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Premierenkritik

Tschechows Sehnsuchtspersonal in einem trostlosen Militärbunker



Drei Schwestern am BE | Foto (C) Jörg Brüggemann

Bewertung:    



Wie kommen Tschechows Drei Schwestern in einen Bunker? Das fragte man sich bei der Premiere von Mateja Koležniks Inszenierung am Berliner Ensemble. Dort hat Klaus Grünberg einen dunklen, fensterlosen Raum mit Treppe nach oben auf die Bühne gebaut. Es hängen Landkarten an der hinteren Wand eines Gangs, der durch Glas vom verwinkelten Innenraum mit blinkender Schalttafel und einer Sitzecke mit Sofa abgetrennt ist. Dort sitzen die Familie und Offiziere die meiste Zeit und reden (wie immer bei Tschechow) viel Nichtssagendes. Eine latente Kriegsgefahr tritt in die provinzielle Enge der sich nach Moskau sehnenden und an ihrem ereignisarmen Leben verzweifelnden Frauen. Zwischen den Akten wird immer wieder Alarm ausgelöst. 10 Soldaten-Statisten wuseln durch die Räume, trinken oder prügeln sich. Maskuline Übermut bis zur Übergriffigkeit. Mal kommen Männer mit Schutzanzügen und Atemmasken, mal telefoniert ein junger Soldat mit seiner Mutter. Es wäre nur ein Manöver, sie solle sich keine Sorgen machen. Am Ende wird das Bataillon doch nach Polen verlegt. Das ist die Rahmung des Abends, der sich in gekürzter 2-stündiger Fassung eng an Tschechows tragikomischen 4-Akter anlehnt.

Von der Ausstattung und den Kostümen bis zu den Uniformen (Ana Savić-Gecan) ließe sich das optisch in die Sowjetzeit der 1950er Jahre verorten. Volker Brauns Stück Die Übergangsgesellschaft nutzte 1982 Tschechows Drei Schwestern als Folie für die bleierne Zeit der 1970er Jahre in der DDR. Aber auch heute lassen sich Tschechows Stücke sehr gut für die Beschreibung gesellschaftlichen Stillstands und Reformverweigerung benutzen. Der Leipziger Girschkarten, eine moderne Fassung von Tschechows Kirschgarten vom Görlitzer Autor Lukas Rietzschel, zeigte jüngst die Neigung zu nostalgischer Verklärung der Vergangenheit und Umdeutung gesellschaftlicher Realität in der ostdeutschen Provinz.

Das trifft auch für die drei Schwestern in Mateja Koležniks Inszenierung zu. Der lähmende Stillstand und das vergebliche Warten auf Änderung sind greifbar. Das gibt die etwas bleierne Grundstimmung, die aber auch eine stete, latent unbehagliche Spannung mit sich bringt. Wer seinen Tschechow liebt, wird ihn hier wieder finden, wenn auch etwas geschrumpft auf die wesentlichen Grundkonflikte. Die Olga von Bettina Hoppe ist auch hier von ihrem Lehrerinnenjob erschöpft und klagt. Constanze Becker spielt die von ihrem Mann, dem spießigen Lehrer Kulygin (Martin Rentzsch) gelangweilt und genervte, leicht depressive Ehefrau. Nur Lili Epply füllt den Part der jüngsten Schwester Irina mit Sehnsuchtsblick. Die Hoffnung nach der romantischen Liebe und erfülltem Arbeitsleben zerschlägt sich aber auch hier sehr schnell. Bruder Andrej ist bei Paul Herwig ein früh gealterter Schluffi, der sein Potential nicht ausschöpft. Man kennt die Figuren Tschechows immer wieder. Mateja Koležnik lässt ihnen Raum zum Klagen und Gestikulieren. Die eigentliche Gefahr um sie, erkennen sie in ihrer lächerlichen Selbstbezogenheit nicht.

Der unglückliche, ständig von einem besseren Leben schwafelnde Oberstleutnant Werschinin wirkt bei Sebastian Zimmler noch steifer als sonst. Die Regie gönnt dem zögerlich verdrucksten Liebespaar Mascha und Werschinin eine Slapsticknummer hinter dem Sofa. Und auch die drei Schwestern tanzen einmal fast ausgelassen zu einem italienischen Schlager. Tilo Nest verleiht seinem gescheiterten Militärarzt Tschebutykin viel Sympathie, aber auch eine verzweifelte Panikattacke. Die beiden um Irina buhlenden Kontrahenten Soljony (Maximilian Diehle) und Tusenbach (Jannik Mühlenweg) stellen zwei gegensätzliche Möglichkeiten toxischer Männlichkeit dar. Diehles Soljony ist ein schlaksiger Clown mit hängenden Armen und latenter Neigung zur Gewalt, während Mühlenweg den Idealisten Tusenbach mit seinen Phrasen zur Arbeit fast ins Lächerliche treibt. Die Einzige, die sich nimmt, was sich ihr bietet, ist die pragmatische bauernschlaue Frau Andrejs. Marina Galic als Natascha hat man selten so aasig gesehen, wie sie die hilflose alte Kinderfrau Anfissa (Josefin Platt) schikaniert. Dem durchweg guten Ensemble ist zu verdanken, dass dieser etwas überdeutlich gerahmte Plot trotzdem halbwegs gut aufgeht.



Drei Schwestern am BE | Foto (C) Jörg Brüggemann

Stefan Bock - 27. April 2026
ID 15822
DREI SCHWESTERN (Berliner Ensemble, 23.04.2026)
von Anton Tschechow

Regie: Mateja Koležnik
Bühne: Klaus Grünberg Bühne
Kostüme: Ana Savić-Gecan
Musik: Alen Sinkauz, Nenad Sinkauz
Dolmetscherin: Anja Wutej
Choreografie: Magdalena Reiter
Licht: Ulrich Eh Licht
Dramaturgie: Amely Joana Haag
Mit: Lili Epply (als Irina), Bettina Hoppe (als Olga) und Constanze Becker (als Mascha) sowie Marina Galic, Josefin Platt, Paul Herwig, Maximilian Diehle, Jannik Mühlenweg, Sebastian Zimmler, Martin Rentzsch und Tilo Nest
Premiere war am 23. April 2026.
Weitere Termine: 09., 10.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de


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