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nachDRUCK # 6

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Geburtstag

Peter Zadek 100



Buchcover zu NAHAUFNAHME Peter Zadek | (C) Alexander Verlag Berlin, 2007


Im Zeichen des Regietheaters wird das Mittelmaß infliationär in den Himmel gelobt. Es ist an der Zeit, anlässlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstags, an den deutschen Regisseur zu erinnern, der tatsächlich jeden Superlativ verdiente.

„Zadik“ heißt im Hebräischen „der Gerechte“, „Zadek“ im Tschechischen und im Polnischen „Hintern“, „Popo“ oder auf gut Deutsch „Arsch“. Ein Gerechter im Sinne eines über allem Zwist stehenden Richters war Peter Zadek nie. Aber jenen Körperteil, den schon Götz von Berlichingen vom Fenster aus dem kaiserlichen Hauptmann anbot, hat auch Peter Zadek – metaphorisch, versteht sich – all jenen entgegengehalten, die ihn spießig kritisierten. Peter Zadek war das enfant terrible des deutschen Theaters und der primus inter pares in der Gilde jener Regisseure, die diesem Theater im vergangenen Jahrhundert zu internationalem Ansehen verholfen haben. Elf Jahre älter als Peter Stein und Claus Peymann, aber zwölf Jahre jünger als George Tabori – dies sind die Namen, die man ohne Gefahr der Lächerlichkeit neben Peter Zadek nennen darf –, steht er unter den großen Theaterleuten ziemlich einsam für die Generation, die ihre Kindheit noch in der Vorkriegszeit verbracht hatte und im Erwachsenenalter war, als der Krieg zuende ging. Diese Markierung war für Peter Zadek und sein Denken von besonderer, prägender Bedeutung: Noch als Kind musste der 1926 in Berlin Geborene mit seinen Eltern Deutschland verlassen, weil er Jude war. Dass die Geschichte einen nicht loslässt, hat Peter Zadek – in dieser Hinsicht mit Tabori vergleichbar – ein Leben lang auf seine Art bewiesen. Es waren die Tabori und Zadek, die ihre Umgebung wiederholt schockierten, indem sie dem Leid, das ihnen und ihren Familien angetan worden war, nicht mit der verordneten Pietät, sondern mit Frechheit, ja mit sarkastischem Witz begegneten, den Hintern hinhielten, wo ein betroffenes Gesicht erwartet wurde. Das gehört sich nicht, und so mussten sich die Juden Tabori und Zadek von Christen sagen lassen, wie man um Juden zu trauern habe.

Die Jugendjahre in England haben Peter Zadek geprägt. Seine Sprechmelodie und Vokalfärbung behielten über all die Jahre, die seit seiner Rückkehr nach Deutschland vergangen waren, die Erinnerung an das Englische bei. Das Boulevardtheater des Londoner Westends war für Zadek nicht das Feindbild. So gescheit und durchdacht die meisten seiner Inszenierungen waren – blutleer waren sie nie. Zadek wollte auf der Bühne nicht Ideen, Theorien visualisieren, sondern saftiges, sinnliches Theater liefern, das selbst bei Texten von Shakespeare oder Tschechow auf Spaß im weitesten Sinn nicht verzichtet. Auch dies war englisch an ihm: ein unverkennbarer Zug zum Pragmatischen, eine Neigung zum common sense, die unter anderem eine Distanz zur Revolte von 1968 begründete, deren Auswirkungen auf kulturellem Gebiet Zadek durchaus zu schätzen wusste. Doch muss man bei solchen Aussagen vorsichtig sein. Zadek hatte nicht einen ein für allemal festgelegten Stil, und die Wandlungen im Lauf seiner Karriere haben manchen Kritiker irritiert.

Ein paar Meilensteine aus dieser Karriere seien genannt: Frühlings Erwachen und Maß für Maß am Bremer Theater, wo Zadek in den sechziger Jahren zeitgleich mit Peter Stein seine ersten großen Erfolge feiern konnte. Der Intendant Kurt Hübner kannte ihn bereits aus Ulm, wo Zadek 1961 mit dem Kaufmann von Venedig sein deutsches Debüt gab. Die Revue Kleiner Mann, was nun? nach Hans Fallada in Bochum. Othello am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Dann, 1983, überraschend zurückgenommen und texttreu, Baumeister Solness mit Barbara Sukowa und Hans-Michael Rehberg am Münchner Residenztheater. Mit Joshua Sobols Ghetto in Bochum verstieß Peter Zadek gegen den eingebürgerten antifaschistischen Code, in seinem dritten Kaufmann von Venedig am Burgtheater verwirrte er durch Gert Voss als einem ganz und gar unjüdischen Shylock. 1988 folgte eine turbulente Lulu in Hamburg, ehe Zadek erneut mit seinen reduktionistischen Tschechow-Inszenierungen frappierte, allen voran dem Iwanow am Akademietheater, dessen Frontalarrangement mittlerweile mehrfach – etwa in Jürgen Goschs bejubeltem Onkel Wanja – kopiert wurde. Mit Sarah Kanes Gesäubert an den Hamburger Kammerspielen kehrte Zadek zu seiner britischen Nostalgie zurück, mit Rosmersholm in Wien zu Ibsen, der ihn durch sein gesamtes Arbeitsleben hindurch begleitet hat. Seither reagierte die Kritik meist eher verhalten auf Zadeks Inszenierungen, sei es, weil die Erwartungen nach solchen Glanzstücken zu hoch gespannt waren, sei es, weil dem genialen Regisseur tatsächlich der Atem ausging.

Auch ein Genie muss nicht alles können. Als Theaterleiter, als der sich Zadek in Bochum und in Hamburg und mit vier Kollegen am Berliner Ensemble versucht hat, ist er gescheitert. In dieser Funktion hat keiner Claus Peymann erreicht. Auch Zadeks Versuche als Filmregisseur blieben zweitrangig. Seinen Ausflug ins Opernfach mit einem Stuttgarter Figaro hat er selbst als missglückt betrachtet – vielleicht zu Unrecht: die Inszenierung hatte in ihrer popig-originellen Interpretation im Bühnenbild von Johannes Grützke durchaus ihre Meriten.

Was macht einen wirklich großen Schauspieler aus? Vielleicht dies: dass er, selbst wenn er tragisch zu sein scheint, in seinem Spiel Brüche und sogar eine Ahnung von Komik erkennen lässt, oder weniger freundlich formuliert: einen Anflug von Wahnsinn. Öde wirken doch jene Schauspieler, die sich allzu ernst nehmen, bei denen stets eine Eitelkeit durchschimmert, die zum Pathos neigt und nicht selten von geringer Intelligenz zeugt. Intelligenz stellt selbstironische Distanz zur eigenen Person her und gestattet nicht eine Überschätzung des eigenen Tuns. Zadek hatte ein Gespür für Schauspieler dieses Typs, er liebte sie und hielt ihnen die Treue. Wie ja überhaupt gerade jene Regisseure, die als Exponenten des nachdrücklichen Regietheaters gelten, leidenschaftliche Verehrer ihrer Darsteller waren und sie oft über Jahrzehnte hinweg umwarben, wohl wissend, dass auch die beste und originellste Regie erst in der Verkörperung durch große Schauspieler zu sich kommt. Mit Peter Zadek sind unauflösbar die Namen solcher Ausnahmeschauspieler verknüpft wie Rosel Zech, Eva Mattes, Angela Winkler, Barbara Sukowa, Susanne Lothar, Hermann Lause, Gert Voss, Ulrich Tukur, Josef Bierbichler, Ulrich Mühe, Paulus Manker und allen voran der unvergessene Ulrich Wildgruber. Joachim Meyerhoff, neben Michael Maertens einer jener jüngeren Schauspieler, die gewiss nach Zadeks Geschmack waren, zitierte in einem Interview den großen Regisseur: „Peter Zadek hat gesagt, da, wo bei einem Schauspieler die Peinlichkeit anfängt, wird es erst interessant. Ich würde sagen: Nichts schlimmer als ein Schauspieler, dem nichts peinlich ist.“

Von Peter Zadeks Treue zeugt auch seine dauerhafte Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern wie Winfried Minks und Johannes Grützke sowie seine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Elisabeth Plessen, mit der er sich schon lange vor derem Tod im Jahr 2009 aus dem deutschen Trubel ins italienische Lucca zurückgezogen hatte.

Nach seiner letzten Inszenierung, George Bernard Shaws Major Barbara am Schauspielhaus Zürich mit Jutta Lampe in ihrer ebenfalls letzten Bühnenrolle, nahm Peter Zadek den Beifall, nein, die Huldigung des Ensembles und des Publikums schon deutlich geschwächt, am Stock auf die Bühne humpelnd, entgegen.

Heute, am 19. Mai 2026, wäre Peter Zadek 100 Jahre alt gewprden.
Thomas Rothschild - 19. Mai 2026
ID 15861
Weitere Infos siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Zadek


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