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TANZ IM AUGUST 2026

Ballet national de Marseille

Après moi, le déluge


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Das 2013 von Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel gegründete Künstlerinnen- und Künstlerkollektiv (LA)HORDE ist derzeit in Europa mit einer Tanzperformance unterwegs, die es mit dem Ballet national de Marseille [alle Namen s.u.] erarbeitete und den Titel Après moi, le déluge (dt.: "Nach mir die Sintflut") trägt. Der Ausspruch - angeblich hatte ihn Madame de Pompadour, die Mätresse von Louis XV, verlauten lassen, um den König nach dessen verlorener Schlacht bei Roßbach 1757 gut- oder besserlaunig zu stimmen - hat sich längst zu einer umgangssprachlichen Floskel entwickelt und vermag letztendlich eigentlich nicht mehr und nicht weniger zum Ausdruck zu bringen als ein "Scheiß egal", wenn alles, wie es immer so schön heißt, den Bach 'runtergeht.

Etwas ernster gemeint, könnte man auch auf einen überwiegend hilflosen Ausdruck gegenüber wie auch immer gearteten dystopischen Auffälligkeiten inmitten unserer Gesellschaft schließen; und sicherlich war das dann auch der hauptgedankliche Aspekt von (LA)HORDE...


"...um gemeinsam die inneren und gesellschaftlichen Monster der Gegenwart zu besiegen. Zwölf Tänzer*innen des Ballet national de Marseille, welches das Kollektiv seit 2019 leitet, verkörpern die widersprüchlichen Kräfte unserer Zeit. Après moi, le déluge verbindet Hyperrealismus, Poesie und Groteske und führt (LA)HORDEs Forschung zum Tanz als Mittel zur Überwindung auferlegter Narrative fort. Das Ergebnis ist eine Choreografie im Zeichen einer Revolte, die explosionsartig die Fundamente der alten Welt erschüttert." (Quelle: tanzimaugust.de)

*

Vorab: Das Imposanteste und so (von mir) noch nie in dieser Überwältigung Geesehene war zweifelsohne die spektakuläre Bühneninstallation, die Julien Peissel entwarf und unter der Leitung von Hervé Cherblanc bühnenbautechnisch beherrscht werden musste; und sie offenbarte sich uns Zuschauenden analog der von (LA)HORDE konstruierten "Handlung" bzw. zusammengestotterten Handlungsfetzen, und zwar so:

Es begann freundlich und ausgelassen, das Dutzend jugendlicher Tänzerinnen und Tänzer war mit seiner Performance soweit fertig und nahm den Schlussapplaus eines auf den Bühnenhintergrund gebeamten Zuschauersaales dankend entgegen - der Saal leerte sich dann allerdings nach und nach, noch während sich die Truppe das x-te Mal verbeugte, und immer aggressiver werdende Nebengeräusche und flackernde Lichter ließen nichts Gutes erahnen, kurzum: Es gab (wahrscheinlich) einen terroristischen Anschlag, und die Truppe wurde in Geiselhaft genommen und unterhalb des durch eine Explosion geöffneten Bühnenbodens verschleppt und dort gedemütigt und misshandelt - die überdimensionale Platte des Bühnenbodens hob dementsprechend an und wurde schließlich hochgeseilt - noch weiter unten eröffnete sich plötzlich eine Art von Hexenküche, also mit einem wassergefüllten Pool, in dem sich drei "untote Gestalten" am Leichnam einer der jugendlichen Tänzerinnen zu schaffen machten; vielleicht wollten sie ihn fressen oder so, das war nicht eindeutig zu entschlüsseln; hinzu gesellten sich zwei rothaarige Zwillingsschwestern mit ihren bis in die Kniekehlen wallenden Perrücken und erweckten die bis dahin für tot Geglaubte zu neuem Leben - dann senkte sich die Bühnenbodenplatte halbwegs wieder nach unten, und die Truppe schien wiedervereint zu sein und verausgabte sich zu einer endlosschleifigen Gruppen-Trance - und zum Finale hin hob sich die Bühnenbodenplatte erneut, und es regnete unablässig auf den früheren Hexenküchenpool, und menschenähnliche Mutanten (mit Fuchs- und Katzernschwänzen oder Elefantenbeinen, die anstelle eines der Oberarme herauswuchsen) umschlichen ihn...

Ein heilloses Durcheinander an dystopiegeschwängerten Einfällen.

Und nichts von dem berührte mich.



Après moi, le déluge mit dem Ballet national de Marseille | (C) Gael.le Astier-Perret


* *

Ich fasse zusammen: Bühne 5 K, Performance 2 K, macht fünf minus zwei gleich drei (3 K); mehr war diesmal nicht drin.

Andre Sokolowski - 21. August 2026
ID 15993
Après moi, le déluge (Haus der Berliner Festspiele, 20.08.2026)
Konzept & Regie: LA(HORDE) – Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel
Von & mit: Nina Auerbach, Isaïa Badaoui, Alida Bergakker, Arno Brys, Isla Clarke, Pierpaolo Cosentino, Titouan Crozier, João De Castro Franca, Nathan Gombert, Jonatan Myhre Jørgensen, Yoshiko Kinoshita, Dana Pajarillaga, Kevin Pajarillaga, Aya Sato, Gabriella Sibeko, Eden Solomon, Elena Valls Garcia, Luca Völkel, Layne Paradis Willis und Lung Ssu Yen (Wechselnde Besetzung)
Choreografie: (LA)HORDE in Zusammenarbeit mit den Tänzer*innen und den Probenleiter*innen des Ballet national de Marseille
Bühne: (LA)HORDE und Julien Peissel
Bühnenbautechnik: Hervé Cherblanc
Komposition: Pierre Aviat
Licht: Eric Wurtz
Kostüme: Salomé Poloudenny & (LA)HORDE
Produktion Ballet national de Marseille
Gastspiel bei TANZ IM AUGUST


Weitere Infos siehe auch: https://www.tanzimaugust.de


https://www.andre-sokolowski.de

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