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Uraufführung

Tschechow-

Adaption



Der Girschkarten von Lukas Rietzschel - am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Bewertung:    



Etwas ironisch als „Osterklärer“ stellt der Leipziger Intendant und Regisseur des Abends Enrico Lübbe den 1994 in Räckelwitz geborenen Schriftsteller und Dramatiker Lukas Rietzschel bei der Premierenfeier vor. Man hat hier bereits 2021 mit dem jungen Autor am Schauspiel Leipzig zusammengearbeitet. Widerstand konnte wegen Corona nur als Theaterfilm realisiert werden. Nachdem Rietzschel 2024 Das beispielhafte Leben des Samuel W. für das Gerhard-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau geschrieben hatte und eine Verfilmung seines Romans Mit der Faust in die Welt schlagen im Februar 2025 bei der BERLINALE lief, hat Rietzschel nun ein weiteres Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig vorgelegt.

Nach Onkel Werner in Magdeburg hat also auch Leipzig seine Tschechow-Überschreibung bekommen. Rietzschels Der Girschkarten entfernt sich allerdings weit vom Originaltext und behält lediglich das Motiv um den Verkauf des Kirschgartens und den Aufbau der 4. Akte von Tschechow bei. Die junge Anja (Vanessa Czapla), ihr Freund Anton (Niklas Wetzel), ihr Vater Peter (Dirk Lange) und seine Freundin Dunja (Lisa-Katrina Mayer) besuchen die Großmutter (Katja Gaudard) und Alexander (Thomas Braungardt), den Onkel Anjas, in ihrem kleinen Haus irgendwo auf dem Land, um das Grundstück zu verkaufen. Darum hat sich eine Siedlung neuer Häuser mit Straßen, Carports und Supermärkten entwickelt.

Die Ansichten zum Verkauf sind aber innerhalb der Familie sehr unterschiedlich. Ähnlich wie bei Tschechow wird nun immer wieder darüber geredet, wie schön es hier früher war, die Größe des Grundstücks und Hauses in Zweifel gezogen, aber nicht gehandelt. Vor allem die Großmutter hängt in der Vergangenheit fest und will das Haus nicht mehr verkaufen. Rietzschel bezieht sich auf die allgegenwärtige Nostalgie, Verklärung und die Schaffung alternativer Fakten, was er als Phänomen aber nicht allein nur für den Osten beobachtet hat. „Die Leute glauben, was sie glauben wollen“, sagt Dunja einmal im Stück. Klarheiten werden aufgeweicht. Der Glaube an die Zukunft verklärt sich hier zum Blick in die Vergangenheit.

Im fast leeren weißen Bühnenkasten von Enrico Lübbe sitzt das Stückpersonal auf Stühlen, kriecht auf dem Boden und misst mit dem Zollstock, der im künstlich erzeugten Zweifel zum symbolischen Verschwörungsinstrument mutiert. Die Koalitionen von für und wider den Verkauf wechseln, wie das Mistrauen gegeneinander. Der Besuch bei einem Sparkassenmitarbeiter wird verschoben, schließlich abgesagt und eine ominöse Nachbarin und Ladenbesitzerin (Tilo Krügel) taucht immer wieder mit Axt oder Unkrautgiftspritze auf und sorgt mit ihren kuriosen Andeutungen für weitere Verunsicherung. Diese Verwirrung spiegelt sich auch im verdrehten Stücktitel, der nichts mit sächsischem Dialekt zu tun hat.

Text und Spiel orientieren sich am Genre der Komödie. Ein bizarres, aber durchaus unterhaltsames Kammerspiel. Dazu hängt stilisiert die Natur als Kabelsalat in der Wandecke, wird die Szene immer wieder mit flimmernden Videobildern und Regieanweisungen überblendet. Musik und Störgeräusche erzeugen eine diffuse Stimmung. Etwas künstlich wirken auch die teilweise aus dem Off kommenden Stimmen der ProtagonistInnen. Das überraschende Ende entzieht, anders als bei Tschechow, den Kirschgarten der kapitalistischen Verwertung. Letztendlich wird der an die Nachbarin verschenkte Garten der Natur überlassen. Ein Kokon, der ihn von der Realität da draußen schützt. Ein mehr symbolischer Akt, der als wiederkehrende Zeitschleife den andauernden Stillstand manifestiert. „Alles bleibt, wie es ist und wie es war.“ Eine interessante Weiterentwicklung des Tschechow-Plots in Zeiten verstärkter Verunsicherungen und Angst vor Veränderung.




Der Girschkarten von Lukas Rietzschel - am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Stefan Bock - 29. November 2025
ID 15580
DER GIRSCHKARTEN (Schauspiel Leipzig, 27.11.2025)
von Lukas Rietzschel

Regie & Bühne: Enrico Lübbe
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Peer Baierlein und Thibault Madeline
Dramaturgie: Torsten Buß
Video: Matthias Gruner
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Ton: Udo Schulze
Mit: Vanessa Czapla (als Anja), Niklas Wetzel (als Anton), Dirk Lange (als Peter,), Lisa-Katrina Mayer (als Dunja), Thomas Braungardt (als Alexander), Katja Gaudard (als Großmutter) und Tilo Krügel (als Nachbarin)
UA war am 27. November 2025.
Weitere Termine: 09., 13., 19.12.2025


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-leipzig.de


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