Das Bühnenbild allein ist noch kein Kriterium für bemerkenswertes Theater
DIE GLASMENAGERIE (Regie: Jaz Woodcock-Stewart) und FRÄULEIN ELSE (Regie: Leonie Böhm) beim Berliner Theatertreffen
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Ein nicht unerhebliches Entscheidungskriterium für die einladende THEATERTREFFEN-Jury dürfte in diesem Jahr wohl auch das Bühnenbild gewesen sein. Nur so lässt sich der Opulenzschinken Il Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa in der Regie von Pınar Karabulut erklären. Die Zürcher Inszenierung wird vermutlich auch nur deshalb im Gespräch bleiben. Ganz passend zum Auftakt des THEATERTREFFENs, das auch immer ein Defilee mit Sektglas des Who’s Who der deutschsprachigen Theaterwelt ist.
Das war auch wieder zur Aufführung des Tennessee-Williams-Klassiker Die Glasmenagerie erschienen. Nur das hier die Dinner-Tafel nach der Pause etwas kleiner ausfällt und vorher sogar im Stehen auf Vibrationsplatten gespeist werden muss. Eine andauernde Zitterpartie. Zumindest wird als Tischgebet mit "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" etwas Geistliches von Paul Gerhardt intoniert. Da hört man doch gleich Gottes Natur samt Nachtigall.
Die aus Basel eingeladene Inszenierung der britischen Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart ist aber ansonsten relativ unsentimental. Auch reichlich Staub wird aus dem gut 80 Jahre alten Familiendrama geschüttelt und gebrüllt. Die Sprache ist modern, und auch die Computerecke von Heimchen Laura Wingfield (Antoinette Ullrich) lässt die Verortung in der heutigen Zeit vermuten. Die schüchterne junge Frau leidet hier an einer Sozialphobie, wie sie nach Corona bei jungen Menschen nicht unüblich sein dürfte. Laura träumt von ihrem Ritter zu Pferd und masturbiert auf Vibrationsplatte zu einem Film mit Natalie Portman. Ansonsten sieht sie YouTube-Tutorials für Metal-Growling („I do not fear the darkness“) und springt auch zu passendem Death-Metal durch die karg möblierte Wohnung. Natürlich pflegt sie auch ihre kleine Menagerie aus Glaspferdchen, die sie liebevoll bemalt.
Da kommt einiges zusammen, was Mutter Amanda Wingfield (Hilke Altefrohne) zu erdulden hat. Nachdem Laura nicht mehr in die Wirtschaftsschule gehen will, bleibt nur die Verheiratung mit einem Verehrer. Nur das die nicht gerade Schlange stehen. Sohn Tom Wingfield (Jan Bluthardt) gibt wie im Original den Erzähler. Die Rahmung ist Wirtschaftskrise und Krieg in Europa. Das passt auch heute wieder gut. Die prekäre Familie ohne Vater, der am Anfang nur mal kurz mit Koffer durch die Szene geht, hält Tom mit einem ungeliebten Lagerhausjob über Wasser. Über einen seitlichen Steg läuft Bluthardt immer wieder die lang nach hinten ausladende Bühne (Rosie Elnile) ab. Ein Weg ohne wirkliches Ziel. Seine Abenteuerlust stillt Tom nachts im Kino und wehrt sich lautstark gegen die übergriffige Mutter, die ihre unerfüllten Träume auf die beiden jungen Leute projiziert.
Nach der Pause fährt eine nach hinten verglaste Zimmerbegrenzung herab und zum vorher schon auf die Bühne geschobenen Motorrad erscheint in passender Kluft der von Tom organisierte Verehrer Jim O’Connor (Julian Anatol Schneider), der sich als Lauras unerreichbarer Highschool-Schwarm entpuppt. Zum Dinner werden wieder die Vibrationsplatten angeschmissen, bis das Licht ausfällt, da Tom das Stromgeld für seine Flucht aus der Enge der familiären Behausung ausgegeben hat. Das Beben der Welt da draußen erschüttert die kleine Welt der Wingfields und macht auch nicht vor Lauras Glasmenagerie halt. Das ist die schmale Erkenntnis eines dreistündigen Abends, der viel über sein Bühnenbild vermitteln will, was nicht auch vom sicher großartigen Ensemble zu spielen wäre.
Bewertung:
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Die Glasmenagerie am Theater Basel | Foto (C) Lucia Hunziker
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Großartig sicher auch die Leistung von Schauspielerin Julia Riedler, die als Arthur Schnitzlers Fräulein Else aus Wien angereist ist. Für feministische Solonummern ist Regisseurin Leonie Böhm bekannt. 2020 schickte sie Maja Beckmann als Medea* allein auf die Bühne des Schauspielhaus Zürich. 2021 wurde sie damit ebenfalls zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Nun tingelt Riedler als Fräulein Else durch die Theater von München über Berlin bis Köln und verzaubert das Publikum mit einer 90minütigen Stand-up-Nummer. Für das THEATERTREFFEN wurde das Gastspiel in den Münchner Kammerspielen aufgezeichnet und ist wie Il Gatopardo auf der 3sat-Mediathek abrufbar. So lassen sich auch die verschiedenen Publikumsreaktionen im Vergleich zur Berliner Livedarbietung überprüfen. Jede Aufführung kann da durchaus anders verlaufen, auch wenn es ein vorbestimmtes Skript gibt, nachdem Julia Riedler das jeweilige Publikum zu Reaktionen und Mithilfe animiert.
Zur Erinnerung: In Schnitzlers Erzählung erhält die 19jährige Else in der italienischen Sommerfrische einen Expressbrief von daheim, in dem sie dazu aufgefordert wird, zur Begleichung einer Schuld des Vaters, den älteren Kunsthändler von Dorsday um 30.000 Gulden zu bitten. Von Dorsday verlangt als Gegenleistung, dass sich Else für 15 Minuten nackt vor ihm zeigt. In einem sich stets selbst kommentierenden Gedankenstrom ringt die junge Frau um eine Entscheidung und lässt schließlich verzweifelt vor der gesamten Abendgesellschaft des Hotels die Hüllen fallen. Ob der anschließend von Else auf dem Zimmer eingenommene Schlaftrunk zum Tod führt, lässt Schnitzler offen.
Das Konzept des Abends, das Publikum in die Entscheidung mit einzubeziehen, ist relativ geschickt umgesetzt. Für das Theater eigentlich ein Geschenk. Die Darstellerin der Else steigt aus dem intimen Gedankenkarussell aus und teilt das sie quälende Problem mit dem Publikum. Und das eben nicht als einfache szenische Umsetzung der Novelle, sondern als zum Teil direkte Befragung. Trotzdem bleibt dabei noch relativ viel Schnitzlertext übrig. Auch wenn sich dennoch eine vorherige Lektüre empfiehlt. Das Grundproblem dieses frühen Metoo-Falls ist aber auch ohne Kenntnis erfahrbar. Julia Riedler agiert zu Beginn direkt aus dem Saal heraus, baut so die Schranken zum Publikum ab. Dabei werden wie beifällig schon wichtige Begriffe und Attribute aus der Erzählung wie "Veronal", "Filou", "hübsche Person" oder die Bezeichnung Elses durch ihren Cousin Paul als "hochgemut" besprochen.
Schnitzlers 100 Jahre alte Novelle wird so auf Gegenwartstauglichkeit abgeklopft, ohne dass es für das Publikum belehrend wirken würde. Dass als Verfasser des Expressbriefs direkt der Vater genannt wird, verwundert etwas und ist auch von der Kritik bisher kommentarlos so übernommen worden. Natürlich agiert die Mutter hier im Auftrag des Vaters. Dass die Regie die Mitwirkung der Mutter herschenkt, ist nicht verwerflich, verdeckt allerdings das Systemische am Missbrauch der jungen Frau. Gerade heute dürfte das immer noch ein großes Problem sein. So nimmt in der Diskussion des Publikums der Solidargedanke auch großen Raum ein. Szenisch ist hier vor allem die übergriffige Begegnung mit von Dorsday von Belang, die Riedler auch ausführlich an einem herabhängenden Kronleuchter als einziges Bühnenrequisit (Belle Santos) durchspielt. Ansonsten wird viel mit dem Publikum gescherzt, vergeblich Geld gesammelt und nach anderen möglichen Auswegen gesucht.
Letztendlich ist Elses Entblößung vor Publikum bereits im Original eine Flucht nach vorn, die Riedler noch dadurch zur Selbstermächtigung potenziert, dass sie die Scham umdreht und von Dorsday seine Schuld eingestehen lässt. Ein utopischer Gedanke, der zwar in die richtige Richtung geht, das Publikum aber auch etwas mit sich und dem Abend versöhnen will. Wie anders geht da das momentan viel gespielte Monologstück Prima Facie von Suzie Miller mit dem Problem der Schuldhaftigkeit um. Obwohl wir mit Schnitzlers Fall heute noch immer nicht im justiziablen Bereich sind. Wie immer man die Sache bewerten will, Böhm und Riedlers Konzept geht durchweg auf und zeigt auch sonst, dass mit wenig Mitteln und einer mitreißenden Darstellung gutes Theater zu machen ist. Denn auch das beste Bühnenbild bleibt leeres Versprechen, wenn nicht ein echter Mensch am Kronleuchter hängt.
Bewertung:
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Stefan Bock - 8. Mai 2026 ID 15842
DIE GLASMENAGERIE (Haus der Berliner Festspiele, 04.05.2026)
Ein Spiel der Erinnerungen von Tennessee Williams
Inszenierung: Jaz Woodcock-Stewart
Bühne und Kostüme: Rosie Elnile
Sounddesign: Josh Grigg
Lichtdesign: Alex Fernandes
Dramaturgie: Inga Schonlau
Mit: Hilke Altefrohne (als Amanda Wingfield, die Mutter), Jan Bluthardt (als Tom Wingfield, ihr Sohn), Antoinette Ullrich (als Laura Wingfield, ihre Tochter), Julian Anatol Schneider (als Jim O’Connor, ein junger Mann) und Thomy Riedtmann
Premiere am Theater Basel: 30. Januar 2025
Gastspiel zum THEATERTREFFEN
FRÄULEIN ELSE (Berliner Ensemble, 06.05.2026)
frei nach Arthur Schnitzler
Konzept: Leonie Böhm und Julia Riedler
Regie: Leonie Böhm
Bühne und Kostüme: Belle Santos
Lichtdesign: Ines Wessely
Dramaturgie: Matthias Seier
Mit: Julia Riedler (als Else)
Premiere am Volkstheater Wien: 8. Februar 2025
Gastspiel zum THEATERTREFFEN
https://www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen/
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