Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Repertoire

Auch wer nicht

mitspielt, ist

beteiligt



Julia Riedler als Fräulein Else - an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) Armin Smailovic

Bewertung:    



Ach, die sitzt ja fast neben mir: Julia Riedler redet und spielt sich durch die Reihen. Ein „Küss ‘die Hand“ nach oben in den Rang, ein Selfie mit einem Zuschauer, und während sie munter plaudert, wird es schnell ernst: „Ich muss heute noch Veronal nehmen, endet oft als TikTok Challenge, bitte nicht nachmachen.“ Und schnell merkt man: Es geht uns alle an, das, was das verzweifelte Fräulein Else erlebt hat, die sich – vielleicht – das Leben nehmen wird. Julia Riedler sagt, sie war mit sexuellem Machtmissbrauch konfrontiert, wie anscheinend auch noch andere im Zuschauerraum. Wahrscheinlich nicht genauso wie Fräulein Else in der gleichnamigen Novelle von Arthur Schnitzler (1862-1931). Vor gut einhundert Jahren ist sie geschrieben worden, als innerer Monolog. Fräulein Else hat einen Brief ihres Vaters (im Original ihrer Mutter) erhalten mit der Bitte sich mit dem reichen Kunsthändler Dorsday zu treffen, um ihn um ein dringend benötigtes Darlehen von 30.000 Gulden zu bitten. Der Vater hatte – wieder einmal - Gelder veruntreut und steht - wieder einmal - kurz vor der Verhaftung. Eigentlich könnte der Vater ihn selbst fragen, aber: „Dich hat er ja immer besonders gerne gehabt.“ Er ahnt natürlich, dass seine Tochter da etwas mehr einsetzen muss, und der wird schon ganz schlecht: „Die Wange hat er mir gestreichelt, wie ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war. 'Schon ein ganzes Fräulein'.“

Aber als brave Tochter muss sie doch den Vater retten, oder? Man sieht Julia Riedler als Else gebannt zu, wie sie sich in dieser für sie schrecklich unangenehmen Situation windet: „Lächeln, lächeln. Geht schon. Warum sehe ich denn so flehend zu ihm auf? Ich will anders mit ihm reden und nicht lächeln. Ich muss mich würdiger benehmen.“ Dorsday weiß natürlich, dass „alles auf der Welt seinen Preis hat“ und will als Gegenleistung Else nackt sehen.

Julia Riedler legt eine tolle Performance hin zwischen Empörung, Niedergeschlagenheit, Aufbäumen und einen Ausweg suchen. Immer dabei: die Zuschauer und Zuschauerinnen. Einige plädieren dafür, den Vater ins Gefängnis zu schicken. Nicht immer glückt die Improvisation. Bei einer Sammelaktion, um das Geld herbeizuschaffen, verlangt Riedler sehr hartnäckig die Kreditkarte und den Pin eines Zuschauers. Dem vergeht sichtlich der Spaß, und sie findet nicht mehr so ganz raus. Aber das ist in jeder Vorstellung anders, man kann gespannt sein, was beim nächsten Mal passiert.

Regisseurin Leonie Böhm und Schauspielerin Julia Riedler haben diese Schnitzler-Adaption gemeinsam entwickelt. Ihre Fräulein Else hatte im vergangenen Jahr am Wiener Volkstheater Premiere und wurde seitdem mehrfach ausgezeichnet.

Sehr witzig zum Schluss Dorsdays Laberflash: (den es im Original natürlich nicht gibt):


„…wir leiden alle unter dem Patriarchat. Bitte glaub mir das. Ja, natürlich profitiere ich in meiner Situation von diesem System. Aber so eine angstfreie, gleichberechtigte Begegnung auf Augenhöhe kann ich dadurch auch nicht erleben. Und die wünsch' ich mir genauso wie du.“


Klingt fast so wie misshandelnde Eltern, die sagen: „Die Schläge tun mir doch am meisten weh.“

Nicht nur die vielen #MeToo-Fälle der vergangenen Zeit zeigen, wie aktuell das Stück ist. Und wie wichtig es ist, Machtmissbrauch zu sehen und ihn zu benennen. Im besten Fall entsteht dann so ein Gemeinschaftsgefühl, wie es im Zuschauerraum der Kammerspiele zu erleben war. Standing Ovations!



Fräulein Else - an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Armin Smailovic

Isabella Schmid – 13. April 2026
ID 15799
FRÄULEIN ELSE (Münchner Kammerspiele, 12.04.2026)
frei nach Arthur Schnitzler - von Leonie Böhm und Julia Riedler

Regie: Leonie Böhm
Bühne & Kostüm: Belle Santos
Lichtdesign: Ines Wessely
Dramaturgie: Matthias Seier
Mit: Juia Riedler
Münchner Premiere: 2. April 2026
Weitere Termine: 25.04./ 05., 10., 18.07.2026
Eine Produktion des Volkstheater Wien


https://www.muenchner-kammerspiele.de


Post an Isabella Schmid

Freie Szene

Neue Stücke

Premieren (an Staats- und Stadttheatern)



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

RUHRTRIENNALE

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)