Amalia hat
das letzte
Wort
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Die Räuber am Schauspiel Stuttgart, 2026 | Foto (C) Thomas Aurin
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Bewertung:
„Schon die Politik könnte sie zwingen, Wort zu halten, wenn sie es auch dem Satan gegeben hätten. – Wer würde ihnen in Zukunft noch Glauben beimessen? Wie würden sie je einen zweiten Gebrauch davon machen können?“
Welcher heutige Politiker ließe sich durch diese Erwägungen Karl Moors [s.o.] davon abhalten, sein Wort zu brechen? Aber das ist nicht das Einzige, was sich seit der Veröffentlichung von Friedrich Schillers erstem Drama vor 245 Jahren verändert hat.
Regietheater hin, Texttreue her: machen wir uns nichts vor: Die Räuber sind eine Klamotte geworden, die man so, wie sie geschrieben ist, nicht mehr spielen kann. Jedes Shakespeare-Drama – zur Erinnerung: rund 200 Jahre älter als Schillers Jugendwerk – macht im Vergleich den Eindruck unverbrauchter Frische und Modernität, und zwar im Ablauf der Handlung, in der Dramaturgie, in der Psychologie der Figuren (was ist die Kanaille Franz gegen Richard III., was sein Werben um Amalia gegen das Richards um Anna?) und dank neueren Übersetzungen sogar in der Sprache. Wer vermag einen Satz wie den folgenden ohne wiederholte Lektüre zu verstehen?
„Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte wegen der Verneinung seiner Geburt sich einkommen lassen, an ein bedeutendes Etwas zu denken?“
Man merkt Schillers Schauspiel an, was er in einer Vorrede überdeutlich gemacht hat: dass er sich unter dem Diktat einer idealistischen deutschen Philosophie gewunden hat, deren Maximen für die Literatur nur ein Hemmnis bedeuten konnten. Schiller selbst hat von einer Aufführung der Räuber abgeraten – nicht aus Gründen der künstlerischen Qualität, sondern der Moral. Wo der Sturm und Drang einem 22-jährigen Dramatiker so viel Selbstverleugnung abverlangt, kann, Generationen von konservativen Deutschlehrern zum Trotz, nur ein verquältes Produkt entstehen.
Gegen diese Voraussetzungen leisten zeitgenössische Regisseure, wenn sie sich denn zu einer Inszenierung der Räuber entschließen oder damit beauftragt werden, Widerstand. Lustvoll nützen sie die Freiheit, die ihnen die historische Distanz zum Text geradezu aufdrängt. Kürzlich erst hat Lucia Bihler in Bochum ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. In Stuttgart hat der Regisseur Stefan Pucher Thomas Melle herbeigeholt, der Schiller durch Ergänzungen in die Gegenwart holen sollte. Mit Melle – mit seiner Welt im Rücken – (und übrigens mit Lucia Bihler) hatte das Schauspiel erst unlängst einen großen Erfolg.
Zu Melles Ergänzungen gehören auch ein paar „Songs“, die Schiller in die Nähe von Brecht rücken. Warum nicht? Der hat bekanntlich unter anderem den Hofmeister von Jakob Michael Reinhold Lenz bearbeitet. Melles Räuber singen, eine Melange aus Hessischem Landboten und Trump-Anhängerschaft, im Chor:
„Dann stürmen wir das Parlament, ersticken das Parlando schleifen das Schloss, rasen ins Kapitol.“
Das Stück beginnt in Stuttgart nicht mit einem Dialog zwischen Franz Moor und seinem Vater und auch nicht mit Schillers Vorrede, sondern mit einem Monolog von Amalia. Und auch das letzte Wort gehört in Stuttgart Amalia, die bei Schiller, wie schon zehn Jahre vor ihr Lessings Emilia Galotti, eigentlich einem leichtsinnig erbetenen Femizid erliegt. Sie sagt:
„Wozu erzählen, wenn man handeln kann?“
Wenn das nicht von Brecht stammen könnte – was dann?
Und auf welche Erkenntnis stützt sich Amalia Melles Handeln?
„Glaubt nicht, heute kämen die Katastrophen stets mit einem Knall, ich habe es erfahren, die Kriege sind oft unsichtbar, die Zerstörung kriecht hinterrücks und stumm heran. Es kann nicht sein, dass diese Räuber so tun, als wäre nichts geschehen, als hätten sie nichts gemacht. Das sind echte Verbrechen, das sind echte Verbrecher. Dafür gibt es Gesetze. Aber wenn ihr sie annehmt, werden die Gesetze irgendwann auf eurer Seite sein. Ihr könnt sie sogar ändern.“
Das sagt sie als projizierte Großaufnahme den Räubern und zugleich dem Publikum. Die Schaubühne als eine moralische Anstalt. Mit einem eher sozialdemokratischen als sturmdranghaften Anstrich. Schon nach der Pause legt ihr Thomas Melle diese Mahnung in den Mund:
„Ich weiß, Mäßigung und Kompromiss sind nicht gerade die spannendsten Plotpoints. Aber darauf wird es hier hinauslaufen müssen.“
Die Stuttgarter Räuberbande ist eine Mischung aus Jakobiner und Heavy Metal, aus Freaks und Revolutionären. Sympathieträger oder doch abscheulich? Einer von ihnen sagt.
„Ich möchte mitreden können, mitentscheiden, was mit mir passiert. Und was mit dem passiert, was ich beisteuere.“
An sich keine schlechte Idee.
Muss man noch erwähnen, dass Franz Moor von einer Frau, Therese Dörr, verkörpert wird? Kanaille ist weiblich. Das ist heute Normalität. Nach Amalias Einleitungsmonolog absolvieren sie (er) und der alte Moor (Michael Stiller) ihren Dialog via Video, das den Abend kontinuierlich gliedert.
Das düstere Bühnenbild mit mythologischen Zitaten erinnert an Arnold Böcklin. Die Bühnenbildnerin Nina Peller beruft sich auf den Koloss des Apennin von Giambologna (1589). Ob die Zuschauer den erkannt haben? Ich gestehe: ich kam erst bei Lektüre des Programmhefts nach der Vorstellung darauf.
Gerne würde man eine außergewöhnliche schauspielerische Leistung hemmungslos loben. Leider ist das unmöglich geworden in einer journalistischen Umgebung, in der jeder mittelmäßige Furz, ob im Kulturbetrieb, in der Gastronomie, in der Architektur, mit Superlativen und sprachlich verqueren Überbietungsformeln überhäuft wird. Die Kritik in ihrem traditionellen Verständnis ist zu einer Außenagentur der verkaufsfördernden Werbung verkommen und hat das Lob, wo es berechtigt und vonnöten wäre, entwertet. Man zögert selbst dort, wo es am Platz wäre, das Gute gut und das Bessere besser zu nennen, weil man sich nicht mir den Lohnschreibern gemein machen möchte, die den Kapitalismus inhaliert und ihre Seele an den Profit verkauft haben.
Auf die Gefahr hin also, dass ich nicht gehört werde im Schatten all jener Berufsjubler, die, wie der Hirtenjunge in Aesops Fabel, „Wolf!“ schreien, obwohl weit und breit keiner zu sehen ist, will ich beteuern, dass Therese Dörr, nicht erst mit dieser Inszenierung, wesentlich zur Rückeroberung der vorübergehend verloren gegangenen überregionalen Wahrnehmung des Stuttgarter Theaters beiträgt.
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Die Räuber am Schauspiel Stuttgart, 2026 | Foto (C) Thomas Aurin
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Thomas Rothschild – 5. Juli 2026 ID 15935
DIE RÄUBER (Schausiel Stuttgart, 04.07.2026)
von Friedrich Schiller, Mit Texten von Thomas Melle
Inszenierung: Stefan Pucher
Bühne: Nina Peller
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Hannes Francke und Ute Schall
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Katja Prussas
Mit: Michael Stiller (Der alte Moor/ Pater), Felix Jordan (Karl Moor), Therese Dörr (Franz Moor), Celina Rongen (Amalia von Edelreich), Tim Bülow (Spiegelberg), Simon Löcker (Razmann), Mina Pecik (Schwarz), Karl Leven Schroeder (Roller), Silvia Schwinger (Schweizer) und Sven Prietz (Hermann, Bastard von einem Edelmann/ Schufterle)
Premiere war am 4. Juli 2026.
Weitere Termine: 09., 12., 16., 18.07./ 04., 12., 18., 31.10.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de
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