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Neuinszenierung

Spooky Paradise

An der Volksbühne schickt Philippe Quesne eine Schar nicht totzukriegender Musik-Clowns in die staubige Manege

Bewertung:    



Mit Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen eröffnete der 2024 verstorbene Dramatiker und Regisseur René Pollesch 2021 seine leider nur recht kurze Intendanz an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Zentrales Thema dieses Stücks mit Kathrin Angerer und Martin Wuttke (und anderen) war der Zirkus als wahrhaftige Kunstform im Gegensatz zum bürgerlichen Repräsentationstheater. Natürlich wird auch im Zirkus viel mit Illusion gearbeitet. Der Zirkuskünstler bleibt dabei aber immer er selbst, die Inszenierung einer realen Person. Das war das Faszinosum für den Theatermacher Pollesch.

Nun hat sich der französiche Theatermacher und bildende Künstler Philippe Quesne [zuletzt in Berlin mit seinem Le Paradoxe de John gastierend] für seine erste Arbeit an der Berliner Volksbühne ebenfalls den Zirkus als Thema für einen seiner fantastisch verspielten Theaterabende zwischen Performance und bildender Kunst ausgesucht. Wieder mit dabei in Spooky Paradise sind Kathrin Angerer und Martin Wuttke. Außerdem Rosa Lembeck, Marie Rosa Tietjen und Sir Henry aus dem Volksbühnenensemble sowie die langjährigen Quesne-Performer Jean-Charles Dumay und Sébastien Jacobs.

Der Abend dürfte auch leicht von Fellinis halb dokumentarischem Film Die Clowns (1970) inspiriert sein, obwohl als Referenz Fellinis ebenfalls halb dokumentarischer Film Intervista angegeben wird. Zum einen die semifiktive Reportage über einen aussterbenden Künstlerberuf, zum anderen Fellinis Erinnerungen und künstlerische Reflexionen. Eine Hommage ans Kino und Filmemachen. Hier in der Volksbühne ist der besagte Vorhang längst gefallen. Wir erleben eine Schar abgehalfterter Zirkuskünstler, die in karger, staubiger Landschaft umherirren, wie nach dem längst erfolgten Abbau des Zirkuszelts. Dichter Nebel dringt von der Bühne in den Saal. Die Truppe zieht an einem Seil einen Schaufelradbagger auf die Bühne. Dieser entpuppt sich auf der Drehbühne aber schließlich als Pappkulisse, hinter der Plastikstühle gestapelt sind. Viel lässt sich damit also nicht anfangen. Dafür wird dann noch ein Kleinbus hereingezogen, auf dessen Dach eine aufblasbare Spinne geschnallt ist. Viele andere Utensilien und Requisiten werden herangetragen. Im Orchestergraben befinden sich ein Schlagzeug, ein Flügel und andere Musikinstrumente, die auch immer wieder bedient werden.

Textlich läuft da noch nicht viel. Hörbar ist zunächst nur wiederholt der Clowns-Prolog aus Heiner Müllers Stück Philoktet:


„Damen und Herren, aus der heutigen Zeit
Führt unser Spiel in die Vergangenheit … Sie sind gewarnt
Sie haben nichts zu lachen
Bei dem, was wir jetzt miteinander machen.“



Ganz so ernst ist das allerdings nicht gemeint. Der Abend arbeitet sich vor allem ironisch, melancholisch bis klamaukig am Niedergang einer einst so großen Kunstform ab, an der sich auch viele Dichter und Theatermacher begeisterten. Daraus ergibt sich dann auch das Textgerüst des Stücks. Aber zunächst wird erstmal Clown Augusto zu Grabe getragen. Sein Geist lebt dann natürlich weiter in der munter vor sich hin blödelnden Schar Unverzagter, die am Spooky Paradise basteln, wie Marie Rosa Tietjen, die den an der großen Reklameschrifttafel fehlenden Buchstaben A wieder an und zum Leuchten bringen will, sich dabei allerdings einige Stromschläge für die „Schönheit“ einhandelt.

Als alternder Musik-Rock-Clown wird Martin Wuttke an die Rampe geschoben, bekommt eine Zigarette in den Mund und gesteckt und eine Gitarre umgehängt. Es erklingt ein wenig Tex-Mex-Rock und anderer Sound. Hier glänzt vor allem Volksbühnenurgestein Sir Henry an den Tasteninstrumenten. Die Truppe ist aber auch eine Filmcrew, die, mit Kamera und Tonangel bewaffnet, wie Fellini einen Film über die illustre Zirkusfamilie drehen will, was etwas ungelenk immer wieder für komische Momente sorgt. Die Geschichten der einzelnen Familienmitglieder entpuppen sich u.a. als poetische Reflexion von Jean Genet über den Seiltanz oder Franz Kafkas Zirkuserzählung Auf der Galerie. Ein wenig „Zaubergesang“ von Goethe wird rezitiert und ellenlang Antonin Artauds Abhandlungen über das Übersinnliche über die Rampe geschoben. Das ermüdet zuweilen doch etwas.

Wirklich metaphysisch wird es an diesem etwas zu langgeratenen Abend im Nebel allerdings auch nicht. Dafür erleben wir einen B-Movie-Dreh mit einer riesigen aufblasbaren schwarzen Tarantel, bei dem sich Rosa Lembeck mehrfach fressen lasen muss. Später will sie zum Kings-Klassiker Death of a Clown das erschlaffende Monster mit Herzdruckmassage wiederbeleben. Dass sich so auch dieser Abend kaum wirklich zum Leben erwecken lässt, ist wohl auch Teil des Konzepts. Etwas traurig erklingt noch Daniel Johnstons Circus Man. Ein wenig Fernweh zum Abschied. Aber der Tod ist ein erfundener Zustand, weiß Martin Wuttke mit den Worten Artauds. Im Juni darf er zusammen mit Lilith Stangenberg und Kunst-Clown Jonathan Meese als Jack Londons Alaska Kid auf Goldsuche gehen. Ab Herbst muss dann Matthias Lilienthal die Zukunft der nicht tot zu kriegenden Volksbühne gestalten.



Spooky Paradise in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz | Foto (C) Martin Argyroglo

Stefan Bock - 6. Mai 2026
ID 15835
SPOOKY PARADISE (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 03.05.2026)
Konzept, Regie & Bühne: Philippe Quesne
Künstlerische Mitarbeit: Élodie Dauguet
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Florian Brückner
Dramaturgie: Lili Hering und Johanna Höhmann
Mit: Kathrin Angerer, Jean-Charles Dumay, Sébastien Jacobs, Rosa Lembeck, Sir Henry, Marie Rosa Tietjen und Martin Wuttke
Premiere war am 30. April 2026.
Weitere Termine: 29.05./ 04.06.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin


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