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Mentalitäten und Männlichkeitswahn



Édouard Louis in Wer hat meinen Vater umgebracht an der Schaubühne Berlin | Foto © Jean-Louis Fernandez

Bewertung:    



„Du entschuldigtest dich. Von dir Entschuldigungen zu hören, das ist neu, daran muss ich mich erst gewöhnen.“


Ein Sohn denkt über seine Gefühle und emotionale Nähe zum Vater nach.

Edouard Louis wurde mit seinem Debüt über seine Diskriminierung als schwuler Jugendlicher, Das Ende von Eddy, weltweit bekannt. Auch die folgenden Romane, u.a. Im Herzen der Gewalt verarbeiteten autobiographische Erlebnisse, hier eine erlittene Vergewaltigung. Ähnlich wie die Landesgenossen Annie Erneaux (Literaturnobelpreisträgerin von 2022) und der prominente Soziologe Didier Eribon thematisiert der Shootingstar literarisch nicht nur Diskriminierungserfahrungen, sondern auch seinen Aufstieg aus dem französischen Arbeitermilieu.

Im Globe der Berliner Schaubühne präsentierte der heute 31-Jährige, erstmals selbst als Akteur auf der Bühne, sein Werk Wer hat meinen Vater umgebracht, einen Kurztext, in dem er der problematischen Beziehung zu seinem Vater nachgeht:


„Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden.“


Thomas Ostermeier realisierte hierfür eine Performance, bei der Louis auf französisch mit deutschen und englischen Übertiteln zum Publikum hin monologisiert, während auf einer Großbildleinwand im Bühnenhintergrund stimmungsvoll bewegte Bilder etwa von Straßenläufen oder fallenden Regentropfen projiziert werden (Video: Sébastien Dupouey, Marie Sanchez).

Bereits zu Anfang dominiert ein anklagender Gestus: Mit Bezug auf die amerikanische Theoretikerin Ruth Gilmore teilt Louis seine Überzeugung mit, dass soziale und politische Unterdrückung etwa von Minderheiten einen verfrühten Tod begünstigen. Louis behauptet, sein Vater sei von der Welt auf Abstand gehalten worden und erklärt:


„Du hattest kein Geld, du hast keine Ausbildung machen können, keine Reise unternehmen, keine Träume verwirklichen können. Um dein Leben zu beschreiben, stehen nur Negationen zur Verfügung.“ (S. 30)


Louis spricht als Sohn über seinen Vater. Er richtet dabei seine Stimme zu einem links platzierten Sessel hin, auf dem ein Tuch liegt. Es soll Louis’ Vater symbolisieren. Wir erfahren, dass eine Annäherung schwer fällt. Louis erzählt verschiedene zeitlich durcheinander und nicht chronologisch wiedergegebene Stationen aus dem Leben seines Vaters. Neben eigenen Eindrücken des Vaters gibt Louis dabei auch Erinnerungen unter anderem seiner Mutter vom Vater wieder.

2018 kann der Vater mit Anfang fünfzig fast nicht mehr gehen. Er benötigt nach einem nicht näher beschriebenen Arbeitsunfall, bei der seine Wirbelsäule schwer verletzt oder zerschmettert wurde, nachts Geräte, um Luft zu bekommen, ohne dass das Herz stehenbleibt. Er keucht, leidet unter Diabetes und erhöhtem Cholesterin und hat Angst vor einem Herzstillstand.

Die sehr persönliche Zeitgeschichte ist stets auch mit Emotionen wie etwa Scham verbunden, die Louis in Worte fasst. Von der Mutter erfährt Louis, dass sein Vater als junger Mann Parfüm auftrug und leidenschaftlich tanzte.

Wenn Louis sich auf der Bühne exaltiert, theatralisch und affektiert zu den zwischen seinen Monologen laut eingespielten Songs „Barbie Girl“ von Aqua, „Baby one more time“ von Britney Spears oder „My heart will go on“ von Céline Dion tänzerisch und lippensynchron bewegt, weiß er, dass sein Vater betreten bewusst wegschauen wird. Er versucht seinen Vater hier zu konfrontieren, da er unter der innerfamiliären Ablehnung aufgrund seines als effeminiert eingeordneten Auftretens litt. Sein Vater bedauert die Art seines Sohnes etwa in der Dorfkneipe; seine Mutter konfrontiert Louis direkt, was zu weiteren Verletzungen führt.

In der Aufführung erklärt Louis, dass sein Vater selbst unter einem gewalttätigen und alkoholabhängigen Vater und einer Kindheit in Armut litt. Sein Vater war stolz darauf, sich nicht den Regeln wie der disziplinierenden Schule zu unterwerfen und Widerstand gegen verkörperte Autorität zu leisten. Am Ende der etwa neunzigminütigen Performance drückt Louis eine allgemeine Politikverdrossenheit aus und formuliert einen recht konfusen Revolutionsgedanken.

Seine Anklagen gegen den französischen Präsidenten Emanuel Macron und dessen Vorgänger, François Hollande, Nicolas Sarkozy oder Jacques Chirac wirken vermessen und arg polemisch. Louis’ Werfen von Knallfröschen auf deren Fotos, die er zuvor im angedeutetem Rächer-Kostüm auf eine Wäscheleine hängte, erscheint gegen Ende naiv, hilflos und trashig.

Einer bemängelten Kluft zwischen Besitzenden und Mittellosen wird mit derartiger Larmoyanz nicht beizukommen sein. Oder möchte Louis sich und seine Familie hier tatsächlich auf einen Opferstatus festlegen. Er erklärt mit Blick auf seinen Vater:


„Du warst ebenso das Opfer der Gewalt, die du ausübtest, wie derjenigen, der du ausgesetzt warst.“


Letztlich kreist die Aufführung, welche die Textvorlage stark kondensiert, wenigstens passagenweise recht hellsichtig um die Komplexe Beschämung, Familie und soziale Brutalität in einer homophoben Gesellschaft.



Édouard Louis in Wer hat meinen Vater umgebracht an der Schaubühne Berlin | Foto © Jean-Louis Fernandez

Ansgar Skoda - 30. Mai 2024 (2)
ID 14774
QUI A TUÉ MON PÈRE (Globe, 29.05.2024)
WER HAT MEINEN VATER UMGEBRACHT

Regie: Thomas Ostermeier
Video: Sébastien Dupouey und Marie Sanchez
Bühne: Nina Wetzel
Kostüme: Caroline Tavernier
Musik: Sylvain Jacques
Dramaturgie: Florian Borchmeyer und Elisa Leroy
Produktion: Elisa Leroy und Anne Arnz
Licht: Erich Schneider
Mit: Édouard Louis
Premiere am Théâtre de la Ville: 9. September 2020
Berliner Premiere war am 7. Oktober 2021.
Weitere Termine: 30.05./ 01.06.2024
Koproduktion mit dem Théâtre de la Ville Paris


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


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