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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Winter-

Syndrom



Polaris in den Kammerspielen des DT Berlin | Foto (C) Thomas Aurin

Bewertung:    



Kriege oder Klima - was von beiden führte wohl am schnellsten zum Untergang der Menschheit? Kurzfristig die Kriege, falls sie jemals nuklear gedreht werden würden. Langfristig das Klima, dessen menschengemachte Veränderungen uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (wann, ist eigentlich egal) einholen werden; und das war es dann.

Ein langjähriger Freund, seines Zeichens promovierter Geologe, behauptete mir gegenüber mal sarkastisch, dass die Erde sowieso dann eines Tages implodieren würde, und das würde sicherlich zu einem bis da gänzlich lebewesen- also menschenlosen Zeitpunkt sein, mit andern Worten ausgedrückt: Unser Dasein auf dem blauen Planeten ist begrenzt; Lars von Trier hatte das bereits in seinem traumhaft schönen Weltuntergangsfilm Melancholia prognostiziert..

Doch - Trost! - bis dahin bleibt uns noch ein Stückchen Zeit.

Ja und die Folgefrage könnte daher sein: Wie, wo gestaltet man am sinnstiftendsten dieses gottgegeb'ne Intervall?

Der Regisseur Jan-Christoph Gockel (s. seinen Münchner Wallenstein, ernst neulich beim tt) unternahm dann also mit dem Dokumentarfilmer Lion Bischof sowie den beiden Schauspielern Julia Gräfner und Wolfram Koch eine vierwöchige Expedition in die Antarktis und besuchte dort die Belegschaft der Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts (die untersucht da unter anderem, wie schnell das Eis abschmilzt und so die Meeresspiegel ansteigen lässt und folglich das Weltklima negativ beeinflusst).




Polaris - Reise in die Antarktis, v.l.n.r.: Jan-Christoph Gockel, Julia Gräfner und Wolfram Koch | Foto (C) Lion Bischof


Der touristischen Neugier ging dann allerdings noch eine frühere Idee von Gockel voran, nämlich:


"'Nervenzusammenbruch in der Antarktis - russischer Forscher sticht Kollegen nieder', titelte das Focus Magazin im Oktober 2018. Russische Ermittler kamen zu dem Schluss, dass der Angriff geschah, weil ein Forscher seinem Kollegen immer wieder den Ausgang von Büchern verraten hatte. Oleg B. und Sergeij S. waren begeisterte Leser und füllten so die langen Stunden in der antarktischen Einsamkeit. Was wie ein ungewöhnlicher Streit über Bücher und Spoiler klingt, offenbart eine komplexe Geschichte über menschliche Grenzen in der unendlichen Weite der Antarktis. [...] Als Regisseur Jan-Christoph Gockel von dem realen Verbrechen erfuhr, erkannte er darin den Auftakt zu einer größeren, noch ungeschriebenen Geschichte über Zeit, Einsamkeit, Literatur, Naturgewalten und die Frage, wie Menschen unter Extrembedingungen funktionieren." (Quelle: ruhrfestspiele.de)


Auf der von Julia Kurzweg mit großen, weißen Tüchern ausdrapierten Bühne agieren Gräfner & Koch als verclownte Oleg & Sergeij, führen sie in ihrer sich mehr und mehr steigernden Überreiztheit - Winter-Syndrom halt - vor und lassen uns ganz nebenbei ihre von ihrem Temperament her völlig konträren Arbeits- und Verhaltensweisen nachvollziehen; es geschah dann eben am hellichten Tag, und der eine kriegte einen Schneekoller, während der andere dran glaube musste, und so schnell kann's manchmal kommen.

Parallel werden Ausschnitte von Bischofs Dokumentarfilm über den vierwöchigen Aufenthalt des Künstlerquartetts dort unten großflächig oder auf einem LED-Bildschirm gezeigt.

Anton Berman lieferte von der Seite aus begleitende Elektronikgeräusche und zum Teil sogar gesungene Live-Musik.

Kam alles sehr, sehr gut beim Berliner Premierenpublikum in den Kammerspielen des Deutschen Theaters an - uraufgeführt wurde Gockels Projekt bereits paar Tage vorher bei den Ruhrfestspielen Recklingghausen.

Andre Sokolowski - 5. Juni 2026
ID 15891
POLARIS (Kammerspiele, 05.06.2026)
Ein Projekt von Jan-Christoph Gockel

Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne und Kostüme: Julia Kurzweg
Dokumentarfilm, Video, Kamera: Lion Bischof
Musik: Anton Berman
Licht: Marco Scherle
Recherche: Serge Okunev
Dramaturgie: Daniel Richter
Mit: Julia Gräfner und Wolfram Koch sowie dem Live-Musiker Anton Berman
UA bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen: 16. Mai 2026
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 5. Juni 2026
Weitere (Berliner) Termine: 06., 07., 21., 26., 27.06.2026
Koproduktion des Deutschen Theater Berlin mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Théâtre National du Luxembourg, in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut, gefördert vom DT Freundeskreis und mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Instituts


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de


https://www.andre-sokolowski.de

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