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nachDRUCK # 2

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Romankritik

Eine lange Reihe

von Niederlagen

gegen sich

selbst



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Feiern wir unseren Stolz? Die USA legalisierte jüngst in allen 50 Bundesstaaten die gleichgeschlechtliche Ehe, Irland tat dies bereits im Mai. Wenig später launchte das weltweit meistgenutzte soziale Netzwerk Facebook ein so genanntes Celebrate Pride-Tool. Hiermit können alle Nutzer einen Rainbow-Filter über das eigene Profilbild legen - als Solidaritätsbekundung mit den Bemühungen der LGBT-Bewegung für gleiche Rechte in der Ehegesetzgebung. Doch aller oberflächlichen Solidarität im Zeichen des Regenbogens zum Trotz: Hass schlägt vielen Homosexuellen auch heute noch entgegen. In der Türkei wurde jüngst eine CSD-Demo gegen Homophobie von der Polizei unter Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas verhindert. Auch in Frankreich, wo die so genannte Homo-Ehe bereits im Jahre 2013 legalisiert wurde, sieht die Realität persönlicher Schicksale oft anders aus. 2014 erhielt der junge Franzose Édouard Louis für Das Ende von Eddy (im Original: En finir avec Eddy Belleguele) den Pierre-Guenin-Preis gegen Homophobie. Sein Debütroman wird in Frankreich als Überraschungsbestseller gefeiert.

Louis, 1992 als Eddy Belleguele geboren, beschreibt in seinem autobiographischen Roman aus der Ich-Perspektive eine schlimme und leidvolle Kindheit und Jugend im Subproletariat in einem Dorf in der Picardie. Das Elternhaus ist zugig und feucht. Die Väter sind oft Alkoholiker, die Mütter leiden unter ihren Männern und den zu zahlreichen Kindern. Es wird für den schüchternen Heranwachsenden zu einem schweren Kampf in einem von Perspektivlosigkeit und klar verteilten Geschlechterrollen geprägten Arbeitermilieu zu bestehen. Eddys Stimme bewegt sich in femininen Tonlagen und er läuft und gestikuliert anders als die übrigen Jungen.

In der Schule erregt bereits Eddys Nachname „Belleguele“, der im Französischen „Schönmaul“ bedeutet, Aufmerksamkeit. Früh wird er als „schwul“ gehänselt und als „Schwuchtel“ verprügelt. Gleich einleitend wird beschrieben, wie Eddy regelmäßig von zwei Mitschülern brutal drangsaliert, in den Bauch getreten, bespuckt und angerotzt wird. Diese Rotze darf er dann später vor ihren Augen auflecken. Eddy sieht kein Entkommen vor der wiederkehrenden Gewalt, da er von seinen harten, ungeduldigen Eltern und seinen feigen, überforderten Lehrern keine Unterstützung erwarten kann. Er fügt sich und wird zum Komplizen der ihm angetanen Gewalt, weil er Angst vor Schlimmeren hat. Gewöhnt daran, der Unterlegene zu sein, verzweifelt er trotzdem zunehmend in dieser Rolle:


„Der große Rothaarige und der Kleine mit dem krummen Rücken verpassen mir einen letzten Stoß. Unvermittelt gehen sie weg. Sofort reden sie über etwas anderes. Alltägliche, banale Sätze – und diese Feststellung kränkte mich: Ich zählte in ihrem Leben weniger als sie in meinem. Dabei galten meine sämtlichen Gedanken, meine sämtlichen Ängste ihnen, gleich morgens beim Aufwachen. Ihre Fähigkeit, mich zu vergessen, beleidigte mich.“ (Édouard Louis, Das Ende von Eddy, S. 37)


Es rührt an, wenn Eddy wiederholt probiert, sich seiner auch emotional armen Umgebung anzupassen und beispielsweise zweimal mit einer Alibi-Freundin anzubändeln versucht. Authentisch beschrieben ist auch, wie Eddy radikale Homophobie als Ablehnung der eigenen homosexuellen Neigungen reproduziert und sich seiner Umgebung dadurch anpasst:


„Nach dieser Nacht, die mir drastischer als alles zuvor bewiesen hatte, dass ich unfähig war, eine Frau zu begehren, interessierte ich mich stärker für Fußball als bislang. Ich verfolgte die Partien im Fernsehen und lernte die Namen der Spieler der Nationalmannschaft auswendig. Außerdem schaute ich Catchen im Fernsehen, wie mein Vater und meine Brüder. Und ich legte einen immer heftigeren Hass gegen Homosexuelle an den Tag, um jeden Verdacht von mir abzulenken.“ (S. 184)


Das Ende von Eddy wartet mit überraschenden Wendungen auf, wenn Eddy etwa tatsächlich heimlich Sex mit gleichaltrigen Jungen in einem Holzschuppen hat – beim Spielen von „Mann und Frau“. Gelungene Tonalität wie das Einflechten von Proleten-Jargon und subtile und feine Charakterbilder und Beobachtungen zeichnen den kurzweiligen und spannenden Roman aus. Bleibt zu hoffen, dass mehr Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten mit dem Erfolg des Romans auch die dörflichen Regionen Frankreichs erreichen möge.
Ansgar Skoda - 7. Juli 2015
ID 8752
Édouard Louis | Das Ende von Eddy
206 S., Hardcover
EUR 18,99
S. Fischer Verlag, 2015
ISBN 978-3-10-002277-6


Weitere Infos siehe auch: http://www.fischerverlage.de/buch/das_ende_von_eddy/9783100022776


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http://www.ansgar-skoda.de



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