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Premierenkritik

6. Dezember 2013 - Schauspiel Köln

AMERIKA

nach dem Romanfragment von Franz Kafka


Premierenankündigung von Amerika am Schauspiel Köln | Bildquelle https://www.facebook.com/schauspielkoeln.fanseite



Vor dem roten Vorhang

Vor dem roten Vorhang geht es los, und vor dem roten Vorhang endet es. Moritz Sostmann hat für seine Bearbeitung von Franz Kafkas Romanfragment Amerika am Schauspiel Köln die Episode des Naturtheaters von Oklahoma als Ausgangspunkt genommen. Das verspricht allen Menschen Beschäftigung – auch Kafkas Hauptfigur Karl Roßmann. Nach einem eher formalen Einstieg – die Darsteller kommen in Anzug und Krawatte auf die Bühne, man hört sie zuerst, dann sieht man sie, sie begrüßen das Publikum mit den immer gleichen Worten – erzählt Sostmann die Geschichte stringent durch. Es beginnt also auf dem Schiff, mit dem der jungen Karl Roßmann, der von seinen Eltern nach Amerika geschickt wurde, in New York ankommt. Im Hintergrund wird passend dazu die Freiheitsstatue projiziert. Zu diesem Zeitpunkt ist der rote Vorhang entfernt worden, und der Zuschauer blickt auf einen in den Raum hineingebauten Boden mit Schachbrettmuster. Den Abschluss der Bühne bildet eine Konstruktion im Hintergrund, bestehend aus Projektionsfläche und einer Art durchgehender hüfthoher Mauer, auf der ebenfalls gespielt werden kann. Diese Konstruktion im Hintergrund sieht der Fassade der Interimspielstätte verdächtig ähnlich (Bühne: Klemens Kühn).

Wie schon in seiner Inszenierung Der gute Mensch von Sezuan bringt Sostmann Puppen und Schauspieler auf der Bühne zusammen. Waren es dort mehrere Figuren, die von Puppen „verkörpert“ wurden, so ist es hier nur Karl – den es dafür allerdings in mehrfacher Ausführung gibt und der sich zum Schluss in Miniaturgestalt vorbeugt. Er wird hauptsächlich von Magda Lena Schlott geführt, wandert aber auch immer wieder zwischen den anderen Schauspielern hin und her. Mit insgesamt vier Schauspielern ist der Abend eher klein besetzt. Jeder muss also mehrere Rollen spielen. Die Puppe Karl bleibt die einzige Konstante. Ansonsten werfen sich Schlott und ihre Kollegen Johannes Benecke, Bruno Cathomas und Philipp Plessmann mit Verve im wahrsten Sinne des Wortes in die Klamotte. In guten Momenten bleibt hier kein Auge trocken, etwa wenn Bruno Cathomas im schwarz-weiß-gestreiften Kleid die Oberköchin Grete Mitzelbach gibt oder sich später mit blauer Gymnastikanzugskombi und blonder Perücke als Opernsängerin Brunelda auf die Bühne tragen lässt.

Sostmann und sein Team betreiben viel Aufwand für vergleichsweise kurze Szenen: Da wird extra ein Beiboot auf die Bühne geschleppt, damit Karl und sein Onkel in New York anlanden können, in der Wohnung des Onkels wird eine kleine Wanne aufgebaut, Ledersessel in einer anderen Wohnung. Hier zeigt sich – ebenso wie in den Kostümen – viel Detailfreude, aber auch die Gefahr von Detailverliebtheit, zu großer Verspieltheit und letztendlich Leerlauf. Dieser Aufwand kulminiert, wenn kurz vor Ende erneut der rote Vorhang gehängt wird. Immer wieder treten die Ensemblemitglieder vor den Vorhang: im Ballettkostüm, als Pierrot, als Cowboy, im Barockkostüm usw. Aber irgendwie will das Ganze nicht zünden.

Spielfreude kann man dem Ensemble nicht absprechen, allerdings leidet der Abend sehr unter dem Raum. Die Akustik ist eine Katastrophe. Und inszenatorisch wirkt alles etwas bieder, unausgegoren. Der Abend gerät recht papiernen, episodenhaft, ziellos. Das mag auch der Romanvorlage geschuldet sein. Es fehlt der Drive, das Unerwartete, Überraschende. Sostmann setzt überwiegend auf überdrehte Komik. Das funktioniert über weite Strecken gut, wird im Laufe der Aufführung allerdings auch etwas ermüdend. Problematisch sind dagegen die ruhigen Szenen, in denen Karl von der neuen erstaunlichen Welt und den skurrilen Gestalten um sich herum überfahren wird. Dafür eine Puppe zu verwenden, ist klug. Aber in vielen Fällen wirken diese Szenen wie eine brave Nacherzählung, und Regisseur und Zuschauer sind freundliche Begleiter dieser Episoden.


Bewertung:    
Karoline Bendig - 8. Dezember 2013
ID 7438
AMERIKA (Depot 2, 06.12.2013)
Regie: Moritz Sostmann
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn
Puppen: Hagen Tilp
Musik: Philipp Plessmann
Video: Hannes Hesse
Licht: Hartmut Litzinger
Dramaturgie: Sibylle Dudek
Mit: Johannes Benecke, Bruno Cathomas, Philipp Plessmann und Magda Lena Schlott
Premiere war am 6. Dezember 2013
Weitere Termine: 8., 20., 23., 28. + 30. 12. 2013


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de


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