Widerstand gegen die „Unwirtlichkeit der Städte“? Wo fände man das Gegenstück zu den Pros & Contras der ZEIT, wo – um bei jenem Medium zu verweilen, das die gegenwärtige Aufregung entzündet hat – das Pendant zum „Debattenfeuilleton“ der FAZ? Wo wäre der Bedeutungsverlust deutlicher zu spüren als bei den Intellektuellen, in der Philosophie? Vor ein, zwei Generationen stritt man heftig über Heidegger, Jaspers, Sartre, Popper, Adorno, Feyerabend, Habermas. Heute – fast schämt man sich, die Namen zu nennen – nehmen Sloterdijk, Safranski und Precht deren Platz ein.

Jean-Paul Sartre und sein etwas jüngerer Freund Albert Camus zählten in den Nachkriegsjahren zu den populärsten Repräsentanten einer philosophischen Richtung, die sich Existenzialismus nannte und die weit über die Studierstuben hinaus Wirkung zeigte, einen Lebensstil prägte. (Der Versuch, mir eine Juliette Gréco und einen Club Le Tabou zu Norbert Bolz vorzustellen, scheitert im Lächerlichen.) Beide waren auch, international, mit fiktionalen Texten erfolgreich. Heute sind sie, wenn man vom Hype um Die Pest während der Corona-Epidemie absieht, weitgehend vergessen. Auf den Bühnen sind ihre Dramen selten zu sehen. Zu Unrecht. Was an ihnen „existenzialistisch“ ist, spielt wohl kaum noch eine Rolle. Aber ihr politisches Potenzial hat eher zugenommen. Sie sind, über die historisch gewordene Realität kommunistischer und anarchistischer Modelle hinaus, aktueller denn je. Die Dialektik revolutionärer Gewalt ist mit der Sowjetunion ebenso wenig verschwunden wie mit den Jakobinern.

Das STAATSTHEATER REGENSBURG wagt eine Doppelpremiere zweier themenverwandter Stücke von Sartre und Camus. Ein guter Einfall, der allerdings das Sitzfleisch ebenso beansprucht wie den Verstand. Auch geht die Rechnung nur mit Abstrichen auf. Beide Stücke des Abends handeln zwar von revolutionärer Gewalt, aber mit einem fundamentalen Unterschied. Während es bei Camus um einen Mord am politischen Gegner geht, tötet Sartres Protagonist in Absprache mit seinen Genossen einen „Abweichler“ der eigenen Partei. Damit ist er näher an Bertolt Brechts achtzehn Jahre zuvor uraufgeführter Maßnahme und auch näher an der Wirklichkeit der Sowjetunion der dreißiger Jahre, der sogenannten „Tschistka“ („Säuberung“), als an Camus. Sartre selbst hat eine Interpretation seines Stücks als antikommunistisch, ja sogar als politisch zurückgewiesen, aber es fällt schwer, Bezüge zu historischen Tatsachen zu leugnen.

Zunächst also Die Gerechten von Albert Camus. In dem Stück geht es um die Berechtigung des Tyrannenmords und um die Frage, welche Opfer in Kauf genommen werden dürfen, wenn durch sie größere Opfer verhindert werden können. Es spielt 1905 in Russland. Mit den „Gerechten“ sind Terroristen der sozialrevolutionären Partei gemeint. Sie planen ein Attentat auf den Großfürsten. Janek schafft es nicht, die Bombe wie geplant in die Kalesche des Großfürsten zu werfen, als er darin zwei Kinder sieht. In der Gruppe beginnt eine Debatte. Darf man auch Kinder töten? Soll man der Menschheit eine Revolution aufzwingen, wenn das Volk sie ablehnt? Stepan besteht darauf:


„Nichts ist verboten, das unserer Sache dienen könnte.“ Seine Mitleidlosigkeit hat freilich Argumente: „Weil Janek diese beiden nicht getötet hat, werden Hunderte russischer Kinder verhungern. Jahr um Jahr. Habt ihr schon einmal Kinder verhungern sehen?“ Janeks Gegenstandpunkt lautet: „Ich habe eingewilligt zu töten, um die Gewaltherrschaft zu stürzen. Aber in dem, was du sagst, höre ich eine neue Gewaltherrschaft, die mich, wenn sie je an die Macht kommt, zum Mörder werden lässt, daher versuche ich doch, für das Recht zu kämpfen.“


Hier ist ein echter Konflikt formuliert. Das ist der Stoff, aus dem politisches Theater geformt ist, das mehr will, als nur Bekanntes paraphrasieren, mehr als einen Appell, dem man zustimmen oder den man ablehnen kann. Die Gerechten fesseln auch heute, mehr als ein Dreivierteljahrhundert nach ihrer Entstehung, weil Camus seinerseits seinen Figuren gegenüber gerecht ist. Alle Argumente der russischen Sozialrevolutionäre von 1905, selbst die des fanatischen Stepan, besitzen ihre Plausibilität. Die Gewalt, die Stepan in der Gefangenschaft erleiden musste, erklärt zumindest seine Unerbittlichkeit, seinen unversöhnlichen Hass gegen die Tyrannei. Es gibt kein Gegenüber von Gut und Böse, von Richtig und Falsch. Der Zuschauer ist aufgefordert, sich angesichts der entgegengesetzten Positionen ein eigenes Urteil zu bilden. An zentraler Stelle sagt die Witwe des ermordeten Großfürsten zu dem Bombenwerfer Janek, der die Kinder verschont hat:


„Kennst du sie? Meine Nichte hat kein gutes Herz. Sie weigert sich, selber ihr Almosen zu den Armen zu bringen. Sie hat Angst, sie zu berühren. Sie ist ungerecht. Er (der Großfürst) hat die Bauern wenigstens geliebt. Er hat mit ihnen getrunken. Und du hast ihn getötet. Du bist auch ungerecht, das ist sicher. Die Erde ist verwaist.“


Das ist eine geniale ironische Volte des Autors: Ausgerechnet die sentimentale Idealisierung von Kindern stellt die Gerechtigkeit, die von den Revolutionären angestrebt wird, infrage.

Camus bietet keine eindeutige Antwort auf den Konflikt an. Aber er denunziert die Terroristen nicht. Nicht der Kampf gegen die Tyrannei wird infrage gestellt, nicht die Berechtigung von „Gewalt, wo Gewalt herrscht“ (Bertolt Brecht). Beklagt wird lediglich der Preis, der für die angestrebte bessere Gesellschaft zu bezahlen ist. Beklagt werden die Umstände, die der Liebe – im christlichen wie im erotischen Sinn – keinen Raum lassen. Sartre und Camus waren beide herausragende Repräsentanten einer „engagierten Literatur“. Sie wollten mit ihren Werken in die Wirklichkeit eingreifen, aber sie vertrauten noch auf die Mittel der Guckkastenbühne, auf der professionelle Schauspieler Rollen verkörpern. Wenn sie auch im Einzelnen unterschiedliche philosophische und politische Ansichten vertraten, trieben sie doch ähnliche Fragen um. Elf Jahre nach den Gerechten schrieb Camus sein Drama Die Besessenen nach Dostojewskis Roman Die Dämonen, der deutsch auch unter dem Titel Böse Geister vorliegt. Darin setzt sich der Schriftsteller, der nur 46 Jahre alt wurde, erneut mit Fragen der revolutionären Gewalt auseinander. Dass diese Fragen keineswegs gelöst sind, bezeugen die täglichen Nachrichten.

Leider hat die Regisseurin Antje Thoms in der Nebenspielstätte im Antoniushaus mit dem morbiden Charme der fünfziger Jahre vor der Inszenierung eines reinen Diskussionsstücks kapituliert. Bei ihr ist es ein Hörspiel in einem Rundfunkstudio hinter einer Glaswand. Die Schauspieler sprechen schnell, ohne Nachdruck, ohne Theatralik in Mikrofone, um die Sache in einer Stunde hinter sich zu bringen. Einziger Regieeinfall: vorne hören zwei Menschen das Stück im Radio an, gehen auch zwischendurch und vor dem Ende von der Bühne, offenbar stellvertretend für das Publikum, dem unterstellt wird, dass ihm der Kampf gegen die Tyrannei ziemlich wurscht ist.

*

Dann, noch vor der ersten von zwei Pausen, fangen Die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre in der erst knapp anderthalb Jahre alten Neu-Übersetzung des fleißigen Hinrich Schmidt-Henkel an. (Bei Sartre ist es unverzichtbar, die jeweiligen Übersetzer zu nennen, wenn man bedenkt, dass sein Stück La putain respectueuse jahrelang unter dem irreführenden Titel Die ehrbare Dirne – statt Die respektvolle Dirne – gezeigt wurde. Auch bei Camus ist die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel der älteren von Guido G. Meister um Klassen überlegen. Sie liefert einen sprechbaren, flüssigen Text, wo die ältere Version allzu eng am Original klebt.) Und hier hatte Antje Thoms eine glücklichere Hand. Sie inszenierte das Stück als Politthriller mit den Mitteln des psychologisch-naturalistischen Theaters. Einzige Ausnahme ist die Karikatur des Prinzen in Husarenuniform und mit Make-up.

Die Rollenbesetzung stellt eine Verbindung zu Camus her. Die Großfürstin aus den Gerechten geistert schweigend durch Sartres Stück wie ein Phantom der Vergangenheit, als hätten die Gegenspieler vergessen, wer einst der gemeinsame Feind war. Der mit einem Mord beauftragte Hugp trägt den Decknamen Raskolnikow und sieht auch so aus. Zappelig, mit herunterhängenden Hosenträgern wird er von der Regie gegenüber dem koalitionsbereiten Parteichef Hoederer ins Unrecht gesetzt. Die Inszenierung entscheidet sich für die Realos und gegen die Fundis. Bei Sartre ist das nicht so eindeutig. Man ist geneigt, das hinzunehmen, weil wirklich gut gespielt wird. Und den flauen Beginn des Abends hat man am Ende fast vergessen.



V.l.n.r.: Guido Wachter, Thomas Mehlhorn, Jonas Julian Niemann, Michael Haake und Natascha Weigang in Die schmutzigen Hände von Sartre am Theater Regensburg
Foto (C) Marie Liebig; Bildquelle: staatstheater-regensburg.de

Thomas Rothschild - 11. Mai 2026
ID 15850
DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE/ DIE GERECHTEN (Schauspielhaus, 10.05.2026)
von Jean-Paul Sartre und Albert Camus

Inszenierung: Antje Thoms
Ausstattung & Video: Florian Barth
Sounddesign: Jan-S. Beyer
Licht: N.N.
Dramaturgie: Elena Höbarth
Regieassistenz & Abendspielleitung: Sandra Zehnter
Besetzung:
Dora/ Olga ... Natascha Weigang
Iwan Kaljajew, Janek/ Der Prinz ... Jonas Julian Niemann
Stepan/ Louis ... Guido Wachter
Boris Annenkow, Borja/ Hoederer ... Thomas Mehlhorn
Alexej Woinow/ Der Großfürst/ Ivan/ Georges ... Michael Haake
Skuratow/ Karsky ... Gerhard Hermann
Die Großfürstin ... Franziska Sörensen
Hugo ... Paul Wiesmann
Jessica ... Maite Dárdano
Slick ... Clemens Maria Riegler
u.a.
Premiere am Staatstheater Regensburg: 10. Mai 2026
Weitere Termine: 28., 29., 31.05./ 02., 10., 11.06./ 08., 11., 12.07.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterregensburg.de


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