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Uraufführung

Schimmelpfennig

antikenfrei

SOMMERSONNENWENDE uraufgeführt


Sommersonnenwende von Roland Schimmelpfennig - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Toni Suter

Bewertung:    



Nach dem überwältigenden Erfolg von Roland Schimmelpfennigs Theben-Zyklus hat das Deutsche Schauspielhaus Hamburg einen Argonauten-und-Medea-Mehrteiler, wieder in der Regie von Karin Beier, angekündigt. Zwischendurch aber bleiben dem unermüdlichen Dramatiker Zeit und Kraft für eigene Stoffe.

Sommersonnenwende, ein vergleichsweise kleines Stück von 85 Minuten Dauer mit vier Schauspielern, wurde elf Jahre nach seiner Wintersonnenwende am anderen Ende Deutschlands, in Stuttgart, uraufgeführt. Das Personenverzeichnis schreibt auch noch zwei Kinder, eine Katze und einen Hund vor. Mit Stücken dieses Formats hat der bald Sechzigjährige vor drei Jahrzehnten begonnen.

Das Theater kündigt an:



„In Roland Schimmelpfennigs neuem Stück wird ein Familienfest zum Schauplatz von Reibungen, Zwängen und unbewussten Zerstörungslaunen.“


Wieso klingt uns das so vertraut? Passt es in diesen Tagen nicht auf das halbe Repertoire deutscher Bühnen? Mögen Drohnen und Raketen durch die Luft fliegen, mögen Wahnsinnige das Schicksal ganzer Generationen bestimmen – die Dramatiker halten sich immer noch bei den Reibungen der Familie auf. Dabei weiß Schimmelpfennig es ja besser. Er hat sich immerhin geraume Zeit mit Sophokles und Euripides ins Bett gelegt. Ödipus und Medea weisen über unbewusste Zerstörungslaunen weit hinaus.

Gespielt wird auf einer leeren Bühne, die man auch als Garten denken soll und deren Boden sich nach und nach mit Requisiten füllt. Der Himmel hängt voller Scheinwerfer, die mal weißes, mal gelbes Licht spenden.

Der Text wechselt, nicht ganz ohne Vorbild, zwischen Erzählung und Dialog, zwischen Denken und Sagen. Die Kinder, der Hund und die Katze werden von den vier Personen mitgespielt oder der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen wie der Garten.

Die Konflikte spitzen sich wie in früheren Stücken zum Thema zu. „Das Problem sind nicht die Verwandten“, heißt es da, „das Problem sind die Kinder der Verwandten“. Als Zwischenspiel stolpert das Ensemble in Zeitlupe grotesk über die Bühne, während sich die Scheinwerfer senken.

Diese zeitgenössische Kontrafaktur des Sommernachtstraums drohte zum Boulevardstück abzusinken, wären da nicht die fabelhaften Schauspieler: Katharina Hauter, die Burkhard C. Kosminski aus Mannheim mitgebracht hat, Christiane Rossbach und Marco Massafra, die von Anfang an zu seinem Stuttgarter Team gehörten, und Rainer Galke, den er vom Burgtheater geholt hat, wo man mittlerweile wohl bereut, dass man ihn mit wenig attraktiven Rollen vergrault hat.

Regie führt Daniela Löffner, die hier bereits einen eindrucksvollen John Gabriel Borkmann inszeniert hat. Und einmal mehr besticht sie durch präzise Details anstelle oberflächlicher Effekte. Entstanden ist ein nicht alltäglicher Theaterabend, der es dem Publikum erlaubt, auf hohem Niveau zu lachen und hinreichend Anregung zum Nach-Denken zu erhalten, ohne Tiefsinn zu suchen, wo es ihn nicht gibt. Der versteckt sich in einem Seitenthema, das eher an König Lear denken lässt als an den Sommernachtstraum: das Thema des Erbens, des ohne eigene Leistung erworbenen Eigentums, das die Ideologie von der heilen Familie Lügen straft. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber angesichts der realen Verhältnisse darf das Theater daran erinnern.




Sommersonnenwende von Roland Schimmelpfennig - am Schauspiel Stuttgart
Foto (C) Toni Suter

Thomas Rothschild - 7. Juni 2026
ID 15892
SOMMERSONNENWENDE (Schauspiel Stuttgart, 06.06.2026)
von Roland Schimmelpfennig

Inszenierung: Daniela Löffner
Bühne: Claudia Kalinski
Kostüme: Katja Strohschneider
Komposition: Matthias Erhard
Licht: Ralf Strobel
Dramaturgie: Benjamin Große
Besetzung:
Isabel ... Katharina Hauter
Albert ... Rainer Galke
Victor ... Marco Massafra
Patrizia ... Christiane Roßbach
UA war am 6. Juni 2026.
Weitere Termine: 10., 16., 18.06./ 05., 15., 17.07.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


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