Überbordend
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David Soares als Nurejew beim Staatsballett Berlin | Foto (Detail): Carlos Quezada
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Bewertung:
Der seit vier Jahren in Berlin lebende russische Regisseur Kirill Serebrennikov (56) stand bereits 2017, als die um ein halbes Jahr verschobene Premiere seines Biopic-Balletts Nurejew (Choreografie: Yuri Possokhov) am Moskauer Bolschoi-Theater stattfand, unter Hausarrest; er wurde wegen angeblicher Veruntreuung verurteilt und durfte daher seine Wohnung nicht verlassen, weswegen er seine bis da begonnenen Arbeiten quasi "aus der Ferne" fortführte [siehe auch seine 2018er Hamburger Nabucco-Inszenierung]. Nachdem seine Verurteilung Anfang 2022 behördlich aufgehoben wurde, konnte er Russland (lt. ChatCBT "mit gültigen Papieren und ohne Umgehung von Kontrollen") offiziell verlassen...
Und trotz dass in seiner damaligen Nurejew-Inszenierung mit solchen für die durch Putins nationalistischer und v.a. antiwestlicher Ideologie indoktrinierte Öffentlichkeit völlig unakzeptierbaren Themen wie Homosexualität, künstlerische Freiheit oder sowjetischer Repressionismus gespielt wurde, konnte die Produktion stattfinden, obgleich einiges - auch durch vorsichtige Selbstzensur Serebrennikovs - sozusagen angepasst worden war. Bis 2023 wurde Nurejew in Moskau aufgeführt, war immer ausverkauft und zählte zu den beim Publikum beliebtesten Ballett-Produktionen im Bolschoi; erst mit Inkrafttreten der neuen LGBTQ-Gesetzgebung wurde die Produktion, diesmal "aus politischen Gründen", endgültig abgesetzt.
Jetzt ist sie 1:1 vom STAATSBALLETT BERLIN übernommen worden und seit ihrer Deutschland-Premiere am 21. März auf der Breitwandbühne der Deutschen Oper Berlin zu sehen; alle Vorstellungen bis zum Ende der Saison waren/ sind ausverkauft.
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Ich konnte voriges Jahr das Nijinsky-Ballett von John Neumeier, was seit einem Vierteljahrhundert im Repertoire des Hamburger Balletts anhaltend erfolgreich verankert ist, live an der Alster erleben; es war umwerfend - und es hatte (könnte man jetzt meinen) eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was sich Serebrennikov & Possokhov mit ihrer Art und Weise biografisches Ballett zu machen, zu tun. Auch hier, im Nurejew, werden Lebensstationen der Titelfigur nach und nach "abgearbeitet", allerdings mit noch umfassenderer Hinzutuung von schauspielernder Statisterie und musikalischen Verlautbarungen durch kostümiertem Chor (Vokalconsort Berlin), drei Gesangssolisten (Stephanie Wake-Edwards, Joel Allison, Edu Rojas) und einem enbenso nicht nur musizierenden sondern zusätzlich schauspielernden Soloharfenisten (Joel von Lerber!!), alle und alles live auf der Bühne; und als Rahmenhandlung wird es dramaturgisch zusammengehalten von Odin Lund Biron, der als Auktionator von Sotheby's die zig materiellen Hinterlassenschaften des am 6. Januar 1993 verstorbenen Startänzers meistbietend unter die Leute bringt... Während Nijinsky also rein durch Tanz überzeugte, uferte es im Nurejew darstellendermaßen völlig aus; ich wusste oft nicht, wohin ich zuerst schauen sollte, immer war die Gefahr vorhanden, irgendwas Szenisches, das man gerade nicht im Auge hatte, zu verpassen, es war definitiv ein absolutes Zuviel an Gutem.
Peinlich und stellenweise auch absolut grauenhaft, mit welcher unverhohlenen Dreistigkeit der Komponist Ilya Demutsky originale "Klassik-Hits" (das Adagietto aus Mahlers Fünfter oder die Ouvertüre aus dem Te deum von Lully à la Der König tanzt) für seine kitschigen Be- und Verarbeitungen vereinnahmte; das Orchester der Deutschen Oper Berlin spielte all das filmmusikhaft Aufgedonnerte und gleichsamm allzu Seichte unter der tapferen Leitung von Dominic Limburg.
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Nurejew mit dem Staatsballett Berlin| Foto: Carlos Quezada
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Getanzt wurde natürlich auch, und zwar vom Allerfeinsten:
David Soares brillierte als Nurejew.
Marina Duarte war mit ihm in einem traumhaft schönen Pas de deux aus der szenisch nachempfunden Giselle zu sehen.
Polina Semionova gastierte in einer streng wirkenden Stipvisite als sog. Diva (gemeint war die mit Nurejew schicksalhaft verbundene Weggefährtin Natalia Makarova).
Martin ten Kortenaar hatte einen überzeugenden Soloauftritt als Erik (= Erik Bruhn, einer der nicht nur tänzerischen Partner und Gegenpole Nurejews).
Und dann das gesamte Corps de ballet!!!
Alles in allem scheint es ein irgendwie gesamtkunstwerkiges Spektakel gewesen zu sein, freilich mit größtmöglicher und ungemein suggestiver Ausstrahlung auf sein Publikum.
Zumindest sehenswert.
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Andre Sokolowski - 9. April 2026 ID 15792
NUREJEW (Deutsche Oper Berlin, 06.04.2026)
Choreographie: Yuri Possokhov
Inszenierung und Libretto: Kirill Serebrennikov
Musik: Ilya Demutsky
Bühne: Kirill Serebrennikov
Bühnenbild-Assistenz: Olga Pavluk
Kostüme: Elena Zaytseva
Video: Ilya Shagalov
Licht: Daniil Moskovich
Einstudierung (Tanz): Dana Genshaft, Tiit Helimets und Yannick Sempey
Einstudierung (Regie): Evgeny Kulagin und Ivan Estegneev
Besetzung:
Nurejew ... David Soares
Der Schüler ... Anthony Tette
Die Diva ... Polina Semionova
Die Ballerina ... Marina Duarte
Erik ... Martin ten Kortenaar
Margot ... Iana Salenko
Corps de ballet des Staatsballetts Berlin
Odin Lund Biron, Schauspiel
Stephanie Wake-Edwards, Mezzosopran
Joel Allison, Bariton
Edu Rojas, Countertenor
Joel von Lerber, Harfe
Vocalconsofrt Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Dirigent: Dominic Limburg
UA am Bolschoi-Theater in Moskau war 2017.
Berliner Premiere war am 21. März 2026.
Weitere Termine: 12., 18., 24., 26.04.2026// 23., 26., 30.04./ 03., 07., 12., 15., 17.05.2027
Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsballett-berlin.de
https://www.andre-sokolowski.de
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