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nachDRUCK # 6

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Wie der Vater,

so der Sohn?



Wer hat meinen Vater umgebracht nach Édouard Louis am Schauspiel Frankfurt | Foto (C) Felix Grünschloß

Bewertung:    



Die Akteure schlagen auf Wände ein. Eine Dynamik voller Wut wird laut. Nahe Angehörige konfrontieren einander oder wenden sich sogar missbilligend ab. Ein harter, unnahbarer Vater (Uwe Zerwer) möchte seinem Sohn (Torsten Flassig) auf proletarische Weise jegliche Art von Unmännlichkeit austreiben. Traditionelle Männlichkeit scheint das höchste Gut. Doch der Sohn ist schwul, und die Eltern verachten Homosexuelle. Der Vater, der mit 14 Jahren die Schule verließ, um Fabrikarbeiter in der metallverarbeitenden Industrie zu werden, habe auch weiche Seiten, so die Mutter (Manja Kuhl). Ungläubig hört der Sohn zu, wenn die Mutter Vergleiche zwischen ihm und seinem Vater zieht.

Die Zuschauerreihen werden zunächst nicht abgedunkelt (Licht: Frank Kraus). Alle drei Darsteller sitzen während der Performance wenigstens zeitweise in der ersten Reihe des Publikums. Meterhohe rechteckige Lichtleisten deuten Raumebenen an. Erst tritt der Sohn auf die sparsam mit einem Rollstuhl und einer Bar im Hintergrund ausgestattete Bühne von Oliver Helf. Er lauscht, verzückt tänzelnd, einem französischen Pop-Chanson von Céline Dion (Musik: Thomas Osterhoff). Später tritt der Vater auf die Bühne, er schaltet den Kassettenrecorder ein und singt bei den Melodien der Kanadierin sogar laut mit. Hier deutet sich eine Nähe zueinander und eine Ähnlichkeit im Geschmack an. Die Akteure wechseln sich während der vorgetragenen Texte ab, während sie ihren Blick oft direkt auf das Publikum richten.


Édouard Louis (33) wurde mit seinem wütenden und verzweifelten Debüt über seine Diskriminierung als schwuler Jugendlicher, Das Ende von Eddy, weltweit bekannt. Er schrieb hier autofiktional darüber, wie er in der Schule, der Familie und der Dorfgesellschaft wegen eines effeminierten Auftretens verhöhnt, abgewertet, ausgegrenzt und tyrannisiert wurde. Die Hauptfiguren in seinem Werk waren bereits hier seine nahen Angehörigen, wie die Eltern und Geschwister. Seine Kindheit war geprägt von Armut, Gewalt, Krankheit und Alkoholismus.

Auch die folgenden Romane (z.B. Im Herzen der Gewalt) verarbeiteten autobiographische Erlebnisse, hier eine erlittene Vergewaltigung. Ähnlich wie die Landesgenossen Annie Ernaux (Literaturnobelpreisträgerin von 2022) und der prominente Soziologe Didier Eribon thematisiert er literarisch nicht nur Diskriminierungserfahrungen, sondern auch seinen Aufstieg aus dem französischen Arbeitermilieu.

In dem 2019 von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne inszenierten Kurztext von Édouard Louis - Wer hat meinen Vater umgebracht - spielte der Autor höchstselbst mit...



In Lisa Nielebocks Frankfurter Adaption des Textes sind neben dem Sohn auch Vater, Mutter und ein Cousin anwesend. Mit Letztgenanntem entdeckt der Sohn seine Sexualität. In den Kammerspielen erzeugt eine experimentierfreudige, facettenreiche Interaktion der drei Akteure unter Einbezug des Publikums Spannung.

Eingangs fragt Torsten Flassig, der Édouard Louis verkörpert, ob jemand im Saal die amerikanische Theoretikerin Ruth Gilmore kenne. Dann greift er sich die Buchvorlage und teilt die Überzeugung mit, dass soziale und politische Unterdrückung, etwa von Minderheiten, einen verfrühten Tod begünstigen.

Es wird deutlich, dass patriarchale Unterdrückung und heteronormative Gewalt einander bedingen und reproduzieren. Wir erfahren von den Akteuren, dass der Vater selbst unter einem gewalttätigen und alkoholabhängigen Vater und einer Kindheit in Armut litt. Sein Vater war stolz darauf, sich nicht den Regeln, wie der disziplinierenden Schule, zu unterwerfen und Widerstand gegen verkörperte Autorität zu leisten.

Es werden zeitlich durcheinander verschiedene Stationen aus dem Leben des Vaters wiedergegeben. Neben eigenen Eindrücken des Vaters gibt dabei insbesondere Manja Kuhl in der Rolle der Mutter Erinnerungen an ihren Mann wieder. Das tastende und stolpernde Erinnern changiert spannungsvoll.

2018 kann der Vater mit Anfang fünfzig fast nicht mehr gehen. Er benötigt nach einem nicht näher beschriebenen Arbeitsunfall, bei dem seine Wirbelsäule schwer verletzt oder zerschmettert wurde, nachts Geräte, um Luft zu bekommen. Er keucht, leidet unter Diabetes und erhöhtem Cholesterin, hat chronische Schmerzen und Angst vor einem Herzstillstand. Erinnerungen an die eigene Verletzlichkeit und Schwäche kommen hoch.

Die sehr persönliche Zeitgeschichte ist stets auch mit Emotionen wie etwa Scham verbunden, die die Akteure in Worte fassen. Von der Mutter erfährt der Sohn, dass sein Vater als junger Mann Parfüm auftrug und leidenschaftlich tanzte. Wir sehen auf der Bühne mehrfach den Sohn in bewegenden Szenen schwelgerisch und innig tanzen (Choreografie: Esther Murdock), einmal mit einem voluminösen Reifrock und einmal zärtlich mit einer Gitarre als Partner. Später trägt die Mutter diesen Reifrock (Kostüme: Sofia Dorazio Brockhausen). Sie emanzipiert sich von ihrem Mann.

Letztlich kreist die Aufführung, welche die Textvorlage stark kondensiert, recht hellsichtig um die Komplexe Beschämung, Familie und soziale Brutalität in einer homophoben Gesellschaft. Der Autor Édouard Louis positioniert sich politisch, wenn er unter anderem auch eine Kluft zwischen Besitzenden und Mittellosen problematisiert. Denn obwohl der Titel der Kurztextes und der Aufführung, im Original: Qui a tué mon père, einen Tod suggeriert, ist dies im übertragenen Sinne als Anklage gegen das politische System und die soziale Gewalt zu verstehen, die einen Vater körperlich und seelisch zerstört haben. Der Vater von Édouard Louis, Jacky Bellegueule, lebt zum aktuellen Zeitpunkt wohl noch. Am Ende stehen neben einem Gestus der Trauer aufgrund unterdrückender patriarchaler und heteronormativer Gesellschaftsstrukturen auch versöhnliche Töne. Die Figuren begreifen, dass Gefühle zu zeigen nichts Unmännliches sein muss. Der Sohn gesteht, dass er an seinen Vater zuletzt stets vor allem mit Liebe gedacht habe.



Wer hat meinen Vater umgebracht am Schauspiel Frankfurt | Foto (C) Felix Grünschloß

Ansgar Skoda - 6. Januar 2026
ID 15636
WER HAT MEINEN VATER UMGEBRACHT (Kammerspiele, 02.01.2026)
nach Édouard Louis

Regie: Lisa Nielebock
Bühne: Oliver Helf
Kostüme: Sofia Dorazio Brockhausen
Musik: Thomas Osterhoff
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt
Licht: Frank Kraus
Choreografie: Esther Murdock
Mit: Torsten Flassig, Manja Kuhl und Uwe Zerwer
Premiere am Schauspiel Frankfurt: 15. November 2024
Weitere Termine: 09.01./ 07.02.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspielfrankfurt.de


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